PERDITA - Lotta C. Preuss - E-Book

PERDITA E-Book

Lotta C. Preuss

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Beschreibung

Weshalb verliebte sich Pia immer wieder in kühle, nicht liebesfähige Männer und suchte bei ihnen ihr Glück? Während Pia noch nach festem Boden unter ihren Füßen sucht, entwickelt sich ihr Leben zu einer beunruhigenden Achterbahnfahrt. Aus Liebe sterben, so wie ihre Tante vor vielen Jahren? Niemals, für keinen Mann der Welt, das hatte sie sich damals geschworen. Sie macht sich mit der Hilfe von Freundinnen und einer Psychologin auf die Suche nach den Ursachen für ihre Ängste, ihre Abhängigkeiten. Und was hatte der 2. Weltkrieg mit ihrem wirren Gefühlsleben zu tun? Denn da waren immer wieder grauenhafte Bilder in ihrem Kopf. Was wurde da in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergegeben? Nachdem sie sich endlich von Burkhard getrennt hat und fortan mit ihren Freundinnen auf der Suche nach dem Traumprinzen ist, taucht plötzlich Sebastian aus Pias Vergangenheit auf und wirbelt ihr Leben gründlich durcheinander ...

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lotta C. Preuss

PERDITA

NUR NICHT AUS LIEBE STERBEN

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Kapitel: Wie alles begann…..

2. Kapitel: Das Traumhaus

3. Kapitel: Maximilian und Tim

4. Kapitel: emotionale Abhängigkeit

5. Kapitel: Der Auszug

6. Kapitel: Die Psychologin

7. Kapitel: Sex

8. Kapitel: Theresa

9. Kapitel: Das Kartenlegen

10. Kapitel: Mirco

11. Kapitel: Die Scheidung

12. Kapitel: Isabella

13. Kapitel: Die Fernsehshow

14. Kapitel: Der Singleurlaub

15. Kapitel: Melissa und Christina

16. Kapitel: Torben

17. Kapitel: Sebastian

Impressum neobooks

1.Kapitel: Wie alles begann…..

Gaby kam gleich zur Sache:

„Pia, du musst mir helfen! Bitte rede mit Karsten. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, holt er sich sofort den Alkohol aus dem Schrank und trinkt, bis er lallend ins Bett fällt. Wir machen nichts mehr zusammen, er ist nicht ansprechbar. Er schreit mich an oder schlägt um sich, wenn ich ihm die Flasche wegnehmen will. Wir haben nur noch Streit, ich kann nicht mehr, ich bin am Ende!“ Gaby klammerte sich wie eine Ertrinkende an Pias Armen fest.

„Gaby, du kannst Karsten nicht ändern, du kannst nur dich ändern. Setz ihm eine Frist, sag ihm, du machst das noch 4 Wochen mit. Wenn er in dieser Zeit weitertrinkt und sich keine Hilfe sucht, verlässt du ihn!“

„Was???? Das kann ich nicht, ich kann nicht alleine sein, wie stellst du dir das vor?“ Gaby schossen die Tränen in die Augen. Das kam Pia so verdammt bekannt vor.

„Geh in eine Selbsthilfegruppe, besorg dir Bücher oder geh zum Psychologen. Mach was! Wenn du dich änderst, ändert er sich vielleicht auch. Wenn nicht, musst du für dich eine Entscheidung treffen.“

„Was für eine Entscheidung?“ Gaby verstand die Welt nicht, was erzählte ihr Pia da? Pia sollte doch einfach nur mit Karsten reden und ihr Problem lösen.

„Dass du dich von ihm trennst, um dein Leben zu retten!“ Pia wiederholte sich bereits.

„Weißt du, wie schwer es war, ihn zu finden? Ich werde schon 43, ich dachte, ich hätte jetzt endlich mal Glück im Leben! Kannst du mir versprechen, dass ich einen Neuen finde, wenn ich mit Karsten Schluss mache? Und wie lange würde das dauern? Und wo kann ich den finden? du hast doch auch einen Neuen gefunden! Wie hast du das gemacht? Deiner hört auf dich. Ich beneide dich, du bist so stark, so selbstbewusst. Ich will nicht alleine sein! Ich kann das nicht!“

„Nein, Gaby, ob du jemand Neuen findest oder wie lange so was dauert, kann ich dir nicht sagen! Aber ich kann dir sagen, dass es hart wird, dich zu trennen!

