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Anfang Februar kehrt Christina verfrüht von einer Dienstreise zurück und möchte ihren Mann überraschen. Sie entdeckt ihn in flagranti. Erbost über den Seitensprung zieht sie aus und stürzt sich in den kommenden Monaten in ihre Arbeit beim Main Rundfunk. Da sie jedoch psychisch stark angeschlagen ist, schafft sie es nicht länger, mit ihren Moderationen zu überzeugen, infolgedessen verliert sie im Juni ihre Stelle. Als sie eine Einladung für ein Bewerbungsgespräch des französischen Fernsehsenders TF2 erhält, macht sich die junge Frankfurterin direkt auf den Weg nach Paris. Noch im Zug werden Erinnerungen an ihre erste Liebe, den Franzosen René, wach. Damals hatte er über Nacht ohne Angabe von Gründen jeglichen Kontakt abgebrochen. Aus Interesse, was aus ihm wurde, beschließt sie sich auf die Suche nach ihm zu machen. Während sie dank ihrer charmanten Ausstrahlung und ihren exzellenten Sprachkenntnissen beim Vorstellungsgespräch punkten kann, verläuft die Recherche zu ihrem Ex-Freund nur schleppend voran. Jede Spur scheint sich in Luft aufzulösen und erst als sie durch Zufall auf Renés Vater trifft, schöpft sie neue Hoffnung ihn wiederzufinden. Doch schon jetzt beginnt Chris zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, ihn zu suchen. Schmerzhafte Erlebnisse holen sie ein...
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2018
Paris
in 75 Scherben
Sophia Rhein
An der Studentin ist eine wahre Französin verloren gegangen. Bereits während der Schulzeit zog es sie immer wieder in das Nachbarland. Heute ist für sie ein Leben ohne Rotwein und Haute Couture schon fast unvorstellbar. So oft es ihr Zeitplan erlaubt, fährt sie nach Paris und im Sommer ist die Provence die Destination Nummer eins. Nur an den frômage wird sie sich wohl nie gewöhnen...
Sophia Rhein
Roman
ISBN
978-3-7469-2337-6 (Paperback)
978-3-7469-2338-3 (Hardcover)
978-3-7469-2339-0 (e-Book)
Text:
© 2018 Sophia Rhein
Cover:
© Vannycreates Coverdesign
Bildmaterial:
© Can Stock Photo / dima266f
Zeichnungen:
© Sophia Rhein
Verlag:
tredition GmbH, Hamburg
Im Namen der Sparkassenstiftung bedanke ich mich bei Ihnen, dass Sie mein Buch aufgeschlagen haben. Bevor ich Sie in achtzehn Kapiteln nach Frankreich entführen werde, möchte ich merci zu meinen Unterstützern sagen und Ihnen verraten, was der Anhang bereithält.
Liebe Anja Behrends, du hast viel Engagement in den Roman gesteckt. Durch deine Korrekturen und Anregungen hat Christinas Abenteuer den letzten Schliff bekommen.
Liebe Rosemarie Kimmel, als Lateinerin konntest du mir bei all den grammatikalischen Tücken unter die Arme greifen. Danke, dass du nicht die Ausdauer verloren hast, wenn zum x ten Mal m und n vertauscht wurden.
Comme l´histoire est située en France j´avais besoin de l´aide de deux vraies Parisiennes. Karine Delti-Beck et Saphéria Nguimbous, je vous remercie de m´avoir aider à améliorer mon style en français.
Im Anschluss des Buches finden Sie einen Zeitstrahl mit den chronologischen Ereignissen, da in der Erzählung einige Sprünge von bis zu zehn Jahren eingearbeitet sind. Die Wechsel zwischen der Haupthandlung und der Vergangenheit, die von 2013 bis 2017 spielt, sind grafisch voneinander getrennt. Schnell werden Sie den Hintergründen auf die Spur kommen und nach den ersten zwei Rückblicken nicht mehr im Anhang nachsehen müssen.
In einer Liste mit französischen Vornamen, einem Stichwortverzeichnis und einem Stadtplan von Paris erhalten Sie Informationen, die Sie, falls Sie unser Nachbarland noch nicht kennengelernt haben, benötigen, um voll und ganz in die Handlung einzutauchen.
Wer nach dem Schmökern Interesse an der Idee hinter der Geschichte hat, kann in einem Brainstorming all meine Gedankengänge im Laufe des Entstehungsprozesses entdecken.
Zudem werde ich im Annex auch ein paar Worte über die sozialen Projekte schreiben, die Sie mit dem Kauf des Buches unterstützen.
Jetzt möchte ich Sie nicht länger aufhalten und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen. Zunächst werden Ihnen die zahlreichen Sprachwechsel eventuell verwirrend erscheinen, jedoch ist dies notwendig, um das ständige Zerrissenheitsgefühl einer deutsch-französischen Fernbeziehung auszudrücken. Ich gebe mein Bestes und hoffe, Sie auf jeder Seite erneut fesseln zu können!
-liche Grüße, Sophia
Die in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Du bist mein Traum, ich mag dich so sehr.
Inzwischen weiß ich, auch du willst mehr.
Doch plötzlich ist es da dies´ komische Gefühl:
Von jetzt auf gleich bin ich ganz kühl.
Ich liebe dich, aber ich möchte nichts verpassen,
schaue nach Anderen – Ohne von dir zu lassen!
Ich will dich weder verletzen – Schon gar nicht verlier´n.
Deshalb werde ich all die Zweifel akzeptier´n.
Du beschützt mich vor der großen Einsamkeit.
Darfst nichts erfahren von der Unsicherheit.
Raube dir mit Worten den Verstand,
Innerlich doch gehe ich auf Abstand.
Und wünscht du dir Ernsthaftigkeit,
Dann ist das zwischen uns Vergangenheit.
Aber sei mir nicht bös´, es liegt nicht an mir,
es ist besser zu gehen und mein Herz zu kontrollier´n.
Sophia Rhein, 2017
Ich setzte den Blinker und mein blauer Mini bog in die Arndstraße ab. Diese lag im Frankfurter Stadtteil Westend und wurde von zahlreichen Bäumen, die ab Frühjahr wieder in einem satten Grün erstrahlen würden, gesäumt. Das Viertel zählte zu den ruhigen Wohnlagen der pulsierenden Bankenmetropole.
Im Schatten der Wolkenkratzer befanden sich hier beschauliche Zweifamilienhäuser neben Gründerzeitvillen und zwei Spielplätzen.
