Pendulum - J. Helmond - E-Book
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J. Helmond

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Beschreibung

Eine fürsorgliche Familie, brave Freunde, gute Schulnoten: Felix könnte so ein einfaches und bequemes Leben führen, wäre da nicht sein Hang zu allem, was gefährlich ist. Verwirrt von den Schatten seiner Vergangenheit, mysteriösen Ereignissen in seiner Heimatstadt und erschreckenden prophetischen Träumen, lernt er das Pendulum kennen, eine mächtige Substanz, deren Existenz dem größeren Teil der Menschheit nicht bekannt und dem kleinen Kreis der Eingeweihten ein Rätsel ist. Zusammen mit seinen Freunden, dem religiösen Arthur und der wissenschaftlich begeisterten Claudentina, versucht Felix, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, doch er ist nicht der Einzige: Ein alter Bekannter mit finsteren Absichten teilt sein Interesse und steht kurz davor, zu demonstrieren, dass zu viel Macht in den falschen Händen verheerende Folgen haben kann.

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EPUB
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Seitenzahl: 731

Veröffentlichungsjahr: 2023

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1. Auflage, 2023

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11, 72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Viktoria Lubomski

Sensitivity Reading: Judith Heim, Incardia to Krax

Korrektorat: Lisa Heinrich

Lektorat: Michaela Harich

ISBN: 9783988270061

Lizenzen Bildrechte Impressum:

Viktoria Lubomski

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Dieses Buch enthält Szenen, die sich mit Okkultismus, Kämpfen oder Blut beschäftigen. Eine Übersicht, über weitere Themen, die Lesende belasten könnten, finden sich auf www.alealibris.de oder im letzten Kapitel.

Contents

PROLOG NEUE STADT, NEUE PROBLEME1 UNSCHULDIGER ALLTAG2 DER NEUE3 BLUT4 NOTEN UND ANDERE PROBLEME5 TRAUMSYMBOLE6 GEISTIGE VERWIRRUNG7 GEBURTSTAG VOLLER ÜBERRASCHUNGEN8 DIE GEHEIME TÜR9 NERBESAR10 BRENNENDE NEUGIER11 UNTERWEGS MIT MICCO12 GEFÜHL UND VERNUNFT13 GERÜCHTE14 DER MANN SEINER ALBTRÄUME15 AUSSPRACHE16 BLUTREGEN17 DIMENTICA18 AUFBRUCH INS UNGEWISSE19 AUSSERHALB DER LANDKARTE20 DIE MACHT DER ELEMENTE21 GOTTES HÖHLE22 LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN...23 ERINNERUNGEN UND ENTHÜLLUNGEN24 DER ANFANG VOM ENDE25 IN DER HÖHLE DES LÖWEN26 LEERE RÄUME27 VERLOREN IM SCHNEE28 FÜNF VOR ZWÖLFEPILOG NEUES JAHR, NEUES LEBENDANKSAGUNGALLGEMEINE HINWEISE

PROLOG

NEUE STADT, NEUE PROBLEME

Der Schnee, der über Leuchtenburg fiel, fühlte sich nicht anders an als der in anderen Städten. Er war weiß und kalt, wie man ihn kannte, verhielt sich genauso wie überall sonst, und dennoch war etwas an ihm ungewohnt. Vermutlich, weil die gesamte Situation ungewohnt war.

Felix atmete tief ein, doch auch die unangenehm kühle Luft, die seine Lungen füllte, war einfach anders, und als er sie wieder ausstieß, sah er ein, dass ein Seufzer nichts daran ändern würde. Das unbeschwerte Leben, das er einst geführt hatte, gehörte nun endgültig der Vergangenheit an. Seine alten Freunde, die ehemaligen Lehrer und das Haus, in dem er aufgewachsen war, blieben allesamt in der alten Stadt zurück.

Seit seinem Umzug nach Leuchtenburg, eine abgelegene, von Bergen und Wäldern umgebene Stadt, hieß es, sich neue Freunde zu suchen, neue Lehrer kennenzulernen und sich in dieser neuen, fremden Umgebung zurechtzufinden. Früher war es ihm nie schwergefallen, auf andere Kinder zuzugehen. Doch in Leuchtenburg galt es, diese außerhalb der Grundschule überhaupt erst zu finden. Er hatte bisher kaum Gleichaltrige kennen gelernt, die Auswahl neuer Spielkameraden ließ

also zu wünschen übrig. Seine Eltern waren ihm auch keine Hilfe. Für sie schien das alles sehr viel einfacher zu sein, aber sie hatten ja sich; Felix hatte niemanden.

Immerhin hatte er schon seinen Lieblingsplatz gefunden: der Fluss neben der Kirche, gewissermaßen die Grenze zwischen Leuchtenburg und dem Vorort Ardegen. Selbst an diesen eiskalten Januartagen stand er gerne am höchsten Punkt der Brücke, die über den Fluss führte, und beobachtete die Sonne am Himmel, Autos auf der Straße und Menschen, die herumliefen. Letztere fand er am interessantesten; als Sohn eines Psychotherapeuten lag ihm das wohl im Blut.

Eines Sonntagmorgens allerdings langweilte ihn auch dieser Platz. An jenem Tag stand er nicht oben auf der Brücke. Wozu auch? Er wusste, wie die Leute aussahen, die soeben die Kirche verließen. Manche davon wohnten in Leuchtenburg, andere kamen aus Ardegen und gingen nach dem Gottesdienst wieder dorthin zurück, aber es waren immer dieselben.

Stattdessen saß er auf einer kalten Bank und genoss den Lolli mit Erdbeergeschmack in seinem Mund, die angenehmste Alternative zu Eiscreme in den kalten Monaten des Jahres. Das Rauschen der sanften Wellen des Flusses in seinem Ohr, sah er sich das Bilderbuch an, das er aus der alten Heimat mitgebracht hatte. Er kannte es in- und auswendig; seine Mutter hatte ihm das bisschen Text darin oft vorgelesen, bevor er selbst Lesen gelernt hatte. Aber es weckte warme Erinnerungen an sein Zuhause vor dem Umzug, und genau das brauchte er in letzter Zeit.

»Welchen Weg wirst du gehen?«, fragte der Wolf. »Den Weg der Stecknadeln oder den Weg der Nähnadeln?«

»Den Weg der Nähnadeln«, sagte das Rotkäppchen.

Also ging der Wolf selbst den Weg der Stecknadeln und erreichte Großmutters Haus vor dem kleinen Mädchen.

Natürlich wusste Felix, was als Nächstes passieren würde. Der böse Wolf würde die Großmutter auffressen und ihre Kleidung anziehen. Und wenn das Rotkäppchen ankam, würde er sagen ...

»Hallo!«

Felix zuckte kurz zusammen und blickte von seinem Buch auf, erschreckt von der hohen Stimme, die in der echten Welt plötzlich mit ihm redete. Das war aber kein böser Wolf, sondern ein Kind. So vertieft in sein Buch hatte er es gar nicht kommen hören.

»Hallo ...«, erwiderte er, etwas schüchtern und zögerlich.

Dieser kleine, dicke Junge, der nun vor ihm stand, war ihm schon oft aufgefallen. Er war eines der wenigen Kinder, die regelmäßig mit ihren Eltern den Gottesdienst besuchten und gut gelaunt wirkten, wenn sie wieder aus der Kirche herauskamen – nein, das stimmte nicht ganz, wenn Felix ehrlich war. Im Grunde war sein Gegenüber das einzige Kind, das diesen Eindruck erweckte.

»Du sitzt hier immer ganz allein. Hast du denn gar keine Freunde?« Es hätte Spott sein können oder Häme, doch Felix erkannte, dass der Junge nichts dergleichen im Sinn hatte. Sein Lächeln war ehrlich und offen – und Felix hatte ihn noch nie anders gesehen.

»Ich bin neu. Natürlich hab ich keine Freunde«, antwortete er, fügte aber rasch hinzu: »Noch nicht.«

»Hab ich mir schon gedacht«, sagte der Junge und setzte sich auf die Bank.

Schweigen legte sich über sie. Der andere erwartete wohl, dass Felix von selbst anfangen würde, etwas von sich zu erzählen. Und warum auch nicht? Felix war auf der Suche nach neuen Freunden und dieser Junge bot sich regelrecht an.

»Meine Mutter hat eine neue Arbeit, deshalb mussten wir umziehen. Jeden Tag hin- und herzufahren wäre für sie blöd gewesen«, erklärte Felix schließlich.

Seine Mutter war eine sehr engagierte Reiseverkehrskauffrau und beherrschte so viele Sprachen, dass er oft Angst hatte, sie könnte im Laufe der Zeit vergessen, welche sie zuhause sprechen musste, damit ihre Familie sie verstand. Aber natürlich wusste er, dass so etwas nicht wirklich passieren konnte, nicht einmal seiner Mutter mit ihrem zuweilen etwas selektiven Gedächtnis.

