Paul, sprich mit mir - Franziska Vierock - E-Book

Paul, sprich mit mir E-Book

Franziska Vierock

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Beschreibung

In der ergreifenden und psychologisch überaus subtilen Erzählung wird der Leser Zeuge einer Explosion der Gefühle, die die unerfüllte große Liebe der Autorin entfacht und die sie in eine schwere Lebenskrise stürzt. In ihrer Verzweiflung flüchtet die Autorin in eine fiktive Beziehung, die sie der Realität entrückt und ihr erlaubt, Ohnmacht und Schmerz, Sehnsucht und Begehren im Dialog mit dem fiktiven Partner auszuleben.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gewidmet all denen, die lieben - und nicht gelernt haben, miteinander zu reden, denn Schweigen führt von vornherein ins Aus!

Wenn mir heute Morgen jemand gesagt hätte, dass sich mein Leben von Grund auf ändern würde, so hätte ich wahrscheinlich laut gelacht! Der Tag begann wie jeder andere im Winter: Aufstehen, frühstücken, aufräumen, einkaufen, kochen; mit einem Wort: der tägliche Trott einer Hausfrau. Nur, dass ich keine Hausfrau bin, sondern meine Eltern versorge.

Doch dieser Abend sollte sich für mich darin unterscheiden, dass ich ihn nicht zu Hause vor dem Fernseher verbringen würde. Und nun bin ich auf dem Weg in die Stadt, genauer gesagt, in den Pavillon des alten Botanischen Gartens, wo heute um 17 Uhr eine Vernissage stattfindet. Ich liebe den alten Botanischen Garten und jedes Mal wieder erfreut mich der Anblick der alten Bäume, die sich nun unter der dicken, weißen Last des Schnees behaupten müssen und zu zerbrechen scheinen. Nur noch ein paar Schritte, die Türe geöffnet und schon umfängt mich warme Luft, die meine Nase in Aktion versetzt.

Lore, meine Freundin, kommt auf mich zu. Durch ihre dunklen, langen Haare und ihren indianermäßigen Gesichtsausdruck ist. sie bei allen hier anwesenden Künstlern beliebt und mehr, so die Seele des Ganzen.

"Schön, dass du gekommen bist!"

"Ich habe es dir doch versprochen!"

"Ich hatte nicht damit gerechnet bei diesem Wetter. Aber wenn du willst, kannst du mir beim Weineinschenken helfen."

"Natürlich, dazu bin ich doch gekommen."

"Du, übrigens, am Samstag feiern wir bei uns zu Hause Fasching. Du kannst gerne kommen."

"Gut, ich werde es mir noch überlegen."

"Siehst du den Herrn dort drüben? Ich habe ihn hier noch nie gesehen. Aber Johannes sagte mir, er sei Architekt."

Noch ist die Vernissage nicht eröffnet. Der Hauptredner, Herr Kaiser, tritt in die Mitte des Raumes und bittet um Ruhe. Für einen Augenblick verstummt das Getuschel.

"Und somit eröffne ich die Ausstellung und hoffe auf eine gute Kritik sowie finanziellen Erfolg!"

Das war es. Unterdessen hat sich der Raum noch mehr gefüllt.

Gehen wir ein paar Stunden zurück. Der Architekt Paul Stramm hat eben sein Büro geschlossen und ist auf dem Weg nach Hause. Auf dem Schreibtisch seiner Sekretärin sieht er eine Einladung liegen für eine Vernissage der bildenden Künstler im alten Botanischen Garten. Eigentlich könnte er da doch hingehen. Nach Hause kommt er noch früh genug. Ein Blick in den Spiegel lässt ihn befriedigt den Mantel schließen. Ja, er kann sich sehen lassen: seine Haare sind noch nicht zu grau, kein Bauch, die Figur in Ordnung, und sein Gesicht? Die Lachfalten um die Augen, die stehen ihm doch ausgezeichnet, ja, auf die ist er sogar stolz. Für seine 50 Jahre sieht er noch gut aus, das weiß er selbst, und wie er auf Frauen wirkt ebenso. Doch wieder einmal alleine wohin gehen, das wäre schon etwas: Dazu verspürt er sogar direkt Lust. Einfach wieder unter anderen Leuten zu sein als die ewigen Geschäftsleute und nichts mehr hören müssen von Preisen, Aufträgen und dem Feilschen um Prozente. Während er seinen dunkelblauen Porsche besteigt, fragt er sich, was ist aus ihm geworden ist Vor Jahren, als er zu arbeiten begann, selbstständig wurde, da verkehrte er noch in Studentenkreisen und kannte viele Leute von der Akademie der bildenden Künste. Ja, er besuchte dort auch Kurse und hatte Spaß am Aktzeichnen. Und heute, heute ist er in erster Linie Geschäftsmann, muss er ja sein, und dann erst freischaffender Künstler. Geld hat sie ihm gebracht, die Arbeit: aber was sonst? Frauen, die sich alle nur als die Frau fühlten, aufspielten und meinten, sie seien die Einzige, die für ihn infrage kommt, Partys zum Langweilen mit den ewigen Sektgelagen.

Und so lenkt er den Wagen Richtung Innenstadt. Wenn es ihm nicht gefällt, kann er ja jederzeit gehen, denn so alleine hat er ja keine Verpflichtung. Er parkt hinter dem Gebäude in der Sophienstraße, wo er glücklicherweise gerade einen freien Parkplatz erwischt hat. Die wenigen Schritte durch den Schnee machen ihm Spaß und so ganz ohne Gedanken an das Kommende betritt er den Pavillon. Lange war er schon nicht mehr hier, und alte Erinnerungen werden wach, wie z. B. an den Sommer, als ein Indianer echte Indianertänze aufgeführt hatte, und noch gut kann er sich an die bronzebraune Haut erinnern. Die Eigenart der Tänze hatte damals starken Eindruck auf ihn gemacht.

Die Menschen sind ihm fremd bis auf einen Herrn. Den hat er schon einmal gesehen, wenn er nur wüsste, wo? Und so betrachtet er sich die Bilder. Eine Figur, eine sitzende Frau, hat es ihm angetan und noch etwas nimmt ihn gefangen, diese Frau dort an der Theke. Und so holt er sich ein Glas Sekt. Er kann einfach nicht sagen, warum ihn das Gesicht fesselt. Die Haare, sie sind nicht auffallend, ihre Art, die Gläser zu reichen? Nein, vielleicht ist es doch nur der kurze Blick aus ihren Augen, die so offen auf seinem Gesicht ruhten, so abwägend?

Ja, das ist es; sie macht den Eindruck einer in sich ruhenden Frau: das Lächeln um ihren Mund, richtig warm ist ihm geworden.

Und so bleibt er vor der sitzenden Frau stehen und ist ganz in Gedanken versunken. Bilder ziehen vor seinen Augen vorbei und er fühlt sich in seine Studentenzeit zurückversetzt. Ein fast wehmütiges Gefühl bemächtigt sich seiner. Immer wieder schweift sein Blick zur Theke zurück – erinnert ihn an Faschingsfeste im alten Regina, Faschingsfeste, auf denen man tanzte, bis einem die Füße versagten, und das Geld noch so knapp war, dass mehrere zusammenlegten, damit es eine Maß Bier ergab. Wie glücklich war er damals, wie frei sein Herz und sein Sinn, und heute – heute ist er ein Gefangener seines Berufes, seines Besitzes, und fühlt sich bald nicht mehr fähig, seine Gefühle freizulassen, dazu zu stehen. Er fühlt auch, dass er etwas tun muss, um aus diesem Gefängnis auszubrechen. Doch so einfach ist das nicht, zu fest ist er schon darin eingemauert, ein Teil des Ganzen, und dann fragt er sich: Will er denn noch so empfinden wie früher, ist dies nicht viel zu anstrengend? Und was bringt es ihm? Sollte er nicht diese Gedanken aus seinem Kopf verbannen? Einfach so weiterleben wie bisher, das ist doch das Einfachste. Letzten Endes fühlt er sich dabei zufrieden, aber nicht glücklich.

