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Zwei mysteriöse Todesfälle, ein undurchsichtiger Kommissar, ein obskurer Orden und das Geheimnis des 4. Pariser Arrondissements – für alle Leser*innen von Guillaume Musso, Nicolas Barreau und Dan Brown "Wiedermal hatte der Verfasser nur in Rätseln gesprochen. Instaurare omnia in Christo; unaufhaltsam wiederholte Susan diese Zeile, die sie, da war sie sich ganz sicher, schon irgendwo gelesen hatte. Nur wo? Eine Inschrift?" Für den englischen Schriftsteller David Smith läuft eigentlich alles bestens: Drei Bestseller, ein Filmangebot und nun noch das Antiquariat in Paris, das ihm Monsieur Moreau unverhofft vermacht hat. Doch wer war dieser Monsieur Moreau? Welches Geheimnis trug er mit sich? Und warum hatte er gerade David als Erbe auserwählt? Als David versucht, das Geheimnis zu lüften, wird er in zwei Mordfälle verwickelt. Er ermittelt auf eigene Faust, gerät in die Verstrickungen eines geheimen Ordens und steht bald selbst im Fadenkreuz des ermittelnden Kommissars. "Pariser Vermächtnis" – ein Frankreichroman um eine wahre Begebenheit.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2021
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© Piper Verlag GmbH, München 2021
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Cover & Impressum
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21 Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Nachwort
Fast auf den Tag genau ist es nun ein Jahr her. Es war ein Sonntag, ein trüber Herbsttag – so wie heute. Es fiel dieser Nieselregen, den man, wenn man aus dem Fenster schaute, erst auf den zweiten Blick wahrnahm. Kurzum, es war ein Tag, an dem sich mein geliebtes Paris nicht gerade von seiner charmantesten Seite zeigte.
Nachdem ich wie jeden Tag unten bei Paul ein Baguette geholt hatte und anschließend wieder die Stufen hinauf zu meinem kleinen Appartement gestiegen war, beschloss ich, an diesem Tag einfach mal nichts zu tun. Vielleicht würde ich abends noch auf ein Bier hinunter ins Bistro gehen – vielleicht –, aber auch das wollte ich an diesem Morgen nicht entscheiden.
Zwei Tage zuvor hatte ich dort ein interessantes Gespräch mit einer lieben Bekannten geführt. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, immer im »Hier und Jetzt« zu sein. Das fand ich faszinierend; so simpel und doch so schwer. Auf jeden Fall war es genau das, was ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte. Ich wollte keine Pläne schmieden, ich wollte nicht an gestern denken, ich wollte mich ganz bewusst dem widmen, was gerade anstand, und das war erst einmal ein ausgiebiges Frühstück.
Nein! Es hat nicht funktioniert! Noch vor meinem zweiten Bol Kaffee hatte ich zwei eingegangene WhatsApp-Nachrichten gecheckt und lag nun mit meinem krümelnden Baguette auf dem Bett und zappte durch die Fernsehprogramme.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, welcher Sender es war, bei dem ich hängen geblieben bin; sicher nicht einer dieser privaten. Ich tippe mal auf einen dieser Kultur- oder History-Sender, die immer wieder ganz passable Reportagen zeigen.
An das, was ich sah, kann ich mich allerdings noch sehr gut erinnern.
Es war ein Fernsehinterview aus den sechziger Jahren, dem ich bereits nach wenigen Augenblicken gebannt folgte. Schwarz-weiß, der Reporter und seine Gäste rauchten Kette, das, was sie besprachen, so unglaublich, dass wohl kein Schriftsteller so eine Geschichte zu erfinden wagen würde.
Worum es sich bei diesem Interview ging, möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, nur so viel: Es hatte mich so neugierig gemacht, dass ich noch am selben Tag begann, der Geschichte auf den Grund zu gehen.
Dies ist nun wie gesagt zwölf Monate her. Monate, in denen ich recherchiert, Zeitungsartikel und Briefe gesammelt und mit Zeitzeugen gesprochen habe. Meine Recherchen führten mich nach England, in die Normandie und in die Unterwelt der Stadt, die ich so gut zu kennen glaubte – Paris.
Was mache ich nun mit dieser Geschichte? Eine Frage, die mich in den letzten Wochen immer wieder beschäftigt hat. Soll ich wirklich diesen Roman schreiben?
Wie ich mich entschieden habe, ist offensichtlich; schließlich halten Sie ihn just in diesem Moment in den Händen. Ja, die besten Geschichten schreibt wohl das Leben!
Lassen Sie mich dennoch, bevor Sie mit dem Lesen beginnen, kurz darauf hinweisen: »Einige Namen musste ich aus rechtlichen Gründen ändern. Eventuelle Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.«
London – David saß gerade im »Maggie Jones’s«, seinem Lieblingsrestaurant hier in Kensington, und hatte ein Steak and Kidney Pie bestellt, als er das Summen seines Handys bemerkte.
»Mist!«, dachte er. Nur zu gut wusste er, wer da wieder was von ihm wollte: Susan.