»Ich kann mich im Moment nur schwer einleben«, fuhr er schließlich fort. »Aber das wird schon.«

Nach außen hin gab sich Felix optimistisch, doch innerlich fragte er sich, wie das klappen sollte. Nach dem Umzug vor fast vier Monaten war er in die vierte Klasse der am nächsten gelegenen Grundschule gekommen, aber dort würde er nicht mehr lange bleiben, und somit stand auch schon die nächste Veränderung am Horizont: der Wechsel auf das Gymnasium im kommenden Herbst. Er sah einfach keinen Sinn darin, in der Grundschule jetzt noch Freundschaften zu schließen.

»Gehst du im September auch auf das Windolf-Gymnasium?«, fragte der Junge, als hätte er seine Gedanken gelesen.

Felix wusste nicht, wie dieses Gymnasium hieß, das etwa drei Kilometer von seiner neuen Haustür entfernt war, doch es gab kein anderes in der näheren Umgebung. »Wenn die Noten so bleiben wie bisher, dann ja«, antwortete er.

Der Junge lachte. »Dann kennst du jetzt schon jemanden dort! Ich heiße Arthur Klamm, aber du darfst mich gern Arthy nennen.« Ungeniert reichte er Felix die Hand.

»Klamm?«, wiederholte er und schüttelte Arthur die Hand. »Eine Lehrerin auf meiner Schule heißt so ... oder hieß so. Ich glaube, sie ist gegangen, kurz nachdem ich kam.«

»Ja, das war bestimmt meine Mutter. Sie hat vorher in Leuchtenburg gearbeitet und ist jetzt an meiner Schule in Ardegen. Und auf dem Windolf wirst du meinen Vater kennenlernen. Er ist auch Lehrer und unterrichtet Geschichte und Religion.«

In den nächsten Minuten erfuhr Felix sehr viel über seine neue Bekanntschaft. Arthur erzählte von seinen Eltern, die sich im Studium kennen gelernt hatten; von seiner Schwester, die an Heiligabend geboren war; seinem Bruder, der ihm mit seiner großen Begeisterung für Engel auf die Nerven ging; von seinem bisherigen Leben in Ardegen und der Schule dort.

Viele Minuten verstrichen, in denen Felix sich erschlagen fühlte von dieser Informationsflut, während er selbst nicht viel zu der Unterhaltung beizutragen hatte und sich deswegen allmählich unwohl fühlte. Einmal bot er Arthur einen Lolli an, den dieser dankbar annahm; Felix hatte für solche Gelegenheiten immer einen kleinen Vorrat in der Jackentasche.

Arthur schien es durch dieses pausenlose Plappern warm zu werden, denn er zog den Reißverschluss seiner Jacke immer weiter auf. Das war eine der ersten Beobachtungen, die Felix über ihn gemacht hatte: Er lief selbst an den kältesten Tagen mit offener oder gar keiner Jacke herum, ohne zu frieren. Felix war das Gegenteil: Obwohl er eingepackt war, als lebte er am Nordpol, fror er immer ein bisschen. Aber er redete auch nicht so viel. Vielleicht lag es daran?

»Wie heißt du denn überhaupt?«, fragte Arthur plötzlich, und Felix brauchte einen Moment, um zu reagieren, weil er nicht mit einer Frage gerechnet hatte. Also stellte auch er sich vor. Er war Felix Kohnen und froh darüber, dass sein Vater damals bei der Hochzeit beschlossen hatte, den Namen seiner Ehefrau anzunehmen. Andernfalls hätte er seine Familie dazu verdonnert, Rülpswetter zu heißen. Arthur war bei weitem nicht der Erste, der das zum Schreien komisch fand.

Irgendwann, nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten und Arthur sich auch wieder von seinem Lachanfall erholt, stand sein neu gewonnener Freund auf.

»Musst du weg?«, fragte Felix.

Arthur schüttelte den Kopf. »Ich kann nur nicht so lange sitzen. Hast du Lust, was zu machen?«

»Was denn?«

»Na, irgendwas spielen, vielleicht ...« Ein spitzbübisches Grinsen breitete sich auf Arthurs Gesicht aus. Ohne ein weiteres Wort ging er in die Hocke, sammelte etwas Schnee und formte daraus eine faustgroße Kugel. Es war offensichtlich, was er vorhatte.

Felix schüttelte heftig den Kopf. »Bloß keine Schneeballschlacht! Ich hasse das!«

»Schneemann bauen?«, lautete der nächste Vorschlag.

»Immer noch zu viel Schnee!«

»Hm, dann ...« Arthur sah sich kurz um, bis sein Blick an dem größten Gebäude der Nachbarschaft haften blieb. »Vielleicht finden wir in der Kirche was zu spielen. Dort gibt es zumindest keinen Schnee. Warst du da schon mal drin?«

»Ach, in der Kirche ist es doch langweilig. Ich geh nie da rein.«

»Woher willst du dann wissen, dass es da langweilig ist?« Wieder grinste Arthur, genauso durchtrieben wie zuvor. »Und ... weißt du, in den verbotenen Bereichen gibt es immer etwas Cooles zu sehen!«

Widerwillig blickte Felix hinunter auf das Bilderbuch in seinen Händen. »Was mache ich jetzt damit?«

»Lass es einfach hier und hol es später wieder. Das ist ne gute Gegend, hier klaut doch keiner!«

Und so ließ Felix sich überreden. Die Kirche der Heiligen Theresa hatte er zwar noch nie von innen gesehen, aber nichts an ihr überraschte ihn, als er sie erstmals betrat. Eine Halle mit zwei Reihen von Bänken, ein Balkon mit weiteren Sitzplätzen, einige Säulen, das Podium mit dem Altar, bunte Fenster, aufwendig verzierte und geschmückte Wände, eine Orgel ­– nichts Besonderes, ein typischer Kirchensaal eben.

Unbeeindruckt warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es fast Mittag war. »Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Um zwölf gibt’s Essen.«

Bevor er auch nur Anstalten machen konnte, die Kirche wieder zu verlassen, packte Arthur ihn am Arm. »Jetzt warte doch mal! Bist du nicht neugierig, was es hier alles gibt?«

»Ehrlich gesagt bin ich eher neugierig, was es bei mir heute zu essen gibt.«

»Nur fünf Minuten, okay?«

Felix seufzte resignierend. »Also gut.«

Die wenigen Leute, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Kirche aufhielten, nahmen keine Notiz von den beiden Jungen, die an den seitlichen Wänden des Saals entlangschlichen und auf das Podium zuhielten. Wenige Schritte davon entfernt blieb Arthur stehen und wandte sich einer Nische zu, vor der ein halb zugezogener Vorhang hing. Ein flüchtiger Blick hinter den Vorhang schien ihm zu reichen, um sich zu vergewissern, dass die Luft rein war, und er bedeutete Felix, ihm zu folgen.

In der Nische gab es außer einem Beichtstuhl, über dem ein großes Kreuz von der Decke hing, nichts Aufregendes zu entdecken. Doch gerade deswegen fragte sich Felix, warum es notwendig war, diese völlig alltägliche Kirchenausstattung in einer Nische hinter einem Vorhang zu verstecken, als dürfte sie niemand sehen.

Vielleicht darf das ja tatsächlich niemand?

Verunsichert sah Felix sich um, suchte nach neugierigen Blicken in seine Richtung. Die Kirchgänger beachteten ihn und Arthur allerdings immer noch nicht; einige von ihnen saßen mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf den Bänken, wahrscheinlich in Gebete vertieft, andere waren aufgestanden und wandten sich zum Gehen, und wieder andere sahen aus, als würden sie ohnehin nichts mehr wahrnehmen.

Als er sich wieder zu Arthur umdrehte, um zu fragen, ob die Kirche früher oder später zwangsläufig auf alle einen solchen Effekt hatte, erschrak Felix zutiefst. Neben ihm war aus dem Nichts ein dunkler Durchgang erschienen, der nach einigen Schritten vor einer Tür endete. Bevor er Fragen stellen konnte, hielt Arthur sich den Zeigefinger an die Lippen und deutete mit einer Kopfbewegung auf den verschobenen Wandteppich, der bis gerade eben den geheimen Gang verdeckt hatte.

Er war schon immer ein äußerst neugieriges Kind gewesen, das wusste Felix selbst, denn seine Eltern machten es ihm oft genug zum Vorwurf. Dennoch hätte er es nie für möglich gehalten, eines Tages ausgerechnet in einer Kirche einen Geheimgang zu entdecken. Sofort war seine Abenteuerlust geweckt. Eine Tür, die hinter einem Wandteppich versteckt war, führte wahrscheinlich an einen interessanten Ort.

Irgendjemand hatte hier etwas zu verbergen, und er wusste nicht, ob es richtig war, dieser Sache nachzugehen. Trotzdem folgte er Arthur ohne Widerworte, als dieser den kurzen Gang betrat. Sein Verstand und sein Gefühl waren beide einer Meinung, als sie ihm sagten, dass er das nicht tun sollte, aber die Neugier war nun einmal stärker.

Als der Wandteppich zurück in seine gewohnte Position fiel, wurde es stockdunkel. Arthur stand allerdings bereits an der Tür, öffnete sie und fand schnell einen Lichtschalter. Offensichtlich war er nicht zum ersten Mal hier.

