Pathologien - Jacob Israël de Haan - E-Book

Pathologien E-Book

Jacob Israël de Haan

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Beschreibung

Johan ist jung, schön und hat alles, was er braucht. Mit seinem Vater und der alten Haushälterin Sien lebt er in einem großen Haus am Markt des traditionsreichen Städtchens Culemborg, genießt das noble Leben und studiert die wissenschaftliche Literatur des Vaters. Im Laufe der Pubertät überkommen ihn sexuelle Fantasien mit anderen Jungen, die sich auch auf seinen Vater ausdehnen. Als Johan sich seinem Vater offenbart, wendet der sich empört von ihm ab. Doch der belesene Johan ist überzeugt, dass seine Art zu lieben das gleiche Recht hat wie die Liebe der anderen. Er verlässt das Haus des Vaters, zieht in eine Pension, lernt den Maler René Richell kennen und lieben. Doch schon nach wenigen Wochen ungetrübten Glücks kommen Renés sadistische Neigungen zum Tragen – der Beginn eines brutalen Ringens von Liebe, Abhängigkeit und Verachtung, an dem Johan zugrunde gehen wird. Der jüdisch-niederländische Jurist und Autor Jacob Israël de Haan ist international vor allem bekannt, weil er 1924 in Jerusalem einem politischen Mord zum Opfer fiel. Zuvor hatte er 1904 mit "Pijpelijntjes" den ersten homosexuellen Roman der Niederlande herausgebracht. Das Buch kostete ihn seine Anstellungen als Lehrer und Journalist, hielt ihn aber nicht von der Veröffentlichung von "Pathologieën" (1908) ab. In Anbetracht seiner Entstehungszeit geht der Roman ungemein selbstbewusst an das Thema Homosexualität heran: Obwohl der Vater ihn dafür moralisch verdammt, lebt Johan sein Anderssein unbefangen aus – bis er an René gerät. Zum 100. Jahrestag der Ermordung de Haans hat der Übersetzer Olaf Knechten Pathologien erstmals ins Deutsche übertragen. Zudem enthält diese Ausgabe de Haans Erzählung "Die Erlebnisse des Hélénus Marie Golesco" und ein Nachwort des niederländischen Soziologen Gert Hekma.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Verlagsinformation

Der schöne Johann erkennt im Laufe der Pubertät, dass ihn andere Jungen sexuell erregen. Obwohl sein Vater sich empört von ihm abwendet, ist Johan überzeugt, dass seine Art zu lieben das gleiche Recht hat wie die Liebe der anderen. Er lernt den Maler René Richell kennen und lieben. Doch schon nach wenigen Wochen ungetrübten Glücks kommen Renés sadistische Neigungen zum Tragen – der Beginn eines brutalen Wechselbads aus Liebe, Abhängigkeit und Verachtung, an dem Johan zugrunde gehen wird.

Der Band enthält im Anhang die Erzählung Die Erlebnisse des Hélénus Marie Golesco sowie ein Nachwort des Soziologen Gert Hekma.

Jacob Israël de Haan (1881-1924) genießt in den Niederlanden gleich zweifach Klassikerstatus: als Dichter jüdischer Lyrik (Kwatrijnen) und als Verfasser homosexueller Romane. Ende der 1910er Jahre schloss sich de Haan der zionistischen Bewegung an und zog nach Israel. Später wechselte er zum orthodoxen Judentum und kritisierte die Zionisten in der internationalen Presse für ihren aggressiven Nationalismus, was ihm den Hass vieler Mitbürger eintrug. 1924 wurde er von einem Mitglied der Haganah ermordet.

JACOB ISRAËL DE HAAN

Pathologien

Der Untergang des Johan van Vere de With

Im Anhang die Erzählung

Die Erlebnisse des Hélénus Marie Golesco

Aus dem Niederländischen von Olaf Knechten und mit einem Nachwort von Gert Hekma

Männerschwarm Verlag

Bibliothek rosa Winkel

– Begründet von Wolfram Setz (†) –

Band 82

Die Originalausgabe erschien 1908 unter dem Titel: Pathologieën.

De Ondergangen van Johan van Vere de With im Verlag Meindert Boogaerdt

Die Erzählung Die Erlebnisse des Hélénus Marie Golesco erschien posthum im Jahre 1976 in der Zeitschrift De Gids unter dem

Titel Over de ervaringen van Hélénus Marie Golesco

Umschlaggestaltung:

Carsten Kudlik, Bremen

Der Verlag bedankt sich für die Förderung dieser Veröffentlichung durch die Niederländische Literaturstiftung und die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung

© 2024 Männerschwarm Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH, Berlin

Herstellung: CPI Clausen und Boss, Leck

Printed in Germany

ISSN 0940-6247

ISBN 978-3-86300-090-5

Teil I

Für Georges Eekhoud

Cui dono lepidum novum libellum?

Amico, tibi, namque tu solebas

Meas esse aliquid putare nugas.

Vivamus, atque amemus

Rumoresque senum severiorum

Omnes unius aestimemus assis.

Lugete, o, Veneres, Cupidinesque

Et quantumst hominum venustiorum.*

Catull

Amo e il segreto mio non posso dir.

*) »Wem nur schenk ich das nette neue Büchlein …/ Dir, Freund, denn du glaubtest immer/ Meine Sächelchen seien nicht ganz wertlos.« – »Lass uns leben … und lieben/ Und das Gerede der allzustrengen alten Leute/ einen Pfennig geringschätzen.« – »Trauert, ihr Liebesgöttinnen und Götter/ und all die anderen anmutigen Menschen.«

Kapitel 1

1

Dies ist meine präzise, in aufgewühltem Zustand verfasste Beschreibung der Pathologien, die den Untergang des Johan van Vere de With bedeuteten.

2

Der längliche Marktplatz befindet sich im Zentrum des Städtchens Culemborg, das eigentlich eher einem Dorf ähnelt. In der Mitte einer der beiden Längsseiten stand das alte Haus, in dem sie wohnten.

Von außen sah es aus wie ein Doppelhaus mit zwei Treppengiebeln und Wohnungen zu beiden Seiten einer breiten Tür, breiter als zwei gewöhnliche Haustüren. Doch dahinter befand sich nur ein einziges Wohnhaus. Drei Personen lebten dort: ein Junge, Johan, sein Vater und eine sehr alte Frau namens Sien. Da das Haus so groß war und die drei ein sehr ruhiges Leben führten, wirkte es oft wie unbewohnt.

Johans Mutter war schon vor langer Zeit gestorben, noch bevor er und sein Vater nach Culemborg gezogen waren. Es gab in diesem Haus kein Zimmer, das sie bewohnt hatte, und deshalb war Johans Vater hier weniger unglücklich. Doch sie besaßen noch viele Dinge, die ihr gehört hatten. Johan, dem sie fremd waren, bedeuteten sie nichts, aber für seinen Vater waren es kostbare, unersetzliche Schätze.

