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Wie kittet man seine Seele, wenn man sich selbst verloren glaubt? Kann Liebe der Weg sein? Auf dem Plan stand sie für Victoria jedenfalls nicht! Erst recht nicht, gleich zwei Männern zu begegnen, die ihr Herz wieder zum Leben erwecken. Während sie bei Edward Geborgenheit und Sicherheit findet, bringt Lord Croft sie dazu, jede Vernunft, jeden Plan zu vergessen. Bei ihm fühlt sie auf eine Weise, der sie gnadenlos ausgeliefert ist. Aber er gibt ihr auch Frieden und das Gefühl, trotz all der kaputten Teile richtig zu sein. Nur leider scheint er nicht der Gute im Spiel. Aber ist es Edward? Oder täuscht auch da der Schein? Eins weiß die 19-jährige Victoria sicher. Sie muss und sie will endlich leben. Befreit von einer unzuverlässigen Mutter und ihrer Vergangenheit mit ihrem Exfreund Markus, endlich sich selbst finden. Bleibt noch die Angst: Wird sie je wieder vertrauen können? Sich selbst oder anderen? Je wieder normal leben, ohne Angstattacken oder dem Gefühl, besser aufzugeben und in sich selbst zu verschwinden? Sie muss Markus endlich entkommen oder er wird sie weiter verfolgen. Im Geist und in der Wirklichkeit. Aber was, wenn er sie letztendlich doch findet und beendet, was er begonnen hat? Content Warnung: Beinhaltet Themen wie Sucht, Depression, Selbstmord und sexuelle Gewalt.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Pendrake - Finding me
Gabby Zrenner
Pendrake - Finding me
Band 1
Gabby Zrenner
2. Auflage, 2022Impressum
© 2024 Gabby Zrenner – alle Rechte vorbehalten.
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Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Es gibt keine schöneren Möbel als Bücher
Sidney Smith
Nie könnte ich den Moment vergessen, als mein Grandpa mir vor fünf Jahren seine Bibliothek gezeigt hat. Damals war ich absolut überwältigt von diesem pompösen Raum. In der Mitte war die Bibliothek fast zwei Stockwerke hoch mit den Wänden voller beeindruckender Regale aus dunklem Holz. An der einen Wand befand sich ein riesiger Kamin mit Steinfassung, in dem ich aufrecht hätte stehen können. Auf der anderen Seite erhellten lauter bodentiefe Fenster und eine doppelflügelige Tür mit Blick auf den Garten den Raum. Davor stand ein alter Schreibtisch aus Kirschholz übersät mit Papieren, Karten und Büchern.
Die Bücher in all den Regalen zogen mich sofort in den Bann und ich streifte erstmal blind für den Rest des Raumes daran entlang. Zog hier ein Buch heraus und strich dort sanft über den Rücken eines anderen, um sie angemessen zu begrüßen.
Grandpa hatte damals bereits viele Bücher gesammelt, wie schon unsere Vorfahren und es befanden sich nicht wenige Erstausgaben und besonders aufwendig illustrierte unter ihnen. Sogar eine beträchtliche Zahl an Exemplaren, die noch per Hand, wahrscheinlich in einem Kloster, geschrieben worden waren. Direkt rechts an der Wand waren quer zum Fenster hin viele alte Atlanten und Karten, die mich schwer beeindruckten, hatte ich bis dato doch von echten alten Ausgaben nur geträumt und höchstens im Fundus meiner Schule mal eine gesehen.
Zum ersten Mal fühlte ich mich zu Hause. Auf einer Ebene angekommen und verstanden, wie es kein Mensch vor meinem Grandpa geschafft hatte.
Der Mann, der hinter dem Schreibtisch stand, war für mich regelrecht unsichtbar, bis er meinen Gran ansprach: »Ist sie das? … deine Enkelin Victoria?«, fragte er emotionslos und von oben herab.
»Allerdings, das bin ich und wer sind sie, wenn man fragen darf?«
Mein Großvater lächelte mich verschmitzt an bei dieser für mich eher unüblich frechen Antwort. Kerzengerade stand ich da und sah diesem arroganten Kerl fest in die Augen. Komischerweise war ich nicht, wie sonst völlig verschüchtert.
Genauso unnachgiebig blieben seine Augen, die er dabei leicht zusammenkniff. Ein kleines Schmunzeln stahl sich beinah unmerklich in sein Gesicht. »Lord Sherlock Percival Richard Croft, Gnädigste. Magst du Bücher?«, fragte er sehr förmlich.
Seine Präsenz war beeindruckend. Plötzlich schien er für mich das Einzige von Bedeutung im Raum zu sein, zumal er hierhin zu gehören schien wie all die antiken Gegenstände und Dokumente.
Leise antwortete ich ihm, ohne den Blick von ihm abzuwenden: »Ich mag Bücher nicht. Ich liebe sie! Besonders den Geruch, egal ob alt oder neu. Wobei alte Bücher mir oft schöner vorkommen, mit Liebe und Respekt hergestellt und illustriert. Hier sind so viele wunderbare Sachen zu entdecken. Ich glaube, ich könnte Jahre in diesem Raum verbringen? Wenn nicht mein ganzes Leben.«
Neben mir hüstelte Grandpa und versteckte ein Lachen damit. Wahrscheinlich faselte ich vor mich hin wie ein dummes Kind. Natürlich war ich mit meinen 14 Jahren kaum etwas anderes. »Dann sollten wir unseren Tee vielleicht besser hier einnehmen. Das würde Sherlock nicht schaden, wie ich ihn kenne, hat er seit dem Frühstück nichts mehr zu sich genommen. Ich bin gleich zurück.« Mit diesen Worten verließ Gran schmunzelnd die Bibliothek.
Sherlock und ich starrten uns weiter an, ganz nach dem Motto, wer zuerst wegguckt, verliert.
»Liest du auch oder riechst du nur an Büchern und siehst sie dir an?«
Etwas schnippisch, weil man mich wieder wie ein unterbelichtetes Kind behandelte, antwortete ich: »Natürlich lese ich sie auch.«
Prüfend musterte er mich und bellte regelrecht: »Was?«
Irritiert sah ich ihn an, woraufhin er fast genervt den Mund verzog. »Ich meine, welche Bücher hast du gelesen? Oder, was liest du gerade?«
Erst jetzt fiel mir auf, dass auch er ein Buch in der Hand hielt. »Was liest du denn gerade?«, fragte ich ihn nun genauso von oben herab.
»Das hier? Keats Gedichte. Zurzeit lese ich allerdings Tolkien in meiner Freizeit.«
Das fand ich überraschend. Irgendwie schien das nicht zu diesem kerzengeraden, fast arroganten Mann zu passen. Aristokratisch wie in einem Roman. Das war er. »Der Herr der Ringe? Oder eher anderes von ihm?«
Ernst antwortete er mir und schien mich dabei gar nicht mehr wie ein Kind, sondern eher wie eine Gleichgestellte zu behandeln. »Der Herr der Ringe! Den Rest hab ich schon durch.« Verhalten lächelnd fügte er hinzu. »Das beste zum Schluss.« Herausfordernd wiederholte er seine Frage. »Und was liest du?«
Plötzlich war ich mir unsicher, ob ich die Wahrheit sagen sollte. Die meisten fanden mich generell recht komisch. Zwar las ich gerne neue Romane wie Fantasy oder Mystery, aber ich liebte Bücher, die meine Mitschüler für alte Leute passend fanden oder völlig langweilig. Diesen offenen Blick und dieses echte Interesse von ihm genoss ich zu sehr, um es mir verspielen zu wollen. Aber was würde seinen Ansprüchen genügen, was fände er seltsam? Während ich noch darüber grübelte, sah er mich so abwartend an, wie ein Lehrer und das war wahrscheinlich der Grund, warum ich dann doch ehrlich antwortete: »Bertolt Brecht: ›Geschichten von Herrn Keuner‹, für zwischendurch und ... Dürrenmatt:›Der Besuch der alten Dame‹, für die Schule. Eigentlich Umberto Eco: ›Der Name der Rose‹.«
»Warum Brecht?« Wieder dieser musternde Blick von ihm, der mich quasi bis auf die Grundmauern durchleuchtete und bewertete.
Ich beschloss, mich nicht von ihm einschüchtern zu lassen. »Herr Keuner amüsiert mich einfach. Er nimmt im Grunde unsere gesamte Gesellschaft auf die Schüppe und die meisten verstehen kein Wort. Zumindest heutzutage.«
Er lächelte mich ehrlich an, was auf mich wie Sonne im Bauch wirkte. »Und ›Der Name der Rose‹?«
»Ich wollte den Film gern sehen.« Jetzt lachte er fast und ich erklärte mich trotzig. »Ich will den Film nicht vor dem Buch sehen, das macht mir sonst alles kaputt. Ich würde es nicht mehr lesen wollen. Das ist mir einmal passiert. Nie wieder!«, sagte ich todernst, womit ich ihn, seinen funkelnden Augen nach, noch mehr erheiterte.
»Was hast du sonst gelesen?«
Zweifelnd sah ich ihn an. »Die Bücher ab zwölf reichen dir hoffentlich?«
»Meinst du seit deinem zwölften Geburtstag oder die ab zwölf Jahren empfohlen sind?« Er grinste dabei. Gott das machte ihm Spaß mich auszuquetschen. Wahrscheinlich erwartete er jetzt lauter Teenie-Zeug. Oh, das hatte ich allerdings auch auf Lager.
