Paris einfach - Ursula Seifert-Gerstner - E-Book

Paris einfach E-Book

Ursula Seifert-Gerstner

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Beschreibung

Paulette, früh Waise, wurde von ihrer Tante großgezogen und zieht nach deren Tod mit ihrem Freund Edgar zusammen. Sie studiert Literatur, Kunstgeschichte sowie Romanistik, mit dem Ziel Journalistin zu werden. Später arbeitet sie als Auslandskorrespondentin in Paris bei einem namhaften Magazin. Dort lernt sie den Halbalgerier Yusuf kennen, auch Auslandskorrespondent und für den Maghreb zuständig. Zwischen den beiden entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung. Paulette kommt durch Zufall dahinter, dass er verheiratet ist und glaubt, er wolle einerseits eine unterwürfige Muslimin zur Frau und gleichzeitig eine intelligente, freizügige Europäerin als Geliebte. Die Verwirrungen in Beruf und Liebe bringen Paulette bis nach Algier. Dort sucht sie Frauen auf, die den Islamisten im Untergrund Widerstand leisten und hofft mit einem Fotoband die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, aber auch die Yusufs, auf die Gräueltaten zu lenken, denen besonders Frauen ausgesetzt sind, die sich der strengen Auslegung des Korans nicht unterwerfen und deshalb unter grausamer Unterdrückung leiden müssen. Paulette selbst ist für ihren Geliebten, ihre Freunde und Bekannte eine Frau voller Geheimnisse, durch die immer wieder unvorhersehbare Wendungen geschehen, die zum Teil Paulettes manischem aber auch depressivem Temperament zuzuschreiben sind.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Nachwort

– 1 –

Es war eine Studentenliebe. Beide, Edgar und Paulette, hatten sich schon während der Schulzeit kennengelernt. Paulettes Eltern waren Opfer eines Autounfalls auf einer Reise nach Frankreich geworden, dessen genauer Hergang nie ganz aufgeklärt worden war. Edgar wohnte bis zum Abitur in einem Tagesinternat, denn seine Mutter, eine Witwe ohne Beruf, die sich bei Bedarf als Köchin betuchter Familien durchschlug, konnte ihre beiden Söhne nicht bei sich beherbergen, und so hatte sie die Lösung vorgezogen, sie in diesem Wohnstift unterzubringen, in dem viele Gymnasiasten aus der ferneren Umgebung der in Süddeutschland gelegenen Universitätsstadt lebten, für die die tägliche Fahrt in die Schule und wieder nach Hause zu weit war, aber auch Schüler, deren Eltern aus vielerlei Gründen weggezogen waren, zu einem Zeitpunkt, in dem es für die Jungen ungünstig gewesen wäre, sich kurz vor der Reifeprüfung an das Schulsystem eines anderen Bundeslandes oder gar im Ausland anpassen zu müssen.

Paulette wohnte bei ihrer Tante, die etwas außerhalb der Stadt, in einem wunderschönen Vorort von Wald umgeben, eine Pension besaß. Kurz nachdem Paulette das Abiturzeugnis in der Tasche hatte, starb auch ihre geliebte Tante und da diese unverheiratet und kinderlos gewesen war, erbte sie das Haus samt Beherbergungsbetrieb und stand nun da, allein auf der Welt.

Sie wollte studieren: Romanistik, Literatur und als drittes Fach noch Kunstgeschichte dazu. Da ihr Vater Franzose gewesen war, beherrschte sie sowohl Deutsch als auch Französisch und besaß zwei Staatsangehörigkeiten, die deutsche wie die französische. Sie dachte an eine Karriere als Journalistin.

Edgar, der zwar das Klassenass gewesen und deshalb auch hoch hinaus gekonnt hätte, zog eine Beamtenlaufbahn vor, und zwar seltsamerweise im höheren Polizeidienst. Er war, vielleicht ein großer Junge geblieben, wahrscheinlich von Crime and Murder fasziniert, ohne sich wirklich eine Vorstellung vom Polizeialltag zu machen. Der Kommissar hatte es ihm angetan, was auch zu seiner virilen Art zu passen schien.

Paulette verkaufte, um ihr Studium zu finanzieren, das ohnehin etwas heruntergekommene Etablissement ihrer Tante, und da Edgar und sie, in Liebe verbunden, nun beide heimatlos geworden waren, zogen sie zusammen in eine Wohnung in der Stadt, nicht gerade mit allem Komfort ausgestattet, aber von Paulette liebevoll mit dem noch brauchbaren Mobiliar aus Tantes Pension eingerichtet. Jeder hatte sein Arbeitszimmer, sie teilten den Wohnbereich und das gemeinsame Schlafzimmer. Obwohl die Hausarbeit zur Hauptsache auf Paulettes Schultern lastete, kam sie mit ihrem Studium gut voran, und auch Edgar schien die Ausbildung, die allerdings das „von der Pike auf“ mit einschloss, was bedeutete, dass er sich neben der Schulung zum höheren Beamten auch dem gewöhnlichen Dienst unterziehen musste, zu gefallen. Allerdings war er dadurch, was die Organisation des Alltags betraf, keine große Hilfe. Sie schaffte es trotzdem, voller Energie und Elan, ja, es erfüllte sie sogar mit einer gewissen Genugtuung, studierende Haus-, wenn auch nicht Ehefrau zu sein.

