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Paul fühlt sich von einer "Albanerbande" verfolgt, von seinem besten Freund hintergangen und vom eigenen Vater als naiven Jungen hingestellt, der endlich seine Kinderträume ablegen solle. Unter heftigen Seelenqualen leidend, erfährt der Knabe in nächtlicher Kinderzimmer-Einsamkeit eine im Herzen wundersam spürbare Ermutigung, sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter den Erscheinungen dieser Welt und den wohlfeilen Erklärungen der Erwachsenen zu machen. Auf seinem Wege trifft er auf einen alten, weisen Mann, der ihn lehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. In ihren immer tiefgründiger werdenden Gesprächen geht es zuletzt um die existentiellen Fragen des Lebens, um Sinn und Zweck allen Daseins, weil der Junge sich nicht scheut, unvoreingenommen zu fragen, was ihn bewegt und was er nicht versteht, und der alte Mann ihn auf ebenso gütige wie anschauliche Weise lehrt, was zu hören in dieser geschäftigen Welt selten nur auf offene Bereitschaft trifft.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hansjürgen Engel
Pauls Erwachen
Ein junger Mensch auf der Suche nach der Wahrheit hinter den Erscheinungen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Der Zusammenprall mit Rudi
Die Angst nagt an der Seele
Der Kampf mit dem Dämon
Ein Geschenk mit Symbolkraft
Harter Kampf auf weichem Rasen
Vaters Botschaft an den Sohn
Der Traum vom Rentier Rudolf
Die Suche beginnt
In der Stube eines alten Mannes
Der Blick ins Universum
Das Festmahl der Tiere
Pauls Filter im Kopf
Blick durch das Oktoskop
Pauls Kopf im Brumm-Stein
Die wunderbare Welt
Impressum neobooks
Pauls Erwachen
Ein junger Mensch auf der Suche nach der Wahrheit hinter den Erscheinungen
Von Hansjürgen Engel
Einleitung
Kann die Wahrheit gefunden werden in dieser Welt? Die Wahrheit hinter all den Erscheinungen, die für wirklich gehalten und dazu erklärt werden. Und wer machte sich je auf, sie zu suchen? Eine Wahrheit, die nicht von dieser Welt ist, und die doch von näher ruft als des Menschen Herz schlägt. Doch der Mensch hört die Wahrheit nicht. Denn die Welt um ihn ist laut und geschäftig. Und sie hat tausend und abertausend eigene Wahrheiten kreiert und begründet und huldigt ihnen in so vielerlei Formen, dass die Leere ihres Inhalts unweigerlich mit der Fülle des Nichts in Verwechslung gerät.
Am ehesten ließe sich eine aufrichtige Suche nach der Wahrheit noch den Kindern zubilligen. Denn Kindern ist offensichtlich, dass sie nicht verstehen, was sie wahrnehmen, und deshalb fragen sie unvoreingenommen, was es bedeutet. Von einem solchen Kind soll hier die Rede sein. Es ist kein Kind, das herausragende Talente besitzt, kein auffälliges Äußeres, es kommt vielmehr aus einem Milieu wie unzählige andere auch und kämpft seinen Kampf in einem an Jahren noch jungen Leben wie alle mit und neben ihm gleichermaßen. Mit einer kleinen Ausnahme vielleicht: Dieses Kind hat tief in seinem Inneren etwas sich regen gespürt, das ihm wundersam und ermutigend zugleich erschienen ist. Diese geistige Regung, von eines Momentes Dauer nur, kaum länger als drei Herzschläge hallen, hat genügt, sich zu öffnen für das Neue und Unerwartete und sich ihm in vollkommener Offenheit anzuvertrauen, äußeren wie inneren Widerständen mutig trotzend, was in dieser Hinsicht vielleicht doch außergewöhnlich zu nennen wäre.
Pauls Kampf mit inneren Mächten
Es kam kein Schlaf. Paul lag unerbittlich seinen Empfindungen ausgeliefert, lauter hässlichen, schmerzhaften und aufwühlenden Gefühlen: dem Hass gegen die Albanerbande, dem Mitleid mit sich selber, der Ratlosigkeit und Sehnsucht nach Trost. Aber Trost kam nicht, stattdessen teuflischer Albdruck auf Herz und Lunge. So hatte er die Angst noch nie an seiner Kehle gefühlt. Er lag fest gebannt auf dem Laken und von Furcht verzehrt. Warum nur, warum? Er fand keine Erklärung. Stattdessen liefen die Ereignisse des Tages noch einmal wie ein bizarrer Film an ihm vorüber. Und das alles im Angesicht seines achten Geburtstages, auf den er sich so sehr gefreut hatte.
Schwül war es gewesen an diesem 5. August. Die Luft lag wie eine Bleiweste über dem Flusstal. Und das Städtchen, in dem der Junge wohnte, wirkte um die Mittagszeit temperamentvoll wie eine Wanderdüne. Allein Paul war aktiv, hyperaktiv. Er wirbelte auf seinem knallroten Fahrrad wie eine Windhose durch die staubtrockenen, menschenleeren Gassen in Richtung Anger, vorbei an den vertrauten Fachwerkhäusern, deren Gebälk stumm Kreuze schlug.
“Seppi, Seppi”, schrie der blondgelockte Junge mit hochrotem Kopf durch die Häuserfurt, schleuderte sein Rad auf das matte Pflaster und stürmte in eines der dreigeschossigen Gebäude. Seppi, der eigentlich Sebastian hieß, den aber selbst die eigenen Eltern nur mit Spitznamen riefen, empfing die Alarmsignale seines Freundes wie Sturmgeläut und eilte mit wehenden Haaren an die Wohnungstür in der zweiten Etage.
