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Irgendwann in den Neunziger Jahren gehen zwei normale Jungs auf eine normale Gesamtschule. Doch einer fängt plötzlich an, rechtsextreme Musik zu hören und Konzerte zu besuchen, auf denen er neue Kameraden findet. Schließlich tritt er in eine Neonazi-Partei ein. Jahre später sieht sein bester Freund ihn an einem Wahlkampfstand wieder. Er begibt sich auf eine undogmatische Spurensuche und stellt sich die Aufgabe, ein Leben zu rekonstruieren, das schnurstracks in die falsche Richtung verlief. Hätte man diese Radikalisierung verhindern können? Ab wann war es zu spät, Patricks Weltbild zu hinterfragen? Oder waren alle einfach zu bequem, um es zu wagen?
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2020
www.edition.subkultur.de
“ ...aber in mir war ein zweites, das dies alles nicht mit den Augen des Verstandes ansah. So wie ich fühle, daß ein Gedanke in mir Leben bekommt, so fühle ich auch, daß etwas in mir beim Anblicke der Dinge lebt, wenn die Gedanken schweigen. Es ist etwas Dunkles in mir, unter allen Gedanken, das ich mit den Gedanken nicht ausmessen kann, ein Leben, das sich nicht in Worten ausdrückt und das doch mein Leben ist ... “
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906
Henry Thomas Moll
Patrick griff zur Fahne
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HENRY THOMAS MOLL: „Patrick griff zur Fahne“ 1. Auflage, Juni 2020, Edition Subkultur Berlin
© 2020 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Korrektorat und Projektleitung: Laura Alt
Cover: AKU! (www.akupower.com)
Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-943412-93-2
epub ISBN: 978-3-943412-94-9
Kein Anblick ist denkbar, der einen größeren Strom von Erinnerungen in mir hätte auslösen können. Nur sein überraschendes Auftauchen konnte jene Kräfte freisetzen, die mich später zum aufarbeitenden Schreiben zwangen. All die Jahre hatte ich keinen Gedanken an ihn verschwendet, da entdeckte ich ihn plötzlich in der Menge. Die Vertrautheit seines Gesichts steckte in jedem Detail: den Augen, der Stirn, der Nase, dem Kinn. Alles schien den mir früher so alltäglichen Glanz des Bekannten nicht verloren zu haben. Und doch schrie sein Gesicht nach etwas anderem, hatte sich mit den Jahren ein gewisser Schliff in sein Profil geschlichen, den ich nicht einzuordnen vermochte. So stritten sich anlockende Vertrautheit und abschreckendes Fremdsein um meine Aufmerksamkeit. Zögernd verharrte ich.
Noch stand die Entscheidung aus, ob ich aus diesem zufälligen und einseitigen Wiedersehen ein Treffen machen sollte. Der Schock hinderte mich daran, eine Wahl zu treffen. Wie erstarrt verfolgte ich mit fest auf ihn gehefteten Augen jede seiner Gesten eindringlich mit meinen Deutungsversuchen. Was war aus ihm geworden in den knapp fünf Jahren, die diesen Moment von unserem letzten gemeinsamen trennten? Wie hatte er sich verändert? Und in welche Richtung? Zugegeben: Ein gewisses spontanes Konkurrenzdenken konnte ich nicht unterdrücken. War doch gerade die Zeit nach der Schule von den einflussreichsten Entscheidungen geprägt. Eine Phase, die er und ich uns trotz früherer Verbundenheit schuldig geblieben waren.
Erst als die lähmende Überraschung mir aus den Gliedern fuhr, fiel mir der fragliche Kontext ins Auge, in dem er sich unverhohlen präsentierte. Bemühte ich auch jede ihm noch anhaftende Vertrautheit, musste sich diese gegen den Kontrast seiner Umgebung behaupten. Diese verriet mehr über sein aktuelles Leben als jeder verzweifelte Interpretationsversuch.
