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Als Tilda sich in ihren, bis dahin noch nicht aufgeflogenen Stalker verliebt, hat der perfide Millionär Paul fortan ein ganz leichtes Spiel damit, das gesamte Umfeld der unbedarften Träumerin zu instrumentalisieren. Durch vehementes Einwirken fesseln Freunden und Bekannten Tilda emotional an den sich fernhaltenden Sonderling. Obwohl Paul seine Liebe Tilda gegenüber leugnet und sich abweisend verhält, erliegt Tilda ihren Phantasien und gibt sich ihren Glücksgefühlen hin. Die massiven Einflussnahmen des Manipulators generieren in ihr die Bereitschaft, seiner angeblich geheimen Überraschungshochzeit zuzustimmen.
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Seitenzahl: 1416
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Gebannt ruhte Pauls Blick auf der auffallend schönen Fremden. Sie mußte das Feuer sein, in dem all die Knüppel, die ihm das Leben immer wieder zwischen die Beine warf, verbrennen werden. Die Eingebung, dass sein Leben durch sie gut werden wird, erleuchtete ihn. Nicht mehr beachtet, neigte sich das Glas in seiner Hand bedenklich zur Seite. Eher zu sich selbst, als zu seinen Freunden Mia und Rolf Fink, in deren Wohnzimmer sie saßen, fragte Paul wer sie ist.
Man wußte es nicht. Paul beorderte die anwesenden Kinder nach draußen, um möglichst unauffällig möglichst viel über sie in Erfahrung zu bringen.
Mia wollte protestieren, aber Pauls entschlossen verlangender Blick ließ sie innehalten. Sollte das endlich die Frau sein, die seine destruktive Resignation durchbrechen und sein Leben mit fünf Kindern mit ihm teilen wird?
~
Verträumt stand ich am Dorfbrunnen und genoß die Wintersonne, die sich in den Fenstern spiegelte. Aus dem schönsten Haus im Ort, einem perfekt sanierten Sandsteinhaus, liefen drei fröhliche Kinder heraus und auf mich zu.
Kinder die ich auch so gerne gehabt hätte, aber nicht bekommen habe.
Ihre Gesichter waren wie zu Fasching bunt geschminkt. Durcheinander plappernd fragten sie mich wer ich bin und was ich hier mache. Bilder von quietschenden Kindern, die sich im Sommer hier Wasserschlachten lieferten, festigten meinen Entschluß, das zuvor besichtigte Haus zu kaufen und schürten den Wunsch, mich mit den Bewohnern dieses Hauses anzufreunden.
Unbefangen beantwortete ich all ihre Fragen.
Meine Entscheidung, als gut versorgte Witwe entspannt der Stadt den Rücken zu kehren fühlte sich immer richtiger an.
Abends zuhause ließ ich den Tag Revue passieren; euphorisch freute ich mich auf mein neues Haus und das Leben auf dem Lande. Später, im Dunkel der Nacht, versuchte ich das aufgeregte Kribbeln, welches mich seit dem Nachmittag begleitete, zu analysieren. Ich stufte es als Vorahnung einer großartigen Überraschung für mich in dem kleinen vierhundert Seelendorf ein.
Dasselbe Gefühl begleitete den Hauskauf beim Notar. Bei dem anschließenden Umtrunk plauderten wir über das Haus. Dass ich es komplett umbauen wollte, erwähnte ich lieber nicht. Warum sollte ich sie mit der Vorstellung kränken, dass ihr jahrelanges Zuhause für mich nicht gut genug war.
~
Sonja Strohbrot hielt in ihrem Haus zwanghaft immer alle Rolläden geschlossen. Ihr Mann Klaus ließ wieder Licht hinein, sobald er nachmittags nach Hause kam, ihr Papagei Käptan begrüßte die Helle mit fröhlichen Pfiffen.
Es warm genug, um mit einer Jacke draußen sitzen zu können. Klaus hatte bereits den kleinen Tisch mit den Bistrostühlen unter das Küchenfenster gestellt und abgewaschen und Sonja reichte eben den Kaffee nach draußen.
"Vielleicht haben unsere neuen Nachbarn ja Kinder." Sonja war nie darüber hinweg gekommen dass ihre Ehe kinderlos geblieben war, und so waren Kinder ein ständig präsentes Thema.
"Wird sich ja bald zeigen. Bring noch das Telefon mit raus, garantiert ruft jemand an so wie wir sitzen."
Einzelne Bienen summten in der friedliche Stille, als tatsächlich das Telefon läutete.
Sonja nahm ab und als Rolf Fink sich meldete, wollte sie ihn sofort in ihr übliches Gelaber verwickeln.
Aber Rolf kam gleich zu Sache und erkundigte sich nach ihrer neuen Nachbarin.
"Wir kennen sie noch nicht," antwortete Sonja mit Bedauern, "haben gerade darüber gesprochen ob die wohl Kinder haben."
"Nein, das ist eine alleinstehende Frau um die Fünfzig."
"Ach, und jetzt willst du Aufträge oder soll ich dich vorstellen?" plauderte Sonja wild drauf los.
Rolf war verlegen und sich im Moment nicht mehr sicher, ob er sein Anliegen wirklich vorbringen sollte. Pauls Bitte war eigentlich nicht in Ordnung.
Schließlich erzählte er von seinem Freund, der sie gesehen hat und sehr an ihr interessiert ist."
"Kein Problem, Sonja macht das schon. Wir laden einfach zum Grillen ein und schon ist Bingo!"
Jetzt wand sich Rolf wirklich: "So einfach ist das nicht, er hat schlechte Erfahrung gemacht und will erst wissen wie sie so drauf ist. Und da dachte ich, weil du ja ganz nah dran bist, dass du mir das ein oder andere erzählen könntest?"
Sonja hätte sich gern mit Klaus besprochen, aber sie wußte, dass er dagegen sein wird und deshalb am besten nichts davon erfährt, "dann komm ich einfach mal bei euch vorbei und schaue mir an was ihr nicht mehr braucht."
~
Der Hausübergabe fieberte ich mit Tatendrang entgegen. Endlich war es soweit. Mein Auto war voll bepackt, als erste Einzugshandlung sozusagen und der Verkäufer übergab mir das Haus, nun mein Haus, kurz und schmerzlos.
Während ich die ersten Kartons hineintrug, überkam mich wieder die Gewißheit, dass hier eine schöne Überraschung auf mich wartet.
Ein Roller fuhr vorbei, auf der Fußplatte saß ein Hund und genoss den Fahrtwind. Es sah lustig aus und ich freute mich, als der Roller in die Einfahrt des Nachbarhauses einbog.
Ich winkte dem Fahrer zu und mein Hund war schon nach dorthin unterwegs.
Mein nächster Nachbar stellte sich als Klaus vor und sagte mir gleich, dass ich mich nicht nicht über die herunter gelassenen Rolläden wundern soll, seine Frau sei da etwas eigen. Er bot mir Kaffee an und stellte mir seine Frau vor.
Sympathische Leute diese Strohbrots, sie bisschen dumm aber herzlich und nett. Er cool und lustig. Das erste Beschnuppern dauerte bis nach der zweiten Flasche Bier, so gut verstanden wir uns. Ich fühlte mich wohl und unsere Hunde zerfleischten sich nicht.
Naiverweise war ich davon ausgegangen, dass die Leute, die oft für meinem verstorbenen Mann gearbeitet haben, bei mir nun genauso sorgfältig und zuverlässig sein würden. Nach kurzer Zeit war das ganze Haus eine riesige Baustelle, alles auf- und abgerissen; und wie in einer Komödie verwaist. Keiner von den Arbeitern ließ sich mehr blicken. Der letzte Handwerker, den ich gesehen habe, stand plötzlich im String vor mir und schwärmte von ganz anderen Qualitäten, die er auch noch zu bieten hat.
Von da an machte ich unter ständiger Beobachtung der Nachbarschaft alleine weiter. Von meinem Mann hatte ich viel gelernt und über die Jahre haben wir uns eine passable Werkzeugausstattung angeschafft.
Eines morgens spazierte Roland durch meine Baustelle. Der Nachbar von schräg gegenüber, Fliesenleger, Allrounder und im Ruhestand. Er schaute sich alles ganz genau an und fragte noch genauer, wie alles aussehen soll wenn es fertig ist.
"Ja okay, das mach ich hier, ich helf dir." Er sagte es so als ob ich ihn gefragt oder gebeten hätte das zu tun.
"Also ich weiß nicht ob mir das recht ist, wir kennen uns nicht." Bei der Vorstellung viele Stunden mit ihm zusammen zu arbeiten stellten sich meine Nackenhaare und ich hoffte, dass er wenigstens verbergenden Feinripp trägt.
"Wir sind Nachbarn und du stehst alleine da. Ich habe zugestimmt, ich mache das hier mit dir."
Sein Anbiedern kam mir ungewöhnlich vor und skeptisch fragte ich ihn, was er dafür haben will.
"Garnichts, du brauchst nichts zu zahlen, du nicht."
Die Sache gefiel mir nicht, aber unter den gegebenen Umständen war ich vorerst einverstanden. Als ich ihn zur Straße begleitete um ihn zu verabschieden, fuhr Sonja vorbei und im Augenwinkel sah ich, wie Roland ihr versteckt das Daumen hoch Zeichen machte.