“Was ist los?“, brüllte er, auf spitzen Zehen die Stupsnase über die Holzbrüstung schiebend, durch das enge Treppenhaus nach unten, von wo der Wirbelwind mit den kurzen Beinen sich Stufe um Stufe keuchend nach oben drehte.
“Die Albaner, die Albaner...”, doch weiter kam Paul nicht. Außer Puste stand er mit wackligen Knien vor seinem zaunlattendünnen Freund und hechelte wie ein Setter nach erfolgloser Hasenjagd. “Die Albaner planen einen Überfall”, stieß er schließlich stoßweise zwischen den weiß glänzenden Zahnreihen hervor.
“Wie? Überfall? Wo?” Seppi sah seinen besten Kumpel mit fiebernden Augen an; er verstand nur Bahnhof.
“Morgen Nacht, während wir zelten!”, rasselte Paul wie ein überdrehter Wecker, “du weißt doch, bei uns im Garten.”
Seppi dämmerte es. Klar, nach der Geburtstagsparty wollten Paul und er gemeinsam übernachten. Ganz allein in einem Iglu, ohne Begleitschutz spaßdämpfender Aufpasser.
“Woher weißt du das mit den Albanern?”, wisperte Seppi, als beide Jungs auf leisen Sohlen die offen stehende Küchentür passierten, hinter der die Frau des Hauses gerade Putenschnitzel panierte, und am Ende des Flures im Kinderzimmer verschwanden, die Tür lautlos hinter sich ins Schloss ziehend. Pauls Augen wurden groß wie Wagenräder, und die Pupillen schienen ins Zimmer zu springen, als er mit heiserer Stimme von einem geheimnisvollen Zettel an seinem Fahrradlenker erzählte und stockend die mit Filzstift krakelig aufgemalte Botschaft formulierte: “Abreibung! Morgen Nacht! - Die Albaner“.
Die Albaner, das waren drei Brüder, acht, zehn und zwölf Jahre alt, mit ihren Eltern vor Jahren aus dem Kosovo geflüchtet und in dem Städtchen mehr berüchtigt als beliebt. Die Jungen mit rabenschwarzen Haaren und gekrümmter Raubvogelnase riskierten gegenüber den anderen Kindern eine große Klappe, waren zu jeder Schandtat bereit und schienen weder Tod noch Teufel zu fürchten. Jedenfalls sah Paul das so. Und das genügte. Genügte, um trotz extremer Schwüle in Seppis schrägem Dachzimmer kalte Schauer über seinen Rücken zu jagen bei der bildhaften Vorstellung eines nächtlichen Besuches dieser in seiner aufgewühlten Gedankenwelt durchtriebenen Bande.
Denn dass die Zettelbotschaft ernst gemeint war, daran hegte Paul nicht den Zipfel eines Zweifels. Schließlich war er selber es gewesen, der Rudi, den kleinsten der drei Brüder aus dem Land der Skipetaren, in der Schule als “Indianernase” tituliert hatte. Vorangegangen war ein wangenrötender Streit über deutsche und albanische Fußballkunst, und kaum hatte Paul das Schimpfwort über die Lippen gebolzt, da war Rudi ihm auch schon an die Gurgel gesprungen. Allein der beherzte Einsatz der Klassenlehrerin hatte eine wüste Rauferei verhindert.
Rudis Racheschwur hallte nun in Pauls Ohren wider wie das Donnergrollen am Firmament. “Ich hole meine Brüder, und dann machen wir dich fertig.” Dabei lag der Vorfall schon einige Zeit zurück, und Paul hatte ihn mit jedem neuen Tag ein wenig mehr verdrängt. Nun aber war ihm jeder Atemzug schwer von Schicksal.
Er und Seppi saßen nebeneinander auf der Bettkante und schwiegen mit krummen Rücken vor sich hin. Schweißperlen tanzten auf Pauls Stirn, die düsteren Gedanken aktivierten den Denkapparat. Was tun? Das Zeltabenteuer abblasen, mit dem amtlichen Wetterfrosch als Verbündeten? Denn der hatte schwere Gewitter und heftige Regenfälle vorhergesagt. Doch kneifen wollte Paul nicht. Einerseits hatte ihn in den letzten Wochen nichts mehr in freudige Erregung versetzt als die geplante Übernachtung im Freien. Und zudem war er sich sicher, dass die Albaner nicht locker lassen würden. Aufgeschoben wäre nicht aufgehoben. Paul wusste: Der Kampf musste ausgefochten werden; es gab kein Zurück mehr. Doch diese knallharte Gewissheit stählte keineswegs seinen Mut, sie raubte ihm den Atem, und er spürte, wie ihm etwas an die Gurgel ging, das er in dieser Heftigkeit noch nie gefühlt hatte: nackte Angst.
“Ich lass dich nicht hängen!” Seppis Stimme durchschnitt die beklemmende Stille. Und im gleichen Augenblick setzte ein Blitz den düsteren Raum in ein gleißendes Licht. Paul zuckte zusammen, doch nur einen Wimpernschlag später erbebte die schmächtige Brust, als wäre eine ungeahnte Kraft mitten durchs Herz gefahren; der Junge fühlte eine schaurig-wohlige Wärme seinen Körper durchfluten. Ihm war mit einem Male so wundersam, so ehrfürchtig zu Mute, als hätte etwas Zauberhaftes, etwas Allmächtiges ihn tief im Inneren berührt. Ein Schauer erlöste die bange Seele, und Paul spürte: Ich stehe nicht allein. Die traute Freundschaft, die aufmunternden Worte, das erwärmte Herz: Der Verzweiflung war mehr als die halbe Kraft geraubt.
