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Eine junge Gesangsstudentin in Wien verliebt sich in die verheiratete Fotografin Ruth. Jeden Tag, bevor Ruth ihre Tochter von der Schule abholt, teilen sie genau zweieinhalb Stunden miteinander, zwei Jahre lang. Zu Beginn ihrer sinnlichen Erkundungen hatte Ruth sie gewarnt: Das Einzige und zugleich Wichtigste, was sie ihr versprechen könne, sei, dass sie ihr nichts vormachen werde. Eine Frau begleitet ihren Mann zu dessen Forschungsaufenthalt nach Kalifornien. Dort lernt sie die wesentlich ältere Angela kennen. Trotz der vielen Jahre und Kilometer, die sie trennen, entsteht eine zerbrechliche erotische Nähe zwischen ihnen. Sarah verfällt ihrer Psychotherapeutin. Als Sarahs Verhalten immer obsessiver wird, lässt die Therapeutin sie gegen ihren Willen einweisen, ein psychiatrischer Höllentrip beginnt. Bei einem Besuch im Sanatorium rät man ihr: »Und jetzt lässt du es dir mal richtig gut gehen.« Andrea Landfried entwirft drei Variationen weiblichen Begehrens, das zugleich ein Aufbegehren ist, gegen soziale Zwänge und psychische Muster, gegen Rollenerwartungen. Die Sehnsucht der Frauen, wirklich zu sehen und gesehen zu werden, sich zu öffnen, triumphiert immer wieder über die Angst, aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen. Die Frauen gehen das Wagnis ein, sich zu zeigen und alles zu fühlen – eines der größten Wagnisse im Leben.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Eine junge Gesangsstudentin in Wien verliebt sich in die verheiratete Fotografin Ruth. Jeden Tag, bevor Ruth ihre Tochter von der Schule abholt, teilen sie genau zweieinhalb Stunden miteinander, zwei Jahre lang. Zu Beginn ihrer sinnlichen Erkundungen hatte Ruth sie gewarnt: Das Einzige und zugleich Wichtigste, was sie ihr versprechen könne, sei, dass sie ihr nichts vormachen werde.
Eine Frau begleitet ihren Mann zu dessen Forschungsaufenthalt nach Kalifornien. Dort lernt sie die wesentlich ältere Angela kennen. Trotz der vielen Jahre und Kilometer, die sie trennen, entsteht eine zerbrechliche erotische Nähe zwischen ihnen.
Sarah verfällt ihrer Psychotherapeutin. Als Sarahs Verhalten immer obsessiver wird, lässt die Therapeutin sie gegen ihren Willen einweisen, ein psychiatrischer Höllentrip beginnt. Bei einem Besuch im Sanatorium rät man ihr: »Und jetzt lässt du es dir mal richtig gut gehen.«
Andrea Landfried entwirft drei Variationen weiblichen Begehrens, das zugleich ein Aufbegehren ist, gegen soziale Zwänge und psychische Muster, gegen Rollenerwartungen. Die Sehnsucht der Frauen, wirklich zu sehen und gesehen zu werden, sich zu öffnen, triumphiert immer wieder über die Angst, aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen. Die Frauen gehen das Wagnis ein, sich zu zeigen und alles zu fühlen – eines der größten Wagnisse im Leben.