Hier hatten sich mein Mann und ich vor einem Jahr eine sonnendurchflutete Maisonette-Wohnung gekauft, in die wir uns auf der Stelle verliebten. Wir wünschten uns beide seit einiger Zeit Nachwuchs. Inständig hofften wir, dass es nicht mehr allzu lange dauerte, bis das Zimmer gegenüber der Küche ein Zuhause für ein Baby würde. In den Träumen sah ich bereits die Kleine oder den Kleinen in den Sommermonaten mit den Nachbarskindern Fangen spielen, herzlich über einen gelungenen Kinderstreich lachen und im Winter Lego-Burgen bauen.
Das Einzige, was ich an dieser Wohngegend, besser gesagt an Großstädten im Allgemeinen nicht mochte, waren die Probleme bei der Parkplatzsuche. Heute hatte ich jedoch Glück und fand einhundert Meter von unserem Eingang entfernt einen Stellplatz, in den ich den Wagen rückwärts hineindrängte. Parken strengte mich jedes Mal an und ich bemerkte, wie mein Rücken schweißnass wurde.
Vor dem Verlassen des Autos warf ich noch einmal einen kontrollierenden Blick in den Spiegel. Mir lächelte eine hübsche und erfolgreiche Frau Ende Zwanzig entgegen. Auch wenn sie von der Arbeit und der weiten Autofahrt müde war, sah man es ihr nicht an. Sie trug hochgesteckte Wellen, ein edles Etuikleid unter einem schicken Mantel, einen leuchtenden Lippenstift, der exakt dem Rotton der Haare entsprach und im Kontrast stand mit ihrem hellen Teint. Die Lady im Spiegel war es längst gewohnt, die Aufmerksamkeit vieler Männer auf sich zu ziehen. Dennoch wusste sie selbst, von wem allein sie sich mehr Beachtung wünschte. Seit einiger Zeit hatte sie das beklemmende Gefühl, dass er, ihr liebster Thilo, sich von ihr zurückzog, dabei war ihr die Zweisamkeit wichtig.
Um ihm zu gefallen, korrigierte ich das Make-up und legte etwas Rouge auf, bevor ich ausstieg und den Weg entlang der bunten Steinmauern lief.
In der einen Hand hielt ich ein kleines Geschenk für meinen Gatten. Mit der anderen zog ich einen prallgefüllten, pinkfarbenen Trolley, der schon mehr Orte der Welt erkundet hatte als die meisten Menschen, hinter mir her. Dienstreisen gehörten zu meinem Alltag, ganz egal ob es in den nahen Taunus ging oder in den Dschungel Brasiliens.
Ich arbeitete beim Fernsehsender des Main Rundfunks, hatte dort eine eigene Sendung und war des Öfteren über einen längeren Zeitraum außer Haus. Obgleich ich abends, wenn ich alleine im Hotel saß, mit Sehnsucht zu kämpfen hatte und Thilos Präsenz vermisste, liebte ich diesen Beruf über alles. Wahrscheinlich gab es in keiner anderen Branche so viel Abwechslung, wie bei uns im Fernsehen. Mal durfte ich in fremde Tätigkeiten schnuppern, Jobs für einen Tag ausüben, von denen ich zuvor nicht einmal gelesen hatte. Mal schoss in mir Adrenalin ins Blut, da ich im Selbstversuch Fallschirm sprang. Und mal traf ich auf inspirierende Persönlichkeiten, die das tägliche Leben durch ihr Handeln beeinflussten.
Diese Woche war ich in Berlin, dort hatte ich eine Dokumentation über die Pfaueninsel und ihre grazilen Bewohner gedreht. Das ganze Team hatte die letzten Tage hart gearbeitet und gehofft, dass die majestätischen Vögel im richtigen Moment ihr Gefieder aufstellten und in unsere Richtung blickten.
Obwohl es geplant war, dass ich morgen nochmal vor die Kamera sollte, wurde der Bericht einen Tag früher als erwartet fertiggestellt und ich konnte schon heute zurück nach Frankfurt fahren. Meinem Mann hatte ich davon jedoch nichts erzählt. Wir telefonierten nur wenig, während ich dienstlich unterwegs war. Wir hatten gemerkt, dass das Wiedersehen schöner war, wenn wir vorher nicht im ständigen Kontakt standen. Er würde sich bestimmt sehr über die Überraschung freuen, dieses Wochenende einen Tag mehr mit mir zu haben.
Vielleicht würden wir den heutigen Abend dazu nutzen, entspannte Stunden bei unserem Lieblingsitaliener zu verbringen und leckere Pasta zu essen, was für Thilo und mich bis vor einiger Zeit ein fester Bestandteil der Wochenendplanung war. Währendessen unterhielten wir uns über die Arbeitstage, die hinter uns beiden lagen und flirteten beim Espresso wie Teenager miteinander.
Solche Restaurantbesuche hielten unsere Beziehung stets frisch. Doch aufgrund der derzeitigen Arbeitsbelastung seinerseits fanden wir leider nur noch sporadisch einen Termin, an dem wir gemeinsam etwas unternahmen.
Er arbeitete als Ingenieur in einem mittelständigen Bauunternehmen und hatte, soweit ich informiert war, vor ein paar Tagen einen großen Auftrag an Land gezogen. Irgendein indischer Investor hoffte, in der Mitte Deutsch-lands einen Standort aufbauen zu können. Zweifelsohne brannte Thilos Zunge danach, mir von diesem Erfolg bei der Beratung und der anschließenden Verhandlung zu berichten. Dann würde er versuchen, zu veranschaulichen, was er in den kommenden Monaten realisieren wollte. Am Bau einiger der modernsten und wichtigsten Bauwerke hier in Frankfurt waren er und seine Firma beteiligt.
Ähnlich wie mich erfüllte auch ihn seine Arbeit. Er konnte sich stundenlang auf die Berechnung der Statik konzentrieren, wobei er die komplette Umgebung ausblendete. Nach der Fertigstellung waren seine Gebäude für ihn wie eigene Kinder. Voller Stolz zeigte er mir Mal für Mal bei Spaziergängen Konstruktionen und erzählte jeden Tag wechselnde Anekdoten, die er auf dem Bau erlebt hatte.
Ich suchte den Schlüsselbund, der sich wie immer in den Tiefen meiner Handtasche versteckt hatte und öffnete die Eingangstür. Beim Eintreten rief ich laut: »Hallo Schatz, ich bin schon zuhause.«
Die Wohnung blieb jedoch ruhig. Er musste ausgegangen sein oder die vielen Aufgaben im Büro wuchsen ihm wieder über den Kopf und er büffelte dort bis in die späten Abendstunden hinein. Beides für mich recht unerfreulich, da ich gerne mit ihm geredet und den Abend verbracht hätte.
