Parkbank ins Leben - Frank W. Kolbe - E-Book

Parkbank ins Leben E-Book

Frank W. Kolbe

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Beschreibung

Marcs nahezu perfektes Leben wird auf die Probe gestellt, als er unerwartet seine Arbeit verliert. Gedankenverloren schlendert er zum Stadtpark. Um zur Ruhe zu kommen, setzt er sich auf eine Bank - ohne zu ahnen, dass die nächsten Stunden sein Leben auf ungeahnte Weise verändern werden. Taucht man in die Geschichte ein, erlebt man die Transformation eines jungen Mannes, der das Glück sehen kann und dessen Leben auf wunderbare Weise neu beginnt.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Frank W. Kolbe

Parkbank ins Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Mein besonderer Dank gilt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

Die Zitate

Dankeschön

Über den Autor (lang)

Impressum neobooks

Mein besonderer Dank gilt

Mein besonderer Dank gilt

Meiner Mutter und Freundin Annemarie

Meinem Vater Uwe

Meinem Bruder Marco mit Familie

Meinem Freund Sascha

seiner Mutter Marie Luise

Meiner Freundin Marion

Meinen Lieben von „oben“

Für eure Erfahrungen

Für eure Nähe zu mir

Für eure Freundschaft

Für eure tiefe Liebe

Vorwort

Manchmal erlebt man, ob wir wollen oder nicht, Stunden der Stille. Diese stillen Stunden, mögen sie auch ab und zu anstrengend und ärgerlich sein, führen uns aber zu neuen Wegen, weil wir endlich einmal Zeit haben, über vieles nachzudenken. Der Sinn des Lebens ist eines der Hauptthemen, die uns in solchen Stunden beschäftigen. Warum leben wir eigentlich? Kann es der Sinn sein, jeden Tag arbeiten zu gehen um am Ende überleben zu können? Oder liegt der Sinn des Lebens doch in der Armut und der Arbeit mit anderen Menschen?

Einige Menschen haben es sich zur Aufgabe gemacht, nach diesen Antworten zu suchen. Sie besteigen die höchsten Berge, tauchen in die tiefsten Meere oder wandern die längsten Wege. Doch am Ende ist es vielleicht eine Schnecke oder das Blatt eines Baumes, die ihnen auf ihrem Heimweg die Antwort geben, die sie auf ihrer Reise vergebens gesucht haben.

Suchen wir krampfhaft nach Antworten auf alle unsere Fragen werden wir nicht fündig, denn wir müssen erst lernen, dass unser Körper und unser Geist in dieser stressigen Welt besondere Aufmerksamkeit brauchen. Wir können so viel erleben, wenn wir uns nur jeden Tag ein paar Minuten der Stille widmen. Die Antworten auf unsere Fragen, ja, auch die Antwort auf den Sinn des Lebens, finden wir in uns und nicht auf solchen Extremreisen.

Die in diesem Buch geschilderte Reise durch die Gedanken des jungen Mannes Marc soll für dich ein kleiner Wegweiser sein, zu erkennen, dass es auf dieser Welt jeden Tag Wunder gibt. Wunder, die für uns so alltäglich geworden sind, dass wir sie nicht mehr zu sehen vermögen. Doch wenn du lernst wieder richtig hinzuschauen, dann wirst du auf einmal Dinge sehen, die dir bisher im Verborgenen lagen.

Ich wünsche dir mit diesem Buch viel Spaß, einige ruhige Momente und für deinen weiteren Weg alles Liebe.

Kapitel 1

Marc hatte keinen Blick mehr für den Weg, den er zurücklegte. Seine Augen waren auf den Boden gerichtet und seine Gedanken schweiften durch sein ganzes Leben, auf der Suche nach dem Moment, an dem er glaubte, etwas falsch gemacht zu haben. Mit jedem Schritt verflog seine Stimmung immer mehr. Die Welt um ihn herum wurde zu einem grauen Tunnel in seinen Augenwinkeln und ab und zu gab er eine Träne frei, die er sich von seiner Wange wischte.