»Vieles!« Knapp geantwortet, und zwar aus Trotz.
»Hast du ›Herr der Ringe‹ gelesen?«, ließ er nicht locker. Das bejahte ich gerne. Sowohl anspruchsvoll als auch literarisch wertvoll, das perfekte Buch. Wieder dieser ernste Ton bei ihm. »Was hat dir am besten gefallen?«
»Bruchsal, Kankras Lauer und der Schluss, wenn die Elben fahren. Aber ehrlich gesagt würde ich es nicht noch mal lesen, ich hatte das Gefühl, nie weiter zu kommen. Es ist toll, wirklich, aber zu langatmig. Den Hobbit fand ich besser.«
Jetzt war wieder dieser arrogante Zug um seinen Mund aufgetaucht. »Sicher waren es noch ein paar Seiten zu viel. Mit der Zeit fallen dir längere Bücher leichter.«
Empört schnappte ich nach Luft. Was bitte schön sollte das denn heißen? »Ich bin durchaus in der Lage mehr als zehn Seiten zu schaffen. Ich hab mit elf ›Die Säulen der Erde‹ von Ken Follett in zwei Tagen gelesen. Das sind über 1000 Seiten. Letzte Woche habe ich vier von Shakespeares Stücken gelesen. Vielen Dank, aber ich bin schon daran gewöhnt.«
Er schmunzelte. »Ziemlich viel Sex drin, … in Ken Follett. Interessiert es keinen, was du liest?« Wow, er nahm kein Blatt vor den Mund.
Ich schüttelte etwas bedrückt meinen Kopf. »Die Szenen lese ich oft quer, nervt eh. Mum hat schon lange aufgegeben mich von Büchern fernzuhalten. Außerdem kennt sie den Inhalt nicht und Dad ist ja nicht mehr da!«
Zum ersten Mal setzte er sich in Bewegung und kam auf mich zu, wandte sich dann aber an ein Regal, ohne nur im Geringsten auf meine Aussage zur Familie einzugehen. Worüber ich froh war. Bücher waren einfacher als meine Eltern.
»Magst du Jane Austen? Wir haben einige, sehr schön gestaltete Ausgaben hier stehen? Was ist dein Lieblingsstück von Shakespeare?«
Auch ich schaute daraufhin von ihm weg in Richtung der Regale. »Ich mag Jane Austen und: ›Was ihr wollt‹?«
Schon wieder dieser nachdenkliche Blick. »Nicht ›Romeo und Julia‹? Wie es bei Mädchen meist ist oder ›Hamlet‹? Um anzugeben?«
Was sollte ich da nun zu sagen. »Nein.« Ich glaube, ich rümpfte sogar ein wenig die Nase dabei, erklärte mich aber nicht weiter. »Gibt es hier eine Ausgabe von Marlowes: ›Doktor Faustus‹?« Jetzt hatte ich ihn wohl wirklich überrascht.
»O ja, die gibt es, ich such sie dir raus.« Mit langen Schritten ging er zur anderen Seite des Raumes, an der so etwas wie ein Anbau angrenzte. Mit niedriger Decke und mehreren Regalen quer im Raum wie bei einer öffentlichen Bücherei.
Erst jetzt viel mir auf das die Wände dort aus Steinquadern bestanden und im hinteren Bereich gotische Fenster zu sehen waren. Fast als wäre es Teil einer alten Kirche.
In diesem Moment kam mein Großvater zurück und meine Unterhaltung mit Lord Sherlock Percival Croft war für diesen Tag zu Ende, was nicht bedeutete, dass ich ihn vergessen würde. In den Jahren danach hatte ich ständig an ihn gedacht. Sogar ein paar Mal von ihm geträumt. Er war mir damals direkt so vertraut vorgekommen, als würden wir uns schon Jahre kennen. Etwas, das ich in dieser Intensität nie vorher oder nachher erlebt hatte.
Kapitel 1
Nichts wird real, bevor es nicht erlebt wurde
John Keats
Das Anwesen war wunderschön. Geradezu majestätisch mit all seinen Fenstern, Schornsteinen und Verzierungen. Was es allerdings nicht weniger beängstigend machte. Der weitläufige Park mit altem Baumbestand verstärkte diesen Eindruck noch. Genau wie die lange Kieseinfahrt und die akkurat geschnittenen Rosenbüsche. Herrschaftlich. Der Inbegriff englischer Adelskultur. Fast, als wäre man in die Kulisse von Downton Abbey gefallen.
Ganz klar. Ich passte hier nicht hin.
Das letzte Mal, als ich mit 14 Jahren hier zu Besuch bei meinem Großvater war, kam es mir noch riesiger vor als jetzt, aber auch weniger furchteinflößend. Großvater hatte mich vom Bahnhof abgeholt und mir mit seiner liebevollen und heiteren Art alles gezeigt.
Jetzt war er nicht mehr hier und mich erwarteten Menschen, an die ich mich kaum erinnern konnte. Dafür war ich nun die Hausherrin. Wie verrückt sich das anfühlte. Verrückt und traurig.
Ich vermisste meinen Großvater wahnsinnig, obwohl ich ihn kaum gesehen hatte. Trotzdem hatte er mir bei den wenigen Begegnungen immer das Gefühl gegeben, dass er mich verstehen würde. Er war ein Verbündeter gewesen in dieser Welt, in die ich nicht passte. Jetzt würde ich nur noch sein Grab besuchen können.
Langsam wurde mir kalt, wie ich hier wie angegossen mitten auf dem Weg ausharrte und meine zwei Taschen schnitten mir unangenehm in die Schulter. Den Koffer schleifte ich vor Erschöpfung auf dem Kies eh nur noch hinter mir her. Wahrscheinlich war er schon völlig zerkratzt und verdreckt. Ich sollte einfach die paar Schritte bis zur Tür und in mein neues Leben wagen. So schwer war das doch nun auch nicht. Nur ein komplett neues Leben. Also was solls. Konnte doch nur besser werden.
Überladen schleppte ich mich vorsichtig vorwärts. An der Tür angekommen, zogen mich die schweren Taschen auf der linken Seite erbarmungslos nach unten und bereiteten mir Probleme, den Klingelknopf zu treffen. Nach drei Anläufen und zwei beinahe Stürzen, weil ich das Gleichgewicht verlor, schaffte ich es endlich und trat einen Schritt zurück.
Als die Tür sich öffnete, war ich sprachlos, dabei hatte ich mir fest vorgenommen mich ordentlich vorzustellen. Vor mir stand ein unverschämt gut aussehender, junger Mann mit den blausten Augen, die ich je gesehen hatte. Der freche Haarschnitt mit extrem kurzen Seiten und den langen Haaren, die ihm ins Gesicht fielen, passten nicht zu dem ordentlichen braunen Tweedanzug, den er trug, aber insgesamt: wow.
Grinsend streckte er mir die Hand entgegen. »Guten Tag, Edward Croft und du bist Lady Pendrake? Wie war die Reise?«
Ich fürchte, mein Mund stand offen und es kamen nur »äh« und »mhh« raus. Gott, ich sah bestimmt furchtbar dämlich aus, zusätzlich zu meinem Aufzug. Völlig zerrupft und verschwitzt von der Fahrt und dem Fußmarsch hierher.
»Am besten nehme ich dir erst mal was ab und du kommst rein.«
Ich starrte ihn immer noch an. Das musste aufhören. Seit wann war ich denn bitte so nervös nur wegen eines attraktiven Kerls? »Ähm, danke, ja«, quetschte ich mühsam aus mir raus. »Wo ist denn Sophia?«
»Die ist in der Küche und bereitet den Tee vor. Ich denke, den hast du bitternötig so, wie du aussiehst. Möchtest du dich kurz etwas frisch machen? Da vorne ist ein Bad. Du musst gleich nur durch diese Tür hier und bist schon in der Küche bei Tee und Scones ... hoffe ich ... also ich hoffe, es gibt Scones. Die Küche ist definitiv dort«, sagte er fröhlich. »Ich stell deine Sachen neben die Treppe und nach dem Tee bringt dich einer von uns hoch, ok?«
»Ok!« Mehr war aus mir immer noch nicht rauszubekommen. Artig ging ich ins Bad, wusch mir die Hände und das Gesicht und versuchte, meine Haare zu glätten, was nur leidlich funktionierte. Gut, dann halt mal wieder die Stromschlagfrisur. Danach ging ich mit zitternden Händen Richtung Küchentür. Nur Mut sagte ich mir, es ist nur der Anfang vom Rest deines Lebens. Zaghaft öffnete ich die Tür und sah die nächste Offenbarung.
Sherlock! Der Mann, der mich seit knapp 5 Jahren nicht mehr losgelassen hatte.
Der Blick, der mich traf, war genauso musternd und arrogant wie damals in der Bibliothek. Fast schon gefühllos. »Guten Tag«, sagte ich nun wesentlich selbstsicherer, als ich mich fühlte. Wie damals hatte er diese seltsame Wirkung auf mich, dass ich keine Schwäche zeigen wollte. Als würde er sich daran festbeißen und mir dann alle Geheimnisse entlocken.