Johan bewohnte zwei Zimmer an der Rückseite des Hauses, die beide Blick auf den üppigen alten Garten boten, der groß, finster und geheimnisvoll wie ein Wald war. Doch die Dunkelheit reichte nicht bis ans Haus, denn zwischen ihm und dem Garten befanden sich ein gepflasterter Weg und eine Wiese, die zur schönen Jahreszeit viele bunte Blumen zierten. Wenn Johan abends am Fenster saß und lernte, warf seine Stehlampe mattes Licht nach draußen, golden wie Sonnendunst, das die Farben der Blumen veredelte und sie fremdartig erscheinen ließ wie Gewächse aus einer seltsamen, zarten Mär. In den waldgleich dichten, dunklen Garten drang das Licht der Lampe nicht. Die Bäume wirkten wie eine schwarze Wand, hinter der sich eine andere Welt befand.

3

Die schönsten Gegenstände in ihrem prachtvoll eingerichteten Haus waren die Türglocke und die Standuhr im Flur. Die Glocke hing hinter der breiten Haustür. Sie war nicht aus Silber, sondern aus einem unbekannten Metall, dessen Klang viel reiner war als der von Silber und viel ergreifender. Es war herrlich, in den hohen, stillen Fluren der hellen Glocke zu lauschen, wie sie langsam ausklang, bis im Haus wieder völlige Stille einkehrte. Johan bedauerte, dass die köstliche, königliche Glocke so selten erklang, denn die meisten Besucher kamen nicht durch die vornehme Vordertür, sondern durch das Gartentor und über Wiese und Weg zum Hintereingang. Wenn Johan abends allein, ohne seinen Vater, an seinen Hausaufgaben saß und seine Lampe weiß dampfte und matt atmete, wünschte er sich oft, dass jemand käme, die Glocke die Stille durchbräche und sich etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Doch da sie ein so stilles Leben führten, geschah dies nie.

Die Uhr, die Johan so liebte, stand im hohen, hellen Vestibül. Ihr Ticken klang dunkel und ernst wie die Stimme eines alten Manns. Doch ihr Schlagen war leicht und heiter wie das Lachen eines Jungen, eines großen Jungen. Wenn Johan spätabends noch wachte, vernahm er ihr Ticken nicht, sondern hörte nur, wie sie zu jeder vollen Stunde schlug.

Ihrem Haus gegenüber stand eine Kirche aus braunem Stein, in der hoch über den Häusern eine schwere Glocke hing, die abends von Viertel vor zehn bis zehn Uhr läutete. Johan versäumte es nie, anschließend hinunter ins weiße Vestibül zu gehen, um nachzusehen, ob ihre Standuhr mit der Glocke im Einklang war.

4

Als Johans Vater mit achtzehn Jahren in Amsterdam Jurisprudenz studierte, ging er eine intime Beziehung mit einer älteren Frau ein, einer Ärztin, die er kurz darauf heiratete. Schon bald brachte sie ein Kind zur Welt, denn aufgrund ihres Alters befürchtete sie, eine Geburt in späteren Jahren berge zu große Gefahren. Der junge Mann und die ältere Frau freuten sich sehr über den Nachwuchs.

Doch kurz nach der Geburt des Jungen wurde die Mutter psychisch krank, was sich darin äußerte, dass sie sich schreckliche Vorwürfe machte, in ihrem Alter noch ein Kind zur Welt gebracht zu haben. Sie glaubte, ihm nicht die nötige Fürsorge zukommen lassen zu können. Auf die Selbstvorwürfe folgte eine Phase heftiger Selbsterniedrigung und fortwährender Schuldgefühle. Schließlich entschied sie, sie sei unwürdig, weiterhin mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn zusammenzuleben, und beschloss, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wiederholt brachte sie sich schwere Verletzungen bei und konnte nur daran gehindert werden, sich etwas anzutun, indem man sie Tag und Nacht beaufsichtigte, ohne sie auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Einige Monate lang wurde sie auf diese Weise bewacht, bis ihre Todessehnsucht nachließ. Sie begriff, dass sie krank war, doch nun machte sie sich Vorwürfe, weil sie nach dem Tod verlangt hatte. Ihr Körper war dauerhaft geschwächt, und auch ihr seelisches Gleichgewicht fand sie nie völlig wieder.

Eines Nachts, als niemand mehr damit rechnete, wurde sie plötzlich wieder von Schuldgefühlen und Todessehnsucht überwältigt. Ihr Gatte schlief mit dem Kind im Zimmer nebenan. Die seelisch kranke Frau stand auf und ging auf weißen Füßen leisen Schritts zu Mann und Kind hinüber. Lange Zeit betrachtete sie beide und lauschte dem nächtlich-tiefen Atem ihres Manns, den sie so liebte. Während sie das Kind anschaute, dachte sie: Hans ist ein so hübscher Junge. Sein Vater wird später glücklich mit ihm sein. Doch ich muss sterben, denn mich erdrückt die Schuld, in meinem Alter noch ein Kind geboren zu haben, das ich nicht einmal selbst stillen kann.

In ihrem Wahnsinn war die Frau völlig ruhig. Sie begab sich wieder in ihr Zimmer, um den Tod zu suchen. Doch sie wusste nicht, wie sie es anstellen sollte. Sie verfügte über keine scharfen Gegenstände, nichts, um sich die Luft abzuschnüren, und wagte kaum, sich zu bewegen, weil jedes Geräusch ihren Mann hätte wecken können.

Jedoch hatte sie üppiges Haar, das ihr offen bis über die Hüften fiel. Mit ihren flinken, zartgliedrigen Fingern flocht sie es zu zwei festen Zöpfen, seidenen Stricken gleich. Leise und mit ruhiger Hand würgte sie sich mit diesen lebendigen Waffen, die sich wie aus eigener Kraft immer fester um ihre sterbende Kehle schnürten.

5

Am nächsten Morgen traf ihren Mann der entsetzliche Anblick der Leiche.

Nach dem Begräbnis bezog der junge Mann mit seinem so außergewöhnlich hübschen Sohn das alte Haus an einer der Längsseiten des Markts im Zentrum des Städtchens Culemborg, das eigentlich eher einem Dorf gleicht.

In stiller Verzweiflung beendete er dort sein Studium der Jurisprudenz und widmete sich danach der weiteren Erforschung des kriminellen Menschen. Doch ließ er sich nie als Rechtsanwalt nieder. Weder mit seinen wenigen Verwandten noch mit den Bürgern Culemborgs pflegte er Umgang, und sein Kontakt zu italienischen und französischen Kollegen war rein fachlicher Natur. Er sprach mit ihnen niemals über sein Haus oder seine strangulierte Ehe.

Johan wusste, dass seine Mutter sich getötet hatte, und auch, dass sein Vater nicht gern über sie redete.

