Paul der Dompteur - Eckbert Schulze - E-Book

Paul der Dompteur E-Book

Eckbert Schulze

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Beschreibung

Der elternlose Flüchtlingsjunge wächst bei seiner Großmutter auf, ist integriert ins dörfliche Leben, kann seine handwerkliche Geschicklichkeit bei der Feuerwehr und bei der Hilfe der bäuerlichen Nachbarn gut einsetzen. Sein im Hintergrund schlummerndes Fernweh, beruhigt er mit dem Lesen von Abenteuerromanen und Reisegeschichten. Die Lehre als Schmied und gleichzeitig als Hufschmied schließt er mit Sehr gut ab. Krankheitsbedingt muss jedoch sein Schmiedemeister seine Tätigkeit aufgeben und seine Großmutter stirbt unerwartet. Seine Tante erbt das Haus und will ihn dort heraushaben. Beim Besuch des Arbeitsamtes hilft er bei einem Unfall dort aus und wird anschließend engagiert, als Hufschmied und Schweißer. Bedingt durch seine freundliche Art und sein Interesse an der Arbeit dort, gewinnt es schnell Freunde, ihm wird sehr schnell mehr aufgetragen, als er machen soll, aber das macht er sehr gut und wird von allen geschätzt. Bei der Testamentseröffnung der Grußmutter lern er eine junge Frau kennen, beide sind sich zugeneigt, die Sympathien steigen ständig. Im Zirkus bekommt er höhere Ausgaben, weil man erkannt hat, seine Art mit Tieren umzugehen ist sehr gut und erfolgversprechend für den Zirkus. Der Beginn einer Karriere als Dompteur zeichnet sich ab.

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Seitenzahl: 657

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für Summer

Vorgeschichte

Im Jahr 1939 wurde Paul in Breslau geboren, seine Eltern wohnten in einem Vorort der Stadt, sein Vater, Filialleiter einer großen deutschen Bank in Breslau, seine Mutter Verwaltungsangestellte bei der Post Das ließ sie jedoch ruhen, war nach der Geburt Hausfrau. In dem Häuschen, was seine Eltern bewohnten, wuchs er auf, 1940 kam seine Schwester dazu. Kurz nach Beginn des 2. Weltkrieges wurde sein Vater als Reserveoffizier eingezogen. 1942 bekam die Familie wieder Nachwuchs, ein Bruder, der jedoch im Krankenhaus kurz nach der Geburt verstarb. Im Jahr 1943 fiel sein Vater in Russland, die Familie war nun vaterlos. Seine Mutter nahm wieder ihren Beruf bei der Post auf, beide Kinder wurden durch eine junge Frau des BDM betreut.

Nach und nach begann die Kriegslage immer bedrohlicher zu werden, das bemerkten die Kinder zwar nicht, aber ihrer Mutter verließ sich nicht mehr auf die Propaganda, sondern bekam viel mit von den Flüchtlingen und den Aussagen der Soldaten, die sich auf Heimaturlaub oder zur Genesung in einem Lazarett der Stadt befanden. Als die militärische Lage immer bedrohlicher wurde, beschloss die Mutter mit ihren Kindern zu ihrer Mutter zu gehen, die einen kleinen Bauernhof nahe einer Kleinstadt in der Südheide besaß. Fast war es schon zu spät, sich aus Breslau abzusetzen, aber in einem Zug fanden sie mühselig Platz. Beide Kinder trugen ihren Rucksack, waren dick gekleidet und unter der Kleidung eine Kette mit einem Anhänger auf dem ihr Name stand und wohin sie wollten. Mühsam kam der Zug aus der Stadt, aber hier kamen die Probleme, die Rote Armee war an Breslau vorbei gestoßen, überall kam es zu Kämpfen. Glücklich kamen sie zum ersten größeren Bahnhof, der noch von deutschen Truppen gehalten wurde, aber kaum war der Zug wieder in Bewegung und knapp außerhalb dieser Stadt wurden sie von russischen Schlachtfliegern angegriffen, der Zug, durch Bomben und Maschinengewehrfeuer hart getroffen, blieb liegen. Überall lagen die toten und verletzten Zivilisten in den Trümmern des Zuges, es brannte überall. Beide Kinder hatten Glück, lagen unter den Trümmern, ihre Mutter war jedoch tot.

Einwohner eines nahen Dorfes und Soldaten aus der Umgebung waren schnell am Ort und versuchten zu helfen, schnell war eine Rot Kreuz Mannschaft da und unterstützte. Eine junge Schwester nahm sich der Kinder an, brachte sie zum nächsten Ort, von dort kamen sie weiter Richtung Westen bis nach Dresden. Hier wurden sie mit anderen Kindern zusammengefasst, untersucht und hatten ein Dach über dem Kopf. Nach ein paar Tagen ging es weiter, allerdings wurde Pauls Schwester in ein Krankenhaus in der Nähe gebracht, weil sie Halsschmerzen und hohes Fieber hatte. Über verschiedene Stationen kam Paul schließlich zu seiner Großmutter. Die besaß einen kleineren Bauernhof, den sie allein bewirtschaftete, ihr Mann war vor drei Jahren verstorben, sie lebte mit einem behinderten Flüchtling aus Ostpreußen allein auf dem Hof.

Der Krieg war zu Ende, ohne dass Paul das bewusst mitbekam, seine Großmutter brachte ihn in die Dorfschule, wo er sofort am Unterricht teilnahm. Langsam gewöhnte er sich an das neue Leben, fernab der alten Heimat ohne Eltern und Geschwister. Ab jetzt war die Großmutter seine Erziehungsperson und bemüht, ihn auf eine gute Bahn zu bringen. Neben der Schule half er ihr mit auf dem Hof und als Belohnung für seine gute Arbeit durfte er im alten Lesezimmer des verstorbenen Großvaters dessen Bücher lesen. Lesen konnte er sehr schnell und er verschlang dessen Bücher. Karl May Bücher gab es und Reisebeschreibungen aus aller Welt, unter anderem von den Reisen des Schweden Sven Hedin in Asien. Die Volksschule im Ort schloss er gut ab, nun kam es zu der Frage, was er anschließend lernen sollte. Seine Großmutter hatte den Hang zum Praktischen und da sie mit dem Schmied des Dorfes befreundet war, schob sie ihn sachte aber bestimmt zu einer Lehre bei dem.

Anfangs war es nicht das, was er gern tat, die Arbeit war hart, dreckig und der Meister verlangte viel, aber langsam machte es immer mehr Spaß, vor allem, als er erste Erfolge sah und gelobt wurde. Es blieb nicht bei reinen Metallarbeiten, er wurde erfolgreich in die Arbeit des Hufbeschlages bei Pferden herangeführt. Die Lehrzeit verlief gut, als der Meister bemerkte, wie gut es ihm gefiel und wie ihm vieles schnell von der Hand ging, zeigte er ihm zusätzliche Dinge wie das Schweißen. Darin stellte er sich sehr geschickt an. Mittlerweile war er gut zurecht gewachsen, kräftig und groß geworden, die schwere Arbeit machte ihm Spaß. Wenn es die Zeit erlaubte, half er auf dem Nachbarbetrieb seiner Großmutter, einem größeren Hof eines entfernten Verwandten. Hier arbeitete er mit den Pferden und als der Bauer sich einen Traktor zulegte, lernte er, diesen zu bedienen. Auf ländlichen Reitturnieren begleitete er den Schmied, half beim Beschlag der Pferde. Kurzum, er war gut beschäftigt in dieser dörflichen Welt und fühlte sich wohl. Was ihm immer wieder spontan im Hinterkopf aufblitzte war ein gewisses Fernweh, was er aus den Büchern seines Großvaters mitbekommen hatte.

Sein Lebensmittelpunkt war das Dorf, als er älter wurde, trat er der Freiwilligen Feuerwehr bei und war gern gesehen bei deren Feiern. Hier kam es zu ersten zaghaften Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht, was er als sehr reizvoll empfand. Besonders toll war die Begegnung bei einem der Feste mit einer alleinstehenden Frau, die mit ihren drei Kindern aus dem Osten geflüchtet war und im Dorf als Angestellte im Kaufmannsladen arbeitete. Offenbar hatte sie sich ein wenig in ihn verguckt, einige Male hatte er ihr in ihrer Wohnung bei Reparaturen geholfen und natürlich nichts dafür verlangt. Dafür hatte sie sich sehr bedankt, ihn zweimal zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Bei einer Feuerwehrfeier war sie wieder dabei, es kam im Schatten einer großen Scheune zu einer längeren Umarmung und vielen Küssen. Kurze Zeit später bat sie ihn um Hilfe bei der Reparatur eines Schrankes, was er gern tat. Dieses Mal war er mit ihr allein, ihre Kinder waren auf einem Schulausflug, sie unterhielten sich sehr nett, küssten sich wieder lange. Allerdings blieb es dieses Mal nicht dabei, sie zeigte ihm ausführlich, was es zusätzlich alles gab und wie schön das war. Besonders nett zeigte sie ihm, wie man das mit dem Kondom tat und warum. Bei dem einen Mal blieb es nicht, aber irgendwann war es zu Ende, sie fand einen anderen Mann, der sie mit ihren Kindern heiratete und zu sich in die Kreisstadt holte. Selten kam er in diese nahe Kreisstadt, höchstens zu bestimmten Ereignissen wie zum Kauf eines Anzuges für die Konfirmation. Aber wenn, stand er gern am Bahnhof und überlegte, wo all die Züge hingingen, was man in anderen Städten erleben und sehen würde.

