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Die Diagnose 'Morbus Parkinson' kam in einer ohnehin schon depressiven Phase, begleitet von schwierigen persönlichen Umständen und einem Lendenwirbelbruch obendrauf. Trotzdem gelingt es der Autorin, ihren beschwerlichen Weg durch die Krankenhäuser und Therapieeinrichtungen mit gelegentlichem Augenzwinkern zu erzählen und Zuversicht zu entwickeln.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Elisa Rudolf
Parkinson
... oder was?!
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Schwätzer
Konsum
Umbruch
Klinik Royale
Schlafentzug
Rasputin
Fischbrötchen
Irena
Therapie mit Möpsen
Geldschneiderei
Overdosed
Spuki
Therapeutenfront
Technoröhre
Schwarzmalerei
Kopfkino
L-Dopa Test
Salto Mortale
Unterm Messer
Kammerflimmern
Hochmut kommt vor dem Fall
Als die Pillen laufen lernten
Buchprojekt
Impressum neobooks
Alles begann mit einer Diagnose, die niemand gerne hören möchte. Drei Jahre ist es her, dass ich in der Notaufnahme der Klinik Royale vorsprach. Ich wurde dort als Patientin in die psychiatrische Abteilung aufgenommen. Die diensthabende Ärztin diagnostizierte laut Anamnesebogen eine schwere Depression. Ich selbst habe diesen Bogen nie zu Gesicht bekommen, von daher weiß ich nicht, was dort schriftlich fixiert wurde. Fest steht, dass der Chefarzt, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, den Bogen abgesegnet hat. Damit stand die Diagnose fest, es wurde auch nicht mehr daran gerüttelt. Ich wurde als Patientin mit schwerer Depression behandelt, doch mein Zustand wurde trotz Therapien, Klinikaufenthalten und Medikamenten nicht nennenswert besser. Vor Kurzem wurde bei mir in einer Spandauer Klinik, auf Betreiben der Oberärztin, ein L-Dopa Test gemacht. Diese Untersuchung sollte dazu dienen, eine Parkinson-Erkrankung auszuschließen, oder auch nicht. Hierzu wurde mir das L-Dopamin Präparat verabreicht, die Wirkung sollte bereits nach circa einer Stunde eintreten. Der Befund fiel bei mir positiv aus, das heißt, dass die Krankheit mich am Wickel hatte. Ich wollte es erst nicht glauben.
Parkinson? Wer bekommt denn so was?, Theodor Roosevelt, Salvadore Dali, Muhammad Ali, Michael J. Fox, mein Vater, die Liste ist lang.
Wenigstens befand ich mich in illustrer Gesellschaft. Ich war auch ein stückweit erleichtert, endlich hatte das Kind einen Namen, wir waren ihm auf die Schliche gekommen. Und die Dopamintabletten bewirkten zunächst wahre Wunder. Natürlich war ich mir bewusst, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten würde. Ich hatte mich bereits belesen, in Form von Erfahrungsberichten von Patienten und deren Angehörige. Für beide Parteien war das eine schwere Zeit, und es brauchte viel Geduld und Verständnis. Ich konnte so einiges für mich rausziehen und das Wissen, dass ich nicht allein war, hat mir schon geholfen.
Nachdem ich monatelang um meinen PC geschlichen war, wie die Katze um den heißen Brei, wachte ich eines morgens auf und fühlte mich gestärkt, ausgeruht, frisch und voller Tatendrang. Das fühlte sich richtig gesund an. Plötzlich hatte ich einen klaren Gedanken im Kopf: Ich werde wieder schreiben! Vergessen waren die zahlreichen Versuche, wo ich frustriert vor der leeren Seite saß. Mir waren meine Konzentration, meine Fantasie und mein Stil abhandengekommen. Doch dieses Mal war es anders. Ich teilte Dieter, meinem Freund, meinen Entschluss mit, er freute sich sehr für mich, das gab mir Auftrieb. Ich bekam viel Unterstützung aus meinem Freundeskreis und meiner Familie, und es fing an, mir richtig Spaß zu machen. Mein innerer Kritiker war der einzige, der mir mein Buchprojekt madig machen wollte. So bekam ich zu hören, mein Geschreibsel würde doch eh keinen interessieren, das war natürlich mega-kontraproduktiv für mich. Wenn solche Gedanken hochkamen, hatte ich mir angewöhnt, eine Pause zu machen, bis ich mich wieder stabilisiert hatte.