Pasteurgasse 4, täglich
Die meisten steigen vorher aus
Und jetzt lässt du es dir mal richtig gutgehen
Herr Leopold und Frau Leopold waren beide Augenärzte, und sie waren Menschen, die hinsahen, ganz offensichtlich, sich nicht irreleiten ließen vom Blick der anderen, sondern selbst wahrnahmen und entdeckten. Sie entdeckten Egon Schiele, der an der Grenze zwischen Eros und Tod malte, so steht es bei Wikipedia, wobei ich diese Verbindung von Eros und Tod, die es ja tausendmal gibt in der Literatur und Musik, nicht verstanden habe, bis ich die Geschichte mit Ruth erlebte. Als aber Egon Schiele noch völlig verpönt war, da kauften Herr und Frau Leopold Unmengen seiner Bilder, für einen Appel und ein Ei, wie man sagt, und heute ist ihre Sammlung 570 Millionen wert und wird gezeigt im Leopold Museum in Wien. Als diese Geschichte begann, lebte Herr Leopold noch, und er schien es zu mögen, in der Kantine seines Museums rumzuhängen, wobei Rumhängen nicht der passende Begriff ist, denn er stand kerzengerade in einem Anzug und mit Schlips da und schaute wie gebannt auf Ruth und mich; er schien uns entdeckt zu haben zwischen all den anderen Kunsthungrigen, die jetzt Apfelstrudel mit Sahne aßen wie wir. Er gab sich gar keine Mühe, sein Erstaunen zu verbergen, er starrte uns unverhohlen an, er schien zu sehen, was wir bereits fühlten, wir müssen so was wie die lebendige Version seiner Schiele-Bilder gewesen sein, etwas eigentlich Unsichtbares, das sonst nur fühlbar war, das sich hier aber verdichtete im Raum, dass man es sehen konnte, war man hierzu begabt. Herr Leopold jedenfalls schien bereits in Ruth und mir zu sehen, was auf uns zukam, es fühlte sich an wie ein Energiestrudel, obwohl wir nur vor unserem Apfelstrudel saßen, den Ruth bezahlt hatte für mich, was mich im Nachhinein wundert, denn Ruth war immer so besorgt um ihr Geld, dass sie unter normalen Umständen niemals eine fremde Frau für fast zehn Euro in einem Museumscafé zu so unnützen Dingen wie Apfelstrudel mit Sahne eingeladen hätte. Sie war Künstlerin, Fotografin, und sie steckte jeden Euro, den sie übrig hatte, in ihre Altersvorsorge. Sie investierte in Aktien, die eine Finanzberaterin ihr empfahl, und das machte mich nun wieder besorgt. Aktien konnten fallen, und das taten sie auch in späteren Jahren, als ich schon lange keinen Kontakt mehr hatte nach Wien. Als die Börse zusammensackte, dachte ich sofort an Ruth und ihre mühsam zusammengeklaubten Aktienpakete. Alles, was ich vorausgeahnt hatte, war eingetreten, auch, dass sie mir so leidtat, dass ich ihr viertausend Euro überwies, was ich manchmal bereue.
Ich finde es ein schönes Phänomen, wie Lesben Lesben erkennen, die, wie in meinem Fall, keine Spur aussehen wie Lesben. An dem Tag, als ich Ruth im Leopold Museum zum ersten Mal sah, trug ich sogar einen Rock aus einem weichen dunkelgrünen Stoff, eng anliegend und lang, darüber einen weißen Rolli aus Kaschmir. Wenn ich sage, es sei ein Phänomen, meine ich nicht, dass es mich wundert. Es ist ein natürliches Erkennen, wie bei einem Tier, das sofort weiß, ob es mit einem Weibchen oder einem Männchen zu tun hat. Als wir uns verabschiedeten, hielt Ruth meine Hand fest.
Ich wohnte zu der Zeit im Vienna Sporthotel, einer Vertreterabsteige im 3. Bezirk. Alles war aus Plastik, sogar die Bilderrahmen. Es gab einen fensterlosen Indoor-Golfplatz, einen Tümpel, der als Pool ausgewiesen wurde, und auf den Zimmern Pay-TV. Über dem Bett hing ein großes Foto von einem Geländewagen, der nur auf dem rechten hinteren Rad und ansonsten in der Luft stand, Staub wirbelte um ihn herum, und auf der Frontpartie sah man durch den Staub als Einziges erkennbar: SHELL. Ich hatte das Hotel gewählt wegen des Preises und seiner Lage direkt neben der Universität für Musik und darstellende Kunst, an der ich vorsingen würde, denn ich verlaufe mich immer, tappe heulend durch fremde Gegenden. Ich würde am nächsten Morgen singen, und am Abend davor kam Ruth zur Rezeption und erklärte dem Hotelmanager seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen: Übernachtungen von einer weiteren Person inbegriffen. Damit waren mit Sicherheit Prostituierte gemeint, aber Ruth hatte eine schwarze Bikerjacke an, und ihre dunklen Locken standen wunderbar wirr um ihren Kopf, und der Hotelmanager gab klein bei.