Nun, da er wieder sehen konnte, bemerkte Felix hinter der Tür eine steile Wendeltreppe, die nach unten führte. Die einzige Lichtquelle, eine nackte Glühbirne, baumelte von der Decke und flackerte und knackte beängstigend vor sich hin. Sie allein war auf diese Weise schon unheimlich genug, um einen guten Schutz vor Eindringlingen zu bieten.

»So, bis hierher bin ich das letzte Mal gekommen. Weiter hab ich mich nicht getraut«, erklärte Arthur im Flüsterton, was Felix kaum überraschte. »Ich will aber unbedingt wissen, was da unten ist! Na, bist du dabei?«

Alles in Felix sträubte sich gegen diesen Gedanken. Er fühlte sich, als stünde er kurz davor, in eine düstere Angelegenheit verwickelt zu werden, von der er lieber die Finger lassen sollte, um es hinterher nicht zu bereuen. Allerdings wollte auch er wissen, was es da unten zu sehen gab, und schließlich willigte er ein.

Zögerlich und langsam, aber trotz allem unbeirrbar, ging Arthur voraus. Felix lief dicht hinter ihm und warf gelegentlich einen kurzen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass ihnen niemand folgte. Die Treppe aus braunem Gestein drehte sich auf dem Weg nach unten an der Wand entlang einmal im Kreis und führte selbstverständlich in einen stockdunklen Raum. Kurz vor der letzten Stufe hielt Arthur inne.

»Da ist jemand!«, flüsterte er.

Felix wusste, was das bedeutete. Wenn in dem Raum wirklich jemand war, verhieß die Tatsache, dass er sich lieber im Dunklen aufhielt, sicherlich nichts Gutes. Und er musste die Eindringlinge schon längst bemerkt haben, denn dass sie auf der Treppe das Licht angeschaltet hatten, konnte ihm kaum entgangen sein.

»Bist du sicher?«, fragte Felix dennoch.

»Da ist ein Licht! Und es strahlt genau in Richtung Treppe! Siehst du es denn nicht?«

Seiner Angst zum Trotz schlich Felix so leise wie möglich an Arthur vorbei und riskierte einen Blick. Dann sah er das Licht. Allerdings ging es nur von einer Taschenlampe aus, die auf dem Boden lag. Zumindest soweit Felix das erkennen konnte.

Mutig – oder leichtsinnig, wer konnte das schon sagen – wagte er sich einen Meter in den dunklen Raum hinein. Die Lichtquelle bewegte sich nicht, und um sie herum war nichts Verdächtiges zu hören oder zu sehen. Auch keine weitere Person, oder sie war sehr gut versteckt. Also tastete Felix die Wände neben der Treppe vorsichtig ab, bis er einen Lichtschalter fand, und wenige Sekunden später sah alles viel klarer aus.

»Wow! Was ist das für ein krasser Raum!« Arthur konnte seine Verwunderung kaum verbergen. Zum Vorschein gekommen war ein ziemlich schmutziger Kellerraum mit niedriger Decke, an der, wie über der Treppe, nur nackte Glühbirnen hingen, die aber wenigstens einwandfrei funktionierten. Felix sah hölzerne Tische und Bücherregale, von denen einige sehr verstaubt waren, und, wie er bereits erwartet hatte, die Taschenlampe, die eingeschaltet auf dem Boden lag und in Richtung Treppe leuchtete.

Nichts hier unten hatte eine Ordnung. Die Tische waren in keinem erkennbaren Muster angeordnet, keines der Regale sah aus wie das andere. Es gab auch Metallschränke mit verschlossenen Türen, die fast zu modern aussahen für diesen Raum, dessen Gesamtbild den Eindruck eines mittelalterlichen Verlieses vermittelte, nur eben mit etwas mehr Möbel. Der Boden und die Decke bestanden aus demselben bräunlichen Gestein wie die Treppe, die Wände waren uneben und rau, nicht verziert und mit Gemälden behangen, wie die im oberen Kirchensaal.

Felix fühlte sich, als hätte er nicht nur den geheimen Keller der Kirche entdeckt, sondern ein neues Gebäude betreten, wofür auch immer dieses gedacht war.

»Du hattest Recht mit diesem verbotenen Bereichen«, sagte er. »Ich glaube, hier könnte man so einiges finden, was manchen Leuten nicht passen würde.«

Während Arthur noch eine Weile mit offenem Mund am Fuß der Treppe stand und dann anfing, sich die Regale anzusehen, ging Felix auf ein Loch im Boden in der Mitte des Raumes zu. Es war ein perfekter Kreis, wie er auf natürliche Weise nie hätte entstehen können, etwa einen Meter im Durchmesser und stockdunkel. So dunkel, dass sämtliches Umgebungslicht sich darin verlor und ein Boden nicht zu erkennen war.

Felix hob die Taschenlampe auf, ein klapperndes Modell in dünner Blechummantelung, das jeden Moment den Geist aufgeben konnte und ein seltsames Kribbeln in seiner Hand verursachte – vermutlich nur seine Nervosität, die er allmählich auch körperlich spürte. Er versuchte, den Boden des Loches zu erspähen, ein hoffnungsloses Unterfangen angesichts der gähnenden, undurchdringlichen Finsternis, in der sich sein Lichtstrahl verlor.

Ihm wurde schwindelig. Felix wich von dem bodenlosen Abgrund zurück und stieß mit dem Rücken gegen etwas Hartes. Als er sich umdrehte, sah er eine solide Eisentür, die er zuvor noch nicht bemerkt hatte. Sie ließ sich nicht öffnen, was jedoch nicht weiter schlimm war, denn sein Gefühl, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden, konnte er sowieso kaum mehr ignorieren. Die wenigen Minuten, die er sich in diesem Raum aufhielt, kamen ihm schon zu lange vor.

»Arthy, ich finde, wir sollten abhauen.« Er ging auf seinen neuen Freund zu, der vergeblich an den Türen eines der Metallschränke zog. Dabei passierte er ein breites Regal mit lang verstaubten Büchern, das ihn unter anderen Umständen möglicherweise interessiert hätte. Nun sahen die Umstände jedoch so aus, dass sein Instinkt ihm dringend riet, schnellstens zu verschwinden. »Arthur ...«

Dann packte ihn jemand, und eine starke Hand hielt ihm den Mund zu. Eine zweite Hand erschien am Rand seines Blickfeldes, ebenso plötzlich wie die erste. Noch bevor er mehr erkennen konnte, spürte er es an seinem Hals: die schimmernde Klinge eines Messers. Er wollte schreien, doch er konnte nicht.

Etwas musste Arthur dennoch gehört haben, denn er vergaß den Metallschrank und fuhr herum. Nach einigen Sekunden des Schreckens trat er einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Das hatte jedoch nur zur Folge, dass der unbekannte Angreifer die scharfe Messerklinge noch fester an Felix’ Hals drückte. Er nahm seine Hand von Felix’ Mund, ließ ihn jedoch nicht gehen.

»Wer hat euch reingelassen?«, fragte eine raue Stimme. Eine simple Frage, die so wütend und so nachdrücklich klang, dass Felix am liebsten sofort geantwortet hätte. Doch die an seinen Hals gepresste Klinge wartete nur auf die allerkleinste Bewegung seiner Kehle, um hineinzuschneiden.

Er konnte weder sprechen noch richtig denken. Sein Herz schlug zu schnell und seine zitternden Hände wollten sich an etwas festklammern, doch die alte Taschenlampe lag auf dem Boden. Er hatte sie vor Schreck fallen lassen, als ihn der Mann gepackt hatte.

»Es tut uns leid!« Arthur schien bemüht, die Fassung zu bewahren, aber sein unsteter Blick, der mehrere Male von dem Messer, zu Felix, zu dem Gesicht des Angreifers und zurückwanderte, zeigte eindeutig, wie nervös er war. »Wir wollten Sie nicht verärgern. Wir wollten auch nicht ... Wir wollten nicht in Ihrem Zimmer rumschnüffeln!«

Felix erkannte, dass Arthur unter all seiner Angst wütend war und eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte, doch er war auch klug genug, zu wissen, dass er mit seiner Wortwahl vorsichtig sein musste.

»So so, ihr wolltet also nicht rumschnüffeln?«, wiederholte der Mann. »Dann frage ich mich aber, warum ihr hier seid! Sicher, dass ihr nicht einfach nur Ärger gesucht habt?«

»Wir waren nur neugierig!«, fuhr Felix dazwischen, als er die Klinge für einen Moment nicht mehr spürte.

»Ihr wart neugierig. Ach so.« Der Fremde schien es zu genießen, ihre Worte spöttisch zu wiederholen.

Felix versuchte, sich anhand von dessen Stimme ein Bild von seinem Angreifer zu machen, was ihm nicht gelang. Er war immer noch zu aufgebracht, und der Gedanke, dass eine kleine Handbewegung dieses Mannes ausreichte, um ihn zu töten, machte es ihm nicht leichter, sich zu konzentrieren.

»Lassen Sie ihn los!«, forderte Arthur den Mann auf. »Er hat nichts getan! Es war meine Idee, hier runterzukommen. Wir haben uns nur ein bisschen umgesehen!«

Der Fremde hielt inne. Nur wenige Sekunden wahrscheinlich, doch Felix kamen sie vor wie Stunden. Er hatte so viel Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben.

