Parcours der Versuche - Denis Türmer - E-Book

Parcours der Versuche E-Book

Denis Türmer

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Beschreibung

In Denis Türmer's Buch geht es um die Schwierigkeit, das richtige Leben zu finden. Viele Hindernisse sind zu überwinden, an denen oftmals die Versuche, Ziele, Vorstellungen oder Träume zu verwirklichen, scheitern. Im ersten Teil erlebt der alternde Protanonist die Herausforderungen seines Daseins als Single, im zweiten als frisch liiert, teils real, teils hintergründig. Die Stärke dieses Buches liegt in seiner authentischen Schreibweise, die keine durchgängige Geschichte erzählt, sondern das vielfältige Leben und Probleme in Ausschnitten beleuchtet.

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Autor

Seine größten Erfolge feierte der 1947 in Hamburg geborene Autor anlässlich der Geburten seiner Kinder und seines Abiturs auf der Abendschule. Nach Abbruch seines Jurastudiums war er alleinerziehender Vater, arbeitete in der Hamburger Verwaltung und veröffentlichte einige Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften. Mittlerweile ist er Rentner und beabsichtigt, es noch lange zu bleiben.

Für Tina und meine Familie

Es zeugte von seiner Sentimentalität, dass er sich angesichts des Tors, durch das er als Schüler vor bald fünfzig Jahren tagein, tagaus gegangen war und vor dem er jetzt erstmalig wieder stand, jene Zeit in seine Erinnerung zurückrief. Eine Schwere senkte sich dabei auf ihn, ließ ihn sich müde und alt fühlen.

„Na, mein klein Ulf, Mammi hat dich aber fein gemacht. Tolle Schuhe! Sind die neu, die Koreawaldbrandaustreter?“ Da waren sie wieder die Stimmen und Gesichter von damals: Werner, John, Gitte, Wolfgang, Marianne, Kirsten und wie sie alle hießen, jung, gesund, ausgelassen, immer auf Spaß aus. Bald fünfzig Jahre war das her. Seine Klasse, damals. Was mochte aus ihnen geworden sein? Vielleicht lebten einige schon nicht mehr. Nun stand er hier, allein. Das vertraute Gefühl von Einsamkeit und Vergänglichkeit beschlich ihn, und die nicht neue Erkenntnis, dass das Leben eine Folge einzigartiger, unwiederbringlicher Augenblicke war, ließ ihn tief seufzen.

Und was war aus ihm geworden? Viel hatte er nicht vorzuweisen weder beruflich noch privat. Als Erfolg betrachtete er, das Alter von neunundfünfzig Jahren erreicht zu haben und bei vergleichsweise guter Gesundheit weiterhin unter den Lebenden zu weilen, sich durchgeschlagen zu haben durch das Gestrüpp der Welt, niemandem zur Last gefallen zu sein und nach Lage der Dinge auch weiterhin nicht zu fallen. Ansonsten war nicht viel Berühmtes von ihm zu vermelden: drei Ehen, drei Scheidungen, drei Kinder, Sachbearbeiter der Gehaltsklasse 5 b BAT bei der Ausländerbehörde, unkündbar durch Zeitablauf. Rentenansprüche! Inzwischen gehörte er bereits zum erlauchten Kreis der rentennahen Personen. Dieser neue Status erfüllte ihn mit Freude.

Von seinen anderen Aktivitäten, seiner Gedankenarbeit um den Zustand der Welt und seinen schriftlichen Bemühungen durch all die Jahre, wusste niemand etwas. Er hatte niemandem davon erzählt, denn viel anderes, als ein Kopfschmerz, der ihm immer Grenzen setzte, war dabei nicht herausgekommen. Warum ihn dieses Negativergebnis bis heute nicht von seiner Schreibarbeit hatte abbringen können, das wusste nur er.

Sinnend stand er vor dem farbbeschmierten Tor. Diese Schule hatte ihm einst die Tür zu einer neuen Entwicklung geöffnet. Nach neun Jahren Volksschule und einer Aufnahmeprüfung, die er zur Überraschung aller bestanden hatte, war er an diese Schule, eine Handelsschule, gekommen mit Lehrern, die ihn siezten (Ulf, übersetzen Sie bitte diesen Satz), die ansprechbar und freundlich waren. Nicht zu vergleichen mit den allmächtigen Respektpersonen zuvor, in deren Nähe sich alles in ihm zusammen gezogen hatte. An dieser Schule war vieles anders gewesen, allein der Weg dorthin per Bahn zusammen mit den Berufstätigen gab ihm ein ganz neues Gefühl.

Ein von niemand erwarteter Schub hatte etwas in ihm in Bewegung gesetzt. Zum Erstaunen aller und auch zu seinem eigenen hatte er zu lesen angefangen. Sein erstes Buch „Das vergessene Dorf“ hatte ihn bis spät in die Nacht nicht losgelassen. Es folgten Tolstoi und Dostojewski.

Es hatte auch eine Mitschülerin, Gitte mit Namen, gegeben, von der alle schwärmten, auch er, zu der ihm aber trotz gewisser Signale, am Ende seine Schüchternheit den Weg verstellte. Nichtsdestotrotz schärfte sich in dieser Zeit sein Blick für das andere Geschlecht, genauer, sein Interesse dafür überstieg das zum Schulstoff um ein Vielfaches, praktisch vernachlässigte er seinetwegen alles andere. Für den erfolgreichen Abschluss dieser Schule reichte es noch, aber auf dem weiterführenden Wirtschaftsgymnasium war nach zwei Jahren für ihn Schluss gewesen. Er hatte sich durch sein problematisches Verhältnis zum anderen Geschlecht und eine ungesunde Lebensweise irgendwie selbst verloren und Jahre gebraucht, um sich wieder zu finden. Dass er einmal in unmittelbarer Nähe seiner Schule arbeiten würde, empfand er in diesem Augenblick wie eine Rückkehr nach einer langen Reise.

Er wandte sich dem gegenüberliegenden Rathaus zu, der Stätte seines künftigen, beruflichen Wirkens. Ein alter, renovierter, makellos weiß gestrichener Bau, einem Schloss ähnlich, dem seine klassische Architektur und nicht zuletzt eine vor dem Portal stehende, bronzene Reiterstatue auf einem über vier Meter hohen Sockel, wahrscheinlich aus der wilhelminischen Zeit, möglicherweise Kaiser Wilhelm selbst (er nahm sich vor, das noch zu eruieren) einen herrschaftlichen Ausdruck verlieh. Hinten war zu jeder Seite des Sockels eine wenig bekleidete, sitzende, männliche Figur postiert. An der Frontseite, in der Mitte, stand, die Blicke mehr auf sich ziehend als Kaiser Willhelm, eine dritte, ein martialischer Geselle mit emporgereckter Faust und einem Schwert in der anderen Hand, mit einem losen Tuch über den Lenden, das bei der geringsten Bewegung seines Körpers oder einem Luftzug den Blick fraglos auf sein edelstes Körperteil freigegeben hätte, das so jedoch, metallen, wie der ganze Bursche nun einmal war, der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen blieb. Auf seinem Helm saß ein lurchenartiges, beflügeltes Tier. Und zu seinen Füßen, links und rechts, hockten zwei bekleidete, weibliche Wesen, die sich vor seinen Beinen, etwas unterhalb seiner Knie, die Hände reichten. Er fragte sich, welche Bedeutung diesem Zierrat zukam.