Als ich Ruth kürzlich das Geld überwies und dafür erst mal ihre neue E-Mail-Adresse herausfinden musste, habe ich auf ihrer Internetseite ein Foto von ihr gesehen, wie sie heute aussieht. Ihre Locken sind jetzt grau, sie färbt sie nicht. Sie ist noch immer schlank, und schon damals erstaunte mich immer wieder die Biegsamkeit ihres Körpers. Manchmal hielt ich inne, um mir zu vergegenwärtigen, in welcher Position sie sich gerade befand und wie lange sie gewisse Dehnungen durchhielt. Ihr Körper scheint noch immer von dem Leistungssport zu profitieren, den sie in ihrer Kindheit und Jugend gemacht hat. Das war eine Sportart, von der ich bis dahin noch gar nicht gehört hatte: Rhythmusgymnastik. Ich habe mir auf YouTube mal ein paar Rhythmusgymnastikvideos angeschaut und fand, dass dieses Exakte, Einstudierte und irgendwie Abgehackte überhaupt nicht zu Ruths Art passten, so wie ich sie kennengelernt habe. Versuchte sie doch gerade, mir das Entspannte beizubringen, in dieser Hinsicht benahm sie sich wie eine richtige Lehrmeisterin. Sie war damals achtunddreißig und ich fünfundzwanzig, aber ich glaube, dass es nicht der Altersunterschied war, der sie zu meiner Lehrerin machte. Sie war schon damals so selbstsicher, konnte entschieden, und ohne dass es ihr unangenehm war, ein klares Nein zu manchen Dingen sagen. Sie strahlte diese Klarheit aus, sagte, was sie wollte und was nicht. Ich verscherzte es mir damals mit einigen Leuten, weil auch ich so stur versuchte, meine Interessen durchzusetzen. Ich hatte ihre militant geradlinige Art in mir aufgenommen, wie ein leeres Gefäß, das alles in sich aufnimmt, was man hineingibt.
Zu der Selbstsicherheit von Ruth passte wiederum überhaupt nicht das Schüchterne ihres Blickes, und auch ihre Augenfarbe hatte etwas Verwaschenes, Graugrünes. Ihr Gesicht zu beschreiben, fällt mir schwer, weil ich von Anfang an bei Ruth in mein Inneres ging, meine innerlichen Reaktionen auf sie so stark waren, dass mich das Außen gar nicht mehr interessierte. Obwohl sie natürlich gut aussah, alles passte zusammen bei ihr. Aber an die Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, nur, dass sie eine feinporige Haut hatte und ordentlich in Form gezupfte Augenbrauen. Das war ihr so wichtig, dass selbst ich anfing, zur Kosmetikerin zu gehen, was ich bis heute beibehalten habe.
Ihre Durchsetzungskraft führte damals dazu, dass sie umsonst bei mir im Hotelzimmer des Vienna Sporthotels übernachten durfte. Ruth trug wie immer eine Thermoskanne in einem Rucksack mit sich. Sie schleppte einen auf eine lauwarme Temperatur heruntergekühlten Fencheltee mit sich herum, den sie aus in einem Mörser zerstoßenen Fenchelsamen braute; denn sie hatte ein latentes Magenproblem, einen steten, undefinierbaren Bauchschmerz. Während unserer Zeit ging sie sogar einmal zu einer Magenspiegelung. Sie wollte damals, dass ich ihr die Hand halte währenddessen, auch in der Narkose, ihr Mann musste zu Hause bleiben. Und ich hielt ihre Hand, wie wir uns an unserem ersten Abend an den Händen hielten unter dem Bild mit dem Geländewagen im Vienna Sporthotel. Der Arzt, der die Magenspiegelung durchführte, war ein Typ mit einem ausgemergelten Gesicht und nur noch wenig Haaren auf dem Kopf, die er sich, wahrscheinlich aus diesem Grund, noch rasierte. Er schien sofort zu durchschauen, welcher Art unsere Verbindung war, dass ich nicht die Freundin vom Kaffeeklatsch war. Er guckte uns sehr interessiert an, wie wir uns in die Augen sahen, weil Ruth nämlich wirklich Angst hatte. Andere hätten sich wahrscheinlich zurückgehalten, versucht zu verbergen, was der Arzt in seinen Fantasien vermutete, aber Ruth hatte ihre Freude daran, mich kurz vor der Narkose mit diesem Zeug, das Michael Jackson bekommen hat und das gar nicht schlecht sein muss, mich kurz vor der Gabe des Propofols zu sich herunterzuziehen und mir einen Kuss auf den Mund zu geben. Sie fasste nach meiner Hand, hielt sich daran fest, bis das Narkosemittel wirkte; dann war ich es, die ihre schlaffe Hand weiter festhielt. Ich denke, so selbstbewusst bin ich inzwischen, dass sie mich auswählte, weil es mit ihrem Mann nicht dieses Fließen gab, wenn sie ihn an den Händen berührte, und das es bei uns fast immer gab. Obwohl es dieses Fließen nach der tantrischen Lehre ja gerade zwischen Mann und Frau geben müsste, zwischen seinem Plus- und ihrem Minuspol, und Ruth und ich müssen ja zwei