Von Heirat war zwischen ihnen keine Rede; beide ließen sich unausgesprochen die Möglichkeit offen, eines Tages getrennte Wege zu gehen, denn jetzt war jetzt und die Zukunft eine Ewigkeit entfernt. Dennoch hielten sie auf Treue und betrachteten sich als Paar, sie sich studienhalber mit Kommilitonen und Kommilitoninnen treffend, er sich mit Freunden aus seinem beruflichen Umfeld. Die wenige Freizeit, die ihnen blieb, verbrachten sie möglichst zusammen. Ihre Jugend gab ihnen den Schwung zu gemeinsamen Unternehmungen, vor allem auf der Tanzfläche, da beide noch immer besessen von dieser Art Sport waren, nicht zu zuletzt seiner erotischen Komponente wegen, die sie einander in die Arme fallen ließ, natürlich und hemmungslos, wie es Verliebte nun einmal tun.

Sie mochte seinen gestählten Körper, er war angetan von ihrem Charme, jedoch ohne zu bemerken, dass man in ihren Augen, deren Blick manchmal von einer unbestimmten Traurigkeit überschattet war, hätte lesen können, dass sie tief in ihrer Seele unter etwas zu leiden schien, was, vom Alltag und den Bemühungen, diesem gerecht zu werden, unter der Oberfläche gehalten, sie sich selbst nie eingestand. Sie wusste, dass Edgar sie als die zu ihm Gehörende betrachtete, aber gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der er das tat, war wie zu viel und zu wenig zugleich.

Paulette war eben Paulette, während sie unterschwellig spürte, wie Edgar, ihn immer noch mit den Augen der Hingabe betrachtend, sich langsam zu verändern begann. Seine Art, sie zu lieben, bekam etwas Routiniertes, sein einstmals eher zum Intellektuellen neigendes Wesen wurde roher, und die Äußerung seiner Zuneigung, wenn es sie denn noch gab, begann sich auf das Körperliche zu beschränken; das Herz, das sie einmal zu besitzen glaubte, war, wie sie zu bemerken nicht umhin kam, dabei, sich davonzuschleichen, nicht zu einer anderen Frau, nein, sondern in eine Realität, die mit ihren Interessen nicht mehr viel gemeinsam hatte. Sie befasste sich mit dem Schöngeist der Literatur, dem Facettenreichtum der Sprache, er mit Strafrecht und Schuld ohne Sühne. Während er Räuber und Gendarm spielte, drang sie in die Welt der Schriftsteller vor, in der zwar auch nach Noten gesündigt wurde, aber weniger physisch denn psychisch. Sie begann das Wesen der Seele zu ergründen, während seine Sichtweise sich auf Taten und Fakten zu beschränken begann, auf oft kurz angebundene Kommentare, als Folge einer sich mit dem Kriminellen auseinandersetzenden Realität, die ja eigentlich nicht die Regel darstellen sollte. Aber was war schon die Regel?

Beide hatten sich etwas zugewandt, das den Ausnahmezustand darstellte, einerseits das Schöne, andererseits die Schattenseiten der Existenz übersteigernd. Beides war das Leben, nur wenn man es, eingeteilt in Gut und Böse, voneinander trennte, wurde das eine so irreal wie das andere. Wie reif muss man sein, um sich nicht zu verlieren in zwei verschiedenen Welten, im Stande, das Gleichgewicht zu halten zwischen Sein und Schein, das Bewusstsein dafür zu bewahren, dass das eigene Leben immer noch Vorrang hat, aus dem etwas Individuelles zu machen, der eigentliche Sinn eines Zusammenlebens gewesen wäre? Ist man so jung zu dieser Erkenntnis fähig? – Wohl kaum!

Leise und ohne zu klirren, bekam sie Granulüren, ihre Zweisamkeit, wie der Lack auf alten Gemälden, aber sie beide waren ja keine Antiquitäten, die Risse waren keine Alterserscheinung, sondern die Ankündigung eines Bruchs, der offenbar wurde, als Paulette eines Tages feststellen musste, dass sie schwanger war. Als sie es endlich wagte, Edgar mit dieser Tatsache zu konfrontieren, war seine Reaktion nicht die eines ihr verbundenen Mannes, sondern panikartig. Nie hätte er diese immerhin im Bereich des Möglichen liegende Folge der Vereinigung von Männlich und Weiblich auch nur in Betracht gezogen, und sie begriff schlagartig, dass dieser Störfaktor nicht in sein Konzept passte. Wie viele Männer hatte er einen solchen Zwischenfall zu vermeiden, als die Aufgabe von Paulette betrachtet, und ihn als Halt in dieser Situation zu sehen, konnte sie, es nach und nach begreifend, ausschließen. Er begann abends immer später heimzukommen, und obwohl Vorwürfe ausblieben, wurde ihr bewusst, dass aus dem, was sie für Liebe gehalten hatte, Feindseligkeit wurde. Noch war es keine Brutalität, aber die Kälte bekam sie zu spüren, die in Frost überzugehen drohte, der sie zittern ließ, und die Angst überkam sie, vordringend in ihr Innerstes, sodass ihr fast die Luft wegblieb. Sie wusste, ohne dass Edgar es wirklich aussprach, er eine Familie zu gründen nicht bereit war. Er war fest davon überzeugt, Paulette habe in diese Trickkiste gegriffen, um ihn festzunageln für alle Zeiten, während sie, von liebevoller und zärtlich anschmiegsamer Wesensart, sich ihm einfach immer nur hingegeben hatte, wenn es sie beide danach verlangte, allerdings leichtsinnigerweise, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie sprachen kaum noch miteinander und Edgar ließ jedes Mitgefühl und jede Zärtlichkeit vermissen. Er wurde von gleichgültiger Abgewandtheit und sie von Grauen erfasst.