Die Erinnerungen an Breslau verblassten mehr und mehr, von seiner Schwester hatte er nichts mehr gehört, darüber wurde nicht gesprochen. Sein Leben verlief in den geordneten Bahnen des Dorfes, schließlich machte er seinen Lehrabschluss als Schmied und gleichzeitig als Hufschmied, beides mit Auszeichnung. Als Geselle des Schmiedes machte er weiter, war nebenbei in der Landwirtschaft des Nachbarn und der Großmutter tätig und fühlte sich wohl, wenn da nicht immer dieses Fernweh in seinem Kopf gewesen wäre.

Plötzlich änderte sich alles. Schon länger hatte der Schmied Probleme mit dem Rücken gehabt, die verschlimmerten sich mehr und mehr, der Arzt riet ihm, kürzer zu treten oder ganz aufzuhören. Er trat kürzer, dafür übernahm Paul mehr Arbeit und machte das zur Zufriedenheit des alten Meisters gut. Allerdings konnte er nicht sein Nachfolger werden, dafür war er zu jung und das nötige Geld für eine weitere Schulung zur Meisterausbildung fehlte. Mitten hinein in diese Situation verstarb unerwartet seine Großmutter. Schon lange war sie krank gewesen, hatte aber mit keinem Verwandten darüber geredet. Was nun folgte, brachte sein bisheriges klar strukturiertes Leben in Unordnung.

Als erste erklärte ihm seine Tante, die Schwester seiner verstorbenen Mutter, sie würde den Hof erben und bräuchte den gesamten Platz für ihre sechsköpfige Familie. Damit ließ sie ihn klar erkennen, für ihn gab es hier keinen Platz mehr. Was sollte er jetzt tun und vor allem, wohin sollte er gehen. Natürlich musste er nicht sofort gehen, aber es war abzusehen, er musste hier raus, aber wovon sollte er leben? Zwar erhielt er seinen Lohn als Schmiedegeselle und die Großmutter hatte ihm vor einiger Zeit 300 DM zugesteckt, für später, hatte sie dabei gesagt. Aber dann wurde es immer problematischer, der Schmied musste ins Krankenhaus, wurde operiert und konnte nicht mehr weitermachen, er ging in Rente. Damit war das Arbeiten in der Schmiede vorbei. Bevor der diese schloss, führte er mit Paul ein langes Gespräch. Dabei riet er ihm, zum Arbeitsamt zu gehen und sich arbeitslos zu melden, so bekäme er etwas Geld und vielleicht eine neue Anstellung. Das legte er ihm sehr eindringlich ans Herz, sagte ihm, er solle das zügig angehen. Lange überlegte Paul nicht, es blieb ihm keine andere Wahl, zudem musste er bald aus seinen bisherigen vier Wänden verschwinden. Einen Tag überlegte er, dann nahm er sein Fahrrad und fuhr in die nahegelegene Stadt, um sich beim Arbeitsamt zu melden.

Der Neustart

Etwas beklommen und unsicher hatte er sich beim Arbeitsamt gemeldet, aber eine nette ältere Sachbearbeiterin hatte sich seiner angenommen und ihn gut durch das Aktenwirrwar geführt. Seine Sache versprach hoffnungsvoll zu werden, zufrieden verließ er das Gebäude. Weil er nun in der Stadt war und nichts weiter vorhatte, gönnte er sich beim Schlachter ein Mettbrötchen und anschließend einen Kaffee in einem der neuen Kaffeegeschäfte. Während er den trank, fiel ihm ein Plakat ins Auge, der Zirkus kam in die Stadt, heute Abend war bereits die erste Vorstellung. Spontan beschloss er am Festplatz vorbei zu fahren, um sich das anzuschauen, Zeit hatte er ja momentan genug.

Er fuhr zum Festplatz und sah sich von der Straße aus um. Eifrig wurde hier überall gearbeitet, man war dabei, das große Zelt aufzubauen. Ein kleineres langes Zelt stand bereits. Ständig kamen Traktoren mit Zirkuswagen, die zielsicher abgestellt wurden. Von weitem hörte man Getrappel, eine Menge Pferde, zwei immer geführt von einem Begleiter, kamen heran. 12 Schimmel zählte er, dazu mehrere andere farbige Pferde. Plötzlich kam es in der Pferdeschlange zu hektischen Bewegungen. Einer der führenden Männer war über einen Bordstein gestolpert und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen, dabei hatte er die Führstricke der Pferde losgelassen. Beide Pferde stiegen erschreckt und galoppierten Richtung Innenstadt, genau auf ihn zu. Ohne zu zögern sprang er in die Mitte der Straße, breitete beide Arme aus, rief laut mehrfach „Halt“. Der eine Schimmel stoppte, sofort hatte er dessen Führstrick in der Hand, der zweite bremste neben dem ersten, dessen Strick hatte er ebenso sofort in der Hand. Beruhigend redete er auf beide Pferde ein, nahm die Führstricke in eine Hand, streichelte mit der anderen deren Hälse. Schon nach kurzer Zeit standen beide entspannt vor ihm. Ruhig auf die Pferde einredend drehte er sie, führte sie in Richtung der Kolonne, die sich gerade wieder beruhigte. Ein älterer Mann kam auf ihn zugelaufen.

„Kannst du sie hinter den anderen herführen? Danke, dass du sie eingefangen hast!“ Paul nickte, der Mann lief zurück, übernahm seine Pferde, die er führte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung, Richtung des langen Zeltes auf dem Platz. Eine Frau des Zirkus kam mit einer Sanitätstasche, kümmerte sich um den Gestürzten, der an der Stirn blutete. Paul folgte mit beiden Pferden den anderen, es ging weiter. Hinten in der Pferdeschlange erreichte er das große längliche Zelt. Der Mann, der geführt hatte, wies jedem Pferd seinen Platz in den Ständen zu, dort wurden sie angebunden. Alle, die geführt hatten, verschwanden, kletterten auf einen Traktoranhänger, der mit ihnen losfuhr. Übrig waren nur der Anführer des Zuges und ein weiterer Mann, der sich um andere Boxen und Stände kümmerte. Der Mann, der geführt hatte, kam zu Paul, klopfte ihm auf die Schulter.

„Das hast du sehr gut gemacht, danke! Ich bin der Dompteur, der die Pferde in der Manege vorführt, kommst du von hier?“ „Ja, aus einem Dorf hier in der Nähe.“ „Ah, gut, vielleicht kannst du mir helfen, meine Tochter reitet mit zwei Pferden die Hohe Schule im Programm. Beide Pferde haben beim Transport ein oder zwei Eisen verloren, kennst du hier einen Hufschmied?“ „Ich kann helfen, bin selber Hufschmied, hier ist meine Prüfungsbescheinigung.“ Aus seiner Jackentasche holte er seine Bescheinigung über die bestandene Prüfung als Schmied und gleichzeitig Hufschmied hervor. Die zeigte er dem Mann, der es überflog, dann sagte: „Dich schickt der Himmel, kannst du die beiden Pferde beschlagen?“ „Klar, kann sie dabei auch ausschneiden. Aber ich habe dafür kein Material und keinen Ofen hier.“ „Kein Problem, das haben wir, nur keinen Schmied, ich bezahle dich dafür, Moment.“ Eine junge Frau führte gerade 2 Pferde in das Zelt, einen Rappen und einen Fuchs. „Maria, stell den Fuchs in den Stand und binde den Rappen draußen an die Stirnseite, ich habe einen Hufschmied!“ „Wunderbar, das wurde Zeit, 2 Eisen hat er verloren!“ Zu Paul sagte der Mann: „Ich zeige dir jetzt das Schmiedezeug.“ Hinter der Kopfseite des Stallzeltes stand ein großer Anhänger mit Heu, Stroh und Säcken mit Getreide. Der Mann öffnete eine Klappe unter dem Wagen, holte eine Gasflasche heraus. „Wir haben einen kleinen Ofen, der mit Gas beheizt wird, kennst du dich damit aus?“ „Das haben wir bei den Turnieren so gemacht!“ „Wunderbar, ich schicke dir Ivan zum Helfen.“

Er verschwand im Zelt, Paul begann die Sachen aus der großen Klappe herauszuholen. Nachdem der Ofen draußen stand, baute er ihn auf ein Gestell und schloss die Gasflasche an. Der kleinere Mann mit Glatze kam zu ihm. „Ich soll dir helfen,“ sagte der nur. Gemeinsam holten sie einen Amboss und eine kleine Werkbank heraus, dazu eine Kiste mit Hufeisen, Werkzeug und eine dicke Lederschürze.

„Wenn du Hilfe brauchst, ich bin im Stallzelt,“ sagte der Mann und ging. Die junge Frau kam mit dem Rappen, band ihn an den Futterwagen und gab ihm ein Hufeisen. „Das ist das eine, was im Waggon lag, die Größe braucht er. Ich denke, die Hufe sollten unbedingt ausgeschnitten werden.“ „Kein Problem, das bekomme ich hin!“ Während er darauf wartete, dass sich das erste Eisen im Ofen erhitzte, beobachtete er, was sich beim Zirkusaufbau weiter tat. Gerade wurde eine weitere Kolonne mit anderen Tieren herangeführt, Zebras, Gnus und andere Steppentiere, dazu 6 Ponys. Die junge Frau kam wieder.