Mittlerweile war ich ganz umgezogen und bewohnte ein einziges, mein sogenanntes Campingzimmer. Kochen, Schlafen, Wohnen; es war der einzige Raum in dem keine Bauarbeiten getätigt wurden und der halbwegs sauber war.
Nachmittags machte ich täglich einen Hundespaziergang, es war so schön dort.
Es gab ein kleines Wäldchen mit engen, von Wurzeln durchzogenen Wegen und zwischen den Bäumen heraus bot sich oft ein weiter Blick über Wiesen und Felder.
Sonja Strohbrot entpuppte sich leider als aufdringlich und neugierig. Wann immer sie es offenbar einrichten konnte, lauerte sie mir auf. Sie begleitete mich fast täglich und löcherte mich mit Fragen über mich und mein Leben. Sie erzählte auch sehr viel von sich, zB dass sie sehr traurig darüber ist, keine Kinder bekommen zu haben. Oder wie schlecht es bei ihr auf der Arbeit läuft.
Sie hatte einen riesigen Bekanntenkreis und beschrieb ausführlich und ohne Punkt und Komma ihre Unternehmungen im Pulk. Billig-shoppen und Massenveranstaltungen schienen ihre Lieblingsbeschäftigungen zu sein.
Mich interessierte das alles nicht nur nicht, es nervte. Gute Nachbarschaft ist wichtig, besonders in einem kleinen Ort, aber sie strapazierte meine Geduld.
Meistens sagte ich nichts, und wenn sie wirklich auf eine Antwort wartete, blieb ich vage oder sagte irgendwas. Sie schien ohnehin nicht zuzuhören. Wie oft hat sie mich schon gefragt, ob ich keine Kinder gewollt habe und wie oft habe ich ihr schon gesagt, dass es sich nicht ergeben hat.
Mit ihrer Hartnäckigkeit, oder Penetranz, hat sie dann aber doch einiges aus mir heraus gekitzelt: Über meine erste Ehe mit Steffi, damals hieß das noch eingetragene Lebenspartnerschaft, und von ihrem Tod durch Brustkrebs. Über meine zweite Ehe mit Heiko, der mich psychisch zerstört hat. Und von der tiefen Depression und der starken Alkoholsucht in die er mich getrieben hat, bevor er endlich seinem Darmkrebs erlag.
"Depressionen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich fühl mich eigentlich immer gleich."
Ich versuchte es ihr zu beschreiben; die Leere und die Dunkelheit, aber sie war schon wieder bei ihrem Lieblingsthema: mich verkuppeln zu wollen. Die Top-Angebote waren einer der einen Porsche fährt, einer der ein Ferrari-Cabrio besitzt, einer der echt viel Geld und Anstand hat.
"Und wenn jetzt einer kommt mit richtig viel Geld und zwei kleinen Kindern?"
Zunehmend gereizt lehnte ich alle ihre Kandidaten von vorne herein ab. Bei keinem aus Sonja´s Halli-Galli-Zirkus vermutete ich genug Intellekt oder gemeinsame Interessen um auch nur miteinander befreundet zu sein. Mir würde einer gefallen, der mit mir im Gemüsegarten werkelt und nicht beharrlich auf Schnitzel mit Pommes oder TK-Pizza pocht. Deshalb lehnte ich auch all ihre Essenseinladungen ab. Um erst gar nicht über Köstlichkeiten diskutieren zu müßen, erklärte ich ihr einfach, dass ich abends nichts esse. Die Sonjas dieser Welt werden ohnhin nie verstehen, wie man Brenneselsoufleé oder Löwenzahnblüten essen kann.
"So zwei süße kleine Kinder und nie mehr Geldsorgen, das könntest du dir doch schöner nicht wünschen!"
Im Gegensatz zu mir akzetierte sie die Kinderlosigkeit nicht.
"Sonja, überleg mal, in unserem Alter jetzt noch kleine Kinder. Wenn die pubertieren und Teenagerpartys feiern wollen sind wir sechzig, haben peinliche Krampfadern, Arthrose und überall Zipperlein. Würdest du nicht auch irgendwann mal die Füße hoch legen wollen."
Vielleicht kapierte sie so, dass dieser Zug mit Ende Vierzig abgefahren war.
"Aber du hättest nie mehr Geldsorgen, immer mehr davon als man ausgeben kann, überleg es dir nochmal."
Gab es all diese Geld-Typen wirklich? Wo nahm sie die nur alle her? Oder halfen die eifersüchtigen Ehefrauen des Landkreises mit sämtlichen verfügbaren Junggessellen aus? Attraktiv, aber auch sehr von meiner Ehe geschädigt, brauchte ich ohnehin noch viel Zeit bis ich mich wieder auf eine Beziehung einlassen wollte.
"Ich kann mich nur wiederholen: ich will nicht verkuppelt werden! Wenn ich einen sehe der mir gefällt, werde ich schon irgendwie kennenlernen, wir müßen zuerst Freunde werden. Außerdem ist mir Geld nicht wichtig. Was ich brauche habe ich selbst. Und wenn das mal nicht reicht, suche ich mir einen Minijob."
Einen mußte sie noch anpreisen: "Und wenn jetzt ein Millionär mit richtig guten Manieren kommt?"
Resigniert schüttelte ich nur mit dem Kopf.
Sonja´s zweites Lieblingsthema waren meine finanziellen Verhältnisse. Sie konnte nicht glauben dass ich alleine von meiner Witwenrente leben konnte.
"Mein Mann hat mich gut versorgt. Außerdem bin ich bescheiden, mehr als gut Essen und Trinken und in der Sonne sitzen zu können braucht man doch nicht wirklich."
~
Mail : von Sonja
: an Paul
Hallo, habe nochmal gefragt, Kinder will sie nicht, auf keinen Fall, Tilda sagt, dass sie lieber die Füße hoch legen will. Wegen einem Mann habe ich auch noch mal gefragt, da ist sie fast sauer geworden, Tilda will nicht mal einen kennnen lernen. Aber keine Sorge, ich bleib da dran, wenn da irgendwas geht, weißt du es als erstes. Morgen früh fährt sie einkaufen und zum Friseur, und am Sonntag fährt sie wieder zu Freunden zum Essen. Nächste Woche mal zum Tierarzt.
Mail: von Paul
: an Sonja
Danke dir, und nicht vergessen, mails löschen und zu keinem ein Wort.
~
Eine Flasche Riesling schwenkend ging Paul bei Rolf und Mia direkt nach hinten auf die Terasse. "Schon gekühlt, warm kann man ihn ja auch nicht trinken," rief er vergnügt.
Es war wieder Samstag und wieder Besprechung. Sonja hatte Craker mitgebracht, Mia stellte Kaffee und Gläser auf den großen Tisch am Haus. Rolf stand auf der Sandsteinmauer, die den etwas höher liegenden Garten von der Terasse trennte und staunte über die fröhliche Aufbruchstimmmung, die Paul seit kurzem verbreitete.
"Hallo Chef," Roland kam auch direkt aussen herum.
"Sag doch nicht immer noch Chef zu mir, seit wievielen Jahren bist du in Rente?" Rolf sah in seinem früheren Mitarbeiter schon lange einen Freund und wußte, dass Roland nur witzelte.
"Und Roland, wie sieht es denn aus?" Ungeduldig wollte Paul alles genau wissen, und Roland erzählte, dass sie immer noch dabei sind, Steckdosen einzugipsen und Kabelschlitze zu verspachteln. Und dass Tilda auf seinen Rat hin ihr Baumaterial jetzt ausschließlich in der Baustoffhandlung kauft.
Paul machte sich Notizen. "Und die hat das wirklich drauf?"
Roland lobte ihrTalent, "wo Tilda gespachtelt hat siehst du hinterher nichts mehr. Bin mal gespannt wie sie das mit den Türen hin bekommt, die sie zu mauern will."
"Ich würde ihr so gerne helfen, aber das geht jetzt noch nicht. Zum Glück haben wir ja dich, Roland. Wenn sie nur nicht mitbekommt dass wir uns kennen und ich dich bezahle."
Roland versicherte seine Verschwiegenheit und Sonja die ihrige.
"Wie will sie das denn machen?" Rolf interessierte sich grundsätzlich dafür, was Leute mit ihren Häusern machten. Für ihn waren Häuser Familienmitglieder, um die man sich mal mehr, mal weniger kümmern mußte. Er hatte kein Verständnis für Leute, die in einen Neubau einziehen und dann mit dem Haus als solches nichts mehr zu tun haben wollen. Er restaurierte am liebsten alte Bausubstanz, Altes zu erhalten war seine Leidenschaft.
"Ich weiß nicht genau, sie ist zurückhaltend." Roland hätte selbst gerne mehr gewußt, aber Tilda fing meistens mit etwas an ohne vorher mit ihm zu sprechen.
"Wenn sie Probleme mit irgendwas bekommt oder etwas braucht, rufst du mich gleich an. Nicht bis zum nächsten Treffen warten, in zwei Wochen kann viel passieren." Rolf half über Roland mit Werkzeug und Wissen aus. Das Projekt reizte ihn und am liebsten wäre er selbst hingefahren um sich ein Bild zu machen und mit anzupacken.
