Pechmarie - G. Siema - E-Book

Pechmarie E-Book

G Siema

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Beschreibung

Hört man von so einer Gräueltat, taucht sofort das "WARUM" auf. Die 13-jährige Marie leidet. Sie entwickelt eine besondere Methode, um mit ihrer Machtlosigkeit umzugehen. Weshalb sollte es ihr nicht gelingen, sich neue Eltern zu suchen? Weil das doch nicht so einfach ist, findet Marie eine andere Lösung.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Pechmarie

Manche Menschen fallen bereits als Kinder auf die Butterseite des Lebens.

Marie gehört zu jenen, die darauf ausrutschen.

Jeder Tag ein Balanceakt. Am Beispiel ihrer Freundin sieht Marie, dass es eine große Rolle spielt, wie man sich wehrt. Marie wehrt sich anders! Damit endet der erste Teil der Pechmarie.

Eine mögliche Antwort auf das „WARUM“ kann Ihnen die zweite Geschichte geben. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein.

Dann gibt es noch eine dritte Geschichte. Marie ist 28 Jahre alt und will das Leben einer erwachsenen Frau führen. Mit so einer Vergangenheit lebt es sich nicht einfach. Sie lernt Michael kennen. Nun weiß sie, was ihr bisher gefehlt hat. Eigentlich könnte jetzt alles gut sein für Marie. Wenn da nicht dieser Buchtitel wäre.

Drei Geschichten, die einen Teil eines Lebens erzählen und als eine Einheit gesehen werden können. Jede kann für sich stehen. Entscheiden Sie selbst, welche Sie zuerst lesen wollen.

Weitere Kurzgeschichten finden Sie in meinem Buch „Einfach ist es nicht immer“.

Auf meiner Homepage gibt es viel zu entdecken!

www.g-siema.net

Pechmarie

Teil 1

Als Maries Kopf auf die rechte Seite geschleudert wurde, hatte ihr Gehirn die Szene bereits gezeichnet. Vom Gesicht eines Kindes war nur die Nasenspitze und ein kleiner Bereich der rechten Wange zu erkennen, verdeckt durch eine Hand. Leichte Verzerrung der Zeichnung sorgte dafür, dass die Gewalt der Ohrfeige auch für den Betrachter zu spüren war. Und ein WAMM! geschrieben in mächtigen, schwarzen Blockbuchstaben. Dieses WAMM! stellte die Wucht dar, mit der Mutters Handfläche im Gesicht der Tochter landete.

Ein empörter Schrei holte Marie in die Wirklichkeit.

Ich muss mich geduckt haben, sie hat den Türstock erwischt, dachte das Mädchen, als sie bemerkte, wie Mutter ihr Handgelenk mit der linken Hand umfasste und an ihre Brust presste.

Eine Haarsträhne klebte an Mutters Wange, die feucht glänzte. Sie ließ ihr Handgelenk los, besah es kurz, strich sich die lästige Strähne aus dem Gesicht, drehte sich um und langte mit sicherem Griff in die Kochlöffellade. Die Tochter hatte sie nur mit dem gefährlichen Grau ihrer Augen zum Versteinern gebracht.

Warum lief sie nicht weg, fragte sich das Mädchen. Warum blieb sie, wie das Kaninchen, das von der Schlange fixiert wurde?

Da war eine Zeit, da konnte Marie sich noch an fast nichts erinnern, sie musste noch sehr jung gewesen sein. An Mutters Gang zur Kochlöffellade, an dieses Krächzen, wenn sie die Lade genussvoll und langsam öffnete, erinnerte sie sich aber sehr gut.

Mit diesem verlängerten Holzarm drosch sie nun auf ihre Tochter ein. Mancher Schlag traf Maries Oberschenkel, ihr Hinterteil, sehr oft ihre Arme, die sie schützend nach hinten bog. Vielleicht lag es daran, dass es der Mutter egal war, wohin sie schlug. Vielleicht aber war es die Schuld des Kindes, das sich wand und zu schützen versuchte. Irgendwann ließ die Mutter von der Tochter ab und das Mädchen durfte in ihr Zimmer fliehen.