„Ich halte den Rappen, normal macht er keine Zicken, du kannst mit den Hufen anfangen.“ Paul nickte und begann, die Hufe des Pferdes zu bearbeiten, die junge Frau hielt es und lenkte es ein wenig ab. Dabei plauderten sie weiter. „Kommst du von hier?“ fragte sie. „Aus einem Dorf in der Nähe, da habe ich das gelernt.“ „Gut, dass du das machst. Wir hatten hier bis vor kurzem einen, der das machte. Aber so gut war der nicht, er musste dabei immer viel trinken und vor drei Wochen ist er abgehauen, ganz plötzlich.“ „Und was habt ihr dann gemacht?“ „Wir haben immer versucht, einen Schmied aus der Stadt zu bekommen, in der wir gerade waren. Aber immer klappt das nicht und die wurden plötzlich immer sehr teuer, wussten genau, dass wir sie dringend brauchten. 20 Pferde und 6 Ponys sind zu versorgen und die Steppentiere.“ „Das ist schon eine Menge!“ „Dazu kommen die anderen Arbeiten, die Auftritte und die ständige Verladung auf die Eisenbahnzüge.“

Paul passte das erste Eisen an und begann es anzunageln. Etwas unruhig wurde das Pferd, aber sie beruhigte es sofort. Schnell war das zweite Eisen an der Hinterhand befestigt, sie brachte den Rappen in das Zelt, wollte den Fuchs holen. In der kurzen Pause sah Paul fasziniert zu, wie 6 Elefanten ruhig hintereinander ankamen und ebenfalls in das Stallzelt geführt wurden. Sie kam mit dem Fuchs, der Beschlag begann erneut.

„Du machst das sehr gut und sorgfältig, das finde ich toll, so war das lange nicht mehr.“ „Danke, ich hatte einen guten Meister und habe das öfter auf ländlichen Turnieren gemacht. Außerdem macht es mir Spaß!“ „Das merkt man, ich bin froh, dass du das mit meinen Pferden machst. Übrigens, mein Vater fragte, ob du dir einen der Schimmel anschauen kannst, der scheint sich am rechten Vorderlauf etwas eingetreten zu haben.“ „Mache ich, bring ihn her, wenn der Fuchs fertig ist.“

„Sehr gut, dann kann ich nachher mit beiden vor der Vorstellung üben, ganz großen Dank, ich hole den Schimmel,“ sagte sie und ging mit dem Pferd. Paul gönnte sich eine Zigarette, sie kam nach kurzer Zeit mit dem Schimmel, der erkennbar vorn rechts leicht lahmte. Sie hielt den fest, während er den rechten Vorderlauf anhob und sich den Huf anschaute. „Er hat sich ein Schotterstück in den Huf getreten, das müssen wir herausholen,“ sagte Paul, schaute dabei zu ihr hinauf. Aber an deren Stelle antwortete ihr Vater, der zuständige Dompteur. „Traust du dir das zu?“ fragte er hinter ihm. „Ja, aber ihr müsst das Pferd halten, damit es ruhig bleibt, das dauert etwas. Außerdem müssen seine Hufe dringend ausgeschnitten werden!“ „Ich brauche ihn unbedingt, er geht als erster in der Manege. Wenn du dich traust, fang an!“

Mit dem scharfen Hufmesser, welches er von seinem alten Meister nach der bestandenen Prüfung geschenkt bekommen hatte, machte sich Paul vorsichtig an die Arbeit. Gespannt beobachteten ihn die beiden, nur der Lärm des Zirkusaufbau war zu hören. Als das Schlackestück endlich herausfiel, schnaufte die junge Frau tief durch. Gewissenhaft besah sich Paul den Huf. „Alles gut, sonst ist der Huf in Ordnung.“ „Danke, sehr gut, so wird der Auftritt heute Abend klappen,“ sagte sichtlich erleichtert der Dompteur. „Ich mache jetzt die Hufe des Schimmels, dann ist der fertig,“ sagte Paul und griff nach der Raspel, um zu beginnen. „Wenn du fertig bist, gehen wir beide etwas essen und du bekommst dein Geld!“

Paul lächelte und machte weiter. Endlich war er fertig, erhob sich und streckte sich ein wenig. „Fertig, aber ich kann mir vorstellen, die anderen Pferde sollte man ebenfalls behandeln!“ Die junge Frau lachte herzlich. „Das siehst du sehr richtig, aber wichtig waren diese drei, ich bringe ihn in das Stallzelt.“ Während sie das tat, räumte Paul die Sachen in die große Kiste unter dem Wagen und verschloss sie wieder. Der Dompteur kam zurück und sagte: „Danke für diese gute und schnelle Arbeit und dass du alles wieder eingeräumt hast. Wir gehen zum Küchenwagen, da gibt es heute guten Eintopf, vorher gebe ich dir deinen Lohn.“

Er gab Paul 60 DM, die der in seine Brieftasche legte und dem Mann zum Küchenwagen folgte. Auf dem Weg dorthin, nahm er staunend wahr, was hier alles geschah. Das große Zelt stand, vier große Masten waren mit Fahnen geschmückt. Überall war Bewegung, niemand saß tatenlos herum. Sie reihten sich in die Schlange an der Essenausgabe ein, erhielten einen Schlag Eintopf und nahmen sich dazu Brot. Ein Tisch war frei, dort setzten sie sich und blieben ungestört. Kaum begannen sie zu essen, als sich ein weiterer Mann zu ihnen setzte. Etwas älter war er, kompakt und trug einen Blazer. Der Dompteur begrüßte ihn. „Schön, dass es geklappt hat, Johannes. Das hier ist der junge Mann, der uns aus der Patsche half.“ Der Mann sah Paul lächelnd an.

„Hilfsbereite junge Männer lerne ich immer gern kennen. Ich bin der Geschäftsführer des Zirkus, also der zweite Chef. Ein paar Fragen habe ich an sie. Aber dabei sollten wir weiteressen, die Zeit ist knapp.“ „Sehr gerne, fragen sie mich, was sie wollen,“ sagte Paul und aß den heißen Eintopf weiter. „Ich sage einfach „Du“, das ist bei uns mit Jüngeren so üblich, hoffe, du hast nichts dagegen.“ „Nein, kein Problem, das hat mein Meister genauso gemacht!“ „Gut, ich hörte, du kommst aus der Gegend hier und hast eine Ausbildung als Schmied und Hufschmied?“

Paul nahm seine Brieftasche heraus und zeigte ihm die Bescheinigungen. „Gute Ergebnisse, da kannst du stolz drauf sein, hast du eine Anstellung hier in der Gegend?“ „Nein, mein Meister gab auf, ging in Rente und heute Morgen war ich beim Arbeitsamt, um mich arbeitssuchend zu melden.“ Die beiden Männer sahen sich kurz an, der Geschäftsführer sagte: „Ich habe einen Job für dich hier im Zirkus, einen Hufschmied und Schmied brauchen wir dringend. Hast du Interesse?“

Paul legte den Löffel weg und sah ihn an. „Das hätte ich schon, mich hält hier nichts mehr und meine Tante will mich sehr gern loswerden, braucht mein Zimmer für ihre Familie. Und mit Tieren umzugehen, habe ich seit meiner Kindheit gelernt.“ Beide Männer grinsten, der Mann fuhr fort: „Ein Problem haben wir jedoch, du bist noch keine 21 Jahre alt, da brauchen wir die Genehmigung einer zuständigen Erziehungsperson, sonst könnte es eventuell Ärger geben. Du wirst im nächsten Jahr 21?“ „So ist es, ich denke, meine Tante wird nichts dagegen haben, die ist froh, wenn ich weg bin. Was soll ich überhaupt hier machen?“ „Du sollst zur Pferdegruppe gehen und dazu alles andere tun beim Auf – und Abbau des Zirkus, also alles. Kannst du schweißen?“ „Ja, das kann ich und habe es oft getan.“ „Noch besser. Wir machen das so: Wir brauchen dich dringend, du kannst heute bereits anfangen. Aber wir brauchen erst die Einwilligung deiner Tante und du solltest deine Sachen holen. Für die Arbeit und die Auftritte wirst du hier eingekleidet und untergebracht wirst du bei der Pferdegruppe.“ Der Dompteur fuhr fort: „Im Heu – und Strohtransporter ist eine Kabine, die bekommst du, in alles Andere weisen wir dich ein. Decken und Bettzeug besorgen wir für dich.“ Wieder ergriff der Geschäftsführer das Wort: „Du kommst mit ins Sekretariat, dort werden wir ein Schreiben aufsetzen, das deine Tante nur unterschreiben braucht. Wenn du das hast, kommst du mit deinen Sachen zurück und wirst im Zirkus vereinnahmt!“

Jetzt ging alles recht schnell. Im Sekretariatswagen diktierte der Geschäftsführer einer der Frauen einen Text, aus dem hervorging, dass seine Tante der Anstellung im Zirkus zustimmte. Das brauchte sie nur unterschreiben. Als alles fertig war, legte die Frau zwei Exemplare in einen Umschlag und sagte:

„Lass alle beiden unterschreiben, einen behält sie, den Durchschlag, gibst du bei mir ab, Du bekommst einen vorläufigen Ausweis, damit du problemlos wieder hereinkommst. Wenn du zurück bist, machen wir den Rest.“ In dem Bürowagen war viel los, 2 weitere Frauen telefonierten oder schrieben Schreibmaschine, alles war völlig neu für ihn, aber die Frau ihm gegenüber kümmerte sich lächelnd um ihn, spürte wohl seine Unsicherheit. „So, das wäre es, ich wünsche dir viel Glück und freue mich, dich später wieder begrüßen zu können,“ sagte sie, gab ihm den Umschlag und einen Kugelschreiber mit der Aufschrift des Zirkus. „Damit sie unterschreiben kann. Lass den bei ihr, dann weiß sie, wo du bist.“ Schließlich erhielt er einen vorläufigen Ausweis, damit er wieder auf das Zirkusgelände kam.