Im Gegensatz zu der zubetonierten, asphaltierten, von Bürotürmen besetzten Örtlichkeit seiner bisherigen Arbeitsstelle vor der Dezentralisierung der Ausländerbehörde, fühlte er sich hier wohl. Es machte ihn richtig glücklich, in diesen, seinem Wohnort am nächsten gelegenen Bezirk versetzt worden zu sein. Dieser Stadtteil war ihm vertraut, hier kannte er sich aus. Er war durchzogen von vielen kleinen und engen Straßen mit normal dimensionierten, vielfach älteren Häusern. Es gab Geschäfte, große und kleine, und dort, wo er bald arbeiten würde, auch Bäume, die schon zu seiner Schulzeit dort gestanden hatten. Aber das Wichtigste für ihn war die Nähe seines neuen Arbeitsplatzes zu seinem Wohnort. Er konnte die Strecke mit seinem Fahrrad fahren, elf Kilometer auf einem Wanderweg direkt an der Elbe entlang. Diese Aussicht war für ihn ein wirklicher Lichtblick in seinem beruflichen Alltag.

Es hatte aufgehört zu nieseln, der Wind fühlte sich dadurch noch wärmer an. Er öffnete seinen Anorak und ging denselben Weg, wie früher, zurück zum Bahnhof.

Da hatte sie ihn erwischt. Unvermittelt, mitten in der Zubereitung seiner Pommes Frites, ohne dass sie beabsichtigte, ihn nach möglichen Wünschen zu fragen (mit Ketchup oder Mayo?), von ihr aus gesehen grundlos, hatte sie sich zu ihm umgedreht und sah ihn kühl an. Da nutzte es auch nichts, dass er in Sekundenbruchteilen seinen Blick von ihrem Hinterteil wandte und mit der unbeteiligsten aller Mienen sein Portemonnaie aus der Hosentasche hervorkramte. Er hatte auf ihren Hintern gestarrt, und sie hatte es bemerkt. Es geschah nicht zum ersten Mal, dass jemand, den er wegen einer Besonderheit heimlich betrachtete, plötzlich seinem Blick begegnete. Offenbar fühlte sie sich aufgrund eines sensiblen Köperbewusstseins leicht beobachtet und hatte eine Empfindlichkeit gegenüber Blicken entwickelt, die ihr telepatische Fähigkeiten verlieh. Eben dieses Phänomen. Zu allem Überfluss wurde er auch noch rot. Sichtbare Gefühlsregung. Das erleichterte die Situation in keiner Weise.

Was starrte er auch mit seinen neunundfünfzig Jahren einer jungen Schnellimbissangestellten auf den Hintern? Zunächst, bei seiner Bestellung, hatte er ihr ins Gesicht gesehen, das auffallend ebenmäßig war mit Zügen, die ihrem Mienenspiel zusammen mit dem gewinnenden Ausdruck ihrer Augen Intelligenz und eine klassische Note vermittelten, so dass er dieses Gesicht einer Studentin, die hier einen Nebenjob machte, zugeschrieben hätte. Umso mehr setzte ihn ihr Hinterteil in Erstaunen, dessen er ansichtig wurde, als sie sich umwandte, um seine Bestellung zu erledigen, stand es doch in keinem Verhältnis zu ihrem Gesicht, dieses glich dem eines Engels, ihr Hinterteil jedoch einem Traktor.

Die uniforme Kleidung: braune Cap, braune Weste, darunter eine türkis/blau gestreifte Bluse und braune Hose, mit der die Angestellten dieser Schnellimbisskette, Männer wie Frauen, ausstaffiert waren, tat ein übriges, um sie nicht gerade vorteilhaft aussehen zu lassen. Zum einen zeugte die Zusammenstellung an sich nicht gerade von Geschmack, zum anderen schien sie meistens nicht zu passen, schlotterte oder schnürte an manchen Partien. In diesem Fall war es nur eine Frage der Zeit, wann der Stoff nicht mehr standhielt. Ein Rock oder auch eine Hose mit einem großzügigen, über die Hüften reichenden Oberteil hätte sicherlich bessere Dienste getan, jedenfalls wäre er dann nicht in diese peinliche Situation geraten. Er nahm seinen Burger und sah zu, dass er außer Sichtweite kam.

Er fand, Frauen waren komplizierte und anspruchsvolle Wesen. Seinen Erfahrungen zufolge verlangten sie ständig Aufmerksamkeit und Bestätigung. Unterschritten diese ein gewisses Maß, kam leicht Sand ins Getriebe der Beziehung. Sein Problem war, dass außer der Partnerin auch Andere und Anderes viel Raum in seinem Kopf einnahnahmen. Er hatte Kinder und Freunde und ganz eigene Interessen und Anliegen, die seine Aufmerksamkeit beanspruchten, seine Gefühls- und Gedankenwelt splitteten und änderten. Nicht zuletzt aufgrund seines Alters und seiner Lebensumstände mangelte es ihm wohl an der einseitigen Ausrichtung seiner Gefühle, so wie früher, um diesen Ansprüchen zuverlässig gerecht zu werden. Er musste nicht mehr ständig Schmetterlinge im Bauch haben, aber den Frauen schien es wichtig zu sein, wollten umgarnt und erobert werden.

Nach seinem Eindruck schätzten Frauen im allgemeinen eher unkomplizierte Männer, die nicht zuviel Probleme hatten, vor allem nicht mit sich selbst, nicht zu grüblerisch waren und durch Zweifel wankelmütig, die vielmehr über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügten, über Verstand und Witz, gern auch über ein gutes oder jedenfalls markantes Aussehen. Und besonders wichtig, sie mussten erklärlich sein, in dem Sinne, dass sie eine Linie hatten, durch die sie sich zuordnen ließen, sie neben ihrem Äußeren eben zu Max, Moritz, Phillip und Marcel machte, der Grund also, aus dem die Wahl auf sie gefallen war. Wenig zu melden hatten Männer, aus denen nicht schlau zu werden war, sie vermittelten keine Sicherheit, und das war exakt das, was Frauen nicht suchten.

Was ihn betraf, so konnte er sich nicht vorstellen, dass eine Frau sich damit abfinden würde, ihn nicht zu verstehen, oder ihn verstand und sich nicht an seinem widersprüchlichen Verhalten störte, wenn er etwas anderes tat, als er sagte oder dachte. Eine Unart, die er selbst verurteilte und die für manche Kompliziertheit verantwortlich war. Ein Zusammenleben, in dem er nicht auch für sich sein konnte, war für ihn jedenfalls nicht denkbar. Er musste sich, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben, zurückziehen können in Räume, in denen er allein war mit sich und der Welt. Wenn diese Voraussetzung in Schieflage kam, wenn die Konturen seines Wollens und Nichtwollens aus Rücksichtnahme in einem Nebel zu verschwimmen begannen, wurde er nervös.