Sie hatte schon den ganzen Vormittag versucht ihn zu erreichen. Als das Summen endlich verstummte, schaltete er das Handy aus. Zugegeben, ihm war klar, dass er sich gerade ziemlich mies verhielt, und irgendwie tat Susan ihm auch leid, aber was hätte er ihr sagen sollen?
Sie war es gewesen, die damals im Verlag alle davon überzeugt hatte, seinen ersten Roman, »Die Nebel von Stirling Castle«, zu veröffentlichen. Ohne Susan würde er sich wohl heute noch mit irgendwelchen Aushilfsjobs über Wasser halten müssen. Ja, er hatte ihr viel zu verdanken.
Als Lektorin hatte sie ein Gespür dafür, was beim Leser ankam. Dass der Roman aber gleich ein Bestseller wurde, damit hatte auch sie nicht gerechnet. David sollte gleich zwei Folgeromane schreiben – was er auch tat. Die »Stirling-Castle-Trilogie« wurde schon nach kurzer Zeit ins Deutsche, Spanische und Französische übersetzt und hatte nicht nur ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht, sondern auch dem kleinen Verlag in der Bloomsbury Street einen mächtigen Aufschwung gegeben. Susan hatte mittlerweile, neben ihrer Arbeit als Lektorin, auch die als Davids Agentin übernommen, wofür er ihr zutiefst dankbar war. Nie hätte er gedacht, dass durch die Veröffentlichung seiner Romane nun auch seine Person so im Licht der Öffentlichkeit stehen würde. Pressetermine, Signierstunden, Lesungen, Talkshows und Einladungen zu irgendwelchen Literaturforen, die er im Übrigen besonders hasste: All dies organisierte Susan für ihn.
Dass sie ihn heute aber unbedingt sprechen wollte, hatte einen anderen Grund, das wusste er. In den letzten Monaten hatte es kein Treffen mit ihr gegeben, bei dem sie ihn nicht darauf angesprochen hatte: Der Verlag wollte von ihm unbedingt einen Roman, der an die Stirling-Trilogie anknüpfte. Mehrmals schon hatte er es seitdem bereut, seinen Romanhelden, Christopher Bury, nicht doch in Band drei sterben gelassen zu haben. Es wäre nun um einiges leichter gewesen, den Verlag davon zu überzeugen, es bei den bisher erschienenen drei Büchern zu belassen.
Hätte er einfach so drauflos schreiben dürfen – dessen war er sich sicher –, hätte er bestimmt schon längst sein Manuskript abgeliefert. Aber eine weitere Geschichte um Christopher Bury wollte ihm partout nicht einfallen – zumindest keine, die irgendwie einen Sinn gemacht hätte.
David saß da, wartete auf sein Essen, nahm hin und wieder einen Schluck aus seinem Glas und dachte daran, wie sehr sich sein Leben doch in den letzten drei Jahren verändert hatte. Wie schade, dass Mary dies alles nicht mehr miterlebt hat, ging es ihm durch den Sinn.
Ja, er dachte oft an Mary. Die fünf Jahre mit ihr waren mit Abstand die besten seines Lebens gewesen.
Sie hatten sich in O’Neills Pub in der Wardour Street, wo Mary damals arbeitete, kennengelernt. Für David war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Mary hatte seine Schmeicheleien allerdings anfangs sehr professionell ignoriert, und es hatte David einige Pub-Besuche gekostet, bis sie endlich einwilligte, mit ihm nach Dienstschluss auszugehen.
Schnell waren sie dann aber zusammengezogen; es passte einfach. Und während der ersten viereinhalb Jahre schien es auch so, als hätte das Leben das Glück für sie alleine gepachtet. Sie hatten eine kleine Zweizimmerwohnung in der Rupert Street gemietet, Mary arbeitete weiterhin bei O’Neill und David schrieb, wenn er nicht gerade als Pizzabote oder freier Kulturredakteur für die Daily Mail unterwegs war, an seinem ersten Roman. Sicher, finanziell sah es nicht besonders rosig aus, damals, aber sie waren glücklich.
Zumindest bis zu jenem Tag im Oktober, an dem Mary von Dr. Thomson vom Whittington Hospital diese niederschmetternde Diagnose erhielt. Die immer häufiger auftretenden Kopfschmerzen und Sehstörungen hatten nichts – wie Mary vermutet hatte – mit den Migräneanfällen zu tun, unter denen sie seit vielen Jahren litt. In ihrem Kopf hatte sich ein inoperabler Tumor gebildet. Viel Zeit war ihnen danach nicht mehr geblieben; dabei hatten sie doch noch so viele Pläne, so viele Träume gehabt.
Mary war die Liebe seines Lebens. Alles hätte er für sie getan. Doch hatte er das wirklich? War er ihr wirklich die Stütze gewesen, die er so gerne gewesen wäre? Wenn er heute an die letzten Monate dachte, die ihnen geblieben waren, schämte David sich für seine Schwäche. Und er hasste die Trauer, die ihn damals gelähmt und ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weggerissen hatte.