»Guten Tag, Victoria. Es freut mich, dich wiederzusehen. Wie geht es dir?«
Er hatte eine furchtbar schöne Stimme, dunkel und samtig. Mein Magen zog sich unweigerlich zusammen. Auch wenn ich seit unserer ersten Begegnung nicht aufgehört hatte, an ihn zu denken und jeden Kerl mit ihm verglichen hatte, war die Realität doch eine ganz andere. Verdammt, ich hatte ihn in Erinnerung wie eine 14-Jährige. Damals empfand ich ihn als groß, stark, intelligent und gutaussehend mit gewissen Charme. Sodass er mich zu einem zweiten Blick verleitet hatte, aber eher fand ich unser Gespräch faszinierend.
Jetzt mit dem Blick einer Frau war er geradezu umwerfend. Selbstsicher, wunderschöne grüne Augen, auch wenn sie kalt wirkten und große, dunkelblonde Locken, die ein wenig zu lang waren. Diese unnahbare überlegende Ausstrahlung machte ihn … sexy. Er hatte wahrscheinlich schon so einige Herzen gebrochen, allein mit dieser dunklen Samtstimme.
»Vielen Dank, mir geht es gut und dir, Sherlock?«
»Oh, ihr kennt euch, das ist ja schön. Hallo Victoria! Ich hoffe, die Fahrt war nicht zu anstrengend, setz dich und trink einen Tee, dabei können wir uns alle unterhalten, nicht wahr?«, redete Sophia auf mich ein.
Sie war die Haushälterin von Gran und irgendwie mit Edward und Sherlock verwandt. Wie hatte ich nie begriffen. Die beiden waren zu ihr gezogen, als deren Eltern vor sieben oder acht Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Anscheinend waren sie nie wieder gegangen. Das Haus sammelte wohl verlorene Kinder und nun war ich eins davon.
Der Anblick des gedeckten Küchentisches ließ meinen Magen aufheulen. Dort erwartete mich ein echter englischer Tee mit Gurkensandwiches und Scones, Erdbeermarmelade, clotted Cream. Etwas auf das ich in meiner Kindheit in Deutschland stets verzichten musste und deswegen umso mehr liebte. Und Muffins. Ich hatte seit meinem dürftigen Frühstück nur einen Schokoriegel in mich reingestopft und war furchtbar hungrig.
Nur der Tee war mir jetzt nicht genug. Ich sehnte mich nach einer Tasse schwarzen Kaffee. Tja, kaffeesüchtig war ich definitiv. Vielleicht gab es Selbsthilfegruppen, die einem dabei helfen konnten.
Alle schauten mich freundlich und voller Erwartung an. Alle außer Sherlock, der am Küchentresen lehnte, in der einen Hand eine schöne kleine Teetasse und in der anderen ein ledergebundenes Buch, in dem er jetzt stirnrunzelnd las.
Sophia sah mich aufmunternd an. »Setz dich mein Kind«, und setzte sich prompt selbst an das Kopfende.
Ich wählte meinen Platz auf der anderen Seite des Tisches, damit ich mit dem Rücken zur Wand saß und alle im Auge behalten konnte. Edward saß bereits, als ich zögerlich auf den Stuhl rutschte.
»Sherlock!«, sagte Sophia nur knapp und nicht mal besonders laut, allerdings in einem Tonfall, der ausreichte, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Kaum hob er den Blick, kam aber endlich auch an den Tisch und füllte sich selbst Tee nach. Sophia räusperte sich deutlich. Sherlock sah geistesabwesend zu ihr hoch und brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass er unhöflich war. Sophia schüttelte nur lächelnd den Kopf, worauf er sie entschuldigend anschaute. Die Szene erschien so liebevoll vertraut, dass ich glatt neidisch wurde auf diese familiäre Beziehung.
Augenblicklich wirkte er wesentlich aufmerksamer. »Tee? Er ist gut. Ich kann dir aber auch einen Kaffee machen.« Dabei setzte er ein schiefes Lächeln auf, als wüsste er ganz genau, was in mir vorging.
Zögernd, weil ich niemanden kränken wollte, antwortete ich. »Kaffee wäre schön, aber ich trinke gern auch eine Tasse Tee.«
Er schüttete mir Tee ein, genauso Edward und Sophia. »Milch, Zucker?«
Ich verzog mein Gesicht. »Ich bin Purist, schwarz bitte.«
Nachdenklich musterte er mich, als würde er jede Information aufsaugen und direkt katalogisieren. Dabei stand er geschmeidig auf, um zu einem Kaffeevollautomaten zu gehen, der für mich wie eine Offenbarung war.
»Greif ruhig zu, du siehst völlig ausgehungert aus. Bist du etwa von Bahnhof aus gelaufen? Um Gottes willen, wir hätten dich doch abgeholt!« Sophia sah mich fast strafend an.
Leise nuschelte ich: »Es war nicht so weit. Eigentlich ist die Strecke doch ganz schön.« Sherlock stellte den Kaffee vor mir ab und schaute mir direkt in die Augen. »Wir kennen die Strecke, Kleines. Ohne Gepäck würde ich dir noch zustimmen, aber so? Warum hast du dir nicht wenigstens ein Taxi gerufen?«
Kleines? Ernsthaft. Sah er in mir immer noch das kleine Mädchen von früher? Ich war selbst erstaunt, wie wichtig mir war, dass er mich nicht mehr so sah. Gott, ich sah mich ja selbst schon seit Jahren nicht mehr so.
»Mein Akku ist leer«, gab ich kleinlaut zu.
Sophia betrachtete mich nachsichtig. »Jetzt ist es ja nicht mehr zu ändern. Also bitte bediene dich.« Mit den Worten hielt sie mir den Teller mit den Scones entgegen.
Dankend nahm ich mir einen und griff mir zaghaft auch noch ein Gurkensandwich. Ich brauchte dringend etwas Salziges. Schnell war das Erste dann das Zweite schon verzehrt, bevor ich mich überhaupt dem Kaffee zuwandte.
Edward beobachtete mich und zwinkerte mir zu, er konnte sich anscheinend kaum ein Lachen verkneifen.
Ich verzog mein Gesicht und fragte ihn stumm. »Was?«
Daraufhin lachte er tatsächlich leise auf. Wie locker wir auf Anhieb miteinander umgingen, gefiel mir und machte mir Hoffnungen, hier nicht gänzlich fehl am Platz zu sein.
Sherlock hingegen war wieder völlig in sein Buch versunken und bekam von dem ganzen Geplänkel nichts mit. Auch Sophia schien von uns nichts mehr wahrzunehmen. Traurig sah sie auf ihren Teller, ohne zu essen.
Bevor ich mir darüber ernsthaft Gedanken machen konnte, stand Edward schon auf. »So gern ich der Lady beim Essen zugucke, die Arbeit wartet. Wenn ich nicht anfange, komme ich zu spät zum Dinner und dann bekomme ich furchtbaren Ärger mit der Köchin.« Dabei wandte er sich zu Sophia, die ihn anlächelte und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Sherlock? Kannst du bitte Victoria gleich mit dem Gepäck helfen?«
Der konnte sich kaum zwei Sekunden von seinem Buch lösen. »Ja sicher«, brummte er sichtlich zerstreut.
Ich war gespannt, ob er es gleich noch wusste. Erst mal wanderte eine ordentliche Portion clotted Cream und Marmelade auf meinen Scone, während Edward bereits auf den Weg zu Tür war.
Sherlock stand auf und holte Erdbeeren aus dem Kühlschrank, die er auf den Tisch stellte, ohne auch nur einmal die Nase aus dem Buch zu nehmen.
»Danke Sherlock, die hatte ich ganz vergessen. Du musst Sherlock verzeihen, wenn er an einer Sache dran ist, lässt er sich nicht davon abbringen. Ich bin schon froh, dass er überhaupt mit am Tisch sitzt.« Entschuldigend sah Sophia mich an und hielt mir die Erdbeeren hin.
Wie auf Kommando schlug Sherlock das Buch mit einem Knall zu, woraufhin meine Erdbeere vor Schreck fast den Boden gesehen hätte. Glücklicherweise hatte ich gute Reflexe. Er starrte mir ins Gesicht. Ernst und grüblerisch.
Ich beschloss, genauso intensiv zurückzustarren. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht genauso stur sein könnte wie Lord Croft.
»Es sind die Menschen, die ich oft nicht ertrage. Ich will nicht jemanden Dinge erklären, die er nicht versteht und nicht verstehen will. Ich will nur lesen, reflektieren, schlussfolgern. Abgesehen davon muss ich Unterricht vorbereiten. Tja, jetzt aber Scones.« Daraufhin langte auch er endlich zu.
Seine Bemerkung machte mich sauer. War ich so schwer zu ertragen? So unterbelichtet? Wahrscheinlich war er nur einer dieser eingebildeten Besserwisser und ich sollte es einfach vergessen. Trotzdem konnte ich mir nicht verkneifen anzumerken: »Manchmal ist eine Erklärung schon eine gute Reflexion und durch Antworten auf Nachfragen sieht man sich gezwungen, den Blickwinkel zu ändern. Somit ist eine Konversation nicht unbedingt hinderlich oder Zeitverschwendung.« Einer Diskussion war ich noch nie ausgewichen und mit ihm machte mir das richtig Spaß.