Auf meiner Reise mit Mister Parkinson habe ich viel gesehen und erlebt, und oft war es kein Zuckerschlecken! Und als sei es nicht genug, bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt im Klinikum Spandau bin ich im Schlaf mit einem Salto mortale aus dem Bett geflogen und habe mir dabei einen Lendenwirbel gebrochen. Um das Positive zu sehen: Ich habe höllisch Glück gehabt, dass ich nicht im Rollstuhl gelandet bin. So manchmal denke ich, da sind diverse Schutzengel bei mir am Werk.
Eine Heilung vom Parkinson gab es bislang nicht. Ich konnte nur versuchen, mit den Medikamenten und Therapien das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Annehmen ist die Devise. Es ist wie es ist, und ich will mein Leben meistern, trotz Parkinson! Was bleibt mir anderes übrig?
Schwätzer und Energieräuber gehen bei uns zu Hause ein und aus.
Es gibt eindeutig zu viele Leute in unserem Umfeld, die nicht zuhören können. Sie sind anstrengend. Sie kommen hier hereingeschneit, laden ihren geistigen Müll ab und schwirren frisch gestärkt von dannen, vermutlich zur nächsten Tankstelle, die sie anzapfen können. Sie stiften Unfrieden, stören die Harmonie und meine innere Ruhe, die ich mir in den letzten drei Jahren hart erarbeitet habe. Ich lasse mir das nicht kaputt machen! Schwätzer gefährden die Gesundheit. Der Umgang mit ihnen verursacht Herz-Kreislaufbeschwerden, Magen-Darm Erkrankungen, Hautausschläge, Allergien verschiedenster Art und Morbus Parkinson. Bei meinem Freund Dieter verursachen sie Kopfsalat.
„So kann das nicht weitergehen, jetzt wird aufgeräumt, die Streu vom Weizen getrennt!“ entschied ich. Ich fing damit an, überall Zettel anzubringen, wo die Schwätzer sich aufhielten. Da stand dann beispielsweise drauf „Bitte keine Sätze formulieren, die mit ICH anfangen.“
„Das ist eine positive, wichtige Erkenntnis“, würde meine Psychotherapeutin wohl sagen. „Sie haben erkannt, was ihnen nicht gut tut und gehen jetzt dagegen an. Da sind sie schon ein ganzes Stück weitergekommen.“ Die gute Seele, sie hat sich rührend um mich gekümmert.
Nach einer mühseligen Suche im Therapeuten-Dschungel war ich bei ihr endlich angekommen. Sie war eine attraktive Person, noch jung, so Ende Zwanzig. Eine schlanke Figur, langes hellblondes Haar und ein hübsches Gesicht rundeten das schöne Bild ab.
Zwei Jahre haben wir zusammengearbeitet, sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Bei ihr konnte ich mich fallen lassen. Gestern eröffnete sie mir, dass sie ab April nicht mehr in Berlin sei. Ich war schockiert, unsere Therapie musste vorzeitig abgebrochen werden. Sehr schade, die Arbeit mit ihr brachte mich wirklich weiter, und ich bin traurig, dass sie nun weg ist. Sie wäre auch niemals auf die Idee gekommen, mich zu beeinflussen oder mir Vorschriften zu machen, wie ich es schon erlebt habe.