Er stand in einem kleinen Zelt hinter einem Tischchen. Darauf lagen informative Hefte, Fähnchen und anderes Begleitmaterial voller Ideen, Visionen und Richtigstellungen besonderer Art. Er teilte diese munter aus – oder vielmehr versuchte er es. Die Passanten ignorierten ihn größtenteils, gingen gleichgültig vorüber. Im Gegensatz zu mir maßen sie ihm nicht mehr als einen flüchtigen Blick zu. Nur wenige blieben stehen und reagierten auf seine Provokation: Sie beleidigten ihn oder musterten ihn voller Verachtung. Ich tat nichts dergleichen, reduzierte ich ihn doch nicht auf seine Funktion. So viel Abneigung oder Desinteresse ihm auch entgegenschlug, er zeigte sich unbeeindruckt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, welches mir in Erinnerung geblieben war, jetzt aber einen irritierenden Beigeschmack bekam. Direkt neben ihm scharten sich zwei seiner Verbündeten, die er nach jeder respektlosen Reaktion der Passanten mit einem lockeren Spruch an die Richtigkeit ihres Handelns erinnerte. Meine Faszination brach nicht ab. Sie hatte die rationale Wahrnehmung seines Erscheinungsbildes und seiner Tätigkeit blockiert. Nun verschwand sie und ich begriff diesen gegenwärtigen Ausschnitt seines Lebens, der in vielen Menschen so mühelos Hass, Abneigung und Wut erzeugte. Bei mir setzten diese scheinbar selbstverständlichen Gefühle nicht ein – dafür war sein Auftauchen aus der Vergangenheit zu unverhofft, seine vor mir liegende Gegenwart zu schockierend. Zu mehr als einem Staunen brachte ich es nicht.
Ich blieb ihm in der Menge verborgen, sodass ich mich in ausgiebiger Betrachtung verlieren konnte, bevor das Fremde an ihm und die Abneigung in mir die Überhand gewannen. Meine Schritte ließen ihn zurück, meine Gedanken hatte er längst an sich gerissen. Zu viele Erinnerungen und Fragen hatten sich aus den Tiefen meines Verstandes an die Oberfläche gedrückt und kreisten dort unaufhörlich.
Ich konnte mich nicht mehr von ihm befreien. Von ihm, der dort politisches Material einer rechtsextremen Partei verteilte und geradezu in dem badete, was alle anderen schockierte: in den nationalistischen Farben Schwarz, Weiß und Rot, in der Vergangenheit, für die sie stehen, und der radikalen Gesinnung.
Patrick Fiedler. Seines Namens war ich mir sicher, doch welche Entwicklung ihn in die Arme dieser fraglichen politischen Partei getrieben hatte, konnte ich in den folgenden Tagen nur mühsam rekonstruieren. Zu lange schien all das her zu sein.
Und doch stiegen mit jeder Stunde, in der er mich in meinen Gedanken begleitete, Erinnerungen herauf. Mal langsam und schrittweise, mal plötzlich und klar überraschten mich Bilder aus Patricks und meiner Vergangenheit, die ich vorübergehend vergessen hatte, nun aber mit Neugier wiederbelebte.
Wir begegneten uns in der siebten Klasse. Nachdem ich die Grundschule trotz meiner verfrühten Einschulung mit guten Noten und einer Empfehlung für den Weg zum Abitur abschloss, besuchte ich eine Gesamtschule im Berliner Bezirk Friedrichshain. Voller Aufregung und Angst brachte ich die ersten Wochen in der neuen Umgebung hinter mich. So wenig mich der Unterricht mit seinen Anforderungen schreckte, so sehr verunsicherten mich die vielen neuen Mitschüler. Hilflos klammerte ich mich an die wenigen Freunde, die ich bereits aus der Grundschule kannte und die gemeinsam mit mir den Sprung auf die Gesamtschule gewagt hatten. Ohnehin hatte ich mich ihretwegen für genau diese Schule entschieden. Zu schwer war mir ein Abschied von diesen vertrauten Elementen meines Alltages erschienen. Zu groß war meine Furcht vor Einsamkeit und quälender Ausgrenzung in einer anderen Schule, in der ich mir neue Freunde hätte suchen müssen. Demnach hatte ich mit den neuen Schülern um mich herum zunächst wenig Kontakt und hielt mich an meinen kleinen angestammten Freundeskreis.