Mit leicht zusammengekniffen Augen sah er mich an. »Ich stimme zu, unter zwei Bedingungen. Das gegenüber muss ein gewisses Maß an Bildung und Intelligenz vorweisen und ein ehrliches Interesse am Thema haben.« Er seufzte und fuhr sich übers Kinn. »Ich fürchte, bei mir gibt es einen dritten Aspekt ...«
Fragend sah ich ihn an und stimmte zumindest dem ersten Teil zu. »Sonst wäre das Ganze nicht zu ertragen. Was ist das Dritte?«
Daraufhin zog er eine Augenbraue in die Höhe. »Ich sollte einen meiner guten Tage haben.« Was auch immer das jetzt bedeutete. War heute ein guter Tag? Würde er sonst gar nicht erst mit mir reden? Gerade als Sophia etwas erwidern wollte, klingelte das Telefon und sie entschuldigte sich, um den Anruf entgegenzunehmen.
Mittlerweile hatte ich schon den dritten Scone verschlungen und fühlte mich, als würde ich jeden Moment platzen, was Sherlock wohl bemerkte. »Fertig? Können wir dann? Ich müsste noch einiges erledigen.«
Oder er hatte einfach seine Geduld mit mir verloren. Na wunderbar, gut, dass ich hier niemanden auf die Nerven ging. Sarkasmus brachte mich allerdings auch nicht weiter.
»Ja, natürlich.« Ich stand auf und ging auf ihn zu. Woraufhin er zügig voranschritt und sich mühelos mein gesamtes Gepäck schnappte, lediglich meinen Rucksack schaffte ich noch, zu ergattern.
Im ersten Stock angekommen, blieb er im großen Flur stehen und erklärte wie ein General. »Links die erste Tür ist das Gästezimmer, zweite dein Zimmer, dritte Badezimmer für dieses Stockwerk. Geradeaus ist ein Dienstbotentreppenhaus, über das man direkt in die Bibliothek gelangen kann, dafür musst du die zweite Treppe nehmen. Rechts den Gang geht es zum Haupttrakt des Hauses. Vor der Zwischentür rechts ist ein Wohnzimmer ansonsten im Hauptflur rechts erste Tür Edwards Zimmer, zweite gegenüber von deinem, meins. Wenn du was brauchst. Sophia ist in der Küche, ich in der Bibliothek. Ach, Duschhandtücher findest du im Badezimmerschrank neben dem Waschbecken.«
Na, das war mal effektiv, aber merken könnte ich mir das sicher nicht.
Bevor ich etwas dazu sagen konnte, ging er samt Gepäck auf die zweite Tür links, mein Zimmer, zu und stellte alles vor meinem Bett ab. »Bis später.« War alles, was ich von dem bereits verschwindenden Mann noch hörte.
Etwas irritiert sah ich ihm nach. Na ja, also Augen zu und durch. Morgen sah die Welt bestimmt schon anders aus. Und bald würde ich schon nach London ziehen und die Welt erobern. Wenigstens hatte ich dort Alistair und seinen Bruder Henry nah bei mir. Für mich waren die beiden meine Familie. Henry war so was wie mein großer Bruder und Alistair war mein bester Freund, mein Verbündeter und seit Jahren der wichtigste Mensch in meinem Leben.
Meine Mutter war mit mir, nachdem mein Vater George, Lord Mortimer Pendrakes Stiefsohn, uns verlassen hatte, nach Stevenage in die Nähe ihrer besten Freundin Ellen York gezogen, die Mutter von Henry und Alistair. Da wir vorher schon ständig in den Ferien dort waren, kannten Al und ich uns von klein auf, was sich, als wir nebeneinander wohnten, schnell zu einer echten Freundschaft entwickelt hatte. Im Grunde war ich danach mehr bei der Familie York aufgewachsen als bei meiner Mutter.
Wie durch eine schicksalhafte Fügung war vor allem Henry mit meinem neuen Leben fest verknüpft. Und das nicht nur dadurch, dass er in London lebte und arbeitete. Ellen war in Greenfield aufgewachsen und sogar, bevor meine Mutter dort hinzog, mit meinem Vater befreundet gewesen. Ihre Mutter hatte sogar eine Zeit lang für meinen Großvater Mortimer gearbeitet.
Kurz bevor ich damals das erste Mal nach Pendrake Hall kam, hatte sie mir erzählt, dass Sherlock und Edward schon als Kinder oft bei Sophia wohnten, wenn ihre Eltern auf Reisen waren, was anscheinend sehr oft der Fall war. Da sie auch später noch Kontakt zu George und Mortimer hatte, kannten sich Henry und Sherlock schon seit der Kindheit und als beide in London studierten, wurden sie anscheinend enge Freunde. Dadurch war Henry, einer meiner besten Freunde, Sherlocks wichtigster Weggefährte, und ich hatte das Glück, damit meine beiden Welten zu verbinden.
Seufzend ließ ich mich aufs Bett fallen und sah mich um. Das Zimmer war überraschend nett. Lauter stilvolle Holzmöbel, der Schreibtisch ziemlich alt und schätzungsweise aus Nussbaum, genau wie der Kleiderschrank. Das Doppelbett war recht hoch, wie man es früher oft hatte, aber es gefiel mir und passte optisch zum Kleiderschrank. Gegenüber vom Bett stand ein neues Sideboard in hellerem Holz mit einem Fernseher drauf und daneben am Fenster stand ein traditioneller Ohrensessel mit einem kleinen Tisch und einer Lampe. Der perfekte Platz zum Lesen. Was brauchte ich mehr? Ein Bücherregal! Das fand ich auf der anderen Seite des Bettes. Perfekt! Durch eine klassische englische Rosentapete wirkte alles umso gemütlicher.
Ich beschloss so schnell wie möglich, zu duschen und mir was Frisches anzuziehen. Also packte ich den Koffer notdürftig aus und verstaute alles in Schrank und Sideboard. Schnappte mir meine Kulturtasche und bequeme Sachen und machte mich auf den Weg ins Bad. Das Badezimmer war anscheinend frisch renoviert und modern eingerichtet. Die Badewanne neben dem Fenster mit Ausblick auf die weite Landschaft mit den großen Bäumen rief geradezu nach mir. Aber heute würde ich nur diese coole, offene Dusche nutzen.
Danach fühlte ich mich schon sichtlich mehr wie ich selbst. Zurück in meinem Zimmer stellte ich meine Bücher ins Regal, wodurch ich es quasi zu meinem zu Hause erklärte. Jetzt nur noch Handy ans Ladekabel und alles war gut.
Nun konnte ich dorthin, wovon ich die letzten Jahre geträumt hatte. An diesen wundervollen Ort voller Abenteuer, Wunder und Wissen namens Bibliothek. Ich nahm allerdings lieber den Weg übers normale Treppenhaus, um mich nicht zu verlaufen, und sah noch in der Küche vorbei. Von Sophia war allerdings keine Spur zu sehen.
Als ich dann vor der Doppeltür zur Bibliothek stand, wurde mir schwer ums Herz. Ich sah noch genau den Ausdruck auf dem Gesicht meines Großvaters, während er uns die Türen geöffnet hatte. Er war richtig gespannt gewesen. Seine Augen hatten gefunkelt, wie bei einem Kind, das seine Schätze präsentierte und dann seine Freude als er sah, welchen tiefen Eindruck der Raum auf mich machte.
Langsam öffnete ich die Tür und trat mit halbgeschlossenen Augen in den Raum, um zunächst tief einzuatmen. Der Geruch nach Büchern. Nichts auf der Welt beruhigte mich mehr als die Anwesenheit dieser vielen Möglichkeiten nach Abenteuern und Wissen, anderer Leben, Träume, Wahrheiten und Illusionen. So viele Welten, in die man flüchten konnte. Herrlich!
Ich weiß nicht, wie lange ich dort mit geschlossenen Augen stand, bevor eine Hand mich sanft an der Schulter berührte. »Alles in Ordnung?«
Langsam öffnete ich die Augen und musste feststellen, dass meine Wangen nass waren. Sherlock stand vor mir und sah mich abwartend und besorgt an.
Ich räusperte mich. »Ja, danke. Ich hab nur ... es ... er fehlt mir.«
Traurig sah er mich an und sagte dann leise. »Mir auch.« Inzwischen hielt er meine beiden Schultern fest und kam näher.
Seine Berührung irritierte mich. Ich fühlte intensiv die Wärme seiner Hände und als er noch einen Schritt auf mich zumachte, erschreckte ich darüber, wie stark ich auf ihn reagierte. Ich war eigentlich im normalen Leben ein recht zurückhaltender Mensch und brauchte oft lange, um mich ernsthaft auf jemanden einzulassen und mich in dessen Gesellschaft wohl und entspannt zu fühlen. Nur wenn ich ausging, kam oft eine ganz andere Victoria zum Vorschein.
Aber hier war auf einmal alles ausgeblendet außer seinen moosgrünen Augen, seinem Geruch und seiner Wärme. Mein Blick glitt automatisch über seine Züge. Er hatte einen schönen Mund, sanft und energisch, voll und doch diszipliniert. Ob er auch so küssen würde?
