Penner - J. J. Karney - E-Book

Penner E-Book

J. J. Karney

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte von Kilian Twomey. Mit Anfang 30 mitten im Leben stehend, muss er schmerzlich erfahren, wie das vermeintlich sichere Fundament seines Daseins unter ihm zerbricht. Der Verlust seiner großen Liebe und die Überforderung mit der kalten, leistungsorientierten, kapitalgeprägten Gesellschaft treiben ihn schließlich an den Rand der Existenz. Kein Rettungsanker mehr in Sicht, von der Gesellschaft fallen gelassen und vor die Herausforderung gestellt, seinem Leben kein Ende zu setzen, trinkt er sich Tag und Nacht durch die dunklen Gassen seiner Seele, ohne dabei zu erahnen, welche Erfahrungen, Erlebnisse und Abenteuer sein neues Leben für ihn bereit hält ...

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Julia, Anna, Norbert.

Für alle Obdachlosen, Säufer, Verlassenen,

Zyniker und einsamen Menschen da draußen.

Für die Könige der Herzen ...

Inhalt

Kapitel I

Prolog / Der freie Fall

Coat of Arms

Melancholia

Surrealkauf

Das gebrochene Herz

Vorwürfe

Nadelstiche

Gefühlsruine

Dämonen

Blues der Einsamkeit

Der kotzende Punker

Schweineglotze

Alice

Schwerelosigkeit

Tauben, Elstern und Kuckucks

Die Schlange

Kapitel II

Doppelt Käse

Apocalypse Now

Mensch

Feuerteufel

Der Nazibüffel

Bescherung

Ashes To Ashes

Rauchschwaden

Kapitel III

Lucky

In Dreams

Hundefahrstuhl

Papillon

La Romanza

Fesseln

Ya tebja lyublyu

Freiheit

Touch Me, Babe

Pfirsich

Der edle Ritter

Lockpicking

Die Räuberhöhle

Vermisst

Glaube

Aloha

Fragen

Blech-Dinos

Kakerlaken

Hoffnung

Epilog

Pour me another drink

Until the lights go out

Another drink on ice

On cold rocks

Like dying pieces

Of aged embittered hearts

Light me one last cigarette

Before the night is gone

Another cigarette on the way

With blue smoke

Fading away

Like sold souls

Shivering in agony in the cold

In the nights

When everyone is sleeping

Like the rocks on the mountains

In a land nobody has ever seen

Where everybody is dreaming

As the cold ice in your jar

Is melting away

Like days of distress

In eternity

The moon is your only contemporary

And the only one who takes some time

To listen to thy same old god damn stories

I hear the night is crumbling

For the corners in the dark alley are flooding with lights

And the black grime over the city is turning into yellow rain

Like nicotine fingers falling down from the sky

Where silence is raped by riot

And ugly faces are traded for the lonesome black of the night

Until the ol' rusty sun is showing its face again

To make it another day

Where nobody cares

And where all of your thoughts and dreams

Are melting away ...1

Bild: »Back Door« – Norbert Altvater

1Closing Time / Sperrstunde:

Schenk Mir Ein / Ein Weiteres Getränk / Bis Das Licht Erloschen / Ein Weiteres Getränk Auf Eis / Auf Bergen Kalt / Wie Teile Sterbend / Von Herzen Bitterlich Und Alt

Der Zigaretten Letzte Zünd' Mir An / Bevor Die Nacht Vorüber / Dem Weg Noch Eine Zigarette / Qualm Wie Blau / Gleitend Fort / Wie Seelen Verkauft / In Kälte Zitternd Höllenqualen

Des Nachts / Wenn Schlaf Besuchet Jedermann / Wie Der Berge Felsen / In Niemanns Lande / Wenn Jedermann Träumet / Während Des Glases Kaltes Eis / Schmilzt Hinfort / Wie Des Elends Tage / In Ewigkeit / Sodann Der Mond Dein Alleiniger Genosse / Und Der Einzge Der Sich Nimmt Ein Wenig Weile / Um Zu Lauschen Der Geschichte Dein / Gottverdammt Und Immergleich

Ich Hör Die Nacht Zerfallen / Denn Der Dunklen Gassen Ecken Mit Licht Sich Fluten / Und Des Städtes Rußes Schwarz Hoch Droben / Sich Verwandelt Her Zu Regen Gelb / Wie Des Nikotines Finger / Vom Himmel Hinab Er Fällt

Wo Stille Von Lärm Geschändet / Und Hässlich Antlitz Eingetauscht / Gegen Der Einsam Nächte Dunkel

Bis Des Alten Rostig Sonne Antlitz Neu Erscheint / Um Einzuläuten Einen Weitren Tag / Wo Niemand Darum Sorge Trägt / Und Wo Aller Gedanken Und Träume Dein / Hinfort Geschmelzt ...

