Pauschalurlaub - Kiki T. LEE - E-Book

Pauschalurlaub E-Book

Kiki T. LEE

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Beschreibung

Investigativjournalistin, Miriam Anton und ihr Kollege Joe, erfahren in New York, dass die KI von allen Regierungen seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Selbst den Quantencomputer, DNA-Tests und die Iris-Erkennung verwende man seit mehreren Dekaden. Alles für den Umweltschutz und somit für das Wohl der Menschheit! Und dann verschwindet plötzlich der Informant ... Am 13.01.24 hat Kiki T. Lee ihren Debütroman, namens PAUSCHALURLAUB, veröffentlicht. Er ist keine Abrechnung, wohl aber eine Antwort auf sämtliche Verschwörungstheorien. Stichwort: Homöopathie – Gleiches mit Gleichem. Ohne den Zeigefinger zu erheben, toppt die Autorin alles, was sich Verschwörungstheoretiker nur ausdenken können und hofft so, dem ein und anderen wieder auf den Teppich zurückzuhelfen. In erster Linie liest sich der Roman flott weg – fühlt sich an, wie ein Gang ins Kino. Ihr trockener Humor kommt hier gut zur Geltung – und auf so eine abgefahrene Geschichte muss man erst mal kommen. Schnell freundet man sich mit ihrem eigenwilligen Stil an. Wie beim Staffellauf, wird der Stab von einem Ich-Erzähler zum nächsten gereicht. Wer auf eine unterhaltsame, spannende und coole Geschichte Lust hat, ist hier genau richtig. Die perfekte Urlaubslektüre :-))) Gute Reise!

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis:

PAUSCHALURLAUB (Titel – Impressum)

Kapitel:

New York

Mister Ray

Interview - Take eins

Mama!

Interview - Take zwei

Für alles bestens gesorgt

Interview - Take drei

Papa

Interview – Take vier

Beweis Nummer zwei

Joe bleibt

New York New York – the City of Dreams

Interview - Take fünf

Beweis Nummer drei

Endgültiger Beweis

Joe bleibt alleine zurück

Mia, meine Mia!

Unvorsichtiger Joe

Heiner Naht

Angenehmen Aufenthalt!

James und James

Ein selbsternannter Stadtführer?

Der Diamant

Pepe

Kiki T. LEE

PAUSCHALURLAUB

PAUSCHALURLAUB

Science Fiction - Satire

Impressum:

Erscheinungsdatum: 2024

Texte: © 2023 Copyright by Kiki Tabiri

Umschlag: © 2023 Copyright by Kiki Tabiri

Verantwortlich für den Inhalt:

Kiki Tabiri

Haßfurter Straße 8

97475 Zeil am Main

Vertrieb: Epubli - Ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Ein Skandal ist ein Skandal ist ein Skandal …

Nur, was passiert, wenn der größte Skandal aller Zeiten aufgedeckt und mehrfach getoppt wird?

New York

Verflixt, ich weiß nicht, was ich anziehen soll. In einer Stunde bekomme ich die Story meines Lebens. Oder ich treffe mich mit einem Irren? Er behauptet das, was wir gemeinhin unter einem Pauschalurlaub verstehen, gebe es gar nicht. Für den Informanten würde ich mich ja schick machen. Für den Irren hingegen würde es mein Jogginganzug tun. Quatsch. Mein Schlafanzug würde genügen!

Der Mann am Telefon nannte sich Ray. Seine Stimme klang tief, angenehm und seriös. Bin gespannt, ob sein Äußeres und vor allem seine angebliche Story dies bestätigt? Falls nicht, haue ich gleich wieder ab. Der Typ hat womöglich keine Ahnung, wie schwer es heutzutage ist, sich als Investigativjournalistin über Wasser zu halten?

Er hat mir gestattet, eine einzige Person einzuweihen und mitzubringen. Das ist natürlich Joe. Mit dem arbeite ich seit fast zehn Jahren zusammen. Wenn ich einem vertraue, dann ihm. Und wenn mir einer nicht böse sein wird, für einen Fehlalarm, dann er. Okay, ich nehme doch die Jeans, ein weißes T-Shirt, Turnschuhe, thats it.

