Payback's a Witch – Rache ist magisch - Lana Harper - E-Book
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Payback's a Witch – Rache ist magisch E-Book

Lana Harper

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Beschreibung

Emmy Harlow liebt ihr Leben in Chicago. Als sie jedoch als Schiedsrichterin für einen traditionellen Wettkampf zwischen den ältesten Hexenfamilien in ihrer Heimatstadt Thistle Grove ausgewählt wird, muss sie der Familienpflicht nachkommen und in die magische Kleinstadt zurückkehren, die sie aus guten Gründen hinter sich gelassen hat. Diese Gründe bestehen größtenteils aus ihrer komplizierten Großfamilie – und ein klein wenig aus Gareth Blackmoor, dem gut aussehenden Erben einer mächtigen Hexenfamilie, der Emmy vor Jahren das Herz gebrochen hat. Als Emmy erfährt, dass Gareth in ihrer Abwesenheit auch ihre beste Freundin Linden und die undurchschaubare Talia belogen und sitzen gelassen hat, schmieden die drei jungen Frauen einen Plan, um sich an Gareth zu rächen – und den magischen Wettkampf zu gewinnen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die im Buch genannten Zitate entstammen:

William Shakespeare, Macbeth. Übersetzung von Dorothea Tieck.

William Shakespeare, A Midsummer Night’s Dream.

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig

© Lana Harper 2021

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Payback’s a Witch«, Jove, New York 2021

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung und -abbildungen: Guter Punkt, München, nach einem Entwurf von Viki Lester

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

1

Die verlorene Hexe

2

Das Shamrock-Cauldron-Fiasko

3

Die sexy Tundra-Wölfin

4

Fettgebackenes und Enthüllungen

5

Der Hexenpakt der Vergeltung

6

Das originale Grimoire

7

Der Ring-Effekt

8

Weil du gegangen bist

9

Die Farbe schmutziger Gedanken

10

Auf mein Zeichen!

11

Der Swag einer Halbgöttin

12

Der Hexenwald

13

Nein, nein, die Geister wohnen in den Bäumen

14

Von Obstgärten, Jagbags und besten Freundinnen

15

Die Kerze

16

Große Stadt, kleine Hexenwaise

17

Blütenblätter in Bernstein

18

Im Vertrauen Erzähltes

19

Anormale Artefakte

20

Na, das ist mal ein Apfelkern

21

Das hier wird immer der Ort sein

22

Du garstiges Kind

23

Wie Ozeane im Sternenlicht oder fremde Himmel

24

Was ihr am besten könnt

25

Wenn selbst die Magie uns hängen lässt

26

Schlaue Kniffe und trickreiche Zauber

27

Das Leben als Gegensatz zum Tod

28

Dann müssen sie aufgeben

29

Das Wort und der Traum, das Herz und das Auge

30

Und der Sieg geht an …

31

Mehr als genug

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für meine Mutter, die sich um mein Baby gekümmert hat, damit ich meinen Traum verfolgen konnte.

1

Die verlorene Hexe

Im selben Moment, als ich die Stadtgrenze überquerte, konnte ich Thistle Grove spüren.

Dass ich in meinem klapprigen Toyota saß, änderte nichts daran. Vielleicht fühlte die Stadt, dass eine ihrer Töchter nach Hause kam, auch wenn es fast fünf Jahre her war. Eine Welle ungebändigter Magie schwappte ins Auto, bis die Luft um mich herum ahnungsvoll flirrte, hell und summend und berauschender als ein Champagnercocktail. Als pulsierte Thistle Groves magisches Herz freudig durch meinen Körper, um mich willkommen zu heißen. Anscheinend trug die Stadt mir meine lange Abwesenheit nicht nach.

Na, wenigstens ging es einer von uns so.

Nach meiner langen Durststrecke fernab von Thistle Grove war die Welle der Magie so schwindelerregend, dass ich mich über dem Lenkrad krümmte, flach atmete und mich ein bisschen durcheinander fragte, ob man eine Überdosis Magie erwischen konnte, wenn man so lange auf kaltem Entzug gewesen war. Vom Beifahrersitz aus warf mir Jasper durch ein Büschel seines silbernen Fells, das in mehreren Strähnen über seine Augen fiel, einen glänzenden, besorgten Blick zu und legte mir tapsig die Pfote auf den Schenkel.

»Mir geht’s gut, Junge«, murmelte ich mit belegter Stimme und streichelte über seinen warmen Nacken. »Es ist nur … ganz schön viel, verstehst du?«

Das war das Problem, wenn man mit Magie aufwuchs: Bis man sie ein für alle Mal hinter sich ließ, hatte man keine Ahnung, wie unglaublich sich ihre bloße Gegenwart anfühlte.

Und es war nicht nur die Luft, die so anders wirkte. Vor meiner verschmierten Windschutzscheibe hatte sich der Nachthimmel verändert, war plötzlich hyperscharf wie ein kalibriertes Teleskop. Über dem Hallows Hill, dem merkwürdig kleinen Berg, an den sich die Stadt schmiegte, hing der Mond wie eine frisch gewetzte Sichel. Abnehmender Sichelmond, flüsterte mein Hexenhirn und wühlte schon die Zauber heraus, die man in dieser Phase am besten wirkte. Seine Silhouette sah aus, als könnte er Glas schneiden, unglaublich perfekt und präzise – ein Mond, wie man ihn in Träumen sieht. Die Sternenbilder, die ihn umgaben wie ein milchiger See aus ausgeschütteten Juwelen, waren genauso angeordnet wie auf der anderen Seite der Stadtgrenze, aber irgendwie besser, gewollter, mit klaren Konturen und funkelnd wie ein Mosaik aus wertvollen Edelsteinen. So verführerisch, dass ich am liebsten angehalten hätte und aus dem Auto getaumelt wäre, den Kopf in den Nacken gelegt und mit offenem Mund, nur um sie glitzern zu sehen.

Diese verdammte Stadt. Musste immer so verflucht besonders sein.

Mit Mühe widerstand ich der Versuchung. Doch als die Obstplantagen zu meiner Linken auftauchten, die den Thorns gehörten, gab ich doch zumindest ein bisschen nach und kurbelte mein Fenster herunter.

Schon wehte mir eine Bö Nachtluft ins Gesicht, die unglaublich intensiv nach Herbst roch: Holzrauch, feuchtes Laub und diese zarte Note, die den ersten Schnee ankündigt. Und direkt darunter lag der Duft der Magie von Thistle Grove, dem ich sonst nirgendwo je begegnet war. Würzig und erdig, als hätte sich der Duft des von Hexen verbrannten Rauchwerks der letzten dreihundert Jahre nie ganz verzogen. Ein immerwährender Halloweengeruch, die Art, die einem dieses wohlig gruslige Schaudern bescherte.

Und gefallene Äpfel, natürlich. Die unzähligen Reihen von Gala, Honeycrisp und Pink Lady der Thorns, süß und mostig und unbeschreiblich heimatlich.

Das alles brachte den Teil von mir, der diesen Ort früher geliebt hatte – ach, hör doch auf mit dem Scheiß, Emmy, der Teil von dir, der es immer noch tut, der Teil, der niemals je damit aufhören wird –, zum Pochen wie der Herzschmerz der ersten Liebe. In meinen Augen sammelten sich plötzlich heiße Tränen, und ich wischte sie mir grober als nötig mit den Fingern weg, wütend auf mich selbst, weil ich immer so schnell nostalgisch wurde.