Ich lief durch den Flur in die Küche. Hier blitzte alles, ich war sichtlich überrascht. Normalerweise wartete stapelweise Hausarbeit, wenn ich von einem längeren geschäftlichen Termin zurückkehrte. Oftmals spülte ich stundenlang sein Geschirr der letzten Tage, nur heute war es aufgeräumt.
Am Wasserhahn füllte ich mir ein Glas, lehnte mich gegen die Arbeitsfläche und trank es aus. Ich sah mir die Kochnische genau an und war immer noch überrascht, ein so sauberes Zuhause vorgefunden zu haben. Sollte ich vielleicht als Anerkennung ein leckeres Abendessen für uns zubereiten? Ich kochte zwar nicht gerne, aber da er sich die Mühe gemacht und für mich die Küche auf Hochglanz poliert hatte, konnte ich uns beiden etwas Gutes tun. Wie wäre es mit dem orientalischen Teufelshühnchen, das er besonders scharf mochte, kam mir in den Sinn.
Ich lächelte zufrieden und wollte mich schnell umziehen, um uns ein köstliches Dinner vorzubereiten. Ich legte sein Geschenk beiseite, später beim Essen würde ich es ihm geben. Dann ging ich die Stufen hoch, die zum Schlafzimmer und zum Bad führten.
Mit viel Liebe hatten wir die Wohnung eingerichtet. Wir besaßen nur wenige Möbel, jedoch alles, was wir uns gönnten, war dafür vom Feinsten. Über der Treppe hingen Bilder von unserer Hochzeit von vor drei Jahren, die wir im engsten Familienkreis bei Königsstein in der Galgenbergschlucht gefeiert hatten. Zwischen den Fotos fanden sich abstrakte Gemälde von Picasso und Miro an der Wand.
Zur Einrichtung inspiriert hatte Thilo und mich der erste gemeinsame Urlaub auf Lanzarote, einer Insel, die nur so von moderner Kunst erstrahlte und uns mit ihrer Schönheit in einen magischen Bann gezogen hatte.
Vor dem Badezimmer angekommen, hörte ich das Wasser laufen, war er also doch da? Ich stellte mir vor, wie er sich abduschte und die braunen Haare wusch. Zudem erwischte ich mich bei dem Gedanken, wie das feuchte Nass von den Bauchmuskeln abperlte und er sich an seinem besten Stück einseifte. Ich merkte, dass mir eine sanfte Röte ins Gesicht stieg.
Wie wäre es, wenn ich meinen Mann heute mal beim Duschen überraschte? Ähnlich wie im Bondfilm Skyfall. Wenn ich mich zu ihm stellte und wir leidenschaftliche Küsse austauschten, er mir dann mein tropfendes Kleid vom Körper riss. Danach würde er mich voller Verlangen ins Schlafzimmer tragen.
Im Kopf war ich längst schon ein paar Schritte weiter, als ich aufgeregt die Tür öffnete und hoffnungsvoll in das Bad eintrat.
Doch das erotische Gedankenspiel verflog im Nu. Er nahm mich nicht in den Arm, niemand küsste mich zur Begrüßung und zog mich samt Kleidung unter die Brause. Keiner freute sich, dass ich früher als geplant von der Dienstreise aus Berlin zurückkam – ganz im Gegenteil.
Ich konnte meinen Augen nicht trauen, was ich hier, in unserem Badezimmer in der tropischen Nebelhitze und inmitten von duftenden Showergels vorfand.
Vor mir standen Thilo und seine Sekretärin Julia, beide splitterfasernackt. Er stieß sie, die er einen kurzen Moment zuvor umarmt und hingebungsvoll geküsst hatte, von sich weg. Jegliche Farbe war plötzlich aus seinem Gesicht verschwunden. Ein Blick nach unten offenbarte die Erregung meines Mannes. Schlagartig wurde mir bewusst, warum ihn in letzter Zeit immer so viel Arbeit im Büro erwartete. Große Aufträge für ausländische Investoren? Von wegen! Große Brüste beschäftigten ihn und hielten Thilo davon ab, zeitig heimzukehren.
Vor Schock empfand ich zunächst nichts, weder Wut, noch Enttäuschung oder Schmerz. Ohne ein Wort drehte ich mich deshalb um und verließ kurzerhand das Bad. Ich war zu gestresst von der Woche, um über das Vorgefallene zu streiten oder ihm Vorwürfe zu machen.
Er aber griff hastig ein Handtuch, wickelte es sich um die Hüfte und hechtete mir hinterher: »Christina, warte, warte, es ist nicht das, wonach es aussieht.« Thilos Stimme klang jedoch nicht nach einem Missverständnis. Vor allem hätte er sich keinen dümmeren Spruch als diese von Serien ausgelutschte Phrase ausdenken können.
Ich war im falschen Film, in einer der zahlreichen Daily Soaps, bei welchen ich zu Beginn meiner Karriere mitspielte und solche Szenen zu einer aussichtsreichen Folge dazugehörten.
Nur standen wir nicht im Studio, sondern in der gemeinsamen Wohnung. Hier hingen keine Kameras und ich besaß keine Regieanweisungen, die mir mein Verhalten vorgaben. Er, die Sekretärin, die Dusche, mehr brauchte und wollte ich für den Augenblick gar nicht wissen.
Böse Gedanken flüsterten mir zu, dass es sich hierbei nicht um einen einmaligen Ausrutscher meines Mannes handelte. Die Affäre dauerte möglicherweise schon ein Jahr an, denn seitdem hatten Thilo und ich kaum Sex. Ich fühlte mich von ihm nicht mehr begehrt. Wir lagen abends nur noch nebeneinander, lasen Bücher und schalteten dann oftmals ohne Gutenachtkuss das Licht aus. Nur die wenigen Tage, an denen ich schwanger werden konnte, bildeten eine Ausnahme.