"Also ich bekomme ja auch viel mit bei den Gassis. Wenn Tilda etwas braucht, fragt sie mich bestimmt auch. Einen Installateur habe ich ihr ja schon vermittelt."
Sonja war eifrig bemüht, bei dieser aufregenden Liebesgeschichte mitzumischen und der Marktschreier in ihr jubelte.
Paul hatte keinen Zweifel daran, dass Tilda sich genauso unsterblich in ihn verlieben wird wenn sie ihn zum ersten Mal sieht, wie er sich in sie verliebt hat.
Wie ein unausweichliches Naturgesetz.
Sonja war sich sicher, dass sie alles im Griff hat.
"Keine Sorge, Sonja macht das schon." Sie erzählte das, was sie sich von den Gesprächen mit Tilda behalten hat. Und dass sie noch nicht einmal ausgegangen war und sich nur mit ihrer Baustelle beschäftigt.
Rolf und Mia wechselten bedeutende, sorgenvolle Blicke. Nach über zwanzig Ehejahren, drei Kindern und gemeinsamer Firma verstanden sie sich blind, einer wußte was der andere fühlte und dachte.
Sonja mußte wieder nach Hause damit Klaus nichts von dem Treffen bemerkt und Roland bot an, sie die zweihundert Meter mit dem Auto mitzunehmen.
Ernsthaft blickte Mia Paul an: "Wir müßen jetzt etwas ändern Paul, so geht es doch nicht weiter. Wie lange willst du das durchziehen? Du mußt sie jetzt endlich persönlich kennen lernen. Falls sie Gefühle für dich entwickelt, wirst du ohnehin eine andere Tilda sehen als die, die ohne Ziel mit einer Nachbarin in´s Ungewisse plaudert. Und wer weiß ob Sonja alles richtig versteht."
Mia schaute Rolf noch einmal an und wand sich dann wieder Paul zu.
"Und es ist mir überhaupt nicht recht, dass diese Gespräche in meinem Haus stattfinden. Wir spionieren sie aus, das ist nicht in Ordnung. Lerne sie kennen, unterhalte dich mit ihr, schau selbst wie wie sie ist. Dann wirst du es schon wissen."
"Nein, weiß ich eben nicht. Das habe ich schon so oft gedacht und dann ging es doch immer nur um mein Geld. Ich will einmal eine Frau die mich liebt und nicht mein Geld. Das ist die einmalige Chance, weil sie hier noch niemanden kennt."
Paul verteidigte seine Chance mit Inbrunst.
Rolf seufzte tief, "ich versteh dich ja, und dass wir Roland hinschicken und bezahlen ist zwar nichts Schlimmes, aber auch nicht in Ordnung. Einen Menschen kennen lernen kannst du nicht über Dritte," Rolf befürchhtete zudem, dass ihre Freundschaft durch die Aktivitäten Schaden nehmen könnte. "Wir müßen deine Herzensdame endlich persönlich kennen lernen. Vielleicht doch ein Grillabend bei Sonja, ganz unverbindlich, ein paar Nachbarn und Freunde.
Mia hat recht, so wollen wir nicht weiter machen, irgendwann kommt immer alles raus."
Paul seufzte ehrlich und tief. "Ja, ihr habt ja Recht. Aber ich will von Anfang an alles richtig machen. Gerade bei ihr darf nichts schief gehen oder dem Zufall überlassen werden. Aber gut, ich überlege es mir."
"Ja, aber überleg schnell, je länger das dauert, umso größer die Gefahr dass ihr jemand von dir, oder von uns erzählt."
~
Solange ich noch keine Küche hatte, ließ ich mich sehr gern von meinen besten Freunden Ulla und Pit Meier einladen, die Sonntage gemütlich und entspannt bei ihnen zu verbringen. Ich erzählte von meiner Baustelle und von den Nachbarn, Pit und Ulla erzählten was sie in der letzten Woche erlebt hatten.
Manchmal fuhr ich anschließend noch zu Edith, meiner allerbesten Freundin.
Meistens schaute ich spontan bei ihr vorbei. Edith war schon in Rente und freute sich immer, mich zu sehen. In ihrer Gesellschaft ließ sich bestens ein ganzer Nachmittag vertrödeln. Mein Leben verlief insgesamt schön und ich freute mich auf die geheimnisvolle Überraschung, die irgendwann in meinem Leben auftauchen wird.
Als der kommentierfreudige Roland endlich mal nicht da war, rief ich bei einer Baufirma Fink im Nachbarort an. Ich wollte zwei Wände heraus nehmen lassen, um einen großen Wohn-Ess-Küchenbereich zu bekommen.
Frau Fink schien sich sehr zu freuen, als sie mich nach Auftrag und Adresse befragte. Ich hatte fast das Gefühl, dass sie sich über mich amüsierte.
"Wissen Sie, dass wir Nachbarn sind? Ich habe deshalb so gefragt, weil ich es mir schon dachte. Wir wohnen am Dorfbrunnen, das große Haus, welches zurück steht."
Ich konnte es nicht fassen und erzählte gleich, wie sehr mir ihr Haus gefällt und dass ich mir wünsche, es mal von innen zu sehen.
So plauderten wir eine Zeitlang bis Mia Fink vorschlug, abends mit ihrem Mann zu mir zu kommen um in Ruhe die Arbeiten zu besprechen.
Die Freude darüber, die beiden kennen zu lernen, wurde von dem bekannten Gefühl begleitet, dass hier etwas auf mich wartet. Einmal mehr fühlte ich mich mit meiner Entscheidung sehr glücklich.
Finks waren mir auf Anhieb total sympathisch. Ich führte sie durch das ganze Haus und erklärte meine Vorhaben und Pläne. Wir diskutierten über eine neue Heizanlage; Pellets begeisterten uns alle. Rolf, wir waren sehr schnell beim Du, empfahl den örtlichen Öltankentsorger.
Schon brach die Dämmerung herein und wir mußten uns beeilen, um den Abriß zu planen. Die Beleuchtung war spärlich, längst waren noch nicht alle Kabel verlegt, geschweige denn Steckdosen oder Lampen installiert.
~
Paul und seine Schwester Babsi Rott hatten den elterlichen Betrieb schon vor vielen Jahren übernommen. Babsi bewältigte den gesamten Büro- und Verwaltungsbereich alleine. Lieber arbeitete sie länger, als sich tagein tagaus mit einer Kollegin auseinander setzen zu müßen. Paul plante in seinem Büro die maßgefertigten Fenster, Türen und Innenausbauten, für die ihre Firma bekannt war. In der angrenzenden Werkstatt gaben fünfzehn langjährige, qualifizierte Mitarbeiter ihr Bestes. Paul und Babsi´s Vater, Hübner senior, überwachte aus seinem Ruhestand heraus immer noch alle Abläufe und drangsalierte seine Kinder mit ewig Gestrigem.
Alle Anrufe wurden von Babsi entgegen genommen, sie entschied wer Paul bei seinen Entwürfen stören durfte und wer sich mit ihrer Person zufrieden geben mußte. Das bezog sich natürlich nur auf den Betrieb, private Anrufer stellte sie durch, wenn sie nicht störten.
Paul wollte sich als Firma am Telefon melden, doch Mia schnitt im das Wort ab.
"Du glaubst nicht, wer mich gestern angerufen hat und bei wem wir gestern abend fast drei Stunden waren!"
Paul sagte nichts, er wartete darauf, dass Mia weiter sprach.
"Deine Tilda hat bei uns angerufen, sie will dass wir Wände raus brechen. Wir sind gestern abend gleich hin gegangen und haben uns alles angeschaut, sie natürlich auch. Sie ist total nett, voll in Ordnung. Ich finde dass sie zu dir passt, unkompliziert und lustig."
Paul freute sich über Mia´s Begeisterung.
"Was für ein Glück dass sie euch auch gefällt. War es Zufall dass sie euch angerufen hat oder Roland euch empfohlen?"
"Nein, der ist wohl krank, sie hat im Telefonbuch geschaut welche Firma am nächsten ist."
Paul war ganz aufgeregt: "Siehst du, das ist Schicksal, das soll so sein. Wir sind füreinander bestimmt."
"Jaja," Mia faßte sich jetzt kurz, "hab jetzt zu tun, wir reden heute abend, bis dann."
~
Drei kräftige Arbeiter der Firma Fink legten wenige Tage nach meiner Auftragsvergabe los.
Angelockt vom Baulärm kam der kränkelnde Roland herüber. Einer der Arbeiter, ein Kurde, begrüßte Roland sehr herzlich als seinen Lieblingskollegen. Er umarmte ihn auf Männer Art und versicherte Roland, dass er mit keinem anderen je wieder so gut zusammen gearbeitet hat und fragte ihn, ob er nicht wenigstens für ein paar Stunden hin und wieder bei Rolf arbeiten wollte.
Unbehaglich drein blickend versuchte Roland schnell das Thema zu wechseln.
Ich fragte mich, warum er nie erwähnt hat, dass er bei Finks gearbeitet hat.