Jasper spürte, dass meine Stimmung kippte, schnaubte betrübt und schwenkte seine königlich schnauzbärtige Nase zu mir herum.

»Ich weiß, ich weiß«, ächzte ich und wischte mir mit der Hand übers Gesicht. »Ich hab versprochen, mich nicht zu sehr reinzusteigern. Ich bin einfach nur müde, Junge. Aber ab jetzt ist es einfach nur Business, bis wir hier wieder rauskommen.«

Er schnaufte noch einmal, als kenne er mich viel zu gut, um mir meinen pseudoneutralen Mist abzukaufen. Ich war vielleicht nur hier, weil die Tradition die Anwesenheit der Harlow-Erbin verlangte, aber in Thistle Grove war nichts jemals so einfach. Vor allem nicht, wenn es um diesen ganz bestimmten Erben einer der Gründerfamilien ging.

Zehn Minuten später fuhr ich in das eichengesäumte Wohnviertel meiner Eltern und rumpelte über ihre mit Kopfstein gepflasterte Einfahrt. Beim Anblick des Hauses meiner Kindheit zog sich mir die Brust zusammen, so als würde sich eine Faust um mein Herz schließen. Das Haus war durchaus schön, wenn auch nicht so beeindruckend, wie man es vom Domizil einer Gründerfamilie erwarten würde. Die Blackmoores hatten ihr prunkvolles Anwesen in Tintagel, die Thorns hatten Honeycake Orchards und die Avramovs das weitläufige viktorianische Anwesen mit einer Villa, das sie unbedingt The Bitters nennen mussten, weil sie mit dieser dramatischen Alte-Welt-Romantik ihren Lebensunterhalt verdienten.

Und wir, die Harlows, hatten … ein Haus.

Harlow House war ein vornehmes dreistöckiges Gebäude in Kolonialarchitektur, fast so alt wie die Stadt selbst – auch wenn man es ihm mit seiner durch Magie wettergeschützten Fassade nicht ansah –, und hatte nie einen hochtrabenden Namen getragen. Somit hielt es das ewige Vermächtnis der Harlows aufrecht, sowohl die bescheidenste als auch die unwichtigste der Gründerfamilien zu sein. Wie immer brannte in jedem Fenster eine Kerze – dreizehn Flammen für Wohlstand und Schutz. Die Wetterfahne in Form einer fliegenden Eule drehte sich träge in der nächtlichen Brise, und die Traumfänger-Windspiele an der Haustür klingelten zart aneinander. Eine feine Rauchwolke entwich aus dem gemauerten Kamin und verwehte in der samtigen Dunkelheit.

Es sah aus wie das Haus einer Hexe aus einem Märchenbuch, mit der nicht zu spaßen ist – was, wenn ich es mir recht überlegte, perfekt zu meinen Eltern passte.

Und es war genau so wie in meiner Erinnerung, nur dass mir der Gedanke, da reinzugehen, schmerzhaft den Atem nahm. Ein unsichtbarer Graben des Schmerzes und der unbeantworteten Fragen umgab mein ehemaliges Zuhause. Wie aufgewühltes Wasser, in dem es von Piranhas und Feuerquallen nur so wimmelte.

Gegen den Schmerz konnte ich nicht viel tun, und »weil Gareth Blackmoore mir diese Stadt verdorben hat« war irgendwie immer noch eine bescheuerte Antwort auf alle Fragen, die mehr oder weniger immer auf denselben Inhalt hinausliefen: Emmy, warum bist du so lange nicht nach Hause gekommen?

Also stellte ich den Motor ab und blieb mit gesenktem Kopf sitzen, horchte auf das Ticken des abkühlenden Motors und Jaspers leises Winseln und konzentrierte mich auf meine Atmung. Als ich mich halbwegs gefasst hatte, torkelte ich auf steifen Beinen aus dem Auto und ließ Jasper heraus, um die ruhige Straße zu taufen. Dann hievte ich meinen treuen alten Koffer und den riesigen Seesack aus dem Kofferraum. Bis Jas zurückgerannt kam, hatte ich es geschafft, alles mit einem bewundernswerten Minimum an Flüchen auf die Veranda mit den Säulen zu schleppen.

Meinen Schlüssel hatte ich zwar noch, aber es kam mir schrecklich unhöflich und dreist vor, ihn nach fünfjähriger Abwesenheit zu benutzen. Also klopfte ich. Als die Tür aufging, schaffte ich es, nur ein kleines bisschen zusammenzuzucken, und blinzelte in das warme Licht, das sich nach draußen ergoss.

»Mein Schatz«, sagte meine Mutter schlicht und trat vor die Tür, um mich zu begrüßen. Ihre Stimme war typisch gefasst, ganz und gar britische Unerschütterlichkeit, aber ihre grünen Augen – meine Augen – glänzten verdächtig. Poliert von denselben unterdrückten Gefühlen, die auch aus mir herausplatzen wollten.

»Mom«, flüsterte ich mit einem Kloß im Hals.

Es war nicht so, als hätten wir uns fünf Jahre nicht gesehen, wir lebten schließlich im einundzwanzigsten Jahrhundert. Selbst ein magischer Zufluchtsort wie Thistle Grove hatte meistens brauchbaren Empfang und WLAN und war sehr gut darin, die gelegentlich auftretenden magischen Eruptionen, die den Empfang störten, zu blockieren. Aber Moms Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen war nicht dasselbe, nicht einmal annähernd. Als ich mich vorbeugte, um sie in die Arme zu schließen, kostete es mich meine ganze Selbstbeherrschung, nicht zu wimmern, als ich ihren vertrauten Geruch wahrnahm: Zitrone und Wildblumen. Wir waren zwar fast gleich groß, aber sofort schmolzen die Jahre zwischen meinem sechsundzwanzigjährigen und meinem sechsjährigen Ich zusammen. Einen kurzen Moment war ich wieder klein und sie war die Mami, nach der ich in der Nacht rief, wenn ich schlecht geträumt hatte, und die mich mit ihren sanften Händen und einem unendlichen Repertoire an liebevollen, britisch gefärbten Schlafliedern beruhigte.

Dann sickerte das Unbehagen wieder zwischen uns ein wie ein eiskalter Regentropfen, der einem in den Kragen rinnt. Als ich mich von ihr löste und mich räusperte, beugte sie sich hinunter, um Jasper ihren Handrücken entgegenzustrecken.