Noch vor ein paar Stunden sah seine Welt ganz anders aus. Marc stand auf, duschte, frühstückte und ging freudig zur Arbeit. Er war gerne dort, denn die Arbeit im Büro, er war kaufmännischer Angestellter, machte ihm Freude. Zusammen mit seinen Kolleginnen hatte er immer sehr viel Spaß und auch die Chefin war stets gut gelaunt und brachte auch mal einen Witz wenn sie ins Büro kam. Am unterhaltsamsten war es bei ihren Scherzen meist erst hinterher, denn sie waren so flach, dass man mehr über die Reaktion der Chefin lachen musste, als über den Witz. Es war sehr schön und Marc war glücklich mit seinem Leben.

An diesem Morgen jedoch war die Stimmung in dem Büro sehr getrübt. Eine seiner Kolleginnen war in Tränen ausgebrochen und diese Stimmung ging direkt auf Marc über. Als sie ihn sahen, machten alle ein Gesicht, als ob sie ihm etwas angetan hatten und sich nun dafür schämten. Nur Erika, die älteste der Damen, kam zu ihm und umarmte ihn.

„Marc, man reißt uns auseinander!“, weinte sie, „Man reißt uns auseinander!“

Marc wusste gar nicht was los war. Er dachte, es sei jemand gestorben. Doch alle Frauen waren im Büro zusammen; die Chefin fehlte, aber das war ja nichts Ungewöhnliches.

„Was ist denn los, um alles in der Welt. Was habt ihr denn?“, fragte Marc in die Runde.

Christa, die in den Armen von Hildegard noch immer weinte, streckte ihren Arm aus und reichte ihm ein Blatt Papier. Marc fing an zu lesen und seine Augen wurden immer größer und sein Gesicht zerfiel immer mehr zu der Grimasse, die man macht, wenn man zu weinen beginnt.

„Kündigung!?“, brüllte er fragend durch das Büro. Christa schluchzte laut bei dem Wort. „Wie kommt sie dazu, dir zu kündigen? Sie weiß ganz genau, dass wir alle mehr als genug zu tun haben und sehr gute Arbeit leisten! Wir sind ein Team, das darf sie nicht!“

Marc war wütend auf seine Chefin. Erika lockerte ihren Griff und fing ebenfalls furchtbar an zu weinen.

„Du auch Marc!“, sagte sie stotternd, sodass er sie gar nicht richtig verstand.

„Was ich?“, fragte er erstaunt.

Erika musste sich etwas fassen und sagte: „Du bekommst auch eine Kündigung und so macht sie es mit uns allen. In einem halben Jahr ist keiner mehr von uns übrig.“ Sie brach wieder in Tränen aus.

Marc fiel auf seinen Stuhl. Sein Blick war auf das Papier in seiner Hand gerichtet. Die Adresse auf dem Brief nannte die Adresse von Christa, Christiana Beko. Aber sein Name auf solch einem Blatt Papier, nein, das konnte er nicht glauben. Er hatte hier seine Ausbildung gemacht, war der erste Auszubildende in der Geschichte der Firma, der übernommen wurde und nun sollte ihm gekündigt werden?

Die Tür zum Büro öffnete sich, ein Schnauben war zu hören und sie schloss sich wieder, ohne, dass jemand eintrat. Kurze Zeit später ging sie wieder auf. Diesmal schwungvoller und die Chefin durchflog wie ein Wirbelwind das Büro, den Blick von allen abgewandt und schloss hinter sich die Tür zu ihrem Zimmer. Alle schauten sich an und sie wussten, dass sie auch geweint hat, denn diese Entscheidung, dass alle die Kündigung bekommen, musste einen schweren Grund haben.

„Die Tür geht auf, der Feind kommt rein, das kann ja nur die Chefin sein!“ Diese Worte waren noch zu hören, während der Wirbelwind von einer Tür zu anderen huschte. Doch lachen konnte diesmal niemand darüber. Ganz im Gegenteil, alle empfanden irgendwie Mitleid mit ihr. Sie wussten, dass es schwer sein musste, dieses Team zu trennen und sie fragten sich, wie lange die Chefin schon diese Entscheidung mit sich herumschleppte. Marc stand auf und klopfte an die Tür seiner Chefin. Er trat ein und setzte sich unaufgefordert auf den Stuhl vor ihrem großen Schreibtisch, hinter dem sie fast zu versinken schien. Die vielen Pflanzen, auf die fast den ganzen Tag die Sonne schien, ließen ihre Köpfe hängen, als ob sie damit sagen wollten, wie leid ihnen das alles tat. Das helle Holz an den Wänden und der Decke zeigte heute zum ersten Mal einen gelblichen Schimmer, den die Zigaretten der Gäste hinterlassen hatten. Das Laminat auf dem Fußboden ging an einer Stelle auseinander, als ob es sich vor Schreck zusammen zog. Das alles war Marc nie zuvor aufgefallen, aber heute hatte das alles eine Bedeutung für ihn. Wo ist all das Schöne und Liebevolle in diesem Büro geblieben?