Vor der Tür sah er sich um, immer noch wurden Wagen rangiert, Trecker fuhren, ein Elefant trompetete, viele Menschen bewegten sich, aber alles schien einen Plan zu haben. Er zündete sich eine Zigarette an und überlegte kurz. War es das, was er wollte? Hier gab es kein Haus mit einer Großmutter, die für ihn sorgte, das musste er jetzt allein tun. Den Zigarettenstummel steckte er in einen Aschenbecher und schnaufte tief durch. „Also los, das wolltest du doch immer, etwas erleben und mehr sehen von der Welt!“ sagte er zu sich selber.

Er ging in die Straße, wo sein Fahrrad angekettet stand, fuhr zurück in das Dorf, was bisher seine Heimat gewesen war. Seine Tante war daheim, bereitete gerade das Essen vor, die Kinder spielten im Garten. „Na, wie war es beim Arbeitsamt? Hast du etwas Neues gefunden?“ fragte sie sofort. „Nein, da gab es keine freien Stellen, aber ich habe etwas Anderes gefunden, da kann ich sofort anfangen.“ „Das ist sehr gut, ziehst du dann aus?“ „Ja, das tue ich und zwar sofort.“ „Das würde uns allen helfen. Du weißt, ich habe nichts gegen dich, aber für uns Alle ist es hier zu klein und zu eng.“ „Das weiß ich und ich will euch nicht zur Last fallen. Aber da ich keine 21 Jahre alt bin, brauche ich dafür deine Genehmigung.“ „Ach so, ja ich bin in der Nachfolge von Mutter. Wie soll das gehen und wo willst du hin?“ „Hier ist ein Schriftstück, das musst du unterschreiben. Der Zirkus hat mir eine Stelle als Hufschmied und Schmied angeboten, das werde ich machen.“

Mit offenem Mund sah ihn seine Tante an. „Wohin? Zum Zirkus? Das ist ja ein Ding. Da bist du ja immer woanders?“ „Ja, das ist so, aber ich wollte immer schon raus, anderes sehen. Wenn das nicht funktioniert, kann ich mir irgendwo anders eine Stelle suchen.“ Immer noch staunte ihn seine Tante an, schüttelte den Kopf und sagte: „Na gut, wenn du ein Zigeunerleben führen willst, dann tu das. Bekommst du einen Vertrag oder wirst du nur so bezahlt?“ Paul lächelte, im Büro war ihm gesagt worden, wenn er zurückkäme, wäre sein Arbeitsvertrag sicher, der würde ab sofort gelten. „Das ist alles geklärt, mit Krankenversicherung und Rentensachen wird das gemacht.“

Tief seufzte seine Tante. „Also gut, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, wenn du das unbedingt willst, ist das so, letztendlich aufhalten kann ich dich nicht. Wo soll ich unterschreiben?“ Beide setzten sich an den Küchentisch, Paul holte die beiden Schreiben aus der Hülle, legte sie auf den Tisch. „Bitte bei beiden, das eine ist für dich, das andere für den Zirkus.“ „Aber ich habe keinen Stift.“ „Nimm den hier, den kannst du behalten.“ Staunend betrachtete sie den neuartigen Kugelschreiber mit der Werbung des Zirkus, dann seufzte sie tief und unterschrieb beide Exemplare. Das für den Zirkus packte Paul wieder ein, bedankte sich bei ihr. „Ich packe meine Sachen in den Koffer von Oma, dann fahre ich los.“ „In Ordnung, willst du etwas essen?“ „Nein danke, das habe ich schon, ich packe jetzt.“

Mit dem Umschlag in der Hand ging er nach oben in seine kleine Kammer, nahm den Koffer seiner Großmutter vom Schrank und legte sorgfältig seine Sachen hinein. Viel war es nicht, Unterwäsche, Strümpfe, 3 Hemden, eine Hose und eine dicke Jacke. Dazu ein Etui mit Seife, Zahnpasta und seinem Rasierzeug. Ganz zum Schluss kamen ein Schlafanzug und 3 Bücher. Ach ja, fast hätte er es vergessen, eine Arbeitshose und ein Paar Arbeitsstiefel kamen dazu. Das war es. Die dicke Jacke zog er an, nahm den Koffer und ging hinunter in die Küche.

„Danke für alles, hier habe ich für euch etwas,“ sagte er seiner Tante und legte 6 Karten für eine Nachmittagsvorstellung auf den Küchentisch. Seine Tante schüttelte immer noch den Kopf. „Wie kann man dich erreichen, wenn etwas ist?“ „Auf dem Blatt von dir steht die Telefonnummer des Zirkus, da kannst du anrufen.“ „Ist gut, ich wünsche dir viel Glück.“ „Danke, Grüße an die Kinder und den Onkel!“

Er ging hinaus, lud den Koffer auf sein Fahrrad und fuhr los. Während der Fahrt wurde es doch ein wenig komisch in seinem Kopf, jetzt wurde ihm richtig klar: Er verließ seine Heimat, in der er lange behütet gewohnt und gearbeitet hatte. Wie würde es jetzt weitergehen? War es alles so richtig, was er tat? Mit einem energischen Kopfschütteln beendete er diese Gedanken. In dem Haus, in dem er groß geworden war, war er nicht mehr erwünscht und Arbeit hatte er hier keine mehr, was blieb ihm anderes übrig? Als er am ersten Plakat des Zirkus vorbeiradelte, waren seine Gedanken nach vorn gerichtet, was würde geschehen, wenn er jetzt zurückkam?

Endlich auf dem Festplatz angekommen, stellte er fest, jetzt war hier um das große Zelt eine kleine Stadt mit Wagen und anderen Zelten entstanden, ein bunter Zaun wurde aufgebaut. Vor einem seitlichen Tor standen zwei Wagen mit Stroh und einer mit Heu, das hatten Landwirte aus der Gegend hierher verkauft. Am Tor standen zwei Männer in einer Uniform, einer dirigierte den Strohwagen hinter einem Traktor auf das Gelände. Paul stieg ab und schob sein Fahrrad in den Eingang. Der Uniformierte sah ihn an und sagte: „Was willst du? Hier haben nur Leute vom Zirkus Zugang.“ „Ich fange heute an, soll zum Sekretariat kommen, hier ist mein Ausweis,“ sagte Paul und zeigte dem Mann seinen Ausweis. Der sah kurz drauf und fragte: „Was sollst du hier machen?“ „Ich bin Schmied und Hufschmied, soll zu den Pferden.“ „Also, wenn du Schmied bist, werden wir uns bald sehen, ich bin zuständig für das Werkzeug und die Wagen, das Sekretariat ist da drüben.“

Langsam schob er das Rad durch die herumeilenden Menschen, stellte es am Bürowagen ab. Als er hineingehen wollte, stieß er mit einem Mann zusammen, der wesentlich kleiner als er war. „Entschuldigung,“ sagte er sofort. Der Mann sah zu ihm hoch und grinste. „Ich kenne das, werde öfters übersehen, kein Problem, aber nett, dass du dich entschuldigst. Wo willst du hin?“ „Ins Sekretariat, meinen Arbeitsvertrag unterschreiben.“ „Oh, ein Neuer, ich bin Silvio, einer der Clowns. Gebe dir einen Tipp, schließ dein Rad an und nimm den Koffer mit rein, sonst räumt das irgendwer weg und du kannst lange danach suchen.“ „Danke, mache ich sofort.“

Nachdem er das getan hatte, stieg er mit dem Koffer in der Hand die paar Stufen hoch in den Wagen, wo viel Betrieb herrschte. Neben den Schreibtisch der Frau, mit der er gesprochen hatte, stellte er den Koffer ab, wartete, bis sie ihr Telefongespräch beendet hatte und sich ihm zuwandte. Lächelnd sah sie ihn an. „Das ging aber schnell, konntest du alles erledigen?“ „Ja, hier ist die Unterschrift meiner Tante.“ „Jetzt können wir anfangen, setz dich.“