»Ein Vertrauter, ehrlich?«, sagte sie und lächelte zu mir herauf, während er sie verhalten beschnüffelte. »Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen überrascht.«

»Äh nein, eigentlich nicht. Jas ist einfach … ein ganz normaler süßer Hund«, sagte ich fröhlich und unterdrückte einen Anflug von Ärger, dass ich das irgendwie nicht hatte kommen sehen. Nur in Thistle Grove würde eine Mutter automatisch davon ausgehen, dass dein wohlerzogener Standard-Schnauzer natürlich ein magischer Vertrauter sein musste. »Er ist normalerweise auch lebhafter, aber er ist ein bisschen erschöpft. Um genau zu sein sind wir das beide. Glaubst du, wir könnten …?«

»Klar, natürlich«, sagte sie eilig und zerrte meinen tonnenschweren Seesack über die Schwelle, bevor ich sie aufhalten konnte. »Ihr beide hattet eine furchtbar lange Fahrt, nicht wahr? Kommt erst mal rein und macht es euch gemütlich.«

Im Haus traf mich der vertraute Geruch wie ein Schlag in die Magengrube: Zitronengras-Bohnerwachs, Teeblätter und die schmelzende Süße der Bienenwachskerzen. Ich ließ meinen Monsterkoffer im Flur stehen, streifte meine Jeansjacke ab und hängte sie an den Kleiderständer, bevor ich meiner Mutter in die verdunkelte Küche folgte. Statt das Deckenlicht einzuschalten, schnippte sie mit der Hand in Richtung der Stumpenkerzen auf dem Tisch und der Granitarbeitsplatte. Gehorsam erwachten die Flammen zum Leben und beleuchteten die gemütliche Essecke mit den gelben Vorhängen, der Vase mit pfirsichfarbenen Tulpen darin und meiner alten Wanduhr in Katzenform mit ihrem schwingenden Pendelschwanz. Kerzen anzünden war eine kleine, häusliche Art von Magie – sogar Harlows konnten sie problemlos wirken.

Wie auch ich es fast ohne nachzudenken gekonnt hatte, bevor ich die Stadt verlassen hatte.

Doch seit fast vier Jahren konnte ich einer Kerze nicht einmal mehr ein Flackern entlocken, und die Leichtigkeit, mit der meine Mutter es tat, löste einen wohlbekannten Verlustschmerz in mir aus. Deshalb wagten sich die Gründerfamilien selten weit von Thistle Grove weg: Die Entfernung schwächte unsere Magie. Je länger man wegblieb, desto weniger Zauber konnte man wirken, bis die Fähigkeiten irgendwann ganz verschwanden. Wie es bei mir der Fall war.

Ich spürte den Schmerz ihrer Abwesenheit immer noch wie ein Phantomglied, ein hohles Pochen der Sehnsucht, das nie nachließ. Allein dieses winzige bisschen Magie vor mir zu sehen entfachte das Verlangen nur wieder neu.

Doch das gehörte zu dem Preis, den ich bereitwillig für mein neues Leben bezahlte, ermahnte ich mich entschieden. Mein echtes Leben, mit meinem echten Job, einem echten Collegeabschluss und einem leider extrem echten Schuldenberg von meinem Studienkredit. Das war der Tausch, den ich gewählt hatte – der Verlust der Magie als Ausgleich für ein Leben, das ich in eine Form gießen konnte, die wirklich passte.

»Das Abendessen hast du leider verpasst«, sagte meine Mutter, lehnte sich an den Küchentresen und verschränkte die Arme vor ihrer schmalen Mitte.

Ich ließ mich auf einen der Holzstühle in der Essecke sinken – Jasper streckte sich neben mir auf den Kalksteinfliesen aus – und setzte ein entschuldigendes Gesicht auf, als hätte ich meine Ankunft zeitlich nicht genau so gelegt, dass ich nicht eine Stunde obligatorische gesellschaftliche Verstrickungen mit meinen Eltern durchstehen musste, bevor ich eine Chance hatte, mich zu entspannen.

»Und dein Dad ist ein paar Stunden in den Laden zurückgegangen, um die Depotbücher in Ordnung zu bringen«, fügte sie hinzu. »Das Samhain-Chaos setzt irgendwie jedes verfluchte Jahr früher ein. Wir werden jetzt schon von Touristen geradezu überrannt, und du weißt, was das mit dem Seelenfrieden deines armen Vaters macht.«

»Kann ich mir vorstellen.« Ich verzog mitfühlend das Gesicht. »Die ganzen Fremden, mit denen er reden muss, einfach entsetzlich, das alles.«

Thistle Grove drehte jedes Jahr richtig auf, wenn Anfang Oktober die schaurige Jahreszeit anfing und manchmal bis zur Monatsmitte in den November hineinreichte. Das restliche Jahr war es ebenfalls ein Halloween-Reiseziel – auch wenn die Touristen natürlich keine Ahnung hatten, wie tief die »mystische« Magie der Stadt wirklich reichte und wie real sie war –, aber ruhig genug, dass es für meinen introvertierten Vater kein zu großer Albtraum war.

»Aber wenn du Hunger hast, könnte ich dir ein Sandwich machen?«, bot meine Mutter an und sank ein bisschen in sich zusammen, als ich den Kopf schüttelte. »Dann ein bisschen Tee? Ich könnte auch eine Tasse vertragen.«

Ich war stundenlang gefahren und hätte mich lieber unter eine dampfende Dusche gestellt und wäre am liebsten direkt danach ins Bett gefallen, bevor ich mich noch weiteren Szenen aus dem Drehbuch der zurückgekehrten verlorenen Tochter stellen musste. Aber sie sah so hoffnungsvoll aus bei der Aussicht, eine Tasse Tee mit mir zu trinken, dass ich es nicht über mich brachte, Nein zu sagen.

»Tee wäre sehr schön, danke«, gab ich nach. »Und könnte ich ein bisschen Wasser für Jasper haben?«

»Natürlich. Und er ist auch noch so ein schrecklich artiger Kerl.« Sie blinzelte ihn nachdenklich an und legte den Kopf schief. »Bist du sicher, dass er kein Vertrauter ist?«

»Hundertprozentig, Mom.«

Ich sah ihr dabei zu, wie sie zielstrebig in der Küche herumwuselte – ihre Hände so geschickt wie eh und je. Ihr lavendelblauer Cardigan wehte um sie herum und ihr glänzender dunkler Zopf wischte über ihre Schulter. Als sie meine alte, riesige und mit einer goldenen Libelle bedruckte Lieblingstasse vor mich hinstellte, tippte sie leicht mit dem Zeigefinger dagegen, um sie auf die perfekte Temperatur herunterzukühlen. Es war ein kleiner Partytrick der Harlows, wenn auch ein ziemlich langweiliger im Vergleich zu den anderen magischen Fähigkeiten, die Thistle Grove zu bieten hatte. Meine Mutter, Cecily Fletcher Harlow, war natürlich keine geborene Harlow. Aber in eine Gründerfamilie einzuheiraten war so ähnlich, wie ins Königshaus einzuheiraten. Nur wurde man statt eines Lebens in der Öffentlichkeit mit Fascinators, faden Häppchen und hautfarbenen Feinstrumpfhosen selbst zur Hexe.

»Also, Schatz«, begann sie und legte die Hände um ihre eigene Tasse, während sie sich mir gegenüber hinsetzte. »Erzähl mir, wie es dir so geht.«

»Wirklich gut«, antwortete ich und entspannte mich ein bisschen, als der Rooibos Wärme in meiner Brust verbreitete und die Enge darin etwas löste. Ich hatte vergessen, wie heilend die Tees meiner Mutter sein konnten. »Ich, ähm, bin vor ein paar Wochen sogar befördert worden. Ich wollte es noch nicht erzählen, bevor die Tinte trocken war, aber ja. Bin jetzt offiziell Creative Director bei Enchantify.«

»Meine Güte, das ist ja wundervoll!« Sie strahlte mich an, auch wenn ich sehen konnte, wie sie leicht die Augenwinkel zusammenkniff, als ihr klar wurde, dass sie die guten Neuigkeiten mit ziemlicher Verspätung erfuhr. »Ich gratuliere dir, Süße. Was für ein Erfolg für dich.«

»Und auch noch tolles Timing. War ein gutes Argument, um so einen langen Urlaub zu beantragen.«

»Und wie schön für uns, mehr als ein ganzer Monat mit dir! Um ehrlich zu sein, hatte ich schon daran gezweifelt, dass du überhaupt kommen kannst.«

Ich biss mir in die Wange, ein bisschen erstaunt über so viel uncharakteristische Offenheit. Wir Harlows redeten normalerweise nicht so miteinander. Wir waren keine engstirnigen Schnösel wie die Blackmoores, nicht chaotisch voneinander abhängig wie die Avramovs und auch nicht annähernd so empathisch verbunden wie die Thorns. Wir zogen es vor, die schwierigen Fragen weiträumig zu umschiffen und uns gegenseitig reichlich Luft zum Atmen zu lassen.