- Kapitel I -

Lights are fading away

Darkness has been leading the day

Raindrops in my sight

Flow of light has strangled the night2

1: Prolog / Der freie Fall

Es war eine dieser düsteren, regnerischen Nächte im Herbst, in denen die Zeit stillzustehen schien und in denen sich niemand nach draußen traute – in denen die Straßen in der kleinen Stadt, wie die Bäume, deren Blätter am Boden verrotteten, leergefegt waren und nur der stürmische Wind, der den Regen und die Blätter vor sich her fegte, bis sie eine stinkende, klebrige Masse bildeten, von Leben zeugen ließ. In einer der vom Regen überfluteten Gassen, welche eher einem reißenden Fluss ähnelte, leuchtete eine Reklametafel mit dem plumpen Spruch ›Come on in, we're open‹. Darüber hing ein Schild, mit dem ausladenden Namen ›Dietmars Schenke‹.

In einer verkommenen Kneipe, in einem düsteren Ambiente, saßen an einem Tresen ein paar heruntergekommene, trostlose Figuren, die mit leeren Blicken in Richtung Theke starrten und dabei ihren Schnaps tranken. Eine der Gestalten lag mit dem Kopf nach unten auf dem Tresen und schlief, während in ihrer Hand eine Zigarette mit einem Turm aus Asche verglühte. Zwei Typen lallten sich belangloses Zeug zu, während sie sich gegenseitig im Arm hielten. Im Hintergrund ertönte klicheehaft schwermütige Piano-Musik, wie man es aus alten Filmen kannte. Hinter der Theke stand ein dickbäuchiger Barmann, mit einem schmierigen Lappen über seiner Schulter, welcher gelangweilt die Szenerie beobachtete und hier und da einen neuen Drink nachkippte. Auf einer kleinen Tanzfläche tanzten ein alter Mann und eine hässliche Frau ihren traurigen, schleppenden Tanz.

»Hey, Kollege! Hier is' kein Hotel! Hier wird nicht gepennt!«, tönte es hinter dem Tresen hervor.

Ich, der noch eben mit dem Kopf in einer Alkohollache lag, erhob selbigen, blinzelte mit glasigem Blick durch die Runde, verbrannte meine Finger an der Kippe, welche bis auf den Filter herunter gebrannt war, drückte sie in den neben mir stehenden Aschenbecher und nahm einen letzten Schluck aus meinem umgekippten, ohnehin schon so gut wie leeren Glas, bevor ich über die Tanzfläche in Richtung Toilette taumelte und dabei das Paar anrempelte, welches beim Tanzen einzuschlafen drohte.

»Pass doch auf, wo du hinläufst, du Arschloch!«, keifte die Frau mir mit tiefer, verrauchter Stimme ins Ohr – eine von diesen Ladys mit tiefen Furchen im Gesicht, deren Falten immer kleiner wurden, bis sie irgendwann verschwanden, je später der Abend wurde – eine von den Frauen, welche sich in wahre Schönheiten verwandelten, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Alkoholpegel langsam nachließ. Ohne mich umzusehen oder darauf zu reagieren, torkelte ich weiter in Richtung Toilette.

Ich lief an zwei besetzten Pissoirs vorbei – das eine mit einem Klebeband und einem Schild versehen, auf dem mit krakeliger Schrift der Hinweis ›Defekt!!!‹ hingeschmiert war, das andere von einem betrunkenen Typen mit zerzausten Haaren belegt, welcher mit sich selbst sprach. Weiter ging es in Richtung zweier Kabinen. Ich drückte die erste auf, in der sich ein heruntergekommener Yuppie gerade einen blasen ließ.

»Verpiss dich, Alder!«

Der Yuppie knallte mir die Tür ins Gesicht und ich fiel taumelnd zu Boden. Ein paar Minuten später, nachdem die Dunkelheit nachgelassen und mich der stechende Schmerz lieblos aus dem kurzen Schläfchen gerissen hatte, erhob ich mich aus einer wässrigen, stinkenden Pfütze, während mir aus der Nase der rote Lebenssaft lief. Eine Hand vor meinem Gesicht, die andere Halt an der Wand suchend, wankte ich in Richtung zweiter Kabine, wobei ein paar Tropfen Blut meiner Spur folgten und trat die Tür auf. Eine leere Kabine. Ich schloss die Tür hinter mir, bastelte mir aus ein paar Fetzen Klopapier zwei Tampons und steckte sie mir in die blutende Nase. Mit einem lauten Knall schob ich mit einem Fuß den Deckel der Toilette hoch, öffnete meine Hose und ließ es laufen, während sich auf der Toilettenbrille tröpfchenweise kunstvolle Muster ausbreiteten. Mein vollendetes Kunstwerk, einerseits mit Verachtung, andererseits aber auch mit ein wenig Stolz betrachtend, drückte ich die Spülung, welche sich mit einem kurzen Zischen bemerkbar machte.

