Pariser Liebeskarussell - Maurice Lemaître - E-Book

Pariser Liebeskarussell E-Book

Maurice Lemaître

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Beschreibung

Georges und Marie-France langweilen sich. Und da sie keine Kinder von Traurigkeit sind, hecken sie zusammen mit ihrem Malerfreund Robert ein raffiniertes Spiel aus – ein sehr pariserisches Spiel mit System, bei dem es natürlich um Liebe geht und um die Verführung zur Lust.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Maurice Lemaître

Pariser Liebeskarussell

Aus dem Französischen von Linde Birk

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Über dieses Buch

Georges und Marie-France langweilen sich. Und da sie keine Kinder von Traurigkeit sind, hecken sie zusammen mit ihrem Malerfreund Robert ein raffiniertes Spiel aus – ein sehr pariserisches Spiel mit System, bei dem es natürlich um Liebe geht und um die Verführung zur Lust.

Über Maurice Lemaître

Maurice Lemaître, geboren 1926 in Paris, ist ein französischer Autor, Filmregisseur und Vertreter des Lettrismus.

Inhaltsübersicht

Jedem Menschen, wer ...1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel

Jedem Menschen, wer auch immer er sei, stellt sich die Frage, wie er seine Begierde, deren Objekt letzten Endes nebensächlich ist, sowohl in seinem äußeren Leben als auch und vor allem in seinem Innern beherrschen lernt; entscheidend ist, von ihr nicht verschlungen zu werden.

 

François Mauriac: Bloc-Notes

1. Kapitel

Robert, ein großer, männlicher Typ in heller Tweedjacke, die den reizvollen Gegensatz seiner dunklen Haare und blauen Augen noch betonte, betrat das Ministerium, erwiderte im Vorbeigehen den Gruß des Pförtners und wandte sich mit entschlossenen Schritten, die laut auf dem Marmorboden hallten, dem Aufzug zu.

Im zweiten Stock überquerte er den mit Teppich ausgelegten Flur und klingelte an der Tür seiner Freunde Lacroix. Georges Lacroix war Ministerialbeamter, seine Frau Marie-France befand sich zur Zeit in psychoanalytischer Behandlung, was ihre Aufgeschlossenheit für sexuelle Probleme und die Nachsicht erklärte, mit der sie die Abenteuer ihres Mannes hinnahm. Robert Milly, mit beiden eng vertraut, war als abstrakter Maler erfolgreich.

Das Dienstmädchen öffnete und lächelte sogleich vielsagend, als es den Künstler in der Tür stehen sah.

«Guten Tag, Madeleine. Sind Monsieur und Madame zu Hause?»

«Nur Madame», antwortete das Mädchen und ließ ihn eintreten.

Mit einem raschen Blick auf eines seiner Bilder an der Wand des Vorraums ging er, während das Mädchen die Eingangstür wieder schloß, auf das Wohnzimmer zu. Er trat ein, ohne anzuklopfen.

Marie-France, eine kleine, pummelige Blondine mit kurzem Haar, saß, mit einem roten Bademantel bekleidet, in einem Sessel und las. Sie hatte ein Bein über die Armlehne gelegt und ließ ihren Pantoffel an der Zehenspitze baumeln.

Robert küßte sie auf den Hals und streichelte wie absichtslos über ihren halb entblößten Schenkel.

«Bob! Wie geht’s dir, mein Lieber?» rief sie fröhlich aus.

«Es ist schönes Wetter, und ich bin bester Laune», erwiderte der junge Mann, während er seine Jacke in hohem Bogen auf das Sofa warf.

Marie-France kicherte. Seit Robert sie gestreichelt hatte, klaffte ihr Bademantel noch weiter auseinander, und sie machte keinen Versuch, ihn zu schließen.

«Und was macht die Liebe?» erkundigte sie sich.

«Es ist Frühling – die beste Jahreszeit.»

Der Maler setzte sich neben sie auf die andere Armlehne und griff ihr ins blonde Haar.

Er war gerade dabei, sein neuestes Abenteuer zu erzählen, als die Tür aufging und Georges Lacroix eintrat. Er trug einen korrekten dunklen Anzug. Ohne ihre Haltung zu verändern, begrüßte ihn Marie-France mit den Worten: «Also weißt du, deine Aufsichtsratssitzungen werden auch immer länger …»

Georges lächelte sphinxhaft, drückte Robert die Hand und zog Marie-France den Pantoffel vom Fuß, den sie ihm jedoch gleich wieder entriß. Dann schob sie den Maler freundlich beiseite.

