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George Moores 'Pariser Geschichten' ist eine Sammlung von literarischen Erzählungen, die das Leben verschiedener Menschen in Paris einfängt. Moore präsentiert eine Vielzahl von Charakteren und Situationen, die alle auf einzigartige Weise miteinander verbunden sind. Sein Schreibstil ist detailliert und einfühlsam, was es dem Leser ermöglicht, tief in die Welt der Figuren einzutauchen. Die Geschichten enthüllen Moore's Fähigkeit, komplexe Emotionen und Beziehungen auf subtile Weise darzustellen und bieten gleichzeitig einen faszinierenden Einblick in das Paris des späten 19. Jahrhunderts. Mit 'Pariser Geschichten' knüpft Moore an die Tradition des französischen Naturalismus an, während er gleichzeitig seinen eigenen einzigartigen literarischen Stil entwickelt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Als ich bei meiner Ankunft in Paris – dummerweise trifft man um sieben Uhr morgens ein – auf dem grauen Bahnsteig auf und ab schritt, war ich noch ganz erfüllt vom Anblick des Meers; es hatte während der Überfahrt wie eine schöne blaue Ebene ohne Anfang und Ende ausgesehn, eine Ebene, über die das Schiff einen kleinen Lichtkreis warf, und seine Bewegungen glichen dem menschlichen Leben: vor ihm und hinter ihm Dunkel. Mir stand noch vor Augen, wie wir im Dämmerschein in den langgestreckten, buchtenreichen Hafen einliefen, eine halbe Stunde ehe wir fällig waren – bei Tagesanbruch. Gegen den grünen Himmel, am Rande der Klippen hin, stand eine Zickzacklinie zerbrochener Pfähle; ein einziger Stern schien am mattschimmernden Himmel, ein einziger Reflex zitterte im ruhigen Hafen. Kein Laut war zu vernehmen außer dem Aufspritzen der Schaufelräder, und der Wind war nicht stark genug, die Fischerboote aufs Meer hinaus zu treiben; sie schlingerten in der Flut mit schwach geblähten Segeln. Vom Verdeck des Dampfers aus beobachteten wir seltsame Schiffsmannschaften, wild aussehende Männer und Jungen, die sich über die Reling beugten. Und es war mir noch gegenwärtig, wie ich im Halbdunkel nach der Stadt gesucht hatte, nirgends aber eine Spur von ihr zu entdecken vermochte; und doch wußte ich, daß sie da war, in den Mantel der Dämmerung gehüllt, unter dem grünen Himmel, daß ihre Straßen zum Dom führten, der auf allen Seiten von Bogenpfeilern gestützt war und dessen rundes Dach im Gewühl der Schornsteinröhren verschwand. Eine absonderliche, ergreifende Stadt mit ihren Nonnen, Tauben, alten Giebeln, wundersamen Dachfenstern und Höfen, in denen sich einst französische Adlige versammelten – jetzt wird man in ein paar Stunden Fische da verkaufen.
Ich habe einmal in Dieppe einen Sommer mit Freunden verlebt, lauter Künstlern: Sickert war da und Dujardin. Während wir jetzt auf den Zug warteten und den grünen Himmel beobachteten, der sich allmählich aus der Decke der Wolkenmassen herauswickelte, dachte ich an Dujardin und Blanche und an den Sommer, der schon zehn Jahre zurücklag. Ganz langsam tauchte die Stadt aus dem Nebel auf; ein paar Dächer erst waren sichtbar, als das Fischermädchen mit schwerfälliger Bewegung der Hüften die Kais hinunterschlenderte und wir aufgefordert wurden, unsre Plätze im Zug einzunehmen. Wir fuhren an den Kais dahin, durch die Vorstädte und dann in ein stilles Gartenland mit kleinen Feldern, Bächen und Hügelhängen, die plötzlich in Klippen übergingen. Die Felder und Hügel waren noch schattenlos, grau, und selbst die Gärten, die in Blüte standen, machten einen wehmütigen Eindruck. Aber wie soll ich ihre Schönheit beschreiben, als die ersten schwachen Lichter kamen, als über den Hügeln die ersten rosigen Wolken aufstiegen? Garten reihte sich an Garten, und die Landhäuschen lagen alle noch in tiefem Schlummer. Nicht zum zweiten Male gibt es auf der Welt eine solche Reise wie die von Dieppe nach Paris an einem schönen Maimorgen. Nie wieder vergißt man den ersten Anblick der Kathedrale zu Rouen in der demantnen Luft, nie wieder den Fluß mit seinen Abzweigungen und die in der tiefen Strömung verankerten hohen Schiffe. Man träumt von der Kathedrale noch, hat man Rouen längst hinter sich gelassen, und wenn man