»Okay, Christina. Du weißt, was eben passiert ist«, gab er zu und versuchte, meinen Arm zu ergreifen, »lass uns reden.«
»Reden?«, nein, danach war mir nicht. Ich riss den Arm aus seinen Fängen und zischte wütend: »Ich weiß nicht worüber.«
Er legte einen Zahn zu, überholte mich, stellte sich mir in den Weg und flehte: »Bitte, ich liebe nur dich. Das mit ihr hat nichts zu bedeuten, es ist rein sexuell. Vergib mir. Du musst mir einfach verzeihen.«
Wie ich es ihm gesagt hatte, wusste ich wirklich nicht, was ich ihm in diesem Moment hätte antworten können. Ich stieß ihn zur Seite und lief ins Schlafzimmer. Zum ersten Mal fuhr ein Stich durch mein Herz, trieben sie es hier etwa auch? In dem Bett, das ich bereits als Schülerin hatte? Wurde ich hier betrogen, in der Bettwäsche, die ich wechselte und an die ich Erinnerungen an eigene wilde Nächte hatte?
Von meiner Kälte geschockt blieb er im Türrahmen stehen und quasselte irgendetwas von einer Entschuldigung. Sagte, dass es ein riesiger Fehler gewesen und nur seine Sekretärin hierfür verantwortlich wäre. Ich hörte gar nicht richtig zu, es interessierte mich in diesem Moment nicht. Außerdem verriet mir das Zucken seiner Nasenflügel, dass er gerade dabei war, mir ins Gesicht zu lügen.
Thilos Aussagen zufolge liege natürlich alles nur an der jungen Frau, die so aufdringlich war und unter der engen, weißen Bluse einen schwarzen BH trug. Die offenen Knöpfe oberhalb des D-Körbchens sprachen sein männliches Ego an. Sein hormongesteuertes Gehirn wurde falsch gelotst und habe ihn dazu getrieben, mit ihr zu schlafen, wieder und immer wieder. Nur die Gene und Julia hätten die Verantwortung zu tragen, nicht aber er.
Nun stiegen erste Tränen in meine Augen, ich versuchte, sie wegzuwischen. Doch als es schließlich mehr wurden, gab ich es auf und packte weinend ein paar frische Kleidungsstücke zusammen, nahm eine alte Reisetasche aus dem Schrank und lief vollgepackt aus dem Haus.
Die nächsten Stunden konnte ich unmöglich hier verbringen, ich wollte ihn nicht sehen, nicht jetzt. Die Anwesenheit meines Mannes würde mich zu sehr verletzen.
Nicht einmal zehn Minuten waren vergangen, seitdem ich, erfreut über den frühen Feierabend, das Auto verlassen hatte. Nun saß ich erneut im Fahrzeug und wusste nicht, wo ich hinfahren sollte.
Sekunden hatten mein ganzes Leben schlagartig verändert und das scheinbare Glück aus der Ehe katapultiert. Er hatte unser schönes Zuhause kaputt gemacht, die Liebe mit Füßen getreten und vor allem hatte er mir gezeigt, wie wenig ihm das gemeinsame Umfeld bedeutete; das schmerzte zutiefst!
Umgehend rief ich Marta an, eine Freundin, deren sonniges Gemüt immer ansteckte und mir mit ihrem spanischen Temperament stets Lebensmut spendete. Wenn mir heute jemand wirklich helfen und mir vielleicht sogar ein kleines Lachen entlocken konnte, dann war sie es.
Bereits beim zweiten Klingeln nahm sie ab und meldete sich: »Hola, Christina. Qué tal estás? (Hallo Christina, wie geht es dir?)«
»Hi.« Meine Stimme bebte, tausende Dinge lagen mir gerade auf der Zunge, dennoch fiel es mir schwer, zu beginnen. Nach tiefem Einatmen stotterte ich schließlich: »Gar nicht gut.«
»Was ist denn los, Süße?«, fragte sie mich besorgt. Wenngleich ich sie nicht sah, spürte ich, dass ihr Lächeln aus dem Gesicht verschwunden sein musste.
Statt ihr zu antworten fing ich nun an, bitterlich zu weinen.
»Oje Guapa, meine Hübsche, nicht doch, dein Schluchzen zerreißt einem ja das Herz.« Einige Zeit verging, bis sie hinzufügte: »Willst du mir erzählen, was passiert ist?«
»Thilo hat…« Ich schaffte es nicht, den Satz auszusprechen, zu viel Schmerz blockierte meine Lippen.
»Er hat dich verlassen?«, folgerte Marta.
Langsam fand ich die Kraft, zu sprechen: »Nein, er hat eine Affäre.«
»Typisch Mann, von ihm hätte ich das jedoch niemals erwartet.« Ihr eben noch so sanfter Ton färbte sich mit Wut. Wahrscheinlich war sie aufgesprungen und raufte sich vor Entsetzen ihre dunkle Mähne.
Schüchtern sprach ich weiter: »Was soll ich bloß tun? Wo kann ich jetzt hingehen?«
»Ersteres weiß ich nicht. Aber wo du hinkannst, na, zu mir, du darfst so lange bleiben, wie du möchtest.« Ich hörte, wie sie sich beruhigte.
»Danke«, hauchte ich in den Hörer.
Die Spanierin seufzte: »Schatzi, dafür sind doch Freunde da, oder? Für euch steht die Tür bei mir immer offen.«
»Ja.« Ich hatte schon oft bemerkt, dass man in schwierigen Zeiten auf sie zählen konnte.
»Ich habe dich sehr gerne und freue mich, wenn du zu mir kommst, obwohl ich wünschte, dass es unter anderen Umständen wäre«, fügte sie hinzu.
Das Telefonat mit ihr spendete mir wie erwartet Trost. »Danke, ich bin auch gerne bei dir und Daniel.«
»Wo bist du derzeit?«, erkundigte sich Marta.
»Im Auto«, gab ich von mir.
Sofort erwiderte sie bestimmend: »Lass den Wagen bitte stehen und nimm den Zug, ich möchte nicht, dass dir etwas passiert. Du bist schon einmal vor Jahren in diesem Zustand gefahren, damals ging es Gott sei Dank glimpflich aus, wer weiß, ob es diesmal gut gehen wird.«
»Mhh.« Leider hatte sie recht. Autofahren und einen Unfall zu provozieren, womöglich weitere Verkehrsteilnehmer zu gefährden, fehlte noch.
»Hörst du?«, fragte sie.
Dann sagte ich ihr: »Ja, ich komme mit dem Zug.« Entzückt rief sie: »Perfekt, bis später, ich backe uns einen Kuchen, du brauchst jetzt ganz viel Zucker und einen doppelten Carajillo.«
»Super, du bist einfach die Beste«, versuchte ich, mit Begeisterung zu antworten, und meinte das Kompliment ernst.