“Wir werden also gemeinsam zelten und uns den Albanern stellen?” Paul fixierte seinen Kumpel, der während des Blitzlichts rückwärts auf die Bettdecke geplumpst und direkt auf dem Schriftzug “FC Bayern” gelandet war. Seppi war nämlich Fußballfan wie Paul und selber ein talentierter Spieler. Aber der Gedanke an Fußball lag dem Steppke in diesem drückenden Moment so fern wie ein Flug zum Mond. Und das war schließlich sein allergrößter Traum.
“Ja“, entgegnete Seppi mit fester Stimme, “wir werden gemeinsam zelten und uns nicht unterkriegen lassen.“ Und dann katapultierte er sich mit einem Ruck vom Bett, stellte sich breitbeinig vor seinen verdutzten Kumpel und sprach mit einer Entschlossenheit, die in einem auffälligen Kontrast zu seinem vorangegangenen, blitzartigem Abtauchen stand: „Aber wir müssen uns gut vorbereiten, wir müssen gewappnet sein. Und: Zu keinem ein Sterbenswörtchen über die Albaner.” Dabei hob er mahnend den Zeigefinger und fixierte seinen Freund mit feurigen Augen.
Paul nickte heftig und ein wenig ungelenk mit dem Kopf, als hätte ein unsichtbarer Puppenspieler die Fäden in der Hand, und erklärte ergeben wie ein dienstbeflissener Staatsdiener: “Niemand erfährt etwas, schon gar nicht meine vorlaute Schwester. Großes Ehrenwort.“
“Großes Ehrenwort“, entgegnete Seppi, und in seinen Augen spiegelte sich noch immer eine feurige Glut, die den angespannt auf dem Bett hockenden Paul irritierend berührte. Doch er maß diesem Gefühl keine besondere Bedeutung bei.
Das Ereignis naht
Die Gewitterwolken hatten sich rasch verzogen, und Paul radelte auf seinem Rädchen frohgemuter nach Hause als er von dort losgejagt war. Die Mutter erwartete ihn bereits an der Haustür. Die Familie besaß ein stattliches Anwesen am Ortsrand mit einem großen Grundstück; zahlreiche alte, knorrige Obstbäume warfen im fahlen Licht der Gewitternachhut bizarre Schatten auf den kurzgeschorenen Rasen.
“Wo hast du bloß gesteckt?” Die Frage kam schneidig über die Lippen und wog von Besorgnis und Vorwurf schwer. Pauls Mutter war eine jener Frauen, die Beruf und Familie in einen harmonischen Gleichklang zu bringen versuchen, aber häufig herben Widerhall erleben auf dem Resonanzboden der eigenen Seele. Eine warmherzige und fürsorgliche Mutter sein zu wollen, zugleich eine liebende und geschätzte Partnerin ihres Mannes und obendrein eine versierte wie engagierte Mitarbeiterin in einer von Männern dominierten Arbeitswelt, dieser Anspruch erlebte selten Erfüllung. Entweder kam die Familie zu kurz oder der Beruf, immer aber Pauls Mutter selber, wie sie es empfand. So standen auch in dieser Mittagsstunde die attraktive äußere Erscheinung, die schlanke Figur, das gepflegte, halblange, blonde Haar und der dunkle Teint in einem auffälligen Kontrast zur Strenge des Gesichtsausdrucks, ja zur fast maskenhaften Starre der Miene. Pauls Mutter war wieder einmal gestresst. “Das Gewitter hätte schlimm sich ausweiten können”, bellte sie ihrem Sohn entgegen.
Paul hatte die dicke Luft bereits vor der Hauseinfriedung gewittert; sein feinfühliges Naturell war ihm einmal mehr ein hilfreicher Sensor. In anderen Situationen seines ihm nicht immer leicht erscheinenden Lebens, wenn sich die Jungens seines Alters auf dem Schulhof oder dem Sportplatz untereinander in ersten Anflügen von Imponiergehabe übten, empfand er solche sensiblen Regungen seines Wesens als eher lästig. Dann hätte er zu gerne den rauen Kerl markiert, konnte aber selten über den eigenen inneren Schatten springen. Nun knallte er sein Fahrrädchen an die Wand des Geräteschuppens, der mit der optischen Wucht eines Schrebergartendomizil zwischen Wohnhaus und Nutzgärtchen stand, und huschte an Mutters Rockzipfel vorbei wie ein Hund, der die Peitsche im Anflug wähnt. Dabei knurrte er: “O.K., O.K., ich war bei Seppi, bloß keine Panik.”
“Na, haben Blitz und Donner dich so schnell wieder nach Hause gejagt?” Pauls Schwester Franziska empfing ihren Bruder in der Diele mit einem von Spott süß-sauer verzogenen Lächeln auf den Lippen. Sie war Zwölf, und Auswüchse der Pubertät hatten in ihrem Verhaltensraster bereits deutlichen Spuren gezogen. Paul nannte das “zickig”. Und so kam es in jüngster Zeit viel öfter zwischen den Geschwistern zu Auseinandersetzungen, als es dem Familienfrieden zuträglich war. Doch dass beide Kinder trotz aller Rivalität in tiefer emotionaler Verbundenheit zueinander standen, war für feinfühlige Beobachter der Familie keine Frage. Aus dieser Verbundenheit resultierte Pauls Kenntnis von Franziskas besonderem Gespür für atmosphärische Veränderungen.