Paulette beschloss, eine endgültige Lösung zu finden, allerdings ohne Edgars Zutun, und ihn zu verlassen. Er wollte nicht Vater werden, sie unter diesen Gegebenheiten nicht Mutter.

Wie sie es schaffte, diese Schwangerschaft abzubrechen und ob überhaupt, erfuhr Edgar nie, denn als er eines Abends nach Hause kam, war sie verschwunden mit all ihren Sachen, nichts als die Möbel zurücklassend.

Edgar war sich klar darüber, dass es seine Pflicht sei, sie zu suchen, er begriff, nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen, dass er allein gelassen, sie ein Teil von ihm gewesen war, so sehr, dass er es gar nicht mehr bemerkt hatte, und nun war es an ihm, voll Furcht mit zugeschnürter Kehle alles zu tun, um sie wiederzufinden, konfrontiert damit, dass, wenn sie sich womöglich etwas angetan hatte, es auf immer seine Schuld sein würde. Aber sie war und blieb unauffindbar, obwohl er den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setzte. Es war ihr gelungen, keine Spur zu hinterlassen.

Das Geld oder was davon geblieben war, hatte Paulette allerdings von der Bank abgehoben, das Einzige, was darauf schließen ließ, dass sie noch am Leben sein musste. Er bekam inzwischen bereits ein Gehalt und konnte bleiben, wo er war, aber wovon wollte sie, wo auch immer, womöglich mit einem Kind, dem seinen, existieren? Da hing er nun mit dieser Frage, auf die er keine Antwort zu finden vermochte, in der Luft, an die Luft gesetzt, zumindest bildlich gesprochen, verlassen von dem, was er verlassen hatte, was niemals allein zu lassen er zwar nicht geschworen, aber vorgegeben hatte. Ich bin ein Schuft, gestand er sich ein, doch helfen tat das nichts, ihm schon gar nicht.

– 2 –

In Paris, Rue Dufour, nahe bei der Madeleine und unweit von der Place de la Concorde, fand Paulette ein Zimmer. Da ja auch Französin, war die Anmeldung nur eine Formalität. Sie schrieb sich an der Sorbonne ein und studierte weiter, langsam wieder zu Atem kommend und möglichst verdrängend, was gewesen war. Sie löschte diese Liebe aus ihrem Gedächtnis wie einen Fleck aus dem Kleid und widmete sich dem Weiterleben um jeden Preis.

Ihre Schlussexamen wollte sie machen und einen Nebenverdienst suchen, wie auch immer. Sie begann zu schreiben, unternahm ausgedehnte Spaziergänge, um Paris kennenzulernen und durchforschte die Annoncen der Tageszeitungen nach einer Teilzeitarbeit, die es ihr erlauben würde, gleichzeitig ihre akademische Laufbahn fortzusetzen.

Eines Tages bewarb sie sich bei einem Begleitservice. Sie wurde zu einem Gespräch eingeladen, und man erklärte ihr, dass es sich darum handle, Geschäftsleute, Konferenzteilnehmer und eventuell Diplomaten bei Anlässen zur Seite zu stehen, bei denen die dekorative Anwesenheit einer Dame erwünscht oder geboten war. „Sie werden nur repräsentative Pflichten übernehmen und bezahlt bekommen“, sagte ihr die Dame von der Agentur. „Wir sind kein Anbahnungsinstitut, und ich rate Ihnen deshalb dringend davon ab, über die mit uns abgesprochenen Bedingungen hinauszugehen. Sie sind eine gebildete junge Frau von nicht unattraktivem Äusseren und besitzen genau diesen diskreten Charme, der für diese Rolle erforderlich ist. Allerdings müssen Sie Ihre Garderobe dieser Aufgabe anpassen. Treten Sie mit einer gewissen Eleganz auf, jedoch ohne herausfordernd zu wirken. Mit Ihrer schlanken, beinahe knabenhaften Figur wird Ihnen das nicht schwerfallen, auch wenn Sie ein paar Zentimeter größer sein dürften, aber dieses fast unerhebliche Manko können Sie ja durch etwas höhere Absätze korrigieren.“

Paulette nahm an. Sie musste noch zu einem Fototermin vorbeikommen, und für ihren ersten Ausgang würde man ihr einen Vorschuss zur Beschaffung passender Garderobe zur Verfügung stellen.

„Sie werden die Herren hauptsächlich abends begleiten, zu Abendessen und Banketten, und sollten Opern- oder Theaterbesuche erwünscht sein, werden wir die Karten dafür besorgen. Alle Unkosten plus Ihr Verdienst und unsere Vermittlungsprovision werden dem Gast in Rechnung gestellt. Die Handhabung der administrativen Seite wird nicht Ihre Sache sein, wir haben dafür ein bewährtes System“, fügte die etwas gouvernantenhaft wirkende Dame noch hinzu, und damit war Paulette fürs Erste entlassen, nachdem sie noch ein Formular mit der Telefonnummer ihrer Vermieterin und ihrer Adresse ausgefüllt hatte.