Marta wiederholte: »Das hätte ich von Thilo wirklich nicht erwartet, er hat dich immer so lieb angesehen. Ich dachte, er wäre der Richtige. Wir reden gleich.« Ohne ein weiteres Wort legte ich auf.
Seit dem letzten Blick in den Rückspiegel des Autos waren zwanzig Minuten vergangen, in meinem Gesicht dagegen Jahre. Die schwarze Wimperntusche hatte meine Wangen hässlich eingefärbt. So durfte ich unmöglich unter die Menschen gehen, denn in ganz Hessen war ich darauf gefasst, dass mich Fremde ansprachen und nach einem Autogramm baten. Tränen warfen nicht nur ein schlechtes Licht auf mich, sondern auch auf den Sender und könnte sich somit negativ auf meine Karriere ausüben. Heute würde ich nicht, wie versprochen, den Zug nehmen, ein Taxi sollte es sein. Ich hätte eh ein kleines Vermögen ausgegeben, wenn ich mit Thilo zu Giovanni auf der Zeil essen gegangen wäre. Der Italiener war in ganz Frankfurt dafür bekannt, den Gästen die teuersten Nudelgerichte zu servieren.
Als ich auf der Rückbank des Taxis saß, ging ich gedanklich unsere Beziehung durch und rätselte über seine Gründe für den Betrug. Haben wir zu schnell geheiratet? Hätten wir noch warten sollen, bevor wir den Bund der Ehe eingingen? Lag es am bisher unerfüllten Kinderwunsch? Möglicherweise störte ihn auch, dass ich viel Engagement in die Arbeit steckte und er deshalb oft hinten anstand. Wie Marta war ich davon ausgegangen, nachdem die erste, große Liebe zerbrach, nun endlich den richtigen Mann gefunden zu haben. Ich blickte aus dem Fenster, inzwischen regnete es, die Welt weinte nun mit mir.
Bei der Spanierin angekommen hatte ich die Schulter, die ich in diesem Moment brauchte. Ich durfte mich bei ihr anlehnen und konnte den Kummer bei einem oder zwei Stückchen katalanischen Orangen-Mandel-Kuchen fast vergessen.
Wir sahen fünf Stunden lang Gossipgirl, ohne ein Wort zu wechseln, dennoch tat mir ihre Anwesenheit gut. Sie gab mir Kraft und das Gefühl, dass ich trotz aller Probleme niemals alleine sein würde. Ich hatte Menschen um mich herum, die zu mir standen und die jederzeit ein offenes Ohr für meine Sorgen hatten.
Warum musste sie bloß eine Frau sein? Sie wäre eine wahre Perle unter den Männern.
Ich genoss die drei Wochen bei Marta und ihrem Lebensgefährten, die trotz Liebeskummer sehr schön waren. Wir gingen Essen, ins Kino und unterhielten uns über vergangene Zeiten.
Für ihren Beistand in den schweren Tagen wollte ich mich bei ihr erkenntlich zeigen und sprach sie deshalb eines Nachmittags an: »Ich werde dir niemals genug dafür danken können, dass du mich aufgenommen hast und ich bei dir wohnen darf.« Währenddessen holte ich ein Geschenk hinter meinem Rücken hervor.
»Nein, das brauchst du nicht. Es ist selbstverständlich, dass ich dir helfe, wenn du dich in einer Notlage befindest. Du würdest für mich das Gleiche tun.« Trotzdem griff sie sofort zu und sah es sich näher an. Von der Größe entsprach es einer Pralinenschachtel und war in orangenes Papier gepackt. Sie schüttelte es und versuchte, anhand des Tons herauszufinden, was es sein könnte.
»Pack´ es aus«, forderte ich sie auf. Vorsichtig löste sie das Band und das Geschenkpapier, das sie noch von dem Blick auf das Innere abhielt. Kurz schmunzelte sie, dann war ihre Geduld verschwunden. Voller Erwartung riss sie das Päckchen auf und hielt ein Schmuckkästchen in der Hand. »Du hast mir doch nicht etwa…«, sie stockte und öffnete das Etui, aber außer einem hauchendem Oh, verschlug es ihr die Sprache, was bei Marta sonst eher selten vorkam.
»Ja, es ist das Collier, das wir letztens im Schaufenster zusammen bestaunt haben«, entgegnete ich ihr.
»Oh Wahnsinn, danke! Du musst unbedingt dabei sein, wenn ich diese wunderschöne Kette das erste Mal trage. Wollen wir heute Abend in den neuen Club Passion gehen?«
Ich war wenig begeistert über ihren Vorschlag, nicht einmal in der frühesten Jugend bin ich gerne in der Diskothek gewesen. Da sie jedoch schon seit jeher viel ausging und ich ihr eine Freude machen wollte, stimmte ich missmutig zu.
Bevor wir mit dem Abendstyling begannen, stellten wir uns vielversprechend vor Martas Wandschrank. Aussuchen hieß bei uns, zahlreiche Kleidungsstücke und Make-ups auszuprobieren und mit sämtlichen High Heels, die in unzähligen Paaren auf uns warteten, durch die Wohnung zu stöckeln. Es konnte Stunden dauern bis wir uns beide mit dem Outfit zufriedengaben.
Ich wählte ein cremefarbenes Cocktailkleid und blaue Pumps, mit denen ich in schwindelerregender Höhe zu schweben schien. Meine Freundin, wie könnte es anders sein, entschied sich für die Signalfarbe rot. Sie sah umwerfend aus, nur die auffälligen, gelben Schuhe hielt ich für übertrieben. Die Farben Spaniens aber mussten bei ihr stets allgegenwärtig sein.
Nach einer kurzen Fahrt mit der Bahn saßen wir uns in einer hippen Bar gegenüber und tranken je einen Frankfurter Ebbelwei und anschließend einen Cocktail. »Apropos, Sex on the Beach, hast du schon mal...« Marta war auch heute Abend neugierig wie immer. Mir dagegen fiel es schwer, dieses Thema zu besprechen.
Ich gab ihr einen leichten Stoß und fügte gespielt prüde hinzu: »Pff, also echt.«
»Es gibt bestimmt ein kleines, anstößiges Geheimnis, das du noch niemanden anvertraut hast? Jeder hat Leichen im Keller«, setzte sie hartnäckig fort.