«Benimm dich anständig, Madeleine kommt gleich.»

Unwillig stand Robert auf: «Ach die! … Seit sie einmal … Immer muß man sich anständig benehmen, sogar bei euch hier! Wenn das nicht widerlich ist!»

Der Künstler hatte noch nie mit Marie-France geschlafen, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde er es auch nie tun. Sie hatten eines Abends zu dritt darüber gesprochen und waren einmütig zu dem Schluß gekommen, daß es einfach zu lächerlich gewesen wäre.

«Wir müßten dauernd lachen», hatte Marie-France hinzugefügt, «es würde nicht gehen.»

Im übrigen gefiel sie Robert nicht besonders – abgesehen von ihren wirklich erstaunlich festen runden Brüsten. Er zog die dunkelhaarigen Frauen den Blondinen vor.

 

Die drei waren ungefähr gleich alt, und ihre Freundschaft wurde durch gemeinsame Interessen genährt: sie mochten klassische Filme, die sie sich in Filmclubs gemeinsam ansahen, erotische und pornographische Werke, die Robert besorgte, und vor allem junge Mädchen.

Nicht daß Marie-France lesbisch gewesen wäre – auch wenn sie einmal, bei einem «Alpenball», einem Sonntagsvergnügen für bescheidenere Leute, die sich das Monocle nicht leisten konnten, fast der Versuchung erlegen wäre.

Nein, da reizten junge Männer sie schon eher. Doch ihr «wissenschaftliches» Interesse an Liebesdingen erstreckte sich auch auf die Partnerinnen Roberts und ihres Ehemanns.

Wie erwartet stieß Madeleine die zweite Tür des Wohnzimmers auf und meldete leise: «Madame, es ist angerichtet.»

Sie begaben sich ins Eßzimmer. Die Wände waren mit modernen Wandteppichen behängt. Robert stibitzte ein Radieschen vom Tisch, bevor er sich an seinen Stammplatz setzte.

«Nun», wandte er sich mit vollem Mund an Georges, «bricht das Ministerium zusammen?»

Georges grinste: «Noch immer leidenschaftlich an Politik interessiert, wie ich sehe!»

Madeleine trug den Braten auf.

Georges langweilte sich im Ministerium, wo er offiziell immer Ruhe und Gelassenheit zur Schau tragen mußte und sich meist nur in einem neutralen Ton diplomatisch äußern durfte. War politisches Denken einerseits seine Stärke, so schützte es ihn andererseits aber auch vor der Versuchung, an irgendwelchen Machtspielen teilzunehmen. Infolgedessen war er, sobald er sein Büro verlassen hatte, voll verfügbar für Zerstreuungen.

Diese Zerstreuungen suchte das Trio außer in gemeinsamen kulturellen Unternehmungen vor allem in dem Spiel, Personen des schwachen Geschlechts zu verführen – mit Vorliebe Studentinnen, Sekretärinnen oder junge Ausländerinnen, die sich auf der Durchreise in Paris befanden.

Marie-France füllte den beiden Männern, die sich das nur zu gern gefallen ließen, die Teller auf. Und da sie ihren Mann in Anwesenheit Roberts gern bemutterte, kam ihre Fürsorge auch diesem zugute.

«Wo bleibt der Senf! Wo sind die Cornichons?» rief der Maler ungeduldig. «Wird man in diesem Hause denn nicht bedient?»

Sie klingelten Madeleine, und nachdem diese das Gewünschte gebracht und die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, fragte Marie-France ihren Mann: «Erzähl doch mal, wie die Sitzung war. Hat alles geklappt?»

«Es war wirklich sehr schönes Wetter», erwiderte Georges mit boshafter Ironie.

«Etwas action bitte!» warf Bob ein.

«Also, ich habe da eine junge Schwedin kennengelernt …»

«Ah, die Schwedinnen …» rief Robert verzückt.

Georges Lacroix verfügte über einen Dienstwagen. Am Steuer dieses Autos machte er sich entlang der Seine auf die Jagd und nahm die Auslagen der Bouquinisten ins Visier. Sobald er dort eine aufreizende Gestalt bemerkte, stellte er den Wagen am Straßenrand ab, verschloß ihn sorgfältig, näherte sich dem Opfer und sprach es an.

