Pechrabenschwarz - Renata Adler - E-Book

Pechrabenschwarz E-Book

Renata Adler

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Beschreibung

In Pechrabenschwarz erzählt Renata Adler mit kühner Raffinesse von Kate und ihrem Wagnis, sie selbst zu sein. Denn Kate befindet sich in einer Beziehung zu einem verheirateten Mann. Und die Widersprüchlichkeiten häufen sich, im Kopf und anderswo, bis sie die junge Frau zur Flucht aus New York treiben, mitten in die pechrabenschwarze Nacht im irischen Nirgendwo … Renata Adlers Sound – im selben Moment nüchtern und sublim – ist unverkennbar. Dieser Sound machte ihren von der deutschen Kritik gefeierten Erstling Rennboot zu der Wiederentdeckung der letzten Jahre und Adler zu einem brandneuen Klassiker.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2015

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In Pechrabenschwarz erzählt Renata Adler mit kühner Raffinesse von Kate und ihrem Wagnis, sie selbst zu sein. Denn Kate befindet sich in einer Beziehung zu einem verheirateten Mann. Und die Widersprüchlichkeiten häufen sich, im Kopf und anderswo, bis sie die junge Frau zur Flucht aus New York treiben, mitten in die pechrabenschwarze Nacht irgendwo in Irland …

Renata Adlers Sound – im selben Moment nüchtern und sublim – ist unverkennbar. Dieser Sound machte ihren von der deutschen Kritik gefeierten Erstling Rennboot zu der Wiederentdeckung der letzten Jahre und Adler zu einem brandneuen Klassiker.

Renata Adler, geboren 1938 in Mailand, studierte in Harvard und an der Sorbonne. Sie arbeitete für den New Yorker und die New York Times. Seit je ist sie eine streitbare Figur des amerikanischen Kulturlebens. Adlers erster Roman, Rennboot, erscheint gleichfalls in der Bibliothek Suhrkamp.

Renata AdlerPechrabenschwarz

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Helga Huisgen

Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel Pitch Dark bei Alfred A. Knopf, Inc, New York und bei Random House of Canada Limited, Toronto.Die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1987 im Suhrkamp Verlag.Sie wurde für diese Ausgabe aktualisiert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp 1490.

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1987

© 1983 by Renata Adler

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlag: Konzept von Willy Fleckhaus

Abbildung Cover: Heike Steinweg

Abbildung Klappe: Renata Adler, Saint Martin, Französische Westindische Inseln, 25. März 1978, Foto: Richard Avedon, © The Richard Avedon Foundation

eISBN 978-3-518-73993-8

www.suhrkamp.de

I. ORCAS ISLAND

Wir rannten, was das Zeug hielt. Der Auftakt war atemberaubend. Was dazwischen kam, war atemberaubend. Der Ausgang war atemberaubend. Es war wie ein Hindernisrennen, das nur aus Hürden bestand.

Aber ein Hindernisrennen wäre das hier ganz und gar nicht. Es wäre eher wie ein steiler, sehr steiler Anstieg.

Alle riefen sie, Erzähl, Big Momma, erzähl. Ich meine, das Kind ist doch erst sechs.

Muß ich das Ganze also noch stilisieren, oder kann ich es erzählen, wie es war?

Er wußte, daß sie ihn verlassen hatte, als sie wieder zu rauchen anfing.

Hör mal, ich habe dich geliebt, weißt du.

Ob er sich wohl je fragen wird, sich sagen wird, Eigentlich war es ja nicht die Welt, was sie verlangt hat – warum habe ich sie nur gehen lassen?

Ich bin aus der Haut gefahren, sagte Viola Teagarden gerne erhobenen Hauptes, die Nasenflügel gebläht, mit einem kleinen Schauder von Wichtigkeit, Stolz und Vergnügen, und fuhr dabei mit einem winzigen Ruck in die Höhe, als hätte sie durch den Stuhl, auf dem sie saß, einen leichten elektrischen Schlag bekommen. Ich bin aus der Haut gefahren. Sie sprach auch immer mit einer Art Ehrfurcht von dem, was sie »mein Zorn« nannte, als handelte es sich dabei um einen lebenden, preisgekrönten Besitz, einen reinrassigen Stier etwa, der sich zur Zucht verwenden ließ, oder auch in dem Ton, in dem ein Mann, der eine schöne, unberechenbar übellaunige Frau geheiratet hat, die weit reicher und jünger ist als er, sagen würde »meine Frau«. Auch Leander Dworkin hatte, obschon er Viola kaum kannte und sie im Grunde verachtete, etwas, was er »meine Wut« nannte. Die glich einmal einem Treibhaus üppig gepflegter eingebildeter Leiden, dann wieder einem Pulsschlag, den er fortwährend zu messen pflegte, um festzustellen, mit wem und in welchem Maße er wütend zu sein habe, ein anderes Mal einer Quelle des Staunens und des Hochgefühls oder manchmal einfach nur einem Pferd, das man in lockerem Kanter oder im Galopp über die Heide reiten konnte. In Zeiten der Wut wollte er durch nichts auf der Welt abgelenkt oder besänftigt werden. Selbst Schmeichelei, für die er sonst einen so wahllosen und unersättlichen Appetit zeigte, konnte ihn in seinem Streben nach Apotheose regelrecht aufbringen. Einige wenige Leute ließen ihm in dieser Eigenart seinen Willen. Sie waren seine Freunde. Einen oder mehrere ebendieser wenigen Freunde traf unweigerlich seine Wut – fürs erste immer Anlaß zu Niedergeschlagenheit, da er die Freundschaft mit Worten abzubrechen pflegte, die ebenso schneidend wie launenhaft waren, dann aber, während der langen, ruhigen Zwischenzeit, die folgte, Grund zur Erleichterung.

Es fängt damit an, daß ich beinahe, allein, nach Graham Island gefahren wäre.