Während der Alkohol langsam die Sinne benebelte, lockerte sich meine Zunge. Ja selbst ich hatte ein oder zwei Jugendsünden, von denen ich bisher kaum jemandem erzählt hatte: »Ich habe mal ein Mädchen geküsst!«
»Wie? So richtig? Hast du etwas für sie empfunden?« Das Geständnis hatte Marta geschockt. Sie beugte sich über den Tisch und musterte mich. »Das glaube ich nicht.«
»Du wolltest doch, dass ich dir von meinen verkorksten Erinnerungen erzähle. Gefühle hatte ich keine, wir waren betrunken und dann ist es passiert. Soweit ich weiß, hatte sie damals bereits einen Freund«, beruhigte ich sie.
Ihre Körperhaltung veränderte sich, dennoch konnte ich nicht deuten, was sie mir mitteilen wollte. Ein paar Sekunden verblieb sie so, plötzlich grinste sie mich an und sagte verschmitzt: »Ich kann mir bei dir viel vorstellen, es heißt ja, stille Wasser gründen tief. Aber das kaufe ich dir erst ab, wenn du heute nochmal eine Frau küsst.«
»Oh Mann, Marta, du bist so anstrengend, wie hält es Daniel nur mit dir aus?«, ich musste lachen.
»Top, die Wette gilt!« Sie hielt mir ihre Hand entgegen und ich, angeschwipst vom Tequila, schlug ein. Na, das würde ja eine Nacht werden, dachte ich mir.
»Vamos! (Auf geht´s!)«, rief sie und zog mich zur Theke, um nach dem Bezahlen zum Passion aufzubrechen. Dort dröhnte schon außerhalb die Musik in voller Lautstärke. Ich wusste, dass ich den Studenten wie eine öde Rentnerin vorkäme, weil ich Ohropax aus meiner Tasche holte. Damit konnte ich leben, nie mochte ich es, wenn das Trommelfell vibrierte. Vor allem störte es mich, wenn das Ganze von elektronischen Beats ausgelöst wurde, die ich im Radio immer weg schaltete. Bei Punk Rock, wie von Green Day hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.
Drinnen erschlugen uns die Wärme, der Schweißgeruch und der Zigarettenqualm, der trotz des Verbots in der Diskoluft schwebte. Ähnlich hoch wie der Rauchanteil lag inzwischen mein Alkoholpegel. Mir fiel es bereits jetzt schwer, gerade zu stehen.
Marta griff meine Hand und führte mich in die Mitte des Dancefloors. Sie fing an, mit ihren Hüften zu wackeln, und glich dabei einer türkischen Bauchtänzerin: »Tina, du auch. Heute sind wir achtzehn!«
»Ich fühle mich eher wie einundachtzig, so wackelig bin ich nach dem Cocktail auf den Beinen«, schmunzelte ich.
»Einundachtzigjährige knutschen keine Mädchen«, folgerte sie spitz. Beim Wetten mit ihr ging es nie um irgendetwas Materielles, stattdessen bedeutete es, dass man sich ewig anhören musste, warum sie jedes Mal gewann. Und den Spruch mit der alten Dame würde sie nun sowieso für immer gegen mich verwenden.
Ich nahm allen Mut zusammen, umfasste Martas Taille und näherte mich ihren Lippen. Die sonst so temperamentvolle Spanierin wich mir aus und hob ihren Zeigefinger: »Okay, ich glaube dir, Christina. Du hattest Recht.«
Sofort musste ich breit grinsen: Nun konnte auch ich den Abend unbeschwert genießen und war froh, nicht doch noch eine fremde Frau küssen zu müssen. Unvorstellbar wie meine Eltern darauf reagiert hätten, wenn ein Bild von einem weiblichen Partyflirt mit mir auf der Titelseite der InMode erscheinen würde. Sie waren eh nicht begeistert davon, wie bekannt ich durch das Fernsehen geworden war.
Durch die gewonnene Wette wurden meine Haltung leichter und endlich auch die Bewegungen leidenschaftlicher. Zum ersten Mal seit Langem hatte ich mal wieder richtig Spaß, tanzte und genoss den Rausch. Für einen Moment waren sämtliche Sorgen und Zweifel bezüglich meiner Ehe wie weggewischt.
Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, wie mir der Barkeeper bewundernde Blicke zuwarf. Ich erwiderte stets den Flirtversuch mit einem Zwinkern. Marta blieb das Ganze nicht unbemerkt und versuchte, mich dazu zu ermutigen, an die Theke zu gehen. Ich aber schüttelte den Kopf, während ich mich komplett dem Rhythmus der Musik widmete. Von einer Beziehung in die Nächste zu hüpfen war nicht meine Art und unverbindliche Liebeleien erst recht nicht. Nach einer Trennung brauchte ich Monate, um wieder zu mir zu finden. Zudem hoffte ich noch auf ein Lovecomeback mit Thilo.
Selbst wenn ich bereits offen für etwas Neues wäre, hätte ich ihm trotzdem einen Korb gegeben. Ich war ein Karrieremensch und erwartete das Gleiche von potentiellen Partnern. Auch vom Äußerlichen entsprach er mit den breiten Schultern und seiner alles überragenden Größe nicht dem Typ Mann, der mein Interesse auf sich zog. Mein angekratztes Selbstbewusstsein suchte lediglich nach einer Bestätigung, dass Thilos Affäre nichts mit mir und meinem Aussehen zu tun hatte.
Plötzlich stach es im Herzen, ich nahm Marta ihren Cocktail aus der Hand und trank mehrere Schlucke bis mich der Alkohol die Sorgen erneut vergessen ließ. Einige Lieder später flüsterte ich meiner Freundin ins Ohr, dass ich mich schnell frisch machen wollte und sofort zurückkommen würde.
Tanzend schlug ich die Richtung der Waschräume ein und lief an dem durchtrainierten Barkeeper vorbei.
Als ich Sekunden danach vor dem Spiegel im Bad stand, merkte ich, wie betrunken ich wirklich war. Ungeschickt angelte ich meinen Lippenstift aus der Handtasche und ließ ihn dabei versehentlich fallen. Vorsichtig, da mich mein Alkoholpegel im Blut zum Taumeln brachte, beugte ich mich, um ihn aufzuheben. Beim Aufrichten stieß ich auf einen Widerstand, nahm meine ganze Kraft zusammen und versuchte, ein weiteres Mal aufzustehen. Wieder hinderte mich der gleiche Widerstand daran. Bevor ich begriffen hatte, warum ich mich nicht erheben konnte, sah ich kräftige Arme um mich fassen und zu jemandem hinziehen.
Schlagartig wurde mir der Ernst der Situation bewusst. Der Alkohol, der eben noch durch meine Gehirnzellen floss und mitverantwortlich für mein Hochgefühl war, verschwand. Alles um mich herum war wieder klar und deutlich.