Er hatte in seinem Zimmer ein Porträt von ihr, an dem er sehr hing, nicht so sehr, weil es seine Mutter zeigte, die er nicht gekannt hatte, sondern weil es so schön und außergewöhnlich war.

Dieses Bild war nun siebzehn Jahre alt, denn es war zur Zeit der Heirat seiner Eltern entstanden. Der stille Zahn der Zeit hatte sowohl die Schwärze des Drucks als auch das Weiß des Papiers aschen und grau werden lassen. Ihr Gesicht war nun übersät von berstenden Bruchlinien wie das milchigfeine Porzellan aus China, von dem Johan ein äußerst kostbares Stück besaß. Immer, wenn er das Porträt betrachtete, freute es ihn, dass seine Mutter eine so ruhige und vornehme Frau gewesen war. Sie hatte eine hohe Stirn, ihr Blick war tief, ihre Nase gerade und ihr Mund fest geschlossen.

6

Den Haushalt der Familie besorgte Sien, eine kleine alte Jungfer in frommen, hoch geschlossenen Kleidern. In dem zerbrechlich wirkenden Gesicht unter ihrer plissierten weißen Haube boten die Züge um Augen, Mund und Nase häufig ein bebendes Wechselspiel dar.

Beschwerliche körperliche Arbeiten verrichtete sie nur noch selten. Sie hatte eine Zugehfrau, die sich morgens um die drei Schlafzimmer kümmerte, und eine Putzfrau fürs Grobe. Sie selbst tat, was sie konnte, und beklagte sich gegenüber Johan oft über die Faulheit der heutigen Dienstboten. Nachmittags, wenn die beiden Haushaltshilfen gegangen waren, saß Sien immer lange Zeit still in einer Kammer am Gartenweg und ließ die Tür zum Flur geöffnet, damit sie trotz zunehmender Schwerhörigkeit ins Haus lauschen und die Haustürglocke hören konnte. Aber da sie ein so ruhiges und abgeschiedenes Leben führten, kam fast nie jemand, um die alte Jungfer zu stören. Oft las sie in ihrer Bibel, all die Stellen, die ihr alter Kopf schon längst auswendig kannte. Wenn Johan nachmittags durch den düsteren Garten nach Hause kam, erzählte sie ihm von Gottes großen Wundern, an die so viele Menschen nicht glaubten, bis sie sie mit eigenen Augen sähen. Der Junge hörte ihr dann zu, ruhig und höflich, wie er und sein Vater es immer waren.

7

Johans Vater entstammte ebenso wie seine Mutter einer Gesellschaftsschicht von hoher Bildung und Lebensart, der harte körperliche Arbeit fremd war, in der man jedoch mit allen Arbeiten vertraut war, für die es eines guten Denkvermögens bedurfte. Johan glich seinen beiden Eltern. Er war seit jeher ein auffallend schöner Knabe. Bis sein Leben auf entsetzliche Weise erschüttert wurde, war er stets von vornehmer Ruhe gewesen. Mit sechzehn war er ausgewachsen. Er war sehr gepflegt und wirkte wie ein jung aussehender Zwanzigjähriger.

Er war schlank und feingliedrig und stets makellos gekleidet. Seine Augen waren wie blaue Rosen, wenn sich solche in unseren Gärten finden würden.

Bis zu seinem achten Lebensjahr ging Johan nicht in die Schule, da sein Vater es für besser hielt, ihn zu Hause zu behalten, wo er seine Ruhe hatte, denn allen Anzeichen nach besaß der Junge zwar Gefühlstiefe, war jedoch sehr labil. Er war ein kluger Kopf, doch gerade deshalb fürchtete sein Vater, er könnte sich überanstrengen. Also drückte Johan im Alter von sechzehn Jahren die Schulbank mit zwei Jahre jüngeren Knaben, was ihm nicht unangenehm war, denn da er nicht dumm war, konnte er sich mühelos als Klassenbester halten. Er hatte nur wenig Umgang mit seinen Klassenkameraden, einerseits, weil er älter war, andererseits, weil er sich in Wesen und Veranlagung von ihnen unterschied.

In den letzten zwei Jahren, während er heranreifte, hatte er sich einige Male auf seltsame und heftige Weise zu kleinen, zarten und gut gekleideten Mitschülern hingezogen gefühlt. Er verstand es selbst nicht, denn er war kein Mensch, der leicht Freundschaften schloss. Doch er spürte, dass diese Neigung gefährlich war und dass er seinem Vater nichts davon erzählen durfte. Je weiter sich sein Körper entwickelte, desto stärker und häufiger wurden diese gefährlichen Gefühlsanwandlungen. Nachts träumte er von manchen dieser Jungen. Im Traum beging er unsittliche Handlungen an ihnen und sie an ihm. Er genoss es, und es weckte starke Gefühle in ihm. Wenn er wach wurde, bemerkte er, dass seine Nachtwäsche feucht und besudelt war. Häufig fühlte er sich ohnmächtig und mutlos, und in seinem Innern machte sich Schwermut breit.

Obwohl er wusste, dass dergleichen im Leben und im Körper eines jeden Jungen vorkam, der zum Mann wurde, schämte er sich und war schrecklich unglücklich. Ihm war klar, dass er nicht mit seinem Vater darüber reden konnte oder wollte. Doch wusste er, dass ein solches Gespräch ihm guttun, ihn trösten würde. Oft verspürte Johan ein so dringendes Bedürfnis, mit seinem Vater zu sprechen, dass es ihn sehr quälte, dazu nicht in der Lage zu sein.

8

Johan war sich immer sicher gewesen, dass es zwischen ihm und seinem Vater nie die geringsten Probleme geben würde. Als kleiner Junge hatte er darüber nie nachgedacht. Wenn er hörte, dass in anderen Familien Unfrieden zwischen Vätern und Söhnen herrschte, dachte er an ihr gutes Verhältnis und verspürte tiefe Genugtuung. Später wurde Johan bewusst, dass sein Vater tun konnte, was ihm beliebte, ohne sich seinetwegen einschränken zu müssen, und ihm selbst ging es ebenso, denn dank ihrer gegenseitigen Zuneigung fügte sich immer alles ohne Aufregung und wie von selbst.

9

Doch in letzter Zeit geriet Johans Leben vollkommen durcheinander. Denn neuerdings bezog er auch seinen geliebten und verehrten Vater in seine schlüpfrigen Träume ein. Sein Vater beging unzüchtige Handlungen an ihm, und er tat das Gleiche mit seinem Vater. Und beiden gefiel es sehr.

Wenn Johan erwachte, war er entsetzt über seine Fantasien. Dann schaute er seinen Vater an, die strahlend blauen Augen vor Scham, Angst und Verwunderung aufgerissen, und es war ihm unmöglich, ruhig und umgänglich zu bleiben. Dabei hatte er furchtbare Angst, sich seinem Vater gegenüber ungebührlich zu verhalten. Doch der Versuch, sich normal zu geben, kostete ihn so viel Anstrengung, dass er erst recht sonderbar und ängstlich wirkte. Das fiel seinem Vater natürlich auf, der Johan liebevoll fragte, ob ihm etwas auf dem Herzen liege. Dies stürzte den Knaben in tiefste Verzweiflung.