Im Unterricht saßen wir nebeneinander, auf dem Schulhof schlugen wir die Zeit tot, bis uns das Klingelzeichen zurück in den Klassenraum trieb.
An dieser Stelle betrügt mich meine Erinnerung ein erstes Mal und liefert nicht alle erforderlichen Details. Ich kann mir das genaue Kennenlernen von Patrick nicht zurückrufen, so sehr ich es auch versuche. Wie ich hatte er sich zunächst ausschließlich an die ihm bekannten Gesichter aus der Grundschulzeit gehalten und vermutlich nicht sonderlich aus der Masse an Kindern herausgestochen. Einen zündenden Moment ohne quälende Eigeninitiative muss es allerdings gegeben haben. Denkbar ist ein Projekt mit durch den Lehrer eingeteilten Gruppen, sodass Patrick und ich zwangsweise zusammenarbeiten mussten. Hier müsste sich dann die Gelegenheit ergeben haben, den ähnlichen Humor zu entdecken. Allerdings handelt es sich bei dieser Darstellung um eine Vermutung. Verführerische Wahrscheinlichkeit tarnt sie heute für mich und lässt sie als Wahrheit erscheinen.
Vollkommen sicher hingegen bin ich mir bei seinem Äußeren. Ein für seine 13 Jahre großes Kind, welches hin und wieder bereits als junger Mann bezeichnet wurde. Klare blaue Augen und hohle Wangen zeichneten ihn schon jetzt aus und sollten später umso markantere Merkmale seiner Erscheinung werden. Patrick war kein überdurchschnittlich kluges oder sportliches Kind. Umso ausgeprägter gestaltete sich sein Selbstbewusstsein. Deutlich überkommen mich Szenen aus der Schulzeit, in denen Patrick mutig seine Unwissenheit durch offenen Fragen im Unterricht entblößte. Beim Völkerball sprang er trotz mangelnden Talents beim Fangen in der ersten Reihe nach den Bällen, während ich ihnen verängstigt auswich. Keine Scheu hinderte ihn daran, im Mittelpunkt zu stehen, wodurch die sonstige Abwesenheit herausragender Stärken nicht auffiel. Auch wenn er wie alle zunächst zurückhaltend mit neuen Kontakten blieb, zeichneten ihn im Gegensatz zu mir keine Berührungsängste mit anderen Schülern aus. Seine bald zunehmenden Gespräche kontrastierten mein anfängliches Ausweichen gegenüber jeder fremden Person.
Leicht überzeugte Patrick andere durch furchtlose Offenheit und baute sich langsam größere Beliebtheit auf.
Unsere Freundschaft fand in ähnlichem Humor und gemeinsamen Interessen ihre Basis. Neben der Begeisterung für deine vielen und meine wenigen Modellflugzeuge mochten wir beide Science-Fiction und Fantasy, ob als Buch oder Film, und ich kann mich an manches Gespräch über jene Themen erinnern. Natürlich bildeten auch Lehrer, Hausaufgaben und der Unterricht Grundlagen für den Austausch. Unsere Dialoge verdichteten sich, bis wir nicht nur sporadisch, sondern auch gezielt Zeit miteinander verbrachten.