Seine Gefühle zu Frauen und Liebe hatten sich geändert. Früher hatten sie ihn überwältigt, ihn beherrscht. - Frauen. Er seufzte tief. - Liebe! Was für ein Wort. Für alle Gelegenheiten, pauschal und abgegriffen, früher das Wort der Worte, Synonym für Sinn des Lebens, heute eine platte Worthülse, peinlich sein Gebrauch.

Er suchte noch oder besser, wieder, aber er war dabei ganz ruhig. Er war sich der Probleme, die eine Beziehung in der Regel mit sich brachte, im Gegensatz zu früher, sehr bewusst, Probleme die er nicht mehr wollte. Eigentlich ging es ihm, so wie es war, sehr gut, eigentlich wusste er nicht, was ihn wieder trieb.

Frauen, Beziehungen! Ein Buch mit sieben Siegeln war dieses Kapitel für ihn von Anbeginn gewesen. Es hatte so angefangen, dass ihm die Pubertät ein nicht gerade ausgeprägtes Selbstbewusstsein eingebracht, sein ohnehin zurückhaltendes Wesen eher verstärkt hatte. In bezug auf Mädchen und Frauen hatte es zur Folge, dass er sich im Umgang mit ihnen schwer tat, sich fragte, was an ihm Anziehendes sei. Er konnte nichts finden. Zudem war die Konkurrenz groß. Er fand sich langweilig und überhaupt nicht schlagfertig, wenn er verglich. Seinen idealistischen Gefühlen und Vorstellungen tat es indes keinen Abbruch, denn seinem gefühlten Anderssein zum Trotz, oder gerade deshalb, hielt er sich für etwas ganz Besonderes, zu dem es seiner festen Überzeugung nach irgendwo auf der Welt eine Entsprechung gab, die Eine. Möglicherweise überstiegen sie gerade deshalb das übliche Maß. Damals hatte ihn der Gedanke an SIE beherrscht, hatte er sich wieder und wieder das Leben mit IHR ausgemalt, dem noch gesichtslosen weiblichen Wesen, dem er irgendwann begegnen würde. Es waren keine sexuellen Gelüste bei diesen Gedanken und Träumen gewesen.

Die meldeten sich zwischendurch, dann und wann, lauerten ihm auf, Wegelagerern gleich. In der ersten Zeit seiner Kontakte zum anderen Geschlecht hatten ihn seine Gefühle immer bis an die Grenzen des mit dem Alltag Vereinbaren aufgewühlt. Aber seiner Erwählten zu nahe zu treten, ihr seine verborgene, ins Tierreich gehende Seite zu zeigen, die sich in sein Leben gedrängt hatte, die ihn mit sich entzweite und die zu verbergen ihm nichts wichtiger war, sich auszuziehen und ihr sein Geschlechtsteil zu zeigen, war eine Vorstellung, die sich ihm von vornherein verschloss. Dafür war „Sie“ nicht da. Wenn es um Erotik ging, hatte er immer die Bilder der Magazine vor Augen gehabt, jener Frauen, die seine Fantasien, derer er sich schämte, die aber nötig waren, beflügelten. Kaum, dass es in jenen Jahren zu mehr, als zum Händchenhalten gekommen war. Es hatte schon einige Zeit gedauert, bis sich seine ursprüngliche Einstellung geändert, bis er gelernt hatte, dass nicht nur diese Frauen, sondern Frauen an sich, jedenfalls die meisten, nach einer gewissen Zeit verliebten Zusammenseins nichts dagegen hatten, wenn man ihnen zu nahe trat, ab einem bestimmten Punkt jede Zurückhaltung ablegte, bis er entdeckte, dass auch sie zu diesem Rausch fähig waren und ihn wollten, bis auch SIE seine Fantasie beflügelte, bis sein Frauenbild ein anderes geworden war. Trotzdem setzte sich dieses Problem später auf anderer Ebene fort, hielt ihn bis heute in einem Zwiespalt gefangen. Eben diese beiden Pole in ihm: das Liebevoll-Fürsorgliche und das genaue Gegenteil davon, das ihn nicht viel von einem Tier unterschied, aber um Kinder zu haben, nötig war. Immer, wenn ihm seine Partnerin sehr vertraut geworden war, und nach der Geburt seiner Kinder, hatte er es mit dem Problem zu tun, beides unter einen Hut zu bringen, das hieß, in der Regel ließ das zweite zugunsten des ersten nach. Und wie den Magazinen zu entnehmen war, war gerade dieses Problem oftmals verantwortlich für das Scheitern von Beziehungen.

Er fand, dass diese Angelegenheit nicht gut geregelt war.

Er trat hinaus. Februar, Sonntagnachmittag, fünfzehn Uhr. Geschlossene Wolkendecke beigegrau, kein Regen, kein Wind, nicht kalt, nicht warm, das Licht neutral, nicht besonders hell, nicht dunkel. Der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen kaum spürbar. Und nun?Er hatte nichts Bestimmtes vor. An ihm vorbei schlenderten Leute von Schaufenster zu Schaufenster, familien- oder paarweise, eingehakt oder auch nicht, mit Schirm, ohne Schirm, mit Hund, ohne Hund. Boutiquen, Optiker, Banken, Apotheken, Bäckereien, Reisebüros, Immobilienmakler, bis auf den Bäcker alle geschlossen. Jemand kratzte mit einem Schraubenzieher das Moos zwischen den Gehwegplatten heraus. Gedankenverloren trollte er durch die Straßen, Gesichter tauchten auf und verschwanden. Die Menschen, die Straßen, die Geschäfte, die Häuser, der Himmel, alles zerfloss zu einem indifferenten Ganzen. Er fand sich vor einem Schaufenster eines Kaffeegeschäfts wieder, dessen Auslagen in Sideboards, Tabletttischen, Multifunktionsregalen, Duftkerzen, Garderobenständern bestanden. Dann stand er vor einer Damenboutique und betrachtete die in teures Tuch gekleideten Schaufensterpuppen, suchte nach einem Ausdruck in ihren Gesichtern.

Da war sie wieder, diese lähmende Müdigkeit, die vom Kopf herab in seine Beine kroch, dass ihn schon der Gedanke ans Gehen erschöpfte.

Mit einem Ruck wandte er sich um. Zu Hause angekommen, sprang er in seine Joggingschuhe. Was das Laufen betraf, war er ein alter Hase. Er hatte es vor Jahren für sich entdeckt, als er verzweifelt gewesen war. Er war damals einfach losgelaufen, raus aus der Wohnung, mitten hinein in die Verzweiflung, sie zertrampelnd mit seinen Schritten, bis er nicht mehr konnte. Seither lief er regelmäßig, zwei- oder dreimal wöchentlich, immer drei große Runden durch den Park, gut zwanzig Minuten jedes Mal. Das Laufen war nicht immer gleich. Je nach körperlicher Verfassung und Witterung beanspruchte es ihn mal mehr, mal weniger. Am besten war trockene, klare Luft. Sie machte ihm das Laufen leicht, ließ das Zusammenspiel von Lunge, Herz und Muskeln problemlos funktionieren. Anders feuchte, oder gar feuchtkalte Luft, sie machte ihn kurzatmig, was eine schlechte Sauerstoffversorgung bedeutete und schwere Beine. Der Trägheit der Masse nicht nachzugeben, gelang ihm dann manchmal nur unter Qualen. Schweißtriefend, fix und fertig aber mit einem guten Gefühl kam er anschließend wieder zu Hause an.