Die Träume wiederholten sich und drehten sich jetzt nur noch um seinen Vater. Jede Nacht suchten sie ihn heim. Er wurde nervenkrank und sah totenbleich aus. Seine Augen verdorrten, das glatte, klare Blau wurde brüchig, und das einst strahlende Weiß wurde stumpf. Johan merkte, dass sein Verfall dem Vater nicht entging, was ihn noch kranker machte. Schließlich sagte Johan mit ruhiger Stimme und wohlüberlegten Worten: »Vater, ich habe großen Kummer, der mich, wie Sie sehen, krank macht. Doch das Schlimmste ist, dass ich Ihnen nicht offenbaren kann, was mich bedrückt. Aber vielleicht wird es jetzt ja besser, da ich Ihnen davon erzählt habe.«

Gerührt sahen sie einander an, und Johan verlor seine ruhige Haltung und Willenskraft. Innerlich gebrochen begann er zu schluchzen. Er umarmte seinen Vater, küsste ihn, wie er es als kleiner Junge getan hatte, auf die Augen und den offenen Mund. Doch dabei verspürte Johan die gleichen üblen und doch angenehmen Gefühle wie in seinen unsittlichen Träumen, und er merkte, wie seine Kleidung feucht wurde und er sich besudelte. Johan fühlte sich schrecklich elend. Seine Arme erschlafften, und er ließ seinen Vater los. Er schleppte sich nach oben ins Badezimmer, wo er seinen bebenden Körper mit einem kalten, harten Wasserstrahl abspritzte. Sein Vater, der das rasende Rauschen des Wassers hörte, war beunruhigt. Er verstand nicht, warum sein geliebter Sohn sich plötzlich so merkwürdig verhielt, so verängstigt und wild. Er dachte an die Geisteskrankheit seiner Frau, die sich eines Nachts, als alle schon glaubten, sie habe ihre Selbstmordpläne aufgegeben, auf so bizarre Weise das Leben genommen hatte. Er bebte vor Angst um seinen Jungen. Johan wählte seine Worte immer mit Bedacht, sprach in klaren Sätzen und neigte nicht zu Übertreibungen. Jetzt hatte er nach einer langen Leidenszeit endlich gesprochen, so durchdacht, als hätte er die Worte aufgeschrieben, und von dem großen Kummer berichtet, der ihn so krank machte, dass er bisher nicht darüber hatte sprechen können.

Später am Mittagstisch fing Johan wieder davon an. Ihre stets reich gedeckte Tafel zierten viele erlesene Gebrauchsgegenstände. In diesem Augenblick erfreute sich der Junge wie selten an dem Besitz so vieler schöner Dinge. In dieser feinsinnigen Stimmung sprach er den Vater an, während seine blauen Augen im schwachen Licht der Lampe, die einer fahlen Sonne glich, erblühten. »Vielleicht verschwindet mein Kummer ja von selbst, und wir können wieder glücklich miteinander leben.« Während er dies sagte, beobachtete er ängstlich seinen Körper. Doch der blieb ganz ruhig und zeigte keinerlei verderbte Regung. Darüber war Johan sehr froh, und er konnte wieder einen Abend mit seinem Vater genießen.

10

Doch der Junge wurde immer schlimmer gepeinigt. Wenn er tagsüber mit seinem Vater zu Hause war, überkam ihn der Drang, ihn zu umarmen und ihn auf die warmen Augen und den roten Mund zu küssen. Johan konnte diese Begierde nur bezwingen, indem er sich vorstellte, dass er völlig entkleidet in den Armen seines Vaters lag, der ebenfalls nackt war. Er fand diese Fantasien abartig, voller abstoßendem Grauen. Bei solchen Gedanken verkrampfte sich sein Körper oft so sehr, dass es aus ihm herausschoss, was ihn völlig entnervte. Manchmal war die Liebe zu seinem Vater einfach zu stark. Dann warf er sich ihm brüsk um den Hals, küsste ihn auf Augen und Mund und nannte ihn tief stöhnend »Liebling«.

Sein Vater verstand nicht, was es mit diesen leidenschaftlichen Überfällen auf sich hatte, auf die stets Müdigkeit und Kraftlosigkeit folgten. Johan kannte die von der Wissenschaft entdeckte Ursache seiner außergewöhnlichen Gefühle nicht, doch er verspürte eine Abscheu dagegen, die ihm körperliche Schmerzen verursachte.

Einmal, nachdem er wieder einen Anfall dieser schrecklichen Liebe für seinen Vater durchlitten hatte, dachte er: Vielleicht wäre es besser, nicht mehr ständig mit ihm zusammenzuleben. Doch unmittelbar darauf sagte er sich verzweifelt: Ich kann Vater nicht verlassen. Sollte ich dazu gezwungen sein, bringe ich mich um. So wie meine Mutter. Ich liebe ihn so sehr. Und genau das macht mich krank. Es ist so fürchterlich, dass ich mir das Leben nehmen will.

Es wurde ihm unmöglich, sich abends ruhig und unbekümmert mit seinem Vater im selben Raum aufzuhalten. Ständig musste er gegen seine Liebesattacken ankämpfen, und obwohl er sich mit allen Kräften wehrte, wurde er oftmals schwach.

Darum sagte Johan seinem Vater, er wolle lieber allein sein. Danach saß er die meiste Zeit in seinem Zimmer, vom geliebten Vater getrennt. Doch das heftige Verlangen nach seiner Nähe, das er nicht befriedigen konnte, raubte ihm die Kraft. Immer wieder brach er vor Kummer in lautes Schluchzen aus, was ihn noch weiter schwächte, und er litt danach oft tagelang an mutloser Melancholie.

Schließlich sah Johan seinen Vater fast nur noch zu den Mahlzeiten. Doch da er sich Tag und Nacht nach ihm verzehrte, war es ihm dann unmöglich, sich zu beherrschen. Fast täglich wurde er von Liebesanfällen und anschließender Verzweiflung gepackt.

Johan vernachlässigte seine Schularbeiten, was ihm große Nachteile brachte. Die Lehrer hatten ihn stets mit einer seltsamen Ehrerbietung behandelt, da er im Vergleich zu seinen Klassenkameraden fast erwachsen wirkte und sein Auftreten immer angenehm und ruhig war. Johan hatte seine Schulaufgaben immer fehlerfrei und in tadelloser Handschrift abgeliefert, doch nun ließ seine Gewissenhaftigkeit nach, und er erntete Vermerke und Tadel, wie sie schludrige, dumme Schuljungen erhielten. Deshalb wurde der Schulbesuch für ihn zu einer unerträglichen Last. Doch wenn er nicht in die Schule ging, müsste er Krankheit vortäuschen. Darauf würde sich sein Vater um ihn kümmern wollen, und das konnte er nicht zulassen.