Ihr Typ wurde tatsächlich hin und wieder verlangt, allerdings nicht allzu oft. Durchaus möglich, dass sich viele der Begleitung suchenden Herren doch ein Danach vorstellten, und ihr bei der Agentur hinterlegtes Konterfei diesen Wunsch einzulösen nicht versprach. Aber die wenigen Gelegenheiten, die sich ihr boten, versuchte sie, wenn es sich dabei um prominente Gäste handelte, in ein Interview umzuwandeln, natürlich nicht ohne ihr Gegenüber vorher fairerweise um die Erlaubnis gebeten zu haben, ob sie das Gespräch, wenn es wirklich interessant war und nicht ins Private abglitt, in einem renommierten Magazin veröffentlichen dürfe. So schlug sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie hatte den Gast unterhalten, ohne ihn auszuhorchen – nein, sie fragte ihn nach seiner Meinung zu aktuellen Themen, war er belesen, machte sie die Literatur zum Gegenstand der Unterhaltung oder sie fragte auch einfach, ob er sich in Paris wohlfühle und wie er es im Vergleich zu anderen Städten finde.

Sie bastelte daraus interessante, sogar witzige Artikel, indem die Dinge auch einmal aus der Sicht eines Nicht-Experten gesehen wurden, und erstaunlicherweise waren sie recht spannend, denn aus diesen Blickwinkeln betrachtet, bekamen viele Fragen eine ganz andere Farbe. Sie ging mit diesen kleinen Aperçus zur Redaktion von PARIS SEMAINE und manchmal wurden sie sogar gedruckt. Bald war die zierliche Studentin in der Redaktion nicht mehr ganz unbekannt und wurde als freie Mitarbeiterin auch bezahlt.

Mit der Zeit lernte sie auch einige Journalisten und Journalistinnen kennen; der Umgang war ungezwungen, fast kameradschaftlich. Sie war zwar keine der ihren, aber auch keine Konkurrenz. Von Zeit zu Zeit traf man sich auch zu einem night cup in einer Bar nach Redaktionsschluss, und als sie einmal aufgefordert wurde, mitzukommen, war sie froh, ihrem ansonsten hauptsächlich dem Studium gewidmeten Einerlei zu entkommen. Alle redeten munter durcheinander, aber es entging ihrer Aufmerksamkeit nicht, dass Yusuf Benjamin Shasira, offensichtlich algerischer Herkunft, und ein auf die ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika spezialisierter Berichterstatter, sie unverwandt ansah. Nach einer Weile setzte er sich neben sie und begann sich mit ihr zu unterhalten. Das Übliche: Herkunft, Studium ihr angestrebtes Ziel, ebenfalls Journalistin werden zu wollen, und wo sie denn wohne. Als sie ihre Pension erwähnte, sagte er plötzlich, das sei doch keine Lösung auf Dauer; er habe da eine Idee: „Von meinen Eltern habe ich eine sehr geräumige Wohnung in der Rue de l’Opéra geerbt, ganz in Ihrer Nähe, die ich praktisch nicht benutze, ich bin ja meist unterwegs, und ich finde es schade, dass sie beinahe immer leer steht. Sie könnten dort wohnen, für mich die Post aufheben, und wenn ich käme, um sie durchzusehen und zu erledigen, so stünden genug Räume zur Verfügung, dass wir uns nicht in die Quere kämen.“ Paulette sah ihn, den Mann irgendwo zwischen 30 und 40, den man einen Beau hätte nenne können, mit seinen mandelförmigen Augen in einem vollkommen symmetrischen Gesicht von klassischem Schnitt, der ganz leicht gebogenen Nase, den perfekt geschwungenen Lippen und der Gesichtsfarbe mit einer Ahnung von Olive getönt, nachdenklich an. „Was würden Sie denn verlangen als Miete?“ „Selbstverständlich nichts“, antwortete er. „Es geht mir ja hauptsächlich darum, dass die Wohnung nicht verkommt, denn wenn sich fast nie jemand um sie kümmert, werden Staub und Stickluft eine unbewohnbare Höhle aus ihr machen.“ „Ist sie möbliert?“, fragte Paulette. „Ja, und alles da, ein Salon, ein Esszimmer, drei Schlafzimmer, Küche und zwei Bäder, von denen, sollte ich einmal anwesend sein, ich mich selbstverständlich mit dem Kleineren begnügen würde.“ „Darf ich es mir überlegen?“, fragte Paulette etwas verunsichert. „Selbstverständlich, Sie können mich nächste Woche Donnerstag in der Redaktion finden und mir mitteilen, wie Sie sich entschieden haben.“ „Danke für dieses verlockende Angebot, wirklich sehr großzügig, aber warum haben Sie nicht längst jemanden gefunden?“ „Ach, einem Mann wollte ich sie nie überlassen, denn ich möchte, dass diese wirklich schöne Behausung endlich einmal gewürdigt und gepflegt wird, und Sie scheinen mir die geeignete Person zu sein. Selbst gepflegt und mit diskretem Auftreten, abgesehen davon, dass Sie sehr schöne Augen haben.“ „Sie geben mir doch die Wohnung sicher nicht meiner schönen blauen Augen wegen“, lachte Paulette. „Übrigens ist dies auf Deutsch ein idiomatischer Ausdruck, der bedeutet, dass die Sache einen Haken hat.“ „Ich versichere Ihnen, dass nicht“, meinte Yusuf Benjamin Shasira mit ernster Miene. „Da können Sie unbesorgt sein.“ Ob es stimmt, dass Männer immer lügen, fragte sie sich, versprach aber, ihm Bescheid zu geben.