In bewährter Art und Weise ging es zunächst die Anhöhe hinauf, wie immer langsam, er kannte die Folgen eines zu schnellen Beginns. Am Gosslerhaus vorbei und bergab, entlang einer großen Wiese linkerhand, die den Kindern im Winter und auch ihm früher als Rodelbahn diente, geradeaus die nun wieder leicht ansteigende Strecke, eine scharfe Kurve nach links, auf der anderen Seite der Wiese den leicht abfallenden Weg in die entgegengesetzte Richtung. Doch was war das? War er zu schnell? Das Laufen fiel ihm schwer, die Beine wollten nicht, wie er. Er keuchte auf diesem angenehmen Teil der Strecke. Am zu schnellen Tempo konnte es nicht liegen. Das Wetter, die Luft! Es war kein Tag zum Laufen. Er musste sich zwingen, nicht anzuhalten, obwohl er schon sehr langsam lief. Jetzt wieder links herum, das lange ebene Stück parallel zur wie immer stark befahrenen Landstraße. Kein Gedanke heute an einen Wettlauf mit den im Stau schleichenden Autos. Diese Autos. Wohin sollte das führen? Die Menge aller Autos, der Flugzeuge, der Schiffe, der Kraftwerke, der Fabriken. Gigantische Mengen Öl. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Meere, Ozeane. Das Klima, die Pole. Überschwemmungen, Erdbeben, Millionen Obdachlose. So viele Menschen. Der Wunsch eines jeden, gut zu leben. Glücksache zu welchem Teil du gehörst. Für Unsereinen mag es ja noch reichen, wenn die Berechnungen stimmten. Aber dann? - Die Kinder! Verkörperung des Vertrauens, Schutzbefohlene, Verratene. - Etwas Tun. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Wie wahr! Auto abschaffen! Fahrrad fahren? Aber die Arbeitslosen! Rückgang der Entwicklung? Schwäche? Vakuum? Homo homini lupus. Genügend Beispiele in der Geschichte. Die Menschen, die Welt, zerbrechlich, unvollkommen, vergänglich. Laufen, laufen. Schau, die Bäume, diese wunderbaren stummen Riesen, das Gras, der Weg, die Blätter auf dem Boden, der Geruch, das Licht, die Luft. Du ein Teil von allem. Wieder links herum, ein Stück bergauf, bergab, zurück zum Ausgangspunkt. Da war er wieder. Leichter nun das Laufen. Betriebstemperatur erreicht. Noch zwei Runden.

Der Schweiß rann, er rann aus allen Poren. Dieses Gefühl, es wieder geschafft zu haben, stehen bleiben zu können, strapazierte Muskeln nicht länger zu strapazieren, eine beanspruchte Lunge nicht länger zu beanspruchen. Dieses Behagen nun, das an die Stelle des Schmerzes trat. Schweiß, fürwahr. Klebendes Hemd, klebende Hose. Nasse Flecken unter den Armen und in den Beugen. Gesunder Schweiß, nicht von Stress und ungewollter Anstrengung herrührend, sondern Folge bewusster Körperertüchtigung.

Der Platz im Sessel. Beine hoch. Ausschwitzen. Dann das Duschen. Keine Fragen, nur genießen, das warme Wasser, das zusammen mit dem Seifenschaum wie Balsam vom Kopf übers Gesicht und über den entspannten Körper läuft. Zum Schluss das kalte Wasser. Ein Gefühl, wie neu geboren.

„Guten morgen, haben Sie die Nummer Zwei? Nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?“ Stereotype Sätze, gesprochen von ihm in der Hoffnung, die auf seinen Aufruf via Tastendruck Erschienenen, in diesem Fall ein afghanisches Ehepaar mit drei Kindern, mögen kein kompliziertes Anliegen haben. Nach einer Nacht mit wenig Schlaf hatte er nämlich Kopfschmerzen, fehlte ihm die Konzentration und der Nerv für lange Prüfungen.

Eine normale Verlängerung oder einfache Übertragung der Aufenthaltsgenehmigung in einen neuen Pass wäre ihm lieb gewesen. Ein frommer Wunsch, der sich nicht erfüllte. Die Familie begehrte unbefristete Aufenthaltserlaubnisse. § 35!! Der Paragraf mit den ständig aktualisierten und nachgebesserten Vorschriften. Und das gleich fünfmal. Immer hatte er dieses Glück. Innerlich fluchend und Verwünschungen ausstoßend begann er mit der Prüfung der Anträge.

Zunächst, waren sie vollständig ausgefüllt? Da, die Kinder waren auf den Formularen der Eltern nicht eingetragen, also bitte. Nein, er dürfe nicht helfen, deutsch sei die Amtssprache, und außerdem müssten sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, was zudem noch zu prüfen sei. Dann die zeitlichen Voraussetzungen. War die Familie schon acht Jahre in Deutschland? Wenn nicht, konnte er sich das Weitere schenken. Zu welchen Zweck war sie eingereist? Aha, Asylantrag, diese Zeit war anzurechnen. Jedoch, es fehlten seit ihrer Antragstellung noch vier Tage an acht Jahren. Was nun? Genau genommen hätte er hier seine Prüfung einstellen können mit einer entsprechenden Belehrung. Aber vier Tage! Wie genau war das Gesetz zu nehmen? Diese Pedanterie war ihm peinlich, und ein neuer Termin war erst in drei Monaten wieder möglich, was bedeutet hätte, dass auch wieder aktuelle Unterlagen hätten beigebracht werden müssen. Angespannt setzte er seine Prüfung fort und nahm sich vor, der Angelegenheit bei der geringsten weiteren Unstimmigkeit ein Ende zu setzen.

Auch das noch! Der Mann hatte nach negativem Abschluss seines Asylverfahrens eine Duldung erhalten, und nicht alle Duldungszeiten waren anrechenbar. Nervös blätterte er in den Verwaltungsvorschriften. Wäre er doch tags zuvor nur früher schlafen gegangen. Immer wieder nahm er es sich vor, nicht zuletzt seinen Kindern würde das zugute kommen. Das Licht im Büro war nicht besonders hell, beziehungsweise, seine Augen waren schlechter geworden, eigentlich brauchte er eine Brille. Die Buchstaben verschwammen und kehrten wieder. Er las mühsam:

Angerechnet werden Zeiten einer Duldung in dem nach § 35 Abs. 1 Satz 3 eingeschränkten sachlichen und zeitlichen Umfang. Eine Duldung aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen ist nicht anrechenbar.