Je schicker das Hotel, desto legerer mancher Gast. Außerdem ist in New York alles möglich, nicht? Ich schlendere durch die Lobby, schiele auf meine Latschen, hebe den Blick und suche Joe. Hoffentlich kommt er pünktlich. Am liebsten wäre es mir, er wäre schon da und wir könnten uns noch ein paar Minuten unterhalten, bevor wir diesen seltsamen Mister Ray treffen. Joe plant meistens auf die Sekunde genau. Ob er verstanden hat, dass es dieses Mal um alles geht? Oder um nichts? Dann war das Ticket fürs Klosett und ich ärgere mich wahrscheinlich grün und blau. Das zahlt mir ja keiner. Und die Zeit ist auch futsch. Ich sinke in den hellgelben Ledersessel, gebe dem Kellner ein Zeichen und bestelle eine Latte. Nur zwei Minuten später bringt er sie auf einem ovalen Teller, umrahmt von Früchten und Mürbegebäck. Ich zeige darauf und frage, ob das für mich ist.

Er nickt, antwortet gut geschult: „Yes Madam, for free. Enjoy.“ Und schon ist er wieder weg.

Ich kaue nervös auf dem Gebäck herum, und denke, besser als auf den Nägeln. Das habe ich früher lange gemacht und es war schwer, damit aufzuhören. Erst als mir meine Mutter regelmäßig irgend so ein stinkendes Zeug auf die Nägel gestrichen hat, klappte es. Inzwischen habe ich ja schon einiges gesehen. Aber so eine protzige Lobby wie hier?

Jemand tippt mir von hinten auf die Schulter und lacht. Joe weiß, dass ich das mit dem Antippen von hinten hasse, aber ich bin erleichtert ihn zu hören und drehe mich mit einem Lächeln um. Joe, der Witzbold, schleicht zur anderen Seite um mich herum und tippt mich von vorne an. Ich drehe mich wieder und schaue endlich in sein verschmitztes Gesicht. Joe hat unter seinem rötlichen Lockenkopf die schönsten Lachfalten, die ich jemals gesehen habe. Sie laufen seitlich seiner hellgrünen Augen und seitlich seiner vollen Lippen über das ganze Gesicht, bis zu den Ohren. Beinahe so, als habe er sein Leben lang nichts anderes getan als sich gefreut und gelacht. Dabei hat er mir von Erlebnissen erzählt, die alles andere waren, als lustig. Aber Joe ist hart im Nehmen, sonst hätte er ja nicht den Beruf gewählt. In Schale geworfen hat er sich auch – im Gegensatz zu mir. Das tut er sonst allenfalls für Beerdigungen.

„Hey Mia! How are you? Nice to meet you here. Was für ein Zufall.“, sagt er fröhlich.

Ich schüttle den Kopf, antworte übertrieben brav: „Fine. Was machst du denn hier in New York? Sachen gibt’s.“

Joe setzt sich in den Sessel gegenüber, schaut auf die Uhr, springt auf und sagt: „Okay, los geht’s!“

Ich verschlucke mich an dem köstlichen Krümelzeug und huste.

Joe haut mir kumpelhaft auf den Rücken. Er weiß, dass ich das nicht mag, aber er sagt lachend: „Wenn’s Leben rettet?“ Er fasst nach meinen Händen, zieht mich hoch und ergänzt: „Vielleicht hocken wir ja heute noch im Flieger, aber einen Versuch ist es hoffentlich wert.“

Ich nicke und antworte: „Okay, schauen wir mal. Hast du unsere Luzi dabei?“ Das Aufnahmegerät begleitet uns schon Jahre und war kürzlich in Reparatur.