Die Zusage vom Verlag hatte ihn nur wenige Tage nach Marys Tod erreicht. Freude, dass sein Roman nun doch veröffentlicht wurde, konnte David daher nicht wirklich empfinden. Zu tief saß der Schmerz, Mary für immer verloren zu haben.
Susan hatte damals viel Verständnis für ihn aufgebracht. Aber sie war auch ehrgeizig und wenn es darum ging, David immer wieder an seine Verpflichtungen zu erinnern, äußerst hartnäckig gewesen. Und das war auch gut so, wie David sich im Nachhinein eingestehen musste. Ohne die Veröffentlichung und die vielen Aufgaben, die für ihn damit verbunden waren, wäre er sicher in Selbstmitleid versunken.
Nein. Sich nun einfach nicht mehr bei ihr zu melden, hatte Susan wirklich nicht verdient. David nahm sein Handy, schaltete es wieder ein, wählte Susans Nummer, als sich die Tür zur Küche öffnete. Julie, die Bedienung des Pubs, kam geradewegs auf David zu; in ihrer Hand sein Steak and Kidney Pie.
»Schlechtes Timing!«, dachte David, doch da meldete sich auch schon Susan am anderen Ende der Leitung.
»David, schön, dass du anrufst! Wo bist du? Ich habe schon ein paarmal versucht, dich zu erreichen.«
»Ja, sorry!«, antwortete David, während er sich bei der jungen Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln bedankte. »Ich war unterwegs und sitze jetzt gerade hier im Maggie Jones’s. Was gibt es denn so Wichtiges? Stirling Castel Part 4?«
»Nein, aber natürlich ist das auch noch nicht vom Tisch!«, antwortete Susan lachend. »Die Sache ist die: Wir haben für das erste Buch ein tolles Angebot bekommen. Ich möchte aber nicht zusagen, bevor ich mit dir darüber gesprochen habe. Hast du heute Abend Zeit? Kann ich kurz vorbeikommen?«
»Natürlich, ich bin den ganzen Abend zu Hause«, antwortete David und rückte währenddessen seinen Teller zurecht.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Susan für Absprachen bei David vorbeischaute. Sie hatte ihm letztes Jahr auch das Haus in der Victoria Road besorgt. Bis dahin hatte er immer noch in der kleinen Zweizimmerwohnung, die er mit Mary eingerichtet hatte, gelebt. Auf Dauer würde ihm die nicht guttun, hatte Susan damals gesagt und vermutlich hatte sie damit auch recht gehabt. Alles in der Wohnung hatte ihn an Mary erinnert. Vergessen, nein vergessen wollte er keine Sekunde, die er mit ihr zusammen gewesen war, aber es war auch Zeit, wieder nach vorne zu schauen. Das Leben musste ja weitergehen.
Mit dem Einzug in seine neuen vier Wände war ihm so, als hätte er ein neues Kapitel zu schreiben begonnen – was wohl auch irgendwie zutraf. Ja, es war eine gute Idee gewesen, hierher zu ziehen.
Heute war Mittwoch, ein herrlicher Apriltag, und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen machten nach diesem verregneten Winter einfach Lust auf Sommer.
Nachdem David das Maggie Jones’s verlassen hatte, beschloss er daher noch eine Runde durch den nur einen Häuserblock entfernten Kensington Park zu machen. Er war öfters dort – nicht nur bei schönem Wetter.
Ihm fiel einfach nichts ein, wenn er an seinem Laptop auf eine leere Seite starrte. Dann musste er raus. Damals, als er noch in der Rupert Street gewohnt hatte, war er stundenlang, ziellos und in Gedanken vertieft, durch die Straßen West Ends gelaufen.
Heute ging er durch den Kensington und von dort aus meistens rüber in den Hyde Park. Ja, es war eigenartig, die besten Geschichten fielen ihm ein, wenn er, den Blick auf den Boden gerichtet und irgendwelche Szenarien vor sich hin murmelnd, planlos durch die Gegend streifte. Er war sich bewusst, dass dies ziemlich bescheuert aussehen musste, aber es war ihm egal; hier in London liefen eh die merkwürdigsten Typen rum.
Nach gefühlt einer Stunde beschloss David, wieder heimwärts zu gehen. Er hatte einige Ideen für eine Story, die er nun so schnell wie möglich niederschreiben wollte.
Zu Hause angekommen, streifte er in der Diele seine Schuhe ab, ging zur Küche und machte sich einen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand – Kaffee hatte er schon immer dem Earl Grey vorgezogen – ging er ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und setzte sich an seinen Schreibtisch. Den Fernseher einzuschalten, sobald er das Wohnzimmer betrat, war eine Angewohnheit von ihm geworden, seit er in das, wie er sich selbst eingestehen musste, viel zu große Haus eingezogen war. Irgendwie hatte er so das Gefühl, nicht ganz so alleine zu sein. Freunde lud er nur selten ein und, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, Mary fehlte ihm immer noch.
Er klappte sein Laptop auf und begann zu schreiben. Ihm war klar, dass er das meiste davon morgen wieder löschen würde. Aber es half nichts; irgendwie musste er wieder in einen Schreibfluss finden, und vielleicht würde er ja morgen, mit etwas Abstand, in all den zusammenhanglosen Zeilen doch noch etwas Brauchbares finden.