Eilig zog ich mich ein Stück zurück, um eine gewisse Distanz wiederherzustellen. Es kam absolut nicht in Frage, dass ich mich hier aufführte wie ein liebeskranker Teenager. Abgesehen davon war er an die acht Jahre älter als ich und ich spielte definitiv nicht in seiner Liga, weder was Intelligenz noch Attraktivität anging. Ich war zwar clever und hatte auch einen sehr guten Abschluss geschafft, aber mit ihm konnte ich es sicher nicht aufnehmen. Äußerlich war ich eher vor allem durch die weiblichen Rundungen interessant. Großer Busen, schmale Taille, breites Becken. Alistair beschrieb mich gern als sinnlich. Ich mich als rundlich, wenn ich nett zu mir war.
Irgendwie schien es ihn zu stören, wie ich zurückgewichen war, denn es flackerte ein Hauch Verletzliches, Enttäuschtes in seinem Gesicht.
Ich ging wieder ein Stück auf ihn zu und meinte: »Sorry, ich bin manchmal etwas schwierig mit Körperkontakt oder laut Henry tendenziell soziopathisch.« Was der Wahrheit entsprach.
»Ich kann es oft selbst nicht leiden, wenn man mir zu nah kommt, also ich entschuldige mich. Tja, Soziopath nennt er mich schon lange«, fügte er lächelnd hinzu. »Victoria, na dann. Was liest du zurzeit?«
Ich musste lächeln. Genau das hatte er mich vor fünf Jahren gefragt, als mein Großvater ihn mir vorgestellt hatte. Er lächelte zurück und ich fühlte mich zum ersten Mal seit Langem uneingeschränkt wohl. Obwohl es mir peinlich war, ihm das Buch zu nennen, antwortete ich bedächtig. »Das wird eine wahre Enttäuschung. Meine Ansprüche sind stark gesunken.«
Aufmunternd sah er mich an. »Nur zu, keine Scheu.«
Dann also die Wahrheit. »Percy Jackson. Ich wollte prüfen, was ich durch den Film vergessen habe. Außerdem ist es ein Buch, das einem verzeiht, wenn man nicht immer ganz bei der Sache ist.« Zerknirscht sah ich zu ihm auf. Zu meiner Überraschung lachte er mich an.
»Und was noch?«
»Tja, das mit der Schule hat sich gerade erledigt. Ich hab einen Gedichtband von Annette von Droste Hülshoff in der Tasche. Meine Mutter mag sie sehr. Und du?«
Wieder sah er so furchtbar ernst aus, als er antwortete: »Die deutschen Dichter und Denker begleiten dich also weiter. Ich hoffe, du liest es auf Deutsch. Du solltest versuchen, die Sprache lebendig zu halten.« Darauf nickte ich nur. »Gut! Ich lese Aristoteles. Lehrpläne, was einen in den Suizid treiben kann und ›The President is missing‹ zum Vergnügen.« Kaum hatte er das gesagt, ging er zum Schreibtisch. »Ich muss allerdings gerade entscheiden, was meine Studenten dieses Jahr so lesen müssen. Irgendwelche Vorschläge?«
Ich war ehrlich überrascht. Erst da ging mir auf, dass ich mich nie viel mit Henry über ihn unterhalten und mich folglich nie nach seinem oder Edwards Beruf erkundigt hatte. Ich wusste nur, dass beide studiert hatten. »Wo unterrichtest du?«
»University of London, englische Geschichte und Literatur, Latein und Altgriechisch.«
Ich fürchte, ich wurde etwas arg blass. Das waren genau die Fächer, die ich für dieses Semester gewählt hatte, an der University of London. Das konnte doch nicht wahr sein.
Ich starrte ihn an und brachte nur mühsam etwas raus: »Keats, kaum zu glauben, aber ich weiß immer noch fast nichts und hab seit damals nur wenig und wenn eher Zufälliges von ihm gelesen. Wenn ich dich schon als Prof habe, wäre das mein Wunsch.«
Erstaunt hob er den Kopf. »Folglich bist du wohl für englische Literatur eingeschrieben?«
»Korrekt, und all den anderen Kram, den du da erwähnt hast.« Mir war es fast peinlich, das zuzugeben.
Wieder schenkt er mir dieses leicht schiefe Lächeln. »Dann werden wir uns wohl öfter sehen. Vorausgesetzt du landest in meinem Kurs. Dann also Keats. In Ordnung. Ich kann dich schließlich nicht unwissend lassen.« Er drehte sich um, schrieb und sortierte etwas auf dem Schreibtisch.
Mein Stichwort zu den Regalen zu gehen und mir die Bücher anzusehen. So viele alte wunderschöne Bücher. So viele potenzielle Freunde. Mein erstes Regal war leider der Volltreffer im negativen Sinne. Franzosen auf Französisch. Uhh, hebräisch wäre nahezu gleich verständlich für mich, also drehte ich mich abrupt um, um spontan eine andere Seite zu wählen und rannte dabei voller Elan in Sherlocks Arme, wobei ich mich fürchterlich erschreckte samt Zusammenzucken und spitzen Schrei. Das ganze Repertoire eines Mädchens halt. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte vor Schreck auf ihn eingeprügelt. Peinlich!
Gekonnt bewahrte er uns im letzten Moment davor, umzufallen. Was ich ihm gar nicht zugetraut hatte, so steif formell, wie er wirkte. Aber dadurch, dass ich daraufhin an seiner Brust lag, mit den Händen an seinen Oberarmen, konnte ich aus erster Hand bestätigen, dass er deutlich mehr Muskeln aufzuweisen hatte als der Durchschnitts-Prof. Ein lebendiger Indiana Jones.
Während ich vor Schreck zitternd, bedauerlicherweise nicht nur deswegen, in seinen Armen lag, lachte der Kerl mich doch glatt aus. »Verdammt stürmisch.«
Etwas angesäuert gab ich zurück. »Verdammt leise angeschlichen. Lass mich endlich los, ich kann allein stehen.«
Er ging ein paar Schritte zurück. »Tut mir leid, ich wollte gerade was sagen. Haben die Bücher dich von sich gestoßen?«
Seufzend strich ich meine Kleider glatt. »Im Grunde schon. Ich hasse Französisch.«
Schelmisch sah er mich an und auf einmal kam ein ganz anderer Sherlock zutage, der fast noch heißer war. Arroganz wurde zu Selbstbewusstsein und Überheblichkeit zu Charme. Diese Version mit den funkelnden, intensiven Augen und dem schiefen Lächeln musste sicher seine Samtstimme nicht mal raus holen, um nicht allein ins Bett zu gehen.
»In allen Lebenslagen?«
Meinte er jetzt wirklich das, was ich dachte? Versuchte er zu flirten? Wahrscheinlich eher mich zu provozieren. Wer wusste schon, was Henry so über mich ausgeplaudert hatte.
»Ja, alles Französische ...« Ich sah ihm tief in die Augen und biss mir lasziv auf die Unterlippe. »Tut mir leid. Mein Großer.« Den kleinen Hieb konnte ich mir nicht verkneifen und zack umdrehen und einfach zum nächsten Regal.
Er hatte sichtlich Spaß an der Sache. »Dann hast du wohl noch nie was mit einem Franzosen gehabt, was? Angeblich sollen sie doch die besten Liebhaber sein?«
Gelangweilt drehte ich mich wieder zu ihm um. »Ein Kuss, der hat mir gereicht. Ich kann nur hoffen, er war die Ausnahme von der Regel, ansonsten ... echt widerlich ... geht gar nicht.«
Das entlockte ihm ein Lächeln und er fragte. »Und du hast ausreichend Vergleichsdaten, um das zu beurteilen?«
Woher kam nur dieses Interesse? Keine Ahnung warum, aber ich war genervt von dem Verlauf dieses Gesprächs. Ich wollte unbedingt, dass er mich nicht so sah, wie meine Mitschüler oder viele, die ich sonst traf. Entweder war ich ein Nerd, unscheinbar, freakig oder ein Flittchen. In der Schule war ich die Streberin, die leicht zu haben war.
Wie immer, wenn jemand diesen gewissen Punkt traf, stellten sich alle Stacheln auf. Sollte er doch denken, was er wollte. Angriff ist doch die beste Verteidigung. Mein Angriff hieß Provokation. Darin war ich gut. Also schaute ich ihn so abweisend und arrogant wie möglich an und sagte leise süffisant: »Ja, ich denke mehr als genug Vergleichsdaten. Hat Henry dir noch nicht erzählt, dass ich die Dorfschlampe bin? Ständig andere Kerle, mit denen ich mich in die Ecke verdrücke. Zu enge Klamotten, zu freizügig. Für alles zu haben.«
Er antwortete mir völlig gelassen und unbeeindruckt. »Außer für Französisch, was ich durchaus verstehe. Da weiß man doch gerne über die persönliche Hygiene des anderen Bescheid.« Dabei machte er ein so unschuldiges Gesicht, das ich fast lachen musste. »Henry hat mir nur gesagt, dass du hin und wieder zum männerfressendenVamp mutierst, was ich mir gar nicht vorstellen kann. Du machst auf mich eher den Eindruck eines soliden Durchschnittsmädchens. Auf der Suche nach Mr. Right, heiraten, Kinder. Für immer treu sein und zusammen alt werden. So was halt. Abgesehen davon sind deine Klamotten zumindest heute, weder freizügig noch zu eng.« Er fing wieder an auf dem Schreibtisch Sachen zu sortieren. Als würde man sich genau über solche Dinge unterhalten, wenn man sich gerade erst kennenlernte.