»Warte mal ... Bist du nicht der Junge der Klamms?«, fragte er dann an Arthur gerichtet. Dieser antwortete nicht, aber darauf schien der Kerl auch nicht zu warten. »Ich kenne deine Eltern zwar nicht persönlich, habe sie aber schon oft hier gesehen und weiß, dass sie sich freiwillig in dieser Kirche engagieren«, fuhr er fort. »Ob es die beiden wohl glücklich machen würde, zu erfahren, dass ihr Sohn vor ihnen scheinheilig tut, um sich hinter ihrem Rücken in den verbotenen Bereichen der Kirche herumzutreiben?«

Das Verbrechen, das Arthur vorgeworfen wurde, empfand Felix im direkten Vergleich zu dem, was dieser Mann gerade tat, als ziemlich irrelevant, aber er hielt an dieser Stelle lieber den Mund.

Der Fremde lachte leise und geheimnisvoll. »Blut spritzt auf die Erde, Blut färbt das Wasser rot, Blut löscht das Feuer, Blut verdrängt die Luft.« Seine Stimme klang anders, als er diesen mysteriösen Spruch aufsagte, viel tiefer und beängstigender, beinahe dämonisch. Er wiederholte die merkwürdige Floskel noch ein zweites Mal, ganz langsam, als würde er wollen, dass die beiden Jungen sie sich genau einprägten, danach entfernte er das Messer von Felix’ Hals und stieß ihn zu Boden.

Felix fing sich mit den Händen ab und drehte sich um, wobei er endlich das Gesicht des unheimlichen Mannes sah. Er hatte sehr dunkle Augen und einen runden, nahezu kahlen Kopf. Die wenigen Haarbüschel, die darauf noch wuchsen, hatten sich an die Seiten zurückgezogen, seine Oberlippe wurde geziert von einem dicken, schwarzen Schnäuzer. Er sah eigentlich wie ein ganz normaler Mensch aus, doch er redete von blutigen Ritualen wie ein böser Hexer.

Der Blutmagier, wie Felix ihn in Gedanken ab sofort nennen wollte, ging vor ihm in die Hocke und genoss dabei sichtlich die Angst und die Empörung, die er auslöste. Er blickte Felix tief in die Augen und wiederholte ein weiteres Mal seinen Satz, der klang wie eine unheilvolle Prophezeiung. »Blut spritzt auf die Erde, Blut färbt das Wasser rot, Blut löscht das Feuer, Blut verdrängt die Luft.« Nach einer kurzen, unheilvollen Pause fügte er noch hinzu: »Das Pendel ist in Bewegung.«

Felix hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Was für ein Pendel?

»Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich spüre, dass irgendetwas uns verbindet. Dass du es tief in dir trägst. Eines Tages wirst du keine andere Wahl haben, als hierher zurückzukehren, und dann wirst du mir entweder helfen oder ich werde dich töten.«

Eine dämonische Freude blitzte in den Augen des Blutmagiers auf, als er sein Messer noch einmal in Felix’ Sichtfeld rückte. »Andererseits ... könntest du mir vielleicht jetzt schon helfen. Die Sache ist nur: Lebendig nützt du mir nichts!«

»Sie würden also ein Kind töten?«, fragte Felix mit bebender Stimme. »Tun Sie das öfter?«

»Nein, aber es gibt immer ein erstes Mal.«

Der Blutmagier war noch nicht fertig, aber Felix hatte genug gehört. Bei der ersten Gelegenheit griff er nach der Taschenlampe, die neben ihm auf dem Boden lag, und schlug damit nach seinem Gegenüber. Er traf den Blutmagier hart am Auge, woraufhin dieser aufschrie. Arthur nutzte den daraus entstehenden Aufruhr, um Felix auf die Beine zu ziehen und mit ihm in Richtung Treppe zu fliehen.

Sie blickten nicht zurück, als sie die Treppe hinaufstürmten, stets zwei Stufen auf einmal. Im Saal hielten sie nicht an, sondern liefen weiter, ohne sich um die überraschten Blicke der anderen zu scheren.

Durch die Tür stürmten sie hinaus, an der Bushaltestelle vorbei und in Richtung der Einfamilienhäuser, Hauptsache weg von der Kirche und diesem unheimlichen Mann. Zwischen den Häusern wuchsen genügend Bäume und Büsche, um sie vor den Blicken gemeingefährlicher Verfolger zu schützen. Sie versteckten sich jedoch nicht, sondern liefen weiter die Straße hinunter, bis sie nicht mehr konnten. Erst dann ließen sie sich erschöpft am Straßenrand nieder, um Luft zu schnappen.

Immer wieder warfen sie nervös einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und trauten sich plötzlich nicht mehr wegzusehen, aus Angst, der unheimliche Mann könnte die Verfolgung aufgenommen haben und genau dann auf sie zustürmen, wenn sie unaufmerksam wurden.

»Wir hätten das niemals tun dürfen, Arthy!«, sagte Felix, sobald er wieder einigermaßen sprechen konnte. »Wir hätten niemals in diesen verbotenen Bereich gehen dürfen. Dieser Verrückte ...«

Er wollte noch mehr sagen, doch ein Kloß in seinem Hals hinderte ihn daran. Sein Hals, der nach wie vor wehtat von der Berührung der harten, kalten Klinge, und er musste sich bemühen, die Beherrschung zu bewahren und nicht zu weinen. Die Vorstellung, dass sein Leben nach nur zehn Jahren so leicht ein schnelles, unnatürliches Ende hätte finden können, und auch noch ausgerechnet nach ihrem Umzug in diese fremde Stadt, war bitter und ließ ihn allzu schnell nicht mehr los.

»Ich will nie mehr dorthin zurückgehen!« Arthurs Stimme zitterte. »Aber ich muss es wohl. Ardegen liegt auf der anderen Seite der Brücke.«

»Du musst gar nichts! Komm einfach mit zu mir, dann kannst du deine Eltern anrufen und ihnen sagen, sie sollen dich abholen.« Felix schnappte kurz nach Luft. »Und geh nicht mehr in diese Kirche. Es gibt doch bestimmt auch eine in Ardegen. Geh dorthin.«

»Aber wir müssen es doch irgendwem erzählen!«

»Denkst du, uns würde jemand glauben? Wenn der Blutmagier was anderes behauptet ...«

»Der was?«

Felix bemerkte, dass er seiner neuen Bekanntschaft noch gar nichts von dem Spitznamen erzählt hatte, den er dem Mann in der Kirche gegeben hatte. »Der komische Typ in der Kirche. Irgendwie müssen wir ihn doch nennen! Na ja, jedenfalls wird er bestimmt was anderes erzählen, und dann glaubt jeder ihm, nicht zwei zehnjährigen Kindern!«

»Ich bin erst neun ...« Arthur ließ den Kopf hängen – wenn das überhaupt möglich war, so sehr japsten sie beide nach Luft.

»Siehst du, noch unglaubwürdiger!« Felix schüttelte den Kopf. »Wir tun einfach so, als wäre das heute nicht passiert. Und der Typ wird deinen Eltern auch nichts erzählen. Dafür ist das, was er dort unten macht, viel zu geheim, was auch immer es ist. Wir halten einfach die Klappe, dann greift er uns auch nicht mehr an.«

Aber in Gedanken beschäftigte ihn etwas anderes. Warum war sich der Mann so sicher gewesen, dass Felix irgendwann zurückkehren würde, oder dass sie etwas verband? Felix’ Bedarf, verbotene Bereiche zu erkunden, war fürs Erste gedeckt. Alles, was er jetzt noch wollte, war sein Zuhause, am besten sein altes, weit weg von dieser schrecklichen Kirche, aber zur Not würde es auch das neue Haus tun. Hauptsache, seine Eltern waren bei ihm.

Immer noch erschöpft, aber erpicht nach Hause zu kommen, stand er auf. »Komm, gehen wir!«, sagte zu Arthur, der sich ebenfalls erhob, und sie gingen zusammen weiter.

Felix und Arthur hielten das Versprechen, das sie sich am Tag ihres Kennenlernens gegeben hatten, und sprachen mit niemandem über das, was ihnen in der Kirche widerfahren war. Dennoch prägte es sie. Während Arthur seit diesem Tag nie wieder die Kirche der Heiligen Theresa besuchte, jedoch seine Eltern nicht überreden konnte, woanders hinzugehen, wurde Felix hin und wieder von Albträumen geplagt.

Aber ein Gutes hatte die Sache immerhin: Die beiden wurden beste Freunde, und oft hatte Felix sogar das Gefühl, Arthur schon seit einer Ewigkeit zu kennen; nicht erst seit dem Vorfall in der Kirche, sondern schon viel länger, als sie beide am Leben waren.

Doch das war nur so ein Gefühl ...

1

UNSCHULDIGER ALLTAG

Die Jahre vergingen. Anfangs sehr langsam, aber mit der Zeit wurde es erträglicher. Der fremde Schnee, der in jedem Winter fiel, wurde vertrauter, wie auch die ganze Umgebung.