Sie hat mir vorgeschlagen, mich auf die Warteliste in der jetzigen Gemeinschaftspraxis zu setzen, das könnte aber bis zu acht Wochen dauern, bis ein Platz frei würde. Hm, das ist eine lange Zeit, aber besser als nichts. Vielleicht war es auch ein Test für mich, mal zu schauen, wie ich ohne Psychotherapie zurecht komme. Es wunderte mich, dass ich dem Ganzen relativ gefasst entgegensah. Sollte ich schon solche Fortschritte gemacht haben, auf der Reise zu mir selbst?
Wir leben in einem Zeitalter der Depressionen und anderen neurologischen und psychischen Erkrankungen, und sie breiten sich aus wie ein Grippevirus. Unsere Welt befindet sich in einem Umbruch, so empfinde ich es zumindest. Bei der Schnelligkeit und dem Leistungsdruck, den unsere Gesellschaft auf uns ausübt, kommen viele nicht mehr mit. Und überhaupt, ab 50 plus kommen die Einschläge schneller und heftiger. Unsere Elterngeneration stirbt aus, und wir sind die nächsten. Ein gruseliger Gedanke, den ich sofort verdränge. Eigentlich müsste es uns blendend gehen. Wir haben alles, was wir brauchen im Überfluss. Doch unser ungebremstes Konsumverhalten finde ich erschreckend. Und all diese Einkaufstempel, die wie Pilze aus dem Boden schießen, wer sollte das alles kaufen?
Von Facebook und Co habe ich mich gänzlich zurückgezogen. Am Anfang war ich Feuer und Flamme dafür, das muss ich zugeben. Ich richtete mir ein Konto ein und legte los. Doch mit der Zeit fing es an, mich zu langweilen, also machte ich einen Cut und meldete mich ab. Schluss, aus, vorbei. Danach fühlte ich mich wie befreit!
Heute traf ich meine Freundin Martha. Naja, so richtige Busenfreundinnen waren wir nicht, eher gute Bekannte. Wir hatten uns in der Altstadt verabredet, in einem gemütlichen Café bei Latte Macchiato und Kuchen. Martha war eine starke Frau, drei Jahre älter als ich und hatte schon einiges erlebt. Sie war so der Suzi Quatro Typ, mit ihrer 70er Jahre Frisur, es passte zu ihr.
Ich erzählte ihr von dem Umzug meiner Psychotherapeutin, und dass die Therapie jetzt erst mal auf Eis gelegt wurde. Martha war der Meinung, dass die Psychologen einem höchstens Hilfestellungen geben können bei wichtigen Entscheidungen. Den Rest müsse man alleine angehen, oder auch nicht. Ich seufzte, sie hatte wohl recht damit. Meine Kindheit hatte ich mit meiner Therapeutin auch schon angeleuchtet, doch das hinderte mich nur daran, im Heute zu leben.
Ich bin ein Fan von Eckart von Hirschhausen, er hält nichts vom „Grübeln in der Kindheit“, da spricht er mir aus der Seele.
„Weißt Du, Martha“, sagte ich. „Im Großen und Ganzen denke ich, dass wir alle unsere Päckchen zu tragen haben, was die Kindheit oder Krankheiten angeht. Wir sind Menschen, und Menschen machen Fehler, das ist menschlich. Unsere Eltern haben es so gut gemacht, wie sie konnten, und man kann nicht immer alles auf die Kindheit schieben, wenn was schief läuft.“
„Wow, das sind ja weise Ansichten“, meinte Martha.
„Hm, danke, vom Kopf her weiß ich das alles, aber ich muss zugeben, ich habe auch mal anders gedacht. Früher war ich ständig auf der Suche gewesen nach dem „Retter“, der die Verantwortung für mich und mein Leben übernehmen sollte, das konnte ja nur nach hinten losgehen.“
„Aber Du hast doch Dieter“, wandte Martha ein „und ihr seid ja nun schon einige Jährchen zusammen.“
„Ja, das stimmt, und es ist nicht einfach, aber wir sind uns auch sehr verbunden. Ich würde meine Beziehung nicht beenden, schon gar nicht, wenn man mir das vorschreiben wollte“.