“Jetzt bloß nichts anmerken lassen”, flüsterte er sich selber ins Ohr und versuchte die Schultern zu straffen wie Arnold Schwarzenegger in seinen besseren Jahren. “Sonst nervt sie mich wieder mit ihren stichelnden Fragen. Und wenn sie erst Lunte gerochen hat, dann bohrt und bohrt sie weiter, bis ich ihr etwas sage, bloß um endlich Ruhe zu haben. Wenn ich ihr jedoch erzähle, was los ist, kann ich auch gleich die Mutter informieren. Und dann ist das Zeltabenteuer passé.”
“Von wegen das Gewitter, der Hunger hat mich heimgetrieben. Mir knurrt der Magen.” Paul flüchtete in eine Notlüge und spürte die eigenen Ohren erglühen, denn nichts hasste er mehr als unaufrichtige Naturen. Doch hier stand er nun und konnte nicht anders und hatte Glück. Seine Schwester nahm den Flunkerball auf und entgegnete schnippisch: “Da kannst du lange warten. Die Mutter muss erst noch einiges für deinen Geburtstag richten.” Die Betonung lag auf “deinen” und kam jenen nervversehrenden Giftpfeilen gleich, wie sie Paul an jedem normalen Tagen auf die Palme gejagt hätten. Aber dieser Tag besaß für ihn so viel Normalität wie Hochwasser in der Wüste. Deshalb schwieg er und trollte sich in sein Zimmer. Hauptsache, Franziska war abgewimmelt.
Paul warf sich bäuchlings aufs Bett und legte den Kopf auf die verschränkten Arme. Sein Blick hing starr am Teppichboden, die Gedanken kreisten um die Albaner und deren Nachricht, die ihn aufwühlte wie eine Kriegserklärung. Er spürte brennenden Hass auf die drei Brüder, die ihm die Vorfreude auf seinen Geburtstag völlig versaut und ihn in einen Abgrund dunkelster Gefühlsregungen gestürzt hatten.
Am späteren Nachmittag radelte Paul zum Fußballtraining auf den Sportplatz am anderen Ende des Dorfes. Rudi würde auch dort sein, da war er sich sicher; der Albaner fehlte nie. Schließlich war er der ungekrönte Dribbelkönig unter den Nachwuchskickern und führte die anderen Jungs mit dem runden Leder vor wie Nasenbären in der Manege. Lob und Anerkennung heimste er von seinen Mitspielern selten ein, wenngleich er die Mannschaft im blau-weißen Trikot der E-Jugend meistens im Alleingang zum Sieg führte. Aber bewundert und beneidet haben sie den artistischen Albaner ob seiner Kabinettstückchen á la Diego Maradonna schon.
Als Paul auf dem Sportplatz eintraf, konnte er Rudi nirgends erspähen. Die anderen Jungs waren bereits aktiv und jagten dem Übungsball auf dem sattgrünen Rasen hinterher wie Windhunde dem Hasen. Paul schloss gedankenverloren sein Fahrrad ab, nahm seine kleinen Fußballschuhe vom Gepäckträger und drehte sich um - da stand Rudi vor ihm, mit geballter Faust .
Paul zuckte zusammen. Er spürte Feuchtigkeit auf den Handflächen sich ausbreiten und Trockenheit in der Kehle. Fragen flipperten durch seinen Kopf wie Metallkugeln. Wo lauern Rudis Brüder? Werden Sie mich überwältigen und fesseln, knebeln und martern? Wird meine Hilferufe irgendjemand hören können? Hat mein letztes Stündlein geschlagen? Panik bahnte sich ihren Weg vom Haupt zum Herzen.
“Du bist ja gefahren, als ob der Teufel hinter dir her wäre.” Rudis Stimme klang wie ein Reibeisen, und seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem spitzbübischen Lächeln.
Paul hielt sich krampfhaft an seinen Kickerstiefeln fest und suchte fiebrig nach der passenden Parade. “Nicht der Teufel ist hinter mir her gewesen, sondern Jogi Löw, der will mich unbedingt im deutschen Nachwuchsteam sehen.“ Die Antwort kam unerwartet und schlug ein wie ein direkt verwandelter Eckstoß. Paul selber war ganz verdattert und das dunkelbraune Augenpaar ihm gegenüber nicht weniger.
“Ha, ha“, höhnte der Albaner gereizt, “du in der Nationsmannschaft, dass ich nicht lache.”
Paul hatte sich vom ersten Schrecken erholt. Er fühlte Oberwasser unterm Kiel; dass Rudi alleine zu sein schien, entfachte in ihm neuen Mut. “Was geht überhaupt ab, willst du mich anmachen?“, fragte er mit schnippischer Schärfe.
Der säbelbeinige Albaner lief rot an, biss die Zähne zusammen und zischte: “Halt die Klappe, du Schwuchtel, sonst gibt es Saures. Ich bin hier, um dir zu geben, was du hast verloren.“
Paul war überrascht. Aber zugleich verleitete ihn Rudis sprachlicher Dreher zu einem mitleidigen Lächeln und zu einer ungläubigen Fragestafette, der purer Hochmut die Betonung gab: “Ich hab’ was verloren? Und du willst es gefunden haben? Du?”