Joe lacht wieder und sagt: „Jap, die ist wieder am Start. Im Notfall das Handy. Ich hoffe ja, dass das nicht reicht, aber befürchten tue ich ehrlich gesagt das Gegenteil. Los, lass uns gehen. Bin ja gespannt, ob der Vogel überhaupt auftaucht.“

„Was wenn nicht?“, frage ich, „bist du dann sauer auf mich?“

Ich spüre seinen Blick von der Seite und höre die erlösenden Worte: „Mensch Mia, war ich jemals sauer auf dich? Also, auf geht’s!“

Ich nicke wieder, wir laufen zum Aufzug.

Mister Ray

Im Lift losen wir per Schnick Schnack Schnuck, wer von uns den good und wer den bad cop spielt. Joe darf heute der Gute sein. Er grinst und sagt: „Na dann zeig mal was du drauf hast. Welche Zimmernummer?“

„3030. Ehrlich gesagt, ich würde nicht lachen, wenn es die gar nicht gibt.“

„Weißte was Mia? Dann gehen wir lecker essen, danach shoppen wir und dann geht’s nach Hause. Easy going!“

„Ich glaube, ich habe genau den Richtigen gefragt“, sage ich dankbar, so als wäre bereits alles verloren. Das Geld, die Zeit und nicht zuletzt unsere Nerven. Gut dass ich es wirklich nur ihm gesagt habe und sonst niemandem.

Der dunkelrote, dicke Teppich schluckt so gut wie jedes Geräusch. Wir laufen den langen Flur entlang. Plötzlich bleibe ich mit der Fußspitze hängen und knicke um. Joe fasst gerade noch rechtzeitig rüber und fängt mich auf. Er grinst, schaut mich verdutzt an und fragt: „Alles okay? Wie kannst du denn auf so einem Luxusbelag stolpern, hä?“

Ich schüttle meinen Fuß, antworte: „Weißt du doch, das ist kein Problem für mich. Easy!“

Wir lachen. Ich haue ihm auf den Arm und sage: „He, nicht so laut. Das ist ein vornehmes Haus!“

Joe sagt spitzbübisch: „Ja, aber jetzt sind wir hier!“

Ich bleibe stehen, atme durch und flüstere ihm zu: „Ich habe ein komisches Gefühl, Joe.“

Er stoppt, sagt überrascht: „Echt? Hm …“

„Ja, echt!“, bekräftige ich. „Weiß nicht weshalb …“

Joe fasst um meine Hüfte, schiebt mich und sagt: „Wir schauen uns den Vogel mal an. Mehr isses nicht. Abhauen können wir jederzeit. Lauf!“

Zunächst sieht es so aus, als käme nichts mehr, und dann stehen wir plötzlich vor der 3030.

„Schau einer an“, sage ich, „also das Zimmer gibt es schon mal.“ Ich schlucke, schaue hoch zu Joe und frage unsicher: „Wer klopft?“

Er grinst und raunt: „Natürlich der bad cop, wer sonst?“

Ich schließe kurz die Augen, konzentriere mich auf meine Rolle und klopfe viel zu laut an die Türe. Joe nickt mir anerkennend zu, gibt mir einen Daumen nach oben.

Von mir aus hätte es ruhig ein Weilchen dauern können, doch die Türe wird so schnell geöffnet, als habe Mister Ray direkt dahinter auf uns gewartet.

Vor uns steht ein hagerer, braungebrannter, mittelgroßer Mann, leicht ergraute, gepflegte Kurzhaarfrisur, mit himmelblauen Augen, schneeweißem Hemd, Weste, einer grauen Anzughose, schwarzen Lackschuhen und einer sündhaft teuren Rolex am Handgelenk.

Mit fester Stimme frage ich: „Mister Ray?“

Er nickt, tritt zwei Schritte zurück und bittet uns, mit einer Handbewegung einzutreten.

Wir bleiben stehen, ich sage streng: „Sie wissen ja gar nicht, wer wir sind.“

„Doch, sonst hätte ich ja nicht aufgemacht. Miriam Anton, 35 Jahre alt, exzellente Schülerin und steile Karriere als Journalistin. Hobbys: Tauchen, Reiten, gut Essen, Shoppen. Richtig?“

Ich schaue ihn abwartend an.