Du musst endlich für dich selber die Verantwortung übernehmen. Und noch etwas, du musst stärker werden, Männer mögen keine schwachen Frauen. Mit schwachen Frauen machen sie, was sie wollen. Also, bitte arbeite an dir! Nicht Karsten ist dein Problem!“

„Aber er macht sich kaputt, er bringt sich um mit seiner Sauferei. Ich kann ihn doch nicht sterben lassen, schau ihn dir an, wie schlecht er aussieht und mich bringt er auch um!

Ich bin nur noch ein Nervenbündel, ich heule jeden Abend und kann nicht mehr schlafen, weil wir uns ständig streiten. Meine Arbeit schaffe ich so auch nicht mehr und der Arzt hat schon Bluthochdruck und Herzrasen bei mir festgestellt und mich krankgeschrieben.“

Pia hatte Mitleid mit Gaby, Gaby hörte nicht zu. Gaby hatte eine schwere Entscheidung zu treffen. Aber Pia konnte nicht Tag und Nacht für Gaby da sein, denn es würde ein langer und harter Weg werden, den Gaby da vor sich hatte, wenn sie sich retten wollte. Und Pia wusste, wovon sie sprach.

Pia hatte eine Idee, sie würde ein Buch schreiben, über das, was sie erlebt hatte und welche schweren Entscheidungen sie treffen musste. Vielleicht half das Buch Gaby und den anderen Frauen. Frauen, die an einem Punkt angekommen waren, an dem ihr Leben so nicht mehr weiter ging. Der Punkt, an dem es höchste Zeit war zu handeln, wenn sie ihr Leben retten wollten. Für alle, die nicht wie Pias geliebte Tante Anne aus Liebe sterben wollten. Und das, wo sie alle so viel Liebe brauchten und so bedürftig waren. Und so emotional abhängig nach Liebe und Geborgenheit. Und es ging Pia nicht um Alkoholsucht, es gab so viele Gründe, warum man eine Beziehung beenden sollte, die nicht gut war.

Bevor Pia die eigentliche Geschichte begann niederzuschreiben, dachte sie an die zwei wichtigsten Frauen in ihrem Leben, ihre Mutter Eva und ihre Großmutter Johanna. Zwei Frauen, die so viel durchmachen mussten und den Ereignissen dennoch trotzten. Sie erinnerte sich an einen warmen Tag im August des Jahres 1932, als Pias Großmutter Johanna als junges Mädchen ihren Benno kennenlernte und sich unsterblich in ihn verliebte. Benno war ein richtiger Fußballstar, ein hübscher wilder Bursche mit diesen Augen, bei denen jedes Mädchen schwach wurde. Er hatte einen durchtrainierten Körper, die körperliche Arbeit in dem Kohlenbergwerk hatte ihn gestählt. Und er hatte immer gute Laune, er pfiff gerade ein fröhliches Lied, als er den Heimweg nach einem gewonnenen Spiel antrat. Vom Spiel noch rote Wangen und glücklich aufgewühlt vom Sieg. Und mitten auf dem Bürgersteig stand plötzlich Johanna vor ihm. Wie die heilige Johanna. Er blieb stehen und starrte das wunderschöne und zarte Wesen mit offenem Mund an. Ihre rotbraunen Haare flatterten im Sommerwind, die weiß gestärkte Bluse zeichnete ihre reizvolle Figur nach. Johanna hatte neben sich ein schweres Paket abgestellt, ihre Arme taten weh.

„Soll ich es für dich tragen?“, fragte Benno galant und zeigte auf das Paket. Johanna nickte sprachlos. Und so fing die zarte Romanze zwischen den beiden jungen Menschen an. Sie liebten sich so sehr, sie hatten eine glückliche Zeit. Irgendwann heirateten sie und bezogen eine kleine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Nacheinander wurden 4 Kinder geboren, Hannes, Grete, Eva und zuletzt die zarte Anna. Benno arbeitete hart und bald schon konnten sie sich vom mühsam Ersparten die ersten schönen Möbel kaufen. Es war eine glückliche kleine Familie, in der viel gelacht wurde. Johanna schickte jeden Abend die Kinder vor die Tür, um Benno von der Arbeit abzuholen. Benno ging das Herz auf, wenn die kleinen Kinder ihm freudestrahlend entgegenrannten. Jedes seiner Kinder wollte das Erste sein, das ihn umarmen durfte. Alle Kinder ähnelten seiner Johanna, sie hatten diese wunderschönen rotbraunen Haare geerbt.  