Sie überlegte hin und her, um zu dem Schluss zu kommen: Warum eigentlich nicht! Sie musste ihn nur noch fragen, ob die Wohnung Telefonanschluss habe, den sie für ihre Nebenbeschäftigung unbedingt benötigte. Ihre Gespräche würde sie natürlich selbst bezahlen sowie Strom und Heizung, aber wie sie zu ihren Artikeln kam, würde sie Yusuf B. Shasira natürlich nicht erzählen. Sie sagte also ja und zog um, das heißt, außer ihren persönlichen Sachen gab es ja nichts umzuziehen, und die passten in ein Taxi.

Die Wohnung enthielt zwar nur wenige Möbel mit orientalischem Touch, war aber dennoch gemütlich eingerichtet. Er überließ ihr das größte der Schlafzimmer mit breitem französischem Bett. In einem der anderen kleineren würde sie ihr Büro einrichten, und da die Wohnung tatsächlich einen funktionierenden Telefonanschluss besaß, allerdings im Flur, würde sie sich einen Zweitapparat auf ihrem Schreibtisch zulegen. Nachdem Yusuf ihr alles gezeigt und noch seine Post durchgesehen hatte, die inzwischen für ihn bei der Concierge aufbewahrt worden war, wünschte er Paulette alles Gute und verließ die Wohnung.

Nach und nach veränderte sich das Gesicht des Interieurs, denn Paulette leistete sich einige Anschaffungen. Sie ersetzte die düsteren Vorhänge durch helle, aber dichte Florentiner Gardinen, nach der Seite gerafft, die hohen Fenster zur Geltung bringend, ein bequemes Sofa mit zwei dazu passenden Sesseln. Sie wählte Bezüge, die in Volants endeten, und erwarb einen Schreibtisch mit Büchergestell. Es kamen noch paar dekorative Lampen sowie Schalen und Vasen – Stil Art Deco – vom Flohmarkt dazu, ein paar schöne Gläser, die das bereits vorhandene Service ergänzten, und sonst noch einiges, wie Sets für den Esstisch, dessen wunderbar polierte Oberfläche sie nicht unter einer Tischdecke verschwinden lassen wollte. Alles in allem fühlte sie sich wohl.

Merkwürdigerweise gab es einen Flügel, auf dem sie ein paar in alte Rahmen gefasste Familienfotos verteilte, während sie sich fragte, wer denn wohl in dieser Familie die Kunst des Klavierspielens beherrscht hatte. Es war ihr bei der Besichtigung nicht in den Sinn gekommen, sich bei Yusuf danach zu erkundigen. Leider spielte sie kein Instrument.

Sie studierte, begleitete weiterhin Herren, in der jeweils zum Anlass passenden Garderobe, elegant, doch nicht allzu sexy, was auch gar nicht ihrem Typ entsprochen hätte. Nie aber ließ sie sich auf mehr ein als abgemacht, auch wenn der eine oder andere Kunde nicht abgeneigt gewesen wäre, mit ihr den Abend im Hotelzimmer ausklingen zu lassen.

Entweder die Agentur merkte nichts von ihren Artikeln, die sie nur mit ihren Initialen P.D. unterzeichnete, oder sie hatte nichts dagegen. Auf jeden Fall hörte sie von dieser Seite nie einen Kommentar. Yusuf schien sich nur für seine eigenen Artikel zu interessieren, denn er erwähnte sie nicht, wenn er gelegentlich kam, nie ohne sich vorher anzukündigen, aber der Chefredakteur ließ sie einmal zu sich rufen, um sich lobend zu äußern, und versprach ihr eine eventuelle Anstellung, sobald sie ihre Examen bestanden haben würde.

– 3 –

Eines Sonntags, Paulette hatte nach einem sich ziemlich in die Länge ziehenden Bankett, zu dem sie den Verkaufsleiter einer Elektronikfirma begleiten musste, etwas länger geschlafen, rief Yusuf an, um zu fragen, ob er wegen seiner Post vorbeikommen könne. Sie war noch müde, noch ungeschminkt, und bat ihn, ihr etwas Zeit zu lassen.

Er kam um 11 Uhr. Sie trug ein bequemes Hauskleid, als sie ihm öffnete, und führte ihn in ihr Büro, wo sie seine Post für ihn bereitgelegt hatte. Nachdem er sie durchgesehen und eingesteckt hatte, kam er in den Salon, wo er sie aber nicht fand. Sie war in der Küche, im Begriff Kaffee zu kochen. „Ich habe noch nicht gefrühstückt“, sagte sie. „Wollen Sie auch eine Tasse Kaffee?“ „Sehr freundlich, gerne.“ Die Küche hatte zwei Eingänge, einen zum Flur und einen ins Esszimmer, wo er im Türrahmen stand. Sie hatte ihn noch nicht oft gesehen, war aber jedes Mal erstaunt, wie gut aussehend er war. „Setzen Sie sich, ich werde den Tisch decken und dann kann’s losgehen.“ Er fragte, ob er helfen könne. „Nein, nein, ich komme allein zurecht, aber mögen Sie Croissants mit Konfitüre?“ „Eigentlich habe ich bereits Kaffee in einer Bar getrunken, aber ich leiste Ihnen gerne Gesellschaft.“