Aus dem Schreibtisch holte sie Papier, spannte es in die Schreibmaschine. „Gib mir bitte deine Papiere, so kann ich daraus abschreiben.“ Paul gab ihr seinen Personalausweis, dazu die Lehrnachweise und sie begann zu schreiben. Nachdem sie ihm das zurückgegeben hatte, erklärte sie ihm: „Wir melden dich mit Wohnsitz im Winterquartier des Zirkus in der Nähe von Minden, das ist dein neuer Hauptwohnsitz. Dort bist du erreichbar für amtliche Sachen, alles wird uns nachgeschickt.“ Sie gab sie ihm ein Personalblatt und erklärte weiter. „Versichert bist du bei dieser Krankenkasse und rentenversichert ebenfalls. Hier steht dein monatlicher Verdienst, der wöchentlich ausgezahlt wird. Er wird dir etwas gering erscheinen, aber das ist das Netto nach dem Abzug der Versicherungen und du wirst hier verpflegt, bekommst eine Unterkunft und kannst deine Wäsche waschen lassen. Deine Uniform und Arbeitssachen bekommst du später, das werden dir die Leute bei den Pferden zeigen. Deinen Ausweis für den Zirkus habe ich fertig, hier ist er. Wenn du es immer noch machen willst, musst du dort unterschreiben!“ Lächelnd zeigte sie auf eine Stelle am untersten Ende des Blattes. Ohne zu zögern nahm Paul den Kugelschreiber und unterschrieb. „Übrigens bekommst du etwas mehr als die anderen Arbeiter, weil du Schmied und Hufschmied bist. Ich gebe dir den Rat: Erzähle es nicht jedem, das kann Neid bringen!“

Es war alles ein wenig viel, was Paul gesagt bekam, mit solchen Dingen hatte er sich bisher nie befassen müssen. Bisher war das so, sein Meister hatte ihm samstags das Geld gegeben, damit war er gut ausgekommen. Essen hatte die Oma gemacht und seine Sachen gewaschen. Er ahnte, darum musste er sich ab sofort selber kümmern. „Wenn du Probleme hast oder Sorgen, komm zu mir, das werden wir lösen,“ sagte die Frau lächelnd und gab ihm eine Ausfertigung des Vertrages. Während er den in die Tasche steckte, fuhr sie fort: „Jetzt gehst du zu den Pferden, man wartet dort auf dich.“ Höflich bedankte sich Paul bei ihr, die Frau machte einen sehr netten Eindruck auf ihn. Wenn es Probleme gäbe, würde er das sehr gern tun.

Er nahm seinen Koffer und verließ den Wagen. Während er sein Rad aufschloss, kam ein größerer Mann auf ihn zu. „Ist das dein Rad?“ „Ja, ist es, bringe es jetzt rüber zum Stallzelt.“ „Du bist neu hier, oder? Ich bin hier derjenige, der im inneren Bereich für Ordnung sorgt. Wenn die Tierschauen sind, laufen hier viele Besucher herum und dann soll nichts herumstehen. Wenn du das Rad nicht brauchst, lade es auf den Futterwagen, dort steht es nicht herum und niemand kann es klauen!“ „Gut zu wissen, werde ich so machen, danke.“ „Keine Ursache. Ich bin der Vorarbeiter beim Zelt, bist du der neue Schmied?“ „Das bin ich, soll zu den Pferden, weil ich dazu Hufschmied bin.“ „Das ist gut so. Beim Zeltmaterial und beim Werkzeug muss einiges gerichtet werden, eine kleine Schmiede haben wir. Ich melde mich bei dir!“

Er ging und Paul erreichte endlich das Stallzelt. Hier waren gerade Heu und Stroh abgeladen worden. Die leeren Wagen fuhren hinaus, ein Anhänger war mit Mist beladen. Der Dompteur und seine Tochter hatten mit angefasst, stellten ihre Gabeln gerade weg. „Gut, dass du da bist. Karl wird dir zeigen, wo du untergebracht bist, danach sagen wir dir, was für dich anliegt.“ Laut rief er: „Karl!“ Aus der Tiefe des Zeltes kam ein junger Mann, etwas älter als Paul. Dem sagte der Dompteur, wo er Paul hinführen sollte, anschließend würden beide im Stallzelt gebraucht. Karl nickte und führte Paul zu dem großen Futterwagen hinter der Stirnseite des Zeltes.

„Du bist der Neue, nicht wahr? Ich zeige dir nachher alles, aber zuerst müssen deine Sachen da hinein. Das ist unser Futterwagen, da kommt das Futter drauf, wenn wir verlegen, es wird ebenfalls für die Zeit auf der Bahn gebraucht. Vorne ist eine Kabine, da hat früher dein Vorgänger gehaust, bevor er verschwand. Bettwäsche und Decken habe ich dir reingelegt.“ Während er das sagte, blieb er an der Vorderseite des Futterwagens stehen, 3 Stufen führten hinauf zu einer Tür. Karl kletterte hinauf, schloss die Tür auf, kam wieder herunter. „Nicht ganz so groß aber du schläfst allein, das ist schon sehrangenehm,“ sagte er grinsend. Mit seinem Koffer voraus kletterte Paul hinauf. Tatsächlich gab es hier eine Lampe und eine Steckdose. Im Schein der Lampe sah er sich um, viel Platz war hier nicht, an der Rückwand stand ein Bett, daneben ein Schrank, ein Tisch mit 2 Stühlen, sowie eine Art Nachtkasten mit einem Aufsatz.

„Gibt es hier Wasser?“ fragte er nach hinten. „Es muss an der vorderen Seite ein Wassertank sein und darunter ein Kanister für das Abwasser,“ kam die Stimme von hinten. Richtig, er fand das winzige Spülbecken neben dem Tisch. Wenn man das hier nur zum Schlafen brauchte, sollte es reichen, befand Paul. Nachdem er seinen Koffer auf das Bett gelegt hatte, öffnete er die Klappen an den kleinen Fenstern rechts und links kletterte hinunter, wo ihm Karl den Schlüssel gab. „Schließ am besten immer zu, wer weiß, wer hier herumstrolcht, die Tür kannst du nachts von innen verriegeln.“ Sofort verschloss Paul die Tür von außen, folgte Karl in das Stallzelt.

„Um 17 Uhr gehen wir essen, danach müssen wir die Pferde zäumen für den Auftritt heute Abend. Aber vorher gehen wir zum Garderobenwagen, wo du deine Uniform bekommst.“ Auf dem Weg dorthin zeigte ihm Karl einiges: Den Wagen wo man baden oder duschen konnte, die interne Zahlstelle, den großen Wagen des Direktors und den etwas kleineren Wagen des Geschäftsführers. Mittlerweile probte im Zelt bereits das Zirkusorchester, Sprechproben wurden durchgeführt, die Elefanten übten dort, man hörte es an ihren Lauten. Im Garderobenwagen stand eine ältere korpulente Frau hinter einem kleinen Tresen und musterte ihn kurz. Sie ging in den hinteren Teil und kam mit einer kompletten weinroten Uniform zurück. „Probiere das mal an,“ sagte sie und verschwand wieder. Während Paul sich zögerlich entkleidetet und begann die Uniform anzuziehen, kam sie mit einem Paket auf dem Arm zurück. „Junge, keine Sorge, ich habe hier schon viele Männer nackt zu sehen bekommen, ich schaue dir nichts ab,“ grinste sie und stellte den Karton ab, überprüfte ausgiebig den Sitz der Uniform. „Sehr gut, passt gut! Hier habe ich 3 amerikanische Unterhemden, die kannst du darunter anziehen, es kratzt so nicht.“

Dabei legte sie diese Sachen auf den Tisch. „Du kommst hier vom Land?“ „Ja, aus einem Dorf in der Nähe.“ „Dachte ich mir, Ich gebe dir etwas aus meinem Bestand, welche Schuhgröße?“ Er nannte die, sie verschwand wieder, kam mit einem Karton wieder. „Hier sind Unterwäsche, Strümpfe und Handtücher drin und da die Arbeitsschuhe, probiere sie an.“ Sie passten gut, stellte er sofort fest und behielt sie gleich an, die Arbeitshose hatte er wieder angezogen. „Wenn du schon hier bist, was sollst du machen?“ „Ich bin Schmied und Hufschmied, das soll ich machen.“ „Na also, rede mit mir. Da habe ich etwas für dich.“ Wieder verschwand sie und kam mit einer großen neuen Lederschürze und 3 Paar Arbeitshandschuhen zurück, legte alles auf den Tresen. „Das Ding liegt mir die ganze Zeit im Weg, nimm die Schürze mit, die Handschuhe brauchst du unbedingt.“ Sorgsam packte Paul alles zusammen, bedankte sich herzlich bei der Frau, die das lächelnd zur Kenntnis nahm. Bevor sie in das Stallzelt gingen, brachte Paul die Sachen in seine Unterkunft.