Und dann, der Krieg wehte bereits in seiner Grausamkeit über das Land, kam der befürchtete Brief. Der Postbote hatte ihn bereits um die Mittagszeit gebracht und er lag nun schon seit einigen Stunden ungeöffnet auf dem Küchentisch. Mit schlimmer Vorahnung hatte Johanna seitdem nur geweint, mit rotgeweinten Augen empfing sie Benno. Benno überblickte die Situation sofort und öffnete den fürchterlichen Brief mit dem Staatssiegel:

„Sie schicken mich nach Russland an die Front!“

Johanna und Benno hatten beim Abschied, der plötzlich so schnell kam, schlimm geweint und sich aneinander geklammert. Aber es half nichts, Benno musste gehen. Johanna hatte Benno versprochen, in seiner Abwesenheit gut auf sich und die vier Kinder aufzupassen. Und Benno hatte versprochen zurückzukehren. Und dann war er weg, fort aus dem Leben der kleinen Familie.

Mittlerweile war jede Nacht Bombenalarm, die Sirenen heulten ohne Unterlass und der Krieg wurde in seiner Heftigkeit um 1943 immer unerträglicher. Johanna war immer noch eine junge hübsche Frau von 27 Jahren, die aufgrund der Entbehrungen des Krieges bereits mindestens 10 Jahre älter aussah, als sie tatsächlich war. Johanna war immer abgekämpft, müde und immer hungrig, sie trug Kleidung, die man heute als Lumpen bezeichnen würde.

Benno musste an der Front im fernen und kalten Russland Fürchterliches durchstehen, seine Briefe enthielten schreckliche Mitteilungen. Es tat so fürchterlich weh, wenn Johanna sie las. In seiner Feldpost stand jedes Mal: „Ich habe solchen Hunger! Es ist so schrecklich hier. Ich vermisse euch.“

Auch für Johanna wurde die Situation immer unerträglicher. Sie war mit dem Krieg, den schlimmen Entbehrungen und den vier Kindern überfordert. Überlebenswichtig war es, rechtzeitig den Bunker aufzusuchen, wenn es Fliegeralarm gab. Das war mit vier Kindern nicht immer leicht. Die Kinder quengelten und wollten nicht mitgehen. Eigentlich hatte niemand mehr die Kraft dem Ruf der Sirenen zu folgen. Oft war Johanna so gestresst und gereizt, es gab kräftige Backpfeifen, wenn ein Kind nicht gehorchte oder vor Erschöpfung einfach nicht weiterlaufen wollte.

 Johanna hatte es oft erlebt, dass die schwere Tür zum Bunker von innen fest verschlossen wurde, obwohl draußen noch Menschen um Einlass bettelten.

 „Der Bunker ist voll, bitte gehen Sie von der Tür weg und suchen sich woanders Unterschlupf!“ Johanna sprach dann oft mit den Männern und versuchte zu verhandeln:

„Bitte lass wenigstens die arme Frau noch in den Bunker hinein, sie hat doch ein Kleinkind auf dem Arm. Sei nicht so brutal.“

Aber die Männer blieben hart. „Nein, der Platz reicht nicht. Sei ruhig oder geh auch raus!“

Wenn die Sirene endlich Entwarnung gab, nahm Johanna ihre beiden kleinsten Kinder rechts und links an die Hand. Die beiden größeren mussten die kleineren Geschwister anfassen, so bildeten alle 5 eine Kette. Und genau in dieser Formatierung verließen die fünf den Bunker.

Draußen vor der Tür waren die Straßen gepflastert von Leichen, dazwischen auch tote Säuglinge und Kleinkinder.

Eva, Pias Mutter, war inzwischen ein kleines abgemagertes Kind von 5 Jahren, das bereits unzählige Nächte durstig und hungrig im Bunker verbracht hatte. In ihrer kleinen Seele und in den kleinen Seelen ihrer Geschwister war etwas kaputt gegangen, das nie wieder repariert werden würde. Es waren die Bilder, die Verhaltensweisen der Erwachsenen, die unverständliche Abwesenheit des Vaters, die menschliche Kälte um sie herum, die dieses kleine unschuldige Wesen nicht einordnen konnte. Sie verstand auch die Mutter nicht, die sie auf der Gefühlsebene nicht erreichen konnte. Heute würde man sagen, dass diese kleinenKinder schlimme Traumata hatten. Dass sie menschenunwürdig leben mussten, dass sie eine Kindheit hatten, die so grauenvoll war, dass die Kinder innerlich daran zerbrachen. Aber auch für so was war keine Zeit.