Ich starrte ihn beleidigt an. »Mädchen? Durchschnittlich? Das ist es, was eine Frau hören will.«
Damit machte ich ihn scheinbar verlegen. »Ich meinte, dass du dieselben Vorstellungen hast, wie die meisten Mädchen, ähm, Frauen in deinem Alter.«
Da kam sie diese Wut, dass jemand meinte, er würde mich verstehen oder beurteilen können. Verdammt, ich hatte selbst keine Ahnung, wer ich war oder was ich brauchte. Säuerlich erwiderte ich: »Armer alter Mann, der du bist.«
Ich entschied mich, erst mal tief durchzuatmen. Schließlich war ich nicht wegen ihm so wütend, sondern wegen all der Ignoranten in der Schule. Wegen meiner Eltern und vor allem auf mich selbst, weil ich kein echtes Ziel hatte und mit mir selbst nicht klar kam. »Kinder ja, ich denke, ich will Kinder, wann? Keine Ahnung. Mr. Right? Im Moment kenn ich ihn nicht, also sehe ich ihn auch nicht in meiner Zukunft. Aber sicher ist das nicht meine Priorität. Was ich wirklich will, ist etwas finden, das mich am Leben hält, nachdenklich macht, mich erfüllt. Aber vorerst kommt heute und wenn ich heute geschafft habe ... dann ist morgen wieder heute und das ist es, was ich versuche. Einen Tag nach dem anderen. Nicht zu viel an die Vergangenheit denken, ich kann sie eh nicht ändern und nicht zu viel an die Zukunft, denn es macht mir eine Heidenangst, dass ich mich vielleicht falsch entscheide und untergehe. Und vor allem die Dämonen schön klein halten.« Ich war selbst überrascht, dass ich so ehrlich war.
Er sah mich so intensiv an, dass ich Gänsehaut bekam. Der Kerl ging mir eindeutig zu nah. Und dann sagte er einfach: »In Ordnung.« Drehte sich wieder zum Schreibtisch um und fügte hinzu. »Kann ich gut nachvollziehen. Immerhin weißt du schon mal, dass du Kinder einplanen musst in deine Karriere.«
In diesem Moment kam Edward herein und unterbrach uns. »Ich soll euch zum Dinner holen. Bitte sagt, dass ihr sofort mitkommt. Ich sterbe vor Hunger.«
Selbst ein Blinder konnte sehen, wie genervt Sherlock war. Er sah zu Edward auf und meinte. »Es kann doch unmöglich schon so spät sein. Gut dann wollen wir Sophia nicht warten lassen. Victoria hat sicher auch Hunger.« Daraufhin legte er das Buch auf den Schreibtisch.
Edward grinste mich an. »Und? Hast du Hunger?«
Ich sah ihn gespielt böse an, lächelte dann aber und nickte. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg ins Esszimmer.
Kapitel 2
Die Neigung zur Freundschaft entsteht oft plötzlich,
die Freundschaft selbst aber braucht Zeit.
Aristoteles
Es war schon seltsam, wie schnell ich mich hier eingelebt hatte und wie vertraut mir das Haus vorkam. Nach dem Dinner an diesem Abend ging ich wieder direkt nach oben und gönnte mir eine ausgiebige Dusche. Als ich die Haare einschamponierte, ging plötzlich die Tür auf und mit einem »Tschuldigung« direkt wieder zu.
Mist, ich hatte vergessen abzuschließen. Zu Hause nur mit Mum oder alleine war das nie nötig gewesen.
Als ich mit Bademantel und Turban auf dem Kopf, auf dem Weg in mein Zimmer war, rief Edward von seiner Tür aus: »Du solltest abschließen.«
Mein Gesicht färbte sich sofort rosa und verlegen beeilte ich mich, zu antworten: »Tut mir leid. Ich versuche, daran zu denken.«
»Wegen mir musst du nicht, aber …« Er zwinkerte mir zu. »Keine Sorge, hab nichts gesehen, bin ja anständig.«
Bestimmt wurde ich noch roter, als ich haspelte. »Ok.« O Mann. Er war eindeutig ein ganz schöner Filou, aber richtig süß.
Ich wollte schon weiter, da fragte er etwas zögernd: »Magst du Star Wars? Wenn ja, könnten wir gleich einen Film gucken. Natürlich auch einen anderen.«
Den Bademantel hielt ich immer noch fest am Kragen zusammen. Geradezu krampfhaft. Aber langsam entspannte ich mich, auch wenn ich mir meiner fehlenden Anziehsachen mehr als bewusst war. Das Edward noch nicht einmal den Blick über mich hatte schweifen lassen, sondern brav auf mein Gesicht fixiert blieb, half dabei, ruhiger zu werden. Filou? Sicher! Aber ein anständiger.
»Gerne, ich liebe Star Wars. Wann und wo?«
Da war wieder dieses schelmische Lächeln, das mir ein Karussell in den Bauch zauberte. »In 30 Minuten? Wohnzimmer hier oben? Ich organisiere uns noch ein paar Chips und was zu trinken. Limo, Bier, Gin Tonic?«
»Gin Tonic wäre echt cool.« Den würde ich gut gebrauchen können, um den Badezimmer Vorfall zu vergessen. »Und Wasser, langweilig ich weiß.« Ich zog eine alberne Grimasse.
Grinsend verbeugte er sich schwungvoll. »Gerne, Lady Pendrake, dann bis gleich.«
Schnell schlüpfte ich mit klopfendem Herzen in mein Zimmer. Er hatte es geschafft, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, das hartnäckig dort bleiben wollte. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass er Alistair so ähnlich war, aber ich mochte ihn auf Anhieb und er war echt verdammt attraktiv.
Tja, dann musste ich mich wohl für ein Outfit entscheiden. Lässig, sexy, chic? Lässig aber mit ein bisschen sexy. Schließlich war er echt süß. Ich wollte aber nicht, dass er dachte, ich schmeiß mich direkt an ihn ran. Es sollte aussehen, als hätte ich es mir einfach bequem gemacht. Ich entschied mich für eine dunkelgraue Yogahose und ein schwarzes Shirt mit Fledermaus Ärmeln, dass sich immer wunderbar um meinen Busen legte, wenn ich richtig saß. Was bei meiner stattlichen Oberweite eigentlich auch nicht allzu schwierig war. Dennoch ein schöner Effekt. Außerdem rutschte es gekonnt über die Schulter, wenn man wollte. Dieses Spiel mit der Libido beherrschte ich ganz gut, vor allem im Schnellverfahren. Sprich: In kurzer Zeit im Pub oder Disco knutschend in der Ecke landen.
Das ernstere, langsamere war für mich eher unbekanntes Terrain, da ich schon ewig kein Interesse mehr daran hatte, jemanden so nah an mich rankommen zu lassen.
Anscheinend war ich wirklich zum Teenie mutiert, warum dachte ich über sowas nach? Er wollte schließlich nur einen Film gucken. Zwei Kerle, die mir das Hirn verdrehten, das war eigentlich das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Folglich entschied ich mich gegen Make-up und machte mir nur einen lockeren Zopf. Die Entscheidung für meine dicken Kuschelsocken fiel mir nicht so leicht, aber meine Füße würden sich sonst in Eisklumpen verwandeln. Vergebens versuchte ich, harmlose zu finden, und entschied mich doch für die Snoopy Socken. Dann dreimal tief durchatmen, hoffen, dass er mich auch nachher noch leiden konnte und los ins Wohnzimmer.
Als ich zögernd eintrat, saß er schon lässig auf der Couch und lächelte mich an. Das Licht war gedimmt und auf dem Tisch lagen zwei Sorten Chips. Daneben zwei gefüllte Gläser, in die er aus einer Dose Eiswürfel reinwarf. Erleichtert sah ich, dass auch er nur eine abgeschnittene Jogginghose und ein Basketball Shirt trug. Seine Arme kamen dadurch besonders gut zur Geltung, vor allem, als er sich mit einem Arm an der Rückenlehne festhielt, um sich zum Tisch vorzubeugen. Er könnte Werbung für ein Fitnessstudio machen. Nicht übel, nein nicht übel. Vielleicht schon ein Ticken zu viel des Guten, aber … nicht übel.
»Bleibst du da stehen oder traust du dich zu mir?«, fragte er mit wackelnden Augenbrauen und klopfte neben sich aufs Sofa.
Schmunzelnd setzte ich mich in Bewegung und platzierte meinen Hintern neben ihn.
»Ok, was sollen wir uns anschauen? Star Wars? Oder lieber was anderes?«
Sherlocks dunkle Stimme drang aus dem Flur in den Raum. »Heute James Bond, Ed, oder der Hund von Baskerville in Schwarz-Weiß.« Während er sprach, war er in der Tür aufgetaucht und sah mich jetzt irritiert an. »Oh, hallo Kleines. Wie ich sehe, hat Ed noch einiges mir dir vor.«
Ich runzelte die Stirn, was meinte er denn damit?