Mit geschwollenem Gesicht und feuerroten Augen sah ihn seine Chefin an. Marc erschrak. Er ging ins Bad, das an ihr Büro grenzte, und holte ein feuchtes Handtuch. Er setzte sich mit seinem Stuhl neben sie und tupfte ihr Gesicht mit dem Tuch ab. Es tat ihr gut, aber man merkte, dass es ihr auch unangenehm war. Das persönliche und intime war eigentlich normal in diesem Büro, denn alle waren Freunde und per du.

„Ich weiß, dass ich auch gleich meine Kündigung bekomme.“, begann Marc, „Aber warum das alles? Warum müssen wir uns trennen?“

„Ich habe keine andere Wahl.“, sagte sie betrübt, „Ich bin die letzte die gehen wird. Im Dezember bekomme ich meine Kündigung unter den Weihnachtsbaum. Wenn wir dann auf das neue Jahr nach Silvester anstoßen, können wir hier schon ein neues Schild sehen. Ein großer Discounter wird unseren Laden übernehmen.“

Sie fing an zu weinen. Das erste Mal, dass Marc bei ihr solche Gefühle sah. Es war seltsam zu sehen, aber es war für ihn auch etwas ganz Besonderes, denn sie umarmte ihn und es fühlte sich so an, als ob sie bei ihm Schutz suchte. Leise öffnete sich die Tür zum Büro und Erika schaute herein. Als sie die beiden dort sah, ging sie zu ihnen und stellte sich dazu, um ihre Arme mit um sie zu legen. Nach und nach kamen alle Kolleginnen herein und standen nun um den großen Schreibtisch. Gegenseitig versuchten sie sich ein wenig aufzumuntern, was allerdings niemandem gelang. Der Kaffee war das einzige heute, was gut war und so beschlossen alle, erstmal wieder an ihre Arbeit zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Marc nahm sich heute frei, weil er das Ganze erstmal verarbeiten musste. Christa begleitete ihn ein Stück und sie unterhielten sich noch ein wenig darüber. Dann stieg Christa in den Bus und Marc schlenderte durch die Straßen in Richtung Stadtpark.

Kapitel 2

Die Steine des Weges wechselten in festgetretenen und grobkörnigen Sand. Marc betrat den Stadtpark und richtete seinen Blick nach vorne. Er wurde begrüßt von einer weiß-grauen Engelskulptur, die schützend ihre Flügel über die Besucher des Parks spannte. An einigen Stellen erkannte man noch die weiße Farbe des Engels, doch der Wind und der Regen ließen ihn ergrauen. Unter den Augen liefen dunkelgraue Streifen und es sah aus, als ob der Engel heute mit Marc zusammen weinte. Die Flügel mit ihrem Farbspiel von Weiß bis Dunkelgrau sahen aus, als würden sie sich bewegen, aber die Bewegung schien immer mehr zu erstarren. Angelehnt an die Säule, auf der der Engel stand, war ein Fahrrad, dessen Vorderrad fehlte. Heute hatte wohl alles eine Bedeutung, denn Marc dachte daran, dass auch ihm das Vorderrad geklaut wurde, ohne das er nicht mehr vorankam.