Vielleicht manchmal zu viel Luft.

»›Und der Nachkomme der Harlows soll beim Thistle-Grove-Turnier als Richter dienen‹, weißt du nicht mehr?«, sagte ich mit künstlicher Unbeschwertheit. »Ist nicht so leicht, sich vor einer jahrhundertealten magischen Pflicht zu drücken. Hätte ich wirklich sicher sein können, dass ich nicht in einen Igel verwandelt werde, wenn ich die alten Sitten missachte?«

Leise lachend nippte sie an ihrem Tee. »Abgesehen von einer nicht gänzlich unmöglichen, aber doch recht unwahrscheinlichen Verwandlung in einen Igel verbietet es das Grimoire dem nächstältesten Harlow der jüngeren Generation nicht, deinen Platz einzunehmen. Sicher hätte Delilah für dich einspringen können.«

»Oh, das wette ich, dass Delilah das gekonnt hätte«, murmelte ich vor mich hin und versuchte, den Reflex zu unterdrücken, die Augen zu verdrehen, den der Name meiner Cousine unweigerlich auslöste.

»Sei nicht gemein zu deiner Cousine, Schatz. Sie ist nur ein bisschen … eifrig.«

Das war eine der epischen britischen Untertreibungen meiner Mutter, denn Delilah war nicht nur die größte Streberin, die man sich vorstellen konnte, sondern auch der ultimative Harlow-Fan. Sie war ein Jahr älter als ich, aber zu ihrem Pech war sie nicht die Erstgeborene der Harlow-Hauptlinie – was sie automatisch disqualifizierte, als Richterin zu dienen, wenn ich nicht zurücktrat.

Ich hatte Delilahs grenzwertige Besessenheit von unserer Familiengeschichte schon immer irgendwie amüsant gefunden, wenn man bedachte, welche Rolle die Harlows bei der Stadtgründung wirklich gespielt hatten. Der Legende nach zog es vor etwas mehr als drei Jahrhunderten vier Hexen nach Hallows Hill, angezogen vom Sirenengesang mächtiger Magie, die von diesem Ort ausging. Um die Gründung der Stadt am Fuß des Hügels zu besiegeln, erzeugte Caelia Blackmoore ein spektakuläres Gewitter, Margarita Avramov beschwor Geister aus dem Reich hinter dem Schleier als Zeugen, Alastair Thorn rief die Vögel vom Himmel als seine Bruderschaft herab, und Elias Harlow zückte seine mächtige Schreibfeder und …

… machte Notizen.

Ernsthaft, das war alles. Mein geschätzter Vorfahr nahm an diesem magischen Ereignis von nie da gewesener Erhabenheit und Dramatik teil, indem er alles so trocken wie nur irgend möglich niederschrieb und dabei sorgfältig Witz und Talent vermied. Ziemlich sicher wollte er damit verhindern, dass der historische Bericht für zukünftige Leser unterhaltsam sein würde, Gott bewahre! Was ihn mehr oder weniger zum Gegenstück der versehentlich lilahaarigen Lady namens Irma machte, die seit jeher bei sämtlichen Stadtratstreffen Protokoll führte.

Fairerweise musste man sagen, dass Elias auch für das Grimoire zuständig gewesen war, das Zauberbuch, das die gesammelten Zauber der vier Familien und die Regeln für das Thistle-Grove-Turnier enthielt – das Turnier, das alle fünfzig Jahre abgehalten wurde, um festzulegen, welche Gründerfamilie alles Magische in Thistle Grove leiten durfte. Laut den Regeln war das Turnier für die heranwachsende Generation gedacht, sodass, wer auch immer den Sieg davontrug, die Regentschaft in den besten Jahren antrat. Was bedeutete, dass die erstgeborenen Nachkommen jeder Linie, also die rechtmäßigen Erben (vorausgesetzt sie waren mindestens achtzehn), gegeneinander antraten.

Die Harlows nahmen nicht einmal teil, wir waren so magisch unterentwickelt, dass wir traditionell das Verfahren deshalb überwachten. Und da ich die Erbin der Harlows war – und dabei noch im gleichen Alter wie die anderen Nachkommen –, verlangte das Grimoire, dass ich und nicht mein Vater das Schiedsrichteramt übernahm.

Ein Hoch auf die Tradition.

»Tja, Pech für Delilah«, erwiderte ich ein bisschen säuerlich. »Aber hurra, hier bin ich! Also kann sie mir, Emmeline, Erbin des Hauses Harlow, der Magieverwalterfamilie von Thistle Grove, nicht die Show stehlen.«

Meine Mutter warf mir über den Rand ihrer Tasse einen finsteren Blick zu. »Wenn du das Turnier so wenig ernst nimmst, Schatz, hättest du es vielleicht wirklich ihr überlassen sollen. Du weißt doch, der Respekt vor dem Geist der ganzen Sache ist deinem Vater schrecklich wichtig.«

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück, in mir herrschte Aufruhr. Denn ich wusste es wirklich, dank des tragischerweise von Herzen kommenden und beeindruckend manipulativen Briefes, den mir mein Vater vor ein paar Monaten geschickt hatte. Allein beim Gedanken an seine schwungvolle Schrift auf dem körnigen Tomes-&-Omens-Briefpapier drehte sich mir der Magen um – inklusive des speziellen Beigeschmacks der Angst, der stets für enttäuschende Töchter reserviert ist.

Liebste Maus, ich weiß, du hast ein anderes Leben gewählt – weit weg von uns. Aber bitte denk darüber nach, um der Tradition willen wenigstens dieses eine Mal zum Hexentreffen zu kommen. Denk darüber nach, diese letzte Pflicht gegenüber deiner Geschichte und Sippe zu erfüllen, für deine Mutter und mich, und ich verspreche, danach werden wir nie mehr von Pflichten sprechen.

Wie hätte ich danach Nein sagen können – vor allem zu Eltern, die meine Entscheidungen und mein magieloses Leben in Chicago immer so sehr unterstützt hatten? Ein Leben, das sie nie verstanden hatten und in dem es so explizit keinen Platz für sie gab?

»Ja, das weiß ich«, sagte ich, ohne den Brief zu erwähnen, denn meine Mutter hätte niemals zugelassen, dass er mir solche Schuldgefühle einredete, wenn sie davon gewusst hätte. Meine Eltern lebten praktisch die Verkörperung von #relationshipgoals, und ich hatte nicht vor, es ihnen kompliziert zu machen. »Und der Geist des Ganzen verlangt, dass ich es sein muss. Und da die Blackmoores so ungefähr seit Anbeginn der Zeiten gewinnen, ist es ja nicht so, als hätte ich allzu viel zu entscheiden.«

Das war genau genommen nicht ganz korrekt. Die Thorns hatten einmal gewonnen, damals, 1921 – aber nur, weil Evrain Blackmoore so heillos betrunken gewesen war, dass er sowohl sich selbst als auch den Kombattanten der Avramovs in Brand gesteckt hatte, als er einen Fischteich in einen Brunnen aus flammendem Rum verwandelt hatte.