Sonst erzählte er auch von jedem alle Zusammenhänge, merkwürdig.
Vielleicht lag es aber auch an dem Kurden, in der Mittagspause wollte er mir ohne vorherige Anbahnung Bilder von seinem Schwanz zeigen!
Roland war nun doch länger krank. Dafür kam Rolf des Öfteren vorbei, packte mit an und gab mir Tipps. So fragte ich ihn nach der Firma, die seine Fenster gebaut hat.
Er nannte mir den Namen und lobte die Firma sehr.
"Holzfenster sind Lebensqualität."
"Ja," stimmte ich ihm zu, "Fenster sind die Augen des Hauses, mit Holzfenstern ist es ein anderes Leben."
"Das wird aber nicht ganz billig, die fertigen alles von Hand," gab Rolf zu bedenken.
"Für mein früheres Haus habe ich auch Stilfenster anfertigen lassen. Das Haus war Baujahr Achtzehnhundertfünfzig. Da war nichts im Winkel und nichts im Lot, jedes Fenster hatte eigene Maße."
Wir unterhielten uns noch eine Weile über den Charme alter Häuser und wie schrecklich es ist, wenn in alte Gemäuer Kunststofffenster eingebaut werden.
Es gab wohl zwei Firmen mit dem gleichen Namen, die Inhaber waren irgendwie verwandt, aber nur einer war richtig gut. Rolf bestand drauf, mir die Telefonnummer noch am selben Abend zu bringen, damit ich nicht bei der falschen Firma anrufe.
~
Vor lauter Aufregung konnte Paul sich nicht konzentrieren. Er schob die Berechnungen und die dazu gehörenden Zeichnungen zur Seite und lief unruhig in seinem Büro hin und her. Er rauchte bereits die fünfte Zigarette. Dass er nicht wußte wann sie anrufen wird, steigerte seine Vorfreude noch mehr.
Paul fühlte sich von seinem Schicksal gut behandelt, als gegen zehn Uhr dann endlich das Telefon klingelte.
"Paul Hübner," vor Schreck vergass er sich mit Firma und Begrüßung zu melden.
~
Aus unerfindlichen Gründen schweiften meine Gedanken mehrmals ab, als ich bei Rolf´s Fensterbauer anrufen wollte. Als ich endlich die Nummer gewählt hatte, ging er noch während des ersten Klingelzeichens ran.
Seine Stimme, hoch für einen Mann, berührte mich sofort an einem verborgenen Punkt in meinem Herzen. Als gäbe es irgendwo in mir drin ein Ohr, welches ausschließlich für diese Stimme gewachsen war. Der Klang erfüllte mich wie ein Missing Link. Irritiert erzählte ich von Rolf, meinem Haus und dem Wunsch nach schönen Fenstern und Türen.
"Ja, äh, ja Fenster." Der Fensterbauer stotterte unbeholfen, "Ja, wir bauen Fenster, wo denn, äh ich meine wohin sollen die, also wo steht das Haus," brachte er endlich heraus.
Verunsichert nannte ich ihm die Adresse und erklärte ihm Art und Anzahl der Fenster.
"Da, dann muß ich ja da hin kommen und mir das anschauen."
Er schien überrumpelt zu sein. Trotz seiner schönen Stimme hatte ich den Eindruck, dass er überfordert ist oder den Auftrag nicht wollte. Ich bot ihm an, mich nach einer anderen Schreinerei umzusehen, falls er keine Zeit oder Kapazität für mich hat.
"Nein, nein, ich freue mich, dass Sie uns angerufen haben. Natürlich machen wir das, gerne," beeilte er sich zu beteuern und vereinbarte für den selben Abend einen Termin. Meine emotionale Reaktion auf seine Stimme wunderte mich und ich fragte mich, ob er etwas mit dem Geheimnis zu tun hat.
Auch heute lauerte Sonja mir wieder auf. Mittlerweile hatte ich mich mit ihrer Präsenz abgefunden und mich an sie gewöhnt. Sie war sehr aufgedreht, fast schon überspannt und grinste mich so dämlich an, dass ich mich fragte, ob sie etwas eingenommen hat.
"Und, was hast du denn heute noch schönes vor," fragte sie mich während ihre Mundwickel versuchten, die Ohren zu erreichen.
"Ach, nichts weiter, wie immer. Ach so, doch, heute abend kommt noch einer wegen Fenster."
Sonja´s Stimme überschlug sich fast als sie mich aufforderte, alles zu erzählen.
Die nimmt bestimmt Tabletten.
"Gibt es nichts zu erzählen, Rolf hat mir die Firma empfohlen, ich hab angerufen, heute abend kommt der, fertig, das wars."
"Wie war er denn am Telefon, erzähl mir alles ganz genau!"
"Mein Gott, hast du irgendwas eingenommen? Der Typ ist verwirrt und ich dachte zuerst dass er den Auftrag gar nicht will." Hoffentlich gab sie jetzt Ruhe, mehr wollte ich wiklich nicht dazu sagen, und bestimmt nichts über meine Gefühlsverwirrung wegen seiner schönen Stimme.
"Machst du dich hübsch, mit Haare waschen und sauberen Kleidern?" Ich hatte den Eindruck, dass sie sich über mich lustig macht.
"Hör mal, da kommt ein Handwerker auf eine Baustelle, das war´s, jetzt nerv nicht. Ich stürze mich doch nicht auf jeden Kerl der mir über den Weg läuft."
"Aber der hat doch bestimmt Geld, wäre der nichts für dich," nervte sie weiter.
"Ich kann ja mal rüber kommen und euch auf ein Bier einladen."
"Geld interessiert mich nicht und wenn mir einer gefällt kümmere ich mich da schon selbst." Sonja überspannte den Bogen ganz eindeutig.
~
von Sonja
an Paul:
Tilda total genervt von Männern, halt dich besser komplett zurück. Und wenn überhaupt einer in Frage kommt, will sie sich selbst kümmern. Sie will das selbst regeln.
~
Meine Stimme versagte, statt einem fröhlichen "schönen guten Abend" starrte ich ihn nur an! Auf den ersten Blick, was? Begeistert? Verliebt? Das war also der Mensch zu der Stimme, groß, dünn, Schnauzer. Wow, optisch gefiel er mir sehr, nicht zu schön, eigentlich kein bisschen schön, aber seine Ausstrahlung faszinierte mich sofort.
Er stand verlegen und unsicher neben seinem Auto und schien darüber nachzudenken, wie man sich mit den Füßen vorwärts bewegt. Schließlich kam er auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
"Entschuldigung für die Verspätung."
Seine Stimme war Wahnsinn und berührte mich noch intensiver als am Telefon.
Bestimmt singt er in einem Chor.
"Ach, Sie sind zu spät? Sagte ich mit gespielter Überraschung um nicht zu verraten, dass ich mit Spannung auf ihn gewartet habe." Das "Sie" fühlte sich falsch an und fremd. Er war mir vertraut, hatte ich ihn in meinem Leben erwartet?, im Sinne von: da bist du ja endlich.
Er bot mir sogleich das Du an, als fühlte er genauso. Er stellte sich als Paul vor und erwähnte unseren gemeinsamen Freund.
Jetzt lachte er ein ganz wunderbares Lachen. Unbedingt, unbedingt mußte ich ihn näher kennen lernen. Unbedingt. Während ich ihn durch meine Baustelle führte und erklärte wie ich mir alles vorstelle, mußte ich ihm immer wieder in die Augen schauen, dunkles Blau, umgeben von Lachfältchen. Er erwiderte meine innigen, das Interesse nicht verhehlende Blicke. Gleichzeitig verhielt er sich seltsam zurückhaltend, wie gebremst. Er sagte nicht viel, und wenn stammelte er oder er versprach sich. Wenn ich nicht schon Fenster von ihm bei Rolf gesehen hätte, hätte ich ihn gleich wieder weg geschickt, so wenig Vertrauen erweckend wirkte er als Handwerker. Wenigstens konnten wir über seine zahlreichen Versprecher lachen.
Im späteren Schlafzimmer erklärte ich ihm mein Farbkonzept für die obere Etage und erwähnte, dass ich Laminat verlegen will. Entsetzt fragte er, wieso ich den Holzboden nicht lassen wollte. Das Farbkonzept hatte er nicht verstanden.
Bei einem Bier auf der Terasse wollte ich mehr über ihn erfahren. Aber wir brachten keine richtige Unterhaltung zustande. Entweder sagten wir beide nichts oder wir redeten gleichzeitig. Ich erzählte, dass ich seltene Pfingstrosen sammele und Hochstämmchen züchte. Er berichtete von seinem Gewächshaus und überall wuchernden Erdbeeren, weil er es nicht übers Herz bringt, die Ausläufer auf den Kompost zu werfen.
Jedenfalls lachten wir ständig, und nicht nur aus Verlegenheit. Ich fühlte mich richtig neben ihm und spürte, dass es ihm genauso erging. Es wird bestimmt aufregend, all seine Facetten in Ruhe zu erkunden.