Im Stallzelt wartete der Dompteur und begrüßte ihn mit Handschlag. „Gut, dass du hier bist, wir brauchen dich dringend. Ich bin Heinrich Meier, der Mann, der die Pferde in der Manege vorführt. Meine Tochter Maria kennst du bereits, Karl und Ivan auch. Ihr drei seid für alle Pferde, inklusive der Ponys, zuständig. Das bedeutet: misten, füttern, aufzäumen für die Auftritte und abzäumen. Dazu Transport der Pferde zur Verladung auf der Bahn und umgekehrt. Du bist zuständig für die Hufpflege aller Pferde, das wird deine Hauptaufgabe sein. Wenn die Pferde heute zum Auftritt vorgeführt werden, wirst du dabei ebenfalls unterstützen, später bei allen Vorstellungen. Nachts ist immer einer der Inder von den Elefanten hier, der schaut nach den Pferden. Jetzt arbeite dich ein, Ivan weiß genau, wann wir mit dem Aufzäumen beginnen müssen. Ab morgen kannst du die Hufe der anderen Pferde prüfen.“

Paul nickte und hoffte, dass Ivan und Karl ihm helfen würden, das war schon eine Menge an neuen Sachen, aber er hatte es ja so gewollt. Meier klopfte ihm auf die Schultern und ging zu den Ponys, er schloss sich den anderen beiden an, die begonnen hatten zu füttern. Schnell hatte er sich dabei eingefuchst, zu den 12 Schimmeln kamen die Pferde der Tochter, 6 Ponys und ein großer Kaltblüter. Während ihre Pferde in Ständen standen, hatten die Zebras, Lamas und Kamele große Boxen, die bis vor das Zelt reichten. Hier fütterte ein Mann, der einen sehr dunklen Teint hatte, mehr konnte er nicht erkennen. Weiter hinten im Stallzelt standen 6 Elefanten, die von zwei Indern betreut wurden. Zwischendurch fragte er Karl: „Wer führt eigentlich welche Tiere vor?“

„Meier die Pferde und die Ponys, seine Tochter reitet und auf dem Kaltblüter sitzen 2 junge Frauen und machen Kunststücke.“ „Und der Rest?“ „Die anderen hat Hugo, den lernst du kennen.“ Ivan kam zu ihnen. „Ich gehe jetzt essen, ihr könnt die Geschirre an die Stände hängen. Wenn ich zurückkomme, geht ihr, ich mache die Pferde von ihr fertig.“

Er ging, die beiden holten die Geschirre aus einem Verschlag hinter Pauls Behausung vom Futterwagen. Nachdem die an ihren Plätzen hingen, putzten sie die mit weichen Lappen, bis Ivan zurückkam. Beide gingen zum Küchenwagen, erhielten ein Stück Fleisch, Kartoffeln und grüne Bohnen, soviel sie wollten. Gemeinsam aßen sie an einem Tisch, überall herrschte eine gespannte Ruhe vor dem ersten Auftritt heute Abend. Als sie allein am Tisch waren, nutzte Paul die Gelegenheit, um einige Fragen loszuwerden. „Bist du schon länger hier?“ fragte er Karl. „Seit einem Jahr, Juni letzten Jahres,“ antwortete der kauend. „Was hast du vorher gemacht?“

„War in einer Konservenfabrik, habe da Dosenbleche zurechtgeschnitten. Was anderes ging nicht, im Waisenhaus war es nicht so doll und in der Schule auch nicht, da hat es keinen interessiert, was man werden soll und will. Später kam der Zirkus in die Stadt und ich habe gefragt, ob ich mitmachen kann, da haben sie mich genommen. Seit der Zeit bin ich hier, musste das alles erst gründlich lernen, aber jetzt geht es gut.“ „Was hast du im Winter gemacht, als es keine Reisen gab?“ „Der Zirkus hat ein Winterquartier bei Minden. Da hat jeder ein Zimmer, es gibt viel zu tun, fast alle Tiere sind da und vieles muss repariert und gestrichen werden und neue Auftritte werden geprobt.“ „Bleiben alle dort?“ „Fast alle, einige der Artisten sind im Winter in Hallen oder Varietes, wo Winterprogramme ohne Tiere stattfinden.“ „Ist unser Dompteur, der Meier, eigentlich allein hier mit seiner Tochter unterwegs?“ „Ach wo, seine Frau ist eine der Sekretärinen des großen Chefs, die wohnen in einem der großen Wagen, die Tochter hat bei denen einen Raum.“ „Und wo schläfst du?“ „In einem der Mannschaftswagen. Da sind 6 Leute drin und jeder hat einen kleinen Verschlag für sich.“ „Und Ivan?“

„Der hat mit einer der Köchinnen einen Raum in einem anderen Wagen.“

Mittlerweile waren sie bereits wieder auf dem Weg zurück ins Stallzelt, die Arbeit wartete auf sie. Nacheinander wurden die Pferde aufgeschirrt und mit dem Kopf nach vorn im Stand angebunden. Meier und seine Tochter kamen dazu, beide bereits in den Anzügen für ihre Auftritte. Sie ganz in weißer Hose, schwarzem Blazer und Hut, er in Stiefeln und einer glitzernden Jacke. Mit dem gesattelten Rappen ging sie hinaus, stieg auf und ritt auf ihm zu einem kleinen freien Stück weiter hinten, um ihn aufzuwärmen. Mit dem Fuchs würde sie anschließend die Freiheitsdressur vorführen.

Nach ihr kam Meier mit den Ponys, die Großpferde waren kurz vor der Pause dran. Momentan war es ruhig im Zelt. Paul trat vor das Zelt, rauchte eine Zigarette und sah sich um. Von den Kassenwagen bis zum Zelt leuchteten Lichterketten, draußen liefen viele Menschen, die jetzt ganz anders gekleidet waren als vorhin. Vor den Kassenwagen standen viele Leute, um Karten zu kaufen. Eine leichte Unruhe herrschte im Zirkusbereich, Meier hatte ihm das vorhin gesagt, es war immer so vor einer Premiere an dem neuen Ort.

Im Zelt begann die Kapelle zu spielen und vor dem Artisteneingang sammelten sich einheitlich leicht bekleidete junge Frauen, das war das Zirkusballett, welches mit dem Direktor die Vorstellung eröffnen und anschließend in den Pausen zwischen den Nummern auftreten würde, das hatte ihm Karl erklärt.

„Paul, hilf mir mal,“ kam Ivans Stimme aus dem Zelt. Er hatte eine große Rolle mit dünnem Tau, an dem bunte Lappen befestigt waren, vor sich. „Wir müssen das rechts und links vom Stallzelt bis zum Manegeneingang spannen. Dadurch können die Pferde bis zum Eingang laufen, sie kennen ihre Reihenfolge ganz genau. Nur am Eingang müssen wir die ersten beiden halten. Wenn der Vorhang aufgeht, laufen sie allein rein. Das gilt für alle Pferde und die anderen Tiere hier im Zelt, außer den Elefanten.“ Wieder etwas Neues was Paul umsetzen musste, aber es leuchtete ihm völlig ein. Als er mit Ivan die Seile ausrollte und an Metallstäben festmachte, kam er dem großen Zelt immer näher. Dort redete gerade der Direktor, die ersten Artisten standen vor dem Eingang bereit. Neben dem Eingang befand sich ein großer Anhänger mit hohen metallenen Gittern, auf denen lagen viele halbrunde Metallkäfige.

„Wozu braucht man diese Sachen?“ fragte er Ivan. Der befestigte gerade die Leine am letzten Pfosten. „Das ist für die Raubtiere. In der Pause werden die hohen Metallgitter rund um die Manege gebaut und die halbrunden Gitter vom Eingang zu den Wagen mit den Raubtieren aufgestellt, damit die dadurch in die Manege kommen können.“ Paul sah sich interessiert um, nahe dem Eingang standen zwei vergitterte Wagen, in denen er die Löwen sehen konnte. Beide gingen zurück, aus dem großen Zelt war Beifall zu hören, die Musik setzte ein, das Programm rollte los. Als fünfter Programmpunkt war die Pferdedressur dran, danach die Tochter mit ihren Pferden. Die Spannung stieg, Männer in der Uniform, die er ebenfalls erhalten hatte, befanden sich vor dem Eingang des Zeltes und warteten auf ihren Einsatz. Ihm war das nicht gesagt worden, er trug sein normales Arbeitszeug. Allerdings trug Ivan diese Uniform, denn er würde ganz vorn hinter dem Vorhang stehen und den Einlass der Pferde dirigieren. Karl wies ihn in den Ablauf ein.

„Zuerst kommen die Schimmel, die haben eine einstudierte Reihenfolge, das kennen sie genau und das klappt. Anschließend kommen nach dem Zuruf von Ivan die Ponys, die haben ebenfalls ihre gewohnte Reihenfolge. Wir müssen sie nur alle schnell losmachen, damit sie rechtzeitig am Eingang sind. Die Schimmel kommen als erste zurück, die müssen schnell in ihre Stände und dort angebunden werden, später kommen die Ponys. Davor bringt Ivan den Fuchs der Tochter für die Freiheitsdressur nach vorne!“ Gespannt und aufgeregt wartete Paul auf das, was kommen würde. Karl stand außerhalb des Zeltes, hielt Blickkontakt zu Ivan und Paul.

„Noch haben wir Zeit, jetzt kommt erst die zweite Nummer, Zeit für eine Zigarette,“ rief Karl ihm zu, beide rauchten vor dem Zelt eine von Karl. Gespannt beobachtete Paul das Geschehen am Zelteingang, wieder verließen es Artisten, andere gingen hinein. Material wie Podeste und anderes wurde hinein und heraus getragen. Plötzlich hob Ivan vorne eine Hand, das war das Zeichen, beide liefen in das Stallzelt, lösten die Pferde in der Reihenfolge, wie sie standen, Als das führende Pferd Richtung Zelt ging, folgten alle anderen. Das letzte Pferd stand im Zelt, Paul hielt es, jetzt kam Bewegung in die Herde, nacheinander galoppierten sie in Richtung Manege.