Und was ist überhaupt Glück? Ein Moment der Illusion, ein kurzer Augenblick einer Empfindung oder doch mehr? Gehört das Glück zur Erfüllung des Lebens? So steht er da und unfähig, sich auf die Bilder zu konzentrieren, hat er das Gefühl, als empfände er das alles nicht wirklich.

Eben wurde die Vernissage eröffnet. Trotz des schlechten Wetters haben sich viele Gäste eingefunden und es summt wie in einem Bienenhaus. Am meisten belagert ist wie üblich das Buffet. Man sollte es nicht für möglich halten, dass in der heutigen Zeit das Essen und Trinken noch einen solchen Reiz ausüben. Hunger ist es wohl nicht, eher die Langeweile. Ja, und so stehen die Menschen vor den Bildern in kleinen Gruppen und diskutieren. Reden ist ja so schön, und je besser man diese "Umgangssprache" beherrscht, desto mehr Ansehen genießt man, ein Ansehen, das zwar fragwürdig erscheint, aber doch so gut die Leere der Sprechenden als auch der Zuhörer zu füllen vermag.

Wenn ich hingegangen bin, so meiner Freundin zuliebe, um ihr am Buffet zu helfen. Viele der ausstellenden Künstler kenne ich und weiß, wie wichtig es für sie ist, Anerkennung zu finden, die sie so notwendig brauchen wie andere das Brot.

Nun, ich, Franziska Elfes mit Namen, selbst aus einer sogenannten Künstlerfamilie stammend, weiß um die inneren Kämpfe dieser Menschen, die sich hier in Szene setzen, um Anerkennung heischen wie ein Hund um den Knochen. Doch auch ein paar Menschen sind darunter, die sich nicht an den Gesprächen beteiligen. Dort, vor dem Bildnis des Meeres mit seinem tiefen Blau und dem leuchtend gelben Ginster steht ein Mann, der mir auf den ersten Blick gefallen könnte. Die schlanke Statur, die braunen Haare und noch mehr die Hände haben es mir angetan. Erinnerungen werden wach, Erinnerungen an eine Zeit, da die Menschen noch fröhlicher sein konnten, auch wenn es diesen Luxus noch nicht gab, eine Zeit, in der man sich noch amüsieren konnte, das Geld noch nicht alles war. Und so schlendere ich, ein Sektglas in der Hand, zu diesem Bildnis und stelle mich daneben. Ja, es ist vielleicht das einzige Bild, das ich mir kaufen würde.

"Gefällt Ihnen das Bild?"

"Ja."

Und nun sieht mich dieser Mann an.

"Haben Sie auch mit diesem Kreis zu tun?"

"Nein."

"Gefällt Ihnen diese Ausstellung? Was gefällt Ihnen am besten?"

"Dort auf dem Sockel, die Figur der sitzenden Frau. Für 500,- finde ich sie preiswert."

"Und sonst?"

"Eigentlich nichts!"

"Ich heiße Paul Stramm!"

"Franziska Elfes"

"Würden Sie es für sehr aufdringlich halten, wenn ich Sie frage, ob Sie mit mir hier weggehen könnten? – Ich würde mich gerne noch etwas mit Ihnen unterhalten. Aber nicht hier, denn ich entnehme Ihren Reden, dass Sie sich auch nicht besonders unterhalten.

Eigentlich hätte ich Lust, wieder einmal tanzen zu gehen. Es müsste doch Spaß machen, sich in das Faschingsgetümmel zu stürzen.

Kommen Sie mit? – Schauen Sie mich nicht so an. Es ist sonst auch nicht meine Art, einfach fremde Menschen anzureden und einzuladen. Verzeihen Sie, aber in Ihrer Gegenwart fühle ich mich einfach wohl. Oder vertrauen Sie mir nicht?"

"Also, vertrauen vielleicht nicht. Aber gut, lassen Sie uns hier weggehen! Ich hole nur noch meinen Mantel."

"Gut, ich warte draußen."

"So, da sind Sie ja! Und wo darf ich Sie hinführen?"

"Machen Sie einen Vorschlag, ich weiß kein Lokal. Die ganzen Faschingshochburgen der früheren Jahre sind ja nicht mehr, vielleicht in den Bayerischen Hof?"

"Gut, dann lassen Sie uns unser Glück versuchen!"

Unterdessen sind wir zu seinem Wagen gegangen, steigen ein und fahren die kurze Strecke. Währenddessen schaue ich mir den Mann an und muss zugeben, dass er mir gefällt. Es ist bestimmt nicht meine Art, einfach mit einem fremden Mann mitzugehen. Doch irgendetwas zieht mich zu ihm hin und so ist es eben geschehen.

Aufpassen werde ich schon auf mich und ein Lokal ist ja auch keine Stätte des Lasters. Und irgendwie habe ich heute so eine Stimmung, die ich gefährlich nennen möchte. Gesprächig ist er ja nicht gerade, fährt es mir durch den Kopf. Was soll's, ausreißen kann ich immer noch!

Wir befinden uns bald im Getümmel der Maskierten. Ich finde es herrlich, wieder einmal nach langer Zeit zu tanzen, es macht mir ungeheuren Spaß. Ich habe auch Glück mit meinem Tänzer. Er führt mich gut und leicht, sodass die Füße wie von selbst über das Parkett schweben.

"Darf ich Sie etwas fragen? Tun Sie das oft, einfach mit anderen Menschen mitgehen?"

"Was glauben Sie?"

"Was soll ich glauben?"

"Es liegt an Ihnen."

"Nun, ich glaube, dass ich mir gratulieren kann. Sie sind sehr direkt und das gefällt mir an Ihnen."

"Nein, wirklich?"

Statt einer Antwort drückt er mir einen Kuss auf den Mund.

"Meine schöne Unbekannte, man soll nie zu viel fragen."

"Und trotzdem, was haben Sie für einen Beruf?"

"Ich bin Architekt"

"Und Sie, haben Sie auch mit Künstlern zu tun? Ich könnte mir denken, dass in Ihrem Kopf ein ganzes Paket Fantasie verborgen ist.

Hab ich recht?"

"Vielleicht?"

"Nun, verlegen sind Sie nicht, das gefällt mir an Ihnen."

"Täuschen Sie sich nicht, ich bin auf der Hut."

"Das sollten Sie auch! Und wenn ich jetzt sage, Sie sind mir sympathisch, so ist es ernst gemeint."

Verdammt, warum schaut er mich nur so durchdringend an? Diesem Blick kann ich nicht lange standhalten.

"Bravo, Franziska! Lassen Sie uns etwas trinken!"

Diese blauen Augen sehen mich verdammt schelmisch an. Und warum werde ich nur so verlegen? Ich fühle, dass es mich erwischt hat, wie man so schön sagt, und dass alle meine guten Vorsätze auf einmal verflogen sind. Was denkt er sich nur? Ich bin doch keine Frau, die mit dem Erstbesten mitgeht. Oder doch?

Wir sitzen an der Bar und trinken ein Glas Sekt.

"Hat Ihnen die Frau wirklich so gut gefallen?"

"Ja, mir gefällt die Form. Sie spricht mich an. Ich mag nicht das lange Gerede, das Zerreden. Entweder es gefällt mir oder nicht."

Er schüttelt den Kopf.

"Ja, und ich gefalle Ihnen also auch?"

"Hu, das ist aber –"

Mir bleibt die Spucke weg.

"Gemein, wollten Sie sagen?"

Ich schüttle den Kopf.

"Warum sagen Sie es nicht? Haben Sie plötzlich Angst vor mir bekommen?"

"Ich bin sprachlos, Sie gehen aber ran!"

"Sie dachten es aber doch? – Hab ich recht?"