Es musste gegen elf Uhr sein, und Marc ging ohne genaues Ziel den Weg entlang. Sein Kopf war voller Fragen und bestand im Moment aus einem Wirrwarr von Gedanken. Vorbei an einem Obdachlosen, der auf einer Parkbank selig schlief, ging er weiter in Richtung des Sees in der Mitte vom Park. Rentnergruppen werteten gemeinsam ihre heutigen Besuche beim Arzt aus und klagten auf hypochondrische Weise über die neuen Symptome, die sie erst kürzlich in einer Zeitung entdeckt hatten. Marc hat oft diese Gespräche verfolgt und es kam ihm immer wieder so vor, als ob die alten Leute die Krankheitssymptome wie die kleinen Bilder für das Poesiealbum tauschten. Seine eigene Oma suchte sich immer in den Zeitungen die verschiedenen Wehwehchen, um dann beim Arzt Tabletten dagegen zu bekommen, die sie dann natürlich immer beim Kaffeekränzchen mit Tante Lotte und den anderen Damen schlucken musste. Marc fragte sich, warum das so ist. Warum müssen alte Menschen immer nur von Krankheiten erzählen, anstatt sich am Leben zu erfreuen? Vielleicht war es das Mitleid, welches sie bekamen oder die Fürsorge der Familie. Aber würden sie das denn nicht auch haben, wenn sie sich bester Gesundheit erfreuten? Oder war es wirklich so, dass man im Alter immer neue Krankheiten bekommt? Er wusste es nicht, aber er war froh darüber, dass er sich mit seiner Großmutter immer gut verstanden hat. Sie haben viel zusammen unternommen und auch sehr viel gelacht. Als sie gestorben war, ist für Marc eine Welt zusammengebrochen. Aber eine Freundin half ihm und erzählte ihm von dem Leben, das uns nach dem Tod erwartet. Er wusste, dass seine Oma immer in seiner Nähe ist, wenn er an sie dachte, und das erfüllte ihn mit Freude. Er sah sie dann vor sich, ihr Lachen und ihre Gestalt, so voller Lebensmut und in ihrer positiven Einstellung zum Leben.

„Hallo“, rief eine zartzitternde Stimme in etwas Entfernung.

Marc schaute sich um und sah eine ältere Dame, die ihm zuwinkte. Er lief zu ihr und fragte, ob er ihr helfen kann.

„Hallo junger Mann.“, sprach sie ihn an, „Können Sie mir helfen, sonst stürze ich noch und tue mir was.“

Marc sah nicht, was sie meinte, womit er ihr helfen sollte. Doch als sie auf ihren Fuß zeigte, entdeckte er den offenen Schnürsenkel, den sie sich selbst nicht hätte zubinden können.

„Ja natürlich kann ich Ihnen helfen. Warten Sie, ich binde Ihnen den Schuh wieder zu.“

Marc ging in die Hocke, schlug die beiden Schnürsenkel übereinander und fragte die Dame, ob das zu fest sei. Er sah, dass ihr Fuß sehr angeschwollen war und sie ihn verbunden hatte. Er machte dann einen Knoten in die Bänder und fragte ob er noch weiter behilflich sein kann. Sie verneinte und bedankte sich ganz freudig bei ihm, während sie Marc einen zehn Euro Schein in die Hand drückte. Er wollte das Geld nicht annehmen, aber der Blick im Gesicht der alten Dame erinnerte ihn wieder an seine Großmutter, von der er oft gelernt hatte, dass der Körper im Alter zwar gebrechlich wird, die Sturheit der Jugend aber für alle Zeit erhalten bleibt. Sie verabschiedeten sich und Marc ging weiter, bis er an eine Parkbank kam, etwas abgelegen vom Weg und mit einem schönen Blick auf den See und den angrenzenden Spielplatz. Hinter ihr versuchte eine große Trauerweide den Himmel zu erstürmen. Dieser Baum musste uralt sein, dachte er sich. Er setzte sich auf die Bank, streckte seine Beine breit nach vorne auseinander und seine Arme gen Himmel. Mit einem tiefen Seufzer schlug er seine Beine dann übereinander und verschränkte seine Arme vor seiner Brust. Von weitem hörte er einen Hund bellen. Eine Frau führte ihn, wie so viele andere Menschen zu dieser Zeit, im Park spazieren. Marc schaute auf den See, der ganz ruhig dalag und folgte mit seinem Blick einem Ast, den die Frau ins Wasser warf, damit ihr Hund ihn zurückholte. Der Ast landete nicht weit vom sandigen Ufer im Wasser und ein Echo von gleichmäßigen und ruhigen Wellen ging von ihm aus. Freudig hüpfte der schwarze Labrador zum Ufer und sprang schwanzwedelnd ins Wasser. Den Kopf hochgestreckt schwamm er zum Holz und schnappte danach. Wieder am Ufer schüttelte er sich kräftig und um ihn herum entstand eine Fontäne feiner Wasserperlen die einen kleinen Regenbogen entstehen ließen. Mit neuer Kraft sprang der Hund seinem Frauchen entgegen und sie nahm ihm den Ast aus dem Maul. In dem Moment räkelte er sich auch schon im Gras. Man sah den beiden ihre Freude an und Marc überlegte, wie es ist, einen Hund in sein Leben zu holen. Doch ehe er sich diesem Gedanken widmen konnte, wurde er durch einen Lärm unterbrochen, der sich aus lautem Gebell und Geknurre zusammensetzte. Ein weiterer Hund war gekommen und nun zankten die beiden sich, während Frauchen und das Herrchen des anderen Hundes sich unterhielten. Marc erkannte, dass die beiden Hunde nicht kämpften, sondern nur spielten, doch es sah gefährlich aus. Ein Revierkampf oder einfach nur ein Austesten, wer von beiden der Stärkere ist. Trotz des Kampfes wedelten beide mit den Schwänzen und man sah, wie sie doch ein Team waren, zwei Freunde. Marc überlegte, ob es bei Menschen genauso ist. Sind diese Kämpfe der Hunde unsere Kriege? Aber bei Kriegen kommen viele Menschen ums Leben und sind unüberlegt. Hunde handeln aus ihrem Instinkt heraus.