„Das hat geklappt, jetzt kommen gleich die Ponys,“ rief Karl und stand wieder draußen. Lange dauerte es nicht, dann stürzte er ins Zelt: „Los jetzt!“ Wieder ging es schnell, es waren ja nicht so viele wie vorher. Dafür wurde es kurz danach turbulent, die Schimmel kamen nacheinander in Viererpacks zurück, beide hatten genug zu tun, sie in den Ständen festzubinden. Gerade war der letzte Schimmel festgebunden, als die ersten Ponys kamen, es ging von vorne los. Mit dem letzten Pony kam Ivan und sagte grinsend: „Alles gut!“, holte den Fuchs, der nur ein Kopfstück trug. Beide hatten alle Hände voll zu tun, die Pferde festzubinden, danach nahmen sie ihnen das Geschirr ab. Ivan kam zurück mit dem Reitpferd der Tochter und bald die mit dem Fuchs an einem Führstrick. Als letzter kam der Dompteur und rief: „Alles hat gut geklappt, wischt die Geschirre ab und gebt Heu, für heute haben wir es geschafft!“

Während die drei Männer arbeiteten, wurden die anderen exotischen Huftiere auf dem gleichen Weg in die Manege und zurückgebracht, nur der große Kaltblüter stand aufgezäumt in seinem Stand, sein Auftritt kam erst nach der Pause. Nur nebenbei bemerkten die Drei, dass in der Pause viele Besucher die Chance nutzten, sich die Tiere anzuschauen. Das war aber schnell zu Ende, die Kapelle spielte einen Tusch, die Menschen gingen zurück auf ihre Plätze. Alle Pferde hatten ihr Heu, die Geschirre waren geputzt, zu dritt gingen sie vor das Zelt, rauchten dort eine Zigarette.

„Das hast du gut gemacht, du bist eine echte Hilfe,“ sagte Ivan grinsend. „Danke, ich würde gern einmal schauen, wie die Raubtiere in die Manege kommen.“ „Mach das, aber pass auf, die teilen dich dabei ganz sicher zum Abbau ein,“ grinste Ivan ihn an. „Ich muss das mal sehen, bin gleich zurück!“ sagte Paul ging zum Eingang. Hell beleuchtet war der Platz vor dem Eingang, vom Wagen der Raubtiere bis zum Vorhang zog sich das Band der Laufkäfige. Gerade bekam er mit, wie ein großer Löwe mit wallender Mähne in das Zelt verschwand. Neben dem großen Mann, der ihn nachmittags angesprochen hatte, blieb er stehen und sah sich alles an. Wie alle anderen hier trug er die Uniform. Ruhig rauchte der Mann eine Zigarette, sah ihn kurz an und sagte: „Du kannst doch schweißen, ich komme morgen Vormittag bei euch vorbei, wir brauchen dich. Innen an den hohen Gittern sind mehrere Streben nicht mehr fest, die müssen angeschweißt werden!“ „Haben wir Gas und Material dafür?“ „Alles da, eine komplette Schweißausrüstung, aber keiner kann das richtig.“ „Ich bin bei den Pferden, kein Problem!“ „Gut, du kannst beim Abbau gleich mit anfassen, da zeige ich dir dabei die entsprechenden Stellen.“ Das war genau das, was Ivan ihm gesagt hatte, aber Paul trug es mit Fassung. Einiges ließ er sich von dem Mann erklären, schließlich war der Auftritt vorbei, nacheinander kamen die Löwen durch den Gittertunnel aus dem Zelt und verschwanden in ihrem Wagen.

„Bleib hier, du hast keine Uniform an,“ sagte der Mann, als 10 Männer in das Zelt stürmten, um die großen Gitter und den Tunnel abzubauen. Zwischen ihnen hindurch drängten sich 2 Clowns, welche den Abbau durch ihre Späße überbrücken sollten. Als die großen Gitter herauskamen, ließ der Vorarbeiter die defekten an den Wagen lehnen, der Rest kam auf den Anhänger. Als alles abgeräumt war, zeigte er Paul die defekten Stellen, was für den kein Problem war, das konnte er einfach festschweißen.

Weiter lief die Vorstellung, als er zum Stallzelt zurückkehrte. Dort standen am Eingang Ivan und Karl, plauderten mit drei jungen Frauen. Eine davon war in Frack und Zylinder gekleidet, hielt eine lange Peitsche in der Hand. Die beiden anderen trugen knappe Trikots und Ballettschuhe. „Das ist Paul, unser Neuer,“ sagte Karl, die Frau mit der Peitsche gab ihm die Hand. „Hi, wir sind die Flamingos und machen auf dem Kaltblüter unsere Kunststücke.“ „Hallo, nett, euch kennenzulernen, auf gute Zusammenarbeit!“ Kurz danach wurde es Zeit für die Frauen, sie holten den Kaltblüter und gingen Richtung Zelteingang.

Noch einmal putzten Paul und Karl die Geschirre, später schickte Ivan sie zum Essen. Bevor sie gingen, sah sich Paul fasziniert an, wie die 6 Elefanten aufgeputzt zu ihrem Auftritt marschierten. Im Küchenbereich war einiges los, alle, die aufgetreten waren, holten sich etwas zu essen und zu trinken. Es gab Brot, Käse und Aufschnitt, dazu Tee. Beide langten zu und plauderten dabei mit den Helfern der anderen Huftiere. Schließlich sagte Karl: „Ich gehe los und löse Ivan ab, trink erst deinen Tee aus.“ Das tat Paul, holte sich einen weiteren vollen Becher, da er großen Durst hatte. „Störe ich dich, wenn ich mich zu dir setze?“ es war die dunkelhaarige Frau mit der Peitsche von den Flamingos.

„Ach wo, lief alles gut?“ „Ja schon, aber schau dir bitte den linken Hinterhuf unseres Dicken an, ich glaube das Eisen dort ist locker.“ „Das mache ich gleich morgen früh, kein Problem. Ab morgen haben wir ja 2 Vorstellungen.“ „Genau und dazwischen sitze ich mit eine meiner Cousinen an der Tierschaukasse.“ „Oh, volles Programm, macht ihr das schon länger?“ „Ich komme aus einer Artistenfamilie, wie meine beiden Cousinen, wir kennen es nicht anders.“ Während sie aß und trank, plauderten sie, bis Ivan kam und er zum Zelt musste. Der hielt ihn kurz an. „Schaut nach den Ponys, wenn ich zurück bin, ist Schluss für heute.“

Bei den Ponys war alles ruhig, die Elefanten waren gerade zurückgekehrt. Im großen Zelt lief die Abschiedsparade, Ivan kam zurück. „Das war es für heute, ab in die Koje, morgen früh um 6 Uhr wecke ich euch zum Füttern!“ Gemächlich ging Paul zu seiner Unterkunft auf dem Anhänger, nahm dabei bewusst die Geräusche um sich herum wahr. Die Vorstellung war zu Ende, die letzten Leute verließen das Zelt, vereinzelte Tierlaute waren zu hören. Hinter sich verschloss er die Tür, räumte die Sachen in den Schrank, bezog sein Bett und stellte den alten Wecker seiner Großmutter. Kaum hatte er das Licht gelöscht und lag unter der Decke, als er schon schlief.

Der erste Tag

Um kurz vor 6 Uhr weckte ihn der rasselnde Wecker. Während er seine Zähne putzte, klopfte Ivan an der Tür. „Aufstehen, wir füttern gleich!“ Kurz richtete er sein Bett, ging zum Toilettenwagen und von dort zum Stallzelt. Ohne Worte erfolgte das Füttern, kurz nach ihm kam Karl und reihte sich mit einem kurzen „Moin“ ein. Ivan ging als erster zum Frühstück, die beiden versorgten die Tiere mit Heu und begannen zu misten. Bis auf die Ponys waren sie damit fertig, als Ivan zurückkam, das übernahm und sie zum Frühstück schickte. Mittlerweile war es 7 Uhr. Obwohl hier viele Leute saßen, ging es sehr ruhig zu, nur die wenigsten redeten. Als sie zurückkamen, hatte Ivan den Rest erledigt, sie rauchten gemeinsam vor dem Zelt eine Zigarette. Dabei sagte der etwas über den kommenden Tag. „Heute sind 2 Vorstellungen, davor und dazwischen die Tierschau, da können wir nicht viel machen. Paul, du sollst ins Büro kommen und der Vorarbeiter vom Zeltbau war da, um 10 Uhr sollst du dort schweißen. Dazwischen kannst du den Kaltblüter beschlagen. Karl und ich beginnen mit der Pferdepflege, bringen den Mist weg und streuen nach.“

Anfangs half Paul dabei, ging um 8 Uhr zum Bürowagen zu der netten Frau, die ihn bisher betreut hatte. „Guten Morgen, wie war die erste Nacht?“ fragte die lächelnd. „Kurz und traumlos, aber sehr erholsam,“ lächelte Paul zurück. „Gut, deine Ummeldung an das Winterquartier ist weg, du bist gemeldet bei der Krankenkasse und anderen Institutionen. Aber wir müssen dich beim Arbeitsamt abmelden. Weißt du, wie der oder die hieß, mit der du gesprochen hast?“ Paul sagte es ihr und sofort rief die Frau dort an, teilte mit, dass er jetzt beim Zirkus beschäftigt sei. Offenbar ging das problemlos, es war schnell erledigt und sie notierte es. „Etwas ganz anderes, bist du schon einmal geimpft worden?“ fragte sie. Paul holte aus seiner Brieftasche zwei Zettel und zeigte sie ihr.