"Ja, Sie haben recht! Zufrieden!"

Was soll ich nur von ihm halten? Und dabei fühle ich ganz genau, dass ich verloren bin. Ich kann ja nicht mehr klar denken, was bestimmt nicht vom Alkohol kommt! Habe ich in meiner tiefsten Sehnsucht immer von so einem Mann geträumt? Was ist bloß mit mir passiert? So schnell kann man doch nicht willenlos werden?

"Warum so schweigsam? Müde?"

Aha, jetzt geht er aufs Ganze! – Aber eigentlich bin ich doch selbst schon in dieser Stimmung gefühlsmäßiger Schwerelosigkeit.

"Ja, etwas müde schon."

"Franziska, kommen Sie!"

Wir gehen zur Garderobe, holen unsere Mäntel, gehen zum Auto, steigen ein und sehen uns beide schweigend an.

"Bitte, jetzt kein Kommentar! Vertrauen Sie mir!"

Seine Hand legt sich auf mein Knie. Mit der anderen Hand dreht er den Zündschlüssel um.

Und ich vertraue ihm, vertraue ihm, als sei es das einzige Richtige.

Ich kann nicht mehr anders, weil ich mich so wohl fühle wie schon lange nicht mehr.

Wir fahren Richtung Grünwald.

Auch er denkt: Warum nur ausgerechnet diese Frau, die er überhaupt nicht kennt, nur das Gefühl hat, alles, was er tut, ist richtig. Sie gefällt ihm. Und um alles in der Welt möchte er sie nicht verlassen.

Er, Paul, der Erfolg hat und auch jede Menge Frauen, wenn er will, wird auf einmal still und schweigsam. Auf was hat er sich da nur eingelassen?

"Franziska, wir sind gleich da. Ich würde Ihnen gerne Arbeiten von mir zeigen, einfach so, weil ich das Gefühl habe, dass Sie sich wirklich dafür interessieren könnten."

Sein Lächeln ist auf einmal gar nicht mehr schelmisch und herausfordernd, eher zärtlich – zärtlich wie seine Hände, fährt es mir durch den Kopf.

"Gut, wenn Sie meinen? Aber ich verstehe nichts davon."

"Und Ihr Gefühl?"

"Das ist unfair!"

Wir halten vor einem Villengrundstück, gehen durch einen großen Garten. Er öffnet mir die Türe. Mein Kopf registriert automatisch die kupfernen Türbeschläge, die solide Arbeit. Er geht voran in das Haus und alsbald sehe ich mich in einem großen Wohnzimmer stehen, welches durch das rötliche Palisanderholz einen gemütlichen, anheimelnden Eindruck auf mich macht. Paul zündet ein Feuer im Kamin an und löscht das große Licht. Und nun legt er eine Platte auf mit zärtlicher Musik.

Ja, so habe ich mir das vorgestellt, leise Musik, Alkohol, um uns eine Atmosphäre, geschwängert durch die Einmaligkeit seiner Ausstrahlung..

"Setzen Sie sich doch!"

Ich setze mich in die Nähe des Kamins und schaue mich im Raum um.

"Zufrieden?"

Ich schüttle den Kopf.

"Das darf doch nicht wahr sein!"

"Was?"

"Das alles! – Ich träume doch nicht!"

"Nein, Sie träumen nicht, Franziska"

Wenn ich bloß nicht so müde würde auf einmal. Und er sieht mich so aufmerksam an. Es ist auch eine eigenartige Müdigkeit.

"Möchten Sie sich frischmachen? – Dort hinter der Türe ist das Bad!"

Er geht vorneweg und öffnet mir die Türe.

"Hier bitte, und dort liegen Handtücher!"

Ich stehe im Bad, einem Bad zum Träumen mit einem großen hellen Fenster, schwarzen Fliesen, gelbem Boden und gelber Einrichtung.

Ein großer runder Spiegel wird von einer verdeckten Beleuchtung angestrahlt. Paul ist wieder zurückgegangen und so mache ich mich frisch. Ins leere Wohnzimmer zurückgekommen, setze ich mich auf den dicken Teppich vor dem Kamin.

Paul kommt zurück.

"Möchten Sie meine Pläne sehen?"

"Oh, ich dachte schon, Sie hätten dies nur so gesagt."

"Kommen Sie hierher an den Tisch!"

Er breitet Pläne vor mir aus, zeigt mir Grundrisse, die mir gefallen.

Ich stehe neben ihm und fühle die körperliche Nähe.

"Sehen Sie, und hier ein Traum von mir, ein marokkanischer Palast."

"Mein Gott, ist das schön! Das ist ja wie ein Traum, ein Traum aus Tausendundeiner Nacht!"

"Passen Sie auf."

Er geht an den Wandschrank und entnimmt ihm eine goldene Tasse.

Dieses Porzellan habe ich schon im Rosenthal-Haus bewundert.

"Gefällt sie Ihnen?"

"Das fragen Sie noch?"

"Behalten Sie die Tasse als Andenken an den heutigen Abend."

"Aber das geht doch nicht."

"Bitte, sagen Sie nicht Nein. Warten Sie, ich habe ein Kleid für Sie, das Ihnen bestimmt ganz ausgezeichnet steht. Ziehen Sie es bitte an, machen Sie mir die Freude. Ich bin gleich zurück."

Er kommt zurück und hält mir ein Kleid hin, einen gelb besticken Kaftan.

"Probieren Sie ihn, er passt bestimmt! – So, und nun wird das Märchen wahr für heute Nacht, Franziska: Lassen Sie uns diese Nacht nicht vertun, unnütz vertun. Lassen Sie uns das Märchen feiern!"

Sein zärtlicher Blick macht mich ganz schwach. Was ist es nur, dass ich alles um mich herum vergesse? Ja, ich will den Mann auch, und wenn es nur für diese Nacht ist. – Ich nicke mit dem Kopf.

"Sie sind schön. Es gefällt mir, dass Sie kaum geschminkt sind, kommen Sie."

Er zieht mich an der Hand Richtung Bad. Daneben ist noch eine verdeckte Türe, die direkt ins Schlafzimmer führt. Ein großes Bett nimmt die eine Seite ein. Gegenüber führt eine breite Terrassentür in den Garten. Es ist ein Märchen, das gibt es doch nicht wirklich. Und nun hebt er mich hoch und legt mich auf das Bett.

"Franziska?"

Seine Arme halten mich fest umschlungen und sein Mund? – Er versteht sein Handwerk, stelle ich fest. Ein leises Prickeln erfasst meine Glieder, Wollust packt mich.

"Paul?"

Ich verliere mich in seinen Armen, sinke ins Bodenlose und spüre nur noch das heiße Begehren meines Körpers und mein Verlangen nach der Wärme seines Blutes.

"Franziska, ich träume doch nicht?"

''Nun, ich hoffe nicht? – Du?"

"Ja, du, ich kann dich doch jetzt nicht mehr siezen?"

Zärtlich streicheln seine Hände meinen Körper und wieder erwacht in mir das Verlangen. Auch ich gehe zum Angriff über und alsbald kugeln wir beide quer durch das Bett. Es ist einfach herrlich und ich kann nicht genug bekommen, genug von diesem zärtlichen Spiel.

Und zärtlich ist er trotz seines Verlangens, seines Forderns. Ohne jeden Willen folge ich seinem Begehren, bis wir beide voller körperlicher Müdigkeit nebeneinander liegen.

"Kann ich etwas zu trinken haben?"

"Natürlich!"

"Bitte keinen Alkohol!"

Er holt mir ein Glas Orangensaft, kommt zurück, sitzt auf dem Bettrand und betrachtet mich. Was mag er wohl denken? Natürlich wird er mich für ein leichtes Mädchen halten, muss er ja, so wie ich mich gegeben habe.

Er schüttelt den Kopf und legt sich neben mich. Beide gehen wir unseren Gedanken nach.