Draußen dämmerte es schon, als er sein Textdokument unter dem Namen »Ideen03.04.19« abgespeichert hatte. Er stand auf, holte sich noch einen Kaffee und widmete sich seiner Post, die er seit mindestens einer Woche an einer Ecke seines Schreibtisches gestapelt hatte. Die unzähligen Reklameblätter schmiss er gleich in den Papierkorb. Briefe von irgendwelchen Ämtern oder Agenturen legte er beiseite. Diese würde er gleich Susan mitgeben. Nur die monatlich eintrudelnden Rechnungen öffnete er und beglich sie gleich per Online-Banking.
Viel hatte er heute nicht geschafft, wie er feststellte. Aber immerhin hatte er die Post erledigt! Er setzte sich rüber an den Fernseher, zappte durch die Programme, als es kurz darauf auch schon an der Haustür schellte – Susan.
»Komm rein und geh durch. Trinkst du ’nen Tee?«, begrüßte David sie.
»Ja, gern!«, erwiderte Susan.
Sie ging ins Wohnzimmer, entledigte sich ihres Mantels und setzte sich so, dass sie David, der zur Küche gegangen war, um den Tee aufzugießen, beobachten konnte.
»Ist doch echt ein tolles Haus! Hast du dich schon eingelebt hier in Kensington?«, fragte Susan.
»Wie bitte? Ach so!« David war mal wieder mit seinen Gedanken ganz woanders. »Ja, das Haus ist super!«
Susan schaute David, der inzwischen ziemlich unbeholfen das kleine Tablett mit den Ingwerkeksen und dem Tee Richtung Wohnzimmer balancierte, skeptisch über den Rand ihrer Brille an. Sie wusste, dass es weit und breit kein Haus gegeben hätte, in dem er wirklich glücklich geworden wäre. Was ihm fehlte, war eine feste Beziehung. Zu schade, dass es zwischen ihnen beiden einfach nicht funken wollte. Sie mochte David sehr, und sie waren zweifellos ein tolles Team; mehr aber auch nicht.
Es lag schon einige Monate zurück, da waren sie sich nach einer Party aus einer Cocktaillaune heraus nähergekommen. Der erste Kuss hatte sich allerdings ziemlich albern angefühlt, und beide hatten furchtbar lachen müssen. Nein, sie waren wirklich nicht füreinander geschaffen; zumindest nicht als Liebespaar. Immerhin war diese Frage seit jenem Abend für beide ein für alle Mal geklärt.
»Also, was hast du denn so Großartiges, das du mit mir besprechen möchtest?« David stellte Susans Tee sicher auf den kleinen Tisch.
»Du glaubst es nicht, aber MGM hat die Filmrechte für »Die Nebel von Stirling Castle« angefragt!«, antwortete Susan freudestrahlend.
»MGM?«, hakte David nach.
»Na, Metro-Goldwyn-Mayer! Aus L. A.! Dein Buch soll in Hollywood verfilmt werden!«
David ließ sich in den alten Ledersessel – eins der wenigen Möbelstücke, die er von der Rupert Street mit ins neue Haus genommen hatte – fallen und schaute Susan fassungslos an. »Na, das ist ja ein Hammer! Wo ist der Haken? Warum möchtest du mit mir darüber noch reden? Zusagen! Gleich zusagen!«
»Nun, die Amerikaner möchten von uns die Genehmigung, dass sie das Buch anpassen dürfen«, erklärte Susan, und ihre Stimme klang plötzlich nachdenklich. »Wenn wir zusagen, können die deine Geschichte so ändern, dass du sie möglicherweise selbst nicht mehr wiedererkennst.«
David überlegte. »Und die Lizenzen?«
»Das müssten wir noch klären. Aber die sollten, egal was MGM mit der Story macht, natürlich an uns beziehungsweise an dich gehen.«
David zögerte, dann fuhr Susan fort: »Wenn du prinzipiell einverstanden bist, würde ich die Angelegenheit von unserem Rechtsanwalt Michael Kindley überprüfen lassen und denen ein Angebot unterbreiten. Eventuell besteht auch die Möglichkeit, dass man dir ein Mitspracherecht bei der Entwicklung des Drehbuchs einräumt.«
»Metro-Goldwyn-Mayer«, murmelte David vor sich hin und hielt einen Moment inne. »Und es ist sicher, dass die den Film machen?«, fragte er schließlich.
»Es ist erst einmal nur eine Anfrage, aber sie sind auf jeden Fall interessiert. Sonst hätten sie sich nicht bei uns gemeldet. Ob es wirklich zum Film kommt, weiß man nicht. Da spielen bestimmt noch viele andere Faktoren eine Rolle. Drehbuch, Budget und …«
»… unsere Bedingungen!«, warf David ein.
Susan schaute David an und nickte.