Wenn das Opfer ihm mit Schweigen oder gar mit Verachtung begegnete, ließ er meist von ihm ab. Es kam auch vor, daß er gar nicht erst versuchte, anzubändeln, wenn ihm eine Person, die ihn von ferne angezogen hatte, aus der Nähe doch nicht recht gefiel. Aber es kam nur sehr selten vor, daß er nach drei oder vier Versuchen nicht mit einer Unbekannten in einem der nahe gelegenen Cafés saß.

«Und hast du sie vernascht?» erkundigte sich Robert ungeduldig.

«So warte doch ab», beschied ihn sein Freund knapp.

Georges’ großer Erfolg bei jungen Mädchen war auf seine Trägheit und seine völlige Gleichgültigkeit zurückzuführen. Da er es nie eilig hatte, sein Opfer zu Fall zu bringen, denn für seine gewöhnlichen Bedürfnisse hatte er ja seine Frau, erlaubte er sich eine sehr lässige Art der Werbung, die ihnen einerseits eine gewisse Sicherheit gab, sie andererseits aber oft stark erregte.

Er gab sich als «Stellvertreter eines Kulturattachés» aus, wodurch er sich ein gewisses Prestige zulegte, andererseits seinen Ruf nicht in Gefahr brachte. Es war übrigens auch diese Sorge um seine offizielle Stellung, die ihn veranlaßte, seine Freundinnen außerhalb seiner Kreise zu suchen. Aus demselben Grund nahm er sie auch selten mit nach Hause.

Robert dagegen, der ein sehr viel lebhafteres Temperament besaß, wandte eine andere Methode an, wenn er auf Beutezug war. Als Junggeselle, der für seine sinnlichen Bedürfnisse auf den Zufall angewiesen war, brachte er weniger Geduld auf als Georges. Er fand seine Freundinnen an den verschiedensten Orten. Dem Spazierengehen weniger abgeneigt als der Beamte streifte er in den Mensen und Bibliotheken der Universität herum, ging am Samstagnachmittag ins Kaufhaus Lafayette oder er benutzte die Métro zu Büroschlußzeiten.

Einig waren sich die beiden Freunde aber darin, daß sie ihre Jagd auf eine bestimmte Gruppe von Frauen begrenzen mußten. Nachdem sie zuerst die Eleganten und die Verheirateten, die Arbeiterinnen, Modelle, Schauspielerinnen, Mannequins, Dienstmädchen und kleinen Näherinnen ausprobiert hatten, waren sie überein gekommen, daß es nur ein einziges lohnendes Revier gab – das der kleinen bürgerlichen Intellektuellen zwischen sechzehn und zwanzig Jahren. Bei ihnen hatte man die größten Chancen, den gewünschten frischen Teint und straffen Körper sowie die besten Anlagen zur Verderbtheit zu finden.

Als sie beim Käse angelangt waren, nahm Georges nun umgekehrt Bob ins Verhör: «Und du, wie weit bist du mit Sarah gekommen?»

«Keine Ahnung, ich habe sie nicht wiedergesehen.»

Sein Freund entrüstete sich: «Was? Kannst du nicht etwas ernster an die Sache herangehen?»

Robert war in der Tat sehr nachlässig in seinen Beziehungen zu Frauen. Ständig auf neue Frauen aus, ließ er jede fallen, sobald sie sich ihm hingegeben hatte. Und wenn er dann eines Tages wieder Lust auf die eine oder andere hatte, wunderte er sich, daß sie wütend auf ihn war.

Georges dagegen ging in seinen Liebesbeziehungen ebenso systematisch vor wie bei seinen Analysen der öffentlichen Meinung über die Regierung. Wenn er keine Lust oder keine Zeit hatte oder wenn er gerade mit einer neuen Eroberung beschäftigt war, bemühte er sich wenigstens, seinem letzten Opfer eine Nachricht zukommen zu lassen oder ihm ein kleines Zeichen seiner Freundschaft zu geben. Er rief kurz an oder schickte eine kleine Reproduktion eines Gemäldes von Picasso (aus der Blauen Periode) oder von van Gogh – mit ein paar freundschaftlichen Worten. Er arrangierte auch kurze Treffen zwischendurch.

Sein Terminkalender enthielt also eine wohl ausgewogene Mischung von Eintragungen, die Bekundungen einer «heiß empfundenen» Liebe, geplante Beutezüge und seine gegenwärtigen Liebesbeziehungen.