Eva zeigte auf einen toten Säugling, der auf dem Bürgersteig lag. Er war so hübsch angezogen. Das gefiel Eva, sie verwechselte ihn mit einer Puppe. Wunderschöne hellblonde Locken umrahmten sein zartes Gesicht. Er sah aus, als ob er schliefe. Sie hatten gerade wieder den Bunker verlassen, als Eva einfach stehenblieb: „Mama, darf ich mit der Puppe spielen?“

Diese Puppe war viel schöner, als ihr Spielzeug zuhause. Wie gerne würde sie diese Puppe im Arm wiegen und seine Haare streicheln. Warum sollte es dort unten auf der Erde im Schmutz liegen bleiben?

Dazu sagte Johanna gar nichts, sondern zog die Kinder mit einem noch festeren Griff schnell nach Hause. „Trödelt nicht“, sagte sie mit einem harten Unterton.

„Mama, Du tust mir weh, zieh bitte nicht so an meinem Arm“, weinte Eva. „Ich kann nicht mehr, meine Beine tun weh, ich habe Durst, ich möchte die Puppe haben.“

Auch Eva hatte seit Stunden nichts mehr gegessen und getrunken. Sie war von der Mutter aus dem Bett gerissen worden, als der Fliegeralarm anfing. Sie verstand nicht, was los war, sondern war sehr böse auf ihre Mutter. Jetzt auf dem Rückweg nach Hause war es dunkel und unheimlich auf der Straße. Nur ein paar vereinzelte schwache Lichtkegel zeigten den Weg. Um sie herum schreiende Menschen, die in alle Richtungen davon strömten.

Es war bitter kalt, Rauchschwaden hingen in der Luft, es roch nach Feuer, nach allerlei undefinierbar Verbranntem. Evas Kleidung kratzte, die Schuhe drückten, der Bauch schmerzte so schlimm vor Hunger, ihr Mund war ausgetrocknet. Auch die anderen Geschwister, und ganz besonders die Kleinste, die Anna, weinten vor Erschöpfung und vor Hunger. Sie wollten nicht mehr weiterlaufen.

Und es war nicht nur die körperliche Erschöpfung, die Eva und ihren Geschwistern in den Gliedern saß. Schlimm waren auch die seelischen Misshandlungen und der Mangel an Liebe und Geborgenheit. Wenn sich die kleinen Kinder trostsuchend bei ihrer Mutter anklammerten, stieß Johanna sie oft weg. Johanna bekam keine Luft, es war so schon unerträglich für sie und die Kinder saugten ihr noch die letzte Lebenskraft aus dem müden Körper. Johanna konnte ihre Kinder nicht mehr trösten, sie konnte nicht mal sich selber trösten.

Als die fünf dieses Mal nach einer weiteren unvorstellbaren Nacht im Bunker um die Häuserecke bogen, sah Johanna schon von weiten mit großem Schrecken, dass das Haus ausgebombt war. Sie wusste, dass es jetzt noch schlimmer für die kleine Familie würde. Sie konnte schon nicht mehr weinen.

Beim Näherkommen sah sie das ganze Elend. Es standen nur noch der Keller und einige Mauerreste. Alles war weg. Das Mehrfamilienhaus lag in Schutt und Asche. Von ihrer bescheidenen Wohnung, den Möbeln, den Betten, den Fotos von Benno, den Papieren, den wenigen Spielsachen der Kinder, es war nichts mehr da. Während Johanna im Schutt noch nach letzten Überbleibsel ihres Lebens suchte, quälten sie fürchterliche Fragen; wo sollten sie heute Nacht schlafen? Wie sollte es jetzt weitergehen? Johanna hatte alles verloren. Und jetzt auch noch den letzten Zufluchtsort, ihre Wohnung. Sie griff in ihre Manteltasche und fühlte den Brief, den sie bereits seit zwei Wochen mit sich herumtrug.

Benno, ihr so geliebter Mann, ihr einziger Halt, war ausgemergelt bis auf die Knochen im fernen Russland gefallen. Es stand in der Mitteilung, dass Benno bei einem schweren Kampf heldenhaft verstorben wäre. Ein grausames Ende für Bennos kurzes Leben. Er wurde nicht mal 30 Jahre alt. Und er hatte doch so viele Träume gehabt. Wie sehr brauchte Johanna ihn jetzt.