Er ergänzt: „Tochter eines, ungewöhnliche Kombination, Handwerkers und einer Biologin, keine Geschwister, keine Kinder, unverheiratet. Ihren Kollegen stellen Sie mir bitte vor. Ich hatte noch keine Gelegenheit ...“

„Das ist Joe. Ich arbeite seit langem mit ihm zusammen.“

Joe nickt, sagt kess: „Good afternoon! Nice to meet you!“

„Ach Joe?“, erwidert Mister Ray, „das hätte ich mir denken können. Joachim Lau, geboren in München, kein herausragender Schüler und trotzdem ins Berufsleben gefunden. Einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Eltern beide verunglückt als Sie 13 Jahre alt waren, stimmt’s?“

Dem guten cop, fällt beinahe der Kiefer herunter. Das mit der Schule ist bekannt, die Karriereleiter ebenfalls, doch über Privates spricht er so gut wie nie. Ehrlich gesagt, wusste nicht einmal ich das mit den Eltern. Er hat es nie erwähnt, obwohl wir Freunde sind.

„Wie wäre es, wenn Sie reinkommen?“, fragt Mister Ray mit einem breiten Gewinnerlächeln. „Wir können doch nicht hier ... Ach ja, sprechen wir Deutsch? Ich spreche, das nur nebenbei, neun Sprachen. Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Hindi, Arabisch und noch ein paar andere. Suchen Sie sich eine aus.“ Er lacht, zeigt uns seine perfekten, schneeweißen Zähne.

Der Mann sah Mal umwerfend aus, denke ich. Wie aus dem Katalog. Der hat die Frauen früher sicher scharenweise flachgelegt. Wer weiß? Am Ende klappt es sogar jetzt noch? Außerdem riecht er gut. Alles hier riecht gut und sieht gut aus. Das Zimmer, in welches wir eintreten, ist eine Suite, die sicher ein mittleres Vermögen kostet. Auf jeden Fall weit mehr als das, was wir uns leisten. Mitten im Wohnzimmer ist ein vier Mal vier Meter großer Whirlpool in den Boden eingelassen. Das rosagefärbte Wasser riecht nach frischer Erdbeere und blubbert leise, so als habe er eben noch darin gebadet. Oder seine Frau, oder eines seiner Mäuschen hält sich im Schlafzimmer auf?

Ich frage misstrauisch: „Sind wir alleine?“

„So alleine, wie man es zu dritt nur sein kann“, antwortet Mister Ray schlagfertig und deutet auf die urgemütliche Ledergarnitur. „Bitte, nehmen Sie Platz! Stört sie das Geräusch? Kein Problem, ich schalte es aus.“ Er greift nach der Fernbedienung und drückt einen Knopf. Das Blubbern verebbt. Mit einem Mal ist es leiser, als es mir lieb ist.

Als könne Mister Ray meine Gedanken lesen, sagt er: „Man hört hier oben praktisch nichts.“

Joe frotzelt: „Stiller als in jedem Grab.“

Ich schaue ihn fassungslos an. Er versaut uns gerade das Interview, doch Mister Ray lacht und antwortet: „Ich mag Menschen mit schwarzem Humor. Darf ruhig kohlrabenschwarzer Humor sein. Tun Sie sich keinen Zwang an. Lachen ist ja bekanntlich gesund. Drinks?“

„Später!“, antworte ich streng.

Aber Mister Ray lässt sich nicht lumpen, stellt alles Mögliche auf den wolkenförmigen Marmortisch und sagt: „Bedienen Sie sich gerne. Es ist von allem genug da. Seien Sie meine Gäste.“ Er zwinkert Joe zu, sagt: „So einen uralten Whiskey haben Sie vielleicht noch nie probiert? Bitteschön!“

Joe winkt ab, antwortet: „Vielleicht nach dem Interview. Wir sind ja nicht zum Spaß hier, nicht?“

Mister Ray lacht laut und bestätigt: „Allerdings! Das sehen Sie goldrichtig.“

Ich frage mich langsam, wer hier der good und wer der bad cop ist. Joe hat wohl vergessen, was wir vorhin ausgemacht haben? Macht nichts. Ich bin ja flexibel.