Der Briefträger ging vorbei und schob sein Fahrrad neben sich her.

„Ist es nicht ein herrlicher Tag heute.“, sprach er Marc an.

„Oh ja, das stimmt.“, erwiderte Marc, „Ein herrlicher Tag!“

„Jeden Tag ...“, fuhr der Briefträger fort, „treffe ich neue Menschen im Park, aber viele kennt man schon und man unterhält sich wie mit guten Freunden. Sie habe ich hier noch nie gesehen.“

Marc war noch ein bisschen gedankenverloren und es war ihm im Moment irgendwie unangenehm so vollgeredet zu werden. Er versuchte aber freundlich zu sein und antwortete: „Das stimmt, ich wollte heute mal ein bisschen Ruhe vor allem haben und habe mich hierher zurückgezogen. Ich bin selten hier, aber es ist schön.“

„Ja, da haben Sie recht, es ist wunderschön im Park bei solch einem herrlichen Wetter.“, erwiderte der Briefträger, „Na, dann werde ich Sie nicht weiter stören.“

Ehe sich Marc versah, war der gelbe Mann auch schon wieder außer Sichtweite. Er lehnte sich wieder zurück und schob mit seinen Füßen den Rucksack unter die Bank.

Er genoss die Sonne, die ihm ins Gesicht schien, und dachte über all die Zeichen nach, die er heute bekommen hat. Das Büro seiner Chefin, das zum ersten Mal traurig aussah, der weinende Engel mit erstarrten Flügeln, die Alten im Park, die Hunde und die zehn Euro, die ihn an seine Großmutter erinnerten.

Kapitel 3

Marc wurde aus seinen Träumen gerissen, als es neben ihm schepperte. Ein Müllmann leerte den Abfallbehälter, der ein paar Meter von der Parkbank entfernt stand, in seinen Wagen, den er vor sich her schob. Mit einer Zange hob er Papier und Dosen auf, die am Wegrand lagen und pfeifend zog er weiter.

In leuchtenden Klamotten durch die Stadt laufen und dann auch noch Müll aufsammeln? Nein, das war nichts für Marc, wenn er auch Respekt dafür hatte, denn es ist ein harter Job. Aber er war es gewohnt in Designerkleidung zur Arbeit zu gehen um ein gutes Bild abzugeben. Was sein Aussehen anging, war er sehr akkurat und kleinlich. Er wusste, dass er sehr tageslichttauglich war. Er sah gut aus, schließlich stand er schon einmal Modell für eine Werbung in einer regionalen Zeitung. Darauf war er sehr stolz und die Mappe, die man ihm damals mitgab, stand einsehbar in einem Regal in seinem Wohnzimmer. Er überlegte sich, ob er es vielleicht noch einmal versuchen sollte. Mit seinen 25 Jahren war er noch jung genug und hatte gute Chancen. Doch im Moment verwarf er auch diesen Gedanken recht schnell wieder.

