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Die E-Mail eines alten Schulfreundes reißt den Umweltberater Eric Bergmann aus seiner täglichen Routine. Chris und seine Frau Rena sind ins Visier des einflussreichen Ölkonzerns ENTAL geraten und gezwungen aus Kanada zu fliehen. Entschlossen, etwas gegen ENTAL zu unternehmen, reist Eric nach Fort McMurray, dem Herz der Ölsandförderung. Er trifft sich mit Umweltaktivisten und traut seinen Augen nicht. Zu ihnen gehört Isabella Filanders, die Frau, in die er sich vor Jahren verliebt hat und die auf einmal spurlos verschwand. Isabella lebt im Verborgenen, denn in einer Zeit, in der Öl kostbar wie Gold ist, kommt die Kritik an einem Ölkonzern einem Verbrechen gleich. Gemeinsam versuchen sie, die Produktion zu stören und den guten Ruf der Firma in Zweifel zu ziehen. So einfach lässt sich ENTAL allerdings nicht in die Knie zwingen. Sie kommen Isabella auf die Spur und ihnen ist jedes Mittel recht, um die notwendigen Antworten von ihr zu erhalten. "Pechschwarzer Sand" ist nach "Eiskalte Energie" der zweite Roman von Liv-Malin Winter.
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die E-Mail eines alten Schulfreundes reißt den Umweltberater Eric Bergmann aus seiner täglichen Routine. Chris und seine Frau Rena sind ins Visier des einflussreichen Ölkonzerns ENTAL geraten und gezwungen aus Kanada zu fliehen. Entschlossen, etwas gegen ENTAL zu unternehmen, reist Eric nach Fort McMurray, dem Herz der Ölsandförderung. Er trifft sich mit Umweltaktivisten und traut seinen Augen nicht. Zu ihnen gehört Isabella Filanders, die Frau, in die er sich vor Jahren verliebt hat und die auf einmal spurlos verschwand. Isabella lebt im Verborgenen, denn in einer Zeit, in der Öl kostbar wie Gold ist, kommt die Kritik an einem Ölkonzern einem Verbrechen gleich. Gemeinsam versuchen sie, die Produktion zu stören und den guten Ruf der Firma in Zweifel zu ziehen. So einfach lässt sich ENTAL allerdings nicht in die Knie zwingen. Sie kommen Isabella auf die Spur und ihnen ist jedes Mittel recht, um die notwendigen Antworten von ihr zu erhalten.
»Pechschwarzer Sand« ist nach »Eiskalte Energie« der zweite Roman von Liv-Malin Winter.
Liv-Malin Winter studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umweltökonomie und hat mehrere Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Ihre Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben. Die Natur ist ihre Inspirationsquelle. Hier findet sie Entspannung und neue Ideen für ihre Bücher.
Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.
Liv-Malin Winter
Pechschwarzer Sand
Roman
Rena kämpfte sich durch den Wald. Der strömende Regen beeinträchtigte ihre Sicht. Doch sie folgte den kaum erkennbaren Pfaden, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Plötzlich ragte die Silhouette eines Mannes vor ihr auf. Rena blieb stehen.
»Was ist so dringend, dass wir uns ausgerechnet heute Abend treffen müssen?« Ihre Stimme übertönte kaum den Regen. Die Gereiztheit, die in der Frage lag, war dennoch unüberhörbar.
Der Mann drückte ihr einen Speicherchip in die Hand. »Es musste heute sein. Ich habe in den nächsten Wochen keinen freien Tag. Du musst das unbedingt veröffentlichen, sobald ihr Fort Chipewyan verlassen habt.«
»Gut, ich kümmere mich darum«, lenkte Rena ein.
»Danke.«
»Sei vorsichtig und pass auf dich auf.« Sie umarmte ihn kurz.
»Du auch.« Der Mann hob zum Abschied kurz die Hand.
Rena warf ihm noch einen Blick zu. Sie zog sich ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und ging durch den Wald zurück nach Fort Chipewyan.
Sie hatte den Ort erreicht und hastete durch den Regen. Sie verfluchte ihre Schwerfälligkeit. Vor ein paar Monaten wäre sie einfach gerannt, doch nun ließ ihre Schwangerschaft nur noch zügiges Gehen zu. Sie musste unbedingt das Material in Sicherheit bringen. Bald würde sie mit ihrem Mann aus Fort Chipewyan wegziehen und dann konnte sie es veröffentlichen. Hier, wo ENTAL alles kontrollierte und überwachte, war das unmöglich.
Hinter ihr tauchten Scheinwerfer und die Reflexe eines Blaulichtes auf. Rena verlangsamte ihren Schritt. Dem Auto konnte sie nicht entkommen. Der Streifenwagen hielt neben ihr an und ein Polizist stieg aus. Es war dieser Cop, der erst kürzlich nach Fort Chipewyan versetzt worden war.
»Wohin wollen Sie?«, fragte der Polizist. Er musterte die schwangere Frau misstrauisch.
»Ich mache einen Abendspaziergang«, antwortete Rena.
Der Polizist sah bedeutungsvoll auf ihren gerundeten Bauch.
»Meine Hebamme hat mir Spaziergänge empfohlen. Sie sollen gegen die Schlaflosigkeit helfen, unter der ich leide.«
»Bei diesem Wetter macht kein Mensch freiwillig einen Abendspaziergang«, bemerkte er. »Heute haben die Umweltschützer eine illegale Veranstaltung abgehalten. Ich habe die Anweisung bekommen, alle zu verhaften, die dort waren.«
»Ich habe an keiner illegalen Veranstaltung teilgenommen. Ich gehe spazieren«, verteidigte sich Rena.
»Sie kommen mit auf die Polizeiwache!« Der Polizist ergriff Renas Arm. Sie versuchte sich loszumachen.
»Wenn Sie sich widersetzen, werde ich Ihnen Handschellen anlegen.«
»Wie können Sie es wagen eine schwangere Frau derartig zu schikanieren!«, empörte sich Rena.
»Wenn Sie nicht in Handschellen abgeführt werden wollen, steigen Sie sofort ins Auto.«
Rena gab sich geschlagen und befolgte seine Anweisung.
Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie fragte sich, wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte. Der Polizist hatte Recht. Niemand ging in diesem strömenden Regen freiwillig spazieren. Die Einzigen, die unterwegs waren, waren auf einer Versammlung gewesen, die sich gegen ENTAL richtete. Das Unternehmen baute in großem Stil Ölsande ab. Seit der dritten Ölkrise war das Geschäft noch profitabler geworden, denn Öl war eine Mangelware. Die Gewinne von ENTAL waren Jahr für Jahr gestiegen und für das aktuelle Jahr 2030 hatte das Unternehmen den höchsten Gewinn seit der Firmengründung prognostiziert. Die Bewohner von Fort Chipewyan litten an den verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Doch sich dagegen zu engagieren stand unter Strafe.
Nach wenigen Minuten hatten sie die Polizeiwache erreicht. Der Polizist befahl ihr auszusteigen. Er führte sie in das Gebäude und brachte sie in einen kahlen Raum, in dem nur ein Tisch und zwei Stühle standen. Er ließ Rena alleine. Sie war müde, erschöpft und fror in ihren klammen Sachen. Sie zog die tropfende Regenjacke aus und setzte sich, um ihre schmerzenden Rückenmuskeln zu entspannen. Ihre Gedanken kreisten um die Frage, wie sie ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. Auf keinen Fall durften die Polizisten das belastende Material finden, das sie bei sich trug.
Rena hörte, wie die Tür geöffnet wurde und sah auf. Der Polizist trat ein und setzte sich. Er musterte die Frau mit den langen schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen schweigend. Rena erwiderte seinen Blick und tat ihr Bestes, um ihre Nervosität zu verbergen.
»Wie ist Ihr Name?«, brach der Polizist schließlich das Schweigen.
»Sie wissen, dass mein Name Rena Siebach ist.« Fort Chipewyan war ein kleiner Ort. Hier kannten sich die Leute.
Der Polizist ließ sich nicht beirren. Er erkundigte sich nach ihrer Adresse und fragte erneut, warum sie bei diesem Wetter unterwegs war. Rena antwortete das Gleiche wie zuvor, aber es war klar, dass der Polizist ihr nicht glaubte. Er beobachtete sie schon eine Zeit lang, hatte ihr bisher jedoch nichts nachweisen können. Anscheinend hatte jemand die Umweltschützer verraten. Rena steckte in einer Zwickmühle. Sie konnte unmöglich den wahren Grund für ihren Ausflug nennen. Das Material, das sie bei sich trug, war weitaus belastender als die Teilnahme an einer illegalen Versammlung.
Der Polizist drang mit seinen bohrenden Fragen immer weiter in sie. Renas Antworten waren mehr als unbefriedigend für ihn und das ließ er sie deutlich spüren.
Rena ließ erschöpft ihren Kopf in die Hände sinken. Der Polizist nahm ihr ihre Lügen nicht ab. Sie war gefangen in einer ausweglosen Situation. Sie spürte das Baby in ihrem Bauch treten, als wäre es empört über die Behandlung, die seiner Mutter zuteilwurde. Durch diese Bewegungen wurde der Druck auf ihre Blase größer.
»Ich muss auf die Toilette«, erklärte sie dem Polizisten unvermittelt.
»Das können Sie machen, wenn Sie meine Fragen beantwortet haben.«
»So können Sie mich nicht behandeln! Ich bin schwanger!« Rena schleuderte ihm die Worte erbost entgegen.