Siehst du? Nimm das, Delilah, ich kannte mich doch aus in der Geschichte von Thistle Grove!

Meine Mutter gab sich leise seufzend geschlagen und rieb sich die Schläfen. »Da ist wohl was dran. Und du hast noch ein paar Tage, um dich vor Turnierbeginn am Mittwoch etwas zu erholen. Dich ein bisschen daran zu gewöhnen, wieder hier zu sein.«

Bei der Erwähnung von Erholung versuchte ich, ein Gähnen zu unterdrücken, und scheiterte kläglich. Stattdessen renkte ich mir fast den Kiefer aus. »Tut mir leid«, brachte ich dabei geradeso heraus. »Ich bin einfach fertig mit der Welt.«

Meine Mutter stand auf und sammelte rasch unsere leeren Tassen ein, um sie in die Spüle zu stellen. »Keine Sorge, Süße. Ich habe das alte Kutscherhaus für dich fertig gemacht«, warf sie mir über die Schulter zu, während sie abspülte. »Ich dachte, für einen ganzen Monat wäre es nett, wenn du dein eigenes Reich hast und nicht nur ein Gästezimmer im Haupthaus.«

»Das wäre toll«, sagte ich, und mein Herz füllte sich bei dieser Aussicht mit ehrlicher Freude.

Ich hatte das Kutscherhaus als Kind geliebt und die meisten meiner Pyjamapartys mit Linden Thorn dort verbracht, abgesondert von meinen Eltern, aber nie zu weit weg, falls irgendeine wie auch immer geartete Hilfe nötig wurde. Wahrscheinlich hatten sich meine Eltern gedacht, dass dieser geringe Abstand bis in mein Erwachsenenleben bestehen bleiben würde. Mit den zweihundert Meilen Illinois-Tiefland, die jetzt zwischen uns klafften, unermesslich und unüberwindbar, hatten sie bestimmt nicht gerechnet.

Gemeinsam schleppten wir meine Sachen zur Hintertür hinaus und den gepflasterten Weg entlang, der durch den Blumengarten meiner Mutter führte. Die Nachtblüher regten sich in ihren Beeten, wiegten sich aufeinander zu und kicherten hell klingend wie tratschende Feen. Jasper trottete hin, um an einer besonders lebhaften Abendprimel zu schnüffeln, und sprang wie ein Kaninchen davon, als sie sich mit einem klingelnden Kichern vorbeugte, um ihn auf die Nase zu stupsen.

Es war ein einfacher, beseelender Zauber, aber nichts im Gegensatz zu dem, was ein Thorn damit hätte anstellen können. Blumen in einem von den Thorns belebten Garten hatten alle ihre eigenen Namen und Persönlichkeiten, konnten sprechen und hatten dieselben Empfindungen wie wir Menschen. Ich wusste das, denn Linden Thorn, meine beste Freundin seit über zwanzig Jahren, hatte einmal als Geburtstagsgeschenk für mich einen Kirschbaum in den Honeycake Orchards animiert. Cherry – so benannt von meiner Wenigkeit, der einfallsreichsten Achtjährigen der Welt – machte mich bei vier von fünf Schachspielen fertig und erfreute mich gern mit Nacherzählungen ihrer wunderschönen, unheimlichen Träume.

Manchmal vermisste ich diesen Baum auch heute noch wirklich.

Wir luden mein Gepäck mit demselben extrem undamenhaften Grunzen auf der Schwelle ab und grinsten einander an, dann gab Mom mir einen Schlüssel.

»Es kann gut sein, dass dein Dad im Laden schläft, wenn es spät wird«, sagte sie und verdrehte liebevoll die Augen. »Wie das so oft passiert. Seinetwegen musst du dich also morgen nicht fürs Frühstück beeilen.«

»Ich bin sowieso mit Linden zum Brunch verabredet.« Ich hatte Lin vor ein paar Wochen eine Nachricht geschickt, um ihr zu sagen, dass ich zum Turnier in der Stadt sein würde, und um zu fragen, ob sie mich treffen wollte, sobald ich da war. Wir standen uns immer noch nah, hauptsächlich dank Lins unermüdlichem Einsatz, uns selbst aus der Entfernung gegenseitig über unser Leben auf dem Laufenden zu halten. Also dachte ich mir, es wäre an mir, unser erstes Wiedersehen im echten Leben zu organisieren. »Aber ich gehe danach bei Tomes & Omens vorbei, wenn das in Ordnung ist?«

»Natürlich ist es das«, sagte meine Mutter und beugte sich vor, um einen Kuss auf meine Stirn zu hauchen. »Gute Nacht, mein Schatz, und melde dich, wenn du etwas brauchst. Es ist wirklich sehr schön, dich wieder hierzuhaben.«

2

Das Shamrock-Cauldron-Fiasko

Von innen war das Kutscherhaus ein luftiges Loft mit freigelegten Balken, komplett ausgestattet mit einer Kitchenette, einem rustikalen kleinen offenen Kamin und einem französischen Bett direkt unter dem Dachfenster. Meine Mutter benutzte es normalerweise als Studio zum Kerzenziehen, aber ihr kreatives Chaos war nirgends zu sehen. Alle Oberflächen funkelten geradezu, und sie hatte sogar eine Schale Sumo-Orangen hingestellt, meine Lieblingssorte.

Sie hatte sich für meine Wiederkehr solche Mühe gemacht, dass ich mich nach einem Drink sehnte – was man vielleicht für ein klein wenig problematisch hätte halten können, wenn ich mir erlaubt hätte, genauer darüber nachzudenken.

Nachdem ich das allerletzte Paar »Die werde ich wahrscheinlich nicht brauchen, ABER WAS, WENN DOCH?«-Schuhe eingeräumt und meinen Koffer unters Bett geschoben hatte, merkte ich, dass sich meine Erschöpfung in die Art unerträgliche, aufgedrehte Müdigkeit verwandelt hatte, von der ich wusste, dass sie mich ohne ein bisschen Hilfe nicht einschlafen lassen würde. Und das Letzte, worauf ich Lust hatte, war, mich wieder ins Haus zurückzuwagen, um auf die Suche nach irgendeinem komplizierten alkoholischen Getränk zu gehen, das meine Eltern, die beide von der Sorte »Zwei Fingerbreit Scotch zu besonderen Anlässen« waren, wahrscheinlich nicht einmal hatten.

Womit mir letztlich nur eine wirkliche Option blieb.

Eine halbe Stunde später kletterte ich auf einen Barhocker im Shamrock Cauldron und ließ den Blick über das vertraute Gewirr der lustigen Fledermaus-Lichterkette über dem abgenutzten Tresen schweifen, über dieselben tranceartig schimmernden grünen und lila Kleeblätter an den Wänden wie früher. Und natürlich Dead Frederick, der den Vorsitz über die hintere Ecke der Bar hatte. Dead Frederick war ein Plastikskelett mit Koboldzylinder, Mardi-Gras-Perlen und verwirrenderweise einer Ukulele auf seinem knochigen Schoß.