weibliche Pole gewesen sein, weil sich nämlich auch keiner von uns falsch in seinem Körper fühlte und irgendwie ein Mann sein wollte: Wir wollten beide Frauen sein und als zwei Frauen zusammen sein. Das funktionierte ganz wunderbar, wir mussten uns nur an den Händen berühren, und es war kein Stück langweilig, und so saßen wir etwa eine Stunde auf dem Bett im Vienna Sporthotel und hielten uns an den Händen. Dann fragte Ruth mich, ob wir uns zusammen hinlegen wollten, und schon dieser Satz, dieser klare Satz wieder, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dass sich eine so schöne Frau zusammen mit mir hinlegen wollte, löste ein Strömen in meinem Körper aus, es war, als flössen Milch und Honig durch meine Adern, vielleicht fühlen sich auch manche Drogen so an, ich könnte es mir vorstellen. Dieser Zustand war jedenfalls anders als sexuelles Begehren, das auf etwas zusteuert und sich entladen will, wenn Mann und Frau übereinander herfallen. Jeder einzelne Augenblick war sozusagen schon die Erlösung. Mit Ruth gab es von Anfang an kein Ziel, mehr konnte ich mir gar nicht vorstellen, dieser Satz »Wollen wir uns zusammen hinlegen« allein reichte mir, alles andere wäre zu viel gewesen, mehr hätte ich gar nicht ausgehalten. Es gibt auch eine Überdosis von Glück, und deshalb legte ich mich mit Kleidern auf den Bauch auf das Bett, nicht gerade eine einladende Geste für eine erste Nacht, aber Ruth nahm es gelassen und legte sich, ebenfalls mit Kleidern, auf meinen Rücken. Ich spürte ihren Bauch an meinem Rücken, wie er beim Atmen auf und nieder ging, und ihren Mund in meinem Nacken und wie sich die Feuchtigkeit ihres Atems in meinem Nacken sammelte. Es war keine Situation, in der ich Ruth etwas vorenthielt, das werden jetzt womöglich einige denken, dass ich mich ihr verweigerte. Aber so hatte sie es nie empfunden, das sagte sie mir am Morgen beim Frühstück vor labbrigen Brötchen in dem fensterlosen Frühstücksraum, wo alle neugierig auf uns starrten, weil uns etwas umgab, das schon Herr Leopold gesehen hatte und nur besonders feinsinnige Menschen wie Herr Leopold mit seiner Schiele-Sammlung sehen können, was die Versicherungsvertreter und Handlungsreisenden um uns herum aber dennoch witterten. Sie waren auf einer Fährte und starrten uns an, und wenn sie gewusst hätten, dass wir nur aufeinandergelegen und uns nicht mal ausgezogen oder geküsst hatten, sondern uns am Morgen in zerknitterten Kleidern nebeneinander im Bett gefunden, die für uns beide zu schmale Decke über uns ausgebreitet hatten, dann wären sie wohl enttäuscht gewesen, und viele hätten an meiner Stelle wahrscheinlich auch Angst gehabt, die Frau, die einem aufs Zimmer gefolgt war, zu enttäuschen. Aber in diesem Zimmer in dieser Nacht hatte sich alles richtig angefühlt, von der Straße drang durch die Ritzen der Jalousie das sanfte Licht einer Laterne, das Fenster war geöffnet gewesen, und die Jalousie bewegte sich ein bisschen im Wind. Ruth und ich lagen nebeneinander und betrachteten die sich bewegenden Schatten an der Wand über dem Bett. Ich hatte in keinem Augenblick das Gefühl, dass Ruth kurz davor war, im Zimmer auf und ab zu tigern, weil sie es nicht aushielt, nicht mit mir zu schlafen. Diese Sorge, nicht zu genügen, hatte ich gar nicht, und Ruth sagte mir beim Frühstück auch, dass ich bitte niemals denken dürfe, irgendetwas machen zu müssen, wonach mir nicht sei. Das sei ihr das Allerwichtigste, dass ich ganz bei mir bleibe, bei dem, was für mich stimme, so würde sie es auch halten. Ich könne bei ihr immer ganz sicher sein, woran ich bin, sie würde mir nichts vormachen, das sei das Einzige und Wichtigste, was sie mir versprechen könnte. Aus diesem Grund sage sie mir auch gleich, dass sie mich in ihrem Leben haben wolle, dass ich aber nicht ihr Leben sei. Sondern ihr Leben sei ihr Mann und ihre Kinder und ihre Wohnung in der Berggasse, ein Au-pair-Mädchen und ihre Arbeit als Werbefotografin. Als sie diese lange Ansage beendet hatte, fiel ihr das mit Nutella beschmierte Messer auf den Boden, blöderweise ein Teppichboden. Ich bückte mich, um das Messer aufzuheben, weil es näher bei mir gelandet war, und dachte, dass sie gestern im Museum noch Künstlerin gesagt hatte: »Fotokünstlerin«, und das war es, was sie eigentlich sein wollte, und manchmal später dachte ich, dass ihr Leben mit dem Mann genauso ein Kompromiss war wie ihr Job als Werbefotografin.