Gepuscht durch massenhaft Adrenalin, das mein Körper gerade ausstieß, schlug und trat ich wild um mich. Warum war ich den Wünschen meines Vaters, einen Kampfsport zu erlernen, nicht nachgekommen? Zig Stoßgebete schickte ich nach oben, was blieb mir denn anderes übrig? Schreien wäre bei der Lautstärke, die in der Diskothek herrschte, nicht nur zwecklos, sondern koste zudem einiges an Energie. Mit dem Ellenbogen traf ich die Nase des Barkeepers und tatsächlich schaffte ich es daraufhin, mich loszureißen. Sofort rannte ich in die rettende Kabine.
Leider brauchte ich beim Schließen der Tür einen Moment zu viel. Schon hatten Finger, die mindesten doppelt so dick waren wie meine, zwischen den Spalt gefasst und ich bemerkte wie er mit aller Kraft gegen die Tür drückte. Ich stemmte mein ganzes Körpergewicht dagegen und hoffte, dass ich, solange standhalten würde, bis jemand in die Toilette kam.
Ich wusste nicht, wie lange ich kämpfte, waren es wenige Sekunden oder gar Minuten? Doch plötzlich merkte ich, wie der Mann Überhand gewann und versuchte, gewaltsam in die kleine Kabine einzudringen. Hielt ich es eben noch für eine geniale Idee, mich hierher zu retten, war mir nun bewusst, dass ich blindlings in die Falle getappt war. Es gab kein Entkommen mehr. Was würde dieser Mensch wohl mit mir anstellen?
Voller Verzweiflung und Hilflosigkeit kreischte ich. Wie ich erwartet hatte, hörte ich kaum meine eigenen Worte. Wie sollte das denn jemand anderes erst bemerken? Mein Herz schlug vor Angst so schnell, dass ich befürchtete, in Ohnmacht zu fallen.
Dann, auf einmal fand ich einen Ausweg aus dieser gefährlichen Situation. An der Tür ließ ich mich auf den Boden sinken, zog meine High Heels aus, erhob mich mit einer neunzig Grad Drehung und schlug mit den dünnen Absätzen auf seine Hände ein.
»Au! Du Miststück!«, schrie er und gab für wenige Sekunden nach. Ich nutzte die Gunst des Augenblicks und donnerte die Tür zu, um sie mit dem Riegel abzuschließen. Draußen schien er nun zu randalieren, ich hörte ihn brüllen: »Du Lesbe, die Liebe zwischen Mann und Frau ist die einzig wahre. Dich würde ich gerne zu deinem Glück zwingen.«
Lesbe? Wieso das? Spinnt der? Jetzt dreht der wohl völlig durch!
Ich brauchte Zeit, um zu verstehen, was er mir gerade gesagt hatte. Ich musste während meines tapferen Kampfes gegen diesen Riesen den ganzen Abend vergessen haben, denn erst jetzt dachte ich wieder an Marta und die dumme Wette, die mich anscheinend in diese Zwickmühle geführt hatte. Wie vom Blitz getroffen, der mein Gehirn auf Reset setzte, begann sich die Freundschaft für mich fast in Hass umzuwandeln. Sie hatte mich dazu überredet, hier ins Passion zu gehen, auf ihrem Sofa wäre das nicht passiert.
Noch immer schrie der Barkeeper im Waschsaal herum. Ich setzte mich auf den Klodeckel und hielt mir die Ohren zu. Solange niemand kommen würde, wäre ich hier auf einer Fläche von weniger als einem Quadratmeter gefangen. Schrecklich für jemanden, der wie ich zu Klaustrophobie neigte. Tränen schossen mir in die Augen. Ach Thilo, wärst du nur hier. Warum überfiel mich ein Mann, den ich nicht wollte? Und du, mein Herzblatt, interessierst dich nicht mehr für mich. Warum?
Plötzlich wurde es still im Bad. Ich beugte mich, um unter dem Spalt der Tür durchzusehen. Erleichtert stellte ich fest, dass er endlich gegangen war. Dennoch blieb ich noch einige Zeit hier sitzen, um den Schock zu verdauen. Erst als Wut gegenüber Marta in mir aufkochte, verließ ich meine Kabine. Wo zur Hölle ist sie bloß? Warum hatte sie sich nicht gewundert, wo ich denn so lange blieb?
Rücksichtslos drängte ich mich durch die feiernde Menge und hielt suchend nach ihr Ausschau. Bei ihrem Anblick, wie sie glücklich zu der lateinamerikanischen Musik tanzte, stieg mein Ärger ins Unermessliche. Ich wusste selbst, dass es gemein war, sie verantwortlich zu machen, aber ich brauchte einen Sündenbock. Nachdem ich sie erreicht hatte, fasste ich grob nach ihrem Arm und zog sie aus dem Mittelpunkt der Tanzfläche, um mit ihr den Club zu verlassen.
Verdutzt sah sie mich an und fragte: »Was ist denn mit dir auf einmal los? Ich dachte, du hättest dich gerade mit dem Hengst von der Theke amüsiert. Warum bist du jetzt so schlecht gelaunt?«
»Lass uns gehen. Vielleicht schaffen wir noch den letzten Zug«, fuhr ich sie an und lief los und blieb ihr eine Antwort auf die Frage schuldig. Noch immer überrascht folgte sie mir und bemerkte, dass mit mir etwas nicht mehr stimmen konnte. Da sie jedoch ein gutes Gespür für andere Menschen besaß und davon ausging, dass ich nicht reden wollte, hakte sie nicht weiter nach und hielt schweigend mit mir Schritt.
Verkatert wachte ich am nächsten Morgen auf. Das Licht blendete und mit brummendem Kopf schleppte ich mich für eine Dusche ins Bad. Dort sackte ich zusammen und fing an zu schluchzen.
Von meinem Gejammer wach geworden, stürmte Marta hinein und stieg zu mir unter die Brause. Innerhalb von Sekunden zeichneten sich ihre weiblichen Rundungen unter dem nassen Nachthemd ab. Zärtlich legte sie ihren Arm um meine Schultern. Über Nacht hatte ich die grundlose Wut auf meine Freundin vergessen, aber hatte trotzdem den Entschluss gefasst, dass es besser wäre, wenn ich bei ihr auszog.
»Thilo weiß gar nicht, was er gestern verpasst hat. Mit dir Zeit zu verbringen ist immer schön«, seufzte sie.