Rudi öffnete die geballte Faust, und seine Augen begannen zu funkeln wie bei einem Spieler, der als letzte Karte das Kreuz-As auf den Tisch legt. In seiner Handmuschel leuchtete eine Zwei-Euro-Münze. Paul erstarrte. Während sein Blick fest am Albaner hing, durchstöberte seine rechte Hand die Hosentasche. Ohne Erfolg! Das Geldstück, das die Mutter ihm als Trinkgeld mitgegeben hatte, war verschwunden. Sofort machte es in seinem Kopf “klick”. Die Euromünze musste ihm aus der Hosentasche gerutscht sein, als er beim rasanten Einbiegen auf das Sportplatzgelände in einem Anflug von Kühnheit glaubte, er sei ein Sprinter auf der Zielgeraden der „Tour de France“.
Paul war platt, sein Mund stand torweit offen, der kleine Gehirnkasten ratterte wie ein Computerlaufwerk, das die passende Diskette sucht. Rudi ein ehrlicher Finder statt eines erbarmungslosen Fieslings? Das wollte nicht in seinen Schädel. Das konnte nicht sein. Das war Teil dieses miesen Spiels, das die Albaner mit ihm spielten. ‘Diese Saubande’, fauchte es durch seinen Kopf, und die Augen verengten sich zu schmalen Schießscharten.
“Danke,” grummelte Paul schließlich, grabschte die Münze, ohne Rudi noch eines Blickes zu würdigen, drehte sich um und dampfte ab in Richtung Übungsplatz, der ihm für den Rest des Nachmittags öde erschien wie ein abgeerntetes Maisfeld.
Zu Hause beim Abendbrot war Paul einsilbiger als ein Gauner im Polizeiverhör. Sein Vater wollte Details über die geplante Geburtstagsfete wissen. Doch er musste seinem Filius jede Einzelheit mühselig aus der Nase ziehen: Wer eingeladen sei, welche Spiele ausgetragen würden, was an Überraschungen erwartet werden durfte.
Der Vater war als Psychotherapeut am nahen Klinikum tätig, und in der knapp bemessenen Freizeit verdingte er sich als Seelendoktor für gut betuchte Privatpatienten. Allerdings zeigte der Mittdreißiger seinen Kindern gegenüber selten jenes Maß an Einfühlungsvermögen, das er seinen erwachsenen Klienten angedeihen ließ; das bereitete vor allem den sensiblen Paul einigen Verdruss. Nun harrte der Vater der Antworten auf weitere Fragen und machte ein Gesicht voll angestrengter Geduld. Paul biss auf die Zähne. Ihn war nicht nach Geplauder und nicht nach Geburtstag, ihn dürstete nach Anteilnahme an der Seelenqual. Aber vom Vater erwartete er keinen Trost. Der redete nur viel und klug und mit der Überlegenheit eines Erwachsenen. Sein hartes Herz war gegen den kindlichen Kummer resistent wie ein Richter gegen das stumme Flehen eines Delinquenten.
“Du scheinst dich ja auf morgen zu freuen wie auf einen Besuch beim Zahnarzt”, meinte der Vater schließlich voll gesalzener Ironie. Paul schwieg und starrte mit leerem Blick auf die Tischplatte. Er empfand zum ersten Mal in seinem Leben, wie ein Vater und ein Sohn sich gegenseitig quälen können, denn er selber war sich ob seiner stockenden Art einer Schuld durchaus bewusst, und wie jedes zusätzliche Wort und jedes weitere Schweigen nur neues Öl ins Feuer gießt und zusätzlichen Ärger schafft. Wie war das nur möglich, fragte sich Paul. Aber es war so. Es geschah in diesem Augenblick am heimischen Esstisch. Und er fand keinen Ausweg.
Die Mutter hatte den neben ihr sitzenden Sohn die ganze Zeit aus den Augenwinkeln beobachtet. Sie spürte den schnürenden Schmerz auf des Jungen Seele und litt mit ihm. Und obgleich sie erkannte, dass bei Tisch nicht der rechte Augenblick war, des Kummers Ursache zu ergründen, fehlte ihr doch das Zutrauen in eine Versöhnung stiftende Vermittlung zwischen Ehemann und Filius. Sie wollte beim Gute-Nacht-Kuss, wenn sie mit Paul alleine sein würde, dessen Geheimnis zu lüften versuchen, und nahm dabei in Kauf, dass die Verstockungen des Sohnes bis dahin eher sich noch beträchtlich auswachsen könnten.
“Freust du dich denn auf morgen?” Pauls Mutter strich ihrem im Bett liegenden Sohn sanft über die Stirn. Die vertraute Geste war wie Balsam auf sein wundes Gemüt, konnte aber eine heilsame Wirkung kaum entfalten. Zu wirr waren die Gedanken, zu aufwühlend die Gefühle. Und dass die Mutter ihn aus seiner quälenden Not würde befreien können, dazu fehlte Paul hinreichend Vertrauen in eine gütliche Lösung. Wenn er sich ihr offenbarte, da wähnte der Junge sich sicher, würde auch der Vater davon erfahren und das Zeltabenteuer kurzerhand abblasen. Eine andere, weniger pessimistische Variante der Konfliktbewältigung fand keinen Eingang in des Knaben eng begrenzte Vorstellungswelt.