Der Polizist schien zu ahnen, dass Rena einen Riesenaufstand machen würde, wenn er nicht nachgab. Er erhob sich und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er öffnete die Tür und ließ ihr den Vortritt. Ein Ziehen in ihrem Bauch ließ sie innehalten. Sie stützte sich mit der Hand an der Wand ab und schloss für einen Moment die Augen.
»Rena, ist alles in Ordnung?« Ein junger Polizist eilte besorgt zu ihr.
Rena öffnete die Augen »Hey, Colin«, antwortete sie matt.
Rena und Colin waren in Fort Chipewyan aufgewachsen. Sie hätten Freunde sein können, wenn sie durch die Lebensumstände nicht in verfeindete Lager geraten wären.
Rena überlief ein kalter Schauer und sie zitterte.
»Geht es dir nicht gut? Ist mit dem Baby etwas nicht in Ordnung?« Colin nahm sie am Arm und Rena erkannte, dass sie vielleicht einen Ausweg gefunden hatte.
Eric ging über den Vorplatz des Jugendklubs und sah sich interessiert um. Sein erster Besuch hatte während der Schulzeit stattgefunden und der Komplex war ruhig und verlassen gewesen. Heute herrschte hier Leben. Ein paar Jugendliche spielten Basketball. Unter ihnen war ein Mädchen, das verbissen um den Ball kämpfte. Sie machte ihre fehlende Körpergröße durch Geschwindigkeit und Wendigkeit wett. Eric blieb stehen und beobachtete das Spiel. Er erinnerte sich an seine Schulzeit. Damals war er ein begeisterter Basketballspieler gewesen, doch die dritte Ölkrise vor dreizehn Jahren hatte dem ein Ende gesetzt. Der Ölpreis war in die Höhe geschossen und hatte überall zu Versorgungsengpässen geführt. Seine Eltern waren mit ihm zu Verwandten nach Norwegen geflohen. Als die Lage sich in Berlin wieder beruhigt hatte, waren sie zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte Erics Basketballteam sich aufgelöst. Es gab Wichtigeres als das Spiel. Der Ölpreis war nie wieder auf das alte Niveau zurückgekehrt und das Leben hatte sich grundlegend geändert. Die Menschen mussten lernen ohne billiges Öl zurechtzukommen.
»Ey, was willst du?«, wurde Eric von einem schwarzhaarigen Teenager angesprochen, der langsam auf Eric zukam. Sein Gang hatte etwas Herausforderndes. Nun waren auch die Augen der anderen auf Eric gerichtet.
»Mein Name ist Eric. Ich habe einen Termin mit euch.«
»Bist du der Umweltfuzzi?«
Eric musste über diese Bezeichnung lächeln. »Genau der bin ich.«
Eine kleine zierliche Frau kam aus dem Gebäude.
»Hallo Nina«, begrüßte Eric sie.
»Hallo Eric.« Die Leiterin des Jugendzentrums schüttelte ihm die Hand. »Komm herein«, forderte sie ihn auf. »Ihr auch«, wandte sie sich an die Jugendlichen. Trotz ihres äußeren Erscheinungsbildes besaß sie die notwendige Durchsetzungskraft für ihren Job.
Sie gingen in einen Raum mit bunt zusammengewürfelten Sitzgelegenheiten. Die Couch schien der beliebteste Platz zu sein. Drei Mitarbeiter des Jugendklubs gesellten sich zu ihnen.
»Wir sind schon neugierig auf die Ideen, die du uns mitbringst«, eröffnete Nina das Gespräch, nachdem sich alle gesetzt hatten.
»Ich freue mich hier zu sein und finde es toll, dass ihr euch an dem Projekt beteiligt«, wandte Eric sich an die Jugendlichen.
»Ist doch logisch, Mann«, entgegnete ein Junge mit lockigen braunen Haaren, der auf der Couch lümmelte.
»Ich habe ein paar Vorschläge mitgebracht, wie euer Jugendklub energieeffizient saniert werden kann. Die wichtigste Maßnahme ist die Dämmung des Gebäudes. Dazu werden an den Fassaden Dämmplatten angebracht, die Wärmeverluste reduzieren sollen. Auch das Dach muss gedämmt werden, denn dieses Gebäude ist schon ziemlich alt. Ihr habt hier ein Flachdach, das verschiedene Möglichkeiten bietet. Eine Variante ist, das Dach weiterhin für die Stromerzeugung mit Solarzellen zu nutzen. Eine andere Idee ist jedoch, nur auf einem Teil des Daches Solarzellen zu installieren und auf dem Rest einen Dachgarten anzulegen.«
Eric konnte das Interesse der Teenager spüren.
»Wenn ihr euch für den Dachgarten entscheidet, könnt ihr darauf Obst und Gemüse anbauen und verkaufen«, fuhr er fort.
»Cool, dann haben wir endlich Geld«, stellte der schwarzhaarige Junge fest.
»Ist das Dach stabil genug für einen Garten?«, erkundigte sich ein Mädchen mit langen Haaren und aufwändigem Make-up.
»Ein Architekt hat das Dach begutachtet. Er hat mir versichert, dass sich das Dach für einen Garten eignet«, sagte Eric.
»Das war der Typ von letzter Woche«, warf ein Junge ein.
»Der Dachgarten hat den Vorteil, dass es im Sommer im Gebäude nicht zu heiß wird. Ich denke, das ist hier ein Problem?« Fragend sah Eric in die Runde.
Die Teenager nickten zustimmend.
»Ich kenne einen Landschaftsgärtner, der sich auf das Anlegen von Dachgärten spezialisiert hat. Er hat für euch einen Vorschlag erarbeitet.«
Eric öffnete seinen Laptop und zeigte einen Entwurf.
»Die Solarzellen auf eurem Dach nehmen derzeit sehr viel Raum ein. Das möchte ich ändern. Wenn man sie wie auf dieser Grafik gruppiert, bleibt viel mehr Platz übrig. Dann ist es möglich Grünflächen anzulegen. Außerdem gibt es Platz für eine Chillout-Ecke. Statt einen Sonnenschirm aufzustellen, können wir einen kleinen Pavillon bauen, auf dem Solarzellen installiert werden. An den Seitenwänden können Kletterpflanzen wachsen.« Eric deutete auf einen anderen Bereich des Gartens. »Hier sollten größere Büsche stehen, um den anderen Pflanzen etwas Schatten zu bieten. Bei der Auswahl der Pflanzen kann euch der Landschaftsgärtner beraten.«
»Wieso sind auf der Grafik weniger Solarmodule als wir auf unserem Dach haben?«, fragte die Basketballspielerin skeptisch.
»Eure Solarmodule sind schon über zehn Jahre alt. Inzwischen gibt es wesentlich effizientere. Wenn wir die austauschen, bleibt mehr Platz für Grünflächen«, antwortete Eric. »Im Gebäudeinneren werden wir auch noch ein paar Veränderungen vornehmen. Wassersparsysteme habt ihr bereits. Aber ich möchte zusätzlich ein Brauchwassersystem installieren, das zur Bewässerung eures Dachgartens genutzt werden kann. Außerdem ist die Beleuchtung noch nicht vollständig auf LED Lampen umgestellt. Das muss geändert werden.«
»Also, ich finde die Ideen super«, schaltete sich die Leiterin ein.
»Ich wollte schon immer einen Garten haben«, sagte ein Mädchen mit strohblonden Haaren und schaute sehnsüchtig auf den Entwurf.
In diesem Teil der Stadt lebten die Menschen in Wohnungen. Einfamilienhäuser mit Gärten waren eine Rarität.
»Das klingt teuer. Konntest du so viel Kohle bei der Stadt lockermachen?«, wandte sich ein Junge an die Leiterin des Jugendzentrums.
»Eric hat mir einen Kostenvoranschlag gemacht. Wenn ihr beim Anlegen des Dachgartens helft, reicht unser Budget aus«, antwortete diese.
»Also, wer ist dafür?«, fragte der Schwarzhaarige und hob seine Hand. Auffordernd sah er in die Runde.
Nach und nach hoben alle ihre Hand. Der Vorschlag war angenommen.
»Ich freue mich, dass es euch gefällt. Wenn ihr mit dem Landschaftsgärtner arbeitet, wird er euch erklären, wie ihr die Pflanzen pflegen müsst, damit ihr lange etwas davon habt«, sagte Eric. Er lächelte zufrieden. Es freute ihn, dass seine Idee so gut angekommen war.
Er verabschiedete sich und fuhr mit seinem Fahrrad nach Hause. Der Auftrag brachte ihm nicht viel ein, doch die Begeisterung dieser Teenager zu erleben, war viel mehr wert. Dieses Projekt war wesentlich befriedigender als das, was ihm vor ein paar Wochen angeboten worden war. Ein Supermarktbesitzer wollte von Eric beraten werden. Zunächst war Eric angetan von der Herausforderung, die sich ihm bot. Nach ein wenig Recherche war ihm klar geworden, dass dieser Mann einen sehr schlechten Ruf hatte. Er versuchte seinen Kunden minderwertige Ware zu verkaufen, behandelte seine Angestellten schlecht und nutzte sie nach Strich und Faden aus. Einige kündigten daraufhin und suchten sich neue Jobs. Doch es gab auch Leute, die keine Wahl hatten. Sie waren nicht in der Lage sich zu wehren. Alfred Edelmann hatte an der Idee Gefallen gefunden, dass er durch eine Umweltberatung sein Image aufpolieren könnte. Er wollte Eric engagieren. Eric hatte lange darüber nachgedacht, ob er den Auftrag annehmen sollte. Er kam finanziell inzwischen halbwegs über die Runden und entschied sich abzulehnen. Mit diesem Halsabschneider wollte er nichts zu tun haben.