Paulette brachte den Kaffee, schenkte ihm und sich eine Tasse ein. „Wo kommen Sie denn um diese Zeit her?“ „Direkt vom Flughafen.“ „Sie reisen viel?“ „Ja, hauptsächlich nach Nordafrika und Nahost. Wie Sie wissen, bin ich diesem Ressort zugeteilt.“ „Muss interessant sein, aber auch nicht ganz ungefährlich, bei der ständig instabilen politischen Situation in diesen Ländern.“ „Man gewöhnt sich daran“, meinte er. „Ihre Familie stammt ursprünglich aus Algerien, nicht wahr.“ „Ja, aber bereits meine Großeltern sind nach Frankreich ausgewandert. Mein Großvater hatte ein Geschäft, Teppiche, aber mein Vater hat bereits in Paris studiert und eine Französin geheiratet. Er war Arzt und hat später diese Wohnung gekauft. Ich bin hier aufgewachsen, wollte aber nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten und bin sozusagen über den Umweg des Journalismus wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.“ „Fühlen Sie sich denn nicht als Franzose?“ „Doch natürlich, aber manchmal will man eben das Land, aus dem die Vorfahren stammen, kennenlernen, irgendwie fühle ich mich dorthin gezogen.“ Auch er fragte sie nach ihrem Ursprung und was sie nach Paris geführt hatte. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, aber nur teilweise, ihr Zusammenleben mit Edgar klammerte sie aus.

„Sie haben die Wohnung zum Vorteil verändert, sie gefällt mir so, wusste ich doch, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.“ Dabei sah er sie an, mit einem Blick, den sie lieber nicht deuten wollte. „Wer spielt denn auf diesem Flügel?“, fragte sie. „Meine Mutter war Pianistin, sie gab sogar Konzerte.“ „Und Sie, spielen Sie auch?“ Er lächelte. „Ja, sie hat es mich gelehrt, aber meine Fertigkeit auf diesem Gebiet hat, fürchte ich, sehr nachgelassen.“ „Würden Sie mir den Gefallen tun und trotzdem spielen, ich würde zu gerne hören, wie dieser Steinway klingt.“ „Das ist nicht Ihr Ernst, so ohne Noten?“ „Ja“, war ihre knappe Antwort. Er stand auf, hob den Deckel, setzte sich auf den Klavierschemel und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren.

Dann begann er zu spielen: Von Beethovens Tagebuch von Elise leitete er über zum Pianopart aus dem 2. Satz von Mozarts Konzert für Klavier und Orchester in D-Moll. Gerade diese Romanze war es, die Paulette seit jeher berührte. Sie fand, dass Mozart darin das Gefühl ultimativen Glücks eingefangen hatte, den Schmerz und die Freude zugleich, das Wesen der Liebe, in der das eine immer mit dem anderen einhergeht.

„Das spielen Sie auswendig“, sagte Paulette, als die letzten Töne verklungen waren. „Woher haben Sie gewusst, dass dieser 2. Satz mein Lieblingsstück von Mozart ist?“ „Intuition“, meinte er lachend. „Aber jetzt muss ich gehen.“ „Wohin denn?“, fragte Paulette. „Es ist doch Ihre Wohnung, werden Sie nicht hier übernachten? Ich kann Ihnen das zweite Schlafzimmer herrichten.“ „Nicht nötig“, meinte er. „Ich werde einige Freunde besuchen, am Montag in der Redaktion vorbeigehen, meinen Artikel abliefern und dann nach Algier zurückfliegen. Dort habe ich auch eine Wohnung und mein Büro, in dem ich meine Berichte und Kommentare abfasse.“

Merkwürdig, dachte Paulette, als er gegangen war. Ich mache jede Wette, er übernachtet in einem Hotel, weil es ihm aus irgendeinem Grund peinlich ist, mit mir seine eigene Wohnung zu teilen. Ob er in Algier eine Freundin hat, aber was könnte das für eine Frau sein?

Sie wusste wenig bis fast gar nichts über Nordafrika im Allgemeinen und Algerien im Besonderen. Sie beschloss sich zu informieren, um das nächste Mal, wenn er auftauchte, ein Gesprächsthema zu haben. Sie fand ihn faszinierend und an diesem Sonntag gelang es ihr nicht mehr, sich auf ihre Studien zu konzentrieren.

Sie beschaffte sich Bücher über Algerien, in denen die Geschichte dieses Landes seit der Besetzung durch die Römer, die Phönizier, die Türken und dann die Kolonisierung durch die Franzosen, die schließlich im algerischen Befreiungskrieg gipfelte, beschrieben wurde. Eine Tragödie voll blutiger Auseinandersetzungen, Hass, Missverständnisse, politischer Intrigen und Diskriminierung der eingeborenen Bevölkerung, besonders aber der Frauen auf der ganzen Linie, aber auch der Kampf einer Nation um ihre Identität und Menschenwürde, denn es war unmissverständlich, dass für die französischen Kolonisatoren das Wort Araber im verächtlichen Sinne gebraucht wurde wie ein Schimpfwort.