Klasse hatte das Cauldron, da machte ihm keiner so schnell etwas vor.

Die Bar lag abseits genug, um nur in Maßen von den Touristen heimgesucht zu werden, und somit das perfekte Stammlokal. Nach neun an einem Sonntagabend war sie fast leer, abgesehen von einer einsamen Junggesellin, die mit düsterem Gesicht an einem knallgrünen Cocktail nuckelte und dabei einen Frankensteins-Braut-Kopfschmuck trug, der schief in ihren wirren Haaren hing.

Wenigstens eine war heute Abend noch schlimmer dran als ich.

Als ich nach der Getränkekarte griff, stellte der Barmann das Glas ab, das er gerade polierte, beugte sich vor, blinzelte mich an und dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

»Hey … Emmy Harlow? Scheiße, bist du das?«

Ich sah ihn verständnislos und vorübergehend sprachlos an – dann ging sein Erwachsenengesicht in die Erinnerung an ein jüngeres Gesicht über, das ich nebelhaft aus Jahren gemeinsamen Unterrichts wiedererkannte. Dieselben strubbeligen dunklen Haare, derselbe Eyeliner um strahlend blaue Augen. Sogar der Look mit den Hosenträgern über einem pludrigen Hemd kam mir vertraut vor, auch wenn die Ärmel jetzt über tätowierten Unterarmen hochgekrempelt waren. Morty und ich waren nur flüchtige Bekannte gewesen, aber ich bemerkte ein wenig erschrocken, dass es sich überraschend gut anfühlte, ihn wiederzusehen, und noch besser, zu hören, dass er sich sogar an meinen Namen erinnerte.

»Wie sie leibt und lebt«, gab ich zurück und erwiderte das Lächeln. »Den ersten Abend wieder hier, um genau zu sein. Wie geht’s dir, Morty?«

»Kann mich nicht beklagen. Pops ist vor ein paar Jahren in Rente gegangen und hat mir diesen herausragenden Schuppen übergeben.« Er umfasste das Cauldron mit einer triumphierenden Geste. »Ich kann mit Freude berichten, dass unsere Büffel-Enchiladas jetzt essbar sind und dass die Karte mit den hausgemachten Cocktails neu überarbeitet ist. Was darf ich dir anbieten?«

Ich fuhr mit dem Finger über die Liste scheußlich kitschig klingender Halloween-Drinks nach unten, bis ich bei den klassischen Cocktails ankam. »Für den Anfang bitte einfach einen Old Fashioned.«

»Kommt sofort.« Er grinste mir noch mal zu, breit und entwaffnend, und griff dann zum Shaker. »Es wäre toll, wenn wir ein bisschen plaudern könnten, wenn du es dir gemütlich gemacht hast. Würde zu gern hören, was du in all den Jahren in der Stadt angestellt hast.«

Es versetzte mir einen unerwarteten Stich zu hören, dass ein alter Mitschüler nicht nur wissen wollte, was ich so gemacht hatte, sondern sich sogar die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, wohin ich gegangen war. Als er den Cocktail vor mich hinschob, kippte ich die Hälfe in drei rauchig-süßen, köstlichen Schlucken und dachte mir, dass es vielleicht, nur vielleicht, doch nicht so schrecklich war wie in meinen schlimmsten Befürchtungen, einen Monat lang wieder hier zu sein.

Dann schwang die Tür auf und ließ einen kalten Schwall Herbstluft herein – und ich hörte seine Stimme, gefolgt von dem unverwechselbaren Peitschenhieb seines Lachens.

Gareth Blackmoore höchstpersönlich kam in die Bar gestolpert, seinen kleinen Bruder Gawain und einen Rattenschwanz austauschbarer Blackmoore-Cousins im Schlepptau. Jeder Einzelne von ihnen war offensichtlich nur einen halben Schluck von sternhagelvoll entfernt.

»Soll das ein scheiß Witz sein, Universum?«, ächzte ich mit zusammengebissenen Zähnen vor mich hin und schaffte es gerade so, nicht den Kopf in den Händen zu vergraben.

Und weil ich eindeutig in einem vorherigen Leben unaussprechliche Verbrechen gegen sowohl Katzen- als auch Menschenbabys begangen hatte, schlurfte Gareth an den Kopf der Bar herüber und ließ sich auf den Hocker neben meinem plumpsen. Sein Gefolge marschierte im Gänsemarsch hinterher, immer noch gackernd und einander schubsend nahmen sie die restliche Bar in Beschlag.

»Heeey«, balzte Gareth mich an, als liefen wir uns hier regelmäßig über den Weg, und warf mir das schiefe Grinsen zu, das einst mein ganzes Leben aus der Bahn geworfen hatte. Als er sich die blonde Tolle aus der Stirn wischte, zog sich vor Scham über seine Nähe, über die verheerende Vertrautheit einer Geste, die ich schon lange aus meinen Gedanken hätte exorziert haben sollen, mein ganzer Körper zusammen. »Der Platz noch frei?«

»Nein, ist er nicht«, brachte ich mit Mühe heraus, das Herz klopfte mir schmerzhaft bis zum Hals. »Er ist sogar sehr besetzt.«

»Ehrlich?« Gareth zog verschlafen die Augenbraue hoch und sah sich theatralisch gründlich in dem fast leeren Schankraum um. »Weil ich nämlich hier sonst niemanden sehe.«

»Die Sache ist die, er war schon immer besetzt. Man könnte es eine langjährige Tradition des ewigen Besetztseins nennen, also …«

Er blinzelte mich an, immer noch mit diesem verwaschenen Lächeln, und versuchte herauszufinden, ob ich ihn verarschte.

»Wie wäre es dann, wenn ich ihn einfach freihalte, bis sein traditioneller Besitzer wiederkommt – wär das für dich in Ordnung?«, schlug er vor und beugte sich konspirativ zu mir rüber, so dicht, dass ich die Mischung aus Bier und Whisky in seinem Atem riechen konnte. »Sozusagen als Kompromiss.«

Mit einem besorgniserregenden Ganzkörperschwenk rückte er von mir ab und klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Bar. Als das nicht prompt genug eine Reaktion auslöste, ging er dazu über, vage in Mortys Richtung zu schnippen wie eine Karikatur eines privilegierten betrunkenen Scheißers seiner selbst. »Hey Mann, eine Runde Don Julio Real für die Crew!«

Ich starrte Gareth an, erschüttert, dass die Realität es irgendwie schaffte, noch schlimmer zu sein als selbst meine schrecklichsten Erinnerungen. »Hast du … hast du ernsthaft gerade nach einem lebenden menschlichen Wesen geschnippt?«

»Ach, das ist doch nur Morty!«, erklärte Gareth und breitete in betrunkener Jovialität weit die Arme aus, abrupt genug, um mich fast mit dem Ellbogen im Gesicht zu treffen. »Morty ist mein alter Kumpel. Morty macht das nichts aus, stimmt’s, Mann?«

Morty allerdings sah aus, als könnte er heute Abend zu Gewalt tendieren, wenn Gareth seinen Namen noch einmal in diesem abscheulich herabsetzenden Ton aussprach. Doch er nickte nur knapp, presste die Lippen zusammen, bis sie blass wurden, drehte sich um und angelte eine Flasche mit silberner Kappe vom höchsten Regal.