Wie gerne hätte Paul an der Mutter Herz seiner Stimme und den heiß blubbernden Stimmungen freien Lauf gelassen; schon deshalb, um die unerträgliche Anspannung in seinem Inneren zu lösen. Wie entzückt wäre er gewesen über einen Gedanken oder eine zündende Idee, an denen er sich hätte erwärmen und sättigen können, die ihm einen Weg aus der verzwickten Lage gewiesen hätten. Doch geistige Erleuchtung erreichte ihn nicht, weder aus seinem tiefsten Innenleben noch erwartete er sie überhaupt von äußeren Einwirkungen. Sein Blick blieb traurig und trüb. Er weinte, aber die Tränen rollten nach innen.
“Natürlich freue ich mich auf meinen Geburtstag und die Feier”, mühte sich Paul endlich nach Kräften, seiner Stimme einen Klang von Normalität zu verleihen.
“Aber besonders gesprächig warst du beim Abendbrot nicht”, entgegnete die Mutter, Blick und Ton auf jene sanfte Ebene erhoben, wo Vorwurf und Verständnis sich in mildem Licht vereinen.
“Ich war bloß müde”, erklärte Paul, den Kummer streng gegürtet, “das schwüle Wetter und das Training haben mich geschlaucht. Ich wollte Papa nicht ärgern und möchte nicht, dass du dich sorgst.”
Der Mutter entfuhr ein Seufzer. Die Worte des Sohnes klangen ihr wenig überzeugend. Aber sie wollte ihn auch nicht mit weitergehenden Fragen quälen. “Morgen beginnt ein neuer Tag”, leitete sie einen tröstenden Abschluss der kargen Zwiesprache ein, “dann wird der dunkle Ärger von heute sanft im Licht der Sonne enteilt sein.” Und in der Mutter Gesicht war bei diesem Satz soviel Schmerz und soviel Güte beisammen, wie es der leidgeprüfte Paul zuvor nie bei ihr gesehen hatte. Ihm zog es das Herz zusammenzog, und er wälzte sich bleischwer auf die andere Bettseite.
Als die Zimmertür ins Schloss fiel, wurde der Junge von einem Schub neuer Zweifel gepeinigt. Quälende Zweifel, ob er die Anspannung und Nervosität des kommenden Tages würde aushalten und vor den Schulkameraden und Geburtstagsgästen würde verbergen können. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er alleine stand, von Seppi einmal abgesehen. Aber ob sein Kumpel wirklich so mutig war, wie er tat, das musste die Zeltnacht erst noch erweisen. Und ob sein eigener, äußerst zerbrechlich wirkender Mut den Wellen aus Furcht und Pein auf Dauer würde standhalten können, da war Paul sich alles andere als gewiss.
Am liebsten hätte er losgeheult: Aus Verzweiflung und aus Wut. Er haderte mit dem Schicksal, das so Schlimmes mit ihm im Schilde zu führen schien und ihm den Spaß am Geburtstag längst verdorben hatte. Paul litt wie ein wundes Tier, die Wonnen des Lebens waren ihm fern wie der Mond, der stumm und bleich ins Zimmer blickte. Und er fragte sich, ob so wie er auch andere Jungen und Mädchen gequält würden, ob das Leiden zum irdischen Leben gehöre wie die Freuden, ob man den Becher mit den bitteren Getränken so notwendig gereicht bekäme wie man zuvor die süßen habe schlürfen dürfen, ob den wohligen Trank überhaupt nur zu würdigen wisse, wer zuvor den bitteren gekostet habe? “Ein Hundeleben ist das“, fluchte der kleine Kerl in sich hinein.
Abermals wälzte er sich zur Seite, um endlich einzuschlafen. Doch Schlaf kam noch immer nicht. Stattdessen erschien dem Jungen ein imaginärer Filmvorführer, der mit feixender Miene den immer gleichen Titel abspulte: „Abreibung! Morgen Nacht! – die Albaner!“ Schneller und schneller raste die Spule, und zum Höhepunkt des Horrortrips zuckte ein Wort infernalisch-penetrant und schrecklich grell an die nachtschwarze Zimmerdecke: „Albaner, Albaner, Albaner...“
Paul riss die Augen auf, und der Spuk war vorbei. Aber sein Herz raste noch ärger als zuvor, Schweißtropfen perlten sich auf der Stirn und rannen vom Hals über die Brust bis zum Bauch, wo sie von einem klammen T-Shirt aufgesaugt wurden, das seinen wohligen Flausch längst verloren hatte. Der Junge starrte in die Dunkelheit und wurde seiner Ausweglosigkeit auf erschreckende Weise gewahr. Wem konnte er sich nur anvertrauen, wem all seine Ängste mitteilen? Eine große Sehnsucht überkam den Jungen, und er spürte tief in seinem Inneren das Gefühl sich regen, dass nur einer ihn würde verstehen und ihm würde helfen können – der ALLMÄCHTIGE. Zu ihm wollte er beten.
Sicher, er hatte abends in seinem Bett schon oft die Hände gefaltet, meist zusammen mit seiner Mutter, und ein Gebet gesprochen. Doch das war selten seinem Herzen entquollen, sondern aus dem Mund gesprudelt wie eine Litanei. Wer frei von Sorgen und wen der Kummer nicht niederdrückt, der empfindet selten Bedürfnis nach inniger Zwiesprache mit GOTT. Doch in dieser Nacht war das bei Paul anders. Sein kleines Herz schrie nach Linderung des Leids und seine Seele nach Tröstung. Und so legte er die schweißfeuchten Händchen fest aneinander und betete.