Wie soll ich nur diese Frau einschätzen? Kann sie wirklich so unbefangen sein? Oder ist es nur Raffinesse? Nein, das kann es nicht sein. Aber so unverdorben, in diesem Alter, das wäre ja – was soll ich nur glauben? Hoffentlich habe ich da nicht etwas kaputt gemacht.

Verdammt, mich hat es ja erwischt! – Ich finde es herrlich, wie sie sich gibt. – Da habe ich einen Schmetterling in der Hand und muss verdammt aufpassen, dass er mir nicht wieder wegfliegt.

"Mein Gott, hast du mich glücklich gemacht. Und so etwas läuft noch frei herum? Oder bist du gebunden? – Sag jetzt nur nicht ja!"

"Nein, ich bin nicht gebunden!"

"Dann kannst du ja bleiben! Du musst bleiben!"

Es ist lange nach Mitternacht, als der Mond zwei friedliche Schläfer bescheint. Im Schlaf redet Paul noch immer leise vor sich hin. Und nur die liebenswürdige Unordnung der vorhergegangenen Schlacht erinnert noch an diesen Abend.

Kling-kling-kling. Der Wecker läutet. Paul wird wach und greift noch schlaftrunken danach, stellt ihn ab. Neben ihm schläft Franziska tief und fest. Vorsichtig befreit er sich von der Bettdecke und geht leise ins Bad. Den Termin heute um 9 Uhr hätte er beinahe vergessen. Mensch, ich muss unbedingt hingehen. Aber was mache ich nur mit ihr? Soll ich sie wecken oder nicht? Nein, ich lasse sie weiterschlafen.

Während er sich wäscht, jagt ein Gedanke den anderen. Und so begibt er sich in das Wohnzimmer, reißt einen Zettel vom Block und fängt an zu schreiben:

"Guten Morgen, Franziska, gut geschlafen? Ich bin bald zurück. Ich habe einen wichtigen Termin, den ich nicht mehr verschieben kann.

Solltest du nicht warten können, was ich nicht hoffe, so hinterlasse mir bitte deine Adresse. Die Türe brauchst du nur zuzuschlagen, sie hat ein Spezialschloss. Zu essen findest du in der Küche links neben dem Eingang. Bis bald – Paul!''

Diese Zeilen legt er mir auf den Nachttisch. Vorsichtig deckt er mich zu und verlässt den Raum. Noch schnell ein paar Bissen Brot und einen Schluck kalten Kaffee. Zu mehr reicht die Zeit nicht mehr. Mit Plänen unterm Arm verlässt er die Wohnung. Das Auto ist eiskalt.

Ihn schüttelt es. Was gäbe er dafür, im warmen Bett bleiben zu können! Und so fährt er stadteinwärts. Hoffentlich ist sie noch da, wenn er zurückkommt. Aber in Handtaschen zu schnüffeln, ist nicht seine Art. Voller Zärtlichkeit denkt er an sie und hätte bald ein Rotlicht überfahren. Nun, noch einmal Glück gehabt!

Ich werde wach, sehe das Bett leer neben mir und finde die Zeilen.

Und jetzt erst bei Tageslicht sehe ich so richtig den Luxus dieser Wohnung. Mein Gott, wie ärmlich ist dagegen mein Zuhause und doch wohne ich auch nicht schlecht. So stehe ich auf, ziehe mich an.

Zart streicheln meine Hände über den Kaftan. Dann lege ich ihn ordentlich zusammen. So langsam kehren auch die Empfindungen der letzten Nacht zurück. Ich werde immer mehr befangen. Nur fort von hier, fort! Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer steht noch die goldene Mokkatasse. Nun noch in den Mantel! – Halt, was stand auf dem Zettel? Die Türe einfach zuschlagen. Also, das wäre er gewesen, der Traum aus Tausendundeiner Nacht!

Die Türe fest zu. Und so gehe ich schnellen Schrittes tief durch- und aufatmend in Richtung Straßenbahn, den Mantel fest geschlossen, die Hände tief in den Taschen vergraben. Es fängt immer dichter an zu schneien, ein nasskalter Schnee, der alles unter einer weißen Decke begräbt. So ist mir auch zumute, teils traurig, teils voller Zärtlichkeit der vergangenen Stunden gedenkend. Dieses Wetter passt so richtig zu meiner augenblicklichen Gemütslage. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? – Wenn es auch sehr schön war. Aber im Nachhinein bekomme ich es noch mit der Angst zu tun und mein Gewissen schlägt Alarm: Du solltest dich schämen! –Ich schäme mich ja. In dieser eigenartigen Verfassung steige ich in die Straßenbahn und hätte fast das Stempeln vergessen. – Etwas drängt mich, dies alles weit wegzuschieben, als wäre es nie gewesen und doch ist etwas da, was mich von innen heraus erwärmt. Ich denke:

Gut, dass er nur meinen Namen weiß, den er hoffentlich vergessen hat. Ich kann ihn nicht wiedersehen. Was hätte es für einen Sinn?

Noch ein paar schöne Stunden und dann – ade! Uns trennen doch Welten. Wer bin ich schon, eine Frau, die keine eigene Wohnung hat, keine Stelle, ein Nichts. Ein Nichts? – Nicht ganz, aber für dieses Leben, das er führt, reicht es nicht. – Und so hat mich die Erde wieder.

Paul kehrt zurück, nachdem er noch schnell eingekauft hat.

Hoffentlich ist sie noch da? – Und so erreicht er sein Haus. Er sperrt auf:

"Franziska!"

Keine Antwort!

Er reißt die Türe auf. Doch nur Leere. Die Zeilen liegen noch auf demselben Platz, unberührt. Der Kaftan ist ordentlich zusammengelegt. Alles ist so wie immer, nur es fehlt eben doch die Frau aus dem Märchen, Franziska. Verdammter Mist, entfährt es ihm! Warum musste sie auf diese Art verschwinden? Soll es nur ein Traum gewesen sein? Das darf doch nicht wahr sein! Und jetzt ärgert er sich doch, dass er nicht nach ihrer Adresse sah. Er gießt sich ein Glas Kognak ein, geht auf und ab. Überall meint er noch ihre Anwesenheit zu spüren. Doch da, etwas hat sie vergessen, ihren Ring, der liegt noch neben dem Telefon. Nun, so kann er doch noch hoffen, dass sie sich wieder melden wird.

Doch die Tage vergehen. Bei jedem Klingeln nur der eine Gedanke:

Sie ist es. Allmählich gibt er es auf. Der Ring war nicht weibliche Raffinesse. Und so versucht er vergeblich, in der Ausstellung ihre Adresse zu erfahren. Doch auch da kein Erfolg. Irgendwo in seinem Innersten ist noch ein Funken Hoffnung. Der Ring liegt noch immer neben seinem Bett. Sein Freund fängt an, ihn zu necken, doch auch er kann ihm nicht helfen. Den Kaftan hat er in die hinterste Ecke des Schrankes gesteckt. Er will nicht mehr erinnert werden. Und so stürzt er sich in die Arbeit mit einer Wut, die nicht seinesgleichen findet.

Ich betrete zögernd das Telefonhäuschen. Zu Hause hätte ich auch ein Telefon, doch so fällt es mir leichter, dieses verdammte Gespräch zu führen, da ich nicht weiß, wie zu beginnen. Ja, wie nur? – Hat es überhaupt einen Sinn, nach so langer Zeit eine Bekanntschaft aufzufrischen? Aber ich will sie ja gar nicht auffrischen, sondern will ja nur versuchen, ob es nicht gelingt, auf diese Art wieder zu einem Job zu kommen. Denn der normale Weg scheint ja aussichtslos. Mir ist nicht wohl dabei, aber es gibt wohl keine andere Möglichkeit für mich.

Frisch gewagt, ist halb gewonnen?! – Also ran an den Feind!

8882128, tut – die Leitung ist frei.