Er betrachtete sich, ja bezeichnete sich auch als einen außergewöhnlich gut aussehenden Mann. Sein Haar, das er in Kragenlänge trug, war rötlich. Sein Haaransatz wich immer weiter in die Stirn zurück; seine Augen, die wegen der Kontaktlinsen fortwährend blinzelten, waren von einem unwahrscheinlich blassen Blau. Obschon er keineswegs auffallend häßlich war, schien seine Überzeugung von seiner äußeren Schönheit auf dem einen zu beruhen: daß er groß war. Leander Dworkin war der ausschmückende Dichter. Willie Stokes war der Dichter der Verknappung. Beide lehrten Dichtkunst und schrieben Romane, als wir auf der Universität waren. Wir liefen uns in zwei irrwitzigen Seminaren über den Weg, die von zwei Koryphäen abgehalten wurden. Vorstellungen vom Paradies und Der Laut in der Literatur. Bei ersterem ging es im wesentlichen um literarische Utopien; bei letzterem um Onomatopöie. Beide Seminare waren anfangs so überfüllt, daß unter den Studenten eine Auswahl aufgrund von angeblich vorhandenen speziellen Vorkenntnissen getroffen werden mußte. Im Paradies hatten wir in jenem Jahr einen Nachfahren der Oneida, eine Nonne, einen überzeugten Anhänger des Skinnerschen Problemkäfigs, ein paar Leute, die Rousseau, die Verfassung, Faust und Plato studierten, und einen Teilnehmer an Experimenten mit einer neuen Droge, dem Psilocybin, die von Leary und Alpert, zwei jungen Mitgliedern des Lehrkörpers der psychologischen Abteilung, geleitet wurden. Aus dem Laut ist mir nur mehr ein Experte in Erinnerung, ein blasser, dunkelhaariger Lateinstudent, der sich auf seinem Stuhl fortwährend hin und her wiegte, während er uns onomatopoetische Sätze vorlas, die er bei den Klassikern gefunden hatte. Das Murmeln unzähliger Immen in Ulmen von Immerdar; l'insecte net gratte la sécheresse. Ziemlich spät im Semester, als wir gefragt wurden, wovon unsere Seminararbeit handeln würde, gab dieser junge Mann zur Antwort, er wolle über den Laut von Leichen schreiben, die durch die Literatur trieben. Oh, sagte der Professor nach kurzem Zögern mit einiger Begeisterung, Sie meinen Ophelia. Nein, erwiderte der junge Mann, mir geht es um den Laut des Meeres.

Es fängt damit an, daß ich beinahe, statt dessen, nach Graham Island gefahren wäre.

Für eine Frau, so versteh doch, heißt es immer Scheherezade sein.

Neunzehnhundertvierundsechzig teilte die Dekanin den Kuratoren mit, die Studenten hätten in jeder erdenklichen Hinsicht – Versammlungen, Schlaf, Mahlzeiten, Elektrizität, Anspruch auf ihre Zeit und auf die ihrer Mitstudenten – die Nacht abgeschafft.

»Brahms«, sagte er, als er einem Kollegen erklärte, warum er die Konzertreihe auf dem Campus in diesem Herbst nicht besucht hatte. »Es war alles nur Brahms. Alles, jedes. Acht. Sachen. Von Brahms.«

Obwohl er mein Freund war, traf ich Leander Dworkin nicht häufig. Wir fanden unsere Freundschaft am Telefon sicherer. Manchmal telefonierten wir täglich. Dann wieder sprachen wir ein Jahr oder länger nicht miteinander. Aber die Bindung zwischen uns war, glaube ich, weniger Stürmen ausgesetzt und in mancher Beziehung intensiver als Leanders Verhältnis zu Leuten, mit denen er tatsächlich zusammenkam. Alle paar Jahre einmal trafen wir uns zum Abendessen oder zu einem Drink oder auch nur auf einen Besuch. Manchmal allein, seltener gemeinsam mit irgendeinem Freund, mit dem er gerade zusammenlebte und den er mir vorstellen wollte. Eines Abends, als wir, soweit ich mich erinnere, das Campusgelände verlassen hatten, um Hamburger zu holen, fielen mir an Leanders Handgelenk mehrere ausgefranste und sich entflechtende dünne braune Strähnen auf, sie sahen aus wie eine zerschlissene Manschette aus Seil. Leander sagte, es sei ein Armband aus Elefantenhaar, das ihm Simon, sein Geliebter, geschenkt habe. Es war so ausgefranst, weil er immer vergaß, es vor dem Duschen abzunehmen, wie es ratsam gewesen wäre. Elefantenhaar hat offenbar magische Kräfte. Es sollte ihm Glück bringen. Armbänder aus Elefantenhaar sind teuer; man muß jede Strähne einzeln bezahlen. Im Jahr darauf schrieb Leander viele Gedichte und erhielt endlich seine Anstellung auf Lebenszeit. Als wir uns Monate später wiedersahen, waren die ausgefransten Strähnen verschwunden. An ihrer Stelle trug er nun einen dünnen, stabilen Goldreif, der laut Leander ein einzelnes Elefantenhaar umschloß. Auf meine Frage, was mit dem alten Armband geschehen sei, antwortete er: »Ich habe es verloren, glaube ich. Oder ich hab's weggeworfen.« Eine Zeitlang hatte Leander mir am Telefon von einer Frau erzählt, einer Malerin, die er eines Nachmittags vor der Sporthalle getroffen hatte und die er neben Simon in seinem Apartment und in seinem Leben unterzubringen suchte. Die Frau sei in ihn verliebt, sagte er. Sie war mit einem Immobilienbonzen verheiratet. Leonore hieß sie. Er wollte sie mir unbedingt vorstellen. Ich wußte, daß Leander neben seinem Verlangen nach Streitigkeiten viel für Dreiecksverhältnisse, Komplikationen, jede Spielart des Ausgehaltenwerdens übrig hat. Aber beim Blick auf das Armband dachte ich an Simon und sagte mir, Leonore geht ja mächtig ran.

Es war so langweilig, weißt du, so leiernd und ewig dasselbe wie ein Walzer, wie eine dieser Country- und Westernschnulzen im Walzertakt. Es war so absolut grauenhaft wie ein Roséwein.