erwacht, ist man inmitten einer flachen grünen Landschaft: der Fluß schlängelt sich um Inseln und durch Felder, darauf einsame Pappeln stehn, die ehedem Corot und Daubigny mit Vorliebe aufsuchten. Man sieht förmlich die Stellen, wo sie ihre Staffelei hinsetzten – diese sanfte Bodenerhebung mit der einsamen Pappel war für Corot wie geschaffen, dieses fruchtbare Flußufer und schattenreiche Stauwasser für Daubigny. Bald danach kommt das erste Wehr in Sicht und dann die erste Heufähre; und mit jeder Minute wird der Fluß heiterer, anmutiger, er schlingt seine Arme um eine flache Insel mit grünem Wald, darin Krähen horsten. Bisweilen sehn wir ihn vor uns, wie er die blühende Landschaft einfaßt, als ob sie ein Kleid wäre, wie er sich hindurchzieht gleich einem Band aus weißer Seide, und dort drüben verschwindet das grüne Kleid in dünnen Musselindämpfen, die sich über den tiefen Horizont breiten.
Wir können von dieser Gegend nicht genug bekommen, und es tut uns leid, wenn das erste Landhaus sichtbar wird. Erst eins und dann wieder eins lugt zwischen den blühenden Kastanien hervor; und auf der Freitreppe stehn oft blaue Vasen, und mitunter hängt am Holzbalkon eine metallne Laterne. Die Läden sind noch nicht auf, die schweren französischen Läden, die wir alle so gut kennen, die dem französischen Haus einen so behaglichen, zwanglosen Anstrich geben und von alter Kultur zeugen. Da plötzlich mutet eine Straße an, als ob wir in Paris wären. ›Ist es denn möglich, daß wir schon durch Asnières fahren?‹ dachte ich. Der Name flitzte vorbei. Ich freute mich, daß ich Asnières erkannt hatte. Am Ende jener sehr langen Straße liegt nämlich das Restaurant, in dem wir unsern Stammtisch hatten, und zwischen dem Restaurant und der Brücke das Ballokal, wohin wir immer tanzen gingen. Dort hab ich die schöne Blanche D'Antigny, von ihren Verehrern umschwärmt, gesehn. Dort saß sie meistens mit dem Komponisten der ulkigen Lieder, die sie sang; damals meinte ich noch, sie habe eine bezaubernde Stimme. Einmal erging sich Blanche mit mir unter den Kastanien dieses staubigen, kleinen bal de banlieue, und ich war sehr stolz auf ihre Gesellschaft. Sie ist dahin, auch Julia Baron; Hortense hat sie alle überlebt. Sie muß schon sehr alt sein, mindestens fünfundachtzig. Es müßte wundervoll sein, sie ›Mon cher amant, je te jure‹ mit der zittrigen Stimme einer Fünfundachtzigjährigen vortragen zu hören; es müßte wundervoll sein, sie das Lied singen zu hören, weil sie nicht weiß, wie wundervoll sie ist. Die alte Kokotte braucht einen Dolmetsch ihrer Gefühle; sie hat deren eine ganze Anzahl gehabt: mancher große Dichter hat ihrem Schmerz und ihrem Verfall Ausdruck geliehn.
Keine fünf Minuten von diesem Tanzlokal entfernt war das kleine Haus, das Hervé bewohnte, wo wir so oft abends eingeladen waren und er uns nach dem Essen seine letzten Kompositionen vorspielte. Wir hörten ihnen zu, aber das Publikum wollte nichts mehr davon wissen. Sedan hatte seinen Melodien alles Prickelnde geraubt, und der arme compositeur toqué hat nie wieder vor den Ohren der Menge Gnade gefunden. Wir lauschten seinen fidelen Weisen in dem Glauben, sie könnten das alte nervöse Fieber aus den Tagen des Kaiserreichs noch einmal aufflackern lassen, die Zeit, da Hortense tanzte, da sie das Kaiserreich als Sprungbrett benutzte und Paris gröhlte: ›Cascade ma fille, Hortense, cascade‹. Die große Hortense Schneider, die große Göttin des Übermuts, kam häufig hin und sang dort die Lieder, die ihr zu neuen Triumphen verhelfen sollten. Sie alterte damals schon, ihre Zeit war vorüber, wie die Hervés. Umsonst schichtete er Parodie auf Parodie; umsonst nahm er den Dirigentenstab selbst in die Hand – die Tage des Ruhms waren für beide dahin. Jetzt ist auch Asnières vergessen. Die moderne Jugend amüsiert sich in einer andern Vorstadt. Das Tanzlokal hat man abgerissen, nie wieder wird ein Orchester eine Note aus diesen armseligen Partituren spielen; selbst ihre Namen sind unbekannt. Ein paar Takte aus einem Pagenchor fallen mir ein – ich bin der einzige, der sich noch daran erinnert, alle Melodien sind in Vergessenheit geraten, wie Hortense, Blanche und Julia.