Sie waren beim Nachtisch angelangt. Der Maler hatte einen gesunden Appetit und saß meist noch am Tisch, wenn das Ehepaar sich schon zum Ausgehen vorbereitete. Er folgte den beiden, an einer Frucht kauend, ins Badezimmer.

Hier bot sich ihm die Gelegenheit, mit geübter Hand Marie-Frances Busen zu streicheln, eine Anerkennung, die er ihr mit schöner Regelmäßigkeit zollte, um ihr Selbstbewußtsein zu stärken – sie hatte «Komplexe», was ihre Schönheit betraf.

«Macht ihr euch auch nicht über mich lustig, findet ihr mich wirklich hübsch?» fragte Marie-France, die sich das Haar bürstete, während Robert am Gummi ihres Büstenhalters zog und ihr Mann ihr in die Wange kniff.

Die beiden Männer versicherten im Chor, daß sie die Schönste von allen sei.

Als sie endlich fertig waren, gingen sie in den Hof hinunter und bestiegen den Dienstwagen des Ministeriums. Georges setzte sich ans Steuer, Marie-France und Robert nahmen neben ihm Platz, die junge Frau traditionsgemäß in der Mitte. Sie beklagte sich im übrigen jedesmal, daß die beiden Männer sie einengten.

«Und benimm dich anständig vor dem Concierge», sagte Robert zu ihr, der, wenn sie an der Portiersloge vorbeifuhren, gewagte Gesten zu machen pflegte, die Marie-France verlegen abwehrte, wodurch sie den Concierge erst recht aufmerksam machte.

Nachdem das Auto unter dem Torbogen hindurchgefahren war, schoß es Richtung Boulevard des Invalides davon.

«Wohin wollen wir fahren?» fragte Georges.

«Zur Orangerie», schlug der Maler vor. «Dort ist gerade die Odilon Redon-Ausstellung eröffnet worden.»

«Muß ja ungeheuer lustig sein …»

«Denk an das, was wir vorhaben», wandte Marie-France ein.

Dieses Ritual vollzog sich jeden Sonntag. Sie hatten schon alle Ausflugsziele erprobt und waren ein für allemal zu dem Schluß gekommen, daß es keinen Sinn hatte, in immer neuen Gegenden zu suchen. Sie konnten sich bei ihrer Jagd ebensogut auf die bereits erschlossenen Reviere beschränken.

Als die ergiebigsten Gehege hatten sich Museen, Galerien und die Quais erwiesen. Und da Marie-France stets mit von der Partie war, wirkten sie so vertrauenerweckend, daß der Erfolg nie ausblieb und sie regelmäßig im Laufe des Nachmittags ein einsames junges Mädchen abschleppen konnten.

Georges lenkte den Wagen nervös über den Boulevard und bat seine Frau um einen Zug aus der Zigarette, die sie sich gerade angezündet hatte. An der Ampel vor der Seinebrücke wollte er sie ihr zurückgeben, aber Robert schnappte Marie-France die Kippe weg und steckte sie sich zwischen die Lippen.

«Darf ich jetzt nicht einmal mehr meine eigene Zigarette rauchen?» fragte sie mit gespielter Entrüstung. «Wenn ich mir nachher ein Päckchen kaufen will», fuhr sie besorgt fort, «werde ich euch um Geld anbetteln müssen!»

«Ist doch normal!» warf Bob ein.

«Übrigens rauchst du zuviel», schloß Georges.

Sie schwiegen eine Weile. Das Auto fuhr leicht vibrierend über das holprige Pflaster.

«Kitzle mich», verlangte Marie-France von Robert.

«Wir sind doch gleich da», erwiderte Robert abwehrend.

«Das macht nichts – hier am Nacken.»

Unter «Kitzeln» verstand sie ein regelmäßiges zartes Kratzen an besonders empfindlichen Stellen: am Ellbogen oder am Handgelenk, am Nacken oder an den Fesseln. Sie konnte dieses leichte Reiben stundenlang lustvoll genießen, so daß ihr Partner unweigerlich erlahmte. Die Psychoanalytikerin hatte diese Vorliebe Marie-Frances als «deutlichen» Hinweis auf ihre Kindheit interpretiert. Aber trotz aller Erklärungen empfand sie unvermindertes Vergnügen daran.