„Abendessen gibts keins mehr heut!“

Marie ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Ihr Zimmer befand sich im oberen Stock des Hauses, niemand konnte ungehört nach oben kommen, dafür sorgte die alte Holztreppe. Diese Tatsache gaukelte dem Kind das Gefühl von Sicherheit vor. Es spielte keine Rolle, wie sie sich bettete, der Schmerz war überall. Marie verfluchte ihre Dummheit. Wie oft schon hatte sie sich vorgenommen, sich nicht mit ihren Armen zu schützen. Es war, als ob ihr rechter Arm gar nicht vorhanden wäre, er gehorchte ihr einfach nicht. Dann musste das Zeichnen im Kopf vorläufig genügen. Morgen würde sie ihre Finger wieder gebrauchen können, dann könnte sie die neuen Szenen zeichnen.

Wach wurde Marie mit einem merkwürdigen Gefühl. Es war, als ob in ihren Ohren eine Fruchtfliege ihre ersten Flugversuche wagte, der Rest war absolute Stille und Dunkelheit. Als das Mädchen mühsam den Kopf hob, um sich mit ihrem Oberkörper aus dem Bett zu lehnen, betastete sie ihr Kopfkissen. Wie gerade aus der Waschmaschine gefischt, dachte Marie. Früher hatte sie noch gemeint, es wäre Blut.

Endlich fanden die Finger unter dem Bett ihre Taschenlampe und knipsten sie an. Um wieder einschlafen zu können, musste sie gesehen haben, dass es nur Tränen waren. Sie wendete das Kissen und legte ihr verschwollenes Gesicht auf die trockene Seite.

*

In Maries Kopf tat ein Hammerwerk seine Arbeit. Fleißig und ohne Unterlass.

Kurz hielt sie den Atem an. Ein Blick auf den Wecker bestätigte ihr, dass die Eltern nicht mehr im Haus waren. Keine Schule, keine Eltern, die das Haus mit bedrohlicher Atmosphäre füllten.

Schon lange erschrak sie nicht mehr über ihren Anblick nach so einem Abend. Ihre Locken standen beinahe waagrecht vom Kopf ab, ihre Augen, Nase waren angeschwollen. Sie sah nicht aus wie Marie, eher wie ein rothaariger Troll mit Knollnase.

Bevor sie in die Küche trat, wusste sie, was sie erwarten würde, abgesehen vom Kaffeeduft, der noch von den Eltern in der Luft hing. Das einzig Gute, das sie hinterlassen, dachte das Kind und schlurfte in das Esszimmer.

Ein Brief, der tägliche Brief ihrer Mutter. Er lag genau in der Mitte des Tisches. Die Vase, die Marie irgendwann einmal im Werkunterricht fabriziert hatte, unendlich schief und braun wie Milchkaffee, aufgewertet durch einen herbstbunten Asternstrauß, war zu diesem Zweck etwas verschoben worden. In der Mitte des runden Tisches lag jetzt der Brief.

Guten Morgen!

Küche aufräumen, Badewanne putzen, Schlafzimmer lüften und saugen.

Marie las und gleichzeitig drückte sie den Schalter des Radios. Sie strich ihre Haare hinter die Ohren, wanderte in die Küche und schaufelte Kaffeepulver in die Filtermaschine. Das Glucksen der Maschine und der Duft versetzten sie jedes Mal in Hypnose. Sie zählte die Tropfen und sog den Duft ein.

Marie erwachte erst, als die Kaffeemaschine zischte und dampfte. Mit der Tasse Kaffee setzte sie sich auf die Küchenbank und lauschte dem Radiosprecher.

„Wenn dir deine Eltern nicht passen, dann such dir neue, ein Zitat von Nietzsche.“

Das war der Satz, den sie gerade noch hören konnte, bevor Friedrich Gulda mit Bach begann.

Wie sucht sich eine dürre, rothaarige Dreizehnjährige neue Eltern? Wie sucht man sich überhaupt neue Eltern? Hat dieser Nietzsche sich selbst neue Eltern gesucht? Hat das irgendjemand schon gemacht?

Als Marie einen Schluck aus der bereits leeren Tasse nehmen wollte, durchzuckte sie ein furchtbarer Schreck.