Immerhin, ich bin in Paris. Fast das gleiche Paris; fast der gleiche George Moore. Meine Sinne erwachen wieder wie früher zu allen Freuden, meine Seele ist wie nur je hingerissen von dem göttlichen Gefühl, zu leben. Schon einmal hat sich meine Jugend durch deine weiße Pracht bewegt, du Stadt des Lichts, meine Träume streckten sich in der Freiheit deiner Felder aus. Jahre kommen und gehn, aber jedes Jahr seh ich Stadt und Umgebung im seligen Frühlingsrausch. Und da ich vor dem Kuckuck wieder abreise, solange die Blüten noch hell an den Zweigen glänzen, ist es so gekommen, daß für mich Paris und der Mai eins sind.
Von der Ahnung erfüllt, daß er Schottland nie wiedersehn werde, schrieb Stevenson in der Vorrede zu ›Catriona‹: ›Ich sehe, wie eine Vision, die Jugend meines Vaters und seines Vaters und den ganzen Strom des Lebens, das sich dort oben im Norden ergießt, vom Klange des Lachens und von Tränen begleitet; er wird auch mich zu guter Letzt, gleichsam in einer plötzlich hereinbrechenden Überschwemmung, an diese äußersten Inseln spülen. Und ich bewundere die Romantik des Schicksals und neige vor ihr das Haupt.‹
Liest sich die Stelle nicht, als ob sie unter dem Druck einer fieberhaften Erregung entstanden sei, als ob Stevenson noch beim Schreiben seinem Gedanken nachjage? Darum erinnert sie an eine Motte, die nach dem Lichte flattert. Aber so vag der Satz auch ist, er enthält einige hübsche Wendungen, und man wird ihn sich merken, obschon vielleicht nicht in seiner ursprünglichen Form. Das ›Lachen und die Tränen‹ und die ›plötzlich hereinbrechende Überschwemmung‹ wird man vergessen; dafür wird sich ein schlichterer Ausdruck in unserm Gedächtnis bilden. Das Gefühl, das Stevenson äußern wollte, sickert nur in den Worten ›Romantik des Schicksals – äußerste Inseln‹ durch. Wer empfindet sein Schicksal nicht als Romantik? Wer wundert sich nicht über das äußerste Eiland, an das ihn sein Schicksal einmal wirft? Giacomo Cenci, der auf Befehl des Papstes lebendig geschunden werden sollte, staunte gewiß über die Romantik des Schicksals, das ihn auf sein äußerstes Eiland: ein erhöhtes Brett legte, so daß der Scherge die Haut seines Körpers wie eine Schürze bequem aufrollen konnte. Und ein Hase, den ich einmal in Regent Street ein Tamburin schlagen sah, blickte mich so sehnsüchtig an, daß ich davon überzeugt bin, er staunte auf eine entfernte Art über die Romantik des Schicksals, das ihn aus dem Wald geholt und an sein äußerstes Eiland geworfen hatte – in diesem Fall: ein Karren. Doch keins dieser beiden sonderbaren Beispiele für die Romantik des Schicksals dünkt mich so wundervoll wie das Los eines versonnenen irischen Mädchens, das ich in einem gewissen äußersten Café des Quartier latin den Studenten Getränke servieren sah. Auch sie hat zweifellos über das Schicksal gestaunt, das sie ausgestoßen und es so gefügt hatte, daß sie im Tabaksqualm sterben solle, während sie Studenten Getränke brachte und zu jeder Unterhaltung bereit war, die sie von ihr verlangten.