"Stramm."

Nun hat es mir die Stimme verschlagen.

"Hallo, wer spricht?"

"Franziska, erinnern Sie sich noch?"

"Franziska, ja natürlich!"

"Kann ich Sie sehen? – Ich muss mit jemanden sprechen!"

"Entschuldigen Sie, natürlich! – Nur heute passt es ganz schlecht, ich bin in einer Besprechung."

"Ich will Sie nicht stören!"

"Nein, Sie stören nicht! Sagen wir morgen, morgen um 17 Uhr in meinem Büro in der Schellingstr. 52. Das ist für Sie bestimmt günstiger als Grünwald. Franziska, ich freue mich riesig.

Versprechen Sie, dass Sie kommen werden?"

"Ja, ich verspreche es!"

"Also, dann bis morgen!"

Ich verlasse die Telefonzelle und im Nachhinein wird mir schummrig, wenn ich daran denke, dass ich wieder in seiner Nähe sein werde. Auf was habe ich mich da nur eingelassen? In Gedanken versunken gehe ich die Straße entlang und würde am liebsten vor meiner eigenen Courage davonlaufen.

Paul widmet sich wieder seinen Geschäftspartnern. Doch heute wäre es ein Leichtes, ihn über das Ohr zu hauen, wie man so schön zu sagen pflegt. Er versucht, die Sitzung so schnell wie möglich zu beenden. Selbst seine Sekretärin bemerkt seine Abwesenheit und ist gar nicht erstaunt, als Paul meint, sie könne heute ruhig eher Schluss machen. Alleine mit seinen Gedanken und Plänen versucht Paul zu arbeiten, doch ist es nicht eher ein Zeittotschlagen, ein Warten, das ihm keine ruhige Minute gönnt? Der Zeiger der Uhr rückt auch nur langsam weiter und immer und immer wieder fragt er sich, was er eigentlich erwartet von dem Treffen. Was nur? – Eine Wiederholung doch wohl kaum! – Diese Nacht lässt sich nicht wiederholen, es wäre nur ein zweiter Aufguss! – Ihre Stimme, sie klang so eigenartig! Selbstverständlich wird er ihr helfen, wenn er kann.

Eigentlich bewundert er sie, dass sie sich nach so langer Zeit noch anzurufen traute.

"Guten Tag, kommen Sie herein. Es freut mich, Sie zu sehen, bitte."

Paul lässt mir den Vortritt in sein Arbeitszimmer. Der Raum besteht aus einem großen Arbeitstisch, einer Regalwand sowie einem runden Tisch mit Schalensesseln. Das Holz ist Palisander und durch den dunkelroten Farbton des Holzes bekommt der Raum Atmosphäre.

Auf dem Boden liegt ein dicker Teppich in den Farben Beige, Braun, Orange und Grün.

"Nehmen Sie bitte Platz. Ich räume nur noch die Pläne weg. Ich hatte es fast aufgegeben, auf Ihren Anruf zu warten."

"Um ganz offen zu sein, ich brauche Hilfe!"

Paul betrachtet mich, betrachtet mich ganz eingehend, und vor seinen Augen entsteht wieder das Bild der Faschingsnacht.

"Ja, das hatten Sie schon am Telefon gesagt. Kommen Sie, wir fahren zu mir nach Hause, und Sie können mir dann alles erzählen."

Sie verlassen das Gebäude und steigen in sein Auto ein. Die Fahrt geht schweigend vor sich.

"Wir sind gleich da."

Paul parkt ein und öffnet die Türe. Wir betreten das Haus.

"So, und nun werden wir es uns erst einmal bequem machen."

Sie betreten das große Wohnzimmer. Im Kamin brennt alsbald ein helles Feuer und verbreitet eine wohltuende Wärme. Er nimmt mir den Mantel ab und verlässt das Zimmer. Ich setze mich auf die Couch und betrachte das Teeservice. Das Gold der Teetassen taucht den Tisch in einen warmen Ton. Paul kommt zurück und gießt Tee ein. Er reicht mir eine Tasse.

"Erkennst du das Service wieder? Ich darf doch wieder du sagen?

So, Franziska, erzähle einmal, was es gibt."

"Nun, ich brauche dringend einen Job, einen Halbtagsjob. Können Sie mir nicht helfen?"

"Du."

"Ich weiß mir keinen Rat mehr, bitte verstehen Sie mich nicht falsch!

– Du?"

"Franziska, du kommst zu mir doch nicht nur wegen der Arbeit?

Komm, erzähle!"

Er sitzt mir gegenüber. Mein Blick wird verlegen. Ich stelle die Tasse wieder ab. Mir ist heiß und mein Kopf scheint zu zerspringen.

Wäre ich doch nicht gekommen!

"Ist dir nicht gut? Komm, mach es dir bequem, leg die Füße hoch.

So, und nun erzähle, was dich bedrückt."

"Verzeih mir, dass ich dich belästige. Ich hätte nicht kommen dürfen! Ich sollte gehen!"

"Nein, so lasse ich dich nicht weg! Du wirst mir erst alles erzählen.

Aber zuerst ruhst du dich aus. Ich habe noch zu arbeiten. Wenn du etwas brauchst, so rufe einfach, ich bin nur im Nebenzimmer."

Ich habe mich langgelegt und mindestens eine Stunde geschlafen.

Paul betritt wieder das Zimmer, um nach dem Kamin zu sehen.

Anschließend geht er zur Couch und betrachtet mich. Er berührt meine Hand und erschrickt vor der Wärme. Verdammt, sie hat Fieber. Ich werde wach und fühle mich ganz schwach.

"Bitte bestell mir ein Taxi, ich muss nach Hause, bitte, ich hätte nicht kommen dürfen!"

"Hast du Angst vor mir?"

"Nein, aber es ist mir peinlich!"

"Franziska, du bist krank! Komm…"

Paul hebt mich hoch, trägt mich in das angrenzende Schlafzimmer und legt mich auf das mir so gut bekannte Bett.

"Ich weiß nicht mehr weiter! Du kannst mich ruhig auslachen!"

"Warum sollte ich?"

"Seit einem .halben Jahr gehe ich zu einem Psychoanalytiker, weil ich mit mir nicht mehr zurechtkomme."

"Mein Gott, Franziska, warum bist du nicht eher zu mir gekommen? Du hattest doch die Zeilen damals gelesen, oder nicht?"

"Doch, ich hatte sie gelesen, aber ich konnte einfach nicht. Ich war ziemlich durcheinander."

Paul betrachtet mich.

"Ich rufe Robert an; er ist mein bester Freund, auch zugleich mein Hausarzt."

Paul ruft an. Robert meldet sich, verspricht, gleich zu kommen.

"So, und nun versuche, dich zu entspannen!"

Bald darauf klingelt es. Paul geht öffnen und kommt mit Robert zurück.

"Franziska, das ist Robert."

"Guten Tag."

Er reicht mir die Hand.

"Nun, ich glaube, Paul hat mich nicht umsonst noch aus dem Haus geholt. Aber keine Angst, das Fieber ist nicht so schlimm, wenngleich es mir auch etwas hoch erscheint."

Er misst mir den Blutdruck und liest das Thermometer ab.

Über 40 Grad.

"Ich gebe Ihnen eine Spritze gegen die Temperatur. Sie haben eine richtige Grippe. So, und nun versuchen Sie am besten zu schlafen. Paul wird mich gegen 21 Uhr nochmals anrufen. Ich hoffe, bis dahin geht es Ihnen etwas besser. Ich komme auf jeden Fall morgen vorbei. Also Kopf hoch, eine Grippe bringt niemanden so schnell um."

Robert verlässt mit Paul das Zimmer.

"Pass auf sie auf. Sie gefällt mir nicht. Wenn etwas ist, rufe mich sofort an. Also tschüss, mach’s gut!"