Sag mal, wieso mußtest du unbedingt vor mir aus einer Nebenstraße herausbiegen, wo doch weit und breit keine Autos hinter mir waren und du ohnehin langsamer fahren wolltest als ich?

Es war in der Stadt, am frühen Abend. Der Fernseher lief. Wir sahen die Show der Jungvermählten. Der Moderator hatte die Teilnehmerin, eine junge Ehefrau aus Virginia, gefragt, Welches Amphibium ist Ihrem Mann am meisten verhaßt? »Am meisten verhaßt –«, kam breit und gelassen und ohne Zögern die Antwort. »Ach, ich schätze, das dürfte das Saxophon sein.«

Er wußte, daß sie ihn verlassen hatte, als sie wieder zu rauchen anfing.

Fängt es da an?

Ich weiß nicht. Wo es anfängt, weiß ich nicht. Jetzt ist es da, wo ich bin.

Ich weiß, wo du bist. Du bist hier. Sie hatte ihn also verlassen?

Vor Jahren hatte er einmal geraucht, aber als sie sich kennenlernten, nicht mehr. Also hat sie auch damit aufgehört, wie man es eben tut, wenn man verliebt ist. Mit dem Rauchen anfangen oder es aufgeben oder die Zigarettenmarke wechseln. Wie man es eben tut, um wenigstens darin mit dem anderen eins zu sein. Erst lange danach fing sie wieder zu rauchen an.

Also hat er gewußt, daß sie ihn verlassen hatte?

Gewußt nicht, verlassen nicht. Nicht sofort, oder bloß zu Anfang.

Warum fängst du dann nicht mit zu Anfang an?

Hör mal, man kann mit zu Anfang beginnen, oder mit es sieht so aus oder mit es war einmal.

Oder in der Stadt P.

Oder in der Stadt P. Im Regen. Aber ich nicht. Auf so etwas verstehe ich mich nicht.

Na gut, du mußt diese Dinge eben erst klären, verstehst du, in Gedanken aufarbeiten, bevor du sie niederschreibst.

Von dem Augenblick an, da sie wußte, daß sie ihn verlassen würde, begann sie alt auszusehen. Es war ein plötzliches Erlöschen um sie, wie bei einem Trauerfall oder bei einer Krankheit, was es in gewisser Weise ja auch war. Er. Sie beide. So versteh doch, ich würde ja kurz anfangen, wenn ich es könnte, mit etwas Kürzerem. Mit der Geschichte von dem Jungen zum Beispiel, der nicht blinden Alarm schlug. Nur daß wir zwangsläufig von der Geschichte keinen Begriff haben können, weil der Junge natürlich tot ist.

Der andere, der blinden Alarm schlug, doch auch.

Zugegeben, aber der hat länger überlebt.

Wahrscheinlich. Das stimmt vermutlich. Er wußte, daß sie ihn verlassen würde, als sie wieder zu rauchen anfing.

Man kann sich auf die unausgesprochenen Dinge auch zu sehr verlassen, Liebster. Und auf das vielsagende Lächeln. Das beherrsche ich selbst, und auch das Schweigen habe ich gelernt im Lauf der Zeit. Genau wie deine Ausdrücke, so wie Keinen Begriff oder Zwangsläufig. Aber wenn alles unausgesprochen bleibt, dann kommt der Punkt, daß man eines Morgens aufwacht, oder nein, es ist eher wie eines Spätnachmittags, und es ist nicht mehr bloß unausgesprochen, sondern weg. Nichts weiter. Einfach weg. Ich erinnere mich an dieses Wort, jenen Blick, jene kleine Veränderung der Stimme, nach all der Zeit noch. An ihnen habe ich festgehalten, ihnen habe ich vertraut, ich konnte sie lesen wie eine Rune. Gleichsam als ein Zeichen, daß es ein Haus gab, eine Unterkunft, eine zivilisierte Welt, wo wir uns befanden. Ich blicke zurück und denke, da war bloß ich, ich ganz allein. Damit beschäftigt, Fitzelchen und Hinweise zusammenzutragen. Wie eine alte Jungfer, die früher einmal tatsächlich einen jungen Mann gekannt hat und sich seither einbildet, sie hätte einen Verlobten im Krieg verloren. Oder wie ein alter Mann, der vor langer Zeit ein paar Monate in Uniform an irgendeinem Außenposten fernab von jedem Frontstaat gedient hat, sich daran erinnert, wie Kameraden, die er niemals hatte, an seiner Seite in Schlachten fielen, an denen er nie teilnahm.

He, Moment mal.

Also gut. Es gab natürlich auch eine Außenwelt.

Ich war dabei damals, an einem Sommertag in den Siebzigern in Montgomery, Alabama, als der Justizminister der Vereinigten Staaten, selbst ein Südstaatler, eine Rede hielt im Rahmen einer Feierstunde, bei der ein Bundesbezirksrichter, der seit über zwanzig Jahren mit Mut und Menschlichkeit und in weitgehender Isolation beim Gericht erster Instanz gearbeitet hatte, ins zweithöchste Berufungsgericht aufrückte. Wie das Bundesbezirksgericht unter dem Bezirksrichter hatte auch das Berufungsgericht großartige Arbeit geleistet, war fair, ehrbar, unzweideutig und mutig in seinem Urteil gewesen. Der Justizminister hatte ihm selbst mehrere Jahre angehört – relativ häufig allerdings dessen Urteil nicht zugestimmt. Aber nun, in den späten siebziger Jahren, war er als Justizminister zugegen, der Alte Nuschler, wie ihn die Frau eines der prominentesten Bezirksrichter immer etwas unvorsichtig und nur in seiner Abwesenheit genannt hatte, hier war er denn also in der Funktion des Justizministers der Vereinigten Staaten zugegen und hielt eine Rede anläßlich der Amtseinführung eines ausgezeichneten Bezirksrichters bei einem ausgezeichneten Berufungsgericht auf oberster Landesebene. Er kam auf den Ku-Klux-Klan zu sprechen. Er erwähnte ihn mehrfach, den Klan. Und jedesmal kam er auf dessen Anhängerschaft zu sprechen, auf die Mitglieder des Klans, er nannte sie: Clamleute. Kein Zweifel, so sprach er das Wort aus. Clamleute. Das warf kein schlechtes Licht auf den Justizminister. Zugegeben, die Richtersgattin hatte nie sehr viel von seiner Aussprache gehalten. Zugegeben, bei den wichtigsten Entscheidungen des Gerichts hatte er soundso oft dagegen gestimmt. Aber seither waren Jahre vergangen. Er hatte es zu gewandter Rede gebracht und wußte Ehre einzulegen. Und diese Geschichte mit den Clamleuten, nun gut, vielleicht waren da wirklich Muscheln, Mollusken, Zweischaler im Spiel. Vielleicht auch Krustentiere. Ich erinnere mich an eine junge Radikale, die in den sechziger Jahren ihre Zimmergenossinnen als Weichtiere des Imperialismus beschimpfte.