In dem Wissen um den Ehemann sang ich mit einem Gesicht, das so aussah, als hätte ich in der Nacht Sex gehabt. Ich kannte dieses Gesicht von mir, ein Gesicht, mit dem man besser nicht auf die Straße gehen sollte, weil es alles zu verraten schien. Ich fühlte mich völlig nackt und ausgesetzt mit diesem Gesicht. Es war nicht nur gut durchblutet, sondern es hatte etwas Feineres bekommen, etwas Feminines, und jetzt hatte ich es, ohne überhaupt Sex gehabt zu haben. Mein Körper musste dieselben Hormone ausgeschüttet haben, und in der Tiefe musste etwas passiert sein, obwohl äußerlich fast gar nichts passiert war. Der enge Rolli wiederum ließ mein vom langjährigen Rudern gezeichnetes Kreuz und meine für eine Sängerin etwas zu muskulösen Oberarme sichtbar werden, aber die acht ausschließlich männlichen Jurymitglieder, die in einem Halbkreis um mich herumsaßen, schienen Gefallen an mir zu finden, denn sie schauten mich recht wohlwollend an, bevor ich auch nur einen Ton gesungen hatte. Ich sang eine sauschwere Stelle aus Brahms Requiem, die ich deshalb perfekt konnte, weil der Professor mit einer Freundin von mir hatte schlafen wollen und ihr die Stelle verraten hatte, die beim nächsten Aufnahmetermin drankommen würde. Ich konnte sie singen, ohne groß mein Gehirn einzuschalten, und so konnte meine Seele direkt durch den Spalt dringen, der letzte Nacht in mein Herz gekommen war. Ich sang: »Nun Herr, wes soll ich mich trösten?«, aber ich setzte zu früh ein. Vielleicht hätte ich mein Hirn doch ein bisschen einschalten und zählen sollen, denn der Professor hatte gesagt: »Ich spiele drei Takte voraus«, und ich setzte schon beim zweiten Takt ein, und dann passte nichts zusammen, nicht die Töne vom Klavier mit meinen Tönen, und der Professor schaute mich an nach dem Motto: »Das war’s dann wohl.« Aber ich war so guter Dinge an dem Tag, ich ließ mich gar nicht verunsichern, sondern strahlte den Professor an und sagte: »Dann noch mal.« Der Professor sagte wieder: »Drei Takte voraus«, und diesmal klappte es, und ich muss sehr schön gesungen haben, Musik gemacht haben. Die anderen Bewerber mussten noch eine Stelle aus Stabat Mater von Dvořák singen, die ich nicht so gut gekonnt hätte, aber bei mir winkte der Professor gleich ab: »Mehr muss ich nicht hören. Sie retten die Ehre der Deutschen.« Die Deutschen vor mir waren alle rausgeflogen an einer Stelle, wo man rausfliegen musste, hatte man die Takte nicht vorher zumindest einmal gründlich durchgezählt und mit Strichen versehen, die einem bei der Orientierung in diesem arrhythmischen Geflecht halfen. Nur die Koreaner hatten das ohne Probleme hingekriegt.
Als ich an der Hochschule angenommen worden war und in Wien eine Wohnung bezogen hatte, schrieb ich Ruth eine Karte. Am übernächsten Tag stand sie vor meiner Tür, um zwölf.