Es war bereits hell, als ich aus der kleinen Tür der heruntergekommenen Spelunke herausstürzte. Ich schmiss die Tür mit einem lauten Knall hinter mir zu, zog mir das Klopapier aus der Nase und warf es auf den Boden. Ein paar Meter weiter lief ein alter Mann in Lumpen an mir vorbei, welcher – mit einem riesigen Müllbeutel ausgerüstet – weggeworfene Pfandflaschen aufsammelte. Ein anderer Mann in einem karierten Sakko, welches seine besten Tage längst hinter sich hatte, die Haare mit Wasser schmierig nach hinten gekämmt, lief auf die Tür zu, die Hand voller Kleingeld. Während er versuchte die paar Cents zu zählen, zitterten seine Hände – so stark, dass er das Geld fallen ließ, noch bevor er die Tür erreichte und sich daraufhin unter hörbarem Stöhnen bückte, um es vom Boden aufzusammeln. Die Lichter der Straßenlaternen gingen aus und ich, diese einsame, dunkle Gestalt mit dem nun über Nase und Mund rostroten, festgeklebten Blut, lief an den beiden vorbei, ohne sie groß zu beachten, während sie mich mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Desinteresse für die dahintersteckende Geschichte anglotzten. Ich entfernte mich aus ihrem Blickfeld und lief die zu dieser Zeit nicht befahrene Straße hinunter, bis ich für die beiden noch ärmer als ich wirkenden Gestalten, immer kleiner werdend, in der Ferne verschwand.

An diesem Punkt befinden wir uns bereits mitten in der Geschichte. Also fange ich von vorne an und erzähle, wie alles begann, wie es war, als noch alles – mehr oder weniger – im Lot war und wie es immer noch schlimmer kommen kann, wenn man bereits denkt, dass man ganz unten angekommen ist und gar nicht mehr tiefer fallen kann ...

2Darkness / Finsternis:

Lichter Hinfort Sie Schwinden / Die Dunkelheit Den Tag Geführt / Tropfen Des Regens Im Blicke Mein / Fluß Des Lichts Die Nacht Erwürgt

Question yourself every day

All things you say about that they are wrong

May be right

And everything you believe that is true

May be wrong

Because you are nothing but the past

Your behavior and your thoughts are

Programmed by humans

By family and friends

And even by people you didn't like

Who all surrounded you

By experiences

And by the history of your ancestors and humanity

But don't feel sad

Because if you do believe

You can change all the world

From the bottom of your heart3

2: Coat of Arms

Mein Name ist Kilian. Kilian Twomey. Nicht, wie in den meisten Fällen von den Leuten fälschlicherweise ausgesprochen ›Kielijahn Twomei‹ oder ›Tomej‹ oder ›Thomie‹, sondern ›Killien Tuhmie‹. Nichts nervte mich seit meiner Geburt mehr, als dass Leute meinen Namen nicht richtig aussprechen konnten oder es in manchen Fällen aus reiner Ignoranz gar nicht erst versuchten. Da lagen die ganzen ›Henrik Müllers‹, ›Stefan Meyers‹ und ›Christine Hofmeisters‹ mir gegenüber definitiv im Vorteil – auch wenn ich meinen Namen schon immer interessanter und auch klangvoller fand – aber eben nur, wenn er auch richtig ausgesprochen wurde. Ansonsten rollten sich mir die Fußnägel und eine Wut kochte in mir hoch.

Mein Name ist irischer Abstammung und wir verfügen sogar über ein Familienwappen mit einem Segelschiff und einem Löwen – immerhin, so was hat nicht jeder.

Meine Großeltern väterlicherseits kamen nach dem zweiten Weltkrieg, in der Zeit der Nachkriegsjahre, nach Deutschland, da mein Großvater als gelernter Zimmermann die Hoffnung hatte, aufgrund der durch den Krieg zerstörten Gebäude viel Arbeit zu bekommen – und die bekam er auch.