Dazu zählte zunächst mein Besuch bei Patrick. Dass ich zu ihm kam, stand dabei fest, da meine Mutter mir Gäste untersagte. Ich begrüßte ihr Verbot bald als Vorwand. Zu wenig jugendlich und deshalb beschämend empfand ich mein Kinderzimmer – spätestens nach dem ersten Besuch bei Patrick. Neben Büchern benannter Genres standen einige Computerspiele in seinen Regalen. Auf dem Schreibtisch thronte ein eigener PC, ein für mich unvorstellbarer Luxus. Bald verbrachten wir regelmäßig Zeit bei ihm und spielten vor allem Computer. Jedes neue Spiel von Patrick wurde ausgiebig besprochen und erprobt. Lange drängelte ich meine Mutter, mir einen eigenen Computer zu kaufen, blieb jedoch aus finanziellen Gründen erfolglos. Bereits hier begann ein Prozess der Anpassung. Befand ich mich in Patricks Zimmer, konnte ich nicht anders, als den uns trennenden Altersunterschied von einem Jahr zu bemerken, der sein Leben viel erwachsener erscheinen ließ als meines. Alte Spielzeuge in meinen kindlichen vier Wänden rührte ich bald nicht mehr an und ersetzte sie zu Geburtstagen und an Weihnachten durch meines Erachtens passenderen Zeitvertreib. Allmählich konnte ich mit Patrick gleichziehen – zumindest mit Büchern und einigen Filmen, die wir dann gemeinsam bei ihm schauten oder einander ausliehen.
Unsere Treffen wurden durch den Schulweg ergänzt. Diesen teilten wir uns, nachdem ich täglich einen kleinen Umweg in Kauf nahm. Nach der letzten Unterrichtsstunde blieben wir oft auf dem Schulhof oder vor einem nahen Café. Aus Langeweile kaufte Patrick sich hier häufig Süßigkeiten oder Getränke. Ein Hobby, das er sich aufgrund seines reichlichen Taschengelds mühelos leisten konnte und zu dessen Nachahmung ich unfähig war. Angesprochen hat er es nie, gewusst musste er es haben. Er teilte seinen Einkauf stets mit mir. Dies galt ebenso für die großen Pausen, in denen er mich hin und wieder zum verbotenen Verlassen des Schulgeländes verführte und mich mit Dingen aus besagtem Café köderte. Das war nicht der Grund für mich, den Regelbruch mit ihm zu begehen. Mir lag daran, seinen Respekt zu verdienen, so sehr ich mich auch vor den strengen Blicken der Lehrer und dem Risiko, erwischt zu werden, fürchtete. Passiert ist allerdings nichts.
Bald sammelten sich nicht mehr nur Patrick und ich, sondern eine größere Gruppe von Schülern nach dem Unterricht auf dem Schulhof, um Zeit miteinander zu verbringen. Dies bot vorwiegend die Gelegenheit zum Austauschen der Hausaufgaben. Bald spielten wir auch auf den alten Tischtennisplatten oder lästerten lebhaft über die Lehrer und den Unterricht. Aufgrund seiner Beliebtheit stand Patrick regelmäßig im Zentrum. Besonders dann, wenn er sich als strenger Wortführer hervortat. Selbstbewusst sprach er von den Ungerechtigkeiten oder Schikanen der Lehrer, egal welchen Fachs. Vor allem die Respektlosigkeit, auf das höfliche Herr oder Frau zu verzichten und die Lehrer beim bloßen Nachnamen zu nennen, erschien mir dabei gewagt. Patricks Tonfall empfand ich in diesen Momenten als unangenehm, hatten doch Höflichkeit und Zuvorkommenheit gegenüber Respektspersonen wichtige Bestandteile meiner Erziehung ausgemacht. Dementsprechend häufig blickte ich mich während Patricks Reden verstohlen in der Sorge um, dass ein Lehrer zu später Stunde über den Schulhof kommen und uns ertappen könnte.