Irgendwann konnte er einfach nicht mehr zur Schule gehen, aber auch nicht zu Hause bleiben. Während er so tat, als würde er die Schule besuchen, durchstreifte er morgens stundenlang Wiesen und Wälder außerhalb der Stadt und flanierte am Fluss entlang. Johan wusste, dass es nicht lange gutgehen konnte, und hatte quälende Schuldgefühle, wenn er Entschuldigungsbriefe an den Direktor schrieb und erklärte, er sei krank, hoffe jedoch auf baldige Genesung. Bis dahin hatte er noch nie gelogen.

11

Nach einiger Zeit flog der Betrug jedoch auf. Von da an war Johan für den Direktor, die Lehrer und seine jüngeren Mitschüler ein Lügner, der vorgab, zur Schule zu gehen, und dann über die Felder streifte. Der Schulbesuch wurde Johan unerträglich. Doch es gab in der Stadt keine bessere, keine andere Schule, die in Frage kam. Wieder quälte ihn der entsetzliche Gedanke: Muss ich also tatsächlich von meinem Vater fort? Wo ich ihn doch so liebe. Hilflos dachte er: Wenn meine Liebe zu ihm doch nicht mit diesen schrecklichen Gedanken verbunden wäre, könnten wir so glücklich sein. So glücklich wie früher.

Johans Vater glaubte, es störe ihn, mit jüngeren Schülern zusammen unterrichtet zu werden, da er gut zwei Jahre älter war als die anderen. Er schlug Johan vor, ihn von der Schule zu nehmen. Er könne ja zu Hause fleißig lernen, um zu Beginn des neuen Schuljahrs zur Höheren Schule in Utrecht oder Zaltbommel zu wechseln. Falls Johan allein nicht zurechtkäme, würde sein Vater ihn unterrichten und dafür die Arbeit an seiner Studie über Kriminelle, die ihm sehr am Herzen lag, unterbrechen. Da spürte Johan wieder schmerzhaft, wie sehr er seinen Vater liebte. Zitternd vor Angst sagte er, er wolle doch wieder in die Schule gehen, jetzt gleich und jeden Tag. Dabei schämte er sich so sehr vor Lehrern und Mitschülern.

12

Doch Johans Nerven waren so strapaziert, dass er irgendwann einfach zusammenbrach. Deshalb musste er zu Hause bleiben, um sich zu erholen. Aber auch dort litt er schrecklich, denn nun hatte er ständig seinen Vater um sich, der ihn liebevoll pflegte. Durch die Fürsorglichkeit seines Vaters spürte Johan seine Liebe noch intensiver, und seine abscheulichen Anfälle wurden heftiger.

Eines späten Abends lag Johan auf der Couch, und das gedämpfte Licht einer Lampe erfüllte seine blau blühenden Augen mit sanfter Wärme, während er halb wachte und halb träumte. Doch ein unangenehm kaltes Gefühl riss ihn abrupt aus seinem Traum. Darauf dachte er über sich und seinen Vater nach und gewann einen tiefen Einblick in die Misere ihrer Beziehung.

Er formulierte seine Gedanken Satz für Satz und Wort für Wort, als würde er sie aufschreiben: Wenn ich diese abscheulichen Gefühle für ihn nicht hätte, könnten wir vollkommen glücklich miteinander leben, so wie früher. Doch mit diesem Glück ist es vorbei. Denn wenn ich liebevoll zu ihm bin, regt sich sofort etwas in meinem Körper, und das macht mich todunglücklich. Doch wenn ich schroff zu ihm bin, ist Vater unglücklich. Es wird noch so weit kommen, dass wir uns trennen und in verschiedenen Häusern, vielleicht in verschiedenen Städten wohnen müssen. Doch das ist uns beiden unmöglich, denn wir können nicht ohne einander sein.

Als sein Vater kurz darauf das Zimmer betrat, zum letzten Mal, bevor im Haus die Nachtruhe anbrach, sagte Johan in seiner gewohnt ruhigen Art: »Vater, es liegt alles an dem schrecklichen, seltsamen Kummer, der mich plagt und über den ich nicht mit Ihnen reden kann, denn das würde alles nur noch schlimmer machen.« Johan sprach bestimmt und mit Bedacht, als würde er einen Aufsatz schreiben. Als sein Vater nichts erwiderte, fuhr er fort: »Also werde ich nichts sagen, doch ich bin fest entschlossen, über meinen Kummer hinwegzukommen. Dann können wir wieder so glücklich miteinander leben wie früher. Ich möchte Sie um etwas bitten. Ich finde es selbst ganz schrecklich, doch wenn Sie nicht zustimmen, muss ich ausziehen und allein leben. Ich möchte für eine Weile von Ihnen getrennt wohnen. Und zwar hier im Haus, wenn Sie nichts dagegen haben. Oder bei anderen Leuten. Fragen Sie nicht warum. Ich werde es Ihnen doch nicht sagen.«

Johan konnte den Schreck im Gesicht seines Vaters sehen.

Der Ältere war überzeugt, dass der Junge wahnsinnig geworden war. Er dachte: Meine Lebensweise hat ihm geschadet. Er hätte mehr Menschen begegnen und mehr erleben müssen.

Dann sagte Johans Vater: »Wenn du meinst, dass es dir dann besser geht, soll es so sein. Vielleicht sollten wir den Arzt rufen.« Dann stand er auf und fügte hinzu: »Ich hoffe, dass es dir bald besser geht, Hannie. Das hoffe ich wirklich.«

Johan merkte, wie seinem Vater die Stimme versagte. Er wollte sich in seine Arme werfen und ihm sagen, sie könnten unmöglich getrennt leben. Doch genau in diesem Augenblick schoss es wieder aus ihm heraus. Niedergeschlagen blieb er allein im Zimmer zurück und dachte: Noch wohnen wir gemeinsam im selben Haus, doch nicht mehr lange, und ich kann ihm niemals sagen, warum.

13

Ein paar Tage lang konnte Johan es ertragen, mit seinem geliebten Vater im selben Haus zu wohnen, ohne ihn zu sehen oder zu berühren. Doch die fortwährende Anspannung machte ihn überempfindlich und labil. Er konnte nicht lesen, weil sein Kopf schwer und müde war. Deshalb ließ ihn das Verlangen nach seinem Vater nie lange los, und das Einzige, was ihn davon abhalten konnte, hitzig seine Nähe zu suchen, waren Fantasien, die er als ebenso abscheulich empfand wie unsittliche Berührungen.