“Lieber VATER im Himmel”, begann Paul, “wenn es dich wirklich gibt, und Großvater hat mir immer gesagt, dass du bei Tag und Nacht über uns wachst. Wenn du also auch jetzt in mein Zimmer blickst, dann höre mir bitte zu: Ich brauche deine Hilfe, lieber GOTT. Ich weiß nicht, wie ich die Albaner besiegen kann und wie ich meine Angst bekämpfen soll. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch einmal fröhlich sein kann. Dabei möchte ich doch morgen an meinem Geburtstag so gerne lachen, mit anderen herumtoben und einfach froh und glücklich sein. Bitte, lieber GOTT, hilf mir, steh mir bei, lass mich nicht allein. Bitte, bitte, bitte.“
Gegen Ende seines Gebetes war der kleine Paul in seinen flehenden Worten immer leiser geworden. Schließlich verstummte er, wurde ganz andächtig, harrte seinen dumpfer verhallenden Herzschlägen und erfuhr schließlich die vollkommene Ruhe des Augenblicks. Er lauschte, bis ihm ein Tor zum Geheimen sich öffnete, und aus dem anfangs inbrünstig Betenden wurde mehr und mehr der ehrfürchtig Horchende. Es offenbarte eine innere Stimme sich ihm, still und leise, voller Zartgefühl und doch deutlich und klar in ihrer Aussage: “Alles wird gut, hab nur Vertrauen!”
Tränen überschwemmten die Augen des Jungen, er war ganz ergriffen. Sein willenloser Körper erschauerte, als würden die zarten Finger einer gütigen Fee ihn mit nicht enden wollenden Streicheleinheiten verwöhnen. Paul fühlte eine Geborgenheit, die weit über sein vertrautes Heim und Zuhause hinausreichte, gleichsam wie überirdisch behütet, von einer Macht gehalten, deren Kraft ihm in diesem Moment unendlich viel größer erschien als all jene finsteren Mächte, die ihn nun schon die halbe Nacht lang in immer neuen Schüben geplagt hatten. Und mit einem Gefühl der Erleichterung kehrte Sicherheit in seinen zagenden Geist zurück, und nach und nach lösten sich die kleinen Hände voneinander, und der Junge drehte sich zur Seite und schloss selig beruhigt die Augen.
Ein kurzes Gewitter durchzuckte die Nacht, und dann setzte heftiger Regen ein. Paul schlief tief und fest und nahm weder das Donnergrollen wahr noch die dicken Tropfen, die der böige Wind gegen die Fensterläden schleuderte. Der kleine Kerl wandelte im Reich der Träume und erlebte auch in dieser Versonnenheit des Schlafes emotionale Höhen und Tiefen. Gerade zu jener Stunde, als in der Ferne die Kirchturmglocke zwölf Mal schlug, wähnte er sich in einer beklemmend düsteren Höhle. Er war völlig alleine. Um ihn herum zirpte und zischte es, und ganz unvermittelt saß ein schauriges Insekt auf seiner Hand. Paul starrte das Tier an und das Tier ihn. Ihm war unheimlich, ihn fürchtete, und je stärker die Angst ihn niederdrückte, desto mächtiger erschien ihm das gruselige Getier.
Plötzlich hob das Insekt ab und verwandelte sich im Flug in ein riesiges Ungeheuer. Die Augen funkelten abwechselnd grün und blau, die Haut phosphoreszierte gelblich, und aus dem Maul quoll eine eklig milchige Flüssigkeit.
Dieses Monster umkreiste den Jungen, stieß widerliche Laute aus und hieb die behaarten Beine und sehnigen Tatzen mit den spitzen Krallen ständig links und rechts an Pauls Kopf vorbei wie ein Dompteur die knallende Peitsche an den auf Hockern harrenden Löwen in der Manege. Der gepeinigte Traumwandler zitterte am ganzen Körper und schrie aus Leibeskräften. Aber niemand hörte ihn, und das Monster verstärkte seine Attacken noch, kam so nah, dass die vor Angst erstarrten Augen des Jungen dem Ungeheuer bis tief in den feuerroten Höllenschlund blicken konnten und der schmächtige Paul sich bereits darin verschwinden sah wie der biblische Jonas im Rachen des Wals verschwunden war. In dieser furchtbaren Not raffte der kleine Paul allen Mut zusammen, grabschte sich den nächst besten Felsbrocken vom steinigen Boden der Höhle und hieb dem Untier beim nächsten Anflug mit ganzer Kraft und aller Wucht zwischen die Augen - und in einem grellen Blitz explodierte das Monster, und tausend Funken stoben durch die nachtschwarze Höhle…
Paul riss die Augen auf; er saß aufrecht im Bett und starrte in das grelle Licht der Deckenlampe. Seine Mutter stand im Türrahmen, die Hand am Beleuchtungsschalter.
“Was ist los?“, rief sie mit besorgter Stimme. „Du hast fürchterlich geschrieen, durch Mark und Bein gehend.”
Paul starrte die Mutter ungläubig an. Er war sich nicht sicher, ob er träumte oder wachte. Sein Blick senkte sich zur rechten Handfläche: dort klebte eine tote Stechmücke. Nun realisierte er, wo er war, aber er begriff den Zusammenhang nicht.
“Ja, schlecht geträumt”, murmelte er wie geistesabwesend vor sich hin. “Aber jetzt, denke ich, ist alles O. K.” Die Worte kamen nur stockend aus trockenem Munde.
“Tatsächlich? Oder soll ich lieber bei dir bleiben?” Die Mutter stand noch immer in der Tür und musterte ihren Sohn wie ein Sanitäter ein Unfallopfer ansieht, das zwar äußerlich unbeschadet erscheint, aber benommen wirkt und dennoch jedes gut gemeinte Hilfsangebot brüsk von sich weist.