„Gut, gegen TBC, Pocken und eine Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, aber sonst nichts. Du musst dringend gegen Tetanus geimpft werden, damit du geschützt bist. Gehe bitte beim Sanitätswagen vorbei und mach dort einen Termin.“ Kurz erklärte sie ihm, wo der war. Zu diesem Wagen mit dem Roten Kreuz außen ging er, davor saß eine ältere kompakte Frau und wickelte Binden auf. „Na mein Junge, was hast du für ein Problem?“ Sie trug eine große weiße Schürze, auf der das Zeichen des Roten Kreuzes eingefärbt war. Er sagte zu ihr, er solle sich gegen Tetanus impfen lassen. „Das ist hier sehr wichtig und muss sein. Heute bekomme ich neue Ampullen von dem Impfstoff, zwei andere müssen ebenfalls geimpft werden. Wenn du geimpft bist, solltest du anschließend nicht sofort eine schwere Arbeit machen, was machst du?“ Nachdem Paul es ihr gesagt hatte, sagte sie überlegend: „Das machen wir folgendermaßen: Du machst deine Arbeit fertig und wenn die Pferdenummer heute Nachmittag durch ist, kommst du zum Impfen! Sprich mit deinem Vorarbeiter, du solltest heute keine schweren Sachen mehr machen.“ Gegen 9 Uhr war er wieder im Stallzelt und erzählte das Ivan. „Alles klar, so machen wir das, die Schwester hat Recht, mit der legt sich keiner an, die setzt sich sehr gut durch! Also erst der Kaltblüter und anschließend das Schweißen jetzt.“

Nachdem er den Schmiedebereich aufgebaut hatte, holte er den Kaltblüter, wollte ihn gerade anbinden, als die Chefin der „Flamingos“ erschien. „Ich halte ihn fest und passe auf, dass nichts passiert,“ lachte sie. Während er seine Arbeit verrichtete, erfuhr er, sie hieß Ingrid und ihre Cousinen verkauften vor den Vorstellungen und danach Süßigkeiten im Zelt an die Zuschauer. Außerdem waren sie zu dritt bei der Be – und Endladung bei den Pferden dabei, führten die und die anderen Huftiere. Zu dritt wohnten sie in einem kleinen Wohnwagen. Als er fertig war, verabredeten sie sich zum Mittagsessen um 12.30 Uhr.

Es wurde Zeit zum Schweißen am Zelteingang zu gehen. Der Vorarbeiter empfing ihn dort, sagte: „Wir haben ein wenig vorgearbeitet, alle zu schweißenden Teile haben wir entrostet. Schau dir das Schweißgerät an, alles ist hier in der Schubkarre.“ Das tat Paul, stellte fest, es sei vollzählig und bereitete sich vor. 2 Männer hielten die großen stabilen Gitter als er so weit war und seine Brille aufgesetzt hatte. Nach einem kurzen Test ging die Arbeit gut voran, 5 Stäbe wurden wieder mit der Grundstruktur verbunden. Nachdem alles bearbeitet war, überprüfte er die vorhandenen Gasflaschen und die Brenner. „Wir sollten 2 Flaschen und einige Brenner als Reserve holen, man weiß nie, wieviel man beim nächsten Mal braucht,“ sagte er dem Vorarbeiter. „Stimmt, du hast Recht, da werde ich mich drum kümmern,“ antwortete der. Später sollten die Schweißstellen übermalt werden, aber das würden die beiden anderen Männer tun. „Wenn etwas ist, ihr wisst ja, wo ich bin. Will jetzt etwas essen und werde dann gegen Tetanus geimpft.“ „Alles klar, danke. Das ist wichtig mit der Impfung, man kann sich hier überall schnell verletzen!“

Als er in der Schlange vor der Essenausgabe stand, sah er Ingrid an einem der Tische sitzen, sie aß bereits. Zu ihr setzte er sich, beide wünschten einander „Guten Appetit“. Während sie aßen, plauderten sie über ihre beider Aufgaben an diesem Tag. Nach dem Essen würde Ingrid die Kasse für die Tierschau übernehmen und diese nach der Pause einer der Frauen des Balletts übergeben, da sie danach ihren Auftritt hatte. „Wie lange bleiben wir eigentlich hier in der Stadt?“ fragte Paul. „Bis Sonntag, nach der Abendvorstellung wird verladen.“ „Wohin geht es?“ „Nach Osnabrück und anschließend entlang der Ems an die Küste.“ „Da bin ich gespannt, bin vorher nur bis in diese Stadt gekommen.“ „Da wird es wirklich Zeit, dass du mal etwas anderes siehst,“ grinste sie.

Sie verabschiedeten sich und gingen an ihre Arbeit. Im Stallzelt half Paul beim Füttern und meldete sich später ab zum Impfen. Mit ihm waren 2 Männer und 2 Frauen dort, alle sollten geimpft werden. Vorher belehrte sie die Chefin der Station, sie sollten heute keine schwere Arbeit mehr tun, sich schonen. Nacheinander holte sie die beiden Frauen in den Wagen, Paul plauderte mit den Männern, beide gehörten zur Zeltbaumannschaft. Er war als nächster dran, erhielt die Spritze in den linken Oberarm, die Frau vermerkte die Impfung auf seinem Zettel mit den anderen Impfungen. Rechtzeitig war er zurück, um beim Herrichten der Pferde zu helfen. Ihr Dompteur war bereits da und sagte zu ihm: „Du bist geimpft, halte dich ein wenig zurück, ich weiß, was es für Probleme gibt, wenn man es nicht tut!“ Paul nickte und achtete darauf, seinen Arm nicht zu überanstrengen, Mittlerweile waren die Stallungen für die Tierschau geöffnet, durch die Zelte schoben sich viele Leute mit Kindern und bestaunten die fremdländischen Tiere. Als über Lautsprecher durchgesagt wurde, das Programm würde gleich beginnen, leerten sich die Zelte und sie hatten Zeit, sich einen Kaffee aus der Küche zu gönnen, eine Zigarette dabei zu rauchen. Heute wurden die Pferde nicht abgeschirrt, nur die Trensen abgenommen, damit sie fressen konnten, schließlich kam später die Abendvorstellung.

Nachdem ihre Nummern gut gelaufen und die Pferde wieder in ihren Ständen waren, gingen Ivan und Paul als erste zum Essen. Dabei sagte ihm Ivan, er würde seine Sachen sehr ordentlich machen, am nächsten Morgen würde er ihm erklären, was er bei der Verladung zu tun hätte. Die Abendveranstaltung lief gut, anschließend warteten sie im Stallzelt, bis die „Flamingos“ zurück waren, nun war Schluss für heute. Schnell verschwand Paul in seinem Wagen, sein linker Arm pochte etwas. Daher schlief er auf der rechten Seite und als er am nächsten Morgen aufwachte, war alles wieder in Ordnung.

Nach dem Füttern, Misten und dem Frühstück begannen sie mit der Hufmusterung der anderen Schimmel. Dabei erklärte ihm Ivan seine Aufgaben für die Bahnbe- und endladung. Als erstes seien die Pferde zum Bahnhof zu bringen, alle! Dabei halfen die Tochter des Dompteurs und die „Flamingos“. Danach sei das Tierzelt abzubauen, von ihnen seien das Karl, er und die zwei Helfer der anderen Huftiere. Heute käme eine neue Ladung Stroh und Heu, die musste auf den Futteranhänger und teilweise ins Stallzelt verladen werden. Dazu kamen auf den Anhänger die Geschirre und anderes Zubehör. Der restliche Mist des Stallzeltes sollte auf den Treckeranhänger verladen werden, mit dem der Bauer das neue Raufutter brachte. Während Ivan und Karl bei den Pferden im Waggon mitfahren würden, sollte Paul im Futterwagen bleiben und am nächsten Morgen mit einem der Traktoren zum errichteten Stallzelt fahren, um dort einzustreuen. Während seiner Arbeit an den Hufen, hörte Paul zu, stellte gelegentlich Zwischenfragen. So wie es geplant war, schien es sehr gut organisiert zu sein, es hatte sich offensichtlich bewährt. 6 Pferde waren fertig, als der Bauer mit dem Stroh und Heu kam. Der erste Anhänger wurde auf den Futterwagen verladen, ein zweiter kam zu den anderen Huftieren, die einen ähnlichen Wagen hatten. Auf dem dritten Anhänger befand sich frisch gemähtes Gras, was mit der Masse für die Elefanten vorgesehen war. Es gab viel zu tun, daher fiel es Paul gar nicht auf, dass heute Sonntag war.

Rechtzeitig zum Beginn der Tierschau waren sie fertig und gingen abwechselnd essen. Dabei fragte ihn eine der Cousinen Ingrids, ob er Zeit hätte, heute ihren Kaltblüter vor ihrem Auftritt zu longieren, der bräuchte unbedingt mehr Bewegung. Dem stimmte Paul zu, wollte das nach ihrem Auftritt tun. Als er davon im Zelt erzählte, sagte die Tochter des Dompteurs: „Eine gute Idee, kannst du das danach mit dem Fuchs tun, der sollte ebenfalls mehr Bewegung haben.“ „Das tue ich jetzt gleich, bevor der Rest aufgeschirrt wird.“

Sie brachte ihm die Longierleine und eine lange Peitsche, er ging mit dem Fuchs in den Bereich, wo