Er schlug im Ausländergesetz nach. Die Schrift war noch kleiner. Er riet mehr, als dass er las, kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Duldungszeit anzurechnen war. Soweit also die zeitlichen Voraussetzungen. Wie stand es mit den finanziellen? Der Mann legte eine Arbeitsbescheinigung über ein ungekündigtes und unbefristetes Arbeitsverhältnis vor. Auch die letzten drei Gehaltsabrechnungen hatte er dabei. Der Mann hatte sich vorbereitet, grob und gefühllos Ulfs Hoffnung auf ein vorzeitiges Ende der aufwendigen Prüfung zunichte gemacht. Das bedeutete, dass er ungeachtet seiner Kopfschmerzen nun mittels der Einkommenstabelle zu prüfen hatte, ob die finanziellen Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreichten. Für eine fünfköpfige Familie war sein Einkommen allein zu klein. Maßstab waren die Regelsätze der allgemeinen Hilfe zum Lebensunterhalt. Da es jedoch für ihn allein reichte und auch für die Wohnungsmiete, konnte auch das Einkommen der Ehefrau angerechnet werden. Diese arbeitete als Putzfrau auf 400 Euro Basis. Er tippte in den PC. Bis auf neunzehn Euro reichte das Familieneinkommen, wenn man das Kindergeld von 540 Euro mitrechnete. Jedoch, was musste er sehen, die Frau hatte bei drei verschiedenen Firmen gearbeitet. Das bedeutete, dass ihr Einkommen doch nicht angerechnet werden konnte, denn laut Arbeitsanweisung musste die Dauer mehrerer Arbeitsverhältnisse zusammen mindestens achtzehn Monate betragen, während sie bei nur einem Arbeitsverhältnis zwölf Monate betrug. Sie war jedoch insgesamt erst fünfzehn Monate berufstätig, und die längste Zeit, die sie davon bei einem Arbeitgeber gearbeitet hatte, betrug acht Monate.

„Leider kann ich Ihnen die unbefristete Aufenthaltserlaubnis nicht geben,“ erklärte er, „Ihre Frau hat bisher erst fünfzehn Monate gearbeitet, und zwar bei verschiedenen Arbeitgebern. Sie müsste in diesem Fall aber schon achtzehn Monate gearbeitet haben.“

Ulf hatte nicht den Eindruck, dass sie ihn verstanden hatten, nur dass es Schwierigkeiten gab, schienen sie zu begreifen. Sie redeten untereinander in ihrer Sprache. Die beiden jüngsten Kinder begannen auf den Stühlen hin und her zu rutschen. Der Mann wog den Kopf, schaute ratlos. Dass seine Erwartung sich nicht erfüllte, schien ihm langsam klar zu werden.

„Aber wir brauchen Visum,“ wandte die Frau ein, „sonst keine Arbeit. Chef sagen unbefristet.“

„Tja, da kann ich leider nichts machen. Gesetz ist Gesetz. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder ich gebe Ihnen eine vorläufige Bescheinigung für drei Monate und Sie kommen dann noch einmal wieder oder ich verlängere jetzt Ihre Aufenthaltsbefugnis wieder um zwei Jahre.“

Getuschel in fremder Sprache. „Bitte unbefristet,“ sagte der Mann, „schon das dritte Mal. Immer neue Papiere. Immer anderes. Der eine sagt so, der andere so. Nächstes Mal wieder anderes. Brauchen unbefristet, dann eigenes Geschäft. Bitte helfen.“

„Ich kann Ihnen nicht helfen, ich darf es nicht,“ sagte Ulf, der sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlte. „Also ich an Ihrer Stelle würde die Bescheinigungen nehmen und dann noch einmal wiederkommen. Dann müsste es eigentlich klappen.“

Der Mann sammelte achselzuckend seine Papiere zusammen, während Ulf die fünf Bescheinigungen ausdruckte. Er übergab sie zusammen mit einem neuen Termin in vier Monaten. Die Leute gingen, wortlos. Das älteste der Kinder sagte tschüss. Er atmete durch, die waren weg!

Es ging ja auch darum, sich nicht zu lange mit dem Einzelfall zu beschäftigen, um eine große Zahl abgefertigter Wartenummern vorweisen zu können, die der Vorgabe von mindestens zwölf am Vormittag entsprach. Wer zu langsam war, der bekam schon mal von seinen Kollegen zu hören, dass sie nicht bereit wären, seine Langsamkeit zu kompensieren. Da diese kleinen Kärtchen mit den aufgedruckten Nummern keine Auskunft darüber gaben, was sich hinter ihnen verbarg, brachten einfache Verlängerungen von Bescheinigungen die meisten Punkte. Dem Nummernkonto tat es aus diesem Grunde auch gut, irgendeine Unstimmigkeit aufzuspüren: eine Unterlage, die fehlte, ein paar Euro, ein paar Tage. Bescheinigung verlängert, ruck zuck war der Fall erledigt. Auf diese Weise entzog man sich gleichzeitig der Verantwortung für eine oftmals schwierige Entscheidung. Kein Sachbearbeiter, der knifflige, zeitraubende Grenzfälle nicht lieber bei seinem Kollegen sah.

Er durchblätterte die Akte seines letzten Kunden und zuckte zusammen. Die beiden Aktenzeichen der Asylverfahren stimmten nicht überein. Der Mann hatte zwei verschiedene Verfahren betrieben, was bedeutete, dass die Zeit des ersten Verfahrens nicht angerechnet werden konnte, dass die zeitlichen Voraussetzungen damit nicht erfüllt waren und die unbefristete Aufenthaltserlaubnis auch bei seiner nächsten Vorsprache nicht erteilt werden konnte. Ihm wurde heiß. Er rannte auf den Flur, doch die Familie war nicht mehr zu sehen.

Um zehn Uhr hatte er einen Termin beim Abteilungsleiter. Diesem oblag es, alle paar Monate die Bestände der sensiblen Dokumente der einzelnen Sachbearbeiter, sprich der Aufenthaltsgenehmigungen, die im Erteilungsfalle als Etiketten in den Pass geklebt wurden, zu kontrollieren. Wegen verschiedener Bestechungsfälle in der Vergangenheit war diese Kontrolle eingeführt und verschärft worden. Jeder Sachbearbeiter hatte gerade zu stehen für seinen Bestand. An und für sich wurden alle vergebenen Etikettennummern im Computer registriert, Probleme konnte es bei den als vergeben gespeicherten Nummern geben, die aus irgendeinem Grunde (z.B. revidierte Entscheidung, oder Fehldruck oder verschrieben) nicht in den Pass geklebt oder in den Pass geklebt, jedoch anschließend wieder ungültig gestempelt worden waren. Im ersten Falle waren diese Etiketten aufzubewahren und bei der Kontrolle vorzulegen, im zweiten waren als Nachweis Fotokopien der betreffenden Passseiten mit den Etiketten anzufertigen. Wer nun, wie er, das Aufheben oder Fotokopieren dieser Etiketten vergessen hatte, ihren Verbleib nicht nachweisen konnte, bekam ernste Probleme, stand da, wie ein Angeklagter, der nach ergebnislosem Verlauf seiner anschließenden Nachforschungsbemühungen einen Bericht schreiben und die Behördenleitung von seiner Unschuld überzeugen musste.