Allein. Was für eine seltsame Verfremdung von Endlich allein das ist. Geht doch das Endlich allein für jeden Helden eines romantischen Schauerromans, jeden Schurken eines Melodrams traditionsgemäß von einer Zweierbesetzung aus.

Du weißt doch, daß mir witzige Bemerkungen verhaßt sind.

Mir auch.

Anfang der achtziger Jahre reichte Viola Teagarden eines Morgens vor einem Gericht des Staates New York Klage gegen Claudia Denneny wegen Beleidigung ein. Außerdem waren noch ein staatlicher Fernsehsender und der Moderator einer Talk-Show als Beklagte genannt. Viola Teagardens Anwalt Ezra Paris war zeit seines Lebens immer ein Verfechter der bürgerlichen Freiheit gewesen; bei jedem bisher geführten Prozeß hatte er für das Recht auf freie Meinungsäußerung in Wort, Druck und Bild Partei ergriffen. Er war in großer Verlegenheit wegen des Falls Teagarden gegen Denneny et al., der, wie er wohl wußte, jeder rechtlichen Grundlage entbehrte. Er rechtfertigte die Sache vor sich selbst, indem er sich darauf berief, was Viola ihm eingeredet hatte: daß sie betrübt, verletzt, zu bemitleiden, außer sich vor Erregung sei. Außerdem war er der Meinung, daß er ihr in puncto Freundschaft etwas schuldig sei. Ihr neuestes Buch war ihm gewidmet. Aber der Boden seines Wirkens war bislang immer der Erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung gewesen, und er dachte lieber nicht darüber nach, wer für seine recht erklecklichen Anwaltshonorare aufkam: Martin Pix nämlich, ein junger, ungeheuer reicher, vage linksgerichteter Medienchef, der kurz zuvor mitsamt Yacht und Vermögen in Violas engsten Kreis aufgenommen worden war. Wie mir erst allmählich bewußt wurde, zählte dieser Kreis seinerzeit zu den wichtigsten Erscheinungen des kulturellen Lebens.

Hör mal, nein wirklich, jetzt hör mal. Von all den Dingen, die sie aus Feingefühl für sich behielt, hat er nie etwas gewußt.

Aber darum geht es doch gerade. Ich meine, es gehört wohl schwerlich viel Feingefühl dazu, Dinge für sich zu behalten, wenn er ohnehin schon von ihnen weiß.

Es war, als wäre er unter dem Zeichen des Zweifels geboren, er, der Zensor, der Lacher, wenn es um ernste Dinge ging, der einzige Nichtlacher im Publikum des Komödianten, der beredte Warner vor Orten, die keine Gefahr bergen, der einsilbige Wegweiser zu einem Ort, den keiner je unbeschadet passierte. Die Hemmung war dem Impuls nie mehr als einen halben Schritt hinterher. In den Huf des Araberhengstes Denken, Mitteilen oder Fühlen verkrallt waren immer schon die Fänge der Frage: Ist das in allen Stücken wahr? Der geringste Schaden war noch die Vergeudung von Energie und Konzentration, weil man immer doppelt sicher sein mußte, weil man die Augenblicke, in denen sich große Möglichkeiten auftaten, verstreichen ließ, kaum jemals handelte, weil alles immer ein wenig untertrieben oder im Übermaß bewiesen werden mußte.

Halt, halt. Halt, halt. Kannst du nicht einerseits das Überbordende, allzuweit Ausholende sein lassen, andererseits aber auch die dürre Ausforschung dieser letztlich grenzenlosen Wüstenei der Verlassenheit, die man Feld eins nennt?

Was soll das, bist du so eine Art bestellter Buhrufer?

Manchmal liebte er sie, manchmal war er nur belustigt oder gerührt über das Maß, in dem sie ihn liebte. Manchmal langweilte ihn ihre Liebe und wurde ihm zur Last. Manchmal wurde sein Selbstgefühl durch ihre Liebe gesteigert, manchmal gedämpft. Aber das Ausmaß ihrer Liebe war ihm zur Selbstverständlichkeit geworden, und darum hatte er das Interesse an ihr verloren. Mag sein, daß sie ihm diese Gewißheit zu früh gegeben hatte und nicht nur aus reiner Zuneigung. Schließlich kommen uns Liebe und Verzweiflung alle paar Tage, Monate oder Minuten gradweise abhanden. Aus Rücksichtnahme also und auch um der – um der längeren Phrasierung willen, hielt sie die Fassade stets gleichbleibend aufrecht, unbeeinflußt von den jeweiligen Nuancen des Mögens oder Nichtmögens. Manchmal mißtraute er ihr, aber sein Mißtrauen richtete sich gegen das Falsche. Er hielt sie für leichtfertig im Umgang mit der Wahrheit und keinem Gesetz verpflichtet. Und sie, die sonst in keiner Beziehung unehrlich, vielmehr durchaus integer war in seinem und in anderem Sinne, war unaufrichtig vielleicht in dem einen: daß sie, um nicht Gefahr zu laufen, ihn zu verlieren, oder aus welchen Gründen auch immer, gewisse wesentliche Facetten ihres Wesens vor ihm verheimlichte, oder nein, nur nicht darauf bestand, daß er sie erkenne. Sie spielte ihm vor, obgleich ihr das Vorspielen mit der ihr eigentümlichen nervösen Energie nicht immer glückte, daß sie zufriedener sei, als sie war, daß ihre Liebe zu ihm stetiger sei, als es die Grenzen, die er ihr steckte, möglich machten.