Gervex, Mademoiselle D'Avary und ich waren nach dem Theater, um uns ein halbes Stündchen zu zerstreun, in dies Café gegangen. Ich war der Ansicht, das Lokal sei für Mademoiselle D'Avary zu unfein, aber Gervex meinte, wir würden schon eine stille Ecke finden, und wir hatten uns zufällig eine ausgesucht, wo ein schmächtiges, zartes Mädchen bediente, ein Mädchen, umwittert von einer Mattigkeit, einer Schwäche und einer Grazie, die mich fesselten und rührten. Ihre Wangen waren dünn, und in den tiefen, grauen Augen lag etwas Sehnsüchtiges wie in einer Zeichnung von Rossetti; ihr gewelltes braunes Haar fiel über die Schläfe und war, tief bis in den Nacken hängend, nach der Mode Rossettis aufgesteckt. Die beiden Frauen sahen sich an: die eine gesund und reich, die andre arm und leidend; es war nicht schwer, die Gedanken zu erraten, die ihnen durch den Kopf zogen. Sie hatten sich gewiß voller Staunen die Frage vorgelegt, warum das Leben sie so verschiedene Wege hatte wandeln lassen.
Doch ich muß zuerst erzählen, wer Mademoiselle D'Avary war und wie ich zu ihrer Bekanntschaft kam. Ich war zu Tortoni gegangen, einem früher berühmten Café an der Ecke der Rue Taitbout, ins Stammlokal Rossinis. Als Rossini seine fünfzigtausend Francs jährlich verdiente, soll er gesagt haben: ›Jetzt bin ich mit der Musik fertig, sie hat ihre Schuldigkeit getan – jetzt esse ich jeden Tag bei Tortoni‹. Noch zu meiner Zeit gaben sich bei Tortoni Künstler und Literaten ein Stelldichein, um fünf Uhr war alles da. Zu Tortoni führte mich mein erster Gang in Paris. Wenn man da gesehn wurde, war es bald bekannt, daß man in Paris war. Tortoni war eine Art Annonce.
Dort hatte ich auch einen jungen Mann entdeckt, einen meiner ältesten Freunde, einen begabten Maler – ein Bild von ihm war im Luxembourg –, einen von den Frauen angeschwärmten Mann. Gervex (er war es) hatte mich bei der Hand genommen und mir mit ungestümer Redseligkeit auseinandergesetzt, ich sei die Person, die er suche; er habe von meiner Ankunft gehört und mich in allen Cafés von der Madeleine bis Tortoni gesucht, und zwar wolle er mich zum Essen einladen, damit ich die Bekanntschaft Mademoiselle D'Avarys mache; wir sollten sie in der Rue des Capucines abholen. Ich schreibe den Namen der Straße hin, nicht weil es für meine kleine Geschichte von Belang ist, wo sie wohnte, sondern weil der Name suggestiv wirkt. Wer Paris liebt, hört die Straßennamen gern; sie sind für Pariser Leben ebenso bezeichnend wie die lange Stufenflucht, die sich dicht an den gestrichenen Wänden emporzieht, wie die braun gestrichenen Türen auf den Treppenabsätzen und der Klingelzug. Auch Mademoiselle D'Avary ist dafür bezeichnend, denn sie war Schauspielerin am Palais Royal. Nicht minder war es mein Freund; er gehörte zu denen, die sich etwas darauf einbilden, daß sie kein Geld für Weiber ausgeben, deren Lebensauffassung in dem Satz liegt: ›Hat eine Lust, ins Atelier zu kommen, wenn man mit der Arbeit fertig ist, nous pouvons faire la fête ensemble‹. Doch so viel sich zugunsten dieses Standpunkts vorbringen läßt, und man kann viel dafür anführen: ich hatte gedacht, als ich mich bewundernd in ihrem Salon umsah – einem Salon mit Bronzen aus dem sechzehnten Jahrhundert, Meißener Porzellan-Figuren, Etageren voll Silberzierat, drei Zeichnungen von Boucher (Boucher aus drei Perioden: ein französischer Boucher, ein flämischer Boucher und ein italienischer Boucher) – ich hatte gedacht, er hätte die Bemerkung unterdrücken können, ich solle ja nicht glauben, irgendeiner dieser Gegenstände sei ein Geschenk von ihm, und hatte gehofft, er werde, als sie hereintrat, nicht sagen, das Armband, das sie anhabe, sei nicht von ihm. Es schien mir ziemlich schlechten Geschmack zu verraten, sie daran zu erinnern, daß er keine Geschenke mache, denn seine Bemerkung warf auf ihre gute Laune einen Schatten; ich konnte es ihr ansehn: bei dem Vorschlag, auszugehn und mit ihm zu speisen, war sie nicht so heiter wie vorher.