Als der Brief kam, hatte Johanna einen Nervenzusammenbruch, aber das interessierte niemand. Alle hatten Schreckliches auszuhalten. Und jetzt hatte man ihr noch die Wohnung weggebombt, was wurde ihr noch alles zugemutet? Sie zitterte am ganzen Körper, aber auch das half ihr nicht. Die Kinder fragten geschockt: „Mama, wo ist unser Haus, wo ist mein Bett, ich bin so müde?“

2. Kapitel: Das Traumhaus

Sie lag im seichten Wasser auf feinem Sandboden. Ihr Gesicht befand sich etwa eine Hand breit unterhalb des Wasserspiegels. Auf der Wasseroberfläche tanzte das Sonnenlicht sanft auf den Wellen. Sie konnte es von unten sehen. Es sah so wunderschön aus. Sie beobachtete, wie sich das Licht brach. Wie tausend Kristalle in allen Farben des Regenbogens, wie eine Discokugel glitzerte das Licht um sie herum.

Es war absolute Ruhe in ihr, es war so entspannend im Wasser zu liegen. Das Wasser, das sie sanft umspielte, war angenehm warm und streichelte ihr Gesicht. Ihre Haare flatterten sacht um ihren Kopf, wie Algen. Von der leichten Strömung des Flusses bewegt. Es war alles so eigenartig und so schön.

Sie genoss das komische Gefühl irgendwo im Nirgendwo zu sein. Wie kam sie nur hierhin, überlegte sie. Sie war überrascht, dass es so etwas Wunderbares gab. Es war alles so eigenartig und so ruhig.

Dann merkte sie, dass sie noch nicht geatmet hatte. Sie hielt anscheinend schon die ganze Zeit den Atem an, wie beim Tauchen. Aber es wurde Zeit, Luft zu holen. Sie versuchte den Kopf zu heben, um an die Wasseroberfläche zu gelangen, aber sie hatte keine Kontrolle über ihre Muskeln. Sie war wie gelähmt. Die Panik stieg in ihr hoch. Es waren ja nur ein paar Zentimeter bis zur Wasseroberfläche, aber ihr Körper ließ sich nicht bewegen.

Sie wusste, sie durfte nicht das Wasser einatmen, das würde sie töten. Sie versuchte zu zappeln und zu strampeln. Was war das nur, ihr Körper gehorchte ihr nicht, diese wenigen Zentimeter waren unüberbrückbar! Sie war doch eine gute Schwimmerin. Sie bot alle Kraft auf, die Panik hatte Besitz von ihrem Körper. Sie merkte, wie sich ihr Körper langsam vergiftete, weil ihm Sauerstoff fehlte. Die Kälte stieg in die Gliedmaßen, als Vorbote des Todes, sie wollte aber noch nicht sterben.

Dann war es ihr egal, sie konnte die Luft nicht länger anhalten, die Lungen brannten höllisch und mit einem tiefen und verkrampften Atemzug sog sie das Wasser im Todeskampf in die Lungen hinein, sie wusste, jetzt war die letzte Sekunde ihres Lebens gekommen. So sah also ihr Tod aus ------------------------------------------Da wurde sie wach. Das Schlafzimmer war stockdunkel, sie konnte nichts sehen. Ihre Bettdecke war nassgeschwitzt von der Todesangst, ihr Herz klopfte bis zum Hals.

Alles war anscheinend ok, sie hatte nur geträumt, versuchte sie sich zu beruhigen. Was für ein schrecklicher und auch schöner Traum war das denn? Langsam bewegte sie ihre Beine, sie gehorchten ihr wieder. Dann den Kopf, er ließ sich locker nach rechts und links rollen. Anschließend hob sie die Arme und damit auch die Decke etwas an. Damit konnte die Feuchtigkeit der nassgeschwitzten Bettdecke entweichen. Sie atmete ein paar Mal leise und tief ein.

Auch das Atmen ging ganz leicht, es war schön, diese frische Luft atmen zu können. Sie versuchte dabei so leise wie möglich zu sein, sie wollte Burkhard nicht wecken. Sie schämte sich für diesen kindischen Albtraum.

Burkhard würde wütend werden, wenn sie jetzt das Licht anschaltete und ihn damit wecken würde. Das würde seinen göttlichen Schlaf unterbrechen. Also beruhigte sie sich und horchte in die Dunkelheit, ob er immer noch ruhig schlief. Hoffentlich hatte sie ihn nicht geweckt!