Edward warf ein Kissen nach ihm. »Halt den Rand. Willkommensparty sonst nichts.« Geschickt fing Sherlock das Kissen im Flug, bevor es ihn treffen konnte. »Sonst nichts? Das geht bei dir?« Daraufhin lachte er dreckig und warf zurück, allerdings mit so viel Schwung, dass es bis zu mir durchsauste. Als Handballtorwart fing ich es gekonnt auf und schob es mir auf den Schoß.
»Das gehört jetzt mir«, grinste ich beide an.
»Super gefangen«, meinte Edward.
»Wäre eine Schande, wenn nicht, als Handballtorwart.«
Ungläubig musterte er mich. »Ernsthaft? Du siehst gar nicht nach Sportlerin aus.«
Ich rümpfte die Nase. »Du hast meine Waden noch nicht gesehen. Die Beine werden leider dick von dem ewigen hin und stopp und zurück. Warum trage ich wohl diese weite Hose?«
Sherlock sprang seitlich auf den Sessel neben mir. »Hast du sonst noch was an Sport gemacht?«
Seufzend gab ich zu: »Gemacht ist das richtige Wort. Ich hab im Grunde alles mit Ende der Schule gecancelt, was sich in fast 10 Kilo mehr bemerkbar macht.« Jetzt sahen mich beide an wie Aliens.
Sherlock meinte. »Ernsthaft? Ich mein du hast doch höchstens Größe 38.«
Lauthals lachend sah ich ihn an. »Was, bist du gelernter Damenschneider? Schätzt du gleich meinen Brustumfang?«
Etwas rot im Gesicht nuschelte er: »Circa 86 cm.« Gott das war ja krass.
»Bist du ein lebendes Maßband oder so? BH-Größe?«
Er gab sich entrüstet. »Ich bin doch keine Zirkusattraktion. 75D. Welchen Sport hast du denn sonst so gemacht?«
Da konnte ich nur staunen. Er lag mit allem richtig.
»Erst schwimmen, dann nachher Tennis, Handball, Volleyball, Badminton. Was sich ergab. Ich bin übrigens für den Hund von Baskerville.« Und versuchte damit, das Thema Sport zu beenden.
Edward beugte sich zu mir rüber und zischte mir ins Ohr: »Verräter!«
Direkt lief mir ein wohliger Schauer übers Gesicht. Ich drehte mich ihm zu und küsste ihn impulsiv, wie ich halt war, auf die Nasenspitze.
Sofort verwandelte sich sein grimmiger Ausdruck in pure Überraschung. »Das hat gesessen, was soll ich jetzt noch dagegen sagen?«
In solchen Dingen war ich taktisch gut, wenn auch manchmal, so wie jetzt, etwas zu impulsiv.
»Genau!« Daraufhin schnappte ich mir grinsend mein Glas und versuchte, meine Verlegenheit runterzuspülen.
Sherlock begutachtete mich mal wieder mit diesem Analyseblick, was nicht gegen die Nervosität half. Dann merkte er an: »Mir solls nur recht sein.« Und ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Verdammt süß, und erst seine Augen. So stark und geheimnisvoll. Langsam glitt mein Blick an ihm runter und erst da merkte ich, dass er nur eine lange Schlafanzughose anhatte und mit Sicherheit nichts darunter. Dafür hatte ich genug Zeit mit meinen Ersatzbrüdern verbracht.
Starr ihm nicht in den Schritt, peinlicher gehts doch nicht. Ich war echt hoffnungslos.
Sherlock grinste mich viel zu wissend an. »Alles klar? Ist was an mir auszusetzen, hab ich da einen Fleck?«
Prompt verschluckte ich mich an meinem nächsten Schluck. Edward schlug mir lachend auf den Rücken, bis ich wieder Luft bekam.
»Ihr seid ja einzeln kaum zu ertragen, aber gemeinsam seid ihr das organisierte Verbrechen.«
Sherlock stand auf und legte altmodisch eine Blu-ray in den Player. »Warum hab ich das Gefühl, das wir uns lieber vor dir in Acht nehmen sollten?«
Ha, allerdings, wenn ich wollte, konnte ich durchaus einen Mann durcheinanderbringen. »Kommt drauf an, ob ihr was gegen ´nen Dreier habt. Ich mein klar als Brüder ist das vielleicht etwas ...« Ich zog zischend Luft zwischen die Zähne. Warum konnte ich nie meine große Klappe halten. Jetzt starrten mich beide etwas schief von der Seite an. »Sorry, wenn man quasi mit zwei Jungs groß wird, bekommt man etwas Übung im Austeilen.«
Sherlock lachte. »Scheint so, aber an Henry kann das doch nicht liegen. Edward hat ihm schon angeboten den Stock, den er verschluckt hat, raus zu operieren.«
Und wieder verschluckte ich mich fürchterlich.
»Hab ich wirklich. Geht’s Süße?« Edward musterte mich etwas besorgt.
Noch angeschlagen versuchte ich Henry zu verteidigen. »So schlimm ist er doch gar nicht. Wenn er getrunken hat, ist er sogar ziemlich locker. Eigentlich ist er immer recht witzig und echt lieb.« Wenn ich so drüber nachdachte, fiel mir einiges Wildes ein. »Henry ist oft einer der Schlimmsten, wenn er nicht im Dienst ist.«
Amüsiert meinte Sherlock: »Leider ist er viel zu oft im Dienst. Du hast mich neugierig gemacht. Was hat er denn so angestellt?«
»Du weißt schon, dass ich ihm mehr Loyalität schulde als dir? Er ist quasi, mein großer Bruder, obwohl das von damals dann eklig ist, wie der Dreier, mit euch. Sagen wir Stiefbruder. Das ist besser …« Mist, das war mir rausgerutscht. Ich und meine große Klappe.
Natürlich blieb mein Patzer nicht unentdeckt. Edward lehnte sich seitlich an die Couch und rutschte zu mir auf. »Das hört sich interessant an, hattet ihr etwa was miteinander?«
Sherlock atmete genervt auf. »Er ist schwul, und zwar richtig, ohne Wenn und Aber. Nicht immer springt ´ne Sex Geschichte für dich raus.« Sherlock sah auf den Fernseher und Edward zuckte mit den Achseln, als hätte er nach dem Argument bereits mit der Sache abgeschlossen.
Mein Mundwerk war, wie immer nicht mehr zu stoppen. »Solche Dinge kann man ja zwischendurch absichern.«
Sherlocks Kopf drehte sich langsam mit hochgezogener Augenbraue um und Edward ließ eine leises Ha! Erklingen.
Warum war meine Zunge dauernd schneller als mein Verstand? »Gucken wir den Film?«
Sherlock zog die Augen zusammen. »Auf keinen Fall, Kleines. Erst wird geredet.«
Ich war so blöd, immer musste ich jemanden schocken. »Das war nichts. Wie das halt so passiert.« Ich nahm mir eine Tüte Chips, die Edward mir direkt aus den Händen riss.
»Essen gibt’s erst nachher.«
Entrüstet sah ich ihn an und verkniff mir mühsam das Grinsen. »Du weißt schon, wie sich das angehört hat?«
Und schon war das Grübchen Lächeln wieder da. Welch wundervolle Qual in meinem Bauch. Ich hielt ihm mein fast leeres Glas hin und ließ mit einem Schwenker die kleinen Eisstückchen auffordernd klirren.
»Na gut! Einen, um die Zunge zu lockern.«
»Ihr werdet so enttäuscht sein! Ein Kuss mehr nicht.«
Sherlock sah mich zweifelnd an. »Wann und wie ist es dazu gekommen?«
Seufzend sah ich zu Edward. »Und schon bin ich beim Inquisitor gelandet. Das war doch nur Spaß.«
Aber Sherlock funkelte mich entschlossen an. Es hatte wohl keinen Sinn, mich zu drücken. Die Suppe hatte ich mir selbst eingebrockt, also musste ich jetzt fairerweise auch erzählen. »Er bringt mich um, also bitte sagt ihm nichts davon. Aber es war echt harmlos.«
Edward gab mir mein frisch gefülltes Glas zurück. »Die ganze Wahrheit bitte.«
Ich riss gespielt die Augen auf. Wenn ich das schon tun musste, dann doch mit Spaß. »Oh, ähm.«
Sherlocks Blick brannte mir quasi zwei Löcher in den Kopf, aber eigentlich wollte er nur Henry beschützen und das akzeptierte ich gern.
»Es war einmal ein Mädchen, das mit seinen zwei besten Freunden eines Abends vom Pub nach Hause kam. Einer der beiden ging duschen, während der andere sich mit ihr in der Küche unterhielt.«
Edward legte mir eine Hand aufs Bein. »Wenn du so weiter erzählst, erschieß ich mich. Bitte Gnade.«
Ich lachte und strich ihm aus einer Laune heraus durch die freche Frisur. Mmh, weich. »Ok ... ähm also. Wir waren zu dritt im Pub. Al hat beim Wettbewerb um die Dusche gewonnen, weil er ein Bier abbekommen hatte. Also wartete ich mit Henry in der Küche und diskutierte mit ihm, wer als Nächstes duschen dürfte. Na ja, wir haben Streichhölzer gezogen. Ich hab verloren. Und da wird’s peinlich.« Daraufhin räusperte ich mich und wurde mit Sicherheit rot. Tomatenrot! »Ich hatte einen Hosenrock an und eine Strumpfhose drunter, übrigens nicht wirklich chic. Die Strumpfhose hat jedenfalls genervt und ich hatte ihn gewarnt, dass ich sie loswerden will. Also zog ich beides kurzerhand aus und war nur noch in Shirt und …« Feuerrot, bis über den Bauchnabel hinaus. »Tanga.«
Edward pfiff.