Felix war gar nicht so allein, wie er anfangs befürchtet hatte. Amélie und Florent, seine Cousins mütterlicherseits, die er vor dem Umzug vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr gesehen hatte, wohnten nun in der Nähe und wurden im Laufe der Zeit so etwas wie seine älteren Geschwister. Dann gab es noch seine erste Bekanntschaft in Leuchtenburg: Arthur, der ebenfalls nicht zu weit entfernt wohnte, um ihn regelmäßig zu treffen. Nur acht Monate nach ihrem Kennenlernen gingen sie auf dem nahe gelegenen Windolf-Gymnasium zusammen in die fünfte Klasse.

In den sechs Jahren, die darauf folgten, erlebten sie einige Abenteuer, wenn auch keines davon an ihren Ausflug in den Kirchenkeller herankam. Schulisch entwickelten sie sich, von ihrer gemeinsamen Feindin namens Mathematik abgesehen, in unterschiedliche Richtungen: Arthur lagen in erster Linie Geschichte und Religion – die Fächer, die sein Vater unterrichtete –, wohingegen Felix sich zu einem Musterschüler in Sport und Musik mauserte und außerdem das fremdsprachliche Talent seiner Mutter geerbt hatte. Letzteres freute Arthur ganz besonders, denn dieser hasste Französisch von Anfang an, und daran änderte sich auch nichts bis in die elfte Klasse.

»Französisch. Warum muss das Allererste, was wir schreiben, ausgerechnet ein Vokabeltest in Französisch sein?«, beschwerte Arthur sich, als er an einem sonnigen Tag in der ersten Oktoberwoche mit Felix zur Bushaltestelle spazierte. Ihm war es definitiv noch viel zu früh für einen Test. »Und vor allem, wie soll ich das alles bis morgen in meinen Kopf kriegen? Das sind zehn A5-Seiten, von oben bis unten voll mit französischen Wörtern!«

»Sechs«, korrigierte ihn Felix, der mittlerweile die Kunst, mit einem Erdbeerlolli im Mund zu sprechen, perfektioniert hatte. »Es sind nur sechs Seiten. Und wir wissen schon seit letzter Woche, dass morgen der Test ansteht.«

»Auf wessen Seite stehst du eigentlich?« Arthur zog eine beleidigte Schnute, als er sich in das Häuschen an der Bushaltestelle setzte, wo in Kürze der Bus kommen würde. Im Gegensatz zu Felix hatte er sich Lollis schon vor Jahren abgewöhnt.

Felix blickte mit verschränkten Armen auf ihn hinab; eine seltene Begebenheit. Normalerweise musste er zu Arthur aufsehen, denn das Größenverhältnis zwischen den beiden hatte sich in den letzten Jahren umgekehrt. War Arthur früher fast einen Kopf kleiner gewesen als Felix, hatte er ihn im Laufe der Zeit im Wachstum überholt. Aber die Größe war auch das Einzige, was sich an Arthur verändert hatte. Er war noch immer etwas übergewichtig, mit millimeterkurzem, braunem Haar und treuen Augen ähnlich denen eines Schäferhundes. Nur leider würde auch der liebenswürdigste Hundeblick, zu dem er im Stande war, Frau Rainhold kaum dazu verleiten, den geplanten Vokabeltest ausfallen zu lassen.

Auf Felix hatte dieser Blick durchaus noch eine Wirkung, auch wenn er ihn nur zum Lächeln brachte. »Jetzt guck doch nicht so, als hätte man dich aufgefressen und wieder ausgekotzt. Ich helf dir ja! Wir lernen zusammen, okay?«

Mit großen, leuchtenden Augen und einem Grinsen von einem Ohr bis zum anderen, das seine strahlend weißen Zähne enthüllte, blickte Arthur hoffnungsvoll auf. »Wusste ich doch, dass ich mich auf dich verlassen kann! Danke, danke, danke!«

»Hey, das heißt jetzt aber nicht, dass ich den Test für dich schreibe!« Felix wusste schon lange bestens Bescheid über die Faulheit seines Freundes, wenn es darum ging, etwas für die Fächer zu tun, auf die er keine Lust hatte, zumal er diese Eigenschaft auch von sich selbst kannte. »Du musst schon mitmachen! Versuchen wir’s doch mit ein paar Eselsbrücken bei den Vokabeln.«

Arthurs freudige Miene verwandelte sich augenblicklich in eine Grimasse. »Du meinst aber hoffentlich nicht diese komischen Eselsbrücken, die sich außer dir keiner merken kann, oder?«

»Wir werden schon etwas Passendes finden.« Felix ging an die Straße, denn der Bus war bereits zu sehen. »Heute Abend an unserem Stammplatz?«

»Alles klar, heute Abend im Café!«

Branlau, ein Stadtteil in der südwestlichen Ecke Leuchtenburgs, war der letzte Halt des Busses, bevor er umkehrte und zurück in Richtung Innenstadt fuhr. Es war ein kleines, idyllisches Plätzchen ohne Industrielärm, passend zu Felix’ kleinem, idyllischem Leben, in dem selten etwas wirklich Aufregendes passierte. An der langen, geraden Straße, die sich von der Kirche der Heiligen Theresa bis hin zum Leuchtenburger Festplatz zog, standen gemütliche, kleine Einfamilienhäuser, von denen eines – das weiße mit dem Ziegeldach in der Nähe der Bushaltestelle – Felix’ Eltern gehörte.

Seine Mutter war bereits zuhause, ihr roter Mini stand in der Auffahrt, und sie rief nach ihm, kaum dass er das Haus betreten hatte. »Schatz?«, drang ihre Stimme gedämpft durch die Tür gleich neben dem Eingang.

Er ging in die Küche, und dort stand sie mit der Gießkanne vor einer Pflanze: Regina Kohnen war gewissermaßen die Königin ihrer kleinen Familie. Nichts lief ohne ihre Zustimmung, denn ihr Temperament war gefürchtet bei allen außer ihrem Sohn, der es als Einziger noch nie zu spüren bekommen hatte; er war gewissermaßen ihr Heiligtum. Dennoch bildete sogar er sich ein, die dunkelrote Löwenmähne auf ihrem Kopf würde wie Feuer brennen, wenn sie sich über etwas aufregte, und war froh, dass sie ihn stattdessen mit einem warmen Lächeln begrüßte.

»Wie war’s in der Schule?«, wollte sie wissen. »Alles okay? Geht es dir gut?«

Seit seiner Geburt hatte sie ihn stets verwöhnt und verhätschelt. Besonders als er noch sehr klein gewesen war, hatte nichts und niemand sie je von ihm trennen können. Sie war überfürsorglich, schon immer gewesen, und ginge es nach ihr, würde er das Haus niemals verlassen, um auch den Rest seines Lebens in ihrer Obhut zu verbringen. Und da sie jünger war als die meisten Mütter eines Kindes im Jugendalter, blieb ihnen noch sehr viel Zeit.

Felix fand ihre Einstellung zuweilen sehr anstrengend, wie auch ihre immer gleichen Fragen am Ende jedes Schultages, und er zuckte mit den Schultern. »Es war ... wie immer. Aber ich treffe mich später mit Arthy, um für den Test morgen zu lernen. Können wir heute früher essen?«

Hätte sein Vater ihr diese Frage gestellt, hätte sie empört reagiert, gefragt, warum er das vorschlug und ihm vorgeschlagen, künftig selbst zu kochen. Und dann hätten sie beide angefangen zu lachen und trotzdem etwas früher gegessen. Doch nun, da die Frage von ihrem Sohn kam, übersprang sie den künstlich-jähzornigen Part und sagte:

»Klar! Wenn du mir in der Küche hilfst, werden wir auch früher fertig. Aber mach erstmal deine Hausaufgaben.«

Mit einem Nicken wandte er sich zum Gehen.

»Äh ... Schatz?«

Er hatte bereits eine Befürchtung, was nun kommen würde, und drehte sich langsam wieder um. Sie sah besorgt aus, und ab diesem Zeitpunkt wusste er, warum.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte sie vorsichtig. »Du bist letzte Nacht wieder rumgelaufen ...«

»Ja, ich weiß. Aber keine Sorge, da war nichts! Ich musste nur mal für kleine Jungs.«

Das stimmte natürlich nicht. Er hatte in der Tat ein Problem, das sich vor allem nachts äußerte und nichts damit zu tun hatte, dass er auf die Toilette musste. Doch was sollte er seiner Mutter schon sagen? Je mehr Sorgen sie sich machte, desto schwieriger wurde es, vernünftig mit ihr zu reden, also griff er hin und wieder auf kleine Notlügen zurück. Bei ihr funktionierte das immerhin, bei seinem Vater nicht.

»Ich komm runter, wenn ich fertig bin«, versprach er und verließ zügig die Küche, bevor sie weiter bohren konnte. Sie wirkte nicht überzeugt.

Tut mir leid, Mama. Ich will einfach nicht darüber reden. Dennoch verursachte es ihm Bauchschmerzen, dass er sie anlog. Lügen, das war eine Sünde, würde Arthur sagen, und für Sünden kam man in die Hölle.

Er schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben, während er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufging. Sie zehrten an der Energie, die er in wenigen Stunden brauchen würde, um Arthur französische Vokabeln beizubringen. Er selbst musste auch noch ein wenig für den kommenden Test lernen. In ein paar Wochen stand zudem eine Arbeit in Chemie an, die ihn sehr viel mehr beunruhigte ... und sein Vorrat an Haargel neigte sich dem Ende zu. So viele Dinge, über die er lieber nachdenken wollte, als das, was ihm nachts passierte – und doch wanderten seine Gedanken immer wieder zurück.