Er stellte sein Fahrrad ab und stieg die Treppen zu seiner Wohnung in den dritten Stock hinauf. Einige Stufen knarrten unter seinem Gewicht. Dieser Altbau war etwas völlig anderes als das schicke Penthouse, in dem er früher gewohnt hatte. Doch mit seinem Job hatte er vor einigen Jahren auch seine teure Wohnung verloren. Er war gezwungen gewesen, wieder zu einem einfacheren Lebensstil zurückzukehren. Er hatte sich eine günstige Wohnung in Berlin Kreuzberg gesucht. Hier hatte er schon während seiner Studienzeit gewohnt und nun überrascht festgestellt, dass er sich in dieser Gegend immer noch wohlfühlte. Auch beruflich hatte Eric sich verändert. Er hatte seine eigene Firma gegründet. »Bergmann Umweltberatung«. Diese unterstützte Firmen bei der Suche und Umsetzung von umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Möglichkeiten der Unternehmensführung.
Als er die Tür aufschloss, umfing ihn Stille. Er ging in sein Büro, das sich neben einer gemütlichen Wohnküche, seinem Schlafzimmer und einem kleinen Gästezimmer in seiner Wohnung befand. Zunächst kontaktierte er den Landschaftsgärtner. Er teilte ihm mit, dass sie den Auftrag im Jugendklub wie geplant durchführen würden. Er sah seine E-Mails durch und stutzte. Er war auf eine E-Mail-Adresse gestoßen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er fühlte sich in seine Schulzeit zurückversetzt. Sein Freund Chris hatte diese Adresse damals verwendet. Doch seit er nach Kanada gezogen war, hatte er sie nicht mehr benutzt. Neugierig öffnete Eric die E-Mail und begann zu lesen. Chris bat ihn um Hilfe. Er benötigte Geld, um mit seiner Frau Kanada zu verlassen. Die E-Mail war sehr kurz gehalten, doch Eric spürte die Dringlichkeit.
Er lehnte sich zurück und fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Chris musste in ernsten Schwierigkeiten stecken. Anders konnte Eric sich diese E-Mail nicht erklären. Sein Freund setzte sich für den Erhalt des Wood Buffalo Nationalparks ein. Wahrscheinlich war er mit seinem Engagement jemandem in die Quere gekommen. Chris war in seiner Mail sehr vage geblieben, also hielt er die Kommunikation nicht für sicher. Eric würde keine Fragen stellen.
Er sah im Internet nach, was eine Schiffspassage von Halifax nach Deutschland kostete. Er suchte nach dem günstigsten Angebot, doch die Preise der verschiedenen Anbieter unterschieden sich nicht wesentlich. Rund 2500 Euro musste man für diese Reise bezahlen. Er fragte sich, wie er auf die Schnelle 5000 Euro für Chris und seine Frau auftreiben sollte. Früher, als er noch bei der renommierten Firma Niesing & Hamilton Consulting gearbeitet hatte, wäre das kein Problem gewesen. Diesen Job hatte er jedoch verloren, ebenso wie den Kontakt zu vielen seiner damaligen Bekannten. Er passte nicht mehr in ein Leben, in dem der Schein das Wichtigste war. Er hatte seine eigene Firma eröffnet und hart daran gearbeitet, sie aufzubauen. Inzwischen war er so weit, dass er von den Einnahmen bescheiden leben konnte. Bisher war er aber noch nicht in der Lage gewesen, größere Reserven für Notfälle zu bilden. Im letzten Jahr hatte er sich mühsam 2000 Euro zusammengespart. Die Aufträge, die er bisher bekommen hatte, waren eher klein. Sie brachten nicht viel Geld ein. Große Firmen beauftragten etablierte Beratungsunternehmen wie Niesing & Hamilton Consulting.
Eric sah auf sein Handgelenk und betrachtete seine Uhr. Es war eine Omega Speedmaster Moonwatch Professional. Diese Uhr hatte er sich in seiner Zeit bei Niesing & Hamilton Consulting gekauft. Er hatte diese Uhr schon seit Jahren bewundert. Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, hatte eine Uhr getragen, in der dieses Uhrwerk verwendet worden war. Seitdem war sie als Moonwatch bekannt. Eric liebte das Design. Das schwarze Ziffernblatt und die silbernen Akzente strahlten eine Eleganz aus, die er bewunderte. Diese Uhr hatte seinen Erfolg symbolisiert. Er war mit der Arbeitsweise bei Niesing & Hamilton Consulting nicht immer einverstanden gewesen. Doch die Statussymbole, die er sich dank des großzügigen Gehaltes leisten konnte, hatten ihm gefallen.
Schweren Herzens dachte er darüber nach, dass er seine Moonwatch verkaufen musste, wenn er Chris helfen wollte. Neu hatte sie 4800 Euro gekostet. Eric hatte sie seinerzeit für 2500 Euro gekauft. Nun würde er wahrscheinlich um die 1500 Euro bekommen. Doch auch mit seiner Notfallreserve von 2000 Euro würde das Geld nicht ausreichen, um die Überfahrt für Chris und seine Frau zu bezahlen. Er brauchte noch eine andere Geldquelle. Wenn er einen lukrativen Auftrag an Land ziehen könnte, wäre sein Problem gelöst. Das war aber alles andere als einfach. Obwohl Eric sich im Business gut auskannte, war es meistens ein langwieriges Ringen, neue Kunden zu finden. Er sah nur eine Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen. Es gab einen Auftrag, den er vor kurzem abgelehnt hatte. Der Supermarktbesitzer hatte noch mehrmals nachgefragt, ob er seine Meinung nicht ändern wollte, doch Eric war bei seiner Entscheidung geblieben. Dieser Mann wollte keine solide Beratung. Er hatte herausgefunden, dass Eric früher bei Niesing & Hamilton Consulting gearbeitet hatte und nun wollte er von dem damit verbundenen Image profitieren.
Eric widerstrebte der Gedanke, doch das könnte die Lösung für sein Problem sein. Er würde diesen Supermarktbesitzer beraten und dafür würde dieser ordentlich bezahlen.
Er schrieb eine kurze Nachricht an Chris. Er würde ihm helfen, aber er benötigte ein paar Tage Zeit.
Eric kontaktierte Alfred Edelmann und teilte ihm mit, dass er seine Meinung geändert hatte. Er wollte den Termin so schnell wie möglich hinter sich bringen und vereinbarte, dass sie sich in einer Stunde treffen würden.
Wahrscheinlich würde er seine Uhr heute zum letzten Mal tragen. Mit einem Anflug von Wehmut betrachtete er das edle Stück bester Schweizer Uhrmacherkunst. Dann ging er in sein Schlafzimmer und zog sich seinen teuersten Anzug an.
Eric betrachtete das Gebäude skeptisch. Es war einer dieser alten Supermärkte, an dem bisher kaum etwas erneuert worden war. Er ging hinein und suchte nach dem Besitzer. Nach einigem Herumfragen fand er ihn schließlich in seinem Büro.
»Hallo, Herr Edelmann«, begrüßte Eric sein Gegenüber und schüttelte ihm die Hand.
Er fragte sich, ob das wirklich sein richtiger Name war.
»Herr Bergmann, es freut mich Sie zu sehen. Wie ich sehe, haben Sie noch einmal über mein Angebot nachgedacht«, stellte Alfred Edelmann großspurig fest.
»Nachdem Sie mich zum dritten Mal gebeten haben, den Auftrag zu übernehmen, konnte ich nicht mehr ablehnen.« Eric bedachte den Mann mit einem unverbindlichen Lächeln.
»Bitte setzen Sie sich. Möchten Sie einen Kaffee?«
»Vielen Dank, gerne«, antwortete Eric höflich. Er hatte in seiner Laufbahn schon häufiger mit unsympathischen Kunden zu tun gehabt und wusste, wie er sich verhalten musste.
Der Supermarktbesitzer drückte einen Knopf an einem Kaffeeautomaten. Das Brummen der Maschine erfüllte den Raum, gefolgt von dem intensiven Aroma des Getränks. Er reichte Eric die Tasse und dieser nahm einen Schluck. Der Kaffee schmeckte überraschend gut. Er war stark, aber nicht bitter und hatte eine feine Kakaonote.
»Guter Kaffee«, lobte Eric. »Verkaufen Sie den in Ihrem Laden?«
Alfred Edelmann schüttelte den Kopf. »Nein, diese Sorte gibt es hier nicht«, erwiderte er lachend. »Das Sortiment im Edelmarkt ist eher einfach gehalten. Aber jetzt erzählen Sie mal, was wollen Sie in meinem Laden verändern?«
»Bevor wir über Veränderungen sprechen, sollten wir die finanzielle Seite klären«, erwiderte Eric. »Ich verlange eine Vorauszahlung von 3000 Euro. Dafür erstelle ich Ihnen ein umfassendes Sanierungskonzept und vermittle Ihnen Handwerker, die die notwendigen Arbeiten ausführen. Wenn Sie möchten, dass ich die Arbeiten selbst überwache, werde ich die dafür benötigte Zeit stundenweise mit Ihnen abrechnen.«
»3000 Euro finde ich reichlich übertrieben. Ich hatte an 500 gedacht.«
»Herr Edelmann, für 500 Euro schalte ich nicht einmal meinen Computer an. 3000 sind ein Freundschaftspreis. Bei Niesing & Hamilton Consulting habe ich das Doppelte verlangt«. Eric blickte den Mann mit der überlegenen Arroganz an, die die Mitarbeiter des renommierten Beratungsunternehmens häufig an sich hatten. Er griff nach der Kaffeetasse und nahm einen Schluck. Alfreds Blick fiel auf Erics Uhr.