»Du, Susan, ich glaube, das ist eine einmalige Chance. Ich würde da nicht zu hoch pokern. Wenn die Lizenzen einigermaßen den in der Filmbranche üblichen entsprechen, dann gebt ihnen die Filmrechte. Um meine Story mache ich mir da überhaupt keine Sorgen. Sicher werden die Amerikaner alles etwas spektakulärer in Szene setzen als im Buch, aber ich denke, die wissen schon was sie tun.«
»Hast du keine Angst, dass die uns übers Ohr hauen?«, fragte Susan verdutzt.
»Nein! MGM ist doch eine der größten Produktionsfirmen in Hollywood, oder?«
»Ja!«
»Nun«, fuhr David fort, »Dann können wir, selbst bei einem schlechten Deal, nur gewinnen. Außerdem glaube ich, dass MGM nicht wirklich darauf hinaus ist, kleine Verlage übers Ohr zu hauen. Die jonglieren bei ihren Produktionen mit Millionen, dagegen sind wir kleine Fische. Michael Kindley soll die Sache überprüfen, und dann sagt zu. Und sollte der Film wirklich erfolgreich sein, und die auch die zwei anderen Bücher verfilmen wollen, können wir ja wieder neu verhandeln. Das solltet ihr auf jeden Fall vertraglich offenlassen.«
Susan überlegte. »Okay, dann machen wir das so. Aber du weißt schon, dass der Verlag dir dann noch mehr Druck machen wird, was das vierte Stirling-Castle-Buch betrifft? Auch wenn nur der erste Roman verfilmt wird, mit dem ganzen Presserummel werden die Verkaufszahlen aller drei Bücher noch einmal in die Höhe schnellen. Der Verlag wird dir keine Ruhe lassen.«
»Ja, ich weiß, aber da muss ich dann wohl durch!«, antwortete David.
Beide lachten.
Susan setzte ihre Tasse ab, nahm einen Ingwerkeks und fragte dann beiläufig, ohne David dabei anzusehen: »Na, was hast du denn heute so gemacht?«
Sie wusste nur zu gut, wie empfindlich David auf diese Frage reagieren konnte, besonders, wenn ihm nichts Gescheites eingefallen war und er keine einzige Zeile zustande gebracht hatte.
David seufzte. »Ehrlich gesagt nicht viel. Heute Nachmittag habe ich zwar etwas geschrieben, aber ich fürchte, ich werde auch das wieder verwerfen. Mist, ich brauche nur eine Idee, eine einzige vernünftige Idee. Du weißt, wie schnell ich dann einen Roman geschrieben habe. Vielleicht liegt es auch daran, dass die bisherigen Bücher so erfolgreich waren. Ich möchte nicht irgendetwas Mittelmäßiges abliefern.«
David ging zum Fenster und schaute die Victoria Road hinunter. Die Straßenlaternen waren gerade angegangen und es hatte wieder angefangen zu regnen. »Da draußen gibt es tausend Storys, die nur darauf warten geschrieben zu werden. Es ist zum Verzweifeln!«
Dann, ruckartig, drehte er sich wieder um und schaute Susan mit einem Alles-wird-wieder-gut-Lächeln an.
»Aber das wird schon, Susan! Mache dir keine Sorgen. Bisher habe ich ja noch immer rechtzeitig abgeliefert.«
Ja, es stimmte; auch bei den zwei letzten Romanen hatte es einige Zeit gedauert, bis David genau wusste, was er zu Papier bringen würde. Trotzdem hatte er seine Romane immer noch vor Abgabetermin zu Ende gebracht.
Dieses Mal dauerte es aber beunruhigend lange. Susan war skeptisch und sich keine Sorgen zu machen, war leichter gesagt als getan.
David wollte das Thema wechseln und ging hinüber zum Schreibtisch.
»Schau mal, ich habe hier wieder ein paar Briefe – Geschäftskram! Würdest du das für mich erledigen?«
Susan schob ihre Tasse etwas beiseite, nahm die Briefe und warf einen kurzen Blick auf deren Absender.
»Du, ich glaube, der hier ist privat. Der ist von einem Notar in Paris!«
»Ja, habe ich gesehen!«, antwortete David. »Aber das hat bestimmt etwas mit eurem Co-Verlag in Frankreich zu tun – wegen der Romanübersetzungen ins Französische.«
»Wohl kaum!«, erwiderte Susan. »Der wäre in der Bloomsbury Street angekommen. Soll ich nachschauen?«
David nickte.
Susan legte die anderen Briefe beiseite, rückte ihre Brille zurecht und öffnete den Brief.
Georges Clémant
Notaire
3, Rue du Louvre – 75001 Paris
David Smith
Victoria Road 50b
Kensington London W8 5PQ
Großbritannien
Paris, den 25. März 2019
Sehr geehrter Herr Smith,
mir liegt ein Dokument vor, in dem mein Klient, Charles Moreau,geb. am 06.07.1947 in Gisors, verstorben am 19. März 2020 in Paris, Sie als Alleinerbe eingesetzt hat.
Das Erbe, u. a. bestehend aus einer ihnen zugedachten Immobilie, gelegen in der Rue du Haut Pavé 3, 75005 Paris, könnte Ihnen, da keine anderen Verwandten bekannt sind, zeitnah überschrieben werden.