Jetzt werden natürlich viele klischeehaft denken: Iren? Die saufen doch den ganzen Tag. Und so war es auch in meiner Familie. Mein Großvater kippte sich jeden Tag mindestens 'ne ganze Pulle Whiskey – selbstverständlich nur den irischen – in die Birne und meine Eltern tranken zusammen mindestens eine Kiste Bier täglich. Ich hatte also bereits von Kind auf den Suff im Blut – vergebens sich gegen so etwas zu wehren – auch wenn meine Schwestern das anders sahen, aber die waren nun mal Frauen und keine irisch-stämmigen Männer, zu deren Charakterzügen das Trinken nun einmal dazugehörte, wie zum deutschen Michel die Bratwurst.

Eigentlich ging es mir gut. Ich hatte alles, was man sich wünscht; ein Dach über dem Kopf, eine Arbeitsstelle bei einem Elektriker, welche ich gerade angefangen hatte und eine bezaubernde, offene, intelligente und herzensgute Freundin an meiner Seite, die mich in allem unterstützte, wo sie nur konnte. Sie hieß Jana. Ich liebte und verehrte sie von Herzen. Sie war mir nicht nur eine Geliebte, sondern ebenfalls meine beste Freundin, meine Seelenverwandte, mit der ich durch dick und dünn gehen konnte. Und ich war der festen Überzeugung, dass ich sie eines Tages heiraten würde – denn eine Bessere – so dachte ich immer – würde ich in meinem Leben nicht finden.

Vor allen Dingen meine Alkoholexzesse und den damit einhergehenden Eskapismus und zerstörerischen Zynismus fand sie alles andere als gut oder unterstützenswert. Auch wenn ich versuchte, das Ganze in geregelten Bahnen ablaufen zu lassen und mir nur einen Tag am Wochenende – die ein bis zwei Feierabendbiere an jedem Abend mal außen vor gelassen – die Kante zu geben, um den Stress auf der Arbeit und die ganzen Schikanen, welche man als Azubi, als Greenhorn auf dem Bau, über sich ergehen lassen musste, aus dem Kopf zu bekommen – es einfach alles mit dem Alkohol auszulöschen, wie es bereits mein Großvater praktiziert hatte.

So gerieten wir immer öfter aneinander, weil ich es zudem bevorzugte, allein wegzugehen und somit die freie Zeit nicht mit ihr verbringen konnte. Ehrlicherweise muss ich aber auch zugeben, dass ich irgendwann angefangen hatte, die Beziehung und all die damit verbundenen Sachen und Nettigkeiten meiner Freundin als etwas Selbstverständliches anzusehen. Ich begann mit der Zeit sie zu vernachlässigen und ruhte mich darauf aus, dass sie mich schon nicht verlassen würde, weil wir bereits so viele schöne Dinge zusammen erlebt, uns immer die Treue gehalten hatten und immer ehrlich zueinander waren. Noch hatte ich es selbst in der Hand mich zu verändern, um die Beziehung zu retten, wenn ich meine Fehler – Hinweise gab es jedenfalls genug – nur früher erkannt hätte und wenn ich nicht irgendwann damit angefangen hätte, etwas Neues, Wunderbares, Interessantes und Schönes zu etwas Altem zu machen – so wie es viele Menschen tun, wenn sie sich den neusten Gaming-Computer zusammenstellen lassen oder sich ein wunderbares Instrument zulegen oder sich ein komfortables Auto mit Sonderausstattung gönnen, nur um nach einiger Zeit zu bemerken, dass das anfängliche Interesse und der Reiz des Neuen von Tag zu Tag immer mehr abnimmt, bis sie den Wert nicht mehr zu schätzen wissen, weil sie sich daran gewöhnt haben und sich ohnehin nicht mehr daran erinnern können, wie es einmal ohne war.

Trotzdem hatten Jana und ich unsere schönen Momente, die ich immer in meinem Herzen tragen werde, die mich zwar hin und wieder wie ein schmerzender Stachel in meinem Herzen begleiten, ohne die ich jedoch nie die Schönheit des Lebens kennengelernt hätte.

Da ich aber keine alten Dämonen in mir wecken möchte – die mir ohnehin nur vor Augen führen würden, wie schön alles einmal war und dass es ewig hätte so weiter gehen können, wenn ich nur ein bisschen mehr auf sie zugegangen wäre, meine Fehler früh genug erkannt und bekämpft hätte und begonnen hätte, um unsere Beziehung zu kämpfen, dass es nun aber in das genaue Gegenteil umgeschlagen war und alle Erwartungen, Hoffnungen und Träume wie ein Segelboot an den scharfen Klippen der Erkenntnis zerschellten und auf dem Meeresgrund versanken – beschränke ich mich lieber auf die Fehler meinerseits, auch wenn aus solchen Momenten trotz alledem auch der ein oder andere schöne Moment in unserer Beziehung hervorging.