Und dann kam er einmal spätabends betrunken zu mir, er hatte seinen Hund dabei und war mit der Taschenlampe zu Fuß unterwegs. Wir gaben dem Hund Wasser, und dann fuhr ich ihn nach Hause. Das hat sich an mehreren Abenden im Lauf der Jahre wiederholt. Meist hörte ich Schritte draußen auf dem Weg und das Metallhalsband des Hundes.

Sie würde ihn verlassen, dachte sie, und zwar an oder kurz vor ihrem fünfunddreißigsten Hochzeitstag. Oder vielmehr seinem.

Gespielt hat er Bartók, Bartók und Telemann. Aber was ihn rühren konnte, waren Schlager wie ›Wasting away again in Margaritaville‹. Und aufmunternd fand er eine Zeitlang ›I've Got a Pair of Brand New Roller Skates, You've Got a Brand New Key‹.

Als wir gerade ein Jahr in Cambridge an der Universität waren, verkündete Maggie, eine Freundin vom College, sie wolle abbrechen, woanders hinziehen, woanders weitermachen. Ich fragte, warum. Schließlich und endlich, Maggie, sagte ich, ist das hier Harvard, Cambridge. Es ist doch erst ein Jahr, daß wir da sind, erst zwei Semester. Warum also? »Weißt du«, meinte sie, »die Karte habe ich jetzt ausgespielt.«

Das ist die ganze Hand, soweit ich weiß, natürlich nicht voll ausgespielt. Aber immerhin Bridge, Baccara, Zweierpatience, Vingt-et-un, Sechsundsechzig, Cœur, Schwarzer Peter, 32-Heb-auf. Selbstverständlich auch Poker. Die Karte habe ich ausgespielt.

Was soll man den Sanger-Leuten denn erzählen? fragte Lily. Damals waren die einzigen, die für die körperliche Liebe zu haben waren: an den Colleges einsame junge Frauen mit strähnigen Haaren aus linksliberalem städtischem Elternhaus; an den höheren Schulen hübsche Mädchen, die ein Kind bekamen und geheiratet wurden; in der Erwachsenenwelt Frauen, die in ihrem Beruf – im Büro, in der Schule, am Theater, im Verlagsgeschäft, in der Kunst – nicht zum Zuge kamen. Die Männer, die mit den linksliberalen College-Studentinnen schliefen, waren entweder Medizinstudenten, die sie verachteten und sie vergaßen, oder Aufschneider, die sich damit brüsteten, ganz andere Mädchen erobert zu haben. Die Jungen, die mit den Oberschülerinnen schliefen, waren Football-Stars, die sich als Familienväter etablierten. Die Männer, die in der Welt der Erwachsenen mit Frauen schliefen, waren verheiratete Männer. Die meisten unehelichen Kinder wurden in jenen Tagen in Drive-in-Kinos gezeugt oder in Autos, die auf Landstraßen in der Nähe von Stauseen oder an anderen stillen Plätzchen geparkt waren. Die Pille war für die Veränderung dieses Verhaltensmusters wahrscheinlich weniger ausschlaggebend als die Tatsache, daß nicht nur in Sportwagen, sondern in allen Autotypen der Liegesitz verbaut wurde. Vielleicht führten Homosexuelle damals ein Liebesleben, aber in jenen Jahren war man beinahe generell der Überzeugung, Homosexuelle gäbe es auf der ganzen Welt überhaupt nur fünf oder höchstens neun. Vielleicht hat es auch körperliche Liebe unter Geschwistern gegeben, aber das wäre nicht weiter bekanntgeworden. Was die verheirateten Paare anbelangte, schien sich unter ihnen schon sehr bald eine gewisse Bitterkeit einzustellen. Was ich damit sagen will, ist, daß es unter den jungen Leuten damals kaum Geschlechtsverkehr gab.

Wenn Sie einmal heiraten, sagte der große spanische Gelehrte eines Spätnachmittags im Frühling vor seinem Seminar, dann achten Sie darauf, daß Ihrer beider Leben sich so weit unterscheiden, daß Sie sich abends noch etwas zu erzählen haben.

Vielleicht hatte er es satt, immer etwas erzählt zu bekommen. Machen wir eben einen Scherz daraus oder vielleicht ein Epigramm. Aber nicht jedesmal, zum Teufel, nicht jedes einzelne Mal.

Hier ein Beispiel dafür, was uns in der damaligen Zeit an einem größeren College mit ernstzunehmender feministischer Tradition wie eine äußerst gewagte Geschichte mit vielsagendem Ausgang vorkam. Die beiden Professoren waren zur Legende geworden: Dr. Vickers und Miss Collins. Sie hatten sich damals, Anfang der zwanziger Jahre, geweigert zu heiraten, als die College-Präsidentin darauf bestanden hatte. Sie waren überzeugte Anarchisten gewesen, hatten in einem kleinen Landhaus einige Meilen außerhalb des Universitätsgeländes zusammengelebt. Anarchisten mit Grundsätzen. Anarchisten mit Anstellung auf Lebenszeit. Anarchisten, die einander liebten. Es war nicht sicher, ob die Präsidentin oder selbst der gesamte Lehrkörper befugt war, sie zu entlassen. Es ging hier um einschneidende Dinge: um die Traditionen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und deren Unabhängigkeit; um die Traditionen des in loco parentis und der Mittelschicht. Im zweiten Herbst dieses totgeschwiegenen Skandals fuhr die Präsidentin eines Abends in ihrem Packard zu dem Landhaus hinaus. Als frühe Verfechterin der Frauenrechte und zeitlebens verschrobene Junggesellin sprach sie die beiden mit Vornamen an. Rufus, sagte sie, Amanda, so geht es nicht weiter. Gewisse Normen müssen gewahrt bleiben. Sie bat sie, doch um Gottes willen, um ihretwillen, um ihrer aller willen zu heiraten. Dr. Vickers bat sie, Platz zu nehmen, und eröffnete ihr, daß sie bereits seit vergangenem Mai verheiratet seien. Darauf stießen die drei alten Freunde mit Sherry an und betranken sich gemeinsam. Doch für den Rest aller Zeiten, von den zwanziger Jahren an, war das Ehepaar, beide aus dem Fach Geschichte, nur als Dr. Vickers und Miss Collins bekannt, und man behandelte sie wie Unverheiratete, ganz so, als ob ihre Wohlanständigkeit ein peinliches Geheimnis und ihre jahrelange Sturheit ein Anlaß zu Stolz wäre.