Es war eine Grundregel in Thistle Grove, die für die magielose wie für die magische Gemeinschaft galt: Man legte sich einfach nicht mit einem Blackmoore an. Blackmoores waren in dieser Stadt so etwas wie der Adel, und sie nahmen es nicht gut auf, wenn man sich mit ihnen anlegte.

In dieser Hinsicht hatte es fast schon etwas von einem Musterbeispiel, wenn man bedachte, dass es zu meinem selbst gewählten Exil vor neun Jahren geführt hatte, dass ich einem Blackmoore zu nahe gekommen war.

Als ich erneut den Mund öffnete, um zu widersprechen, fing Morty meinen Blick auf und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Ist es nicht wert, flüsterte er mir tonlos zu, während er Tequila in sechs Schnapsgläser in Totenschädelform goss, einen stoisch leeren Ausdruck im Gesicht, wie er ihn wohl für solche unangenehmen Gelegenheiten reservierte.

Als Gareth seinen Shot hob und einen ausschweifenden Trinkspruch auf Camelot rausbrachte, das Kronjuwel der Blackmoores, verlagerte sich seine Aufmerksamkeit dankenswerterweise von mir weg. Ich legte beide Hände mit eisernem Griff um mein Glas, ganz so, als ob es mich festhalten könnte, sodass ich nicht völlig außer Kontrolle in die Mesosphäre trudeln würde und von dort in den Weltraum, so sehr angetrieben von Wut und Beklemmung, dass mich nicht einmal die Schwerkraft der Erde unten halten könnte.

Gerade als ich dachte, ich hätte vielleicht etwas hinbekommen, das einem normalen Griff ähnelte, drehte sich Gareth wieder zu mir um.

»Also«, sagte er, als hätten wir ein für alle Seiten angenehmes Gespräch geführt, bevor er weggerufen worden war. »Dann bist du übers Wochenende in der Stadt, oder was? Glaub nicht, dass ich dich schon mal hier gesehen hab.«

Ich starrte ihn an, und Verwirrung stritt sich mit Verbitterung darüber, dass er mit dem Alter sogar noch attraktiver geworden war. Er trug einen leicht knittrigen Nadelstreifenanzug, der elegant über seine breiten Schultern fiel, und seine blonden Haare waren teuer geschnitten, weggekämmt von den dunkleren Augenbrauen und den gasflammenblauen Augen, die mein siebzehnjähriges Ich einmal so unentrinnbar verlockend gefunden hatte. Sein Gesicht war ein wenig schmaler als in meiner Erinnerung, sowohl der Kiefer als auch die Stirn ausgeprägter und definierter. Mann, neun Jahre älter zu sein stand ihm tatsächlich.

Seine Persönlichkeit dagegen hatte eindeutig immer noch dringend eine Generalüberholung nötig.

»Gareth Blackmoore, willst du mich verarschen?«, fragte ich. »Du glaubst nicht, mich hier schon mal gesehen zu haben? Was zum Geier ist das, irgendein Pick-up-Artist-Scheiß? Denn wenn ja, ist das selbst für dich ein echt neuer Tiefpunkt.«

»Hey, ganz ruhig«, erwiderte er schleppend, zog die Augenbrauen hoch und hob beide Hände. »Mist, ich hab das Gefühl, wir sind auf einem echt falschen Fuß gestartet, was? Hey, Neue, wie kommt es, dass du meinen Namen kennst?«

Als sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, musste ich mir eine der tragischsten Offenbarungen meines Lebens eingestehen: Gareth Blackmoore – meine erste Liebe, meine erniedrigendste und herzzerreißendste Trennung und der Grund, warum ich mein ganzes früheres Leben aufgegeben hatte – erinnerte sich wirklich nicht mehr an mich.

Vergesst das mit den unaussprechlichen Verbrechen. Ich hatte ganz eindeutig in einem früheren Leben einfach Kätzchen und Babys gefressen, bis ich Monster von einer mit Heugabeln bewaffneten Meute aus der Stadt gejagt wurde.

Fairerweise muss ich sagen, dass es fast neun Jahre her war, seit wir uns das letzte Mal wirklich gesehen hatten, wenn man die flüchtigen Blicke nicht mitzählte, die ich auf ihn erhaschte, wenn ich damals noch zu Hexenzirkel-Feiertagen nach Hause gekommen war. Seit damals hatte sich mein Stil ziemlich verändert. Anstelle eines wilden, sonnengebleichten Gewirrs, das fast um meine Taille gewischt war, waren meine Haare jetzt dunkel und glatt, zu einem asymmetrischen Bob geschnitten, der perfekt auf Kinnhöhe endete. Meine Unterarme waren mit kleinen Tattoos übersät, und mittlerweile trug ich auch diese flattrigen Weiße-Hexe-Kleider nicht mehr, die Gareth so gern an mir gemocht hatte.

Aber dieser Mann war viele, viele Male in mir gewesen. Unsere Gefühlsgeschichte mal beiseitegelassen, wäre nicht das allein zumindest ein Aufflackern des Wiedererkennens wert gewesen? Ich hatte schließlich eindeutig kein Problem, ihn wiederzuerkennen. Und doch lag nichts in seinem Blick als der gewöhnliche Glanz eines betrunkenen und notgeilen männlichen Wesens, das in mein Höschen wollte.

Einen Moment lang war ich schlicht sprachlos, so gedemütigt, dass ich mir wünschte, ich könnte im Erdboden versinken, während gleichzeitig ein Tsunami über meinem Kopf zusammenschlug. Die ganze Zeit über ging Mortys Blick aus aufgerissenen Augen zwischen mir und Gareth hin und her wie bei einem Zuschauer des armseligsten Tennismatchs der Welt. Er konnte nicht genau wissen, was hier los war – die Liste der Leute, die informiert waren, was zwischen uns passiert war, war so kurz und exklusiv, dass sie nicht einmal meine Eltern umfasste –, aber er muss in der Lage gewesen sein, das Grundproblem zu bemerken.

»Scheiße«, murmelte er tonlos, und sein freundliches Gesicht zerfloss zu einem Ausdruck solchen Mitleids, dass meine Demütigung augenblicklich in Wut kippte.

Wie aufs Stichwort zersprang das Glas in meiner Hand.

»Oh, Mist, dein Glas!«, rief Gareth aus und in seinen weit geöffneten blauen Augen leuchtete echte Sorge. Bei all seinen Fehlern war er nie ein vorsätzlicher Sadist gewesen. »Hier, warte, lass mich dir helfen.«

Ohne um Erlaubnis zu bitten, legte er seine Hand um meine Faust voller Scherben. Kribbelnd strömte Magie aus seiner Haut in meine, verwandelte die zersplitterten Reste des Glases in schillernde Flüssigkeit, geschmeidig und glänzend wie Quecksilber. Sie waberte kurz an Ort und Stelle, dann floss sie in ihre eigentliche Form zurück und wurde mit einem sauberen kleinen Schnappen zu festem Glas.

Das konnten die Blackmoores am besten – Materie beeinflussen, mit Leichtigkeit ein Element in ein anderes verwandeln, nach Lust und Laune Dinge zerbrechen und wieder ganz machen. Es hieß, dass sie von Morgana abstammten, König Artus’ legendärer Zauberin, wie man es auch von all ihren lächerlichen artusschen Namen ableiten konnte. (Gareth war noch vergleichsweise einfach davongekommen, was das anging, aber der Rest von ihnen … eher weniger. Typische Beispiele: sein kleiner Bruder Gawain und seine Schwester Nimue.) Sie waren atemberaubend starke Hexen, zweifellos die mächtigste der Familien.