3Fathers / Väter:

Stell Infrage Jeden Tag / Daß Dinge Falsch Geglaubt / Vielleicht Sind Richtig / Und All die

Wahrheit Denkest Du / Vielleicht Ists Lüge / Denn Allein Des Vergangnen Summe Das Bist Du Verhalten Und Gedanken Dein / Es Ist / Programmiert Vom Menschen / Der Freunde Und

Familie Dein / Zugleich Vom Mensch Der Dir Ein Feind / Deren Kreis Dir Ward Gegeben / Des Gewesnen / Deiner Väter Und Der Menschheit Werdegang

Melancholie Vergebens / Denn Wenn Dein Glaube Stark / Zu Ändern Diese Welt: Du Kannst Dein Eigen Nennen / Von Des Herzens Mitte Aus

Free me from the isle of darkness

And let us walk the road of light

So our hearts don't have to scream in painful misery any

longer

Let's free eachother from captured lifes

When we meet under the starlit blanket that covers our dreams

For our eyes may see who we really are

Before the time will stop for the time4

3: Melancholia

Angefangen hatte das Ganze im vorletzten Sommer, als wir uns überlegten, zusammen in den Urlaub zu fahren. Sie hatte es komplett auf eigene Faust organisiert und so fuhren wir ans Meer, um einmal Abstand vom Alltag zu gewinnen und uns wieder etwas näher zu kommen.

Wir fuhren mit einem alten VW-Bulli, den sie sich von einem Bekannten geliehen hatte – und in dem sogar eine Küche montiert war – um fünf Uhr morgens los. Wir stritten uns den Tag zuvor darüber, was wir mitnehmen und wie diese Sachen alle in den Bus passen sollten. Da unsere Generation jedoch in ihrer Kindheit Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre damit verbracht hatte ›Tetris‹ zu spielen, waren wir darin so geübt, dass wir im Endeffekt alle Sachen unterbringen konnten und noch genügend Platz für unsere Beine hatten.

Wir hatten uns bei unseren Chefs den Urlaub erkämpfen müssen, aber im Endeffekt hatten wir durch unsere investierte Energie eine Zeitspanne von zwei Wochen gewonnen, in denen wir uns erholen konnten.

Wir wechselten uns mit dem Fahren ab und die Hitze – gerade in den langen Staus – machte uns sehr zu schaffen. Aber nach ungefähr fünf Stunden waren wir schließlich an unserem Zielort, einem kleinen Campingplatz, angelangt. Da wir im Bulli keinen Platz für unsere Schlafstätte fanden, bauten wir unser Zelt auf, holten Stühle, eine zu einem Tisch umgebaute Kiste und den Campinggrill heraus, hauten das Grillgut drauf, öffneten uns jeweils eine Dose Pils und setzten uns in die Sonne. Urlaub.

Am Abend liefen wir die Strandpromenade entlang und hielten Ausschau nach einem geeigneten Restaurant. Nachdem wir zusammen ein romantisches und wohlgemerkt sehr vorzügliches Candle-Light-Dinner genossen hatten, liefen wir die Treppen zum Strand hinunter. Sie hatte eine Flasche Rotwein in ihrer Handtasche mitgenommen und ich einen perfekt gerollten Joint in der Innentasche meiner Jacke. Wir liefen Hand in Hand den Strand entlang und redeten nicht. Wir genossen einfach nur die Stille, das Meeresrauschen, den feinen, kühlen Sand unter unseren Füßen, welcher bei jedem unserer Schritte sanft zwischen unseren Zehen hervorquoll, und den salzigen Duft des Ozeans in unserer Nase. Es war eine sternenklare Nacht und wir legten uns irgendwo in die Dünen des zu dieser Zeit menschenleeren Strandes und schauten in den Himmel, während wir im Wechsel die Flasche Wein und den Joint tauschten. Der Himmel funkelte mit abertausenden von Sternen. Da ich keine Sternbilder kannte und auch noch nie verstanden hatte, wie man in einer Reihe von Sternen zum Beispiel einen Löwen oder den großen Wagen, den mächtigen Vogelstrauß oder eine Gazelle erkennen konnte, dachte ich mir kurzerhand selbst ein paar Sternbilder aus und brachte sie damit zum lachen. Wir lagen noch eine ganze Weile dort und schauten in den Himmel, bis wir uns innig küssten, während uns all die leuchtenden Sterne am Firmament zusahen, wie wir das pure Glück empfanden.