Wenn Johan seinen Vater durchs Haus gehen hörte, litt er noch mehr, als wenn er ihn gar nicht wahrnahm. Deshalb wollte er ihn bitten, auszuziehen oder Johan selbst zu erlauben auszuziehen, am besten in eine andere Stadt. Doch es war dem kranken Jungen unmöglich, seinen Vater, den er so liebte, jetzt zu verlassen.

Während seine Krankheit anhielt, bekam Johan keinen Besuch außer von der alten Sien, die nach ihm schaute. Sie war dem Vater nicht wohl gesonnen, denn sie war überzeugt, dass sich Johans Mutter wegen ihrer Ehe das Leben genommen hatte. Außerdem war es der frommen alten Jungfer unangenehm, in einem heidnischen Haus zu wohnen, in dem der Hausherr ihren Lieben Gott weder kannte noch verehrte. Doch den Jungen mochte sie. Er lauschte oft geduldig ihren Worten über Gott und Glauben. Sie hoffte innig, dass die Saat, die sie in seinem jungen Herzen säte, nicht auf felsigen Boden fiele, sondern in gute Erde, wo sie reiche Früchte hervorbringen würde.

Aufgrund ihres Wesens nahm Sien das gestörte Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht richtig wahr. Sie vermutete, die beiden seien über eine Angelegenheit, von der sie nichts wusste, in Streit geraten und würden sich bald wieder versöhnen.

Als Johans seltsames Verhalten jedoch anhielt und er weiterhin allein auf seinem Zimmer blieb, begann sie, sich Sorgen zu machen. Sie sah, dass er immer schwächer wurde, und fürchtete, er könnte sterben, bevor sie ihm die spirituellen Reichtümer mitgeben konnte, die mehr wert waren als alles Irdische.

14

Die alte Jungfer fragte Johan also, ob sie mit ihm gelegentlich bedeutende geistliche Themen besprechen und ihm aus der Bibel vorlesen dürfe. Johan antwortete, er habe nichts dagegen.

Nun kam Sien häufig zu ihm und berichtete ihm von der Güte Gottes, der seinen Kindern allerdings schwere Prüfungen auferlege, um ihre Herzen zu ergründen. In der größten Not sei er jedoch stets für sie da. Dann erscheine er Gläubigen und Propheten in Träumen und wundersamen Visionen, um ihnen einen Ausweg aufzuzeigen. In Johans müdem Hirn klangen die Worte der Alten seltsam nach. Sie bediente sich ausgesuchter Worte und Wendungen, welche sie in tiefgründigen Schriften gelesen hatte. Johan kam es vor, als spräche jemand von vornehmerem Stand und höherer Bildung. Während jener Tage und Nächte hatte er göttliche Gesichte und Träume in den prächtigen Farben der italienischen Heiligenbilder, die sein Vater ihm geschenkt hatte und die er sehr liebte.

Eines Nachts stieg ein Engel des Herrn von den Stufen des himmlischen Throns hernieder. Nackt kam er auf leisen Sohlen auf Johan zu, küsste ihn und nannte ihn »Liebling«.

Am nächsten Tag dachte Johan: Wenn alles stimmen würde, was Sien über Gott, den Vater im hohen, farbenprächtigen Himmel erzählt, und er mich von diesem Leid erlösen könnte, wäre ich unendlich dankbar.

Deshalb verlangte es ihn nun nach Siens Geschichten, und er bat sie öfter zu sich, um ihm vorzulesen und von Gott zu erzählen. Sien glaubte, ihre Saat sei auf fruchtbaren Boden gefallen. Als Johan merkte, wie sehr sie sich freute, freute auch er sich, weil er einen Menschen glücklich gemacht hatte. Er sehnte sich nun stärker nach Gott als nach seinem Vater.

15

Plötzlich wurde Johan der Widerspruch schmerzlich bewusst: Es muss doch schrecklich für Vater sein, dass ich ihn, obwohl wir unter einem Dach wohnen, nicht sehen will, unsere Hausangestellte jedoch wohl. Was mag er denken?

Also sagte er zu Sien, sie solle mit ihren Lesungen und Vorträgen aufhören, denn er finde das alles doch nicht so lehrreich und außerdem sehr ermüdend. Als er ihren erschrockenen und traurigen Gesichtsausdruck sah, tat sie ihm furchtbar leid. Danach vermisste er ihre Geschichten und Lesungen und hatte auch keine prächtigen Visionen mehr. Doch er dachte bei sich: Ich tu es für Vater.

Johan war durch seine Lebensweise und sein Leiden so sehr geschwächt, dass die verstörenden Träume ausblieben. Er sehnte sich zwar nach seinem Vater, jedoch ohne körperliche Regungen, wie früher als Kind. Als er seine Besserung bemerkte, freute er sich über alle Maßen. Er glaubte, diese schrecklichen Gefühle und den Kummer, den sie verursachten, überwunden zu haben, und fragte Sien öfter nach seinem Vater. Schließlich kamen sie einander wieder näher und berührten sich sogar, ohne dass Johan die befürchteten Regungen verspürte.

Nach einiger Zeit lebten sie wieder ständig zusammen. Doch Johans Geheimnis beeinträchtigte dieses Zusammenleben. So sehr er darunter litt, er konnte nichts sagen.

Als er seelisch und körperlich wieder halbwegs hergestellt war, begannen auch die Liebesanwandlungen für seinen Vater aufs Neue. Aber er war noch immer ein wenig geschwächt, und seine Abscheu vor diesen Gefühlen war so groß, dass es ihm gelang, sich zu beherrschen. Doch auch darunter litt er, und er wünschte sich eine vollkommene Trennung von seinem Vater. Wünschte sich, sie würden in verschiedenen Städten, in verschiedenen Ländern wohnen.

16

Zu jener Zeit fielen Johan Schriften in die Hände, in denen ausführlich das Gefühlsleben von Menschen beschrieben wurde, die ebenso von der Norm abwichen wie er selbst. Über den ersten Artikel war er zufällig gestolpert, doch dann suchte er in der umfangreichen Bibliothek seines Vaters und fand etliche dicke Bücher über den abweichenden seelischen und körperlichen Zustand, den er deutlich als den seinen erkannte. Er hatte immer freien Zugang zu der mehrere Zimmer umfassenden Bibliothek. Sein Vater fragte ihn nie nach den Büchern, die er las, außer wenn er eines liegen ließ. Einige seiner Gefühle aus früheren Jahren, wie etwa seine eigenartige, bald vergangene Vorliebe für kleine Jungen in Matrosenanzügen, konnte er durch das, was er las, besser begreifen. Jedoch verstand er viele der medizinischen und juristischen Fachausdrücke nicht. Seinen Vater fragte er nie danach, obwohl er ihn früher immer gefragt hatte, wenn er etwas nicht wusste und nicht selbst herausfinden konnte. Es tat ihm oft sehr weh, seinem Vater so viel zu verheimlichen. Aber er dachte mutlos: Unser Leben ist so durcheinander, weil ich ausgerechnet für meinen Vater so empfinde. Mit jemand anderem könnte ich meine Gefühle ausleben, doch nicht mit ihm. Und da ich ihn so liebe, kann ich ihn nicht verlassen.