»Henry like bekam ich einen Rüffel, dass ich mich besser benehmen sollte und man so was nicht macht, auch nicht bei einem Schwulen. Moralpredigt halt. Frech wie ich betrunken bin, bückte ich mich also betont lasziv genau vor ihm, sodass mein Hintern quasi drei Zentimeter vor seinem besten Stück stoppte und fragte: Dachte, du stehst auf Hintern?« Das ließ ich kurz sacken und trank fast die Hälfte meines Glases aus, um mich zu beruhigen. So frech und taff, wie ich mich gab, war ich um Längen nicht. Aber diese Fassade half mir, zu überleben.
Leise raunte Edward halb belustigt, halb beeindruckt: »Du bist echt ein Luder, wenn du willst, was?«
»Man sollte mir nicht erklären, dass ich was nicht darf oder kann. Da hab ich so meine Probleme mit.« Entschuldigend sah ich ihn an. »Dabei gebe ich mir echt Mühe … meistens.«
Sherlock verkniff sich ein Lachen und hob vieldeutig die Hand. »Na dann, bring´s zu Ende.«
»So weit sind wir nicht gekommen. Also ich platziere aufreizend meinen Hintern und er packt mich doch tatsächlich mit beiden Händen an den Seiten und sagt: Treib es nicht zu weit. Trotzig lass ich mich nach hinten auf seinen, ihr wisst schon, fallen und stöhne schön unartig und siehe da, der Mann wird hart. Also richte ich mich auf, natürlich nah an ihn gedrückt und dreh mich zu ihm um. Er zieht mich an sich ran und küsst mich. Alistair poltert die Treppe runter, wir springen auseinander und reden nie wieder drüber. Ende der Geschichte.«
Sherlock sah mich arrogant an. »Und das soll ich dir jetzt glauben?«
Säuerlich gab ich zurück: »Ruf ihn doch an und frag ihn. Ich bin vieles, aber keine Lügnerin.«
Überraschenderweise holte er sein Handy aus der Hosentasche und sah mich herausfordernd an. »Bitte, tu dir keinen Zwang an, er wird mich zwar hassen, aber bitte, los.«
Edward lehnte sich vor. »Den Tanga fand ich am besten.«
Spielerisch strich ich ihm über die Wange und flüsterte. »Leider ist die Phase vorbei, hab keine mehr an.« Er grinste mich so sexy an, dass mein Spieltrieb komplett ansprang und ich noch ein wenig näher rückte.
»Schade.«
Hinter uns hörte ich Sherlock mit Henry reden.
»Henry bringt mich um.« Ich ließ meinen Kopf gegen Edwards Schulter fallen. Sein Mund streifte mein Ohr, was kleine Schauer über mich rieseln ließ. Brr, der Kerl war echt verführerisch. Am Rande nahm ich wahr, wie Sherlock auflegte.
»Sie hat die Wahrheit gesagt. Wir sollen dich vom Gin fernhalten und … er bringt dich um.«
Leise nuschelte ich in Edwards Schulter: »Bitte versteck mich und gib mir viel Gin zum Vergessen.«
Ganz der Filou vergrub er seine Nase in meinen Haaren und lachte in sich hinein. »Keine Angst, Süße. Du darfst bei mir wohnen.«
»Soll, ich euch besser allein lassen?« Sherlock hörte sich richtig gehend beleidigt an. »Oder gucken wir jetzt den Film?«
Ich hob den Kopf und lehnte mich seitlich an Edward, der mich direkt in seinen Arm zog. Damit konnte ich recht gut leben. Er war süß, nett und ich fühlte mich sauwohl so behütet. »Film bitte und Chips.«
Edward hielt mir die Tüte hin. Seltsam abweisend war hingegen Sherlocks Blick, den ich unnachgiebig hart erwiderte, ohne einzuknicken. Schließlich war es meine und Edwards Sache, was zwischen uns passierte. Er drehte sich um und drückte auf Play.
Mindestens eine halbe Stunde sagte daraufhin keiner mehr ein Wort. Sherlock warf regelmäßig einen kurzen Blick auf uns, den ich nicht einordnen konnte. Aber eigentlich war ich viel zu abgelenkt von Edward, der angefangen hatte, kleine Streichelbewegungen an meinem Arm zu vollführen, was in meinem Bauch für ein ziemliches Chaos sorgte. Sollte dieser arrogante Prof doch urteilen, wie er wollte. Ich war alt genug zu tun und zu lassen, was mir gefiel.
»Ich hatte das gar nicht mehr so gruselig in Erinnerung. Das Moor, da erinnere mich dran. Allerdings war ich, glaub ich zwölf«, gab ich zu. Edward schmiegte sich an mich, während ich ihm ins Ohr flüsterte und legte seine Hand auf mein Bein. Im Grunde hatte ich nichts dagegen, wenn mir Sherlock nicht ständig so bewusst wäre. Ich konnte regelrecht spüren, wie er uns aus dem Augenwinkel beobachtete. Daher zog ich mich wieder zurück. Der Film war eh fast zu Ende.
Sherlock machte den Fernseher auch direkt aus und Edward empörte sich: »Müssen wir schon ins Bett? Oder ist nur die Fernsehzeit um.«
Sherlock warf ihm genervt die Fernbedienung hin. »Macht was ihr wollt, ich werde jetzt schlafen. Die letzten Nächte waren einfach zu kurz.« Er sah auch wirklich müde aus. Blass mit Augenringen. Ich hatte das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen und ihn höchstpersönlich ins Bett zubringen und nicht unbedingt nur zum Schlafen.
Reiß dich zusammen Victoria. Schnell sah ich zu Edward, der gerade gar nicht süß aussah, sondern verdammt sexy.
Ok, es war eindeutig Zeit zu gehen, sonst würde ich noch etwas Dummes machen, nur um mich nicht allein zu fühlen. »Ich bin auch müde und muss ins Bett, sorry.«
»Es ist nicht mal 11 Uhr. Wie alt seid ihr?«
»Gute Nacht, Edward. Schlaf schön und dir auch eine gute Nacht und schöne Träume, Sherlock.«
Sherlock trottete vor mir her und murmelte. »Dir auch, Victoria.«
Edward rief uns sichtlich frustriert hinterher. »Gute Nacht, ihr Senioren.«
Kaum lag ich im Bett, schien mir schlafen gar nicht mehr so eine gute Idee. Das Zimmer war mir fremd, genau wie die Schatten und ich wusste instinktiv, dass dies keine gute Nacht werden würde. Wieder einmal!
Leider hatte ich damit recht. Keine zwei Stunden später wachte ich schweißgebadet auf mit dem Gefühl von Händen auf meinem Körper, die da nicht sein sollten.
Ich brauchte einige Zeit, um mich zu beruhigen, bevor ich mir frische Sachen anzog und ins Bad ging, um mir das Gesicht zu waschen. Danach fühlte ich mich halbwegs gefestigt und ich beschloss das nicht schlafen, auch keine Lösung war. Wie immer in diesen Momenten versuchte ich aktiv etwas zu finden, von dem ich träumen konnte, um die unerwünschten Erinnerungen zu verdrängen.
Direkt schob sich Sherlock in meine Gedanken. Grüne tiefe Augen, die mich musterten. Eine Hand warm in meiner. Unwillkürlich nahm ich seinen Geruch wahr und ein tiefes Ziehen in mir setzte ein. Allein der Gedanke, diese Hand würde mich anders berühren, ließ mich buchstäblich aufstöhnen. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ein Mann sich für mich jemals so intensiv angefühlt hatte und solche Sehnsucht war mir bisher fremd. Lust, körperliches Verlangen auch ein gewisses Maß an verliebten Gefühlen, aber verzehrende Sehnsucht? Nein, die kannte ich nicht.
Das machte mich regelrecht nervös. Nein, nicht Sherlock, bitte nicht. Edward, denk an Edward. Der war erreichbar und unkompliziert.
Blaue funkelnde Augen, ein freches Grinsen. Muskulöse Arme, die mich halten. Wie er wohl küsste? Langsam? Sinnlich, wild? Und über diese Vorstellung wie Edward sich zu mir beugte und sein Mund meinem näher kam, schlief ich ein.
Vielleicht hätte ich mich besser auf andere Dinge konzentrieren sollen, denn in dieser Nacht sollte Edward mich nicht mehr loslassen. Immer wieder lag ich unter ihm, seine Augen, die auf mich herabschauten, sein Mund, der über meinen Hals, meine Brust, meinen Bauch wanderte bis hinunter zu meiner empfindlichsten Stelle. Seine Zunge, die dort hinein glitt, mit der Zungenspitze an meiner Klitoris spielte. Seine Arme unter meinen Beinen.
Stöhnend und feucht schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Noch nie hatte ich so intensiv von jemandem geträumt oder auch nur darüber nachgedacht. Edward war für mich definitiv nicht ungefährlich.