Ich bitte Sie, sich diesbezüglich mit meiner Kanzlei in Verbindung zu setzen.
Hochachtungsvoll
Georges Clémant
Notar
David und Susan schauten sich verwundert an.
»Kennst du diesen Herrn Moreau?«, fragte Susan.
»Nein, nie von ihm gehört!«
»Aber er muss dich kennen, David. Ein Fremder wird dir wohl kaum ein Haus schenken.«
»Wer würde mir ein Haus schenken? Das ist nie und nimmer seriös. Komm, ich werfe den Brief gleich weg.«
Ruckartig zog Susan die Hand, in der sie den Brief hielt, zurück. »Warte! Was hast du zu verlieren? Vielleicht ist es ja ein entfernter Verwandter?«
»Glaubst du an Märchen?«, fragte David spöttisch. »Ich habe keine Verwandten in Frankreich. Da ist doch ein Haken dran! Womöglich soll ich vorab schon mal irgendwelche Rechtsanwaltskosten auf ein Schweizer Nummernkonto überweisen, oder auf dem Haus liegt eine wahnsinnige Hypothek. Da sucht doch jemand einen Dummen!«
»Aber was, wenn der Brief seriös ist?«, fragte Susan. »Was hältst du davon, wenn ich ihn mitnehme und diesen Notar mal von Michael Kindley überprüfen lasse?«
»Meinetwegen! Aber jetzt leg den Brief beiseite.«
Dave holte eine Flasche Wein, zwei Gläser und legte dann eine alte Vinyl-Platte von Emerson, Lake und Palmer auf. Auch auf Susan wartete keiner zu Hause, das wusste er. Ob sie jemals eine feste Beziehung gehabt hatte, hatte David nie gefragt. Eigentlich wollte er es auch gar nicht wissen. Sie hatten beide ihr Privatleben und doch waren sie, das wussten sie, immer füreinander da.
Es war schon spät geworden – David war gerade noch einmal aufgestanden, um in seiner Plattensammlung eine andere LP auszusuchen – als sich Susan verabschiedete.
»Du, David, ich mache mich mal langsam auf den Weg!« Susan stand auf, nahm ihre Tasche und steckte Davids Briefe ein. »Sobald ich Neuigkeiten von Kindley habe, melde ich mich bei dir. Ciao, schlaf gut!«
David begleitete Susan zur Tür. Es hatte aufgehört zu regnen. Eilig ging Susan die Victoria Road hinunter. David schaute ihr nach, bis sie in den St. Albans Grove einbog und er sie aus den Augen verlor. Was nur würde sie über diesen Monsieur Moreau herausfinden? Würde er wirklich bald Besitzer eines Hauses in Paris sein?
Susan war heute Morgen erst gegen zehn Uhr im Verlagshaus erschienen. Gestern war es spät geworden. Davids mysteriöser Brief und die Anfrage von Metro-Goldwyn-Mayer hatten ihr keine Ruhe gelassen. Noch lange hatte sie auf ihrer Couch gesessen und sich ausgemalt, wie es nun wohl mit Davids Karriere weitergehen würde. Als sie das erste Mal auf die Uhr geschaut hatte, war es weit nach Mitternacht gewesen.
Hoffentlich lande ich nicht wieder auf dem Anrufbeantworter, dachte Susan, als sie die Nummer der Kanzlei Kindley wählte. Sie hatte Glück; Michael Kindley war zwar gerade wegen eines Gerichtstermins außer Haus, aber um vierzehn Uhr würde er laut seiner Sekretärin Zeit für sie haben.
»Perfekt!« Susan checkte noch schnell ihren E-Mail-Eingang, steckte ihr Tablett und die Unterlagen von MGM in ihre bunte Patchwork-Umhängetasche und verschwand Richtung Flur. Bevor sie den Verlag verließ, klopfte sie noch an Georges Tür.
Er hatte den kleinen Verlag damals, nach seinem Studium an der London School of Economics and Political Science, mit seinem Freund gegründet, einem gewissen Will. In erster Linie wohl, um ihre eigenen Bachelorthesis zu veröffentlichen. Der kleine Independent-Verlag, der seinen Sitz damals noch in Georges Mansardenwohnung hatte, entwickelte sich aber schnell zu einem richtigen, eigenständigen Unternehmen – für George und Will völlig unerwartet. Irgendwann mussten sie sich entscheiden: Entweder sie würden ganz ins Verlagsgeschäft einsteigen, oder den Verlag verkaufen. George entschied sich für den Verlag. Will zog sich aus den Geschäften zurück und widmete sich seinem Masterstudium.
Aber all das war vor einigen Jahren gewesen, bevor Susan dort ihre Tätigkeit als Lektorin begonnen hatte. Will hatte sie nie kennengelernt und wusste auch nicht, was aus ihm geworden war.