Als wir im Zelt lagen und miteinander kuschelten und uns immer näher kamen, bemerkte ich, dass gerade in diesem Augenblick – welcher der schönste Augenblick unseres Urlaubs, der perfekteste Abend aller Zeiten hätte sein können – sich ein Anflug von Depressionen breitmachte. Sie wollte mich mit Haut und Haaren. Ich verzehrte mich nach ihrem anziehenden Körper und der bedingungslosen Liebe zwischen uns, genoss das Vorspiel, aber bekam, als es dann darauf ankam, einfach keinen hoch. Wahrscheinlich dachte sie sofort, dass es etwas mit ihr zu tun hätte, dass ich ihren Körper nicht mehr mochte, dass ich ihr nicht mehr nah sein wollte oder dass ich gar an eine andere dachte. Das alles setzte mich noch weiter unter Druck, weswegen wir das Ganze nach ungefähr einer Stunde rumprobieren aufgaben und uns frustriert, Rücken an Rücken, voneinander weglegten, um zu schlafen.

Am nächsten Morgen beobachtete ich ihren nackten, wohlgeformten und wunderschönen Körper und wusste gar nicht mehr, wie ich es die letzte Nacht überhaupt fertig gebracht hatte, sie nicht zu vögeln – nein, wie ich es geschafft hatte, den perfekten Abend zu zerstören, indem ich nicht dazu in der Lage gewesen war, mit ihr Liebe zu machen und es nicht zu Stande gebracht hatte, ihr und mir das zu geben, was uns in ganz andere Hemisphären hätte ›beamen‹ können.

Als ich irgendwann zur Mittagszeit wieder aufwachte, lag vor meinen Füßen, auf einem kleinen Papierteller, ein Brötchen, Margarine und ein Laib Käse sowie ein Messer, eingerollt in eine bordeauxrote Serviette. Ich blickte neben mich – sie war weg. Auf ihrem Kopfkissen lag ein Zettel, auf welchem stand: ›Hey, mein Süßer, ich war schon beim Bäcker und habe dir etwas zum Frühstück besorgt. Ich wollte dich nicht aufwecken, also habe ich dir dein Frühstück an dein Fußende gelegt. Ich wünsche dir einen guten Appetit! Ich bin gerade im Dorf, einkaufen. Bis später! Kuss, Jana‹

Egal was passierte, egal wie wir gerade zueinander standen, sie wünschte mir immer einen guten Appetit. Das war für sie wie das Amen in der Kirche. Und ich freute mich jedes mal darüber.

Wie lieb von ihr, dass sie mir das Frühstück ans Bett gebracht hatte und nun für uns beide einkaufte. Irgendwie kam in mir das schlechte Gewissen hoch und nachdem ich mein Frühstück, mit einem Kloß im Hals, heruntergewürgt hatte und sie noch immer nicht wieder da war, holte ich mir eine Dose Pils aus dem Bulli und ballerte sie mir in den Kopf. Es war schließlich Urlaub, redete ich mir ein und da wir ohnehin mit einem Bulli vor Ort waren, wie ihn die Hippies in den 60ern zu fahren pflegten, zündete ich mir daraufhin ganz Hippie-like einen Sticky an, setzte mich in den gemütlichen Campingstuhl und genoss die Sonne.

Ungefähr eine halbe Stunde später – ich hatte bereits zwei weitere Dosen Bier getrunken – kam sie wieder. Sie war genervt vom einkaufen – wie immer, wenn sie einkaufen gegangen war – und hatte eine ziemlich schlechte Laune, was ich natürlich sofort auf mich und auf die letzte Nacht bezog.

Ich reichte ihr eine Dose Bier, welche sie ohne Überlegung ablehnte. Sie sah mich an und konnte es nicht fassen; sie war gerade eben für uns beide einkaufen gegangen und ich hatte einen faulen Lenz geschoben, um die Dämonen zu vertreiben und die Langeweile zur Strecke zu bringen, ohne darüber nachzudenken. Aber das konnte sie nicht ahnen und wahrscheinlich noch weniger verstehen. Also stritten wir uns und während ich ein Bier nach dem anderen leerte, konnte ich irgendwann nicht mehr zwischen richtig und falsch, zwischen Recht und Unrecht und zwischen Liebe und Hass unterscheiden. In diesem Moment hasste ich sie für ihr Unverständnis und sie mich für meins.