„Hallo Onkel.“, meldete sich eine zarte, junge Stimme.

Marc schaute und sah ein kleines Mädchen, das neben ihm stand und ihm einen Strauß reichte, der aus fünf Gänseblümchen bestand. Sie umklammerte die zarten Stängel kräftig mit ihrer kleinen Hand und das Lächeln in ihrem Gesicht mit den roten Wangen versprühte in diesem Moment mehr Energie als die Hitze der Sonne.

„Hey meine Kleine!“, antwortete Marc, „Sind die Blumen für mich?“

Die Kleine nickte nur mit dem Kopf, während sie so grinste, dass ihre Augen geschlossen schienen.

„Olivia!“, rief eine Stimme, „Was machst du denn schon wieder? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du die Leute in Ruhe lassen sollst?“

Die Mutter der Kleinen kam angerannt. Marc merkte, dass sie Olivia wohl aus den Augen verloren haben muss, denn in ihrem Blick erkannte er Angst.

„Lassen Sie sie ruhig, die junge Dame hat mir einen Blumenstrauß geschenkt.“, rief Marc ihr entgegen und lachte dabei, um die Mutter ein wenig zu beruhigen. Vor ihm brauchte sie wirklich keine Angst haben, denn er mochte Kinder sehr. Schon als Jugendlicher hat er oft auf Kinder aufgepasst und sich so als Babysitter ein bisschen Geld dazuverdient. Es war für ihn völlig normal, die Kleinen zu beobachten und bei ihnen zu sein, um auf sie aufzupassen.

Seufzend ließ sich die Mutter von Olivia auf die Bank fallen und stellte sich vor.

„Hi, Sabine, stopp. Außer Atem, stopp!“

Beide mussten lachen. Ein mündliches Telegramm hört man nicht alle Tage.

„Hi, ich bin der Marc.“, stellte er sich vor, „Und das hier ist die kleine Ausreißerin Olivia, stimmt´s?“

Olivia nickte freudestrahlend und schlug Marc auf den Oberschenkel.

„Hey, warum haust du mich?“, fragte er.

Sie schaute verlegen auf den Boden und sprang Marc fast in die Arme, als er sie fragte, ob sie auf seinen Schoß möchte.

„Den Strauß hast du mir doch eben erst geschenkt!“, sagte er verdutzt, als die Kleine nach den Gänseblümchen grabschte und sie vor sich auf dem Weg verstreute.

„Wie alt bist du denn?“, fragte er sie.

Olivia nahm ihre rechte Hand und streckte ihm alle Finger entgegen.

„Nein, das ist nicht richtig.“, wandte Sabine, ihre Mutter, ein, „Du kannst das. Komm, zeig dem Onkel wie alt du bist.“

Olivia nahm nun ihre linke Hand zur Hilfe, um diese schwierige Aufgabe zu meistern. Doch bevor sie sich für einen Finger entschied, den sie weg bog, musste sie noch einmal laut lachen. Dann schaute sie gespannt ihre rechte Hand an. Alle drei Blicke schienen erstarrt. Die Kleine ging mit der linken Hand erst einmal die anderen Finger durch und entschied sich dann, ihren kleinen Finger nach innen zu biegen. Auf die Zustimmung ihrer Mutter hin strahle sie voller Glück.

„Oh, vier Jahre bist du schon alt?“, fragte Marc erstaunt, „Dann gehst du ja bald schon in die Schule.“

„Ich habe auch schon einen Freund!“, kam zögerlich aus Olivias kleinem Mund.

Marc und Sabine schauten sich an und lachten.

„Wie heißt der denn?“, fragte er.