An einem Morgen Ende der fünfziger Jahre erschien Bonnie Stone, eine akademisch und gesellschaftlich ambitionierte Studentin aus New York in ihrem letzten Studienjahr, die häufig verschlief oder sich den Magen verrenkte oder sich im Stil ihrer Kleidung vergriff, sich im Ernstfall aber auf einen gewissen koketten Charme verließ, verspätet zu einem Termin bei Dr. Vickers. Genauer gesagt, es sah so aus, als hätte sie ihren Termin völlig verpaßt. Sie standen, es war Nachmittag, in dem Bibliotheksgang vor seinem Büro. Bonnie erging sich in lauten, wortreichen, umständlichen Erklärungen, mit einem Gesichtsausdruck von vielleicht etwas übertriebener Zerknirschung. »Seien Sie unbesorgt, mein Goldkind«, sagte der alte Professor schließlich. »Ich bin schon von hübscheren Hasen als Ihnen versetzt worden.« Abgesehen von der spekulativen Bemerkung eines Dozenten, ohne feste Anstellung, über die Beziehung von Byron zu seiner Schwester – einer Bemerkung, die in ihrer Unbekümmertheit und Obszönität derart gewagt war, daß keine der darüber kursierenden Versionen im Wortlaut übereinstimmten –, abgesehen von dieser Bemerkung also waren die Sätze – »Seien Sie unbesorgt. Ich bin schon von hübscheren Hasen als Ihnen versetzt worden« – das Schockierendste, was uns in diesem akademischen Rahmen je zu Ohren gekommen war.

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Und zweitens darum.

Habe ich, ohne es zu wollen, vielleicht das Wichtigste von allem weggeworfen?

Daß ich ihn schon verloren habe, weiß ich daher: Jake sitzt am Steuer. Ich bin mitten in einem Satz oder mitten in einer Anekdote oder halbwegs mit einer Frage heraus. Obwohl es gerade weder die volle noch die halbe Stunde ist, schaltet er die Nachrichten im Radio ein. Da weiß ich, daß ich ihn verloren habe, weil es so ist. Und doch hatte mich Jake um fünf Uhr früh bei Kälte und Schnee abgeholt, um den weiten Weg in die Stadt mit mir zu fahren. Der Verkehr war spärlich. Es war noch dunkel. Während das Radio lief, begann er zu reden. Er deutete auf eine Stelle, wo er, wie er nun sagte, auf dem Weg zu meinem Haus zwei Rehe gesehen hatte. Mehr sagte er nicht. Ein paar Tage später gingen wir abends zu einer Party außerhalb, etwa eine Stunde Fahrzeit von unserer Stadt. Jake und seine Frau hatten mich abgeholt, um mich in ihrem Wagen mitzunehmen. Seine Idee. Ich habe selbst ein Auto. Spätnachts auf der Rückfahrt sagte er: »Stell dir vor, Schatz, genau hier habe ich mitten in diesem schrecklichen Schneesturm zwei Rehe gesehen.« Darauf trat Schweigen ein. Ich dachte, Schatz nennt er sie also. Ich konnte mir nicht vorstellen, was seine Frau wohl dachte oder warum sie nichts sagte oder warum mir das Schweigen so anhaltend und lastend vorkam. Seine Rede war eindeutig nicht an mich gerichtet gewesen. Er hatte mir doch schon von den Rehen erzählt. Und er hat mich noch nie anders als Kate genannt. Dann ging mir ein Licht auf. Er hatte es auch seiner Frau schon erzählt und vergessen, daß er es ihr erzählt hatte. Sie muß gemeint haben, daß er mir zum ersten Mal davon erzähle und daß, was auch immer dieses ›Schatz‹ zwischen ihnen für eine Bedeutung angenommen haben mochte, er nun mich so anrede. Ich konnte mich natürlich auch irren. Sie hatte womöglich nicht einmal zugehört, oder vielleicht gab sie zu dieser späten Stunde nie eine Antwort. So saßen wir jedenfalls beide da, in unserem Schweigen verbunden. Und da saß er, ein wenig angeheitert, nichtsahnend, glaube ich, und vergnügt, während er uns durch die Dunkelheit fuhr.

Weinen war nicht, war ganz und gar nicht, ihr Modus operandi. Und dennoch weinte sie.

Im sechsten Jahr fuhr ich allein nach New Orleans.

Woher hätte ich wissen sollen, daß du jedesmal, wenn du die Wahl hattest, das andere wählen würdest?