„Ja, das kann ich verstehen“, sagte Martha. „Lassen wir die Männer mal Männer sein und denken wir an uns. Was hältst Du davon, wenn wir noch ein bisschen bummeln gehen?“
„Ja, warum nicht?“
Ich hatte nichts weiter vor. Wir zahlten und schlenderten durch die Altstadt zu den engen Gassen, wo man noch in kleinen Boutiquen abseits des Mainstreams außergewöhnliche Sachen kaufen konnte. Gleich im ersten Laden wurde ich fündig. Ich erstand ein luftiges Sommerkleid mit großzügigen Mustern in verschiedenen Blautönen. Zuerst war ich mir unsicher wegen der Farben, doch Martha meinte, das würde mir richtig gut stehen, und zur Not könnte ich es ja umtauschen.
„Okay, dann nehme ich es.“
„Ja, gönn dir mal was Schönes“, sagte Martha.
Wäre sie nicht dabei gewesen, hätte ich mir das Kleid wahrscheinlich nicht gekauft. Shoppen ist bei mir so eine Sache. Für andere Leute kaufte ich liebend gern ein und wurde meistens schnell fündig. Dieter konnte davon am meisten profitieren. Kam ich von so einer Einkaufstour zurück, war ich meistens voll bepackt mit Männerklamotten in großen Tüten. Für mich selbst hatte ich irgendeine Kleinigkeit erstanden, nicht der Rede wert. Martha begleitete mich noch zur Bushaltestelle, dort verabschiedeten wir uns, sie musste weiter mit dem Zug ins Umland. Dort hatten sie und ihr Mann Manne sich ein Haus gekauft, sehr schön gelegen, direkt am Wald, ideal für Kinder und Hunde.
Manne war auf den ersten Blick ein gutmütiger Typ, von kleiner, kräftiger Statur. Martha und er begegneten sich auf Augenhöhe, was die Körpergröße betraf. Dabei stand sie eigentlich auf größere Männer, hatte sie Dieter mal anvertraut. Das durfte ihr Manne aber nicht erfahren, der würde ihr die Hölle heiß machen. Was Eifersucht anging, war sie an einen Choleriker geraten.
Hm, ich fragte mich, warum sie das Dieter und nicht mir erzählte. Hatte sie etwa noch andere Ambitionen, was meinen Freund anging?
Die Kinder der beiden waren bereits aus dem Haus, gingen ihre eigenen Wege. Die drei Hunde, die sie hatten, waren noch da, kamen aber auch bald in die Jahre. Früher hatten wir auch einen Hund, Quinten hieß er. Wir mussten ihn einschläfern lassen. Der Krebs hatte zugeschlagen, das war ein traumatisches Erlebnis. Dieter und ich heulten wochenlang über den Verlust, ich war überhaupt nicht mehr ansprechbar. In der Nacht nach seinem Tod erschien mir Quinten im Traum. Es war so ein halb wacher Zustand, in dem ich mich befand. Der Hund stand an meinem Bett und ich spürte, dass noch jemand bei ihm war. Alles fühlte sich nach Abschied an. Quinten winselte leise, dann nahm dieser „Jemand“ ihn mit, ich hoffe in den Hundehimmel. Das alles ist schon einige Jahre her, wir wollten keinen Hund mehr haben. Die Erfahrung war einfach zu bitter gewesen.
Der nächste Tag brachte regnerisches Wetter, dunkle Wolken zogen über den Himmel, es hatte sich merklich abgekühlt. Mir kam das ganz gelegen, so konnte ich in der Wohnung bleiben und schreiben. Es grenzte fast an ein Wunder, dass ich nach jahrelanger Blockade wieder schreiben konnte. Klar, es ging alles etwas langsamer, und ich musste darauf achten, dass ich Pausen machte. Mittlerweise konnte ich es ganz gut erkennen, wenn ich in die Überforderung rutschte, dann hieß es STOPP. Momentan sitze ich hier an meinem Schreibtisch und tanze mit den Wörtern. Buchstabe für Buchstabe reiht sich aneinander, ich blicke zurück auf das Jahr 2016, dem Jahr meines persönlichen Umbruchs. Man könnte es auch als Zusammenbruch bezeichnen.