Das Sterncafé war ein gemütliches, kleines Café am Rand der Innenstadt. Da viele Leute die Bars und Kneipen bevorzugten, die weiter im Zentrum lagen, fanden Felix und Arthur an ihrem Lieblingstreffpunkt immer problemlos einen Tisch. Seine angenehm ruhige Atmosphäre machte den Ort ideal, um Gespräche zu führen oder eben französische Vokabeln zu lernen.

Arthur zeigte guten Willen. Er hatte fleißig Vorarbeit geleistet und sie waren nun fast am Ende der dritten von sechs Seiten, die im Test abgefragt wurden. Felix beherrschte sie alle schon längst.

»Brücke«, sagte er, hielt das Vokabelbuch aufgeschlagen in der Hand und wartete auf die Übersetzung von Arthur.

Dieser überlegte kurz. »La pont?«

»Le pont«, korrigierte Felix ihn.

Arthur verdrehte die Augen. »Warum können die Wörter in anderen Sprachen nicht einfach die gleichen Geschlechter haben wie im Deutschen? Oder gar keine, wie im Englischen – das würde einiges leichter machen. Als ob es die Brücke interessiert, ob sie männlich oder weiblich ist!«

»Das klappt schon, du wirst besser.« Felix sah, dass Arthur grinste, ließ ihm jedoch keine Zeit, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, und machte zügig mit dem nächsten Wort weiter: »Gelegenheit, Anlass.«

»Ossasion!«, kam es wie aus der Pistole geschossen. Dieses Wort konnte er sich besonders gut merken, bis auf die Aussprache.

»Vor o, u, a sprich c wie k«, zitierte Felix einen Merksatz, den Frau Rainhold ihnen schon zu Beginn der zehnten Klasse beigebracht hatte.

»Was war denn falsch?«, fragte Arthur verständnislos.

»Du hast Ossasion gesagt.«

»Egal, auf die Aussprache kommt’s bei einem Vokabeltest doch eh nicht an. Wichtig ist nur, dass ich weiß, wie man es schreibt.«

»Und wie schreibt man es?«

»O-C-C-A-S-I-O-N, und bevor du fragst: Es ist weiblich.«

Felix nippte an seiner Tasse Milch mit viel Zucker und etwas Kaffee – sein zweites Laster nach den Dauerlutschern –, nickte und stellte fest, dass sie das Ende der dritten Seite erreicht hatten. »Dafür hast du dir eine Schokotorte verdient.«

»Juhu!«, rief Arthur und sprang auf, doch Felix bedeutete ihm, sich wieder hinzusetzen, und drückte ihm das Vokabelbuch in die Hand.

»Ich gehe sie holen. Schau du dir lieber nochmal die vierte Seite an! Wir wollen heute noch durchkommen, oder?«

»Tz ... Na gut.« Seufzend nahm Arthur das Buch entgegen. »Aber mit ner Schokotorte auf dem Tisch kann man sowieso besser lernen.«

Felix ging in Richtung Theke, drehte sich aber noch einmal um und zeigte mit dem Finger auf Arthur, als würde er als Lehrer einen Schüler aufrufen. »Was heißt Schokotorte?«

»Gâteau au chocolat!« Schon wieder auf Anhieb gewusst, diesmal sogar alles richtig ausgesprochen, und Arthurs stolzer Gesichtsausdruck verriet, dass er das auch ganz genau wusste.

Felix grinste und ging weiter. Das war eben Arthur – nicht nur gut in Fächern, die er persönlich mochte, sondern auch fähig, sich französische Vokabeln besser zu merken, wenn sie etwas bedeuteten, das ihm gefiel. Und die Schokoladentorte gehörte definitiv zu seinen Leibgerichten.

An einem Tisch in der Nähe der Kuchentheke bemerkte Felix einen jungen Mann, der dort saß, als wäre er alleine auf der Welt: das Gewicht nach hinten verlagert, so dass der Stuhl auf den Hinterbeinen stand, Arme verschränkt, Füße auf dem Tisch. Sein Blick war eisern auf eine junge Frau gerichtet, die alleine einige Tische weiter saß und sich offensichtlich beobachtet fühlte. Zudem steckte er sich trotz des Rauchverbotes im Café gerade eine Zigarette an.

Felix musterte ihn, während er darauf wartete, dass der Gast vor ihm fertig war, und irgendwann blickte der Fremde zurück. Er nahm die Zigarette aus dem Mund, grinste herablassend und fragte: »Ist was?«

An dem klaren Blick und der festen Stimme erkannte Felix, dass dieser Kerl weder betrunken noch anderweitig angeschlagen war, was zumindest eine Erklärung für sein Verhalten gewesen wäre. Er provozierte absichtlich. Felix schüttelte den Kopf und richtete den Blick wieder nach vorne, wobei seine Augen unwillkürlich gen Himmel rollten.

Als er an die Reihe kam, dauerte es nicht lange, bis er die Torte für Arthur hatte. Auf dem Weg zurück zu seinem Platz hörte er erneut die Stimme des Unruhestifters.

»Nett, dass du mir einen Kuchen spendierst!«

Es war eindeutig, an wen der Satz gerichtet war.

Felix blieb stehen, sah ihn an und versuchte, lediglich so genervt wie nötig zu klingen, als er antwortete: »Entschuldigung, kennen wir uns?«

Im Grunde wusste er schon, dass dem nicht so war. Der Typ sah etwas älter aus als er, aber keinesfalls älter als zwanzig, er trug eine an mehreren Stellen zerrissene blaue Jeans und eine passende Jeansjacke in derselben Farbe. Der aufdringliche, durchbohrende Blick seiner hellblauen Augen kam Felix genauso wenig bekannt vor wie sein dunkelblondes Haar, das er sich, offenbar mit einer nicht zu knapp bemessenen Menge an Haarspray, steil und gefährlich stachelig nach oben frisiert hatte. Nein, diesen Menschen hatte er noch nie wahrgenommen, zumindest nicht bewusst ... und das war auch gut so.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, entgegnete er auf Felix’ Frage. »Hast mich angestarrt, als wären wir alte Freunde! Da wär’s doch schön, zusammen Kuchen zu essen, während wir uns an die guten alten Zeiten erinnern, oder nicht?« Der provozierende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Eine Sekunde später mischte sich eine weitere Stimme nicht weniger aggressiv in das Gespräch ein.

»Gibt es ein Problem?«

Felix verkrampfte innerlich, denn er wusste, was nun folgen würde. Arthur stand neben ihm und hatte bereits die für ihn allzu typische Rolle des Beschützers eingenommen. Obwohl er ein halbes Jahr jünger war als Felix, spielte er sich zu gerne als dessen Bodyguard auf. Das war im Grunde nichts Schlechtes, aber gelegentlich konnte es zu Problemen führen. So wie Arthur den größeren Kerl anstarrte – die Augenbrauen zusammengezogen, das Kinn vorgestreckt –, war Letzteres inzwischen kaum mehr vermeidbar. Einige der anderen Gäste starrten sie an.

»Arthy, lass ihn einfach!«, zischte Felix, doch es war schon zu spät. Nun, da der Störenfried sich von seinem Stuhl erhoben hatte, erschien er beängstigend groß, auch ohne die paar Zentimeter, die seine Haare nach oben hinzufügten.

»Hast du mir irgendwas zu sagen?«, fragte er und machte einen Schritt auf Arthur zu.

Schon war es passiert – ein Blick von Felix und ein Wort von Arthur, und sie waren in Schwierigkeiten. Und das nur, weil irgendein Typ grundlos Streit suchte.

»Kommt drauf an, ob du jetzt noch weiter Stress machst oder uns in Ruhe lässt!« Arthur stellte sich demonstrativ vor Felix, den Blick fest auf den anderen gerichtet.

Im gesamten Café war es still geworden. Die wenigen Gäste hatten ihre Gespräche unterbrochen und beobachteten die Szene, die sich in ihrer Mitte abspielte.

Der angriffslustige Kerl gab sich keineswegs beeindruckt von Arthurs Worten. »Für so eine halbe Portion hast du eine ziemlich große Klappe!«, war das Einzige, was von ihm kam, und normalerweise hätte Felix sich gefragt, wie jemand Arthur als »halbe Portion« bezeichnen konnte, aber bei dem Anblick seines Gegenübers war das nicht sehr verwunderlich. Sogar neben Arthur wirkte er wie ein Riese und musste damit nahezu zwei Meter hoch sein.

»Jetzt ist aber mal gut hier!«, dröhnte eine mächtige Stimme durch den Raum, und der Besitzer des Cafés trat in Begleitung einer Angestellten hinzu. Rudolf Sterner war ein kräftig gebauter, weißhaariger Mann, der die Sechzig bereits überschritten hatte. Wenn er die Stimme erhob, dann fiel es niemandem ein, ihn zu ignorieren.

»Wir haben nichts getan!«, sagte Arthur sofort, der wie Felix schon einmal erlebt hatte, wie der Besitzer Unruhestifter aus seinem Café warf.