Die befohlene Arbeit war noch nicht erledigt. Nietzsche würde sie am Montag in der Bibliothek suchen. In einer halben Stunde kam die Mutter. Ihr Herz musste gerade eine riesige Menge Blut in Richtung Gehirn pumpen, denn Marie hörte nur mehr ein sehr hohes Fiepen in ihrem linken Ohr.

„Oh Gott, oh Gott“, murmelte sie panisch und zog den Brief zu sich.

Schlafzimmer, dachte sie und tippte mit ihrem Zeigefinger auf das Papier, das ist am schnellsten erledigt.

Es schien ihr, als ob sie die knarrenden Stufen gar nicht mehr berührte, so blitzartig rannte sie nach oben.

„Fenster auf, Staubsauger aus dem Kasten, anstecken, schnell saugen, drei Minuten genügen. Staubsauger wegräumen, Fenster offen lassen, Badewanne putzen, zwei Minuten!“

Sie musste ihre eigene Stimme hören, dann ging es ihr besser, so konnte sie schneller arbeiten.

„Badewanne ist tipptopp, Fenster zu, runter in die Küche!“

Bei dem Anblick kam Marie noch mehr ins Schwitzen.

„Geschirrspüler ausräumen, einräumen. Mein Gott, der ist schon wieder so gut wie voll, also gleich wieder einschalten, ist nicht viel Arbeit, wird Eindruck machen.“

Machte eigentlich irgendetwas, was ihre Tochter tat, Eindruck auf die Mutter?

Egal, dachte Marie, es würde sie einfach vor ihrem Zorn schützen, wenn sie gute Arbeit leistete. Vielleicht.

„Schnell das restliche Geschirr abwaschen, die Arbeitsfläche und den Herd putzen.“

Das würde unglaublich knapp werden.

„Küchenboden aufkehren und das Geschirr abtrocknen, verräumen. Geschafft!“

Marie eilte nach oben, zog ihre Pyjamahose hoch und noch während sie die letzte Stufe nahm, hörte sie den Schlüssel im Schloss der Haustüre. Sie zog sich im Gehen das Oberteil aus, tapste leise in ihr Zimmer, griff in ihren Kasten, streifte sich ein T-Shirt über und schlüpfte in ihre Jogginghose. So konnte ihr Outfit nicht mehr beanstandet werden. Marie ließ sich erschöpft auf den Sessel fallen, holte ihren Skizzenblock aus der Schreibtischlade, Bleistift und Radiergummi, legte ihre Mathematikbücher zurecht, um ihre Zeichnungen damit zu verbergen. Wenn die Mutter nach oben ging, um sich umzuziehen und zu waschen, kontrollierte sie, ob Marie anwesend war und ordnungsgemäß gekleidet. Es machte sich gut, wenn das Kind am Schreibtisch saß und lernte. Alles, was sie besänftigte, musste getan werden. Aufmerksam lauschte sie und wusste genau, wo sich die Mutter gerade befand. Diesmal rief sie nur im Vorbeigehen nach dem Kind.

Ein knappes: „Ich lerne!“, genügte, um sie vom Raum ihrer Tochter fernzuhalten.

Bald war Marie vertieft in ihre Tätigkeit, sie ließ den gestrigen Abend noch einmal auferstehen.

In den Momenten des Geschlagenwerdens konnte das Kind sich außerhalb seines Körpers begeben, sich vorstellen, wie sie die Erniedrigung später zu Papier bringen würde, denn dann könnte sie gefahrlos fühlen. Jetzt konnte sie alles fühlen, was sie wollte. Machtlosigkeit, Empörung. Wenn sie zeichnete, konnte sie auch der Wut gestatten da zu sein und von ihr Besitz zu ergreifen. Das Mädchen hatte Angst, wenn sie dem Zorn erlaubte, sich zu entfalten, während die Mutter ihr diese Schmerzen zufügte, könnte dieser Zorn die Tochter dazu bringen, den Spieß umzudrehen, der Mutter einen Finger abbeißen, ihr mit den Fingern in die Augen drücken, dass aus den Augäpfel Gelee wurde, Apfelgelee, sozusagen und dann könnte es noch sein, dass ihr Fuß Mutters Weichteile treffen würde, so gekonnt, dass möglicherweise der Darm platzen und sein stinkendes Inneres in Mutters Inneres pressen würde. Das durfte natürlich nicht geschehen. Darum musste Marie sich ihren Zorn versagen, bis zu dem Moment, in dem sie ungestört in ihrem Zimmer das Szenario vor sich sah, weil sie es zu einem Bild gemacht hatte. Sie durfte dann sogar das, was sie durch ihren enormen Zorn der Mutter angetan hatte, zeichnen. Mit einem Gefühl der Befriedigung, aber auch mit schlechtem Gewissen. Gerade als das Kind Mutters aufgeplatzten Darm zeichnete, hörte sie die Stimme etwas rufen und erschrak. Sie blickte auf die Uhr. Vermutlich Mittagessen, sie hatte den Vater gar nicht heimkommen hören.