Kapitel 2

1

Im Herbst hatten Johan und sein Vater ein paar angenehme Tage miteinander verbracht. Unser gemeinsames Leben ist fast wieder so schön wie früher, dachte Johan, als er morgens nach einem herrlichen Sonntag aufwachte.

Wie so oft beobachtete Johan, wie die schwarze Nacht langsam dem sanften Licht des jungen Tags wich. Im Haus war es ruhig. Er stand noch nicht auf, denn er wollte in Gedanken noch bei seinem Vater weilen. Im Grunde war ihr Verhältnis recht gut. Wahrscheinlich war es völlig normal, dass ein Heranwachsender seinem Vater nicht alles erzählen konnte, was in ihm vorging.

Draußen regnete es leise, sodass zwischen dem tiefhängenden, fahlen Himmel und der dunklen Erde ein feiner grauer Dunstschleier waberte. Die Wiese, der Garten und der Weg davor sahen aus, als hätte es in der Nacht heftig geregnet und gestürmt. Schon gestern hatten Böen die Bäume geschüttelt, und jetzt waren beinah alle Blätter abgefallen. Einen kleinen Birnbaum unter Johans Fenster hatten Wind und Regen in der Nacht völlig kahlgefegt. Nicht ein einziges Blatt war ihm geblieben, und er stand nun mit seinen nassen Zweigen armselig im matten Morgenlicht.

2

Johan ging hinaus auf den Flur des Obergeschosses, wo es dunkler war als in seinem Schlafzimmer. Die Wände dort waren halbhoch mit Eichenholz verkleidet. Johan erfreute sich wieder an der erhabenen Schönheit ihres Hauses in all seinen Details.

Als er hinunterging, wurde es zum weiß gekalkten Erdgeschoss hin immer heller. Das grelle Licht weckte Johan endgültig auf, und obwohl es regnete, hätte er am liebsten gelacht.

Im Frühstückszimmer war angerichtet. Er trank aus einer alten französischen Teetasse aus grauweißem Porzellan mit mattgoldenen Verzierungen und aß von einem Teller aus erlesenem italienischem Steingut, einer Antiquität aus Faenza. Besitz und Gebrauch dieser kostbaren Gegenstände machten ihn so glücklich, dass er erschauerte. Johan hatte seinen Vater einmal gefragt, wie es kam, dass er so starke Gefühle für gewisse Gegenstände verspürte. Sein Vater hatte geantwortet, eine große Liebe für bestimmte Menschen und Dinge könne etwas sehr Schönes sein.

Nach dem Frühstück in dem schön eingerichteten Zimmer ging er durchs weiße Vestibül, vorbei an seiner schmucken Standuhr, die ernst und ehrwürdig tickte. Er trat hinaus auf den Marktplatz, der an allen vier Seiten bebaut war und wie ein großes Zimmer wirkte. Die Sonne stand an diesem Morgen sehr niedrig. Johan fand den Marktplatz einfach prachtvoll und bewunderte ihn ebenso wie sein edles Porzellan. An einer der Breitseiten befand sich das kunstvolle Stadttor. Ihm gegenüber stand das Rathaus mit seinen stattlichen Außentreppen und dem Stufengiebel. Johan fand das Rathaus an diesem Morgen schöner als das Stadttor, deshalb ging er auf dem Schulweg daran vorbei.

3

Johan grüßte die anderen Jungen im Vorübergehen. Er blieb nicht draußen bei ihnen stehen, da er auch sonst nicht viel Umgang mit ihnen pflegte. Stattdessen ging er direkt hinein in die öde Farblosigkeit des Klassenzimmers, um auf die erste Stunde zu warten. Um neun Uhr zerrte ein Schüler wild an der Glocke, die im Vergleich zu der bei Johan zu Hause geradezu schäbig wirkte. Zu Hause war einfach alles viel besser als in der Schule. Doch er hatte Angst davor, sich den ganzen Tag in der Nähe seines Vaters aufzuhalten.

Johans Klasse war verrufen, denn bei Lehrern, die den Schülern nicht unmissverständlich zeigten, wer das Sagen hatte, neigten sie zu ermüdenden Ausbrüchen von Ungehorsam. Die Lehrer, die dies wussten, ließen in der Klasse nie etwas ungestraft durchgehen. Johan beteiligte sich nie an dem ungestümen Aufruhr, weil er sich nicht wirklich dazugehörig fühlte. Außerdem bemühte er sich, seinen guten Ruf bei den Lehrern wiederherzustellen, der unter dem Schulschwänzen gelitten hatte. Er lieferte fehlerfreie Arbeiten ab, woraufhin er keine Tadel mehr bekam und Vermerke seltener wurden.

An diesem Morgen dachte er immer wieder über sich selbst nach: Warum er so abscheuliche Gefühle für seinen Vater hegte, warum er so übertrieben für bestimmte Jungen schwärmte, solange sie nur jünger waren, und auch für bestimme Gebäude – ihr Haus, das Rathaus, das Stadttor – und er empfand sogar so etwas wie Liebe für bestimmte Dinge in ihrem Haus wie die dunkle Vertäfelung im Flur, die Türglocke und viele seiner erlesenen Porzellanwaren.

Der Morgen in dem öden, farblosen Klassenzimmer, in das kaum Sonnenlicht eindrang, war für Johan verdrießlich lang.

4

Aber dann, oh dann, als er mittags der Dumpfheit der Schule entfloh, da hatte der Himmel über Stadt und Land sich ausgeregnet und der Wind ihn freigeweht. Zum ersten Mal nach einer Reihe von Regentagen glänzten Häuser und Türme, Bäume und vieles mehr im dünnen, dampfenden Sonnenlicht. Als Johan das sah, konnte er nicht sofort nach Hause gehen. Er wollte sehen, wie der Wind das Wasser im Fluss gegen die Strömung peitschte, wollte durch das Städtchen mit seinen vielen kleinen Häusern und wenigen großen Bauten spazieren. Die Flusslandschaft draußen vor der Stadt war dann auch wunderschön. Es war windig, doch es regnete nicht. Der sonnige Himmel wölbte sich hoch und blau über der Stadt. Die Luft duftete und war von lichtem Gold. Der Marktplatz lag in einem Sonnenfleck, der die Schieferdächer glitzern ließ.

Johan stand still und schaute. Vor ihm war es sonnig, doch hinter ihm hingen Regenwolken. Der Regen gewann die Oberhand über die Sonne, die im leuchtend satten Blau hoch oben über der Stadt noch kämpfte. Das Licht über dem Markt war schon erloschen. Johan fröstelte plötzlich. Er fühlte sich müde und elend, weil er einen so langen Heimweg vor sich hatte. Und er war bekümmert, weil er seinen Vater so lange mit dem Essen hatte warten lassen.