Mein verstorbener Mann hatte viel kaputt gemacht und ich wollte diese, nicht herbei gesehnte Chance langsam angehen. Eigentlich war in meinem schönen neuen Leben ein Mann nicht vorgesehen. Nach den Depressionen war ich einfach schon froh, wenn der Tag mein Freund war. Und jetzt sah ich Paul als dem Geheimnis, und allem was sich lüften wird, erwartungsfroh entgegen.
Er versprach mir, das Angebot bald zu schicken.
~
Rolf wartete mit Weißwein auf seinen Freund. Als Paul endlich kam, stürzte er auf die Terasse, völlig außer sich und mit Tränen in den Augen.
"Ich habe es total vermasselt, die hält mich bestimmt für bescheuert, ich habe es sowas von vermasselt." Paul setzte sich und stützte verzweifelt seinen Kopf auf seine Hände.
" Aber was ist denn passiert, wir haben dich doch ausgiebig gebrieft?"
"Die ganze Vorbereitung, was ich sagen und fragen soll, hätten wir uns schenken können. Von dem Moment an wo ich Tilda gegenüber stand, war mein Kopf leer. Und zu spät war ich deshalb auch noch. Ich hab nur gestammelt und mich ständig versprochen. Die haut mich völlig um."
Rolf wollte Einzelheiten des Gespräches wissen, aber Paul konnte sich an nichts erinnern.
"Irgendwas wirst du doch noch wissen, über die Baustelle, die Fenster, " Rolf erkannte Paul nicht wieder, ansonsten leicht groß spurig und selbstsicher, saß er da wie ein Akne geplagter Halbwüchsiger.
"Fenster, ja klar, ich mache ein Angebot. Die Baustelle? Sie sieht so toll aus, Tilda meine ich. Sie hat viel erzählt aber ich mußte sie immer nur anschauen.
Wir haben viel gelacht, aber ich weiß nicht worüber, ich habe nur perplexes Zeug gestammelt. Wir haben Bier getrunken."
Paul kippte zwei Gläser Riesling, zur Beruhigung.
Rolf fand, dass sich das doch sehr gut anhört; erzählt, gelacht, Bier getrunken.
Er redete Paul gut zu und versicherte ihm, dass er bestimmt nichts verkehrt gemacht.
"Ich hab sie gefragt ob sie auf Bambus steht. Im Garten ist eine riesige Bambushecke, als Sichtschutz. Tilda hat gesagt, dass der Bambus schon da war. Ist ja auch klar, die Hecke steht seit Jahren. Wie kann ich nur so blöd fragen." Er klatschte sich mit der Hand auf die Stirn. "Einfach nur blöd: stehst du auf Bambus? Wie wenn ich gefragt hätte: stehst du auf Rasen?"
Rolf hielt das für ganz normale verliebte Gehirnlähmung und ermahnte Paul, nicht zu streng mit sich zu sein. Er versuchte ihn zu beruhigen und fragte dann nach den Fenstern, denn das interessierte ihn genauso wie die Verliebung.
"Sie will rote Fenster," schwärmte Paul und erzählte von Stilfenstern, Flügeln und Farben. "Wir haben den gleichen Geschmack, bis auf die Farben. Ich könnte noch in die Firma fahren und mit dem Angebot anfangen." Paul hatte sich etwas beruhigt und wollte aufbrechen.
"Läuft doch gut, wird schon. Wenn du das Angebot fertig hast, bringst du es ihr persönlich vorbei und lädts sie anschließend zu uns zum Abendessen ein. Aber jetzt bleib noch hier, bestimmt fällt dir das ein oder andere noch ein," versuchte Rolf Paul aufzuhalten.
~
Der geheimnisumwitterte Paul hatte mir zugesagt, die beiden Küchenfenster auf jeden Fall bis Ende Juni einzubauen. Um meine verheißungsvoll aufgeregte Stimmung zu verbergen, flüchtete ich jeden Tag vor Sonja´s Feierabend aus Hauenstein. Um die Tage bis Paul sich wieder meldet, zu überbrücken, kaufte ich eine Küche, Fußbodenbeläge, Esstisch, Stühle, Lampen und alles was mir sonst noch gefiel.
~
Paul betrat die Wohnung mit seinem Schlüssel. Margot, das Kindermädchen, war gerade dabei, die Kinder für die Schule fertig zu machen und Silvie saß im Morgenmantel in der Küche und trank Kaffee.
"Nimm dir einen;" forderte sie ihren Mann unfreundlich auf.
"Ich mach es kurz, Silvie, ich will dass wir uns endlich scheiden lassen. Wir sind seit über fünf Jahren getrennt, wir sollten das jetzt offiziell machen."
Silvie fiel aus allen Wolken. "Was soll das, ich lass mich nicht scheiden. Ist doch gut so wie es ist. Du hast deine Burg, ich habe hier mein Leben. Eine Scheidung kommt nicht in Frage!"
"Entweder gehen wir zusammen zum Anwalt und regeln das gemeinsam oder ich reiche die Scheidung alleine ein. Da machst du nichts dran." Paul sprach entschlossen.
"Das kommt dich teuer zu stehen, teuer," drohte Silvie," das wirst du noch bereuen! Warum eigentlich jetzt, hast du eine Frau kennen gelernt?"
"Überleg es dir, wenn ich bis Ende der Woche nichts von dir höre, gehe ich alleine zum Anwalt. Ich muß los."
"Schon mal was von Trennungsjahr gehört?" rief Silvie ihm herablassend nach.
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: von Sonja
: an Paul
Sorry, heute ist Tilda auch schon weg. Weiß nicht was los ist, ich frage mal Anke von gegenüber, die hat diese Woche Mittagsschicht. Die müßte sie morgens sehen. Ich brenne ja selbst vor Neugier. Du hast bestimmt Chancen bei ihr, soviel wie ihr gelacht habt.
~
Das Angebot für die Fenster kam ein paar Tage später, enttäuschend per Post.
Der Preis lag genau in der Mitte meiner von – bis – Schätzung. Ich hielt den Brief lange in der Hand und betrachtete Pauls Unterschrift. Eine Nacht schlief ich darüber, mehr um über ihn als über sein Angebot nachzudenken.
Meine Aufregung hätte größer nicht sein können. Ich hoffte, dass er sich nach meiner Zusage entspannen wird und ich das Telefonat zu einem Flirt hin in die Länge ziehen kann.
Einer neuen Liebe nicht abgeneigt, wählte ich seine Nummer. Paul war sofort dran und der Klang seiner Stimme bestätigte mir alles, was ich seit unserer Begegnung gefühlt, gedacht, gehofft habe.
Paul war überrascht von meiner Schnelligkeit.
"Dann muß ich ja wohl genau messen kommen," stotterte er verunsichert.
Begeistert erzählte ich ihm von meiner Freude über die neuen Fenster. Paul sagte nichts mehr und nur auf mein Drängen hin machten wir einen Termin für sein genaues Aufmaß. War es verliebte Unbeholfenheit seinerseits, die ein ungezwungenes Gespräch blockierte oder bremste ihn etwas anderes?
Hoffentlich war er nicht gebunden oder schwul.
~
"Fährst du auch zur Arbeit?"
Ich drehte mich um, Anke Eck hielt vor der Einfahrt und grüßte durch das offene Seitenfenster. Sie wohnte mit ihrem Mann Tim gegenüber von Strohbrots. Tim und Klaus waren in der selben Firma beschäftigt und wir haben schon öfter auf ein paar Worte zusammen gestanden.
"Nein, ich arbeite nicht," entgegnete ich, das weiß sie doch.
"Ach ja, die reiche Nachbarin."
Bei Anke war ich mir sicher, dass sie Intimdeo benutzte. Sie sah hygienisch rein aus, ebenso wie ihr Haus, und auch ihr Hund durfte sich nie schmutzig machen.
"Ich bin nicht reich." Was die sich denken.
"Wärst du gerne reich?"
"Ist mir egal, mehr als gut Essen und Trinken und in der Sonne sitzen kann man doch ohnehin nicht."
~
von Anke an Sonja
Zur Arbeit fährt sie nicht, Geld ist ihr egal, sie will gut Essen und Trinken und in
der Sonne sitzen.
: von Sonja
: an Paul
Von Arbeit hält sie nichts, will lieber in der Sonne sitzen.
:von Paul
:an Sonja
Du mußt unbedingt rauskriegen, was sie von mir hält und ob sie überhaupt genug Geld für die Fenster hat.
:von Sonja
:an Paul
Sie lebt von Witwenrente, mehr erzählt sie nicht. Ihr altes Haus ist jetzt verkauft.
Aber das hab ich dir schon geschrieben.
~
Weil ich auch an diesem Nachmittag unterwegs gewesen war, um Fußboden- und Tapetenmuster zu besorgen, saß ich dieses Mal stadtfein, sauber, mit offenen Haaren und im Kleid auf der Bank vor meinem Haus um auf Paul zu warten. Mit geschlossenen Augen träumte ich von seinem Lachen.
Er kam wieder zu spät, hielt vor der Einfahrt an, sah mich, gab Vollgas und breschte davon.
Verdutzt schaute ich ihm hinter her. Was für ein Problem schleppt der denn mit sich herum?
~
Nachdem Paul sich endlich zu Tilda aufgemacht hatte, versuchte Rolf sich in seiner Werkstatt bei der Restaurierung eines historischen Werkzeuges zu entspannen.