»Eine schöne Uhr haben Sie da«, sagte er, um Zeit zu gewinnen.
»Ja, das ist eine Omega Speedmaster Moonwatch Professional«, antwortete Eric und seine Stimme klang fast eine Spur herablassend.
Alfreds Augen blitzten begehrlich auf. Er ahnte, was so ein Modell wert sein musste.
»Die erste Uhr auf dem Mond, fantastisch.« Alfred Edelmann hatte von der Legende dieser Uhr gehört. »Bestimmt ist es schwer eines dieser Modelle zu finden.« Lauernd beobachtete er Erics Reaktion.
»Hören Sie, ich bin nicht hier, um über Uhren zu philosophieren. Entweder wir reden über das Geschäft oder ich gehe. Meine Zeit ist kostbar«, wies Eric den Mann zurecht.
»Wie wäre es, wenn ich Ihnen 1000 Euro bezahle?«, schlug Edelmann vor.
»Dieses Angebot ist inakzeptabel. Aber damit dieser Schandfleck von einem Laden endlich renoviert wird, bin ich bereit, die Arbeit für 2800 Euro zu erledigen.«
Nach langem Feilschen einigten sie sich schließlich auf 2300 Euro.
»Ich werde meinen Anwalt beauftragen, die Papiere fertig zu machen. Die Summe wird bei Vertragsunterzeichnung fällig. Sobald ich das Geld erhalten habe, werde ich mit der Arbeit beginnen«, sagte Eric.
Er verabschiedete sich und verließ das Büro. Ein ungutes Gefühl nagte an ihm. Er hoffte, dass sich Alfred Edelmann an die Vereinbarung halten und ihm das Geld pünktlich zahlen würde. Erics Anwalt würde den Vertrag absolut wasserfest gestalten müssen, damit Edelmann ihn nicht über den Tisch ziehen konnte.
»Wir haben das Geld. Ich habe eine E-Mail von Eric erhalten«, berichtete Chris erleichtert.
Rena sah von dem Dokument auf, das sie gerade las. Chris saß ihr gegenüber am Esstisch. Sie lebten in einem Holzhaus, das neben einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer nur noch über einen kleinen weiteren Raum verfügte. Die Einrichtung war in Naturtönen gehalten. Die warmen Farben des Holzes, das in Wänden und Böden verarbeitet war, harmonierten mit der grünen Couch, die zum Entspannen einlud. Ein paar farbige Akzente verliehen dem Haus Behaglichkeit. Sie sah ihren Mann an. Er war groß und hatte rotblondes Haar. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Seine Augen waren so strahlend blau wie der Himmel an dem schönen Sommertag, als ihr Chris als neuer Ranger vorgestellt worden war. Inzwischen hatten sich Sorgenfalten in sein Gesicht eingegraben. In den letzten Tagen hatte er sich ständig mit der Frage gequält, ob Eric ihnen helfen konnte.
»Wenn wir die billigsten Zugtickets nehmen, kommen wir mit unserem Geld bis nach Halifax.« Rena hatte viel Zeit damit zugebracht, die günstigsten Angebote für ihre Reise zu finden.
»Wäre es nicht besser, eine Kabine mit Bett zu nehmen? In deinem Zustand ist es nicht ratsam, mehrere Nächte in einem Zugsitz zu verbringen.« Chris warf seiner Frau einen besorgten Blick zu.
»Chris, das können wir uns nicht aussuchen. Wir haben nur noch 4000 Dollar. Alles andere ist für die Behandlungskosten meiner Mutter draufgegangen. Wenn wir die günstigsten Plätze im Zug nehmen, kostet das knapp 2000 Dollar. Außerdem brauchen wir Geld für Hotels. Wir haben zwischen den einzelnen Stationen unserer Reise an die Küste immer wieder ein paar Tage Aufenthalt.«
»Wie teuer ist eine Kabine?«
»Wenn wir eine Kabine für zwei Personen buchen, kostet uns die Zugfahrt 3400 Dollar. Die Reserve, die uns dann bleibt, ist zu gering. Glaub mir, ich hätte auf dieser Fahrt auch gerne ein Bett. Aber es muss leider ohne gehen. Ich werde das schon irgendwie schaffen.« Rena sah ihn entschlossen an.
»Ich habe gehofft, dass es diesem Polizisten nach ein paar Tagen langweilig wird, dich zu beobachten. Aber das ist nicht der Fall. Wir müssen uns irgendetwas einfallen lassen, wie wir unbemerkt verschwinden können.«
Rena hatte auf der Polizeiwache Krämpfe vorgetäuscht. Chris war zunächst nicht klar gewesen, dass diese Probleme nur gespielt waren. Er dachte mit Schaudern daran, wie das Telefon geklingelt hatte. Die 81jährige Rebekka hatte beobachtet, wie ein Polizist Rena genötigt hatte, in einen Streifenwagen zu steigen.
Chris war sofort zur Polizeiwache geeilt. Der wachhabende Polizist war Colin. Er kannte den Mann, so wie er fast jeden in Fort Chipewyan kannte.
»Ist meine Frau hier?« Noch immer hatte Chris an eine Verwechslung geglaubt.
»Ja«, hatte Colin geantwortet.
»Ich will sie sehen.«
»Das geht nicht. Sie wird gerade verhört.«
»Was wird ihr vorgeworfen?«
»Darüber darf ich im Moment keine Auskunft geben.«
»Was kann eine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist für ein Verbrechen begangen haben?« Der große Deutsche hatte sich bedrohlich vor dem Polizisten aufgebaut.
»Bitte geh jetzt, Chris!«
»Ich gehe erst, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass es ihr gut geht!«, hatte Chris stur erwidert. Er hatte versucht sein Gegenüber mit purer Willenskraft zum Einlenken zu bewegen. Colin hatte den unverwandten Blick erwidert, mit dem Chris ihn bedacht hatte. Dann hatte er nachgegeben.
»Warte hier«, hatte er zu Chris gesagt und war um die Ecke verschwunden.
Einen Moment später hatte Chris Colins besorgte Stimme gehört, gefolgt vom schmerzhaften Aufstöhnen einer Frau. Das musste Rena sein.
Chris war zu ihr geeilt und hatte Colin beiseitegeschoben. Er hatte sie fürsorglich gestützt. »Was ist mit dir?« Seine Stimme hatte vor Besorgnis gezittert.
»Rena hatte die Augen geschlossen. »Das Baby«, hatte sie geflüstert.
»Sie muss sich hinlegen. Außerdem brauchen wir die Hebamme!« Chris hatte sich an Colin gewandt. Mit dem anderen Polizisten hatte er sich nicht abgegeben. Er wusste, dass dieser Mann kein Funken Mitleid besaß.
»Das Verhör ist noch nicht beendet.« Der Polizist war verärgert gewesen, dass seine Autorität untergraben worden war.
»Das ist ein medizinischer Notfall!«, hatte Chris ihn angeherrscht. Er hatte Rena auf die Arme gehoben und trug sie zum Ausgang.
»Bleiben Sie sofort stehen!«, hatte der Polizist ihm nachgerufen.
»Ich werde meine Frau nach Hause bringen und dafür sorgen, dass die Hebamme sich um sie kümmert. Danach können Sie mich verhaften, wenn Sie ernsthaft der Meinung sind, dass ich gegen ein Gesetz verstoßen habe«, antwortete Chris über die Schulter hinweg.
»Ich werde euch nach Hause fahren.« Colin hatte sich den Autoschlüssel des Streifenwagens geschnappt und war Chris und Rena nach draußen gefolgt.
Die Hebamme des Ortes hatte Rena gedeckt. Sie hatte bestätigt, dass die Schwangerschaft in Gefahr war. Sie verordnete ihr Bettruhe und verbot jegliche Aufregung. Das schloss Verhöre durch die Polizei aus. Seitdem konnte Rena das Haus nicht mehr verlassen. Besucher durften sie nur auf der Couch oder im Bett antreffen. Ihr fiel es schwer die kranke Frau zu mimen. Sie fühlte sich eingesperrt und zur Untätigkeit verdammt.
»Ich muss zur Arbeit«, bemerkte Chris. »Pass gut auf unser Baby auf und mach keine Dummheiten.«
Rena musste lächeln. So verabschiedete er sich in den letzten Tagen immer von ihr. Er gab ihr einen Kuss und streichelte sanft ihren Bauch. Sein Gesichtsausdruck wurde weich und zärtlich, als er eine Bewegung des Babys spürte.
Unvermittelt klopfte es. Erschrocken sah Rena ihren Mann an. Sie erwarteten keinen Besuch.
»Leg dich auf die Couch«, flüsterte Chris ihr zu.
Eilig erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging die wenigen Schritte durch den Raum. Anspannung war in Chris Gesicht zu erkennen, als er die Tür öffnete.
»Hallo Ivy«, begrüßte er dann die Hebamme erleichtert. Chris lebte seit Tagen in der Angst, dass die Polizei sich nicht mehr länger vertrösten lassen würde.
»Hast du ein paar Minuten Zeit?«, erkundigte sich Ivy, während sie eintrat.
Chris nickte und schloss die Tür hinter ihr.
»Wie geht es dir?«, fragte Ivy, an Rena gerichtet.