Noch mehr blühte Patrick auf, wenn er seine Ansprachen gegen Mitschüler hielt. Was bei den Lehrern nur hinter deren Rücken geschehen konnte, veranstaltete Patrick hier offen. Direkt ins Gesicht, ohne den Augenkontakt zu scheuen, beleidigte er seine Opfer. Mehr noch: Ein selbstsicheres, siegesgewisses Grinsen zierte sein Gesicht und erklärte ihn vorab zum Gewinner der Auseinandersetzung. Woher der Streit kam, wusste ich selten, aber immer bildete sich hinter Patrick eine Gruppe, welche die Demütigung für den oftmals alleinig Beschuldigten maximierte. Beschämt muss ich an dieser Stelle zugeben, ein Mitläufer gewesen zu sein. Schuldig fühlte ich mich damals nicht. Vielmehr schienen wir durch die Gruppe anonym zu sein. Nur Patrick stach hervor und wurde gelegentlich als Agitator identifiziert und bestraft. Ich bekam nichts dergleichen ab und ergab mich so immer wieder dem Gruppenzwang unter Patricks Führung. Dabei war ich froh, nicht das Opfer, sondern einer der Täter zu sein. Die Rückendeckung erschien mir als ein notwendiger Freundschaftsdienst. Diesen Status hatte Patrick sich erworben, indem er statt der Anklage die Verteidigung führte, falls einer seiner Freunde – meistens ich – Ziel der Angriffe anderer wurde. Auch dann zögerte er nicht und unternahm einen Gegenschlag, der mir Sicherheit gab.
Obwohl wir Kinder waren, sind diese Erinnerungen mir heute unangenehm. Zwar ist niemand wirklich zu Schaden gekommen, aber wenn ich darüber nachdenke, schien Patrick die physische Auseinandersetzung nicht zu scheuen. Ich bin sicher, dass er sie eingegangen wäre. Vielleicht erhoffte er sie sich sogar.
Mit so viel Selbstbewusstsein ausgestattet war die Kommunikation mit der Frauenwelt für Patrick natürlich ein Leichtes. Bereits mit 14 Jahren hatte er seine erste Freundin. Sie war im gleichen Alter und von der Nachbarschule. Nach dem Unterricht tauchte sie fortan bei unseren Schulhoftreffen auf und klammerte an ihm. Offen küssten sie einander, wobei die bloße Berührung des anderen Geschlechts für uns Jüngere einen Skandal darstellte. Patrick genoss die Aufmerksamkeit. Für mich verhinderte schon der Altersunterschied ein mit Patrick zeitgleiches Einsetzen des Interesses an Liebe und Sexualität. Doch auch als es mich schließlich traf, war an eine Beziehung und gar den Körperkontakt mit einer Frau für mich vorerst nicht zu denken. Bei ihm hingegen ergab sich nach der ersten Freundin eine Konstante: Stets gab es eine Frau an seiner Seite – ob von einer anderen Schule, aus einer Parallel- oder unserer Klasse. Wie und wann er sie kennenlernte, blieb für mich ein Rätsel. Zwar hielten diese Beziehungen nie lange, dennoch wurde ich eifersüchtig auf ihn und seinen selbstverständlichen Umgang mit Mädchen. Ich erschien mir noch kleiner und unerfahrener, als ich ohnehin war, während Patrick mit Dates und weiblichen Vornamen jonglierte.
Mit dem Resultat vor Augen ist es leicht und verführerisch, die Kontinuität im Leben eines Menschen zu erkennen. Trotz aller Variablen scheint sich eine Kette von Ereignissen und Handlungen bis zu einem bestimmten Punkt logisch zu verdichten, bis ein eindeutiges Endergebnis vorliegt. Jedes Detail gewinnt im Kontext seine spezifische Position. Geht man weit genug zurück, ergibt sich oft ein klarer Startpunkt. Ein Ereignis, welches aus dem bisherigen Vakuum plötzlich eine Richtung geschaffen und die Entwicklung losgetreten hat. Je mehr ich nach diesem markanten Vorkommnis in Patricks Leben suchte, desto häufiger ertappte ich mich, davon verführt zu werden und immer früher auffällige Neigungen zu erkennen.