Die Verwandlung seines Freundes in einen unsicheren, nervösen Teenager bereitete ihm Kummer. Als wäre er zum ersten Mal verliebt, erzählte Paul von Hemmungen, weichen Knien und dass er wirklich keinen klaren Satz mehr heraus bringt. Paul, der von jeher mühelos jede Frau bekam, die er wollte, war nun völlig neben der Spur und verwechselte Wörter sobald er seine große, wahre Liebe sah oder hörte. Rolf und Mia hatten den ganzen Nachmittag auf ihn eingeredet.
Seit Tilda in seinem Leben erschienen ist, fühlte er sich nur noch unattraktiv, unzulänglich, und hatte permanent Angst sich lächerlich zu machen. Zudem kam die latente Sorge, dass auch Tilda nur Geld in ihm sieht. Und fünf Kinder muß man wirklich wollen. Paul war hin und her gerissen zwischen Liebe, Träumen und Hoffnung, und Angst, Unsicherheit und schlechten Erfahrungen.
Rolf hatte sich gerade in sein Werkzeug vertieft, als Paul völlig aufgelöst zurück kam.
"Ich schaffe das nicht, ich bin vorbei gefahren. Ich bin so ein Idiot. Sie sitzt auf der Bank und ihre Haare umwehen ihr Gesicht. Sie hat mich gesehen."
Rolf seufzte und beteuerte Paul, dass er ihm nicht mehr weiter helfen kann und dass Paul das alleine hin bekommen muß.
"Panik, ich habe Panik, warum? Was ist denn da los. Jetzt stehe ich komplett wie der Vollidiot da. Ich kann nicht mehr zu ihr hin fahren."
Rolf holte einen Selbstgebrannten hervor und schenkte großzügig ein.
"Du fährst jetzt zu ihr, sagst du hattest dein Portemonnaie liegen lassen und dass ihr heute kein Aufmaß macht, sondern dass du sie zum Essen einlädst.
Ganz einfach."
"Auf keinen Fall. Sie will nicht eingeladen werden. Wenn sie mit mir Essen will, wird sie mich einladen."
"Woher willst du das denn wissen?"
Das Woher konnte Paul natürlich nicht preisgeben.
"So schätze ich sie ein."
Genervt schmiß Rolf ihn raus und forderte ihn auf, Tilda einfach zu fragen ob sie will.
Ärgerlich packte Rolf sein Werkzeug in eine Kiste und setzte sich in seinen Garten.
~
Eine viertel Stunde später kam er zurück. Diesmal stieg er sogar aus. Er trug wieder diese zerissene Jeans und einen filzigen Pullover. Paul schaute verlegen zur Seite und entschuldigte seine Verspätung damit, dass er es nicht gleich gefunden hat.
Ich hielt ihn für bescheuert, was aber nichts an dem dringenden Bedürfnis änderte, mich für den Rest meines Lebens in seinen Armen einzurichten. Um mich ihm nicht vorschnell an den Hals zu werfen, ging ich ein paar Schritte zur Haustür.
"So rot und so lang hatte ich deine Haare nicht in Erinnerung." Paul grinste verlegen unter sich, "und das Kleid, du siehst ganz anders aus."
Um mein rasantes Gefühl für ihn zu überspielen, redete ich wild drauf los über Fenster und Farben, Fußböden und Tapeten. Immer darauf bedacht, ihn nicht anzuschauen. Bevor ich nicht einiges von ihm wußte, wollte ich mich nicht von meinen Gefühlen überrumpeln lassen.
Paul war noch nervöser und verpeilter als beim letzten Mal. Es war so schlimm mit ihm, dass ich mich fragte, ob er überhaupt in der Lage war Fenster zu messen. Ich tackerte gerade ein Stück Tapete an die Wand um eine Vorstellung zu bekommen, als Rolf auftauchte.
"Kommt ihr zwei denn klar hier?" fragte er und bedachte uns mit zweifelhaften Blicken.
"Jaja, sicher, schau mal hier, das ist die Tapete. Wie findest du denn rote Fenster, weinrot. Das ist doch schick oder?"
Wir unterhielten uns noch kurz, bis Rolf sich mit einem vielsagenden Blick zu Paul verabschiedete.
Paul bemühte sich redlich und wurde nicht fertig mit messen. In mir keimte die Sorge, ob wenigstens eines seiner Fenster passen wird.
Wir hatten den gleichen Geschmack, trotzdem versuchte Paul mir aus Kostengründen die schönen Fenstergriffe aus Schmiedeeisen auszureden.
Auch bei der Lackierung wollte er mich von der günstigeren Variante überzeugen. Vergeblich, ich weiß doch was ich will.
Mit einer plötzlichen Bewegung warf Paul seinen Block auf einen Stuhl, kam ganz nah auf mich zu und schaute mir tief in Augen. Ein von ihm ausgehendes, magisches Gefühl durchströmte mich tentakelartig. Er war eine einzige Einladung.
Mein Körper wollte zu ihm, in seine Arme. Ich wollte ihn spüren und riechen. Es tat mir richtig weh, diesem Verlangen nicht nachzugeben. Perplex von den heftigen Emotionen drehte ich ihm den Rücken zu. Meine Gefühle waren mir viel zu gefährlich. Ich bekam die Ahnung, dass ich den Rest meines Lebens nur noch ihn werde lieben können.
Nun druckste auch ich herum, verdrehte Wörter und brachte keinen ganzen Satz mehr zustande.
Meine Gedanken wirbelten durcheinander. War er frei und zu haben oder wollte er nur schnellen Sex im Bauschutt. Sein Kopf wirkte blutleer und er hat bis jetzt nicht einmal signalisiert, dass er auch nur mit mir Essen gehen wollte.
Nach dem Schwanzkurden, und dem Installateur der mir die Arbeitsstunden verrechnen wollte wenn seine Frau im Urlaub ist, und dem frisch geschiedenen Öltankentsorger, der mir Augen zwinkernd nur die Hälfte berechnete weil ich alleine war, war ich verunsichert.
Zudem sah ich keinen Grund zur Hektik. Wir hatten doch Zeit um uns in Ruhe kennenzulernen.
Paul stand da als ob er auf den Bus wartet. Er sagte nichts, er tat nichts, er schaute mich nur auffordernd an. Stellte der sich etwa vor, dass ich ihn hier und jetzt eben mal ran lasse?
Die Sekunden verstrichen, dann sagte Paul traurig und zum Abschied, dass er noch zu seinem guten Freund Rolf auf ein Bier gehen will. Wie ein begossener Pudel zog er von dannen.
Wenn er wirklich mehr von mir gewollt hätte, hätte er doch sagen können:
kommst du mit? Aber wenn er mich nicht mal zu seinem Freund, den ich schon kenne, mitnehmen will, ignoriere ich meine Gefühle für ihn am Besten ab sofort komplett.
~
Rolf registrierte enttäuscht, dass Paul alleine kam.
"Warum hast du Tilda nicht mitgebracht? Das hatten wir doch heute nachmittag so besprochen."
Paul schossen Tränen der Verzweiflung in die Augen.
"Sie wollte nicht! Sie will mich nicht!"
Rolf fiel fast aus allen Wolken.
"Was redest du denn da. Zwischen euch brennt die Luft. Das merkt man doch sofort dass sie in dich verliebt ist."
"Ja, vielleicht ist sie das. Ganz bestimmt ist sie das. Ich weiß genau dass wir füreinander bestimmt sind. Aber vielleicht bin ich ihr zu häßlich, oder sonstwas.
Auf jeden Fall will sie mich nicht!" Paul sank auf einen Stuhl und sah aus als ob sein Leben beendet sei.
"So ein Quatsch. Erzähl mal genau was passiert ist nachdem ich gegangen war.
Hätte ich sie nur selbst eingeladen. Leichter und unverfänglicher hättest du es nicht haben können."
Paul seufzte tief und bemühte sich, nicht allzu verwirrt zu klingen.
"Du weißt, dass sie das nicht will. Sie war plötzlich so seltsam. Ich bin total durcheinander. Zuerst hat sie zwischendurch immer wieder über sich und ihr Leben erzählt, aber ich weiß nicht mehr was. Ich hatte die ganze Zeit Angst dass sie mein Herz klopfen hört. Ich Idiot, habe nur gestammelt. Und dann habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und mich ganz nah vor sie gestellt. Wir haben uns lange in die Augen geschaut und ich hatte ein Gefühl, als ob sie ihre Hand um mein Herz legt. Absoluter Wahnsinn. Doch dann hat sie sich rum gedreht als ob nichts war und aus dem Fenster geschaut."
Rolf wußte nicht was er dazu sagen sollte.
"Vielleicht glaubt sie auch, dass ich nicht ganz richtig im Kopf bin."
"Und dann, was ist dann passiert? Hast du sie gefragt ob sie mit zu mir kommen will?
"Nein, nicht so direkt. Sie will die Initiative ergreifen wenn sie etwas will. Ich habe ihr gesagt dass ich jetzt noch zu dir gehe. Da hätte sie sagen müßen dass sie mitkommen will."
Rolf schaute seinen Freund lange an.