Mürrisch machte sich der Maler am Nacken seiner Freundin zu schaffen. Er durfte seine Fingergymnastik erst einstellen, als das Auto vor den Tuilerien hielt.

Unter gespieltem Stöhnen stiegen sie aus dem Wagen.

«Also dann ans Werk», sagte Georges. «Womit haben wir das nur verdient, diese schwere Arbeit!»

Bob reckte sich in der Sonne und sagte: «Na, hoffen wir, daß wir eine auftreiben …»

Georges grinste: «Du weißt genau, mein Lieber, daß das eine reine Rechenaufgabe ist. Bei jeder Ausstellungseröffnung am Sonntagnachmittag gibt es wenigstens ein Mädchen, das allein kommt. Und nach diesem Mädchen werden wir jetzt hier suchen.»

«Ja, du hast recht», räumte Bob fast bedauernd ein.

Diesmal hatten sie ausgesprochenes Glück. Gleich beim Eintreten sahen sie eine kleine Rothaarige mit faszinierenden Formen, die eifrig Anmerkungen in ihren Katalog schrieb. Sie trug eine hochgeschlossene blaue Strickjacke mit langen Ärmeln und weißen Querstreifen.

«Sie trägt keinen Büstenhalter», stellte Marie-France sachkundig fest.

«Wie findest du sie?» fragte Bob seinen Freund.

«Nicht übel! Geh ran!»

Da der Maler so gut reden konnte, mußte er immer das Anbändeln übernehmen. Danach wurde die Beute entsprechend ihrer eigenen Wahl entweder Georges oder Robert zuteil. Diese Wahl hatte im übrigen keine Bedeutung.

Das junge Mädchen betrachtete gerade ein kleines Gemälde, auf dem eine blaßrosa Badende dargestellt war. Ihr Gesicht hatte einen hellen Teint und schien dem Gemälde zuzulächeln. Dies war der Augenblick zum Handeln.

Der Maler legte den Arm um Marie-Frances Schulter und ging ununterbrochen redend auf die Rothaarige zu.

«Redon ist kein besonders bedeutender Maler. Aber zugegeben, einige Entdeckungen kann man schon machen.»

Und als er in die Nähe des Mädchens mit der Strickjacke gelangte, zeigte er seiner Freundin die Badende auf dem Gemälde und fügte hinzu: «Hier, diese Kleine zum Beispiel, die ist gar nicht übel …»

Wenn Robert allein gewesen wäre, hätte er eine etwas elegantere und vor allem raffiniertere Taktik angewandt. Aber Marie-Frances Dabeisein erleichterte den Annäherungsversuch. Er konnte sich die etwas gewähltere Art für Begegnungen aufsparen, die er allein machte. In Gesellschaft des Ehepaares durfte er es sich erlauben, lässig und banal zu sein. Es war schon seltsam genug, daß ein Mann in Begleitung einer Frau sich an eine andere Frau heranmachte.

Ein schräger Blick der Rothaarigen bewies ihm wieder einmal, daß seine Überlegung richtig war. Bei seiner Bemerkung hatte sie eine Kopfbewegung angedeutet und amüsiert den Mund verzogen.

Daraufhin wandte Bob sich ihr offen zu und fuhr fort: «Das Porträt ähnelt Ihnen übrigens ein wenig, Mademoiselle.»

Bei diesem unverblümten Annäherungsversuch verschlug es der Unbekannten zuerst die Sprache. Dann sagte sie, aber mehr an Marie-France gewandt: «Finden Sie?»

Jetzt näherte sich auch Georges, um die Verbindung – wie immer diplomatisch und vernünftig – zu konsolidieren. Die Klärung der sozialen Frage war seine Aufgabe, er mußte die Situation in den Rahmen der normalen Vorurteile zurückführen und sie alle zunächst offiziell vorstellen.

«Nehmen Sie es ihm nicht übel», begann er, «Robert ist ein Künstler und überdies sehr ungezogen.»

Dann erfüllte er die Förmlichkeiten. Marie-France wurde jedesmal als seine «Schwester» vorgestellt. Das war nur allzu verständlich, wenn er sich die neue Eroberung selber zugedacht hatte – und andernfalls hielt er sich damit seine Chancen für die Zukunft offen.