Und nun die Sache mit dem Tierschutzbeauftragten. Und dem Hausgast, einem Tier. Henry James hätte gewußt, was er mit ihm anstellen sollte. Flannery O'Connor wäre auf ihre Weise auf das Tier eingegangen. Natursymbolisten aus Neu-England hätten ihm abgerungen, was immer sich der Geburt ihrer bedeutungsschweren Fohlen in dunkler Stunde oder den symbolträchtigen Übergriffen von Autobahnen auf heimischen Wiesengrund an Tiefsinn abringen läßt. Joseph Conrad hätte in ihm vielleicht einen Mann vermutet. Aber es war kein Mann, dieses Wesen, mit dem mir ein Mißverständnis passierte. Eines Spätnachmittags im Winter verirrte es sich in das kleine Zimmer, kaum größer als eine Abstellkammer, wo in der alten Scheune, die ich damals bewohnte, der Ofen untergebracht war. Das Wetter war trüb, vereinzelte Schneeflocken fielen. Es war sehr kalt. Ich saß in einem abgewetzten Lehnstuhl und las. Ich fühlte mich beobachtet. Als ich aufblickte, sah ich das Tier mit seinen feingliedrigen Pfoten, dem scharf gezeichneten Gesicht und dem aufgestellten, buschigen langen Schweif, es saß auf den Hinterbacken und starrte mich von seinem Platz neben dem Ofen durch die offene Tür unverwandt an. Im nächsten Augenblick war das Tier verschwunden. Ich dachte, ich hätte mir das Ganze vielleicht nur eingebildet. Nach einer Weile ging ich nachsehen. Ich fand etwas rötliche Wolle in dem schmalen Spalt zwischen Verkleidung und Wand. Ich hatte eine kleine Birne angeknipst, die von der Decke hing. Ich ließ sie brennen, dann schloß und, zu meiner eigenen Überraschung und mit einem halben Lächeln, verriegelte ich die Tür zwischen diesem Zimmer und dem meinen. Ich konnte erst sehr spät einschlafen.

Im Winter ging ich, da ich nicht immer die großen Flügel des Scheunentors zurückschieben wollte, durch die Hintertür der kleinen Ofenkammer ein und aus. Als ich am nächsten Morgen, sehr früh schon, hinausging, war das Tier nicht da. Ich war mir nicht sicher, was für ein Tier es war. Ich war mir noch immer nicht ganz sicher, ob ich es wirklich gesehen hatte. Die Glühbirne schaltete ich nicht aus. Ich verbrachte den größten Teil des Tages in der Stadt. Als ich nach Hause kam, lange nach Einbruch der Dunkelheit, schneite es, und es war wieder da – diesmal saß es direkt auf dem Ofen, in sich zusammengesunken gegen das Ofenrohr gelehnt, den Kopf gesenkt, mit großen, dunkel umrandeten Augen blinkend, leicht schwankend, bildete ich mir ein, wie ein Betrunkener. Es entschwand durch sein Schlupfloch, kaum daß es mich wahrgenommen hatte. Aber weil es in den folgenden Tagen von Abend zu Abend länger blieb und weniger überstürzt das Weite suchte; weil es nachts fast immer zurückkam und die ganze Nacht bis zum Morgen gegen das Ofenrohr gelehnt auf der Ofenplatte kauerte; weil es manchmal, wenn auch nicht oft, das Wasser anrührte, das ich ihm in einer kleinen Schale neben den Ofen gestellt hatte; und weil es doch schließlich ein wildes Tier war, das von Mal zu Mal fügsamer wurde, kam es zu dem Mißverständnis zwischen uns. Ich glaubte, es sei im Begriff, Zutrauen zu mir zu fassen, während es in Wirklichkeit im Begriff war zu sterben. Das sind wir natürlich alle. Aber normalerweise verwechseln wir Anzeichen fortschreitender Schwäche, das Abhandenkommen der bloßen Fähigkeit zur Flucht, nicht mit dem Aufkeimen von Liebe.

Und der Virtuose und die immergrüne Pachysandra und die schreckliche Nacht, in der Eva tanzte?

An dieser Stelle besser nicht, glaube ich. Nicht jetzt.

Ich glaubte, es sei im Begriff, Zutrauen zu mir zu fassen, während es in Wirklichkeit im Begriff war zu sterben. Ich hatte kaum etwas davon bemerkt bis zu dem einen Abend, als, wie es nun schon Gewohnheit war, das Licht im Ofenzimmer brannte, die Tür zu meinem Zimmer offenstand und ich wieder in dem besagten Sessel saß und las. Es mag vielleicht das dritte Mal gewesen sein, daß ich hochblickte, als das Tier, das bis dahin in sich zusammengesunken, vor sich hinstarrend, blinkend am Ofenrohr gelehnt hatte, allem Anschein nach versuchte, vom Ofen auf den Boden hinunterzuklettern. Ich meinte zunächst, es versuche die Wasserschale zu erreichen, oder aber es wolle, erschreckt durch mein Aufblicken, durch den Spalt zwischen Isolierung und Wand ins Freie schlüpfen. Doch als es sitzen blieb, Kopf und Vorderpfoten langsam, in einem tastenden Versuch nach dem Boden reckend, mit den Hinterbacken, dem größten Teil seines Gewichts aber noch immer auf dem Ofen; als es so aussah, als wirkte auf ihn die Schwerkraft quasi in umgekehrter Richtung und als beanspruchte das bloße Hinunterkommen all seine Kräfte, als wäre es für ihn gleichsam ein Anstieg zu steil zum Erklimmen geworden, da tat ich ein paar Schritte auf ihn zu, für den Augenblick nur in der Absicht, ihn auf den Boden hinunterzuheben. Er sah mich an. Da überlegte ich es mir anders. Ich ging leise zum Telefonbuch und dann ans Telefon. Als ich fertig gewählt hatte, meldete sich eine sehr junge Stimme. »Kann ich Dr. Rubin sprechen?« fragte ich, wobei ich Ed meinte, der schon seit meinen Kindergartentagen alle unsere Hunde und Katzen behandelt hatte; Ed, der die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gerufen hatte: »Oy vey geschrien, oy vey geschrien«, als meine Mutter ihm Shaggy brachte, unseren prächtigen Hund von unbestimmter Rasse, den ein zu schnell fahrender Lieferwagen erfaßt hatte; Ed Rubin, der uns bei Bayard, unserer immer schon begriffsstutzigen, ängstlichen, nun aber altersschwachen dänischen Dogge, bleiben ließ, als er dem Hund die Spritze gab, die ihn sanft einschläferte; Ed Rubin, den ich zuletzt mit seiner Frau Dottie gesehen hatte, die immer so lustvoll im Chor mitsang, nicht nur in der örtlichen Synagoge, sondern auch in verschiedenen anderen Gemeinden, wie sie blinzelnd aufblickten, als nach einem unglaublichen französischen Film in New York die Lichter wieder angingen. »Sie sprechen mit Dr. Rubin«, antwortete die junge Stimme.