Über meinem Bett hing ein mehrere Quadratmeter großer Druck vom toten Marat, wie er in der Badewanne ermordet liegt, Blut tropft aus der Wunde in seiner Brust. Der Druck wellte sich bereits ein bisschen, weil der Luftbefeuchter, den ich mir von meinem Vater zum Geburtstag gewünscht hatte, ziemlich viel Dampf machte. Ruth schaute sich das alles an und sagte: »Du erinnerst mich so an mich, wie ich war in deinem Alter.« Ich verstand nicht, was sie meinte. Sie erklärte es mir. Wenn ich mir hier so große Kunst aufhänge, das zeige doch, dass ich auf der Suche sei. Dass ich etwas spüre, und der Marat auf dem Bild, der sei vielleicht gar nicht tot, sondern einfach nur erlöst, und dann nahm sie meine rechte Hand und schob sie auf ihre linke Brust unter ihren Pulli. Dazu muss ich sagen, dass dies lange ein Traum von mir war. Ich nehme die Hand von einer schönen Frau und lege sie auf meine Brust, so, als gewährte ich ihr etwas, was sie sich insgeheim schon lange wünschte, was ihr innigster Wunsch war, und ich befriede sie in diesem Wunsch. Und nun hatte ich eine Frau, die diese Geste umgekehrt vollzog, so, als stünden mir meine geheimen Wünsche auf der Stirn geschrieben. So eine lesbische Frau muss man erst mal finden, das ist, Internet und Tinder hin oder her, immer noch ein schwieriges Unterfangen. Denn im normalen Leben bewegt man sich nun mal hauptsächlich unter Frauen, die sich kein Stück danach sehnen, dass eine Frau ihre Hand nimmt und sie auf ihre Brust legt. Wie groß das Gefühl meiner Erlösung war, als dieser Traum von solch einer lesbischen und femininen Frau endlich Wirklichkeit wurde, kann man sich vorstellen, denn darauf hatte ich viele Jahre gewartet, seit ich mich mit sieben in meine Grundschullehrerin verliebt hatte, die Frau Rietzel hieß und Brüste hatte, die für meinen heutigen Geschmack viel zu groß waren, die Schürzenkleider trug und einen Dutt hatte und eigentlich auch viel zu dick war für mich. Aber seit diesem Moment muss mir doch, im Nachhinein denke ich das, latent klar gewesen sein, worauf es bei mir hinauslief, in welche Richtung mein Streben gehen würde.
Mit meiner Hand auf Ruths Brust unter ihrem Pulli blieben wir wirklich lange stehen, wir standen so da und taten nicht mehr, obwohl sich doch einiges ereignete, innerlich, und ich meine sagen zu können, auch bei ihr. Denn das war doch das Besondere, dass wir beide spüren konnten, was der andere gerade spürte, das ist das erste und einzige Mal, dass mir das passierte, dass ein anderer Mensch mit einer Selbstverständlichkeit in Worte fasst, was bei mir gerade vor sich ging. Es ist ja noch normal, wenn einer sagt, er spürt, wie der andere etwas genießt, aber Ruth spürte auch, wenn ich für einen Moment mit meiner Aufmerksamkeit abgelenkt war, wenn ich zum Beispiel daran dachte, dass ich mich wahrscheinlich ummelden musste, irgendwie anmelden müsste hier, dass ich jetzt eine Art neue Einwohnerin war, diese ganzen Sachen fielen mir dauernd ein, wenn ich eigentlich loslassen wollte. Genau dann nämlich sagte mir eine innere Stimme, dass ich auf keinen Fall loslassen dürfe, da ich ja noch unendlich viel wichtigere Dinge erledigen musste, dass sonst etwas Furchtbares passieren würde, kümmerte ich mich nicht endlich um meine Anmeldung beim Einwohnermeldeamt in Wien. Ich dachte über den Grundsatz der Freizügigkeit innerhalb der EU nach, schließlich war ich EU-Bürgerin, während Ruth weitermachte. Aber sie brach dann alle Vorhaben ab, obwohl ich die Augen geschlossen hielt und mich ihrem Voranschreiten entsprechend bewegte. Sie spürte es sofort: »Du bist jetzt gerade ganz woanders«, sagte sie, zog ihre Hände oder ihren Mund zurück, setzte sich hin, so dass wir uns gar nicht mehr berührten, und schaute mich fragend an. »Du bist eine Zauberin«, sagte ich zu ihr. Weil