»Hey, George! Ich habe gestern mit David über MGM gesprochen. Er sagte, wir sollen denen die Filmrechte geben. Ich habe gleich einen Termin mit Michael Kindley.«
George unterbrach seine Arbeit, schaute hoch und lachte. Er mochte Susan und ihre manchmal doch sehr sprunghafte Art. »Super, alles klar! Kommst du heute noch mal vorbei und sagst mir, wie es gelaufen ist?«
»Ja, natürlich. Bis dann!«, antwortete Susan und war im selben Augenblick auch schon verschwunden.
George schüttelte den Kopf. »Unsere Susan!«, sagte er leise vor sich hin, bevor er sich dann, bestgelaunt, mit einem Grinsen auf den Lippen, wieder seiner Arbeit widmete.
Ja, so war sie, Susan: In ihrer Art manchmal etwas – vorsichtig ausgedrückt – unkonventionell, aber man konnte sich stets auf sie verlassen. Abgesehen davon war sie die Einzige im Verlag, die durch ihre Leichtigkeit und ihre Spontanität etwas Farbe in den oft grauen Verlagsalltag brachte. Wenn es irgendetwas zu lachen gab, konnte Susan nicht weit sein.
Nach ein paar Minuten Fußweg hatte Susan die Museum Street erreicht. Hier, an der Ecke zur Little Russel Street, war »The Plough« – ein alter urgemütlicher Pub, in dem es zudem das beste Fish and Chips in ganz Bloomsbury gab. Susan kam regelmäßig hierhin; um Freunde zu treffen, um eine Kleinigkeit zu essen, oder, so wie heute, um in aller Ruhe irgendwelche Exposés oder Manuskripte zu lesen.
The Plough hatte gerade erst seine Türen geöffnet und noch war es sehr ruhig hier. Susan hatte freie Tischwahl und sie genoss diesen kleinen Luxus. So kann der Tag weitergehen, dachte sie. Lächelnd und bestens gelaunt schlängelte sie sich durch das Pub bis hin zu jenem Tisch vor dem Fenster, das den Blick auf die Museums Street freigab, und durch das die ersten Sonnenstrahlen in den kleinen dunklen Gastraum fielen. Nachdem sie sich hingesetzt, ihre Tasche abgelegt und ihr Tablet hervorgeholt hatte, war sie wieder kurz aufgestanden, um sich schließlich noch ihres Mantels zu entledigen. Phil, der Inhaber des Pubs, hatte Susan die ganze Zeit beobachtet. Für ihn waren alle Tische gleich und warum sich Susan gerade für einen der hinteren entschieden hatte, konnte er beim besten Willen nicht nachvollziehen. Doch er sagte nichts. Er stand nur da, schweigend, und schaute Susan geduldig zu. Mit einem Strahlen im Gesicht bestellte Susan einen Tee. Ohne ein Wort ging Phil zurück zur Theke.
Zugegeben, mancher Gast war von Phils sonderbarer Art, seine Gäste zu empfangen, irritiert; nicht so Susan. Die Stammkunden hier kannten ihn. Ja, sie mochten ihn sogar. Hinter seiner mürrischen Fassade verbarg sich ein herzensguter Mensch, das wussten alle hier.
Susan nahm ihr Tablet, schaltete es ein und schon bald war sie in ihre Arbeit versunken. Dass Phil ihr zwischenzeitlich ihren Tee serviert hatte, hatte sie nur beiläufig zur Kenntnis genommen. Hin und wieder hob sie ihren Kopf, schaute aus dem Fenster und überlegte. In Gedanken vertieft, ihr Blick wie abwesend, schien sie das Geschehen draußen gar nicht wahrzunehmen. Erst als sich der Pub langsam füllte und es zunehmend lauter um sie herum wurde, schaute sie auf ihre Uhr. Es war halb zwei. Schnell steckte sie ihre Sachen in die Tasche, bezahlte, eilte zur Underground Station Holborn und stieg in die Linie »Central«.
Oxford Circus – an der nächsten Station musste sie aussteigen. Es war viertel vor zwei!
Punkt vierzehn Uhr betrat Susan das Accurist House in der Baker Street 44. Mit dem Aufzug fuhr sie hoch zur dritten Etage. Mister Kindleys Sekretärin öffnete ihr die Tür und bat Susan, noch einen Moment Platz zu nehmen.
George und Michael Kindley kannten sich schon seit ihrer Jugend, und so war es auch kein Zufall, dass gerade er dem Verlag bei Rechtsfragen zur Seite stand.
Nach einer Weile öffnete sich die mit einem dicken Lederpolster bezogene Tür, und ein sehr nervös erscheinender, kleiner Mann verließ das Büro. Ein merkwürdiger Mensch, dachte Susan, während sie ihre Unterlagen, die sie noch einmal kurz durchgesehen hatte, wieder in ihre Tasche steckte. Dann hörte sie Kindleys rauchige Stimme: »Susan, dürfte ich Sie bitten?«
Susan kannte den Anwalt nun schon einige Jahre, sein Auftreten irritierte sie aber immer noch: meist unrasiert, die Haare wild zerzaust, und ein Hemd, ungebügelt, das an einer Seite immer aus dem Hosenbund schaute. Ja, irgendwie sah er immer so aus, als wäre er gerade nach einer durchzechten Nacht heimgekehrt. Aber er war echt gut und für seine brillanten Plädoyers bekannt.