„Und was ist mit der Nummer 221?“, wollte der Abteilungsleiter im leiernden Ton einer Aufzählung wissen. Ein grober, ungeschlachter Mann, dessen Menschsein Ulf fremd und unangenehm war, so dass er ihm nach Möglichkeit aus dem Wege ging. Diese Begegnung war nun unvermeidbar, und Ulf fühlte sich doppelt unwohl. Situationen wie diese wären ihm erspart geblieben, wenn er einen der zahlreichen Wege, die sich ihm nach dem Abitur eröffnet hatten, beschritten hätte. Ein richtiger Beruf, Ingenieur vielleicht, Baubranche oder Zahnmedizin, Kiefernorthopädie, alles hatte ihm offen gestanden, er hatte die freie Wahl gehabt. Hätte, könnte, wollte, würde! Nun saß er hier. Traurig aber wahr. Der Abteilungsleiter stellte fest, dass der Verbleib von acht Etiketten ungeklärt war. Er sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen und sich kümmern.

Auf seinen nächsten Aufruf erschien wiederum eine Familie, ein türkisches Paar mit vier Kindern. Die Frau und die Kinder waren vor sechs Wochen mit einem entsprechenden Visum zum hier lebenden Ehemann und Vater eingereist, um hier dauerhaft zu leben. Familienzusammenführung. Das sah nach einer einfachen Angelegenheit aus. Schließlich war der Einreise die Prüfung und positive Entscheidung durch die zuständige Auslandsvertretung vorausgegangen. Die Frau und die Kinder waren also mit der Zustimmung der deutschen Behörden eingereist.

Er hatte sich mal wieder zu früh gefreut. Der hier seit neun Jahren lebende Mann war kurz nach der Zustimmung zur Einreise seiner Familie arbeitslos geworden und bezog nun Arbeitslosengeld, dessen Höhe weit unter der seines früheren Gehalts lag und für die Sicherung des Lebensunterhalts der ganzen Familie nur unter Inanspruchnahme von Wohngeld knapp ausreichte. Das Wohngeld war jedoch eine Leistung der öffentlichen Hand, das deshalb nicht auf das Arbeitslosengeld angerechnet werden durfte. Die Lage war also die, dass das Einkommen nicht mehr ausreichend war, was zur Folge hatte, dass er der Frau und den bereits eingeschulten Kindern ein sogenanntes rechtliches Gehör aushändigen musste, ein Schreiben, in dem stand, dass beabsichtigt sei, die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis wegen nicht ausreichender finanzieller Mittel abzulehnen. Frist zur Stellungnahme vierzehn Tage. Er erklärte dem Familienoberhaupt den Sachverhalt. Dieser war sehr ungehalten, hieß seine Ehefrau aber trotzdem Ulfs Aufforderung nachzukommen, den Empfang des rechtlichen Gehörs auf dem Empfangsbekenntnis zu quittieren.

Sie hatten also ihre Zelte in der Türkei abgebrochen, waren unter Befolgung der gesetzlichen Bestimmungen nach Deutschland gekommen zu ihrem Ehemann und Vater und wurden nun aufgefordert, wieder zurückzufahren. Ulf war es, der ihnen diesen Empfang bereitete. Angestrengt sah er auf den Bildschirm. Die Leute gingen.

Der nächste Fall. Eine Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien, der er bereits vergangenes Jahr eine Aufenthaltserlaubnis erteilt hatte. Damals war sie im Wege der Familienzusammenführung mit einem ihrer Söhne aus erster Ehe zu ihrem neuen, hier lebenden, deutschen Ehemann eingereist. Wie sie ihm mitteilte, war der Mann vor zwei Monaten gestorben, zeigte ihm zitternd die Sterbeurkunde. Es ging nun um ihren zweiten Sohn aus erster Ehe, der ebenfalls zugegen war, sich mit einem abgelaufenen Touristenvisum in Deutschland aufhielt und die Schule besuchte.

„Tut mir leid!“ sagte Ulf, „ein Touristenvisum kann nicht verlängert werden. Ihr Sohn muss wieder ausreisen und bei der deutschen Botschaft das Visum für einen Daueraufenthalt beantragen. Er bekommt jetzt eine Grenzübertrittsbescheinigung, die noch zwei Tage gültig ist.“

Wie er das sagte! Streng und unmissverständlich, so dass die Überflüssigkeit einer weiteren Unterhaltung über das Problem sofort klar war. Nicht einmal sein Beileid hatte er ausgesprochen. Manchmal fehlte es ihm einfach an der Geduld, mitzufühlen und eine unerfreuliche Mitteilung in versöhnliche Worte zu verpacken. Er hatte die Gesetze und diese Welt nicht geschaffen. Er war nur ein kleines Rädchen und hatte seine eigenen Probleme. Seine Kinder waren schon wieder aus der Schule und allein zu Haus, das hieß, sie hatten zwei Freundinnen mitgebracht, und der Anruf seiner jüngeren Tochter war von reichlich Geräuschkulisse begleitet gewesen. Möglichst zeitig wollte er heute wieder nach Haus, vorher noch Bratnudeln vom Asiaten holen. Nicht, dass sie wieder ausflogen, weil es ihnen zu lange dauerte. Sie brauchten ein warmes Essen und mussten ihre Schularbeiten zu machen. Ihre schulischen Leistungen ließen ohnehin zu wünschen übrig, und morgen stand wieder eine Mathearbeit an. Leider setzten sie sich nicht von selbst auf den Hosenboden. Das wäre schön gewesen. Es musste geübt werden, es kam jetzt auf jede Note an, damit die Versetzung gelang. Sobald die Frau gegangen war, wollte er sie noch einmal anrufen.

Und sein alter Vater hatte heute wieder einen Termin bei der Fußpflegerin, zu dem er ihn fahren musste. Mindestens eine Stunde würde die Aktion dauern, Zeit, die seine Töchter wieder sich selbst überlassen waren. Auf jeden Fall wollte er heute endlich mal wieder früh ins Bett. Der Kopfschmerz war am Tage nicht weniger geworden. Seine Tage liefen besser, wenn er ausgeschlafen hatte.

Der schöne Vogel, der einstmals königlich durch die Lüfte glitt, hatte das Fliegen verlernt. Da saß er nun auf seiner Stange. Alle Versuche, sich erneut in die Lüfte zu erheben, waren kläglich gescheitert.

Da war sie, die ganz normale Passübertragung. Endlich. Der türkische Inhaber einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis legte einen vom türkischen Konsulat neu ausgestellten Pass vor, in den nun die Aufenthaltserlaubnis vom alten Pass zu übertragen war. Keine Prüfung, kein Lamentieren, keine Entscheidung. Einfach der Übertrag. Er atmete durch. Auch die Akte fand er auf Anhieb. Aber nun hatte er versehentlich das Etikett zu früh in den Drucker geschoben, was zur Folge hatte, dass es falsch bedruckt wieder erschien. Schon hatte er es zerknüllt, um es in den Papierkorb zu werfen, da besann er sich. Um Gottes willen! Aufheben! Das ganze noch einmal.