»Danke für alles. Aber ich kann nicht bleiben, ich muss in meinen eigenen vier Wänden sein und endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen. Und vor allem, möchte ich auf Geschäftsreisen gehen. Die drei Wochen, die ich nur im Studio verbracht habe, haben mir gezeigt, dass dies definitiv kein geeigneter Arbeitsplatz ist«, sagte ich ihr. Was in der Nacht vorgefallen war, behielt ich jedoch für mich.
Obwohl Marta es niemals zugegeben hätte, zeigte mir ein Nicken ihrerseits, dass auch sie froh wäre, sollte das Wohnzimmer bald wieder ihr gehören: »Hast du denn schon eine Alternative gefunden?«
»Ich habe noch nicht geschaut. Um ehrlich zu sein, weiß ich auch gar nicht, was ich suchen soll«, antwortete ich ihr. Dabei richtete ich mich auf und verließ die Dusche, rieb mich trocken und zog meine Jogginghose an. »Alleine zu wohnen kommt für mich nicht infrage.« Ich konnte es nie leiden nach langer Arbeit nach Hause zu kommen und niemanden zum Reden zu haben.
»Und zu deinen Eltern?« Meinte sie das gerade ernst? In meinem Alter zog ich garantiert nicht noch mal bei meiner Familie ein.
Ich stemmte die Fäuste in meine Seiten und prustete: »Also wirklich. Nein!«
»Das war nur eine Idee und warum legst du dir keinen Hund zu?«, schlug sie vor.
Lächelnd erklärte ich ihr: »Du weißt, ich bin verrückt nach kleinen Vierbeinern, aber was soll das arme Tierchen nur machen, wenn ich eine Woche lang im Himalaja drehe? Meine Mutter würde sich freuen, sollte ich ihr alle paar Tage mein Haustier vorbeibringen.«
Sie fuhr sich mit der Hand über die triefendnassen, dunkelbraunen Haare. Ich hatte bemerkt, dass sie das beim Überlegen immer machte: »Was hältst du von einer WG?«
»Ich habe während des Studiums in einer gewohnt, das hat mir damals aber nicht besonders gut gefallen. Jetzt bin ich zu alt, oder?«, gab ich ihr zu verstehen.
»Ach, wir werden schon eine passende Wohngemeinschaft für dich finden, du bist so eine reizende Person, wer will denn nicht mit dir zusammenwohnen? Lass uns mal im Internet schauen. Außerdem bleibt ja nicht viel übrig, da du nicht alleine wohnen möchtest.« Sie zwinkerte mir zu, ihr Kompliment schmeichelte mir.
»Christina, ich dusche nun auch, dann komme ich und wir schauen zusammen im Internet.«
Kurz darauf setzten wir uns auf die Coach und sahen auf AirBnB, Facebook und Co die Anzeigen durch. Bei meiner jetzigen Suche hatte ich kaum Ansprüche. Es sollte in Frankfurt sein, damit ich schnellstmöglich zum Main Rundfunk gelangen konnte und ich brauchte freundliche Menschen um mich herum, die häufig da waren.
Interessiert klickten wir uns durch die Inserate und wurden wenig später in einer Studenten-WG fündig. Die Bilder machten uns neugierig. Die Wohnung lag im Stadtteil Sachsenhausen, also unweit des Senders entfernt, sodass ich nicht einmal die U-Bahn nehmen müsste, sondern morgens gemütlich außer Haus gehen konnte.
Die Mitbewohner entsprachen zwar nicht ganz meinem Jahrgang, aber die Beschreibung ließ sie sympathisch erscheinen. Es handelte sich um ein Mädchen, das Betriebswirtschaftslehre studierte und zwei junge Männer aus den Fachbereichen Politikwissenschaften und Sinologie. »Was ist denn das für ein Studiengang?«, fragte mich Marta nichtsahnend.
Ich wusste als Moderatorin sogleich eine Antwort und es sprudelte nur so aus mir heraus: »Das ist doch die Lehre der Kultur und Sprache Chinas.«
»Oh das passt ja super zu dir, so begeistert, wie du seit Jahren von diesem Land und seiner Philosophie sprichst.« Meine Freundin hatte Recht, seitdem ich 2020 für einen Bericht über den Einfluss der Umweltverschmutzung auf Asiens Landwirtschaft im Reich der Mitte gedreht hatte, war ich in Konfuzius´ Bann gezogen.
Gesucht wurde in dieser Wohngemeinschaft jemand, der es liebte, gemütliche Abende im Esszimmer zu verbringen und auch gerne mal eine Runde FIFA auf der PlayStation zu spielen.
»Komm, schreib die drei mal an, das ist genau das, was du derzeit brauchst und gezockt hast du doch auch schon immer, oder?« Las sie Gedanken? Ich erinnerte mich nicht, ihr erzählt zu haben, wie gut ich beim Computerspielen abschalten konnte. Ich schlüpfte dann in eine ganz neue Welt und wiederholte solange eine Mission, bis diese endlich zum gewünschten Erfolg führte. Anders als im Leben, wo man leider nicht noch einmal neu laden konnte, sondern die Vergangenheit für alle Zeit unveränderlich blieb.
»Unten steht eine Handynummer, ich rufe lieber direkt an, dann höre ich, ob die drei wirklich so sympathisch klingen, wie sie sich beschreiben.« Und tippte dabei die Nummer. Nach kurzem Klingeln meldete sich das Mädchen und schlug mir vor, am nächsten Tag die WG zu besichtigen. Perfekt!
Um mich von den anderen Bewerbern abzuheben, brachte ich den Studenten eine kleine Aufmerksamkeit in Form eines Einkaufs mit. Ich wusste aus meiner eigenen Studienzeit noch, dass das Geld meistens knapp wurde und man sich oft kein abwechslungsreiches Essen gönnen konnte. Einer der drei Mitbewohner freute sich so sehr, dass er wenig später in der Küche verschwand und einen Nudelauflauf vorbereitete.
Die Anderen führten mich durch die Wohnung. Es waren schöne, geräumige Zimmer in einem hellen Gelbton. Die Laminatböden waren gerade verlegt worden und preislich handelte es sich für die Finanzhauptstadt um ein wahres Schnäppchen.
Da ich aber ahnte, dass die Konkurrenz für den letzten freien Raum recht groß sein durfte und mein Alter nicht unbedingt für mich als Mitbewohnerin in spe sprach, bot ich ihnen beim Abendessen an, etwas mehr als ausgeschrieben zu zahlen und bekam daraufhin direkt die Zusage.