"Wenn du das so gesagt hast, hört sich das an als ob du genau nicht willst, dass sie mit geht. Seit wann bist du eigentlich so verdreht kompliziert?"
"Seit es um etwas geht!"
"Ja, eine Frau die sich dir nicht direkt an den Hals schmeißt weil sie deine Millionen will. Auf mich wirkt sie sehr verliebt, wie seit ihr denn verblieben?
"Garnicht, sie hat mich so gut wie raus geworfen. Nicht mal ein Bier hat sie mir angeboten."
"Du wolltest ja auch zu mir. Jetzt warte erst mal ab, ihr habt euch bestimmt nur mißverstanden. Das wird schon, du kannst sie jederzeit anrufen oder hin fahren, nachmessen, Fenster besprechen, usw."
"Ich glaube nicht, dass ich das jetzt noch kann. Ich bin mir sicher, dass sie will, aber warum nur hat sie nichts gesagt oder unternommen?" Paul stellte sich vor, Tilda nochmal zu begegnen. "Nein, ausgeschlossen, eher sterbe ich als ihr noch mal so nahe zu sein und sie nicht berühren zu können. Es hat mich regelrecht gelähmt, sie nicht in die Arme nehmen zu dürfen."
~
Roland war wieder da und ich war froh darüber. Die Ecke, in die die Küche sollte, war noch lange nicht fertig. Genervt wegen der Störung nahm ich einen Anruf entgegen. Es war eine frühere Kollegin, die ich bei meiner Einkaufstour wiedergesehen habe. Sie bot mir eine Stelle als Floristin an und wollte mir die Adresse der Unternehmenskette geben, für die sie arbeitete. Um sie nicht vor den Kopf zu stoßen, sagte ich nicht dass ich es nicht mehr nötig habe, sondern dass ich im Moment nicht an meine Unterlagen heran komme und mich frühestens in drei Monaten schriftlich und mit Zeugnissen bewerben könnte.
Roland bot sich sofort an, den Karton mit den Ordnern zu suchen, aber ich lehnte ab. Als wir gerade weiter machen wollten, stand Sonja mit ihrem Hund im Haus.
"Wir haben uns ja Tage nicht gesehen, ich wollte dich zum Spazieren abholen," sie strahlte mich an.
Als hätten sie es so verabredet, ließ Roland sein Werkzeug fallen und erklärte, dass er auch schon müde sei und am nächsten Tag erst weiter arbeiten kann.
Na dann, Sonja war ziemlich aufgedreht und grinste dämlich als sie mich nach dem gestrigen Abend und dem Auto vor meiner Tür befragte.
Kurz und bündig teilte ich ihr mit dass es der Fensterbauer war und ich ihm den Auftrag erteilt habe.
"Und, wie ist er, so als Mann?" Fragte sie scheinheilig.
Da ich nicht wußte was das meine Nachbarin angeht, und ich auf jeglichen Strohbrot´schen Kommentar verzichten konnte, sagte ich lapidar: "weiß nicht, Handwerker halt."
"Wie lange war er denn da?" Sonja´s Neugier war mir lästig.
"Bis er fertig war, und das hat lange genug gedauert. Muß ja aber auch passen."
"Und," fragte sie schneckig, "habt ihr noch was getrunken?"
"Was fragst du denn so blöd? Er Handwerker, ich Kundin, hier Baustelle. Mehr spielt sich da nicht ab."
Sonja war mal wieder hartnäckig.
"Wär das kein Mann für dich?"
Ich hielt mich bedeckt: "Ein Mann für was, für eine schnelle Nummer auf der Baustelle? Zum Essen hat er mich jedenfalls nicht eingeladen."
Sie starrte mich verdaddert an und um weiteren Fragen zu entgehen, schwärmte ich ihr von den Fenstern vor und wie toll das alles werden wird.
~
: von Sonja
: an Paul
Da ist nichts, Tilda ist nicht in dich verliebt. Die sieht nur ihre Fenster und die Baustelle. Tut mir leid für dich. Wenn du willst stelle ich dich mal ein paar Kolleginnen von mir vor.
~
Klaus kam pünktlich von seiner Mittagsschicht zurück und Sonja stellte ihm sein Abendessen hin. Klaus rührte es aber nicht an.
"Ich habe heute mit Tim gearbeitet," sagte er statt dessen. "Hast du mir eigentlich irgendwas zu sagen, im Zusammenhang mit unserer Nachbarin zum Beispiel." Sein Tonfall verhieß nichts Gutes. Anke muß sich verplappert haben.
Sonja fühlte sich direkt und sichtbar mulmig.
"Dann stimmt es also, du schreibst dem Hübner jeden Abend eine Mail über Tilda. Spinnst du jetzt total? Wieso machst du das? Und hinter meinem Rücken.
Was meinst du denn was passiert, wenn Tilda das spitz kriegt." Klaus redete sich noch mehr in Rage als er ohnehin schon war. "Eine bessere Nachbarin findet man nicht! Du beklagst dich über den Kompost an unserem Zaun, sie macht ihn weg. Du beklagst dich über das Gestrüpp am Zaun, sie macht es weg, zügig, obwohl sie genug zu tun hat. Und wie dankst du es? Verrätst sie an den Hübner. Ich glaub es nicht, und ausgerechnet an den, weiß doch jeder, dass der einen richtigen Dachschaden hat. Was soll das?"
"Er hat sich total in Tilda verliebt, das ist die ganz große Liebe," versuchte Sonja sich zu erklären.
"Dass ich nicht lache, ganz große Liebe," Klaus ließ seiner Verachtung freien Lauf, "wo ist er denn mit seiner ganz großen Liebe? Da lädt man die Frau zum Essen ein, dann geht man nach Hause, zu ihm, hier ist ja nur Dreck und Chaos, dann wird gevögelt und die Sache ist geritzt. Da muß man nicht erst lange Nachbarn ausfragen."
"Das verstehst du nicht. Er liebt sie über alles und will sich einfach sicher sein, dass sie ihn auch liebt," rechtfertigte Sonja sich. "Und nix ist geritzt, die isst abends nichts!"
Aber Klaus war zu erbost:
"Der Typ hatte schon immer eine Macke mit seinen Millionen. Du hörst sofort damit auf, hast du das kapiert, das hört sofort auf!"
In solchen Momenten fragte er sich, ob er nicht vielleicht doch lieber eine Frau hätte heiraten sollen, die wenigstens ein bisschen intelligent war. Der Spruch ,Dumm fickt gut, fand bei seiner Frau zwar seine berechtigte Bestätigung, aber seit bei ihm das "Wollen" das "Können" verhöhnt, war er sich nicht mehr sicher, ob er sich damals in seiner jugendlichen Geilheit auch so entschieden hätte, wenn er gewußt hätte, wie früh im Leben Defizite in seinem unteren Bereich auftreten würden.
~
Edith begrüßte mich mit dem Kompliment einfach toll auszusehen, als ich Stunden zu früh vor ihrer Tür stand.
"Offensichtlich nicht toll genug" entgegnete ich, "deshalb bin ich so früh, ich dachte eigentlich, dass ich zum Essen verabredet war."
Edith lachte verschmitzt und wollte sogleich wissen, was da im Busche ist.
Da ich ihr ohnehin nie etwas vormachen konnte, erzählte ich ihr von Paul und seinem sonderbaren Verhalten. Und dass ich zwar sehr verliebt bin, aber bei ihm keine Zukunft für uns sehe.
"Als ich ihn wegen einer Änderung angerufen habe, hielt er den Telefonhörer zu und undeutliches Gemurmel war zu hören. Dann sagte er, ich sollte besser selbst vorbei kommen wenn ich mal wieder in der Stadt bin. Dann wieder Gemurmel, dann sagte er, ich soll ihn vorher anrufen und Zeit mitbringen. Dann habe ich den Dienstag, also heute vorgeschlagen, vor oder nach meinem Termin, also bis um zwei Uhr oder ab vier Uhr. Dann wieder Gemurmel, dann sagte er, also dann am Dienstag um elf Uhr, ja, und bring Zeit mit, nicht dass du gleich wieder weg mußt. Das hört sich doch nach Mittagessen an."
Edith stimmte mir zu, so hätte sie es auch gedeutet.
"Dann erzähl mal was passiert ist. Ist das Kleid eigentlich neu?"
"Das habe ich letztens gekauft, für einen besonderen Anlaß. Ich war um elf Uhr da, ziemlich aufgeregt. Er hat mich seiner Schwester vorgestellt, die Büro und Buchhaltung macht, und seinem Vater. Aber der ist auch sonderbar, der hat sich einfach umgedreht und im Schrank gegruschpelt. Paul hat dann noch mal zu ihm gesagt "Papa das ist die Frau Kleefisch," aber der hat nicht mal geschaut, geschweige denn gegüßt. Dann sind wir in die Ausstellung gegangen, ich habe die Farbe ausgesucht, er ist zur Tür gegangen und hat Tschüß gesagt. Ich stand total perplex da."
"Hast du das vielleicht falsch verstanden, ist der überhaupt interessiert an dir?"
gab Edith zu bedenken.
"Das hab ich nicht falsch verstanden. So wie der mich immer anschaut, ist der Hin und Weg. Der ist ganz bestimmt in mich verliebt. Sonst müßte ich ja auch nicht ständig an ihn denken."