Als nächstes erschien eine junge, verheiratete, seit fünf Jahren in Deutschland lebende, türkische Frau mit ihrem türkischen Mann, die ihm einen sorgfältig ausgefüllten Antrag auf Erteilung einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis vorlegte. Er holte die Akte und stellte fest, dass sie die zeitlichen Voraussetzung erfüllte und auch das durch die letzten drei Gehaltsabrechnungen belegte Einkommen ihres Mannes zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreichend war. Zudem legte sie die Arbeitserlaubnis, den Mietvertrag und einen Kontoauszug mit der aktuellen Miethöhe vor. Auch der deutschen Sprache war sie mächtig. Schon war er drauf und dran, die gewünschte Aufenthaltserlaubnis zu erteilen, da sah er, dass sie drei Kinder hatten, die Wohnung aber nur aus zwei Zimmern von insgesamt zweiunddreißig Quadratmetern bestand. Das bedeutete, sie entsprach nicht den vorgeschriebenen Anforderungen, sie war zu klein.

„Für unbefristet ist Ihre Wohnung zu klein!“ sagte er, froh diesen Mangel noch rechtzeitig erkannt zu haben und bat sie, den Antrag von unbefristet auf zwei Jahre abzuändern, da sonst erst ein Ablehnungsbescheid geschrieben werden müsse. Der Ehemann, der sich mit dieser Auskunft nicht zufrieden geben wollte, fragte, was denn ihre Wohnung damit zu tun habe. Für ihn, Ulf, sei diese Wohnung vielleicht zu klein, nicht aber für sie. Sie lebten dort sehr gut, Tür an Tür mit seinen Eltern, die sich ebenfalls um die Kinder zu kümmerten, sie beköstigten und auch bei sich schlafen ließen.

Ulf zeigte ihm zur Erklärung eine Tabelle, aus der zu entnehmen war, wieviel Zimmer und Quadratmeter eine Wohnung für fünf Personen ausländerrechtlich gesehen zu haben hatte. Als der Mann dann anfing von Schikane zu reden und davon, dass er seine Steuern zahle, von denen die Beamten bezahlt würden, damit sie etwas für die Ausländer täten und nicht damit sie ihnen Steine in den Weg legten, erklärte Ulf ihm, dass er gern seinen Antrag aufrechterhalten und mit dem Ablehnungsbescheid, den er dann erhielte und in dem die Ablehnungsgründe seines Antrags genau dargelegt seien, auf dem Gerichtsweg versuchen könne, zu seinem Recht zu kommen. Auch die Gerichte würden ja von ihm bezahlt. Darauf entgegnete jener, dass er kein Geld für einen Anwalt habe und auch keinen brauche für etwas, das ihm zustehe. Spätestens jetzt wusste Ulf, dass mit dem Herrn nicht gut Kirschen essen war.

„Ob sie sich einen Anwalt leisten können oder nicht, ist Ihre Sache,“ sagte er, darauf bedacht, eine Eskalation zu vermeiden. „Ich müsste jetzt nur von Ihnen wissen, was ich tun soll. Sie haben die Wahl zwischen Ablehnungsbescheid und zwei Jahren.“

Wiederum begann jener zu erzählen, dass er in Deutschland geboren sei, die Schule besucht und eine Ausbildung gemacht habe, wie seine Eltern eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitze, die nun nach fünf Jahren Aufenthalt auch seiner Frau zustünde. Die Wohnung sei zwar etwas klein, aber das sei kein Problem, da die beiden älteren seiner Kinder ja bei seinen Eltern schliefen.

Das alles möge ja sein, fiel Ulf ihm ins Wort, aber es ändere nichts. Seine Wohnung sei und bleibe zu klein. Er müsse nun sagen, was er wolle. Er habe nicht so viel Zeit. Und wie zu seiner Unterstützung steckte ein Wartender seinen Kopf zur Tür herein, um zu fragen, wann der Nächste dran komme.

„Sehen Sie, die Leute werden schon ungeduldig,“ sagte Ulf.

Sein Gegenüber lehnte sich, die Arme verschränkend, darauf zurück und sagte, dass er den Chef sprechen wolle.

Ulf begab sich zu jenem und schilderte ihm den Fall.

„Ich hab keine Zeit,“ erhielt er zur Antwort, „die Sache ist doch klar.“

Diese Auskunft gab er weiter an seinen Kunden, der darauf frustriert den Kopf schüttelnd sagte: „Machen Sie, was sie wollen.“

Das tat Ulf, verlängerte die Aufenthaltserlaubnis um zwei Jahre und rauchte anschließend eine Zigarette im Aktenraum.

Zuletzt erschienen eine nicht mehr ganz junge Dame, ein ihr altersmäßig unterlegener Mann und eine sehr junge Dame. Es stellte sich heraus, dass die ältere der beiden Damen Frau Grünklee war, eine Deutsche, die Anfang des Jahres den sie begleitenden Herrn, der aus Kroatien stammte, geheiratet hatte. Die ganz junge Dame war die Tochter des Herrn aus erster Ehe, ebenfalls kroatische Staatsangehörige. Sie begehrten eine Aufenthaltserlaubnis aufgrund der Eheschließung, legten eine Heiratsurkunde des Standesamtes Hamburg-Emsbüttel vor. An Hand der Pässe stellte Ulf fest, dass sie ohne Visum eingereist waren. Für die ersten drei Monate brauchten sie auch keins, erklärte ihm die Frau, außerdem hätten sie von der Deutschen Botschaft die Auskunft erhalten, dass sie alles in Deutschland regeln könnten.

„So, so. Hm, hm.“

Über den Computer erfuhr er, dass es sich bei dem Herrn und seiner Tochter um ehemalige Bürgerkriegsflüchtlinge handelte, die 1995 nach einem fünfjährigen Aufenthalt in ihre Heimat abgeschoben worden waren. Es war damals von der Ausländerbehörde eine Ausweisungsverfügung unbefristeter Wirkung erlassen worden, was bedeutete, dass den beiden Antragstellern die Wiedereinreise auf unbestimmte Zeit verwehrt war. Er sagte ihnen, dass bei einer Kontrolle der Herr und seine Tochter aufgrund dieser Eintragung hätten verhaftet werden können.

Tatsächlich? Aber wie denn das? Sie seien doch verheiratet, und ihr Mann habe doch das Recht, bei seiner deutschen Frau zu leben. Sie hätten jetzt bitteschön gern die Aufenthaltserlaubnisse. Der Mann holte zwei säuberlich ausgefüllte Erstanträge hervor. Dafür wäre von rechts wegen ein von der deutschen Botschaft in Kroatien erteiltes Visum zum Zwecke der Familienzusammenführung nötig gewesen, aber in einem solchen Fall konnte der Mangel nachträglich geheilt werden, jedenfalls was den Herrn betraf. Auf die junge Dame erstreckte sich dieses Recht nicht. Er erklärte ihnen, dass sie keine Aufenthaltserlaubnis erhalten könne und dass diese Unannehmlichkeiten bei einer Einreise mit den entsprechenden Visa vermieden worden wären. Nun müsse zunächst die damals verfügte Sperrwirkung von der zuständigen Stelle wieder aufgehoben werden. Aus diesem Grunde müssten sie sich zuerst an diese Stelle wenden. Er gab ihnen die Adresse. Erst danach wäre die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis an den Herrn möglich.