Paul kehrt ins Schlafzimmer zurück und setzt sich zu mir auf den Bettrand.

"Kann ich telefonieren?"

"Natürlich, hier ist das Telefon."

"75857, ja ich bin es. Du, ich komme heute nicht mehr nach Hause. Nein, es ist nichts passiert –"

Paul nimmt mir den Hörer aus der Hand.

"Guten Tag, mein Name ist Stramm. Ihre Tochter ist bei mir.

Sie brauchen sich nicht zu ängstigen. Sie hat etwas Fieber, ich habe sie ins Bett gesteckt. Ich werde mich gut um sie kümmern. Spätestens morgen melde ich mich wieder bei Ihnen."

Paul hat den Hörer aufgelegt.

"Franziska, was hast du? Du darfst dich nicht so aufregen."

"Es gibt ein Problem. Meine Mutter ist schon über 80 und versteht sich mit meinem Vater nicht mehr. Ich kann nicht bleiben. Ich muss nach Hause. Ich habe es versprochen."

"Aber Franziska, du hast Fieber. Es ist unmöglich, ich kann dich nicht gehen lassen. Oder hast du Angst vor mir?"

"Ich?"

"Ich bin so froh, dass du zu mir gekommen bist. Mein Gott, Franziska, glaubst du wirklich, ich wollte nur Sex von dir?

Verzeih den Ausdruck, aber ich dachte, du hättest gespürt, dass ich mich zu dir hingezogen fühlte und fühle."

"Ja, ich habe es gefühlt! Aber es ist zu viel, was mich belastet.

Ich kann dir nichts geben. Ich habe Angst vor der Liebe, vor einer Beziehung, wenn ich sie mir auch ersehne.

Wahrscheinlich hört sich das alles ganz verrückt an. Ich fühle mich auch so."

"Das redest du dir nur ein. Komm, versuche etwas zu schlafen.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dich wieder bei mir zu haben. Und sei sicher, dass ich dich nicht mehr so einfach gehen lasse."

"Ich kann einfach nicht mehr klar denken. Ist mir heiß!"

"Das ist doch kein Wunder, das ist das Fieber. Ich möchte dir helfen zu empfinden, zu leben."

"Bis jetzt gibt es ganz wenige Stunden, wo ich das Gefühl hatte, gelebt zu haben."

"Du solltest wirklich versuchen zu schlafen! – Franziska."

"Ich fühle mich so schwach."

"Man hat dir sehr wehgetan. Doch du musst mir glauben, dass du mir sehr viel bedeutest. Du bist für mich eine Frau, die versucht, zu ihren Gefühlen zu stehen. Deswegen bist du mir so viel wert."

"Paul, du machst mir Angst. In mir ist alles schwarz und ich weiß nicht, wie ich von den Gedanken loskommen soll. Ich habe einfach Angst. Ich sehne mich nach Wärme, nicht nach Sex, nach Verstehen."

"Komm, es wird alles gut. Du kannst dich darauf verlassen, ich werde dir helfen."

Paul löscht das Licht.

Es ist lange nach Mitternacht, ich habe mich abgedeckt und rede im Schlaf. Paul wird wach, setzt sich auf den Bettrand und legt seine Hand auf meinen Arm.

"Komm, wach auf!"

Ich werde wach und sehe ihn bei mir sitzen.

"Du hast geträumt! Möchtest du etwas trinken?"

"Nein danke. Ich habe scheußliches Zeug geträumt."

Paul ist wieder ins Bett gestiegen und liegt neben mir.

"Du hast Angst?"

"Ja, vor meinen Empfindungen."

"Franziska, ich sollte dir etwas erzählen. Ich war noch jung und habe studiert. Durch Zufall kam ich in höhere Kreise.

Schon damals gab es Rauschgift. Ich wusste, dass meine Bekannte welches nahm. Nun, sie hat ein Kind erwartet. Ob es von mir war, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall hatten wir einen fürchterlichen Streit wegen des Rauschgiftes und der Tabletten, die sie nahm. Nun, sie fuhr mich an, ich solle es auch probieren, dann wäre ich kein solcher Spießer mehr, und sie bräuchte es zum Leben.

Das Kind wolle sie nicht, sie werde es abtreiben. Mich heiraten, ob ich den Verstand verloren hätte, das käme nie in Frage. Lieber bringe sie sich um! Sie verließ mich. Zwei Stunden später rief sie mich an und bat mich zu kommen, sonst wäre es zu spät. Nun, ich ging nicht hin, denn der Ärger war noch nicht verraucht. Das Wort 'zu spät' sagte mir nichts, ich hielt es für eine Art Erpressung. Am nächsten Morgen fand man sie tot in der Wohnung: Rauschgift, Tabletten und Alkohol. Nun, ich fühlte mich schuldig. Schuldig, verdammt, ich kenne die Angst!"

Mit einem Satz ist Paul aus dem Bett und läuft ins Wohnzimmer, wo er sich einen Kognak eingießt. Er trinkt das Glas leer. Seine Hände ballen sich zu Fäusten und öffnen sich wieder. Tief Luft holend streckt sich sein Körper und sein Atem wird wieder ruhig. Nun geht er zurück.

"Verzeih mir, aber es ist das erste Mal, dass ich so offen darüber gesprochen habe. Verstehst du nun, warum ich ahne, wie es in dir aussieht? Du brauchst keine Angst zu haben. Das einzige Problem ist, dass ich das nächste halbe Jahr in Marokko bin. Ich habe dort geschäftlich zu tun. Ich würde dich ja mitnehmen, aber ich kam mich nicht um dich kümmern. Komm, komm zu mir. Du hast so weiche Haut, wie Samt. Weißt du, dass ich dich vom ersten Augenblick ins Herz geschlossen hatte?"

"Paul, ich nehme auch Tabletten!"

"Ja – viel von dem Zeug?"

"Nein, aber ich komme nicht los davon."

"Wirst du es noch einmal mir zuliebe versuchen?"

"Ja, aber verlange nicht zu viel von mir!"

Ich liege in seinen Armen und habe die Augen geschlossen.

Pauls Gedanken kreisen um sein bisheriges Leben. Er weiß, dass er diese Chance kein zweites Mal mehr bekommt. Und er spürt meine Wärme, ahnt, dass da noch mehr ist, als er erfassen kann. Was war, sollte er endlich vergessen. Als er endlich einschläft, steht schon das Morgenrot am Himmel.

Paul verabschiedet sich von einem Kunden.

"Frau Neumann, Sie können auch Schluss machen. Ich komme heute nicht mehr ins Büro zurück."

Er zieht sich seinen Mantel an und verlässt den Raum.

Während des Fahrens überlegt er, was er tun soll, wie sich verhalten. Nun, er wird erst einmal abwarten, wie sich alles ergibt. Und so landet er schon in der Rilkestr. Er klingelt und steht alsbald einer älteren Frau gegenüber.

"Frau Elfes? Mein Name ist Stramm! Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen."

Sie betreten das Wohnzimmer. Paul sieht die vielen Bilder an den Wänden und weiß auf einmal, warum er sich so zu Franziska hingezogen fühlt.

"Nun, ich möchte Sie nicht lange stören. Ihrer Tochter geht es den Umständen nach gut. Sie hat eine Grippe. Aber deswegen komme ich nicht. Ich habe Ihrer Tochter angeboten, bei mir zu bleiben. Aber sie will nicht. Nun, ich möchte Ihnen folgenden Vorschlag machen, Sie ziehen zu mir, zu uns, und leben bei uns. Ich habe zwei Fremdenzimmer, die könnten wir nach Ihren Geschmack einrichten. Franziska, ich darf das doch sagen, würde Sie nie alleine lassen; sie liebt sie zu sehr und ich kann das auch verstehen. Aber auch ich möchte offen sein, ich möchte Franziska nicht mehr verlieren. Nun, überlegen Sie meinen Vorschlag. Es hat Zeit – aber ich wäre sehr glücklich, wenn Sie Ja sagten. Nun, ich will Sie nicht mehr länger stören.