Aber sie hörte keine Atemgeräusche neben sich. Ihre Fingerspitzen wanderten vorsichtig zu ihm hinüber auf das andere Bett. Sie fühlte nur das Bettlaken und keine Bettdecke. Das Laken war kalt. Sorgfältig wanderte ihre Hand weiter auf dem Laken umher, sie fand Burkhard nicht. Die Bettdecke war noch zurück geklappt, in dem Bett hatte niemand geschlafen. Das war sicher.

Dann endlich traute sie sich, das Nachtlicht anzuknipsen. Das kleine und kalte Licht beleuchtete spärlich den Raum, sie war alleine.

Ach ja, ihr fiel plötzlich ein, Burkhard war bei seinem Freund. Das war immer noch ziemlich neu für sie. Das hatte sie total vergessen. Sie schaute auf den Wecker, es war weit nach Mitternacht. Burkhard blieb mit jedem neuen Treffen immer länger bei seinem Freund, stellte sie fest.

Sie stand fröstelnd auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und zog den alten Bademantel an, den sie aus dem Schrank holte. Vielleicht war Burkhard ja unten im Wohnzimmer. Sie verließ das Schlafzimmer und schaltete das Licht im Treppenhaus ein. Der Rest des Hauses lag im Dunkeln. Sie lief durch das ganze Haus und schaute in jeden Raum hinein. Von Burkhard weit und breit keine Spur.

Als sie zurück ins Schlafzimmer wollte, blieb sie auf halber Höhe der Treppe stehen. Nein, sie wollte nicht zurück ins Bett, sie könnte nicht wieder einschlafen. Sie drehte sich auf dem Absatz um, hob den Bademantel etwas an und setzte sich auf eine Treppenstufe. Die Treppe hatte mächtig viel Geld gekostet, es war so eine massive und offen gestaltete Echtholztreppe, die das Herzstück des Hauses bildete. Diese Treppe war ihr ganzer Stolz, wie auch der Rest des Hauses. Ihrem Traumhaus.

Von ihrem Sitzplatz auf der Treppe konnte sie fast das ganze Innere des Hauses überblicken. So wie sie da auf der Treppe saß, hatte sie auch direkt die Haustür im Blick. Sie konnte sehen, wenn Burkhard nach Hause kam, schon bevor er die Haustür aufschloss. Der Bewegungsmelder würde sich einschalteten. Das Licht würde sie durch das Fenster sehen, sobald sein Auto die Einfahrt hinauf fuhr.

Sie drehte den Kopf etwas schräg nach hinten und rechts oben, so konnte sie durch das Dachfenster des offenen zweistöckigen Atriums die Sterne sehen. Das fand sie immer noch total cool. Das war ihre Idee gewesen, dieses offene Wohnen.

Draußen war eine kalte und sternenklare Nacht mit Temperaturen weit unter null Grad im März. Das konnte man aber von innen nur erahnen.

Dann erhob sich sie sich etwas von den Stufen, um über die Treppenbrüstung nach unten in den Essbereich zu schauen. Ja, auch der Anblick gefiel ihr, das hatte sie so geplant, als sie die Bauzeichnungen angefertigt hatte, daran hatte sie wochenlang gezeichnet. Sie blickte direkt von oben auf den großen Esstisch aus Vollbuche, den sie liebevoll umrandet hatte mit den gemütlichen Korbstühlen. Der Essbereich lag im Halbdunkeln, nur beleuchtet von der Lampe im Treppenhaus. Wie schön das aussah, wie aus einer dieser Zeitschriften für modernes Wohnen. Das beruhigte sie etwas, es war ihr gut gelungen.

Sie hatte zusammen mit ihrem Mann Burkhard ihren Traum verwirklicht, sie hatten ihr neues Haus gerade fertig gestellt. Die Bauphase war für sie eine elend lange, arbeitsreiche aber auch euphorische Zeit gewesen. Sie fühlte sich zu der Zeit häufig wie eine dieser Trümmerfrauen aus dem letzten Weltkrieg. Sie hatte genau wie diese mit ihren Gummistiefeln monatelang den Schutt weggeräumt.

Wie viele Steine hatte sie hin- und hertransportiert? Sie wusste es nicht. Es waren viele Paletten gewesen, die sie abgepackt hatte. Dabei hatte sie sich immer wieder ausgemalt, endlich durch dieses wunderschöne Haus gehen zu können. Das war ihr Antriebsmotor gewesen, die ganzen Strapazen des Bauens auszuhalten.