»Ich weiß schon«, sagte Sterner ruhig und stellte sich zwischen die beiden Parteien. »Max, ich glaube, ich habe dir die Hausordnung oft genug erklärt.«

Max, hm? Felix musste ein schiefes Grinsen unterdrücken. Was für ein unschuldig klingender Name.

»Was hast du schon wieder für ein Problem?« Max’ Ton ließ vermuten, dass die beiden nicht zum ersten Mal ein solches Gespräch führten. »Die Pfeifen haben mich provoziert, soll ich mir das einfach gefallen lassen?«

Arthur runzelte die Stirn. »Na, ich wette, da können alle hier im Raum das Gegenteil bezeugen.« Mit einer großzügigen Geste schloss er alle anwesenden Gäste mit ein, doch sie wurden höchstens aus den Augenwinkeln beobachtet. Felix bezweifelte, dass auch nur einer von ihnen irgendetwas bezeugen würde.

»Und ich wette, dass du in naher Zukunft gewaltig auf die Fresse kriegst, wenn du sie immer so weit aufreißt!«, gab der Riese unfreundlich zurück.

Arthur öffnete den Mund zu einer vermutlich ebenso unfreundlichen Erwiderung, aber Herr Sterner hob die Hand.

»Ich habe schon genug gehört«, verkündete er. »Max, meine Gäste fühlen sich von dir belästigt – und zwar nicht zum ersten Mal! Geh nach Hause. Ich will dich in meinem Café nicht mehr sehen, bis du ein paar Manieren gelernt hast.« Dann drehte er sich um und ging.

Er hielt es offenbar nicht für nötig, sich zu vergewissern, dass Max seiner Anweisung folgte, denn wenn dieser vor ihm nur halb so viel Respekt hatte wie jeder vernünftige Mensch, dann würde er es tun. Felix wunderte sich lediglich über Sterners Milde; solange er den Cafébesitzer kannte, war es stets dessen Ziel gewesen, der perfekte Gastgeber zu sein, und er konnte sehr ungemütlich werden, wenn jemand sein Bedürfnis nach Harmonie störte.

»Wir sprechen uns noch!«, sagte Max, wobei nicht eindeutig hervorging, ob seine Worte an Felix oder Arthur gerichtet waren, und verließ schelmisch grinsend das Café.

»Le salaud – der Mistkerl!« Arthur blickte Felix erwartungsvoll an. »Richtig?«

Felix nickte und reichte ihm den Teller mit der wohlverdienten Torte. Dann gingen sie zurück an ihren Platz.

Im Laufe des Abends kam Sterner noch einmal heraus und gesellte sich zu ihnen. »Alles in Ordnung bei euch beiden?«

Arthur nickte. »Aber der Typ sollte sich nicht wünschen, mir noch mal zu begegnen!«

»Das war Max Dannecker. Vielleicht habt ihr den Namen schon gehört, er und seine Schwester waren vor ein paar Monaten in den Nachrichten.« Sterners Seufzen ließ vermuten, dass das noch nicht alles war. Doch er ging nicht weiter darauf ein. »Egal, das soll nicht euer Problem sein. Haltet euch einfach fern von ihm, in Ordnung?«

Doch Felix war bereits neugierig geworden. »Kommt er wirklich so oft hierher? Ich hab ihn noch nie gesehen. Auch nicht in den Nachrichten.« Er wechselte einen Blick mit Arthur, der ebenso ratlos aussah. So oft wie sie dieses Café besuchten, grenzte es an ein Wunder, dass sie noch nicht alle Stammgäste kannten. »Warum erteilen Sie ihm kein Hausverbot?«

»Hab ich doch heute. Mich respektiert er noch einigermaßen, weil ich ihm gegenüber keine Schwäche zeige. Das dürft ihr auch nicht, sonst fühlt er sich nur noch stärker.«

Arthur schnaubte mürrisch. »Fällt mir nicht mal im Traum ein!«

»Gut.« Sterner nickte und erhob sich. »Ich geh wieder an die Arbeit. Euch noch einen schönen Abend, und ruft mich, falls wieder was ist!«

Felix nickte ihm lächelnd zu. Arthur zeigte sich weitaus wenig höflich und verlieh seinem Unmut mit einem verärgerten Blick und einem tiefen Seufzer Ausdruck.

»Max Dannecker ... Weißt du, ich halte mich für einen guten Christen, aber das mit der Vergebung hab ich noch nicht so raus. Schon gar nicht, wenn man sich wie ein Oberarschloch benimmt und völlig uneinsichtig ist!«

Felix winkte ab. »Ach, vergiss ihn. Wer weiß, womit er sich rumschlägt.«

»Je ne sais pas, et ça m’est égal.«

Felix streckte den Daumen nach oben. »Hey, du bist ja schon richtig gut! Sollen wir weitermachen?«

Sie lernten noch eine Weile und es wurde immer später, doch Felix hatte das Gefühl, dass es sich auch lohnte, denn Arthur zeigte Interesse. Als sie die Vokabeln ein letztes Mal von Anfang bis Ende durchgingen, wusste er sie fast alle fehlerfrei. Nun musste er es nur noch schaffen, sie sich bis zum nächsten Morgen zu merken.

»Gehen wir sie morgen noch mal durch?«, fragte er.

»In der Pause vor Französisch werden wir wohl nicht alle schaffen«, meinte Felix. »Es sei denn, wir schwänzen die erste Stunde.«

Sie wechselten einen Blick.

»Och, weißt du ...« Arthur schnitt eine Grimasse, die eine Mischung aus Schalk und Schuld war. »Wäre es denn sehr schlimm, zu sagen, dass ich auf Mathe sowieso keinen Bock habe?«

»Ja, wäre es.« Felix seufzte. »Aber es ist nichts, wofür man in die Hölle kommt, oder?«

Arthur grinste breit, und Felix musste lachen.

»Guck nicht so, sonst fühle ich mich noch wie ein Gangster, nur weil wir das Ekelfach schwänzen!« Er blickte auf seine Uhr. »Aber wir sollten gehen, denke ich. Der Bus kommt auch gleich.«

»Ich muss noch schnell wohin«, verkündete Arthur.

»Beeil dich, sonst müssen wir ne Stunde auf den Nächsten warten, dann können wir auch gleich laufen!«

Doch Arthur war bereits auf der Toilette verschwunden, und Felix ging nach draußen. Auf den Straßen war nicht viel los. Es war nach acht Uhr unter der Woche vor einem Café am Rand der Innenstadt. Felix wartete an einer einsamen Haltestelle gleich um die Ecke auf den Bus. Und auf seinen besten Freund, der ihn glücklicherweise nicht lange warten ließ; nach kaum einer Minute spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

»Das ging schnell für deine Ver-« Kaum hatte er sich umgedreht, verstummte er abrupt. Hinter ihm stand nicht Arthur, sondern jemand ganz anderes.

»Ich hab dir ja gesagt, wir sprechen uns noch.« Max hatte sich angeschlichen – und er war nicht allein. Zwei weitere Männer im ungefähr gleichen Alter begleiteten ihn: ein schlaksiger Blondschopf, der fast so groß war wie er, und ein etwas kleinerer in einer auffällig dekorierten Lederjacke. Keiner von ihnen sah besonders freundlich aus.

Für Felix war offensichtlich, dass Max der Anführer dieser kleinen Gang war, also ignorierte er die anderen beiden und wandte sich direkt an den Größten von ihnen. »Was willst du?«

»Hm, ich wollte eigentlich den anderen treffen.« Max sah sich kurz um und zuckte dann mit den Schultern. »Aber du bist auch gut. Wisst ihr beide denn nicht, dass man Älteren mit Respekt begegnen sollte?«

Felix verschränkte die Arme. »Mein Vater sagt immer, dass man allen Menschen mit Respekt begegnen soll, egal, wie alt sie sind. Und meine Mutter fügt dann aber meistens hinzu, dass Typen wie du, die sich daran nicht halten, selbst keinen Respekt verdienen.«

Max lachte leise und warf seinen beiden Freunden einen Blick zu, die daraufhin ebenfalls zu lachen anfingen. Es interessierte Felix nicht, ob sie ihn auslachten. Die drei suchten Streit, so viel stand fest, und solange er die Wahl hatte zwischen einer Haltung, die ihn zwangsläufig in die Rolle des hilflosen Opfers drängte, und der eines – wenn auch nur rein verbal – ebenbürtigen Gegners, wählte er Letzteres. Er befolgte Sterners Rat und ließ sich nicht einschüchtern.