Frau Grünklee blickte kopfschüttelnd vor sich hin. Sie erklärte, dass sie bereits tags zuvor bei einem anderen Kollegen gewesen seien, der ihnen gesagt hätte, dass sie eine Wartenummer bräuchten und am nächsten Tag frühzeitig wiederkommen sollten. Nun seien sie da mit dieser Nummer und hätten eine dreistündige Wartezeit hinter sich. Sie sei berufstätig und könne es sich nicht leisten, jeden Tag bei der Ausländerbehörde vorzusprechen. Sie seien aufgrund der gestrigen Information wieder gekommen und wären nun für die Erledigung ihres Anliegens dankbar.

Noch einmal erklärte er ihnen die Sachlage. Zuerst müsse die Sperrwirkung durch die andere Dienststelle gelöscht und danach die Akte zuständigkeitshalber an die bezirkliche Ausländerabteilung abgegeben werden. Erst dann, wenn die so bearbeitete Akte vorläge, könne die Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Es tue ihm leid, das sei der Weg, er könne es nicht ändern. Sie müssten sich zunächst an die andere Dienststelle wenden.

„Aber das gibt’s doch nicht…,“ die Dame rang nach Luft. „Versuchen Sie bitte, die Sache telefonisch mit dieser anderen Abteilung zu klären.“

„Tut mir leid,“ antwortete er, „aber ihre persönliche Vorsprache dort ist unerlässlich.“ Ihr Blick schweifte aus dem Fenster. Es herrschte Stille.

„Geben Sie mir bitte Ihren Namen,“ sagte sie, dann gingen sie.

Er freute sich sehr darüber, nun im Rathaus arbeiten zu können. Die ausländerrechtlichen und behördlichen Belange hatten sich aber in diesen ehrwürdigen, von einer anderen Zeit erzählenden Räumlichkeiten, nicht geändert.

Er war selten gleich. Sein Befinden wechselte wie das Hamburger Wetter und mit ihm sein Kommunikationsvermögen. Dieses Auf und Ab in seinem Kopf, besonders das Ab, machte ihn unsicher, verkrampft, ungelenk, abwartend, wirkte trennend. Sein Mangel an Sicherheit verhinderte die Ausbildung eines erkennbaren Selbstbewusstseins, durch das er sich einordnen ließ und ihm die Fähigkeit zu Nähe öffnete.

Sicherheit war für ihn nur ein Wort, ein abstrakter Begriff ohne reale Entsprechung, eine Wunschvorstellung, die nur in den Köpfen existierte, eben aus dem Grunde, weil es nichts gab, das sicher war. Bis auf den Tod natürlich, doch diese Sicherheit vermochte nicht, ihm beizustehen.

Heute war es mal wieder das Ab. Ein Kopfschmerz, Beton gleich, der nach unten drückte, auf sein Gehirn, auf sein Denken und seine Gedanken, der den Tag grau machte, ihn bleiern isolierte. Am liebsten hätte er diese Zeiten schlafend verbracht, aber in Ermangelung dieser Möglichkeit überstand er sie irgendwie und irgendwann. Sein Wille, diese Zustände zu überwinden, erstarkte indes immer wieder neu.

Er betrachtete eingehend sein Spiegelbild. Die grauen Augen eines älteren Herrn musterten ihn fragend, wanderten über sein blasses Gesicht zu seiner Stirn, die erschreckend hoch geworden war, zurück zu seinen glanzlosen, ernsten Augen. Er fragte sich, ob sie auch noch strahlen konnten und verzog sein Gesicht zu einem künstlichen Lachen. Siehe da, seine Augen lachten mit, leuchteten förmlich. Für einen Augenblick. Dann traf ihn wieder dieser ernste Blick. Das war er, Ulf, beziehungsweise, das war er geworden. Alt, grau. Sein Gesicht erinnerte ihn an die vereinzelt in der Lüneburger Heide stehenden, verwitterten, windschiefen, dem Einsturz nahen Holzhütten. Dass er die Brille abnahm, machte die Sache schon etwas besser, doch er beschloss, sich von seinem Bart zu trennen, der, wie er fand, dazu beitrug, den Zustand seines Gesichts dem der Hütten anzugleichen.

Dieser seltsame Mensch war Vater von drei Kindern. Die eine seiner beiden Töchter befand sich jetzt genau dort, wo sie vor zwanzig Jahren geboren worden war. Damals Geburtenklinik, heute psychiatrische Anstalt. Das Zimmer, das sie sich mit einer anderen Patientin teilte, war früher der Kreissaal gewesen, in welchem sie das Licht der Welt erblickt hatte. Damals, das kleine Bündel. Glückseliger Vater. Ungezählte Male, die er sich über sie gebeugt hatte, um sich zu überzeugen, dass sie atmete. Dieses unfassbare Leben, dieser kleine, neue, autarke Mensch, seine Tochter, ein Wunder, damals..

Rückkehr an diesen geweihten Ort. Hohn des Schicksals. Vor Drogen und falschen Freunden hatte er immer gewarnt. Er atmete schwer. Müde, tiefliegende Augen sahen ihn aus dem Spiegel an.

Die Schule. Mit ihr hatte es angefangen. Er hatte nicht zulassen wollen, dass sie seine Kinder aussortierte. Sie hatte sich von Anfang an zwischen sie gestellt. Ein stachelbewehrtes Insekt, das zwischen ihnen umhersummte. Er wandte sich ab. Schwer ließ er sich in den Sessel fallen. Seine Hand ergriff die Fernbedienung. Ein bisschen Ablenkung! Die Moderatorin auf dem Bildschirm verhieß Vielversprechendes.

Was war passiert, was hatte er falsch gemacht? Nein, er war nicht der Vater gewesen, der er immer sein wollte. Anfangs ja, später nicht mehr. Als die Schule kam. Doppelbelastung, Zeitmangel, Alltagsstress. Aber seine Ungeduld und Unduldsamkeit. Hatte er nicht etwas erwartet, Ansprüche gestellt, die seine Kinder nicht erfüllen konnten? War da nicht aus diesem Grunde ein Groll gewachsen, der sich von Zeit zu Zeit entlud? Wieso hatte er an ihnen nur immer etwas ausgesetzt? Ihnen nicht ihren Übermut gelassen, ungeachtet des äußeren Drucks? Wieso sie nicht in den Arm genommen, statt ihnen den Ernst des Lebens vorzuhalten? Ihnen nicht Mut gemacht, statt sie zu kritisieren? Wie kam es, dass er es nicht geschafft hatte, das Ruder herumzureißen?