Während sie so da saß, schweiften die Gedanken zurück in ihre Vergangenheit, in das Jahr 1973. Damals war sie noch die kleine Pia, ein schüchternes kleines Mädchen mit dünnen braunen Haaren und einer viel zu großen Brille. Ihre Eltern, Dieter und Eva Grauer, waren damals junge Erwachsene. Dieter und Eva Grauer hatten ihre Kindheit im 2. Weltkrieg verbracht und die Jugend bei Aufbauarbeiten in der Nachkriegszeit verpasst.

Die erste Wohnung des jungen Paares war sehr bescheiden, winzig klein und bei Evas Schwiegereltern im Haus. Dann wurde die kleine Pia geboren und danach Sandra. Irgendwann war genug gespart, Eva und Dieter kauften sich von ihrem Ersparten ein altes Fachwerkhaus von 1860 und renovierten es liebevoll.

Wenn es in Pias Kindheit nachts ein heftiges Gewitter gab, sprang Eva ängstlich aus dem Bett. Sie holte den Holzkoffer aus der Kammer, in dem sich das Geld, der Schmuck und sämtliche wichtige Unterlagen befanden. Dieser Koffer stand für Notfälle bereit. Eva klammerte den Koffer angstvoll an sich und zuckte bei jedem Blitz oder Donner zusammen. Dieser Holzkoffer war sehr wichtig für Eva, es sollte ihr nicht noch einmal so etwas Schreckliches passieren, wie in ihrer Kindheit. Sie wollte jederzeit für den Ernstfall vorbereitet sein.

Dann weckte Eva ihre Kinder. Pia und Sandra, die beiden Geschwister mussten sich zu der hyperventilierenden Mutter auf die Treppe setzen. Von der Treppe aus konnten sie innerhalb weniger Sekunden nach draußen gelangen. Das war eine unheimliche Situation, Pia fühlte sich dann so hilflos und fror in ihrem dünnen Nachthemd, während alle auf das Ende des Gewitters warteten und bei jedem Grollen zusammenzuckten.

Pia wollte dann nur zurück in ihr Bett, aber Eva ließ sie nicht gehen. „Pia, so ein Gewitter ist sehr gefährlich. Der Blitz kann einschlagen, dann brennt das Haus in Sekundenschnelle ab und wir müssen alle sterben. Du musst hier bei mir bleiben.“ Eva war unnachgiebig.

Evas Todesangst übertrug sich auf die Kinder, die drei saßen ängstlich zusammen gekauert auf ganz alten und knarrenden Stufen, die mit Teppichboden belegt waren. Diesen Teppichboden kannte Pia nur zu gut, es war ihre Aufgabe, dass der Teppichboden immer gut gebürstet wurde und stets sauber war.

Eva durchlebte bei jedem Gewitter immer wieder den Alptraum des Krieges. Sie sah dann das ausgebombte Mehrfamilienhaus vor sich. Sie durchlebte immer wieder die schreckliche Nacht, in der sie alles verloren hatte.

Dieter, Pias Vater dagegen fand das Verhalten seiner Frau unverständlich, war er doch in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in dem es kaum Bombenalarm gab.

Dieter rief dann in solchen Situationen übermüdet und genervt aus dem Schlafzimmer:

„Eva, lass die Kinder schlafen und komm wieder ins Bett, hier schlägt kein Blitz oder eine Bombe ein, der Krieg ist lange vorbei!“ Obwohl so ein altes Fachwerkhaus schon sehr schnell brennen könnte und dann wären sie alle tot, sagte sich die kleine Pia ängstlich.

Aber das war sehr lange her.

Jetzt, viele Jahre später, saß Pia als erwachsene Frau nun wieder mal auf einer Treppe, dieses Mal in ihrem Haus. Es war nicht so schlimm wie früher im Krieg, das wusste sie. Ihre Familie hatte wirklich viel Schlimmeres erlebt. Aber ihr ging es auch nicht gut. Ihre Seele litt. Sie war so alleine. Schnell lenkte sie ihre abschweifenden Gedanken zurück und schaute wieder hoch konzentriert auf die Haustür, wie ein Hündchen, das auf seinen Herrn wartet.

Ihr Mann Burkhard berichtete vor ein paar Wochen wie nebenbei von einem neuen Freund mit langen Haaren, der seine alte Modell-Bahn in der Garage aufgebaut hätte. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und sich so für ihn gefreut, dass er endlich in der neuen Umgebung Kontakt gefunden hatte. Burkhard war ein verschlossener und eigenbrötlerischer Mann, der nie lächelte, oder gar lachte. Freunde hatte er bisher auch keine.