Deshalb ging er niedergeschlagen nach Hause und betrat schweigend das Esszimmer, wo sein Vater bereits wartete.

5

Der Vater fragte nicht, warum er so spät kam. Das war Johan unangenehm, und er dachte: Das Schöne an unserer Beziehung, das war einmal, und erst jetzt, wo es verloren ist, wird mir klar, wie schön es war.

An diesem Mittag trank Johan seinen Kaffee aus einer Tasse, die aus dem gleichen hellgrauen Porzellan war wie seine Teetasse. Sie war auch auf gleiche Weise mit Mattgold verziert, jedoch viel schöner geformt. Johan dachte daran, wie sonderbar es war, dass er diese nur schwer ersetzbare Tasse einst einem gewöhnlichen Jungen hatte überlassen wollen, so wie er schon einmal etliche Dinge, die ihm teuer waren, in einem Anfall unbändiger Zuneigung weggegeben hatte. Als sein Vater davon erfahren hatte, hatte er gesagt, dass Johan selbstverständlich über seine eigene Habe verfügen könne, wie er wolle, doch dass das unbedachte Verschenken kostbarer Gegenstände keine ehrwürdige oder edelmütige Tat sei. So etwas täten gewöhnlich nur Menschen von unzulänglicher Moral und schwachem, wankelmütigem Charakter.

Als Johan an diesem Montagmittag daran zurückdachte, verfiel er in tiefe Trauer über sein Leben. Er schaute seinen Vater an, der schwieg, und dann sagte Johan ruhig und unschuldig liebevoll: »Wissen Sie, warum ich heute so spät nach Hause gekommen bin? Ich bin in der Gegend um den Hafen herumspaziert. Ich würde am liebsten den ganzen Nachmittag mit Ihnen draußen verbringen, aber ich möchte den Unterricht nicht verpassen. Sollen wir nach vier zusammen im Grünen spazieren gehen? Holen Sie mich von der Schule ab?«

Johan sah, dass sein Vater sich von Herzen über diesen Vorschlag freute, woraufhin der Junge vor Glück bebte. Johans Freude hielt noch an, als er nachmittags die Schule betrat.

6

Es fiel ihm schwer, während der drei Unterrichtsstunden an diesem Nachmittag aufmerksam zu bleiben. Denn er sehnte sich nach seinem Vater, aber auf eine ruhige Art, ohne Kummer.

Um vier Uhr gingen sie dann auch sofort zusammen los. Sie überquerten den Marktplatz, dessen Licht und Architektur Johan an diesem Tag und zu dieser Stunde ganz besonders prächtig fand. Dann durchschritten sie das imposante Stadttor und wanderten über die Felder. Johan freute sich aus tiefster Seele, dass er wieder so nah bei seinem Vater leben konnte, ganz ohne schandhafte Gefühle. Johan und sein Vater gingen Hand in Hand wie ein Junge und ein Mädchen. Johan merkte, wie sanft sich die linke Hand seines Vaters anfühlte. Unter dem niedrig hängenden Herbsthimmel, der zusehends düsterer wurde, schlenderten sie zum Fluss. Am Rauschen der Bäume unten am Deich war zu hören, dass der Wind stärker geworden war. Johan wollte unbedingt den majestätischen Fluss bei Wind im Abendlicht sehen.

»Vater«, sagte er, als sie am Ufer standen, »ich habe Sie schrecklich gern. Ich bin so glücklich wie zu unseren besten Zeiten.«

Als sie zurück in die Stadt kamen, war es fast dunkel. In den Geschäften brannte Licht, doch in andere Häuser war bereits die Nacht eingekehrt.

Zu Hause angekommen sagte Johan: »Gehen wir diesmal nicht durch den Garten. Ich möchte gern an der Vordertür klingeln, weil ich den Glockenklang so schön finde.«

Sein Vater lachte, da er das zum ersten Mal hörte.

Darauf begann auch der Junge zu lachen, doch ernst sagte er: »Es mag seltsam anmuten, doch es ist so. Ich bin ganz verrückt nach dieser Türglocke. Abends wünsche ich mir oft, dass jemand vorbeikäme, um zu läuten.«

Darauf klingelte Johan und lauschte aufmerksam dem klaren Klang der Glocke.

7

Er brühte selbst für seinen Vater und sich noch Tee auf.

Das tat er öfter, weil es ihm gefiel, bei der Teezubereitung Gegenstände in die Hand zu nehmen, die er auf seine ganz spezielle Weise schätzte. Die schönsten Dinge, derer er sich bediente, waren ein altholländisches Rechaud aus kunstvoll gehämmertem Kupfer, eine französische Keramiktasse für seinen Vater und für sich eine Tasse aus kaffeebraunem Porzellan, die innen blau war.

Er zündete kein Licht im Zimmer an. Doch das Kupferrechaud, das in seinem eigenen Schein wie Gold schimmerte, warf Lichtstreifen in den Raum. Einige berührten das Gesicht seines geliebten Vaters. Johan betrachtete ihn, still und friedvoll in goldenem Schein. Das Zusammenleben mit seinem Vater war seit Jahren nicht mehr so ruhig und unbeschwert gewesen. Und er dachte: Jetzt ist der Zeitpunkt, um ihm meinen großen, heimlichen Kummer zu beichten. Doch sofort darauf dachte er: Tu’s nicht. Tu’s nicht. Wenn es erst einmal raus ist, kannst du es nicht mehr zurücknehmen. Kein einziges Wort. Und vielleicht würde Vater dich dann verabscheuen.

Johans innere Ruhe war dahin, der Furcht gewichen, er könnte seinem Vater in der friedlichen Stimmung dieses Tages sein abscheuliches Geheimnis offenbaren.

Die Angst ließ ihn nicht mehr los. Es wurde gefährlich für ihn, sich ständig in der Nähe seines Vaters aufzuhalten. Beunruhigt dachte er: Das sind nun wieder die Folgen meines abweichenden Gefühlslebens. Er stand ruhig auf und wägte jedes seiner Worte ab, als würde er sie niederschreiben: »Vater, ich fühle mich so glücklich und zufrieden in Ihrer Gegenwart, dass ich Ihnen am liebsten das Geheimnis anvertrauen würde, das mich früher so krank gemacht hat. Doch ich bin sicher, dass uns das beide schrecklich unglücklich machen würde. Deshalb möchte ich mich für den Rest des Tages in meine Räume zurückziehen. Dort fühle ich mich sicherer.«

8

Am späten Abend verflog Johans Bedürfnis, dem Vater von seinem Kummer zu erzählen. Er war um ihrer beider willen froh, dass er sich nicht unüberlegt zu einem so gefährlichen Geständnis hatte hinreißen lassen. Wenn sein Vater von seinen Gefühlen erfuhr, würde er ihn auf ewig hassen.