Hatte das Trio erst einmal eine Beziehung angebahnt, trachtete es meist danach, der ermüdenden Atmosphäre des Museums so schnell wie möglich zu entfliehen. Einer von ihnen schlug gewöhnlich vor, man solle sich irgendwo in die Sonne setzen – deren Strahlen durch die großen Fensterfronten in die Ausstellungssäle fielen und die Gemälde farblos erscheinen ließen – und ein Glas trinken.

Nach kurzem Zögern folgte die Angesprochene meist lieber der Einladung, als einsam und allein bei den wenig begeisternden Bildern zu bleiben.

Die Rothaarige in der Strickjacke hieß Denise.

Sie hatte eine warme, einschmeichelnde Stimme und einen unauffälligen südlichen Akzent.

Die vier traten hinaus auf die Freitreppe vor der Orangerie und jubelten vor Freude über die Sonne. Bob drehte eine Pirouette um einen frisch gestrichenen Gartenstuhl. Sie gingen über eine Seitentreppe zur Place de la Concorde hinunter.

Unterwegs sahen sich Robert und Georges ihre Beute genauer an. Denise bemerkte das natürlich und stellte ihrerseits Vergleiche an. Da sie Schuhe mit hohen Absätzen trug, stolperte sie einmal auf dem Kies. Bob faßte rasch ihren Arm, damit sie nicht hinfiel. Sobald sie aber ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, ließ er ihren Ellbogen wieder los. «Am Anfang niemals anfassen», hatte Marie-France ihnen geraten, und ihr Rat war für sie ein Gebot geworden, wenn es auch schwer zu befolgen war, vor allem für einen impulsiven Menschen.

«Wo trinken wir denn nun das Glas?» fragte Georges und schnalzte mit der Zunge.

Marie-France schlug das Wéber in der Rue Royale vor, das schön gelegen war und wo man «Leute beobachten» konnte. Vor der Caféterrasse überlegten sie lange, welchen der wenigen freien Tische sie wählen sollten. Schließlich entschieden sie sich für einen Tisch zwischen zwei anderen, an denen jeweils zwei Freundinnen saßen. Robert holte noch einen Rohrstuhl.

Sie saßen kaum, als der Kellner, der sehr überarbeitet wirkte, sie auch schon ungeduldig nach ihren Wünschen fragte.

«Könnte ich ein kleines Bier mit Schuß haben?» fragte Marie-France.

Noch bevor der Kellner verneinen konnte, wandte sich Robert an die junge Rothaarige und rief: «Natürlich! Wie immer! Es ist jedesmal das gleiche! Marie-France trinkt immer nur ein kleines Bier mit Schuß – was jedoch in besseren Cafés nicht serviert wird. Und damit Mademoiselle zu ihrem Lieblingsgebräu kommt, müssen wir immer beides bestellen, sowohl Bier als auch Limonade. Und da sie soviel Flüssigkeit nicht allein hinunterstürzen kann, muß immer einer von uns sich opfern, auch wenn er Lust auf etwas ganz anderes hat.»

Die Emphase, mit der sich Bob beklagte, brachte Denise zum Lachen. Sie hatte die Beine so hoch übereinandergeschlagen, daß ihr Nylonunterrock sichtbar wurde. Sie war fasziniert von diesem spottlustigen Trio, und obwohl sie von Natur sehr schüchtern war, brannte sie darauf, als vierte in den Kreis aufgenommen zu werden.

Und das schien auch nicht weiter schwierig zu sein. Ob sie sich nun für Georges oder für Robert entschied – beide wirkten so, als gäbe es kein Hindernis. Beide waren offenbar Junggesellen, und der Maler machte nicht den Eindruck, als wäre er in die «Schwester» des anderen verliebt.

Die Möglichkeit der Wahl steigerte ihr Vergnügen, da sie ihr die Illusion von Freiheit gab. Wenn ein Mann eine Frau umgarnt, kann die Frau nicht umhin, von einem noch schöneren, noch stärkeren oder noch reicheren zu träumen. Doch da nur wenige Frauen genügend Phantasie haben, um über eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten hinauszudenken, schränkten die beiden Freunde, indem sie sich gemeinsam präsentierten, die Versuchung der von ihnen begehrten Herzen, nach anderen Männern Ausschau zu halten, zu ihren Gunsten ein.

An diesem Punkt angelangt, entwickelte sich das Weitere nach einem bekannten Schema. Alle vier (oder fünf, wenn sie zwei Freundinnen aufgegabelt hatten) gingen anschließend zum Abendessen in ein malerisches kleines Restaurant am linken Seineufer.