Am nächsten Tag begann es zu regnen und wir hockten abwechselnd im Zelt und im Bulli, um uns über die Wettervorhersage aufzuregen, welche die ganze nächste Woche Regen angekündigt hatte. Also machte sie aus lauter Langeweile – und weil wir nichts besseres miteinander anzufangen wussten – mit: Wir tranken circa jeder acht halbe Liter Bier, während wir uns über das Wetter und die Dummheit anderer Menschen ausließen und schliefen irgendwann auf der kleinen Bank des Bullis ein.

Morgens wachte ich allein im Bulli auf und konnte mich noch schemenhaft dran erinnern, dass sie mich irgendwann in der späten Nacht versucht hatte zu überreden, ihr in das Zelt zu folgen. Aber anscheinend war ich zu breit und zu besoffen gewesen, um dem Folge zu leisten. Und einmal mehr ärgerte ich mich im Nachhinein über mich selbst. Draußen schüttete es wie aus Eimern. Ich öffnete die Tür des Bullis, torkelte in Richtung Zelt und öffnete es. Niemand war da. Diesmal war allerdings auch kein Zettel vorhanden, geschweige denn ein liebevoll hergerichteter Teller mit Frühstück. Es lag aber eine Tüte Brötchen da, die sie besorgt hatte. Und der Käse lag noch in der Kühlbox.

Nach zwei Stunden Warterei übersprang ich das Frühstück und genehmigte mir einen großen Schluck von dem Goldschnaps, der im Bulli in der letzten Ecke des Küchenschranks versteckt war. Er gehörte dem Bekannten von Jana, aber er war nun mal mit in den Urlaub gefahren – der Schnaps – und deswegen sah ich auch keinen Grund, mir nicht einen großen Schluck daraus zu erlauben.

Jana kam irgendwann mit einem Fahrrad angeradelt. Sie hatte einen Regenponcho an und berichtete mir von ihren Erlebnissen im fremden Ort und meinte, dass man vielleicht einfach das Beste aus dem Urlaub machen sollte, auch wenn einem das Mistwetter die Laune verderben würde. Da mein Elan aufgrund des Wetters und meines Kopfsalates gen null tendierte, kiffte ich den ganzen Tag – von morgens bis abends – und betrank mich in regelmäßigen Abständen. Irgendwann konnte ich gar nicht mehr erkennen, welch großen Fehler ich da begangen hatte. Warum zur Hölle hatte ich nicht einfach mit ihr mitgezogen? Warum hatte ich nicht, trotz meiner Depressionen und meiner Scheißegal-Einstellung, mein Bestes versucht, um den bestmöglichen Urlaub für uns beide herauszuholen? Warum war ich nur so auf mich bedacht – so egoistisch? Warum hatte ich sie nicht auf Händen getragen? Warum hatte ich sie allein gelassen? Warum hatte ich ihr nicht das geben können, was sie von mir erwartete und brauchte? Warum hatte ich aufgehört, sie ganz gentlemanlike wie eine Lady zu behandeln – so wie sie es verdient hatte? Fragen über Fragen, die einem immer erst ins Gedächtnis sprangen, wenn es bereits zu spät war. Ich war ein Idiot – das gestehe ich mir ein. Auch wenn diese Erkenntnis im Nachhinein nichts mehr bringen sollte. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich vieles anders machen. Leider funktioniert das aber nicht und man muss mit den Ergebnissen seines Handelns und den neuen Gegebenheiten irgendwie klarkommen – und das ist manchmal viel schwieriger, als man es sich im Vorfeld im Stande ist auszumalen.

Der Regen prasselte unaufhörlich, aber sehr beruhigend auf die Oberplane unseres Zeltes. Es war der letzte Abend unseres Urlaubs und wir lagen uns weinend in den Armen. Nicht, weil wir an diesem Abend ziemlich viel getrunken hatten, sondern eher, weil die Angst in uns hochkam, dass es so nicht weitergehen konnte.

Am nächsten Tag taten wir so, als wäre alles vergessen. Wir alberten auf der Rückfahrt herum und verstanden uns blendend, weswegen ich nicht mehr viel über den größtenteils schlechten, mit Streitereien – und Zynismus und Eskapismus meinerseits – versehenen Urlaub nachdachte. Wir wollten uns und unserer Beziehung trotz alledem weiterhin eine Chance geben.