»Gut«, erwiderte diese. Die Müdigkeit hatte allerdings deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Vor wenigen Tagen hatte sie erfahren, dass ihr Vater schwer krank war. Er hatte Krebs. Es war ein Schock gewesen, das zu erfahren. Ihre Mutter war erst vor wenigen Monaten an dieser Krankheit gestorben. Die Sorge um ihren Vater und ihre eigene Sicherheit hielten sie nachts oft für viele Stunden wach.
Ivy nickte nach einem wissenden Blick in Renas Gesicht.
»Habt ihr euch Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll?«, fragte sie. Die Hebamme war eine resolute Frau. Sie war schlank und wirkte beinahe drahtig. Ihr schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen.
»Ja«, antwortete Rena. Sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. »Wir wollen so schnell wie möglich aus Fort Chipewyan weg.«
»Das Problem ist, dass wir unter Polizeibeobachtung stehen. Wir wissen nicht, wie wir den Ort unbemerkt verlassen können«, ergänzte Chris.
»Ihr müsst weiter abwarten. Irgendwann werden sie es leid sein, eine bettlägerige Frau zu observieren. Wisst ihr, wo ihr untertauchen könnt?«, fragte Ivy.
»Vielleicht bei Tyrell«, überlegte Rena.
»Bei deinem Cousin?«, fragte Chris ungläubig.
»Tyrell ist als Unruhestifter bekannt. Ich glaube nicht, dass ihr bei ihm sicher seid«, gab Ivy zu bedenken.
»Aber möglicherweise kennt er jemanden, bei dem wir für eine Weile bleiben können«, warf Rena ein. »Außerdem könnte er uns ein Boot besorgen. Ich werde ihn anrufen.«
»Nein, lass mich das machen«, schaltete sich Ivy ein. »Du stehst unter Beobachtung und mit Sicherheit werden auch deine Telefongespräche überwacht.«
»Ich denke, inzwischen trauen sie dir auch nicht mehr über den Weg. Sie wissen nicht, ob du in Bezug auf Rena die Wahrheit sagst oder sie nur decken willst«, bemerkte Chris.
»Das ist richtig, aber ich habe meine eigenen Wege, um mit Leuten wie Tyrell Kontakt aufzunehmen, ohne dass ENTAL davon Wind bekommt. Tyrell hat regelmäßig Kontakt mit einem meiner Neffen. Wenn ich dem eine Nachricht hinterlasse, wird Tyrell mich auf dem Handy meines Neffen zurückrufen. Dann klingt das Ganze nach einem Telefongespräch, in dem eine Tante ihren Neffen fragt, wann er sie mal wieder besuchen kommt.«
»Also gut«, willigte Chris ein. Die Anspannung war ihm deutlich anzumerken. »Ich muss zur Arbeit. Ich bin schon ziemlich spät dran.« Er gab Rena einen Kuss, verabschiedete sich von Ivy und verließ das Haus.
»Nun wollen wir mal sehen, wie es dem Baby geht«, sagte Ivy an Rena gewandt.
Chris öffnete die Haustür und spähte in die Dunkelheit. Der große Wanderrucksack auf seinem Rücken versperrte Rena die Sicht nach draußen. Er gab ihr ein Zeichen und sie verließen lautlos ihr Haus. Die beiden eilten durch den Ort und verbargen sich in den Schatten der Häuser. Obwohl es mitten in der Nacht war, war es um diese Jahreszeit nicht so dunkel, wie sie es sich gewünscht hätten. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für eine Flucht hätte man nicht wählen können. Doch Chris und Rena blieb keine Wahl. Sie hofften, dass die Leute im Ort jetzt tief und fest schliefen. Die Aufmerksamkeit der Polizei hatte in der letzten Woche endlich nachgelassen. In diesem Punkt hatte Ivy Recht behalten. Vor drei Tagen hatte Rena sich von ihrem Vater verabschiedet. Es ging ihm immer schlechter und er hatte nicht mehr die Kraft, sie jeden Tag zu besuchen. Chris hatte vermutet, dass sie nach einem Treffen mit Renas Vater wieder genauer beobachtet werden würden. Aus diesem Grund hatten sie ein paar Tage verstreichen lassen, bevor sie die Flucht wagten. Rena war es unglaublich schwer gefallen weiterhin Schwangerschaftsprobleme vorzutäuschen. Ihr Vater benötigte ihre Hilfe, doch sie war zur Passivität verdammt. Dieser Abschied lastete sehr schwer auf ihr, denn sie wusste, dass es ein Abschied für immer war.
Sie kamen am Friedhof vorbei und Rena blieb stehen.
»Was ist?«, wisperte Chris.
»Ich brauche einen Moment«, flüsterte Rena und betrat den Friedhof.
Die Morgendämmerung kam unaufhaltsam näher und sie war in der Lage die Grabinschriften zu lesen. Sie ging zum Grab ihrer Mutter und berührte mit der Hand den kleinen weißen Zaun, der das Grab umgab. In einem stummen Zwiegespräch verabschiedete sie sich ein letztes Mal. Sie ließ ihren Blick über die anderen Gräber schweifen. Viele der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten, hatte Rena gekannt. Mit einigen war sie befreundet gewesen.
»Wir müssen weiter. Es ist schon fast hell«, erinnerte Chris seine Frau und nahm ihre Hand.
Rena wandte dem Friedhof den Rücken zu und sie eilten weiter. Nachdem sie das letzte Haus passiert hatten, sahen sie eine Gestalt in den dunklen Schatten der Bäume. Rena hielt unwillkürlich den Atem an. Chris trat beschützend vor sie. Vorsichtig näherten sie sich. Dann erkannten sie Tyrell. Sie begrüßten den jungen Mann und folgten ihm.
»Ich habe das Boot am Ufer versteckt. Wir müssen eine halbe Stunde laufen. Näher wollte ich nicht an den Ort heranfahren. Sonst hätte der Motor uns verraten «, sagte Tyrell.
Sie fuhren in dieser Nacht nur ein Stück des Weges und versteckten sich am Tag im Wald. In der nächsten Nacht würden sie auf dem Athabasca River das Firmengelände von ENTAL passieren.
Isabella schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie brauchte einen Moment, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Dann hörte sie das Geräusch wieder. Jemand hämmerte an die Tür. Sie spürte eine Bewegung neben sich im Bett.
»Zieh dich an«, wisperte sie dem Mädchen zu, das neben ihr geschlafen hatte.
Lautlos glitt Isabella aus dem Bett und schlüpfte in ihre Sachen. Sie öffnete die Tür des Schlafzimmers und sah auf dem Flur Tom, ihren Mitbewohner.
»Erwartest du jemanden?«, erkundigte sie sich flüsternd.
»Nein«, antwortete Tom ebenso leise.
Isabella schlich ins Büro und überprüfte an ihrem Computer die Bilder, die die Überwachungskamera an der Tür ihr lieferten. Sie sah drei Personen. Zwei davon hatte sie noch nie gesehen. Denjenigen, der an die Tür hämmerte, kannte sie.
»Du kannst aufmachen, es ist Tyrell«, rief sie Tom zu. Sie überprüfte die Bilder der Infrarotkameras, die sie im Wald verteilt hatte. Niemand schien die drei zu verfolgen. Isabella ging in den Flur, um ihre nächtlichen Besucher näher in Augenschein zu nehmen.
Eine hochschwangere Frau und ein Mann mit rotblonden Haaren hatten die Hütte betreten. Tyrell folgte ihnen und stellte die Besucher als Chris und Rena vor.
Rena schwankte vor Erschöpfung und Isabella beeilte sich, sie in das winzige Gästezimmer zu bringen. Sie zog ihr die Schuhe aus. Rena ließ sich ansonsten voll bekleidet auf das Bett sinken.
»Danke«, murmelte Rena und versuchte ihre Augen aufzuhalten, um die blonde Frau näher in Augenschein zu nehmen.
»Schlaf erst einmal. Alles andere hat bis morgen Zeit«, sagte Isabella und deckte Rena zu.
»Wie heißt du?«
»Mein Name ist Amy«, antwortete Isabella und nannte den Namen, den sie sich an dem Tag zugelegt hatte, als sie kanadischen Boden betreten hatte.
Rena schloss erschöpft ihre Augen und war fast im selben Moment eingeschlafen.
Nachdem Rena sich ausgeschlafen hatte, versorgte Isabella sie mit Essen.
Fragend sah Rena sich um. Isabella verstand ihren Blick richtig. »Tom und Chris sind nach Fort McMurray gefahren. Chris wollte Kontakt mit einem Freund aufnehmen und wir hielten es für sicherer, wenn er es an einem belebten Ort tut, an dem viele Leute das Internet nutzen.«
»Und wo ist Tyrell?« Rena nippte an ihrem Tee und aß den Haferbrei, den Isabella für sie gemacht hatte.
»Er bringt das Boot zurück.«
Rena nahm ihr Gegenüber genauer in Augenschein. Die Frau hatte grüne Augen und musste um die 30 Jahre alt sein.
»Kommst du aus Deutschland?«, fragte Rena unvermittelt und griff nach dem Apfel, der vor ihr auf dem Tisch lag.
»Wie kommst du darauf?«
Rena glaubte einen Anflug von Besorgnis aus ihrer Stimme herauszuhören.
»Dein Akzent erinnert mich an den meines Mannes. Er ist vor einigen Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen.«
»Meine Eltern sind aus Schweden eingewandert, als ich noch ein Kind war. Ich bin meinen Akzent nie richtig losgeworden«, erklärte Isabella beiläufig.