Es kam richtig dicke. Ich wurde buchstäblich in anderes Leben katapultiert. Ich verlor meinen Job und mein Seelenheil! Dieter verlor seine Gesundheit, eine fiese niederschmetternde Krankheit breitete sich in seinem Körper aus. Zum Glück schritten die Symptome nur sehr langsam voran.
Dieter hatte seit der Diagnose seiner Krankheit mindestens 15 Kilo abgenommen. Bei seiner Größe von 1,96 war das viel zu wenig. Er konnte essen, was er wollte, er nahm einfach nicht zu. Es gibt einige Männer, denen steht graues Haupthaar sehr gut, Dieter war einer von ihnen. Er trug sie als Zopf zusammengebunden, das unterstrich seine markanten Gesichtszüge. Er war auch der ideale Anzugstyp. Bei einem Opernbesuch mit meinen Verwandten und Freunden meinte eine Freundin, wenn sie es nicht besser wüsste würde sie denken, er wäre der Dirigent.
Klar, dass ich für ihn da war. Ich war ja der fürsorgliche Typ, der schlecht „nein“ sagen konnte und sich für andere aufopferte. Doch schon bald hatte ich das Gefühl, die Last der Welt auf meinen Schultern zu tragen. Ich bin nicht Jesus, der unsere Sünden auf sich genommen hat, um die Menschheit zu retten. Wir sehen ja, was dabei rausgekommen ist.
Religion ist ein brisantes Thema. „Berlin ist die Hauptstadt der Heiden, hier könnte ich nicht leben“ äußerte sich unsere Tante Ambrosia, als sie einmal bei uns zu Besuch gewesen war. In jungen Jahren hatte sie mal einige Zeit in einem Kloster verbracht, kehrte dann aber den Klostermauern den Rücken, um dem Weltlichen zu dienen. Sie war ein lebenslustiger Mensch, lachte viel und gerne, und hatte stets einen Scherz auf den Lippen. Ihr ganzes Wesen passte überhaupt nicht in die Kategorie Ordensschwester. Wir Kinder haben sie buchstäblich vergöttert.
Ich bin nicht grade eine „Vorzeig- Katholikin“, aber so ganz ungläubig bin ich auch nicht. Eine höhere Macht passt durchaus in mein Weltbild. Ich würde mich als spirituell bezeichnen, hm, das ist irgendwie auch so ein Modewort geworden. Was Diskussionen zu religiösen Themen angingen, da hielt ich mich gerne an meinen Lieblingsslogan „Leben und Leben lassen“, es hätte uns schon so manchen Ärger erspart, wenn alle so denken würden. Früher war ein Kirchenaustritt umsonst, heute kostet er 30 Euro. Vielleicht liegt es daran, dass immer mehr Leute austreten, und die Kirche langsam verarmt? Mein Vater erzählte immer gerne die kleine Anekdote, wo ich als dreijährige eine Münze in den Klingelkorb werfen durfte. „So, jetzt haben wir bezahlt, dann können wir ja gehen,“ verkündete ich. Mein Vater fand das lustig, meiner Mutter war es peinlich. Neulich bei meinen Verwandten hörte ich, dass in einem Gottesdienst in der Kollekte Geld für neue Messgewänder gesammelt wurde. Wie bitte? War es schon so weit gekommen, dass sich die Kirche ihre Klamotten nicht mehr leisten konnte? Sind die noch bei Trost? Da kaufe ich mir lieber selbst was Schönes, da habe ich mehr davon.