Interview - Take eins

Träumerisch versinke ich in die Bilderreihe an der Wand. Mister Ray bemerkt es, sagt: „Alles Originale – keine Drucke.“

Ich frage viel zu naiv: „Echt?“

Er antwortet: „Ein Rembrandt ist natürlich nicht dabei. Es sind alles aufstrebende Künstler. Von den meisten wird man vielleicht nie etwas hören, aber einer reicht ...“

Seitlich geht es raus auf den Balkon – natürlich mit Pool. Die Zedernholz Bar zieht sich an der kompletten Wand gegenüber entlang. Man könnte damit alle Gäste in der Lobby versorgen.

Während ich zuschaue, wie Mister Ray drei breite Wassergläser füllt, überlege ich, warum wir überhaupt gekommen sind? Es scheint dem seltsamen Informanten nicht um Geld zu gehen. Das haben wir vorher am Telefon geklärt und der dargestellte Reichtum tut sein Übriges. Oder er ist doch ein Betrüger und fährt eine Masche, von der sogar wir noch nie etwas gehört haben? In unseren Gläsern sind KO-Tropfen? Wir wachen in ein paar Stunden in der Bronx auf – nackt? Unsere Konten sind geleert? Und Mister Ray treibt sein Unwesen bereits mit den nächsten? Nee, denke ich, das wäre zu aufwändig, würde sich nicht lohnen. Dafür hätte er sich reiche Leute ausgesucht – nicht uns.

Joe fummelt neben mir an unserer Luzi herum und legt sie endlich auf den niedrigen Marmortisch. „Es macht Ihnen doch nichts aus, Mister Ray?“

„Habe ich mir schon gedacht. Ist ja üblich, nicht?“

Wir nicken.

„Eine Bitte habe ich ... Verwenden Sie die Aufnahmen nicht, bevor das Interview beendet ist. Nur für den Fall, dass wir einen zweiten Termin benötigen.“

„Kein Problem“, sage ich und mache es mir bequem. Wer weiß? Vielleicht geht ja alles ganz schnell. Der Irre in Mister Ray kommt zum Vorschein, wir brechen ab, packen ein, gehen essen und shoppen und fliegen spätestens morgen nach Hause?

Mister Ray setzt sich in den Ohrensessel, schaut auf die Uhr und sagt: „Deutsch ist eine gute Wahl. Es gibt unserem Gespräch die Seriosität, welche das Thema verdient. Duzen hielte ich für unangebracht.“

Joe und ich nicken zustimmend. Ich beuge mich vor, überzeuge mich davon, dass die Luzi wirklich läuft.

„Gut“, sagt Joe, „fangen wir an!“ Er grinst und schiebt hinterher: „Wir müssen die Gelegenheit nutzen und nachher noch shoppen, bevor wir heimfliegen.“

Jetzt schlucke ich. Was ist nur los mit Joe? Er kommt extra nach New York geflogen und behandelt unseren Interviewgast, als hielte er ihn von vorneherein für einen Scharlatan. Egal – das klären wir nachher.

Mister Ray lässt sich nichts vormachen und sagt mit tiefer Stimme: „Sie werden im Laufe des Gesprächs vielleicht verstehen, dass ich ganz sicher sehr viel weniger Zeit habe als sie beide – aber gut ...“ Er lehnt sich zurück, macht es sich bequem, hustet, räuspert sich und schaut uns genauso abwartend an, wie wir ihn.