Wenig später waren wir wieder in unserem Alltag angekommen und zogen beide unser Ding durch. Sie kam immer ziemlich spät von der Arbeit nach Hause und ich war an meinen PC gefesselt, während ich mir einredete, sie würde es ohnehin nicht stören, wenn ich meiner Internet-, Film- und Computerspielsucht nachgehen würde, auch wenn sie dann immer wieder alleine vor dem Fernseher hockte und sich irgendwelche oberflächlichen Fernsehshows reinzog, um abzuschalten. Vielleicht dachte ich auch, dass mit ihr eh nicht mehr viel anzufangen wäre, dass sie ohnehin so kaputt wäre, dass ich sie lieber alleine lassen sollte und mir im besten Fall die Erlebnisse ihres Arbeitstages anhören würde – ich hätte ihr ja zumindest etwas zu essen machen und sie nach ihrem Tag fragen können.

Es machte sich eine Zeit lang sogar ein schlechtes Gewissen in meinem Herzen breit, welches mein Verstand aber immer wieder in der Lage war auszublenden. Manchmal – so viel habe ich gelernt – sollte man vielleicht besser auf sein Herz hören.

4Road of Light / Der Straße Licht:

Errette Mich Vom Finstern Eiland / Und Laß Gehen des Lichtes Wege Uns / Damit Der Unser Leidend Herz Nicht Länger Schreit Vor Schmerz

Oh Lass Uns Freiheit Schenken Beiderseit / Wenn Wir Uns Wiedersehn / Unter Des Weiten Laken Sternenpracht / Das Unsre Träume Uns Umhüllt / Damit Die Augen Unser Mögen Sehn / In Wahrheit Wer Wir Sind / Sodann Die Zeit Für Den Moment Gebracht Zum Stehn

Society is ill

Don't you see it's growing?

Sanity is still

The thing that fades at will5

4: Surrealkauf

Auch wenn Jana so gut wie immer für uns beide einkaufen gegangen war, hatte ich es an einem guten Tag auch manchmal selbst in die Hand genommen.

Ich hatte dabei immer ein präferiertes Ziel: den Supermarkt um die Ecke, welcher sich einfach und ganz stumpf nur ›Realkauf‹ nannte, obwohl der Name ›Surrealkauf‹ in diesem Fall wahrscheinlich der passendere Name gewesen wäre.

Irgendwie faszinierte mich dieser Supermarkt, hatte er doch immer skurrile, bizarre, teils traurige und teils komische Absurditäten zu bieten. Im Grunde eine Art kostenlose Freakshow von und mit dümmlich wirkenden Protagonisten aus der Unterschicht, welche diesen Supermarkt als ihre Bühne betrachteten – zu deren Welt ich allerdings ebenfalls früher oder später gehören sollte.

Ein Abend blieb mir dabei besonders im Gedächtnis, da sich an diesem Abend mindestens ein Dutzend wundersamer Menschen in den Gängen tummelten, die nur darauf warteten, von mir entdeckt und beobachtet zu werden. Hochkonjunktur für Peinlichkeiten am Fließband quasi. Und ich war mittendrin. In der ersten Reihe sozusagen. Manege frei.

Während ich meine Einkäufe in den klapprigen Wagen schmiss, lauschte und beobachtete ich also diese Reality-TV-Charaktere, denen es völlig egal schien, dass sie von anderen angeglotzt wurden. Einige schienen sogar Gefallen daran zu finden, welches sie dem Zuschauer mit einem zynischen Lächeln suggerierten.

Es fing bereits vor dem Eingang an: Ein dicker Zwei-Meter-Hühne mit hervorstehender Bier-und-Currywurst-Wampe, in Badelatschen, karierter Boxershorts und T-Shirt, unterhielt sich mit einem blassen Opa, der aussah, als würde er jeden Moment umkippen. Zwischen ihren Beinen beschnupperten sich der Dackel des Opas und der Hund des Riesen, während dieser Winzling von Hund, vor lauter Angst vom Dackel gefressen zu werden, mit eingezogenem Schwänzchen auf den Boden pinkelte. Nichts besonderes, würde man meinen. Aber der winzige Chihuahua sah einfach so grotesk aus im Vergleich zu seinem Herrchen, dass ich kurz überlegte, ob der Gigant es überhaupt mitbekommen würde, wenn er mal aus versehen auf sein kleines Hündchen treten würde.

Weiter ging es durch die Eingangsschleuse, welche beim Betreten sofort verdächtig aufheulte, als hätte jemand etwas geklaut. Sollten sie doch ruhig mitbekommen, dass sie jetzt alle loslegen konnten. Ihr größter Fan betrat nun den Laden.

In der Obstabteilung lief ich an den bereits angeschimmelten Bananen vorbei, in Richtung Smoothies – ohnehin das Einzige an Obst und Gemüse, was man hier mit ruhigem Gewissen kaufen konnte.