Oft mußten bei den jungen Damen kleine Hindernisse überwunden werden, sei es, daß Eltern zu benachrichtigen oder Verabredungen abzusagen waren. Doch die Beredsamkeit des Trios war so groß, daß es nie lange dauerte, bis sie die Vorbehalte der Mädchen besiegt hatten. So hatte man gewöhnlich genügend Muße, um ausführlich Bekanntschaft miteinander zu schließen.

Marie-France, die sich mehr für psychologische Fragen interessierte, andererseits aber bemüht war, das Unternehmen ihrer Komplicen zu begünstigen, brachte nunmehr ganz frei erotische Dinge zur Sprache. Ihre Ungezwungenheit bei diesem Thema ermöglichte es ihr, eine zwar nicht schamlose, aber exakte und hinreichend sachliche Sprache zu gebrauchen. Damit brachte sie neue Bekannte schnell zu Geständnissen, an die sich Überlegungen anknüpfen ließen, die den gängigen Moralvorstellungen nur wenig entsprachen. All dies wurde ohne weiteres hingenommen, da es von einer Frau kam. Und in der Tat hüteten sich die Männer, offen Partei zu ergreifen.

Die Unbekannten wagten es nicht, Einspruch zu erheben gegen die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, ja sie pflichteten meist sogar der Schlußfolgerung bei, die natürlich immer die gleiche war, nämlich daß den erotischen Beziehungen gegenüber größere Toleranz geübt werden müßte.

In dem Restaurant, in das die drei Freunde Denise geschleppt hatten, war es ziemlich heiß, weil sich der Grill mitten im Speisesaal befand. Die Nähe des Feuers und die Gespräche heizten die Atmosphäre so an, daß weder alkoholische Getränke, die teuer waren, noch gewagte Zärtlichkeiten nötig waren, um die Neue auf sinnliche Gedanken zu bringen. Roberts bloße Anwesenheit verwirrte die hübsche Rothaarige im übrigen schon genug: an diesem Tag hatte eindeutig er das große Los gezogen.

Nach dem Essen stieg die Gruppe in das Auto (der Dienstwagen war eine weitere Möglichkeit, zu zeigen, daß man schließlich jemand war) und beschloß, zu den Lacroix zu fahren, um bei ihnen Kaffee zu trinken und Platten zu hören. Marie-Frances Dabeisein lieferte die nötige moralische Gewähr sowohl für das junge Mädchen als auch für den Portier im Ministerium.

Diesmal setzten sich Robert und Denise auf den Rücksitz. Doch unterdrückte der Maler seine Lust, etwas Ungebührliches zu versuchen.

Die Wohnung des Ministerialbeamten war luxuriös und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet. Außerdem war sie mit antiken Möbeln aus Staatsbesitz eingerichtet, die ihre Wirkung auf die Opfer des Trios, die meist aus bescheidenen Verhältnissen kamen oder sehr einfach wohnten, nie verfehlten.

Anfangs eingeschüchtert, wie alle Mädchen, die vor ihr hier gewesen waren, taute Denise bald ein wenig auf. Zwar verwirrte sie der elegante Rahmen offensichtlich, aber das ungezwungene Benehmen des Trios ermutigte sie, ihre Zurückhaltung abzulegen.

«Seien Sie nicht so steif», forderte Marie-France, noch immer ganz Psychologin, sie auf.

Sie machten Kaffee, und Georges servierte Cognac, während Robert Zigaretten anbot. Das Gespräch wurde jetzt noch lockerer als zuvor. Marie-France wollte dem jungen Mädchen unbedingt unmoralische Geständnisse entlocken. Es gelang ihr.

«Also», meinte sie, Denise zugewandt, die sich ein wenig verloren fühlte, «geben Sie zu, daß Sie schon einmal sehr große Lust gehabt haben, einen wildfremden Mann einfach so auf der Straße anzusprechen und ihn aufzufordern, mit Ihnen zu schlafen?»

Denise gab es zu.