»Wayne, hier ist Kate Ennis«, sagte ich. Ich hatte Wayne Rubin Geschichten vorgelesen, als er fünf Jahre alt war. »Ich wohne in einer Scheune an der King Street. Ich habe hier einen Waschbären, und ich glaube, er ist krank. Könntest du herkommen? Er versucht gerade, sich von meinem Ofen auf den Boden herunterzulassen, und er schafft es offenbar nicht. Ich werde jetzt mal versuchen, ihn herunterzuheben.«

»Rühr ihn ja nicht an«, sagte Wayne. »Geh nicht in seine Nähe. Seit Herbst haben wir eine Menge kranker Waschbären hier in der Gegend. Es ist die Staupe.«

»Aber was soll ich denn dann tun?«

»Rühr ihn nicht an, Kate. Komm ihm nicht nahe. Halt dich einfach von ihm fern, bis er stirbt. Wo, sagtest du, ist er jetzt?«

»Er ist hier bei mir in der Scheune. Auf dem Ofen. Er ist schon seit Tagen hier, um sich zu wärmen. Könntest du nicht einfach kurz vorbeischauen und ihn dir ansehen?«

»Unmöglich. Heute abend nicht, Kate. Aber ich will dir sagen, was du tun kannst. Ruf den Tierschutzbeauftragten an. Der hilft dir weiter.«

»Kommt der denn ins Haus?«

»Ja, natürlich. Dazu ist er doch da. Schau im Telefonbuch nach. Unter Gemeindeverwaltung von Red Hill. Tierschutzbeauftragter.«

»Danke. Wie geht's deinem Vater, Wayne?«

»Gut. Er und Mutter sind bis März in Fort Lauderdale.«

»Ach ja. Also dann, ich danke dir.«

»Alles klar. Und noch einmal, Kate, einem Tier, das Staupe hat, darf man nicht nahe kommen. Auch keinem anderen kranken Wildtier. Das weißt du doch.«

Ich wußte es.

Etwa eine Stunde nach meinem Anruf kam ein alter verbeulter Lieferwagen in die Auffahrt gebogen. Ich wartete schon vor der Tür, teils aus Ungeduld, teils weil die Scheune nicht leicht zu finden war, zum Teil auch, um nicht mehr dastehen und das mittlerweile eindeutig fiebernde und erschöpfte Tier ansehen zu müssen, das es auf irgendeine Weise fertiggebracht hatte, sich mit dem ganzen Körper wieder auf den Ofen hochzuziehen, und nun, gegen das Ofenrohr gelehnt, in unsicherem Gleichgewicht auf den Hinterbacken saß und blinzelte. Es war ein sehr kalter Abend, windig. Ein grauhaariger alter Mann in geflickter Wolljacke, auf dem Kopf eine alte Mütze mit Ohrenklappen, kletterte umständlich aus dem Wagen. Auf der Beifahrerseite kam ebenso langsam und in ähnlichem Aufzug ein etwa zehnjähriger Junge herausgeklettert. Ich sagte, Guten Tag, ich bin Kate Ennis. »Na denn, Ma'am, ich bin der Tierschutzbeauftragte. Und das ist mein Enkelsohn.« Ich kam auf die fortgeschrittene Uhrzeit zu sprechen. »Schon gut, Ma'am. Die Familie war eben am Fernsehen, aber das ist schließlich mein Job. Und der Junge begleitet mich gerne. Das haben wir gleich bestens für Sie erledigt.« Der Mann wühlte eine Weile hinten auf der Ladefläche seines Lieferwagens herum und holte einen großen verbogenen Käfig aus Stacheldraht und Holz hervor, dazu eine lange Holzstange mit einer Lederschlaufe an einem Ende. Den Käfig reichte er dem Jungen, die Stange behielt er selbst in der Hand.

»Also, Ma'am«, sagte er, »wo ist er?«

»Er ist drinnen. Auf dem Ofen. Ich weiß nicht so recht. Was haben Sie eigentlich genau mit ihm vor?« Im Gesicht des Mannes glomm etwas auf: Eine von denen. Zum ersten Mal schaute er mich direkt an, von Kopf bis Fuß, dann ein rascher Blick in meine Augen.

»Wieso, Ma'am, wir nehmen Ihnen das Tier bloß ab«, sagte er.

Der Junge ging schon auf die Scheune zu. Ich machte ihnen die Tür auf. Wir näherten uns dem Ofen. Der Junge trat einen Schritt vor, ging in die Hocke, gab dann einen Laut wie ein Brummen von sich und schob eine Seitenwand des Käfigs hoch. Der Waschbär saß bloß da, zitterte, starrte unverwandt.

»Schauen Sie, die Hinterbacken«, sagte der Junge. »Gelähmt.«

Der alte Mann, der im Türrahmen stand, sagte nichts, atmete nur pfeifend, dann senkte er, keineswegs besonders schnell, seine Stange, warf dem Waschbären die Schlinge über den Kopf, zog das Tier am Hals hoch und ließ es, nachdem es eine Weile in der Luft gebaumelt hatte, in den Käfig des Jungen plumpsen. Der schob krachend die Käfigtür zu. Der Waschbär drehte sich um, starrte hinaus. »Er ist sehr krank, Ma'am, hat sich nicht mal gewehrt. Tun sie nämlich meistens«, sagte der Alte. Der Junge stand, immer noch brummend, mit ausdruckslosem Gesicht da. »Muß ihm Penicillin geben. Das ist das beste für ihn«, fuhr der Mann fort.

»Hören Sie«, sagte ich. »Ich weiß doch, daß er stirbt. Meine Frage war, erschießen Sie ihn, oder bringen Sie ihn mit Gas um, oder lassen Sie ihn einfach in Ruhe sterben?«