sie alle meine Gefühle spüren und in Worte fassen konnte. Ich fragte sie, seit wann sie das könne, und sie überlegte und sagte, sie wisse es nicht und dass es nicht bei jeder ginge. Das war, als ich mich über meine Nachbarin aufregte, die mir verboten hatte, einen kleinen Druck von Klee in blauem Holzrahmen im Flur neben meiner Wohnungstür aufzuhängen. Kleines Tannenbild hieß dieses unschuldige Bildchen, das gegen die Hausordnung verstieß, und ich musste das minikleine Löchlein mit Zahnpasta wieder zukleistern, damit man es nicht mehr sehen konnte. Aber die Nachbarin befand, man könne den Unterschied zwischen dem Zahnpastaweiß und der Wandfarbe durchaus erkennen, und deshalb musste ich schließlich Wandfarbe kaufen und so weiter. Solche Dinge ließen mich auch im Bett nicht los, sie verfolgten mich dahin, wo ich eigentlich allein mit Ruth sein wollte. Ruth bemerkte dann, ohne dass ich etwas gesagt hätte, denn ich wollte diese Dinge ja gerade außen vor halten, deshalb erwähnte ich sie nicht: »Also, du hast dich geärgert heute, ja? Da ist ganz viel Wut in dir, die muss erst mal raus.« Und dann sagte sie, ich solle schreien oder in ein Kissen boxen, aber das passte nicht zu mir. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, ich schaffte es einfach nicht, es kam mir so künstlich und gewollt vor, jetzt Ruth anzuschreien und in das Kissen zu boxen, das sie mir schon hinhielt. Der Preis war, dass Ruth sagte, dann könnten wir heute eben nicht zusammen sein, sie wolle sich nicht meine Wut reinholen.
Irgendwann ging ich wie selbstverständlich davon aus, dass Ruth eh wusste, wie es in mir aussah, so dass ich der Ansicht war, gar nichts mehr dazu sagen zu müssen. Als sie mich einmal fragte, während sie ziemlich fest meinen Hinterkopf streichelte, wie das für mich sei, sagte ich nur verwundert: »Weißt du das nicht?«, weil ich eben dachte, sie müsse doch merken, dass es schön war für mich. Da wurde sie richtig wütend und sagte, wie blöd es sei, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, dass ich sie gar nicht ernst nähme mit ihrer Frage. Angesichts des vorwurfsvollen Tons, in den sie plötzlich gewechselt war, sagte ich: »Du hättest Staatsanwältin werden sollen«, was sie noch wütender machte. »Machst du dich lustig über mich?«, fragte sie. Sie richtete sich auf, kniete sich auf die Matratze. Ich selbst blieb liegen, wollte ihre Hand nehmen, aber sie schüttelte nur den Kopf.
Als wir das erste Mal in meiner Wohnung zusammen waren, sagte Ruth nach einer Zeit, die ich damals nicht einschätzen konnte (heute weiß ich, dass sie immer genau zweieinhalb Stunden blieb): »Ich muss jetzt mein Kind vom französischen Gymnasium abholen.« Das französische Gymnasium war genau bei mir um die Ecke, in der Liechtensteiner Straße. Ich lebte ja am Palais Liechtenstein, wo ich immer den Mittagstisch aß. Das dachte man gar nicht, dass es in einem so vornehmen Palais, das zudem gerade frisch renoviert worden war, einen Mittagstisch für 6,50 Euro gab. Das musste man erst mal herausfinden, sich trauen, überhaupt da reinzugehen, und dann wusste man es aber: 6,50 mit kleinem Salat, und es waren richtig gute Gerichte, echte Wiener Küche, Tafelspitz oder Krautfleckerln, solche Sachen.
Ruth sagte nie den Namen ihres Kindes, das fiel mir auf. Es war, als müsse sie ihr Leben raushalten aus der Geschichte mit mir, als seien es völlig getrennte Dinge, die nicht in Berührung miteinander kommen dürften, obwohl mein Haus das französische Gymnasium ja schon fast berührte, so nah waren die beiden Gebäude, mein altes und schönes und das moderne und hässliche des Lyceums. Sie sagte immer, sie müsse jetzt ihr »Kind« vom französischen Gymnasium abholen, damit war unsere Zeit beendet, immer mit diesem Satz, nur beim ersten Mal fragte sie, ob sie wiederkommen dürfe.