Also breche ich die Stille und lege los: „Mister Ray ist sicher nicht ihr richtiger Name, stimmt’s? Sie müssen verstehen, solange wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben, ist das Gespräch praktisch für die Tonne.“ Ich denke, jetzt eiert er herum und erzählt uns einen vom Pferd, doch er sagt unumwunden: „Julius von Stern. Ich bin Pilot. Oder sagen wir, ich war es bis vor kurzem. Derzeit schone ich mich aus gesundheitlichen Gründen. In der Regel flog ich die ganz großen Passagiermaschinen - beide. Airbus und Boing. Angefangen habe ich als fünfjähriger mit dem Drachenfliegen.“ Er lacht. Seine hellblauen Augen leuchten jungenhaft.

Joe wirft ein: „Den Drachen, den man in der Hand hält, oder den Drachen, der ihren Körper durch die Luft trägt?“

Mister Ray oder Julius von Stern antwortet: „Beide. Mein Vater war ebenfalls Pilot. Die Liebe zu allem was fliegt, liegt bei uns in der Familie.“

Das Gespräch beginnt locker, denke ich. Das ist okay für den Anfang. In dem Moment greift „Mister Ray“ nach unserer Luzi, drückt vor unseren erstaunten Augen auf den Aus-Knopf und löscht das kurze Gespräch. Ich starre ihn perplex an, doch er sagt: „Für die Aufnahme machen wir mit Mister Ray weiter, ja? Meinen richtigen Namen dürfen Sie recherchieren, genau wie alles weitere zu meiner Person und meinem Werdegang. Können wir?“ Er schaltet auf Aufzeichnung und legt das Gerät wieder auf den Tisch.

„Mister Ray“, sage ich betont, „Sie behaupteten im Vorfeld, dass es die klassische Pauschalreise gar nicht gibt. Wie meinen Sie das?“ Joe und ich lehnen uns abwartend zurück. Joe grinst.

Mister Ray lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und antwortet kurz: „Alles fake!“

„Was?“, fragen Joe und ich gleichzeitig.

„Gut“, antwortet er, „fangen wir so an ... Wie Ihnen beiden sicher bekannt ist, dauert der klassische Pauschalurlaub zwei Wochen, richtig? Oft sogar nur eine Woche.“

Wir nicken.

Mister Ray spricht weiter. „Vor genau fünf Jahren habe ich einen Urlaub in Ägypten gebucht, für sechs Wochen. Natürlich in einem echten fünf-Sterne-Hotel.“

„Man gönnt sich ja sonst nichts“, wirft Joe ein und grinst weiter.

Ich könnte ihm die Gurgel umdrehen; aber natürlich nicht vor unserem Interviewgast.

„Genau!“, bestätigt dieser ernst. „Die Arbeitszeit und der Rhythmus unterscheiden sich, von dem, was wir kennen, fundamental. Dort ist es so: Je länger einer arbeitet, umso länger hat er hinterher frei. Also zwei Wochen arbeiten – vier Tage frei. Zwei Monate am Stück arbeiten – zwölf Tage frei und so weiter.“

Wir nicken.

Ich beuge mich wieder vor, um zu checken, ob auf Luzi Verlass ist, und lehne mich halbwegs entspannt zurück.

Lass ihn reden, denke ich – wir werden schon sehen, wohin die Reise geht ... Die Bilder an der Wand sind über die Diagonalen, wie eine Perlenkette aneinandergereiht und hauen mich echt um. Vor allem das in zarten orangetönen gehaltene Landschaftsportrait. Ich versuche, von hier aus die Signatur zu entziffern, aber es gelingt mir nicht.

„Die meisten Angestellten haben Namen, die man sich als Urlauber gut merken kann. Namen wie: Ibrahim, Ahmed, Mohamed, Mustafa und so weiter. Sie tragen ihre Namensschilder an den Hemden, so dass man immer weiß, mit wem man es gerade zu tun hat. Mein Lieblingskellner hieß Ahmed. So habe ich ihn natürlich auch angesprochen.“

Ich unterdrücke ein Gähnen und greife nach dem Wasserglas. Erster, denke ich sieghaft, denn einer von uns trinkt zuerst, der andere wartet - vorsichtshalber. Das hat sich so eingespielt. Joe zieht eine beinahe unmerkliche Grimasse.