Rena wusste nicht, wie Schwedisch klang. Doch sie würde Chris fragen, ob es dem Deutschen ähnlich war.
Am Nachmittag kehrten die Männer zurück. Chris hatte eine merkwürdige Nachricht von Eric erhalten.
»Unser Freund hat mir nahegelegt, in einem Onlineshop eine Publikation zu kaufen«, berichtete Chris seiner Frau. Sie hatten beschlossen, keine Namen zu nennen und auch ihr Reiseziel nicht zu verraten. »Ich habe sie gekauft, aber ich verstehe nicht, was das soll. Ich habe gedacht, darin will er mir irgendwelche Informationen weitergeben. Doch ich kann nichts entdecken.«
»Zeig mal«. Rena streckte die Hand aus. Sie studierte den Text intensiv, doch auch sie konnte keine tiefere Bedeutung erkennen.
»Kann ich es mir einmal ansehen?«, fragte Isabella.
Sie überflog das Geschriebene. »Das ist eine Branchenstudie über erneuerbare Energien in Kanada. Es gibt keinen Grund, für diese Informationen Geld zu bezahlen. Die kann man auch kostenlos herunterladen.« Chris und Rena sahen sich ratlos an. »Wie hast du bezahlt?«, fragte sie weiter.
»Es gab nur die Möglichkeit, per Bankeinzug zu zahlen«, antwortete Chris.
»Wenn der Onlineshop eurem Freund gehört, hat er auf diese Weise eure Kontodaten erhalten«, stellte sie fest.
»Natürlich, das ist es. Jetzt kann er uns das Geld überweisen, ohne dass wir unsere Bankverbindung per E-Mail verschicken müssen«, sagte Chris erleichtert.
Nachdem sie die Gastfreundschaft von Tom und Isabella eine weitere Nacht in Anspruch genommen hatten, nahmen Rena und Chris den Bus nach Edmonton. Sie verbrachten einen Großteil des warmen sonnigen Tages in einem der vielen Parks der Stadt. Am Abend begaben sie sich zum Bahnhof. Sie waren nervös, aber die Polizei schien den Bahnhof nicht zu überwachen. Der Zug nach Toronto fuhr kurz vor Mitternacht.
Rena verbrachte drei unbequeme Nächte auf ihrem Sitz und hätte alles für ein Bett gegeben. Sie war erleichtert, als sie Toronto erreichten und sie den Zug verlassen konnte. In Toronto wollten sie Geld von der Bank abholen. Falls die Polizei diese Transaktion beobachtete, hätte sie einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Aus diesem Grund wollten sie nach dem Termin bei der Bank unverzüglich in den nächsten Zug steigen und die Stadt verlassen. Toronto bot viele Reisemöglichkeiten in verschiedene Richtungen und sie hofften, so ihre Spur verwischen zu können.
Chris prüfte den Kontostand und musste feststellen, dass das Geld nicht da war. Sie waren gezwungen sich ein Hotel zu suchen und zu warten. Rena war zunächst erleichtert, dass sie die Nacht in einem richtigen Bett verbringen konnte, doch die unbequeme Matratze in dem billigen Hotel brachte nicht die gewünschte Erleichterung. Auch am nächsten Tag war das Geld nicht eingetroffen. Die beiden wurden immer nervöser und beratschlagten, was sie tun sollten. Sie beschlossen, noch einen Tag abzuwarten. Wenn sich in dieser Zeit nichts tat, würden sie das Risiko eingehen und Eric kontaktieren.
Am nächsten Nachmittag war das Geld endlich eingetroffen. Chris holte es von der Bank ab und sie setzten ihre Reise nach Montreal fort. Ihren Anschlusszug nach Halifax verpassten sie um eine halbe Stunde. Sie mussten drei Tage in Montreal verbringen, bis der nächste Zug nach Halifax ging.
Noch einmal stand Rena eine unbequeme Nacht in einem Zug bevor, dann hatten sie endlich die Küste erreicht. Sie hatten durch ihre ungeplanten Aufenthalte fünf Tage verloren. Das Schiff, das sie nach Deutschland bringen sollte, hatten sie verpasst.
Sie fuhren zum Hafen, um ein anderes Schiff zu finden. Sie erfuhren, dass in vier Tagen das nächste Schiff einlief, das Passagiere mit nach Europa nahm. Wieder waren sie gezwungen sich ein Hotel zu suchen. Ungeduldig erwarteten sie die Ankunft des Schiffes, das sie endlich aus Kanada wegbringen würde.
Vier Tage später gingen sie zum Hafen, um mit dem Kapitän den Preis für die Überfahrt auszuhandeln. Doch nach einem Blick auf Renas dicken Bauch lehnte er es ab, sie mitzunehmen. Er wollte keine Probleme mit einer Schwangeren haben. Das Schiff verließ den Hafen ohne sie. Sie mussten eine weitere Woche abwarten, bis sich ihre nächste Chance bot. Diesmal blieb Rena im Hotel, während Chris die Passage buchte.
Als sie gemeinsam an Bord gingen, trafen sie nur ein paar Mannschaftsangehörige an. Einer kontrollierte ihr Ticket. Ansonsten bedachte er sie nur mit einem flüchtigen Blick. Vorsichtshalber blieben sie in ihrer Kabine, bis das Schiff den Hafen verlassen hatte. Nun gab es für den Kapitän keine Möglichkeit mehr, ihnen die Überfahrt zu verweigern.
Eric sah noch einmal seine Unterlagen für das Gespräch mit Alfred Edelmann durch, doch immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Seit Wochen hatte er nichts mehr von Chris gehört. Er fragte sich, was passiert war. Er konnte Chris keine E-Mail schicken, denn er befürchtete, dass er Chris damit in Schwierigkeiten bringen würde. Eric war sehr vorsichtig gewesen. Er hatte sich von Hank, einem befreundeten Computerspezialisten, in Windeseile einen Onlineshop einrichten lassen, um Chris' Kontoverbindung zu erhalten. Sein Freund Marc hatte das Geld an Chris überwiesen. Marc leitete eine Umweltorganisation und lebte in Brüssel. Auf diese Weise führte keine Spur nach Berlin.
Eric riss seine Gedanken mühsam von diesem Thema los. Er musste sich darauf konzentrieren, Edelmann das Konzept für seinen Supermarkt vorzustellen. Es war an der Zeit, das Geld zu verdienen, das er Chris bereits überwiesen hatte. Er würde seine ganze Konzentration brauchen, damit Edelmann ihn nicht übervorteilte. Er packte seinen Laptop ein und zog seinen Anzug an. Er bemühte sich, mit dem Anzug auch wieder in die Rolle des arroganten Beraters zu schlüpfen. Seine Moonwatch hatte er verkauft. Sein Handgelenk fühlte sich ohne die Uhr nackt an.
Eric ging die zehn Minuten zum Edelmarkt zu Fuß. Er schritt durch den Laden und sah sich um. Er hatte das Gebäude in den letzten Wochen intensiv besichtigt und viele Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet, die sowohl den Energieverbrauch reduzieren würden, als auch ein angenehmeres Ambiente schaffen konnten.
Eric betrat das Büro des Besitzers. Er stellte seinen Laptop auf den Schreibtisch, begrüßte Edelmann und rief eine Animation des Supermarktes auf.
»Beginnen wir mit der Gebäudehülle Ihres Ladens. Diese ist bisher nicht gedämmt worden. Im Winter muss deutlich mehr geheizt und im Sommer stärker gekühlt werden, als es mit einer guten Außendämmung notwendig wäre. Außerdem sind die Fenster hier sehr alt. Ich schlage Ihnen vor, neue Dreischeiben-Wärmeschutzglasfenster zu installieren.«
»Das klingt aber ziemlich teuer«, warf Edelmann ablehnend ein.
»Durch diese Maßnahmen können Sie viel Geld für Heizung und Kühlung Ihres Ladens einsparen«, entgegnete Eric. Dann fuhr er mit seinem Konzept weiter fort. »Auf dem großen Flachdach können Sonnenkollektoren installiert werden, um Strom zu produzieren. Die Stromproduktion kann durch kleine Windturbinen auf dem Parkplatz ergänzt werden.«
»Windturbinen auf dem Parkplatz, das gefällt mir.« Edelmann nickte zustimmend.
»Ein Gebäude wie dieses verschlingt viel Energie für die Beleuchtung. Ich nehme an, dass Sie bereits alles auf LED-Lampen umgestellt haben?«
»Natürlich«, sagte Edelmann herablassend. Das Einsparpotenzial dieser Maßnahme hatte er selbst erkannt.
»Allerdings müssen Sie fast den gesamten Innenbereich künstlich beleuchten, da es nicht ausreichend Fenster gibt. Durch einen Einbau von Oberlichtern im Dach wird das Tageslicht besser genutzt und viele Ihrer Lampen sind dann überflüssig.«
»Sie wollen Löcher in mein Dach bohren?«, bemerkte Edelmann skeptisch. »Nicht, dass es dann undicht wird.«
»Ich versichere Ihnen, dass es Firmen gibt, die in der Lage sind Oberlichter einzubauen, ohne dass es hinterher in Ihren Laden tropft.« Eric war genervt von diesem Mann. »Oberlichter, die natürliches Licht in das Gebäude lassen, schaffen außerdem ein angenehmeres Ambiente. Das wäre gut für Ihre Mitarbeiter.«
»Ich gebe doch kein Geld aus, damit sich die Mitarbeiter hier wohl fühlen. Die sollen arbeiten. Mein Laden ist keine Wellnessoase!«
»Studien haben ergeben, dass Angestellte produktiver sind, wenn sie nicht den ganzen Tag in künstlicher Beleuchtung arbeiten müssen, sondern in Räumen tätig sind, in denen Tageslicht vorhanden ist. Außerdem wäre es für die Kunden angenehmer, sie würden länger im Laden verweilen und mehr kaufen.« Dieses Argument gab Alfred Edelmann zu denken. »Für die Bereiche, die weiterhin künstlich beleuchtet werden müssen, ist es ratsam, Anwesenheitssensoren einzubauen, so dass das Licht gedimmt oder abgeschaltet wird, wenn sich niemand dort aufhält.«
Dagegen sagte Edelmann zur Abwechslung einmal nichts.