Marie ging nach unten, nicht ohne sich vorher mit viel Seife die Hände gewaschen zu haben. Sie würde an Maries Händen riechen und mehr als einmal hatte Marie trotz gewaschener Hände eine Ohrfeige bekommen. Es wurde an ihren Händen gerochen, die Suppe stand auf dem Tisch. Das Kind wollte wissen, wo denn der Vater sei. Sie vermisste ihn eigentlich nicht, sie war nur neugierig. Die Mutter starrte sie mit winzigen Schweinsäuglein an. Die Veränderung der Farbe! Das Stimmungsbarometer! Wie konnte Marie das nur übersehen haben? Vom Eisblau zu Schlammgrau. Eisblau war permanent gefährlich, Schlammgrau war hochexplosiv. Maries Gehirn zeichnete Gefahrgutschilder. Sie erhielt keine Auskunft.

Marie nickte unmerklich zu der Antwort, die sie nicht bekommen hatte und löffelte weiter. Wie beim Bundesheer, schön tarnen, nur nicht auffallen, schlauer Rückzug, dachte Marie. Als sie Teller und Löffel in den Geschirrspüler geräumt hatte, tat sie das auch, den schlauen Rückzug antreten, sich unsichtbar machen. Nicht ohne sich währenddessen noch zu wundern, weshalb die Mutter sie diesmal nicht gerufen hatte, den Geschirrspüler auszuräumen.

*

Sie legte sich ins Bett und dachte über Nietzsche nach. Bestimmt gab es irgendwo auf dieser Welt Eltern, die sich so ein pflegeleichtes Kind wie sie es war, wünschten, die ihre Freude hätten mit einem Mädchen wie sie es war. Wie konnten sie gefunden werden? Sie war dürr, nicht besonders schlau, desinteressiert an allem und schlampig. Wenn sie sich in ihrem Zimmer umsah, musste sie den Eltern auch in diesem Punkt recht geben. Und was tat sie schon außer zeichnen und lesen? Die Schule war Marie egal, auch da lagen die Eltern richtig, keine Interessen. Wenn Marie mit den beiden unterwegs sein musste, schlief sie meistens. Das war ihre Art zu fliehen. Sie wusste keine andere Möglichkeit, dem auszuweichen, was ihre Eltern verbreiteten. Stets schwebte die dunkle Wolke einer undefinierbaren Gefahr über ihr. Wenn der Vater die Bezeichnung der Straße wissen wollte, auf der sie gerade unterwegs waren, die Mutter ihre hinterlistigen Fragen stellte, die nichts mit Interesse an ihrer Tochter zu tun hatten.

Was interessierte sie die Straßen, auf denen sie gar nicht sein wollte?

Sie wollte auch keine Antworten geben auf Erkundigungen nach Elfis Familie. Schlafen konnte sie immer, überall und sehr lange.

Sie schlüpfte in eine Jeans und ging nach unten, immer noch vorsichtig, denn die Rückseite ihrer Oberschenkel schmerzte am meisten, wenn sie über Treppen gehen musste.

„Darf ich ein bisschen zur Elfi gehen?“ Die Mutter nickte gnädig.

„Bind dir die Haare zusammen!“, befahl sie.

Die Tochter seufzte und glaubte, sie hätte nur innerlich geseufzt, denn eigentlich wagte sie so etwas nicht. Es war nie ratsam, etwas von ihrem Inneren nach außen dringen zu lassen.