Den Algerienkrieg hatte Yusuf Benjamin wohl kaum mitgemacht, aber er kannte seine Folgen, da er als Korrespondent in diesem Lande tätig war. Wie fühlte er wohl als Algerier/Franzose, aufgewachsen in einer westlichen Kultur, dennoch wohl wissend um seine Wurzeln, verankert in einer orientalischen Welt, die, ob er es wollte oder nicht, einen Teil seines unbewussten Erinnerungsvermögens, das uns allen in die Wiege gelegt wird, darstellte? Paulette musste an den letzten Abschnitt einer Vorlesung von vielen denken, die Vladimir Nabokov vor amerikanischen Studenten, um ihnen die europäische Weltliteratur näherzubringen, über Swanns Welt gehalten hatte. Er endete mit einer für Marcel Proust so typischen Assoziation: „Wenigstens würde ich, wenn mir noch Kraft genug bliebe, um mein Werk zu vollenden, in ihm die Menschen (und wenn sie daraufhin auch wahren Monstern glichen) als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz – da sie ja gleichzeitig wie Riesen, die in die Tiefe der Jahre getaucht, ganz weit auseinander liegende Epochen streifen, zwischen die unendlich viele Tage geschoben sind – einnehmen in der Zeit.“

– 4 –

Paulette setzte ihre Studien fort, ebenso ihre gelegentlichen Engagements als begleitende Hostesse, aber sie hatte auch Zeit, um sich mit Kommilitonen und Kommilitoninnen zu treffen. Meist fanden sie sich mehr oder weniger zufällig in einem Café in der Nähe der Sorbonne wieder, um in einem gelegentlich heftigen Gespräch über Literatur, aber auch über Gott und die Welt zu diskutieren. Paulette, besaß die Gabe – meist wenn sie fand, jetzt ginge es nur noch um des Kaisers Bart und die Geduld verlor –, die Dinge mit einer humorvollen Bemerkung auf den Punkt zu bringen, um damit den in Streit ausartenden Wortgefechten die Spitze zu brechen, was ein allgemeines Gelächter zur Folge hatte. Das brachte ihr die Sympathie ihrer Kollegen ein, aber besonders die eines gewissen aus der Haute Bourgeoisie stammenden jungen Mannes namens Armand, der sie einfach fragte: „Wo verbringst du eigentlich mehr Zeit – in der Universität oder auf dem Truppenübungsplatz? – Denn mit deinen Schüssen aus der Hüfte bist du immer für eine Überraschung gut. Ich würde sagen, deine Treffsicherheit ist beinahe unnachahmlich, fast zu gut für ein so hübsches Wesen wie du.“ „Willst du damit ausdrücken, dass hübsche Frauen dumm zu sein haben?“ „Mag sein, dass ich diesem Vorurteil erlegen war, aber seit ich dich kenne, kommen mir Zweifel.“ Macho, dachte Paulette und meinte: „Vielleicht bin ich nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Entschuldige bitte, es tut mir leid, dein Weltbild ins Wanken gebracht zu haben.“ Es war spät geworden, man brach mit viel Getöse auf, „bis morgen“ und Küsschen, Küsschen. Armand begnügte sich damit, Paulette zum Abschied die Hand zu reichen, um sie dabei zu fragen, ob er sie einmal einladen dürfe. Warum und zu was?, dachte Paulette, aber sie sagte: „Gerne, unter der Bedingung, dass ich für mich selbst bezahle.“ Rasch kritzelte sie ihre Telefonnummer auf eine Serviette und reichte sie Armand. „Sollte ich eine Eroberung gemacht haben? – Ach was, diese Nummer wird mitsamt Serviette im nächsten Papierkorb landen. Keine Angst“, beschwichtigte sie sich, der der Gedanke an ein solches Stelldichein aus ihr unbekannten Gründen, über die sie auch gar nicht nachdenken wollte, eigentlich nicht behagte. Er sah doch gut aus, war intelligent und hatte Witz.

Eine Woche später, nachdem sie einige Male Armand flüchtig in den Vorlesungen gesehen hatte, die sie gemeinsam besuchten, läutete das Telefon. Armand meldete sich und schlug ein Abendessen in einem kleinen Restaurant ein wenig außerhalb der Stadt vor. „Warum so weit?“, fragte Paulette. „Ich hasse Nobelschuppen“ (natürlich, ohne zu sagen, dass sie derer schon aus beruflichen Gründen viel zu oft aufsuchen musste). Außerdem war Gala in Studentenkreisen nicht angebracht. „Es ist kein Nobelschuppen, im Gegenteil, aber es ist Frühling, und ich habe gedacht, immer nur Asphalt und Neon, davon haben wir ja im Winter genug.“ „Und wie kommen wir zu diesem Landgasthof?“, fragte sie. „Meine Eltern haben mir zum Baccalauréat ein kleines Cabriolet geschenkt.“ – Auch das noch – ein fils à papa. Laut aber erkundigte sie sich vorsichtshalber, welche Art von Garderobe da angebracht sei. „So einfach wie möglich – also abgemacht, ich hole dich um 19.30 Uhr ab, aber wo?“ Einfach für wen oder was?, schoss es Paulette wieder durch den Kopf, die sich nie dagegen wehren konnte, jede Situation unter mehreren Aspekten zu sehen. „Rue de l’Opéra No. 19, Paulette Decostine. A ce soir“, dann hängte sie auf.

In der Tat, beinahe unmerklich war es Frühling geworden, einer wie aus dem Bilderbuch. Die Bäume begannen ihre Blätter zu entfalten, ein lauer Regenschauer hatte die Luft gereinigt, die angenehm warm wurde und wie frisch gewaschen, doch noch ohne die belastende Schwüle des Sommers. Die Menschen begannen wieder zu lächeln, ein typisch europäisches Phänomen, das man in anderen Kontinenten, die nicht den vier Jahreszeiten unterworfen waren, nicht kannte. Paulette wurde fröhlich, auch wenn sie sich unter der Person Armand nicht viel vorstellen konnte und widmete sich, immerhin ein Zeichen dafür, dass ihr, die zu depressiven Stimmungen neigte, leichter ums Herz zu werden begann, der Inspizierung ihres Kleiderschranks.