Hier ist meine Telefonnummer. Sie können auch jederzeit mit Franziska sprechen."

"Herr Stramm, Sie fühlen sich verpflichtet, für mich etwas zu tun. Das kann ich nicht annehmen, ich kenne meine Tochter und weiß, dass sie mir nie wehtun würde. Und ich bin sehr glücklich, dass sie an Sie geraten ist."

"Frau Elfes, ich glaube, Sie sollten sich einfach einmal alles ansehen. Ich hole Sie morgen gegen 16 Uhr ab und dann sehen wir weiter."

Das Telefon reißt mich aus dem Schlaf'. Ich werde wach, hebe ab – "Hallo!"

"Franziska, ich komme etwas später. Ich bin doch länger aufgehalten worden."

"Ja!"

"Also tschüss, bis dann!"

"Tschüss."

Und ich bin hellwach. Es ist zu hell im Zimmer, um weiterzuschlafen, und so frage ich mich: Wie soll ich mir nur selbst die Angst erklären, die mich beherrscht, wie nur? Ich finde keine Lösung. Wo soll ich nur beginnen? Alle möglichen Gedanken gehen durch meinen Kopf. War es, als ich mit fünf Jahren mit meinem Vater auf eine Bergtour ging? Ich sehe mich noch heute. Da läuft das kleine Mädchen schön artig die Serpentinen entlang, während der Vater schon um die nächste Ecke ist. Ich spüre noch heute das Wackeln der Knie, der Füße und sehe mich noch heute auf einem Stein sitzen. Fremde Leute überholen mich und fragen: "Wo ist denn deine Mutti, dein Vati?" – Endlich, oben auf der Hütte angekommen, gab es für meinen großen Durst Gletscherwasser mit Himbeersaft, Wasser von der Quelle, das mir sehr gut schmeckte. Doch als es Abend wurde, bekam ich starkes Bauchweh, wohl eine Folge des Wassers und der Kirschen, die ich vorher gegessen hatte.

Da die Hütten Matratzenlager hatten, musste ich zwischen zwei fremden Frauen schlafen. Hatte ich da Angst? Und fühlte ich mich da verlassen? Ich heulte mich in den Schlaf. Hatte ich Angst? Ich weiß es nicht! – Ich hatte auf jeden Fall kein Verlangen nach meinem Vater. Obwohl er sich bemühte, gab er mir nicht das Gefühl von Geborgenheit, der Freude, eher nur das Gefühl des Gehorchenmüssens. Ich glaube nicht, dass ich stolz auf meinen Vater war, glücklich, alleine mit ihm zu sein. Er war stolz auf mich, weil ich alleine bis zur Hütte gelaufen war und alle anderen Hüttengäste es nicht glauben wollten, dass ich nicht getragen wurde.

Und ich, ich zitterte, ich hatte Angst; bloß vor was? – Weil ich mich gänzlich alleine fühlte, was für mich unerträglich ist und Angst macht. Ist es das? – Oder fing es später an, als mein Bruder geboren war und ich bei Fliegeralarm mich noch im Keller sitzen sehe, meinen Bruder auf dem Schoß und meine Schwester neben mir, während die Eltern wieder nach oben gingen – Wie habe ich da in meiner Angst gebetet: Lieber Gott, bitte lass es nicht einschlagen, wirf keine Bombe auf unser Haus. Ich werde auch immer brav folgen. Es waren bange Minuten voller Angst des Wartens, die ich als Große ja nicht vor den Geschwistern zeigen durfte, da diese sonst auch zu weinen angefangen hätten. Ja, da empfand ich Angst. Oder war sie da, als ich mit meiner Mutter aus Tirol zurückkehrte?

Ich hatte einen Rucksack zu tragen, im Zimmer oft genug geübt, meinen Bruder und meine Schwester an den Händen. Es ging bergauf zur Bahnstation. Meine Mutter war mit den Koffern vorneweg gegangen. Mein Bruder, gerade zweijährig, setzte sich auf den Boden, sagte einfach Nein. So zerrte ich ihn hoch und schleppte ihn ein Stück des Weges, während meine Schwester sich fest an mich anklammerte. Oh, ich hatte Angst, ich heulte, nicht laut, aber die Tränen liefen mir über das Gesicht, und meine Geschwister heulten mit. Ich fühlte mich verlassen, einsam, furchtbar einsam und dachte: Den Weg schaffst du nie. Ich fühlte keine Kraft mehr und musste doch weiter. Es war grausam. Irgendein Erwachsener von den anderen Flüchtlingen kam mir dann zur Hilfe . Ja, und dann landeten wir in Scharnitz an der Grenze und zur Ausreise fehlte Mutter ein Stempel. So saß ich mit dem ganzen Gepäck und meinen Geschwistern im Wartesaal und Mutter ging zur französischen Kommandostelle, dessen Chef ihr nur den Stempel geben wollte, wenn sie mit ihm schlief. Meine Geschwister weinten nach der Mutter und ich versuchte, so gut es ging, sie zu trösten.

Am nächsten Morgen verfrachtete man uns in einem Viehwaggon und nach langen Aufenthalten mit viel Militärbesuch landeten wir um Mitternacht endlich in München-Laim auf dem Güterbahnhof. Auf allen Gleisen standen die Züge und kein Arbeiter wusste, wann sie wieder weiterfuhren. Wir waren mittendrin und so blieb uns nichts anderes übrig, als unter den Waggons durchzukriechen. Ich schlotterte vor Angst. Aber noch mehr Angst machten mir die dichten Reihen der Züge, die auf mich riesig wirkten. Wo war da Hilfe, eine Hand, die meine nahm, wo? Nirgends!

Grenzenlose Verlassenheit hatte mich erfasst, Traurigkeit tief drinnen in mir!

Und heute frage ich mich: War das der Ursprung meiner Angst? Ist mein Gefühl der Angst nicht nur die Unreife des Nicht-alleine-sein-Könnens? Aber selbst nach dem beglückenden Erlebnis der Zweisamkeit werde ich traurig und in mir ist etwas, was noch tiefer möchte hinabsteigen, vordringen, eindringen in den Menschen. Vor meinem geistigen Auge entsteht eine Sperre und dahinter ist Dunkelheit, ein abgrundtiefes Loch. Es ist, als zöge mich dieses an. Angst steigt mir die Kehle hoch und ich habe nicht die Kraft, durch dieses Loch durchzudringen mit meinem Ich, meinem Körper. Es ist eine Art Ohnmacht, die mich gefangen hält.

Ja – wie soll ich das Paul erzählen, wie ihm erklären, was in mir vorgeht? – Soll ich es überhaupt versuchen? – Ich werde es auf Band sprechen. Ich kann es ihm nicht erzählen, denn irgendwie schäme ich mich meines Kindseins in diesem Alter.

Ja natürlich, die Erwachsenen sagen: "Reiß dich zusammen.

Du bildest dir das alles nur ein. Jeder kennt das." Aber wenn es jeder kennt, warum dann der blöde Satz "Reiß dich zusammen"?

Ich reiße mich doch zusammen, Tag für Tag. Ich fühle mich doch nicht glücklich unter dieser Last. – Versteht das keiner? – Nachdem ich das auf Band gesprochen habe, gehe ich wieder ins Schlafzimmer zurück.