Eric fuhr weiter fort. »Die Überprüfung des Leitungssystems von Heizungen und Klimaanlagen hat ergeben, dass diese schlecht isoliert sind. Hier müssen die Lecks beseitigt werden.«
»Die Heizung und die Klimaanlage des Ladens funktionieren tadellos. Da ist absolut nichts kaputt!«, erwiderte Edelmann aufgebracht.
»Ich habe nicht gesagt, dass sie nicht funktionieren. Aber sie könnten effizienter arbeiten, wenn sie besser isoliert wären«, erwiderte Eric geduldig. »Bleibt noch ein Punkt. Die Kühlschränke für die Milchprodukte im Laden haben keine Türen. Sie benötigen viel Energie, um die Waren kalt zu halten. Die anderen Bereiche müssen Sie dagegen stärker heizen. Wenn Sie Kühlschränke mit Türen anschaffen, können Sie auch hier noch einmal sparen. Außerdem empfehle ich Ihnen, in Zukunft Ökostrom zu beziehen«, schloss Eric seine Vorschläge ab.
»Das klingt ja sehr interessant, aber ich glaube nicht, dass derartig umfassende Veränderungen notwendig sind«, sagte Alfred Edelmann ablehnend.
»Mit diesen Maßnahmen kommt der Edelmarkt auf den aktuellen technischen Stand. Im Moment ist das Gebäude hoffnungslos veraltet.«
»Die Idee mit den Windturbinen finde ich gut. Die Anwesenheitssensoren für das Licht und neue Kühlschränke sind auch in Ordnung. Über die Oberlichter werde ich noch einmal nachdenken, aber den Rest finde ich übertrieben.« Alfred Edelmann hatte sich die Maßnahmen herausgesucht, die für die Kunden eine offensichtliche Veränderung darstellten. Dem Mann ging es nicht um tatsächliche Verbesserungen. Er wollte sich nur einen ökologischen Anstrich geben.
»Eine detaillierte Kosten-Nutzenanalyse habe ich hier.« Eric erläuterte ausführlich, wie hoch die einzelnen Kosten der Maßnahmen waren und wie schnell sich diese amortisieren würden.
»Ich bin sicher, dass die von mir ausgewählten Veränderungen ausreichend sind. Den Rest brauche ich nicht«, lehnte Edelmann kategorisch ab.
»Wenn es das ist, was Sie wollen, werde ich Ihre Wünsche in Auftrag geben.« Eric sehnte das Ende dieses Termins herbei.
»Da Sie viele Vorschläge gemacht haben, die ich nicht benötige und ich nur einen kleinen Teil ihrer Ideen umsetzen werde, verlange ich einen Teil des Honorars zurück«, stellte Edelmann unverschämt fest.
Eric hätte sich denken können, dass der Mann versuchte, ihn um sein Geld zu betrügen.
»Herr Edelmann, die bisher vereinbarte Bezahlung hängt nicht davon ab, wie viele meiner Vorschläge Sie annehmen oder ablehnen. Sie bezahlen mich dafür, dass ich Ihnen ein Konzept erstellt habe, wie der Laden energieeffizienter gestaltet werden kann und das habe ich getan. Für den Fall, dass ich Ihr Projekt weiterhin betreuen soll, werden zusätzliche Zahlungen fällig. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie Ihr Geld zurück haben wollen, weil Ihnen meine Ideen nicht zusagen, sollten Sie unseren Vertrag noch einmal intensiv studieren. Diese Möglichkeit ist darin ausdrücklich ausgeschlossen. Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie sprechen mit meinem Anwalt oder wir setzen die von Ihnen gewünschten Maßnahmen um«, wies Eric den Mann in seine Grenzen.
Alfred Edelmann sah sein Gegenüber grimmig an. Er hatte die Zähne fest aufeinander gebissen und schien vor Wut zu kochen.
Eric stand auf und nahm sein Laptop. »Geben Sie mir Bescheid, wofür Sie sich entschieden haben«, sagte er kühl und verließ den Raum.
Innerlich schäumte er. Er hatte schon viele unangenehme Kunden erlebt, doch dieser Mann war der Schlimmste von allen. Eiligen Schrittes verließ er den Laden und ging aufgebracht nach Hause. Den Auftrag würde er so schnell wie möglich hinter sich bringen, denn mit diesem schmierigen Halsabschneider wollte er so wenig wie möglich zu tun haben. Ihm taten die Leute leid, die im Edelmarkt angestellt waren.
Der Termin hatte länger gedauert, als Eric gedacht hatte. Inzwischen war es bereits Nachmittag. Die Sonne schien und es war drückend heiß. Eric kam an einem Café vorbei. Ihm fiel auf, dass nur die Plätze unter den Sonnenschirmen belegt waren. Die Menschen suchten im Schatten nach ein wenig Abkühlung. Sein Blick blieb zufällig an einem Schopf auffällig rotblonder Haare hängen. Er zögerte und nahm den Mann genauer in Augenschein. Dieser musterte Eric ebenfalls.
»Chris?« fragte Eric.
Der Angesprochene stand auf und grinste Eric breit an. Eric drängelte sich an ein paar anderen Gästen vorbei zu Chris. Die beiden Männer umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.
»Ihr seid da. Ist alles in Ordnung mit euch?« Eric blickte von Chris zu der schwarzhaarigen Frau, die an dem kleinen Kaffeetisch saß. Sie hielt ein Baby im Arm.
»Ja, die Reise hat länger gedauert als geplant, aber wir sind endlich da«, erwiderte Chris. In seiner Stimme schwang Freude und Erleichterung mit. »Das ist meine Frau Rena.«
»Es freut mich, dich kennen zu lernen.«
»Nice to meet you«, erwiderte Rena lächelnd.
»Ich wusste nicht, dass euer Baby schon da ist«, sagte Eric verwundert.
»Sie ist auf dem Schiff zur Welt gekommen, vier Wochen zu früh«, erklärte Rena in überraschend gutem Deutsch.
Chris wurde bei der Erinnerung daran blass.
»Geht es euch gut?«, Eric sah Rena besorgt an.
Rena nickte. »Ja, ich habe schon ein paarmal bei Geburten mitgeholfen. Außerdem hat meine Hebamme mir für den Notfall erklärt, was wir beachten müssen.«
»Ich fand das schrecklich. So etwas möchte ich nie wieder erleben. Falls wir jemals wieder ein Kind bekommen, möchte ich, dass es in einem Krankenhaus mit ganz vielen Hebammen und Ärzten geboren wird, die sich um alles kümmern«, sagte Chris schaudernd. Die Geburt seiner Tochter hatte ihn sichtlich mitgenommen.
»Man braucht keine Ärzte, um ein Kind zu bekommen. Zu Hause hatten die meisten Frauen auch keinen Arzt. Solange es keine Komplikationen gibt, können Frauen das alleine und Komplikationen hatten wir nicht.« Rena legte Chris besänftigend ihre Hand auf den Arm. Sie schien das Erlebnis deutlich besser verarbeitet zu haben als ihr Mann.
»Zum Glück! Denn mitten auf dem Atlantik hätte uns niemand helfen können«, stellte Chris fest.
Eric hatte der Unterhaltung fasziniert gelauscht. »Wie heißt eure Tochter denn?«
»Sie heißt Melissa«, antwortete Chris mit einem stolzen Blick auf das Baby.
»Ihr seid bestimmt müde. Lasst uns in meine Wohnung gehen«, schlug Eric vor.
Die drei verließen das Café.
»Wie lange wartet ihr schon?«, fragte Eric.
»Wir sind seit ungefähr einer Stunde da. Wir haben bei dir geklingelt, aber es hat keiner aufgemacht. Also haben wir uns in das Café gesetzt und gehofft, dass wir dich sehen, wenn du nach Hause kommst«, erklärte Chris.
Sie betraten die Wohnung und Eric zeigte ihnen das Schlafzimmer, das sie in Zukunft bewohnen würden.
»Wollt ihr euch ausruhen, während ich etwas zu essen besorge?«, erkundigte sich Eric. Ihm war die Erschöpfung nicht entgangen, die sich in Renas Gesicht abzeichnete.
»Ja, gerne«, antwortete Rena verhalten.
Eric schulterte einen großen Rucksack und ging zur Markthalle. Auf dem flachen Gebäude thronte ein riesiges Gewächshaus. Eric wusste, dass es nicht nur ein simples Gewächshaus war. In diesem Bauwerk wurden Pflanzen mittels Hydrophonik angebaut. Dank dieser Technologie benötigten sie keine Erde, so dass eine Menge Gewicht gespart werden konnte. Das war wichtig, um die Traglast des Daches nicht zu überschreiten. Die Hydrophonik bot außerdem noch weitere Vorteile. Die Pflanzen benötigten weniger Wasser und es mussten keine Pestizide eingesetzt werden. Um Blattläuse zu bekämpfen wurden einfach Marienkäfer im Gewächshaus ausgesetzt. Eric blickte stolz auf die Konstruktion. Es war eines seiner Projekte.