Gesagt, getan. Ich verbrachte circa drei Stunden im Einkaufscenter und fühlte mich danach wie erschlagen. Und so richtig freuen konnte ich mich nicht über mein neues Outfit. Mit meiner Figur war ich ganz zufrieden und mit Kleidergröße 36 war ich gut bedient. Meine Haare hatte meine Friseurin zu einer Bob-Frisur geschnitten, die gab es in verschiedenen Varianten, schulterlang, kinnlang und kurz. Aktuell trug ich die kinnlange Version mit blonden Strähnchen. Dann gab es natürlich noch „Handicaps“, die mir nicht so gefallen wollten, zum Beispiel meine Nase, die war mir zu kurz, oder mein Mund, der war zu schmal.
„Du spinnst ja,“ meinte Dieter. „Deine Nase und dein Mund sind völlig normal“. Ich verdrehte die Augen. Dieses Thema sollte man wohl besser mit einer Freundin besprechen. Aber eine Schönheitsoperation kam für mich nicht infrage, also musste ich damit leben. Und solange ich nicht wie Quasimodo herumlief, war alles okay.
Für Dieter hatte ich ausnahmsweise mal nichts gekauft. Es war mir alles zu viel geworden mit den vielen Menschen, die um mich herumwuselten. Martha war gerade in der Nähe, sie kam auf einen Kaffee bei uns vorbei. Ich zeigte ihr meine neuesten ‚Errungenschaften‘. Sie bemerkte, dass ich ja nur graue und schwarze Sachen gekauft hatte. Ja, in meiner Welt wurde es zunehmend grauer. Ich musste etwas tun, mir ging es schon seit einigen Monaten nicht gut, was die Psyche anging.
Ich rief bei meiner Hausärztin an und ließ mir einen Termin geben. Meine Ärztin nahm sich Zeit für mich. Sie war schon an die 60, mit viel Erfahrung. Sie diagnostizierte eine schwere Depression bei mir. Durch den ganzen Stress mit der Krankheit und Jobverlust, hatte sich mein Zustand rapide verschlechtert. Die Ärztin wollte mich in einer Reha Einrichtung unterbringen, aber der Antrag wurde abgelehnt. „Das ist ganz normal“, meinte Martha. „Die lehnen erst mal grundsätzlich ab“. Sie musste es wissen, denn sie war vom Fach. Wir legten Widerspruch ein und harrten der Dinge, die da kommen.
Die Lage bei mir zu Hause spitzte sich während der Warterei dramatisch zu. Dieter verstand nicht, was mit mir los war, und ich wusste nicht, was ich machen sollte, damit es mir besser ging. In meinem Körper schlugen die Alarmglocken. Mein Magen spielte verrückt, ich hatte mit einer hartnäckigen Blasenentzündung zu kämpfen und wurde von Schwindelanfällen heimgesucht. Hinzu kam eine innere Unruhe, die es mir nicht erlaubte, zu entspannen. Ich wuselte durch die Wohnung, konnte keine fünf Minuten still sitzen und fühlte mich total ausgebrannt und kaputt.
„Entspann Dich doch mal“, sagte Dieter. „Lehn Dich zurück und trink in Ruhe deinen Kaffee.“
Aber das war es ja gerade, was ich NICHT konnte. Ich beneidete alle Leute um mich herum, denen es besser ging als mir. Als ich anfing, diffuse Ängste zu entwickeln und meine erste, richtige Panikattacke mein Eigen nennen durfte, flehte ich Dieter an, mich zu einem Notarzt oder in eine Klinik zu bringen. Es war ein Samstag, da war die Praxis meiner Ärztin natürlich geschlossen. Dieter nahm mich in die Arme und meinte, bei ihm sei ich doch besser aufgehoben. Vielleicht hatte er sogar Recht damit, zumindest, was einen Klinikaufenthalt anging. Aber in dem panischen Zustand, in dem ich mich befand, war ich nicht fähig, das zu beurteilen. Es kam mir vor, als würden Dieter und ich in einem ständigen Wettstreit stehen, wer von uns beiden der Kränkere war. „Dann warte doch wenigstens ab bis Montag“, meinte Dieter. Komisch, dass medizinische Notfälle vorzugsweise am Wochenende auftraten. Aber ich konnte trotzdem nicht warten, keine Sekunde hielt ich es länger in unserer Wohnung aus.