Paul kommt nach Hause, öffnet die Türe und sieht mich schlafen. Leise zieht er sich zurück. Er beißt in einen Apfel, macht es sich auf' der Couch bequem und zieht aus seiner Aktentasche Notizen, die er noch erledigen muss. Er greift sich den Rekorder, schaltet ein und hört zu seinem Erstaunen Franziskas Stimme. Ungläubig starrt er das Band an und hört sich die Aufzeichnung an. Als das Band zu Ende ist, sitzt er schweigend da; seine Gedanken gehen zurück in seine Kindheit. Er sieht wieder sein Elternhaus vor sich in der oberfränkischen Kleinstadt, das alte Fachwerkhaus mit seinem herrlichen Dachboden, wo so viele Kisten standen und man sich so schön die Zeit vertreiben konnte. Auch sein Vater ist wieder gegenwärtig, so, als stehe er vor ihm, dem kleinen Jungen, und helfe ihm, das aufgeschlagene Knie zu verbinden und ihn zu trösten über das kaputte Fahrrad. Noch heute spürt er die starken guten Hände zärtlich über sein Haar streichen.

Ja, Vater, sein Vater hat ihn maßgeblich geprägt, was das Gefühl anbelangte, und er hörte nie, dass sich seine Eltern stritten. Was für eine glückliche Kinderzeit hatte er! Erst in diesem Moment wird es ihm bewusst, wie viel er seinen Eltern verdankt. Längst schon wollte er sein Elternhaus einmal wiedersehen und nie hatte er die Zeit dazu gefunden. An Arbeit kann er nun nicht mehr denken. Seine Gedanken schweifen ab und so steckt er die Notizen wieder in die Aktentasche zurück. Er steht auf, löscht das Licht und tritt auf die Terrasse hinaus. Es ist ein warmer Herbstabend und der Garten liegt im Mondlicht vor ihm. Es ist ruhig, nur ab und zu hört man etwas rascheln. Gedankenverloren steht er da, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Ruhe überkommt ihn, ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit.

Ich werde wach und sehe ihn auf der Terrasse stehen. Er rührt sich nicht. Da stehe ich auf, ziehe mir den Morgenmantel über und gehe zur Terrassentüre. Ich öffne sie und trete zu Paul. Da erwacht er aus seiner Erstarrung. Sein Blick ruht auf mir.

"Komm, es ist ein so warmer Abend. Lass uns noch ein wenig hier draußen sitzen. Ich danke dir und ich glaube, ich verstehe dich auch."

"Paul, nicht jetzt bitte."

"Ich muss eben an zu Hause denken. Wenn ich als guter Architekt und Geschäftsmann bekannt bin, so fühle ich mich auch oft einsam und habe mich oft gefragt: Für wen denn, für wen? Welche Frau ist es wert, dass man ihr alles zu Füßen legt, und welche Frau will schon wissen, was tief in einem vorgeht? Gefühle, wer will davon schon wissen? – Und doch führen sie ein Eigenleben. Weißt du, ich weiß auch um die Zärtlichkeit, das sanfte Gleiten der Hände auf der zarten Haut, das leise Berühren der Seelen, wenn sie eins sind, und das Vergessen im Taumel der Sinne. Und ich versuche zu verstehen, warum wir alle so der Liebe bedürfen, einer Liebe, die uns eins werden lässt mit uns selbst. – Franziska, ich kann dir die Schönheiten der Welt zeigen und wir werden beide voller Ehrfurcht sein vor den großen Wundern. Hab Vertrauen zu mir. Es gibt so viele Dinge, die uns unangenehm berühren.

Und wenn sie uns berühren, lass uns darüber reden. Ich wünsche mir nur, dich glücklich zu sehen! – Komm, wir sollten doch hineingehen, es wird frisch hier draußen. – Weißt du, ich möchte so viel fragen und dann ist alles so unwichtig, wenn ich dich neben mir weiß. Ich spüre zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Glück und doch habe ich Angst, daran zu glauben, weil es so leicht ist wie ein kleiner Frühlingshauch."

Paul ist aufgestanden und wir beide gehen ins Zimmer. Ich erschauere.

"Du frierst, verzeih, ich hatte vergessen, dass es dir nicht gut geht! – Komm, lass uns schlafen gehen. Der Tag war lang genug."

Er zieht mich an sich und schweigend schmiege ich mich an ihn. Zärtlich streichelt seine Hand meinen Busen, er spürt meinen Körper, spürt meine Reaktion und weiß sich glücklich und zutiefst zufrieden. Und ich spüre die Wärme, die mich ruhig macht, und fühle mich einfach wohl. Friede ist in mir eingekehrt.

"Franziska, morgen kommt deine Mutter zu uns. Ich meine, sie könnte doch gut bei uns wohnen. Platz genug ist vorhanden.

Du wärst nicht alleine, wenn ich weg bin."

Mich durchfährt ein Schauer, und zum ersten Mal frage ich mich: Warum die Ablehnung? Will ich es gar nicht? Aber ich habe es mir selbst versprochen und auch ihr. Da ist nur das Gefühl, weg von allem, was Familie heißt. Weg, weit weg!

"Du sagst nichts! – Habe ich etwas falsch gemacht? Sag, sage es mir bitte! – Wie kann ich dir sonst helfen?"

"Ich weiß es nicht! Aber ich fühle mich nicht sehr glücklich darüber."

"Möchtest du mit mir alleine sein oder ganz alleine? – Willst du ganz alleine sein?"

"Ich weiß es nicht, ich glaube nicht. Momentan ist mir nur alles zu viel. Ich will nichts tun müssen, nichts entscheiden.

Ich kann das Wort nicht mehr hören, es regt mich auf. Ich kann die Verantwortung nicht mehr tragen. Ewig: Komm, geh zum Arzt, mach dies, doch nicht so, komm lass! – Und zusehen müssen, wie ein Mensch immer weniger wird. Ich bin zwischen Verantwortung und Gefühl hin- und hergerissen. Es macht mich fertig!"

"Franziska, du bist nicht für deine Mutter verantwortlich!

Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich."

Paul hält mich im Arm.

"Ja, jeder ist für sich selbst und für den Nächsten verantwortlich. Oh, mir ist schlecht, verdammt noch mal, Was soll ich tun?"

"Nichts, bleib ruhig liegen! Wir werden morgen darüber reden.

Ich hätte dich fragen sollen! – Komm, du musst dich deiner Tränen nicht schämen."

"Ich fühle mich so schlecht, ich dürfte nicht so denken, es ist immerhin meine Mutter!"

"Warum sollst du nicht so denken? – Du kannst dich nicht entscheiden, und deshalb die Angst! – Du möchtest nicht – und hast ein schlechtes Gewissen. Du hast Angst, dass man dich nicht für gut halten könnte, für egoistisch! – Das ist kein Egoismus, das ist nur der Selbsterhaltungstrieb."

"Bitte, denke nicht so schlecht von mir!"

"Komm, das ist doch Unsinn, warum sollte ich?"

"Ich fühle mich verdammt schlecht dabei, wie wenn man jemanden in Stich lässt, und vor mir selbst, wie stehe ich da?

Einfach beschissen – verzeih den Ausdruck. Aber es ist doch wahr. Oh Paul!"

"Wenigstens brauchst du mich, ach Franziska. Sei nicht böse, wenn ich ironisch bin. Aber glaubst du nicht auch, dass es eine Lösung gibt? Wir werden darüber reden, alle drei. Du musst die Entscheidung nicht alleine treffen, ich helfe dir. Du bist nicht mehr alleine. Weißt du, dass es schon spät ist?"

Er küsst mich zärtlich auf den Mund.

"Schlaf gut, Franziska!"

"Schlaf gut."

Schlaf gut! Wie soll ich bloß schlafen? Ich bin aufgewühlt. Da spüre ich die Wärme seines Körpers, Verlangen erfasst mich, zwischen meinen Schenkeln spüre ich das heiße Verlangen, genommen zu werden, ihn in mir zu spüren, ganz tief drinnen.

Also kann ich doch nicht so kaputt sein, wenn seine Nähe mich so aufregt. Und mein Kopf, ja, der geht seine eigenen Wege, der warnt mich: Tu es nicht, du darfst nicht! Warum nur nicht? – ist meinen Lippen entfahren.

"Was nicht?"

Paul sieht mich an, sein Blick scheint mich zu durchbohren.