»Wie’s aussieht, hab ich ja doch den Richtigen erwischt«, meinte Max. »Du hast genau so ne große Klappe wie dein Freund.«

»So?« Felix runzelte die Stirn. »Wenigstens ist das in unserem Fall nicht das Einzige, was wir haben. Wir dürfen zum Beispiel immer noch ins Sterncafé.«

Das war Max offenbar zu viel des netten Geplauders. Das Grinsen verschwand schlagartig aus seinem Gesicht, er trat einen Schritt auf Felix zu und baute sich bedrohlich vor diesem auf. »Pass auf, was du sagst, du vorlauter Zwerg! Sonst zeigen wir dir, was wir noch alles können!«

Felix verspürte immer noch keine Angst. »Wenn du zwei Leute zur Verstärkung brauchst, um einem Zwerg eine Lektion zu erteilen, dann reißt du dein Maul zu weit auf.«

Max stieß ihn zu Boden, zu mehr kam er aber nicht. Jemand flitzte an Felix vorbei, und zuerst dachte er an Arthur, doch dieser hätte aus der anderen Richtung kommen müssen. Als er sich aufrichtete, blickte er auf einen Rücken in schwarzem Muskelshirt, der zu jemandem mit kurzem, dunklen Haar gehörte.

»Markierst du schon wieder dein Revier?«, fragte der Unbekannte, der dazwischen gegangen war. Es klang, als wäre das nicht ihre erste derartige Auseinandersetzung; sie schienen sich zu kennen.

»Misch dich nicht ein, Micco. Oder hast du dich neuerdings zum Beschützer der Schwachen ernannt?«, konterte Max. »Schon komisch, wenn man bedenkt, was du in der Vergangenheit mit Schwächeren angestellt hast!«

Micco war also der Name des Typen, der um einiges ruhiger und besonnener wirkte als Max, aber nicht weniger bedrohlich. »Willst du unbedingt noch einen Zahn verlieren?«

»Heute bist du es, der seine Zähne verlieren wird!«

Den Angriff bemerkte Felix erst, als sein Beschützer sich duckte. Eine geballte Faust sauste über seinen Kopf hinweg. Micco richtete sich blitzschnell wieder auf und antwortete mit einem Kinnhaken. Dieser ging nicht daneben, Max wurde getroffen und taumelte benommen einen Schritt zurück. Seine beiden Begleiter fingen ihn auf, und sie stürzten sich zu dritt auf Micco.

Oh Scheiße!

Felix rappelte sich auf, um seinem Retter zur Hilfe zu eilen, begriff aber schnell, dass das nicht nötig war. Micco hatte die Situation im Griff, die drei waren einfach keine Gegner für ihn. Ein Tritt in die Magengrube des Blondschopfs, eine harte Kopfnuss für den Kerl mit der Lederjacke, und schon hatte er sich ein paar Sekunden Zeit verschafft, um sich Max zu widmen. Der Anführer der kleinen Gang bekam eine weitere Faust ins Gesicht.

Doch auch mit einer blutenden Nase gab Max immer noch keine Ruhe. Ein weiteres Mal griffen sie Micco zusammen an. Dessen Reflexe und Bewegungen waren aber so erstaunlich schnell, dass es ihnen kaum gelang, ihn auch nur zu berühren.

Felix fühlte sich hilflos. Mit offenem Mund stand er einfach nur da und sah zu. Die drei Typen, die nicht gerade so aussahen, als wäre das ihre erste Schlägerei, hatten trotz Überzahl nicht die geringste Chance gegen Micco. Wie selbstverständlich er dem um sich schlagenden Max für jeden seiner Angriffe einen Gegenschlag versetzte, wie elegant er Mister Lederjackes Wut auswich und ihn zu Boden schleuderte, wie mühelos er den anderen Typen an seiner Lockenpracht packte und auf die Straße beförderte, direkt in den Weg des ankommenden Busses – es hatte etwas Anmutiges, Surreales und auch etwas Abgebrühtes. Immerhin hätte dieser Micco jemanden töten können!

Ein erschrockener Felix sah den tödlichen Unfall vor seinem geistigen Auge bereits passieren. Glücklicherweise blieb es bei dieser Vorstellung; das tonnenschwere Fahrzeug war noch weit genug weg, dass der junge Mann sich zurück auf den Gehweg retten konnte. Plötzlich bleich wie der Mond, die Augen weit aufgerissen, schien auch ihm bewusst zu werden, wie knapp er gerade davongekommen war, und er suchte das Weite, sobald er wieder auf die Beine kam.

Er war nicht der Einzige. Auch Max und seinen anderen Handlanger konnte Felix nur noch von hinten sehen, als sie die Flucht ergriffen. Micco hingegen ging langsam mit gesenktem Kopf an ihm vorbei, so dass er dessen Gesicht nur kurz von der Seite sah.

»Hey!« Felix wollte ihm folgen, ihm für die Rettung danken, wurde jedoch abgelenkt, als jemand seinen Namen rief. Er blickte zurück und sah Arthur um die Ecke stürmen, der offenbar nichts von der gewaltsamen Auseinandersetzung mitbekommen hatte. Seine Aufmerksamkeit galt lediglich dem Bus.

»Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Und danke, dass du den Bus aufgehalten hast!«

Ja, der Bus war noch da, die Türen glitten auf und Felix blickte in das entsetzte Gesicht des Fahrers. »Ihr Jungs wisst schon, dass das hier kein Spielplatz ist, oder? Das ist der gottverdammte Straßenverkehr!«

»Ja, tut uns leid! Wir sind ja schon da.« Arthur verdrehte die Augen, anscheinend der Ansicht, dass der Busfahrer sich lediglich über seine Unpünktlichkeit beschwerte und etwas überreagierte. Er stieg ein und bedachte den zögernden Felix um mit einem ungeduldigen Blick. »Na, was ist? Kommst du?«

Felix sah sich nach Micco um, doch dieser war längst nicht mehr da, offenbar nicht auf Anerkennung für seine Heldentat aus. Er war wie ein Geist, so unmittelbar wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Schließlich nickte Felix und stieg ein. Der Busfahrer sagte nichts mehr, während die beiden sich einen Platz suchten.

Stumm sah er aus dem Fenster, während Arthur neben ihm von allerlei Belanglosigkeiten erzählte, unter anderem von der langen Schlange auf der Toilette, deretwegen er etwas länger gebraucht hatte. Unter normalen Umständen hätte Felix ihn nun damit geneckt, dass er wohl einfach nur zu viel Schokotorte verschlungen hatte. Doch diesmal blieb er stumm, nickte nur hier und da halbherzig, während er in Gedanken alles durchging, was gerade auf der Straße passiert war.

Nach einer Weile schien seine Teilnahmslosigkeit auch Arthur aufzufallen. »Alles in Ordnung? War was?«

Felix konnte seinem besten Freund nichts vormachen. Dieser hatte es schon immer recht schnell gemerkt, wenn etwas nicht stimmte. Doch in der Regel halfen ein Lächeln und ein kleiner Scherz, seine Sorgen zu lindern. Also schenkte Felix ihm beides.

»Ja, alles in Ordnung, Arthy. Ich bin nur müde. Die schöne französische Sprache einem Banausen wie dir beizubringen, kann einen echt auslaugen, weißt du?«

Als Antwort bekam er ein empörtes »Hey!« sowie einen Klaps auf die Schulter. Doch Arthur gab sich damit zufrieden und Felix blickte weiterhin aus dem Fenster, versunken in Gedanken an Micco und Max. So war es auch besser, denn an diesem Tag war schon genug passiert. Das Letzte, was Felix gebrauchen konnte, war ein erzürnter Arthur, der sich bei der nächsten Gelegenheit wieder mit Max anlegte und alles nur noch schlimmer machte.

2

DER NEUE

Am darauf folgenden Tag trafen sich Felix und Arthur pünktlich zu Beginn der Mathestunde weit weg von ihrem Klassenzimmer, um in Ruhe Französisch zu lernen. Bereits nach der Hälfte der Zeit stellten sie fest, dass sie für die Wiederholung der Vokabeln nicht so lange brauchen würden wie angenommen. Arthur hatte seinen Vorsatz des vorherigen Abends nämlich nicht vergessen und war nach wie vor bestens vorbereitet.

Die restliche Zeit verbrachten sie damit, darüber zu philosophieren, ob sie die Stunde nun umsonst hatten ausfallen lassen. Sie kamen letztendlich zu dem Schluss, dass es gar nicht möglich war, ein so verhasstes Fach umsonst zu schwänzen, weil man immer etwas davon hatte: Ruhe vor all den Zahlen, Brüchen, Gleichungen, Parabeln, Hyperbeln und anderen Ungeheuern der Mathematik, die außerhalb des Klassenzimmers ohnehin keiner von ihnen brauchte.

»Und du bist dir ganz sicher, dass du’s kannst?«, fragte Felix auf dem Weg zum Unterricht, den Zeigefinger erhoben wie ein strenger Lehrer. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Arthur beim Anblick mahnender Gesten eher die Wahrheit sagte. »Jede Vokabel, selbst wenn ich dich mitten in der Nacht aufwecken und fragen würde?«

Doch Arthur zeigte sich immer noch zuversichtlich, verschränkte die Arme stolz vor der Brust und streckte die Nase in die Höhe. »Nicht mal ein Pferd könnte mich davon abhalten, heute alles zu wissen!«

Felix sah ihn verwundert an. »Ein Pferd ... Was hat das damit zu tun?«

»Keine Ahnung, das sagt man doch so. Oder?«

»Was heißt Pferd auf Französisch?«

»Hey, jetzt übertreib mal nicht!« Arthur boxte ihn gegen die Schulter, dieselbe wie am vorherigen Abend im Bus. »Das Wort hatten wir gar nicht.«