Dabei waren wir erst vor einem Jahr umgezogen. Wir wohnten jetzt dort, wo andere Urlaub machten, im Bezirk Kladow, dem heimlichen „Nobelviertel“. Der Hafen war nur einen Steinwurf weit entfernt, und im Sommer herrschte reger Betrieb und Schiffsverkehr. Eine tolle Gegend.
Mit unseren Vermietern Isa und Amir waren wir auf gleicher Wellenlänge. Sie wohnten direkt nebenan. Da hatten wir echt Glück gehabt. Normalweise war das ja so eine Sache, mit den Vermietern unter einem Dach oder direkt nebenan zu wohnen., aber hier passte alles. Isa sammelte Hunde, momentan waren es sechzehn an der Zahl, und sie stand da ganz cool drüber, wenn ihr jemand blöd kam. Ihre Hunde holte sie aus Teneriffa hierher und gab ihnen ein neues, besseres Zuhause.
Isa war eine Frau mit Temperament, den größten Teil ihrer Zeit verbrachte sie mit den Hunden. Mit ihrer schlanken Figur und der langen, kastanienbraunen Haarmähne sah man ihr die Fünfzig überhaupt noch nicht an.
Amir war eher der ruhige Vertreter, somit ergänzten sich die Beiden ganz gut. Während sie sich den Hunden widmete, sammelte er ausgediente Oldtimer, die ihr letztes Dasein in einer kalten, zugigen Halle im Berliner Umland fristeten.
Die Kladower „Hautevolee“, oder „Haute Wolaute“, wie es der Berliner sagt, war schon ein Völkchen für sich. Sie besaßen Häuser, Autos und Boote in gehobener Ausstattung, hatten häufig Streitigkeiten mit ihren Nachbarn und waren Fremden gegenüber äußerst misstrauisch, Sie blieben lieber unter sich. Als Neuling hatte man es nicht leicht, wenn man Kontakte knüpfen wollte.
Aber das stand jetzt nicht zur Debatte. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren. Ich fing an zu heulen, hatte keine Kraft mehr.
Dieter wurde es wohl doch ein bisschen mulmig. Jedenfalls fand ich mich in unserem Auto auf dem Beifahrersitz wieder, eine gepackte Tasche auf den Knien, man weiß ja nie, wohin die Reise geht.
An die Fahrt zur Klinik kann ich mich kaum noch erinnern, ich sehe mich als nächstes in der Notaufnahme der Klinik Royale, einem renommierten Krankenhaus, wärmstens empfohlen von meiner Hausärztin. Ich glaube nicht, dass sie schon mal da war, da wäre ihr Urteil wohl anders ausgefallen.
In der Notaufnahme wurden wir in das Wartezimmer verwiesen, es war picke-packe voll. „Mein Gott, da sitzen wir ja morgen früh noch hier“ sagte ich mit Panik in der Stimme. Dieter war auch nicht gerade begeistert. Im Endeffekt lungerten wir zehn Stunden dort rum, mittlerweile ging ich am Stock, hatte seit Stunden nichts gegessen. Es war halb elf Uhr abends, als die Ärztin endlich erschien.
Sie entschuldigte sich vielmals wegen der langen Wartezeit. Sie hatten etliche Notfälle zu behandeln und mussten sich natürlich erst um die „schweren“ Fälle kümmern. Hmm, ich war also kein „schwerer“ Notfall in ihren Augen. Vielleicht musste ich erst ohnmächtig vor ihrer Tür zusammenbrechen, um behandelt zu werden. Es schien ihr aber wirklich leid zu tun, schließlich war es nicht ihre Schuld, ich wollte nicht vorschnell urteilen.
Die Ärztin führte mich zu ihrem Sprechzimmer, Dieter musste draußen warten.