Susan begrüßte den Rechtsanwalt und nahm vor seinem großen Schreibtisch Platz. Der war im Übrigen äußerst aufgeräumt. Ein PC, ein Telefon, mehr nicht. Als sich der Anwalt auf die andere Seite des Tisches setzte, musste Susan schmunzeln. »Irgendetwas passt doch hier nicht«, ging es ihr durch den Kopf; »entweder der Schreibtisch oder der Mann dahinter.«
»Was kann ich für Sie tun, Susan?«, kam Kindley gleich zur Sache.
Susan holte die Unterlagen von Metro-Goldwyn-Mayer aus ihrer Tasche und erklärte ihm, um was es ging. Der Rechtsanwalt hörte interessiert zu. Hin und wieder hob er seine Augenbrauen, was darauf schließen ließ, dass ihn der Auftrag wirklich reizte. Verständlich, welcher Londoner Anwalt hatte schon mit Hollywood zu tun? Susan bereitete es Vergnügen, ihn so zu sehen.
»Na, das hört sich ja sehr interessant an«, sagte Kindley. Dann überlegte er einen kurzen Moment und fuhr schließlich fort: »Ich würde vorschlagen, George schreibt denen, dass ihr prinzipiell bereit seid, ihnen die Filmrechte zu überlassen und bittet dann um Zusendung eines Vertragsentwurfs. Ich werde mich zwischenzeitlich bei einem Kollegen, der öfters in der Filmbranche tätig ist, schlau machen, auf was wir achten müssen. So ein Vertrag wird wohl ziemlich komplex sein. Vorführungsrechte, Vervielfältigungsrechte, die Rechte an nachträgliche Synchronisationen – und das ist nur das, was mir spontan in den Kopf kommt.«
Kindley machte sich einige Notizen und legte diese zu den Kopien der E-Mails, die Susan ihm gegeben hatte.
»Well, war sonst noch etwas, wobei ich helfen kann?«, fragte Kindley, nun wieder in seiner unnachahmlichen selbstgefälligen Art.
»Ja, allerdings«, antwortete Susan. »Das hat aber nichts mit dem Verlag zu tun. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich für David Smith auch als Agentin tätig.«
»Nein, das wusste ich nicht. Hat er Probleme?«
»Oh nein, bei ihm ist alles bestens und wenn das nun mit MGM noch klappen würde, aber naja, darum geht es nicht. Schauen Sie her, letzte Woche hat David diesen Brief hier erhalten. Er glaubt, dass dahinter eine Betrugsmasche steckt. Ich habe aber mal im Internet recherchiert und für mich sieht alles sehr vertrauenswürdig aus, auch wenn es sehr ungewöhnlich ist. Was meinen Sie?«
Kindley nahm den Brief, zog seine Brille auf und begann zu lesen.
»Nun, eine Erbschaft ist nicht wirklich ungewöhnlich! Kennt Smith diesen Monsieur Moreau?«
»Nein, das ist es ja, was Mister Smith so stutzig macht!«
Kindley überlegte kurz und rieb sich dabei die Stoppeln seines Dreitagebarts. »Ich gehe davon aus, dass sie noch keinen Kontakt mit diesem Notar aufgenommen haben, oder?«
Susan schüttelte den Kopf.
»Nun, dann werden wir das mal machen. Moment, in Frankreich ist es nun schon eine Stunde später, also viertel vor vier. Mal sehen, vielleicht haben wir ja noch Glück.«
Der Rechtsanwalt nahm den Hörer ab, wählte die auf dem Brief angegebene Nummer und ließ sich kurz darauf auch schon mit dem Notar verbinden. Das ganze Gespräch, das ungefähr fünf Minuten dauerte, und Kindley in einem akzentfreien Französisch führte, konnte Susan nur mit Mühe folgen. Ihr Schulfranzösisch war einfach miserabel, wie sie wieder Mal feststellen musste.
»Man muss auch mal Glück haben!«, sagte Kindley, als er den Hörer wieder einhängte. »Ich hatte diesen Monsieur Clémant gleich an der Strippe. Also, wie ich das beurteilen kann, geht da alles mit rechten Dingen zu. Die Hintergründe dieser Erbschaft hat mir der Kollege, insofern er diese überhaupt kennt, am Telefon natürlich nicht verraten. Er wird mir aber einen Grundbuchauszug mailen, aus dem hervorgeht, dass die Immobilie schuldenfrei ist. Das ist schon mal das wichtigste. Sollte Mister Smith die Erbschaft annehmen, und ich sehe keinen Grund, dies nicht zu tun, müsste er allerdings persönlich in Paris vorstellig werden. Sicher wird er dort auch erfahren, wie es dazu kam. Hätte er in den nächsten Tagen Zeit? Wenn Sie wollen, kann ich einen Termin vereinbaren.«
»Zeit schon«, sagte Susan. »Ich müsste allerdings vorher noch einmal mit ihm Rücksprache halten.«