Man kann sich kaum vorstellen, was alles eine Frau fremden Menschen gesteht, wenn diese ihre Fragen nur geschickt miteinander verbinden und immer weiterbohren. Marie-France hatte auf diese Weise auch schon bei früheren Gelegenheiten jungen Mädchen erstaunliche Geständnisse entlockt. Die beiden Männer, die den Dialog nur unterbrachen, wenn er in allzu intellektuelle Bahnen geriet, zogen ihren Nutzen aus den so erhaltenen Auskünften. Wie sollte eine Frau es wagen, einem attraktiven Junggesellen zu widerstehen, wenn sie soeben in seiner Gegenwart erklärt hatte, sie hätte schon drei Liebhaber gehabt, sie schätze draufgängerische Partner und habe oft den Wunsch, mit ganz Unbekannten zu schlafen?

Es wurde spät, und Denise zeigte Anzeichen von Müdigkeit. Georges unterbrach seine Frau, die nie aufhören konnte zu fragen. Hauptsache, sie kamen jetzt zum Punkt, Übereifer war nur schädlich.

«Kommen Sie, ich begleite Sie nach Hause», sagte Bob zu Denise und erhob sich.

Auch für den nächsten Akt war das Szenarium seit langem ausgearbeitet. Drei Situationen konnten sich ergeben. Wenn die junge Dame allein war und Robert sich für sie interessierte (so wie es heute der Fall war), begleitete er sie im Taxi nach Hause und erlaubte sich im Auto einige kleine Zärtlichkeiten, um einen Anfang zu setzen, und vor allem, um die künftigen Beziehungen einzuleiten.

Wenn dagegen Georges der Verführer war, setzte er mit dem Taxi zuerst den Maler ab, fuhr dann allein mit dem jungen Mädchen weiter und ging entsprechend vor. Handelte es sich um zwei junge Damen, ging jeder seinen eigenen Aufgaben nach.

Unerläßlich war es in jedem Fall, Telefonnummer und Adresse jeder Neuerwerbung sorgfältig zu notieren. Selbstverständlich wurde ein Rendezvous verabredet.

Der Künstler und die Rothaarige verabschiedeten sich von dem Ehepaar und ließen den Lift heraufkommen. Mit Denise in dem engen Raum eingesperrt zu sein, erregte Robert. Aber er beherrschte sich. Auf der Straße nahm er seine neue Freundin am Arm. Sie ließ es nicht nur zu, sie reagierte auf die ungezwungene Geste mit einer Hüftbewegung. Der Maler fühlte seine guten Vorsätze dahinschwinden.

Georges wäre an seiner Stelle um keinen Deut von der festgelegten Linie abgewichen, die vorsah, auf keinen Fall schon beim ersten Treffen zur Sache zu kommen. Aber das wäre vielleicht gar nicht richtig gewesen. Eine Frau verzeiht einem Mann nicht so leicht, der ihre Bereitschaft nicht erkennt und sie nicht nimmt, wenn der richtige Augenblick da ist.

In dem Taxi, das er an der Straßenecke herangewunken hatte, warf sich Denise an Roberts Brust und bot ihm ihre glühenden Lippen dar. Marie-France hatte gute Arbeit geleistet.

Der Zufall wollte, daß sie ziemlich nahe beieinander wohnten. So fand Robert, als er den Taxichauffeur bezahlt hatte, nicht die Kraft, sich von ihr zu verabschieden.

2. Kapitel

In Jeans, die mit frischer Farbe vollgekleckst waren, die Pinsel in der linken Hand, wählte Robert die Telefonnummer des Ministeriums. Die Telefonistin verband ihn mit Georges’ Sekretärin, die gleich durchstellte, als sie den Namen des Künstlers hörte.

«Hallo, Georges?»

«Ja, wie geht’s?»

Die Stimme des Ministerialbeamten klang zurückhaltend, und Robert schloß daraus, daß sein Freund in seinem Büro nicht allein war.

«Soll ich später noch einmal anrufen?»

«Nein, ich rufe gleich zurück.»

Bob malte an seinem Bild weiter, bis es läutete.

«Hallo, Robert?»

«Ja. Also», fuhr Bob ohne Übergang fort, «wie hat es geklappt neulich abends?»

Am letzten Sonntag hatten sie eine Amerikanerin namens Pamela kennengelernt, deren Wahl auf Georges gefallen war.

«Sehr gut», entgegnete Georges. «Ich sehe ihn heute abend wieder.»

Sie hatten verabredet, am Telefon vorsichtshalber so zu tun, als sprächen sie über männliche Bekannte.

«Hat er sich nicht geziert?» wollte Robert wissen. «Wäre ja eine Ausnahme bei einem Amerikaner.»

«Nein, nicht besonders. Na ja, ein wenig, das übliche …»