„Christian Oliver.“

„Ist der auch schon so alt wie du?“

Olivia schaute ihn auf diese Frage hin ganz erstaunt an. So, als wollte sie damit sagen, dass sie sich bisher noch keine Gedanken über das Alter ihres Freundes gemacht hat und es ja enorme Unterschiede geben kann. Doch nach einer kurzen Denkpause und einem fragenden Blick zur Mutter lächelte sie wieder und nickte bejahend. Langsam fing sie an zu drängeln und zeigte in Richtung Spielplatz, auf den sie gerne wollte. Die beiden verabschiedeten sich von Marc und sie wünschten sich gegenseitig einen schönen Tag. Er schaute den beiden noch einen Moment hinterher und sein Blick verfing sich immer mehr im Nichts.

Als Kind pflückte er immer Klee von der Wiese bei seinen Großeltern, den er seiner Oma schenkte. Einmal hat sie angefangen zu weinen, als er ihr einen solchen Strauß brachte. Sie nahm eines dieser kleinen Stängel aus dem Strauß heraus und zeigte es Marc. Sie erklärte ihm, dass dieses Kleeblatt etwas ganz besonderes sei. Es hatte vier Blätter und weil er es gefunden hatte, so sagte sie, sollte es ihn durch sein ganzes Leben begleiten und ihm immer Glück bescheren. Die Szene verlief wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab, als ob es erst gestern war. Aus seiner Hosentasche holte er sein Portemonnaie, öffnete es und nahm ein kleines Teil aus Plastik heraus. Auch das öffnete er und sah sich das Kleeblatt an, dass er all die Jahre immer bei sich hatte. Ausgerechnet heute wurde er daran erinnert und nun wusste er, dass seine Großmutter wieder bei ihm war, um ihn zu trösten. Der Engel am Eingang des Parks hätte ihn schon daran denken lassen müssen, aber da war er noch zu sehr gedankenverloren. „Was ist eigentlich Glück?“, fragte sich Marc, während er auf das Kleeblatt starrte. Er dachte an Olivia, die noch sorglos durchs Leben ging. Sie musste glücklich sein, denn sie war behütet. Aber andere Menschen, die nicht behütet sind, scheinen auch glücklich zu sein. Einige davon haben Schulden und können sich nicht einmal jeden Tag etwas zum Essen machen und trotzdem lachen sie. Was macht diese Leute glücklich? Marc klappte das kleine Plastikheftchen wieder zu und entdeckte auf dem Deckel einen verblassten Text. Er hielt es in die Sonne und konnte nun erkennen, welcher Text einmal dort in silbernen Buchstaben stand: Gott schütze Dich!

Seine Großmutter hatte dieses Heftchen in Altötting gekauft. Innen sind zwei Metallplättchen. Auf dem einen schien Maria zu sein mit dem Jesus Kind und auf dem anderen war der heilige Bruder Konrad zu sehen. Marc überlegte, was seine Großmutter ihm über den Bruder Konrad erzählte. Er war nicht sehr bibelfest und an seinen letzten Besuch in der Kirche konnte er sich auch nur noch vage erinnern. Doch eines fiel ihm wieder ein. Immer wenn seine Großmutter Kresse für das Essen abgeschnitten hatte, fragte sie ihn, an wen ihn die Kresse erinnere. Die Kapuzinerkresse sollte ihn immer an das Kleeblatt erinnern, weil es ebenso grün war. Und der Name Kapuziner erinnerte ihn zwangsläufig an den Kapuziner Orden, in dem der Bruder Konrad Pförtner war. Er wusste es nun wieder genau, was ihm seine Oma immer beigebracht hat. Niemals sollte er schlecht denken oder reden, er sollte immer lieb sein und alle nett behandeln. Jeden Abend sollte er dafür danken, dass auch er geliebt wird. Das war laut seiner Oma die Botschaft, die Bruder Konrad ihm in diesem kleinen Plastikheftchen mitgab, in dem nun auch dieses Kleeblatt lag.

„Oma beschützt mich!“, flüsterte er leise zu sich, während er über diese Erinnerung nachdachte. Seine Augen wurden feucht und Tränen liefen ihm über seine Wangen. Eben noch fragte er, was Glück ist und schon bekommt er eine Antwort durch einen Gegenstand, den er so lange schon bei sich trug. Glück kann man nur erlangen, wenn man selber versucht anderen zu zeigen, was Glück ist. Ein einfaches Lächeln, wie das von der keinen Olivia, reicht oft schon aus.

Kapitel 4