Doch nicht einmal sie waren normalerweise so unverfroren, Magie vor einem normalen Menschen wie Morty zu wirken – der uns leicht geschockt anstarrte. Sein Mund zuckte, während er versuchte, die Gesetze der Physik mit der unstrittigen Tatsache zusammenzubringen, dass das Glas in meiner Hand wieder intakt war.

Uns wurde zwar allen als generelle Regel beigebracht, keine Zauberei in der Öffentlichkeit auszuüben, aber die Avramovs hatten auch als Absicherung schon vor Jahrhunderten einen Verschleierungszauber über die Stadt gelegt, damit die Einheimischen bei fehlgeleiteter Magie nicht zu genau hinschauten. Ich sah schon, wie es bei Morty wirkte, wie sich die Unsicherheit wie ein Schleier über seine Augen legte, als der Zauber der Avramovs seine Erinnerung überschrieb wie ein Dokument, das überarbeitet wurde.

Gareth musste mein eigenes Entsetzen mit ehrfürchtiger Faszination verwechselt haben, denn er ließ seine Finger vielsagend auf meinen ruhen. »Cooler Trick, was?« Er kam ein bisschen näher, ein saurer Schwall Alkoholatem waberte über mich, während er Mühe hatte, sich auf mein Gesicht zu konzentrieren. Ich rümpfte die Nase und fragte mich, wie ich dieses lebende, atmende, schwankende Klischee jemals hatte attraktiv finden können. »Wo das herkam, gibt’s noch mehr. Wenn du willst, können wir von hier verschwinden, dann kann ich dir noch coolere Sachen zeigen.«

»Oder du könntest von hier verschwinden«, schlug ich hitzig vor und entriss ihm meine Hand. »Idealerweise wärst du schon weg, wenn ich das nächste Mal blinzle.«

Er lehnte sich zurück und rieb sich mit verwirrtem Stirnrunzeln den Nacken. »Oder ich könnte bleiben und dir noch einen Drink spendieren?«, bot er mir an. Ganz offensichtlich schaffte er es immer noch nicht, die Vorstellung zu verarbeiten, von einer Touristin zurückgewiesen zu werden, die doch sicher hin und weg von einer Begegnung mit einem Erben der sagenumwobenen Blackmoores sein musste.

»Sie hat Nein gesagt, Mann«, mischte sich Morty ein. Sein Gesicht war wieder klar – er hatte das wieder zusammengesetzte Glas vermutlich schon vergessen oder sich irgendeine Geschichte zusammengereimt, die besser zu seinem Verständnis davon passte, wie die Welt normalerweise funktionierte. »Und ein ›Nein‹ genügt einem Gentleman, hab ich recht?«

Ein Moment belebender Klarheit ging über Gareths Gesicht und sein Kiefer spannte sich vor plötzlicher, gefährlicher Streitlust. Er warf erst Morty und dann mir einen finsteren Blick zu, die Lippen geschürzt, während er sich mit der Zunge über die Zähne fuhr. Soweit ich mich erinnerte, war Gareth zwar anmaßend, zügellos und hatte keine Ahnung von seinen eigenen Schwächen, aber er war eigentlich kein Schläger – zumindest nicht, wenn er nüchtern war. Andererseits war er ein Blackmoore und außerdem ein groß und kräftig gebauter betrunkener Mann mit einer ganzen Mannschaft aus gleichgesinnten Begleitern. Ich spürte, wie das Adrenalin durch meinen Körper rauschte, während ich ihm dabei zusah, wie er seine Möglichkeiten überdachte.

Die Spannung baute sich um uns auf wie eine nahende Gewitterwolke – und dann verdrehte Gareth ausführlich die Augen und drückte sich mit einem übertriebenen Gähnen von der Bar ab.

»Aber klar, Morty, mein Freund«, sagte er, drehte mir demonstrativ den Rücken zu und klatschte seinem nächststehenden Cousin auf die Schulter. »Hey, Leute, hier drin wird’s ein bisschen fade. Los, wir gehen ins Avalon.«

Einen Chor von Ja, Mann, auf jeden Fall und Ähnliches später trampelten sie alle zur Tür hinaus und hinterließen im Cauldron eine wohltuende Entspannung, die fast mit Händen zu greifen war. Morty und ich blieben noch einen Moment in verstörtem Schweigen sitzen und sammelten uns. Dann schüttelte sich Morty am ganzen Körper, als wollte er den Kopf freibekommen, und goss uns mit grimmiger Miene einen doppelten Grey Goose ein. Ich stieß ironisch lächelnd mit ihm an, bevor ich den Whisky mit einem Schluck leerte und durch die Zähne zischte.

»Alles okay, Emmy?«, fragte er mit warmer Besorgnis im Blick. »Kann nicht behaupten, dass ich hundertprozentig kapiert hab, was da gerade los war. Aber soweit ich es verstanden hab, ist Gareth immer noch ein amtliches Arschloch. Ich bin immer noch total fassungslos.«

»Ich werd’s überleben«, murmelte ich und ließ den Kopf in die Hände sinken. »Danke, dass du dich eingeschaltet hast, bevor ich etwas richtig Dummes gemacht hab. Warte mal kurz … hat er die Shots überhaupt bezahlt?«

»Er hat hier ’ne Rechnung«, erwiderte Morty und mixte schon einen frischen Old Fashioned, bevor ich um einen bitten konnte. Was für ein Schatz. »Und ehrlich gesagt ist mir das auch scheißegal, solange er weg ist. Die Blackmoores sind mir echt unheimlich. Ein Haufen nervtötender Scheißer, die hier rumlaufen, als würde ihnen die ganze verdammte Stadt gehören. Ich meine, klar, ihnen gehört hier wirklich einiges. Aber die könnten da echt mal über ihre Einstellung nachdenken.«

»Darauf trinke ich«, sagte ich mit einem bitteren Auflachen und nahm mein Glas. Es war identisch mit dem, das ich zerbrochen hatte, aber jetzt fühlte sich sein stabiles Gewicht irgendwie überraschend an. Es war aus so schwerem und dickem Glas gemacht, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich es mit bloßen Händen hatte zerdrücken können.

Was hieß, dass ich es mit einem instinktiven Magiestoß gemacht haben musste.

Was hieß, dass meine Magie vielleicht schon zurückkam.

3

Die sexy Tundra-Wölfin

Ich wunderte mich immer noch über das Glas, als eine rauchige, amüsierte Stimme in meine Gedanken eindrang.

»Also, wenn ich Hallo sagen würde, wärst du dann geneigt, noch mal was zu zerbrechen? Oder ist diese Begrüßung traditionell für die Blackmoores reserviert?«

Ich fuhr leicht zusammen, mein Kopf schnellte nach rechts. Natalia Avramov saß drei Hocker von mir entfernt in der dunklen Ecke ganz am Ende der Bar, direkt neben Dead Fred. Die Avramov-Erbin hob wie eine freundliche und zugängliche Person, die nicht gerade aus dem Nichts aufgetaucht war, die Hand zu einem Gruß, der um ein Haar ein Winken geworden wäre.

»Talia«, erinnerte sie mich und tippte sich mit zwei Fingern mit glänzend mitternachtsblauem Nagellack ans Schlüsselbein. Als hätte ich sie je vergessen können.