„Wenn dir was nicht passt, bleibst halt daheim!“

Eilig ging das Mädchen nach oben und band sich ihre widerspenstigen Locken zu einem Pferdeschwanz. Auch ihre Arme schmerzten noch beim Hochheben.

Marie zog sich ihre warme Jacke über, schlüpfte in Turnschuhe und klingelte fünf Minuten später bei ihrer Freundin. Elfi drehte den Schlüssel zwei Mal um und spähte durch einen kleinen Spalt zwischen Tür und Rahmen heraus.

„Glaubst, du wirst überfallen?“, fragte Marie.

„Ah, du bist es, Gott sei Dank.“

Wen sie erwartet habe, wollte Marie wissen, während sie sich durch den immer noch schmalen Spalt in das Vorzimmer zwängte. Elfi drückte sofort wieder die Tür zu.

„Sie hat gesagt, ich darf niemanden reinlassen, muss zwei Mal zusperren“, erklärte sie und drehte den Schlüssel zwei Mal um.

Dann drückte das Mädchen die Türklinke und drehte sich zufrieden zu Marie. Wären nicht Elfis Haare das Gegenteil von Maries Locken, die beiden hätten für Schwestern gehalten werden können.

„Oh, hast wieder Dresche gekriegt.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Marie nickte. „Fünfer auf den Physiktest.“

„Physik ist echt ...“, ein Schrei, wie das angsterfüllte Quieken eines Schweines, kurz vor der Schlachtung, ließ Marie nur mehr erahnen, was Elfi über Physik sagen wollte.

Entsetzt rasten die Mädchen in das Innere des Hauses, Elfi riss die Kinderzimmertüre auf, stürmte in das Zimmer und versuchte den kleineren Jungen vom Bauch des größeren zu zerren. Zu Maries Überraschung schrie nicht der unterlegene große Bruder, der am Boden lag, sondern von obenauf, aus dem ausgemergelten, kleinen Körper kamen diese Töne.

Als Elfi den mageren Brustkorb von hinten umfasste, krallten sich die Finger des Bruders in ihre Hände und Arme, rissige Lippen öffneten sich weit.

Wenn der mit diesen Kariesbeißern in Elfis Arm beißen will, ist er sie mit einem Biss los, dachte Marie.

Ihr Blick blieb an den wundgekratzten, blutverkrusteten Händen des Jungen haften.

Da fixierten seine froschgrünen Augen die Freundin seiner Schwester und er verstummte augenblicklich. Der große Bruder nutzte die Chance, rappelte sich unbeholfen auf und taumelte außer Reichweite des Kleinen. Elfi ließ den Jungen los und setzte sich erschöpft auf das Bett.

„Diese Sau hat in mein Bett geschissen!“, sagte der Magere und zeigte mit seinem knochigen Zeigefinger auf den Großen, ohne den Blick von Marie zu wenden.

Elfi sprang auf und starrte ungläubig auf das Bett.

Jetzt erst bemerkte Marie den Geruch, der dieses Zimmer ausfüllte. In Maries Vorstellung sahen Gefängniszellen so aus wie dieses Kinderzimmer, das sich die drei Geschwister teilen mussten. Grauer Teppichboden, drei Betten, ein Kasten. Kein Spielzeug, keinen Schreibtisch, kein Bild, nur ein Gemälde. Blickte man auf das einzige Fenster, konnte man es betrachten. Gregor, Georg, Elfi, ein Kreuz, ein Totenkopf, sorgfältig mit Kot geschrieben und gezeichnet.

„Ich musste mal und wollte was Vernünftiges damit anfangen“, grinste der große Bruder.

Man sieht ihm an, was für ein Arsch der ist, dachte Marie. Diese glibberigen, weißen Wangen, Augen, deren Farbe es nicht zu geben schien, Lippen, als ob sie immer geschwollen wären und dann formt er sie andauernd so, als ob er beleidigt wäre.

„Mama wird dich umbringen“, flüsterte Elfi.

„Nee, dich wird sie verdreschen, du hättest auf uns aufpassen müssen.“

„Komm, ich lass dich raus“, murmelte Elfi.