Eric ging in die Markthalle und erstand Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und frische Kräuter, die am Morgen auf dem Dach geerntet worden waren. Damit würde er eine Nudel-Zucchini-Pfanne zubereiten. Dann besorgte er alles andere, was sie in den nächsten Tagen benötigen würden.
»Jetzt erzählt doch mal, warum ihr so lange nach Deutschland gebraucht habt«, erkundigte sich Eric, während sie in seiner geräumigen Wohnküche aßen. Vor der dritten Ölkrise, als Flugzeuge noch allgegenwärtig gewesen waren, hätte die Reise nur einen Tag gedauert und sich nicht über Wochen hingezogen. Inzwischen standen Flugzeuge nur noch Privilegierten zur Verfügung.
»Eigentlich wollten wir das Geld, das du uns überwiesen hast, in Toronto von der Bank abholen. Wir haben diese Stadt dafür ausgewählt, weil wir hofften, dass es dort schwierig sein würde, unsere Spur zu verfolgen. Doch als wir in Toronto angekommen waren, war das Geld noch nicht da. Wir mussten zwei Tage in der Stadt warten. Als wir das Geld endlich hatten, sind wir weiter gefahren. Allerdings haben wir unseren Anschlusszug nicht mehr erreicht und dadurch insgesamt fünf Tage verloren«, erzählte Chris und schob sich eine Gabel mit Nudeln in den Mund.
»Ich hatte die Zusage eines Kunden für die Anzahlung eines Auftrages. Allerdings hat er nicht pünktlich gezahlt. Es hat ein paar Tage gedauert, an das Geld zu kommen«, erklärte Eric bedauernd.
»Als wir in Halifax angekommen sind, war das Schiff fort, mit dem wir fahren wollten. Das nächste hat uns nicht mitgenommen, weil ich schwanger war.« Rena aß mit Appetit weiter.
»Dieser Mistkerl von Kapitän hat uns einfach stehen gelassen«, sagte Chris und fuchtelte erbost mit der Gabel in der Luft. »Seinetwegen mussten wir noch eine Woche warten, bis das nächste Schiff ankam, auf dem wir mitfahren konnten. Dieses Mal sind wir kein Risiko eingegangen. Ich bin alleine zum Hafen gegangen, um unsere Passage zu buchen. Dann haben wir abgewartet, bis der Kapitän anderweitig beschäftigt war, um an Bord zu gehen. Zum Glück hat es geklappt. Sonst würden wir wahrscheinlich jetzt noch in Halifax festsitzen«, sagte er grimmig. »Insgesamt haben wir zwei Wochen verloren und wenn das nicht passiert wäre, wäre unser Kind in einem anständigen Krankenhaus in Deutschland geboren worden.«
Eric wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Schließlich hatte er einen Teil zu der Verzögerung beigetragen. Rena bemerkte seine Verlegenheit.
»Wir danken dir, dass du uns geholfen hast. Das war sehr großzügig von dir und es war bestimmt nicht einfach«, sagte sie an Eric gewandt.
»Ich bin froh, dass ich euch helfen konnte. Aber warum musstet ihr Kanada so überstürzt verlassen?«
»Als wir erfahren haben, dass Rena schwanger ist, haben wir beschlossen aus Fort Chipewyan wegzuziehen. Es gibt in der Gegend sehr viele Krebsfälle und wir wollten, dass unser Kind gesund aufwachsen kann«, sagte Chris, der sich wieder beruhigt hatte.
»Meine Mutter ist vor einigen Monaten gestorben. Sie hatte Krebs«, erklärte Rena. »Mein Vater ist auch an Krebs erkrankt «, fügte sie leiser hinzu.
»Das tut mir leid«, sagte Eric betroffen.
»Wir wollten nicht, dass Melissa krank wird und das wäre bestimmt passiert, wenn wir geblieben wären.«
»Das liegt an dieser verdammten Ölfirma. Die sind nur darauf fixiert, wie sie ihren Gewinn steigern können. Was sie dabei anrichten, ist ihnen egal.« Wut klang in Chris' Stimme mit. »Beim Ölsandabbau wird das Wasser vergiftet. Die giftigen Abwässer, die die Ölfirma verursacht, gelangen in das Grundwasser und in den Athabasca River. Kein Wunder, dass die Menschen Krebs bekommen. Es ist inzwischen fast unmöglich an sauberes Trinkwasser zu gelangen und die Fische aus dem Athabasca River sind ungenießbar.«
Chris war Ranger im Wood Buffalo National Park gewesen. Er hatte viele Jahre Arbeit in den Erhalt und Schutz dieses Nationalparks investiert. Nun musste er mit ansehen, wie der Nationalpark immer weiter zerstört wurde. Er und seine Frau hatten versucht, sich gegen die Ölfirma zu wehren, doch sie war zu mächtig.
»Wir wollten aus Fort Chipewyan wegziehen. Ich habe mich um einen Job in einem anderen Nationalpark bemüht. Im Jasper Nationalpark sah es sehr gut aus, aber dann wurde Rena verhaftet.«
»Verhaftet?« Eric sah die Frau erstaunt an.
»Eigentlich war es eine Verwechslung, doch ich hatte brisantes Material bei mir, das die Polizei nicht finden durfte.«
»Rena hat Probleme mit dem Baby vorgetäuscht, um einem Verhör zu entgehen. Sie wurde nach Hause gebracht, allerdings stand sie unter Beobachtung. Die Hebamme hat jegliche Befragung durch die Polizei untersagt. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Rena wieder in Gewahrsam genommen hätten. Sie hatte kein Alibi. Deshalb mussten wir Kanada auf dem schnellsten Wege verlassen«, erklärte Chris die Situation.
»Mein Vater hat uns dazu gedrängt, nach Deutschland zu gehen«, ergänzte Rena. »Er hat darauf bestanden. Er ist krank und braucht unsere Hilfe. Aber er sagte, dass Melissa wichtiger ist …« Renas Stimme versagte und Tränen traten ihr in die Augen. Sie wusste, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde. Chris nahm sie tröstend in den Arm.
Eric hatte ihrem Bericht betroffen gelauscht. Nun verstand er den Grund für Chris' Eile. Er wollte seine Familie in Sicherheit bringen.
Chris und Eric kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit. Chris hatte immer davon geträumt in Kanada zu leben. Nach seinem Schulabschluss hatte er die Gelegenheit ergriffen, dort Ranger zu werden.
Nachdenklich betrachtete Eric das unruhige Baby in Renas Armen.
»Ich werde mich mal um Melissa kümmern«, sagte Rena und erhob sich. Chris sah den beiden nach, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Eric.
»Eric…«, begann er unbehaglich, »…ich habe da eine Bitte.«
»Worum geht's denn?«
»Wir haben kaum Sachen für die Kleine. Ich weiß, das ist viel verlangt. Schließlich hast du uns schon die Reise bezahlt, aber wir haben kaum noch Geld. Sobald ich einen Job habe, werde ich dir alles zurückzahlen«, Chris zögerte, bevor er weiter sprach. »Allerdings glaube ich kaum, dass in Berlin jemand einen Ranger braucht.«
»Das kriegen wir schon irgendwie hin. Ich werde mich mal umhören, wo wir günstige Babysachen bekommen können. Beruflich könnte ich wahrscheinlich bald Unterstützung gebrauchen. Ich bin gerade dabei, einen Auftrag von Retramo, einer Textilfirma, an Land zu ziehen. Wenn das gelingt, gibt es hier eine Menge zu tun.«
»Ich dachte, in Deutschland gibt es gar keine Textilindustrie mehr«, erkundigte sich Chris verwundert.
»Vor der dritten Ölkrise war das der Fall. Zu dieser Zeit wurden nur noch fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien auch in Deutschland hergestellt. Aber in den letzten dreizehn Jahren hat sich vieles verändert. Seit der dritten Ölkrise haben die verbliebenen Unternehmen ihre Produktion stark ausgebaut. Kleidung aus Asien ist wegen der hohen Transportkosten auf dem deutschen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Die Firma Retramo hat sich lange mit der Herstellung von Trachtenmode über Wasser gehalten. Nach der Ölkrise haben sie vermehrt einfache und funktionale Kleidung hergestellt und sich damit dem Bedarf der Menschen angepasst.«
»Ich hoffe, ich kann dir dabei helfen. In der Textilindustrie kenne ich mich überhaupt nicht aus«, bemerkte Chris skeptisch.
»Dafür habe ich umso mehr Ahnung von dem Metier«, beruhigte ihn Eric.
»Okay, wenn du meinst, dass ich dir behilflich sein kann, freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit«, entgegnete Chris zuversichtlicher.
Eric sah auf die Uhr, die an der Küchenwand hing.
»In einer Stunde habe ich einen Termin bei Retramo. Sie wollen heute darüber entscheiden, ob ich den Zuschlag bekomme. Drück mir die Daumen und wünsch mir Glück.«
Chris grinste. In der Schule war das vor jeder Prüfung sein Spruch gewesen. Eric hatte kein Glück nötig gehabt.
Eric eilte in sein Büro, packte seine Unterlagen zusammen und zog sich seinen dunkelgrauen Anzug an. Er verabschiedete sich von Chris, eilte die Treppen hinunter und schwang sich auf sein Fahrrad.