Edith fand sein Verhalten, auch das heutige, ebenfalls sonderbar. Wir überlegten, an was es liegen könnte, dass er immer so verwirrt ist und mich anhimmelt aber keine Anstalten macht. Dann erwähnte ich, dass er heute einen Zettel aus seiner Hosentasche kramen mußte um abzulesen was er mir sagen will.
Edith grinste breit, "der ist übelst verliebt und traut sich nicht. Der ist so verliebt, dass der Verstand aussetzt."
"Ja, oder er ist verheiratet und will nur vögeln, auf der Baustelle, heimlich und zwischendurch."
"Glaubst du das wirklich?"
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts von ihm und seinen Verhältnissen. Er hingegen weiß dass ich Single bin. Also muß er doch fragen ob wir etwas unternehmen. Und das hat er ja auch mit heute, und dann schiebt er mich einfach nach fünf Minuten zur Tür hinaus. Das verstehe ich nicht."
Edith grinste immer noch: "Dem ist wahrscheinlich der Atem stehen geblieben, hast du mal in einen Spiegel geschaut? Du siehst großartig aus."
Sie nahm mich in die Arme und wünschte mir so von Herzen, dass ich nochmal eine schöne Liebe im Leben bekomme, nach allem was ich durchgemacht habe.
"Das ist sehr lieb von dir, aber ich glaube mit dem wird es nichts. Ich habe zwar das Gefühl, dass etwas besonderes auf mich wartet, aber das wird wohl ein Anderer oder etwas ganz anderes sein. Den schmink ich mir jetzt ab, ist direkt schon zu kompliziert."
~
Das Letzte, an das Paul sich bewußt erinnerte, war Tildas enttäuscht fragender Blick als er sie verabschiedete. Und dass sein Vater ihm quer über den Hof hinterher brüllte, ob er sich wieder mal zum Trottel machen will und was die ihn wieder kosten wird.
Als er wieder zu sich kam, lag er zitternd vor seinem Ofen auf der Erde und heulte. Die ganze Sache überforderte ihn, so hat ihn noch keine umgehauen. Er sieht sie und gerät in Panik, Herzklopfen, weiche Knie, Leere im Kopf. Und nun das Fiasko schlecht hin: Lädt sie quasi zum Essen ein und schiebt sie nach fünf Minuten aus der Tür. Das war so vermasselt, da ging jetzt nichts mehr. Die mußte sich doch verarscht vorkommen. Er verstand Tilda nicht, sie verunsicherte ihn. So wie Tilda ihn ansah und sich verhielt, waren da doch eindeutig Gefühle für ihn, ihr Blick traf ihn stets tief in seinem Innern. Aber Sonja schwor Bein und Stein, dass da kein Gefühl und kein Interesse für ihn besteht.
Früher, vor seiner Ehe, war es ihm egal dass die Frauen hauptsächlich an seinem Geld interessiert waren. Damals genoß er es einfach, dass er, ein häßlicher Kerl, von den Frauen bevorzugt wurde. Aber das hier war anders, Tilda bedeutete ihm soviel, dass er nicht würde weiterleben können, wenn sie ihn verraten oder nur ausnutzen oder sein Herz brechen würde.
Das Verhalten seines Vaters tat noch ein Übriges dazu. Der Alte würde nie eine andere als die Mutter seiner Enkel an seinem Tisch dulden. Für ihn war Paul der Schuldige am Scheitern der Ehe, weil er in diese unsägliche Burg gezogen ist und seine schwangere Frau in der Stadt zurück gelassen hat. Dass Paul sich verlassen gefühlt hat, weil Silvie sich weigerte mit ihm zu gehen, verstand der Alte nicht. Dabei kann es doch nichts schöneres für Kinder geben als ein Leben auf einem Abenteuerspielplatz.
Paul flehte immer wieder "Tilda, Tilda" in die züngelnden Flammen und heulte sich schließlich erschöpft in den Schlaf.
~
Der Nachmittag mit Edith hatte mir Klarheit gebracht und zu einem Entschluß geführt. Verliebtheit hin oder her, ich wollte diesen Paul und seine offensichtlichen Probleme in meinem Leben nicht haben. Das Letzte was ich wollte, war wieder Stress wegen eines Mannes. Edith und ich waren einer Meinung: wenn es sich nicht leicht und von sich aus ergibt, ist es nicht der Richtige.
Meine innere Abkehr versüßte ich mir mit Rubinsekt im Bett. Mein schönes neues Kleid habe ich zerknüllt in die Ecke gefeuert. War doch nicht mein Problem wenn ich zu schön für die Welt bin. Ich entwickelte eine tröstende Wut auf den Honk und schlief damit ein.
Am nächsten Morgen wachte ich sehr langsam auf. Mit einem diffusen Gefühl, welches von meinem Nachttraum übrig blieb, glitt mein Geist sanft in den Tag.
Im Moment erinnerte ich mich nicht an meinen Traum, aber das Gefühl steigerte sich zu einer extremen Regung, die sich treffend als Ganzkörperschmetterlinge bezeichnen ließ. So ein Empfinden hatte ich noch nie. Mein ganzer Körper kribbelte in höchster Erregung. Skeptisch blickte ich zur Sektflasche. Plötzlich hallte mein Name in meinem Kopf, Tilda, ausgesprochen von Paul. Er hat mich gerufen in der Nacht in meinem Traum. Seine unverwechselbare, schöne Stimme sagte meinen Namen, einmal nur. Mein Gedanke im Traum dazu: ,das ist so schön, das möchte ich jeden Tag hören. Bis an mein Lebensende möchte ich hören, wie Paul meinen Namen sagt.
Er sagte ihn in großer Vertrautheit, als seien wir beide eine miteinander verschmolzene Einheit. Mit einmal war ich ihm ganz stark verbunden und konnte ihn fühlen, in mir wahrnehmen. Was war passiert in der Nacht und was passierte jetzt mit mir? Gestern wollte ich ihn und die Gefühle für ihn nicht mehr.
Und nun hat er Besitz von mir ergriffen. Meinen Gefühlen hilflos ausgeliefert, war ich nicht in der Lage die Kontrolle über mich zurück zu erlangen.
Fassungslos über meinen Zustand konnte ich nicht aufstehen.
War da so unendlich viel Liebe von seiner Seite, dass er mich just zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ihn aufgeben will, im Schlaf überwältigen kann?
Wohin soll das führen? Zu einer ganz großen Liebe? War das schon eine ganz große Liebe und wäre ich bereit, mich noch einmal auf die Bedingungslosigkeit einer Seelenverwandschaft einzulassen? Und würde ich noch einmal den tödlichen Schmerz ertragen können, wenn eine ganz große Liebe vor mir diese Erde verlassen muß?
Ich wußte noch immer fast nichts von ihm, ich hatte nur mein Gefühl und das Vertrauen darin, dass es richtig sein muß wenn es so stark ist.
Zwei schreckliche Wochen lang quälte ich mich kontinuierlich mit der Frage, ob ich mich auf Paul einlassen soll oder nicht. Es war soviel Aufruhr in mir, dass ich nichts arbeiten konnte.
Er erschien mir nun jede Nacht im Traum. Mal sah ich ihn lächeln, mal auf mich zu kommen, mal hörte ich ihn reden, mal lachen. Einmal nahm er meine Hand und wir gingen einen Weg entlang. Den ganzen folgenden Tag spürte ich seine Hand in meiner.
Mein Herz brannte immer mehr, ständig ertappte ich mich bei Gedanken an ihn.
Ich bekam mich nicht mehr in den Griff und strapazierte Edith´s Nerven. Ihre Ansicht, dass ich in drei Teufels Namen auf seinen Ruf antworten soll, gefiel mir nicht.
Innerlich flehte ich nach Gewissheit über seine Gefühle und dass ich den Weg für uns sehe.
Dann kam das Zeichen!
Weil sich mein Gefühlschaos auf meine Baustelle übertragen hat, stürzte ich über viel verstreut herum liegendes Werkzeug und riss im Fallen noch einiges mit um. Als ich aufstand, hatte sich Pauls Angebot mit einer Stange an der Wand verklemmt. Sofort war mir der Wink des Schicksals klar; ich soll die Sache in die Hand nehmen, die Lage klären. Den großen blauen Fleck direkt am Auge nahm ich als Hinweis, dass ich Paul sehen, erkennen soll.
Also befolgte ich nun doch Edith´s Rat und suchte seine Freunde auf. Ich stellte eine Flasche Weißwein auf den Tisch und sagte, dass er schon gekühlt ist weil man ihn ja warm nicht trinken kann.
"Rolf, hast du das gehört? Tilda sagt dass der Wein schon gekühlt ist weil man ihn warm nicht trinken kann?"
Rolf nahm Mia in den Arm und beide schauten mich selig ergriffen an.
Was war hier los, freuen die sich weil jemand Weißwein gekühlt trinkt?
Jedenfalls freuten sie sich ehrlich mich zu sehen, beide wirkten erleichtert.
Wahrscheinlich hat Paul sie mit seiner Untätigkeit auch schon an den Rand des Wahnsinns getrieben.