Wir aßen bei Foyot, in einem altmodischen Restaurant, noch unberührt vom Geschmack der Neuzeit, der weiß und gold gestrichene Wände, elektrische Tischlampen und Tafelmusik bevorzugt. Nach dem Essen gingen wir in ein Theater dicht beim Odéon und sahen ein Stück, in dem Schäfer von flüsternden Bächlein miteinander sprachen und sich für ein untreues Weib umbrachten. Trotzdem darin die Weinlese, festliche Aufzüge, Erntewagen, Lieder in bunter Reihenfolge vorkamen, ließ es uns kalt. In den Zwischenakten stattete Gervex in verschiedenen Teilen des Hauses Besuche ab und ließ es Mademoiselle D'Avary frei, sich mit mir anzufreunden. Ich bin herzensgern bereit, neben dem Wagen herzugehn, in dem Amor ein Liebespaar spazieren fährt. Als das Stück zu Ende war, sagte er: »Allons boire un bock«, und wir kehrten in einem Studentencafé ein – einem Café mit Tapeten und Tischen aus Eichenholz, altmodischen Krügen, in dem die Kellnerinnen Brusttücher aus dem achtzehnten Jahrhundert trugen, wo ein Student gelegentlich ein hohes Bierglas zwischen die Zähne nahm, es auf einen Zug leerte und Hals über Kopf hinauseilte, ohne auch nur den Mund zu verziehn. Mademoiselle D'Avarys elegante Schönheit lenkte die wilden Blicke aller anwesenden Studenten auf sich. Sie trug ein Kleid mit eingewebten Blumen, und unter dem großen Hut quoll ihr Haar, schwarz wie die Nacht, hervor. Ihre südliche Hautfarbe war reich getönt, gelb und dunkelgrün, da wo sich das Haar im Nacken lichtete; die Schultern glitten in üppiger Andeutung in das Spitzenmieder. Es gewährte einen besondern Reiz, ihre reife Schönheit mit der blassen, dem Verfall geweihten Schönheit der Kellnerin zu vergleichen. Mademoiselle D'Avary saß, den Fächer weit über ihren Busen gebreitet, mit leise geöffnetem Mund da, so daß die kleinen Zähne zwischen den roten Lippen hervorleuchteten. Die Kellnerin saß da, mit den magern Armen auf den Tisch gestützt, und beteiligte sich in allerliebster Weise an der Unterhaltung, wobei sie nur mit einem Blick verriet, daß sie wußte: sie war gescheitert, Mademoiselle D'Avary hatte es zu etwas gebracht. Erst nach einiger Zeit hörte das Ohr einen schwachen Dialektanflug heraus, einen Dialekt, der sich schwer lokalisieren ließ. Einmal fiel mir eine südliche Betonung auf, dann wieder eine im Norden übliche; schließlich vernahm ich einen unverfälscht englischen Klang bei ihr und sagte:
»Sie sind ja aus England.«
»Ich bin aus Irland. Meine Heimat ist Dublin.«
Und indem ich mir ein Mädchen vorstellte, das in seinen starren Dubliner Bräuchen groß geworden, das die Romantik des Schicksals aber an dies äußerste Café gespült hatte, fragte ich sie, wieso sie sich hierhin verlaufen habe, Sie erzählte mir, schon mit sechzehn Jahren sei sie aus Dublin fort und vor sechs Jahren nach Paris gekommen, um sich als Kinderfräulein eine Stelle zu suchen. Sie sei mit den Kindern meistens in den Luxembourg-Garten gegangen und habe mit ihnen englisch gesprochen. Eines Tags habe sich ein Student neben sie auf die Bank gesetzt ... Der Rest der Geschichte ist leicht zu erraten. Er hatte kein Geld, sie auszuhalten, und so mußte sie in dieses Café gehn, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
»Es sagt mir gar nicht zu, aber was soll ich machen? Man muß doch leben. Der Tabaksqualm reizt mich so zum Husten.« Ich wandte den Blick nicht von ihr, und sie muß geahnt haben, was mir durch den Sinn zog, denn sie erzählte mir, sie habe nur noch einen Lungenflügel. Wir unterhielten uns davon, wie sie wieder gesund werden könne, wenn sie nach dem Süden ginge, und sie sagte, der Arzt habe ihr dazu geraten.