Paul schüttelte den zerknautschten Kopf. “Nein, nein”, entgegnete er mit einer Heftigkeit, die in einem bizarren Kontrast zu seiner Verwirrung stand, “ich werde bestimmt gleich wieder einschlafen.”
Der Mutter Gesicht spiegelte Verständnislosigkeit, aber ihr eigenes Schlafbedürfnis wirkte stärker als die Zweifel an des Sohnes Beteuerungen. So löschte sie das Licht und sagte beim Hinausgehen: “Wenn du doch nicht wieder einschlafen kannst, dann komm zu mir und unter meine wärmende Decke.”
Paul nickte und ließ den Kopf zurück aufs Kissen plumpsen. Nun erst fühlte er den Stoff patschnass an der Haut kleben. Doch das störte ihn wenig. Weit heftiger marterte ihn die Frage, was der Traum zu bedeuten habe, wer oder was dahinter stecke. Ob das etwas mit den Albanern und ihren hinterhältigen Attacken zu tun hat?, fragte er sich und spürte augenblicklich einem unangenehmen Gefühl nach, das im Windschatten dieses Gedankens lauerte, und ihm war, als ob dieses diffuse Gefühl eine hässliche Fratze zöge und nur darauf wartete, ihn abermals mit Wucht zu überfallen.
Doch zugleich wurde er eines weiteren Gedankens gewahr, einer, der ihn mehr ermutigte denn niederdrückte: Ob ihm mit diesem Traum vielleicht eine Botschaft übermittelt werden sollte, woher auch immer kommend, eine Botschaft in Bildern, ein Gleichnis als Lektion, die sein Ameisenverstand aber nicht begreifen, nicht übersetzen, nicht in das Alltagsleben einordnen konnte? Jetzt noch nicht konnte? Und Paul dachte unwillkürlich an sein Gebet und die anschließenden Worte, die er in seinem Inneren erlauscht hatte, und ihn beschlich eine Ahnung, dass beide Botschaften etwas miteinander zu tun haben könnten. Aber was, das begriff er nicht. Und so blieb ihm kaum mehr, als sich innerlich zu wärmen an der dämmernden Gewissheit, dass die traumatische Heimsuchung ihn zwar hatte erschüttern, aber keineswegs überwältigen können.
Am Morgen schien die Sonne und sandte ihre hellsten Strahlen durch das spaltbreit geöffnete Fenster des Kinderzimmers. Die Vögel zwitscherten und trällerten im Geäst der Obstbäume, gerade so, als wollten sie das Geburtstagskind mit einem fröhlichen Ständchen erfreuen. Eine wunderbare Heiterkeit durchflutete Pauls Seele, gleich dem beschwingten Sommermorgen, den er nun mit ganzem Herzen zu genießen suchte.
Als er die munteren Augen zur Zimmertür lenkte, standen dort seine Eltern und seine Schwester im Türrahmen, und als die Blicke sich trafen, sang das Trio sogleich beherzt los: “Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück...”
Mit einem Satz war Paul aus dem Bett, herzte seine Mutter, drückte den Vater an sich, als wollte er die frostige Atmosphäre des Abends in dieser einen Umarmung nachträglich und endgültig auflösen, und setzte der Schwester einen dicken Schmatz auf die Wange. Aller Kummer der Nacht war vergessen, es war ihm leicht wie einem Fisch im Wasser. Paul empfing und empfand die Liebe seiner Familie ohne Einschränkung, und das machte ihn glücklich, und in diesem Augenblick, da er rundum zufrieden war, überkam ihn ein Gefühl von Dankbarkeit. ‚Das Leben meint es doch gut mit mir’, dachte er bei sich und strahlte über das ganze Gesicht.
Dabei hatte er die Geschenke noch gar nicht in Empfang genommen, sie waren seinen Gedanken völlig entrückt, in diesem Moment unwichtig, ohne Belang. Doch das änderte sich rasch, denn schon einen Atemzug später fieberte das Geburtstagskind mit gespannter Erwartung der Bescherung entgegen. Paul wurde nicht enttäuscht: es gab ein elektronisches Spielzeug von seinen Eltern, ein Päckchen, das die Oma geschickt hatte, und - wie immer zu besonderen Anlässen - ein selbstgemaltes Bild von Franziska.
Als das Spielgerät getestet, das Geheimnis um Omas Gabe gelüftet und die Familie bereits an den festlichen Frühstückstisch vorausgeeilt war, fiel Pauls Blick auf das wasserfarbene Werk seiner Schwester, dem er bisher kaum Beachtung geschenkt hatte. Nun sah er genauer hin und glaubte an einen Streich seiner Augen: Das Gemälde zeigte den heimischen Garten mit dem alten Astwerk, das in voller Blütenpracht stand, und mitten auf der Wiese ein lila Zelt, wie er und Seppi es zur gemeinsamen Übernachtung ausersehen hatten. Und weil Franziska nicht Franziska wäre, wenn sie ihren Bruder selbst zu diesem besonderen Anlass nicht hätte necken, genauer gesagt erschrecken wollen, hatte sie direkt über dem Zelt ein fliegendes Ungeheuer platziert. Dieses Monster für sich genommen, hätte Paul wohl kaum das Fürchten gelehrt; einen Papiertiger wusste er wohl von einer leibhaftigen Wildkatze zu unterscheiden. Nein, was ihn erschreckte, war die Gestalt des Dämons: Das war exakt die gleiche, die ihn in der Nacht im Traum heimgesucht hatte.