Jeans oder Rock, T-Shirt oder Bluse? Zu guter Letzt entschied sie sich für ein einfaches Kleid mit kurzer Jacke, denn die Nächte waren noch kühl, und flachen Ballerinaschuhen. Ein wenig écolière, fand sie vor dem Spiegel, aber was bin ich denn anderes? Nicht zu bieder, nicht zu provozierend, wie immer, alles im Griff. Ein dezentes Make-up, eine sportliche Umhängetasche, fertig. Dann erklang die Türglocke. Anstatt den Summer zu betätigen, beugte sich Paulette aus dem Fenster und rief: „Ich komme“, denn für eine Studentin wohnte sie viel zu schön. Sie wollte nichts von sich preisgeben, unter gar keinen Umständen.

Unten wartete ein roter Alpha-Romeo Cabrio mit Armand an die Tür gelehnt, in Jeans und weißem Pullover. Paulette hatte nicht viel anderes erwartet. „Hübsch siehst du aus“, meinte er anerkennend und half ihr beim Einsteigen. Sie brausten los, fuhren durch die Stadt in Richtung Auteuil, und Paulette war wieder einmal verzaubert vom Licht dieser Metropole, das sie wie einen blauen Mantel umhüllte, den Seinebrücken und den Boulevards, auf denen weder der Verkehr noch das Kommen und Gehen der Menschen je stillzustehen schien. Es dauerte geraume Zeit, um aus Paris herauszukommen und um so etwas wie Natur vorzufinden, aber sie landeten dennoch auf einer Allee, von Platanen gesäumt, Felder begannen sich auszubreiten, Vögel jagten im Tiefflug den Fliegen nach, die Luft begann nach blühenden Sträuchern zu duften, und Paulette entspannte sich. Armand bog in einen Seitenweg; nach einem kurzen Waldstück kamen sie auf eine Art Lichtung, auf der ein flaches Gebäude stand, über dessen Tür das Schild Auberge du Genêt d’Or hing. „Um im Garten zu sitzen, ist wohl noch nicht die richtige Jahreszeit“, meinte Armand und schritt voraus ins Innere des Hauses mit einem nicht zu großen Speisesaal, in dem sogar ein Kaminfeuer brannte. „Früher war das hier ein Platz für Zigeuner, aber das ist schon lange her“, klärte sie Armand auf. „Und wo sind sie jetzt, die Zigeuner?“, fragte Paulette. „Weitergezogen, nehme ich an, viel weiter.“ Der Kellner brachte die Karte und für eine kleine Weile waren sie damit beschäftigt, die Speisefolge zu lesen. Paulette, die wenig aß, wählte eine einfache Vorspeise, als Hauptgang ein mit Zitrone gefülltes Coquelet, die Entscheidung fürs Dessert verschob sie auf später. „Du bist aber bescheiden“, meinte Armand, der sich etwas Üppigeres aussuchte. „Ist es, weil du darauf bestehst, selbst zu bezahlen?“ „Nein, nicht unbedingt, aber ein großes Menü essen zu müssen, verschlägt mir den Appetit.“ „Kleine Lügnerin, dabei siehst du aus, als würdest du dich hauptsächlich von Haferflocken ernähren.“ „Was hast du gegen Haferflocken? Sie sind sehr gesund. Nein, im Ernst, vielleicht weißt du nicht, dass ich in Deutschland aufgewachsen und dort auch zu studieren begonnen habe. Bei uns ist es nicht üblich, dass sich Studenten untereinander einladen. Man geht zusammen irgendwo hin, jeder zahlt für sich selbst, und damit ist niemand niemandem verpflichtet.“ Sie war frei, führte ihr eigenes Leben, eine Bindung, welcher Art auch immer, ausschließend.

Nach und nach kam das Essen. „Erzähle mir etwas von dir, wir alle wissen doch trotz der Tatsache, dass wir ständig zusammenhocken, fast nichts voneinander.“ „Ich bin in der südwestlichsten Ecke Deutschlands geboren, in Freiburg im Breisgau, was du kaum kennen dürftest, aber vielleicht sagt dir der Name Forêt Noire etwas. Die Wälder kommen fast bis in die Stadt. In zehn Minuten zu Fuß ist man bereits auf dem Weg in die dem Schwarzwald vorgelagerten Hügel. Als meine Eltern ums Leben kamen, wurde ich von meiner Tante großgezogen, als auch sie starb, beschloss ich, Freiburg zu verlassen.“ „Warum?“, fragte Armand. „Weil mein Vater Franzose war, und ich meine zweite Heimat kennenlernen wollte – so einfach ist das.“ „Du hast also keine Familie?“ „Keine“, war ihre Antwort. „Hast du auch von deines Vaters Seite niemanden?“ „Doch, aber sie schienen es ihm zu verübeln, eine Deutsche geheiratet zu haben, und so unterblieb die Pflege des Kontakts. Sie wohnen in Südfrankreich und eines Tages, wenn ich alles, was ich mir vorgenommen habe, geschafft haben werde, trete ich vielleicht aus dem Schatten, um sie wohlwollend zu überfallen.“ „Wieso erst dann?“ „Ich weiß es selbst nicht. Möglicherweise ist das eben die von mir selbst gewählte Reihenfolge.“ „Entschuldige die indiskrete