Burkhard wollte wieder mit den Modell-Autos spielen, wie seit einigen Wochen mehrmals die Woche. „Geh nur“, hatte sie zu ihm gesagt. Burkhard hatte ihren besten Wein mitgenommen. Sie fand das Treffen in der Garage voll in Ordnung, aber so langsam hätte er wieder nach Hause kommen können.

Sehr lange saß sie da auf den Stufen schaute sie wie hypnotisiert auf die blitzblanke Eingangstür ihres Traumhauses, dann fing sie heftig an zu frieren und mit einem Seufzer erhob sie sich. Ein längeres Warten lohnte sich nicht, es konnte noch dauern, bis Burkhard nach Hause kommen würde.

Burkhard hatte er ihr am Vortag mehr unfreiwillig gezeigt, wie man chattet, nachdem sie ihn dabei überrascht hatte. Sie fand es eigenartig, dass er einer wildfremden Frau schrieb. „Das macht man jetzt so“, hatte er geantwortet.

Er schrieb der Frau dann, dass seine Ehefrau hinter ihm stehen würde und mitlesen würde. Pia fand das ganz lustig, sie sagte noch zu Burkhard, dann grüß mal schön und zeig mir nachher auch mal, wie man das macht.

So ein Internet-Chat würde sie etwas ablenken, sie wollte das auch mal ausprobieren. Also ging sie ins Arbeitszimmer und meldete sich nach einigem Überlegen mit dem Nicknamen „Perdita_40“ an.

Es war eine Internet-Plattform, in der man sich mit anderen austauschen konnte, die ebenfalls online waren. Diese Plattform bestand aus mehreren Räumen. Es gab die Räume Ü-30, Ü-40, Ü-50, damit man mit Leuten gleichen Alters chatten konnte.

Sie ging passender Weise in den Raum Ü-40. Dort beschrieb Graubär ausführlich seine überstandene Darmspiegelung, der ganze Raum las mit und Fee stellte ihm fleißig Fragen, weil sie die gleiche Untersuchung noch vor sich hatte und sie ziemliche Angst vor dem Eingriff hatte.

Plötzlich poppte ein Fenster vor ihren Augen auf, Füchschen flüsterte: „Bin heiß, hast Du Lust auf Chat-Sex??“

Sie war perplex, aha, so können die anderen Chatteilnehmer nicht mitlesen was geschrieben wird, sie fand den Button auf dem Bildschirm und antwortete,

„nein, danke!“ und grinste.

Sein Fenster öffnete sich wieder, Füchschen gab so schnell nicht auf: „Na komm, das macht Spaß!“

Sie verließ den Raum Ü-40 und ging in den Raum Ü-30.

Dort schrieb sie sofort Surprise-36 an:

„Hey alte Lady, was willst denn Du hier, bist im falschen Raum gelandet oder suchst Du was Junges, Knackiges?“

„Im anderen Raum wird das Thema Darmspiegelungen diskutiert“, war ihre Antwort, „aber Ihr seid auch nicht netter.“

„Boa, bist Du eine Mimose!“

„Nein gar nicht“, antwortete sie, „mein Mann ist unterwegs und ich bin unglücklich.“

„Wieso ist der unterwegs und lässt Dich alleine?“

„Nun, der hat einen neuen Freund, mit dem er in der Garage mit den Modellautos spielt“, war ihre Antwort.

„Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass Du glaubst, dass Dein Kerl nachts mit Modellautos spielt?? Wie blöde bist Du eigentlich?? Der hat Spaß mit einer anderen und Du heulst hier rum. Echt, ich lache mich kaputt über so viel Dummheit“, antwortete surprise-36.

„Ich bin beruflich in Rumänien, hab aber keine Zeit mehr, die Maschine vom Kunden läuft wieder. Ich mache jetzt Feierabend, kannst mich anrufen, hier ist meine Handy-Nummer und tschüss.“

Sie schrieb schnell die Handy-Nummer auf und starrte auf den Bildschirm. Ein neues Fenster poppte hoch, es war schon wieder Füchschen,

„Du machst mich verrückt, hab alle Chatrooms nach Dir abgesucht.“

Frustriert schaltete sie den Computer aus.

Und jetzt, war irgendwas dran, was ihr Surprise-36 da geschrieben hatte? Wie kam er zu dieser ungeheuerlichen Vermutung? Für Fremde war so eine Schlussfolgerung schnell gemacht, aber für sie war das eine grausame Anmaßung von Surprise-36, oder? Was sollte sie jetzt tun? Nachts einen fremden Mann anrufen? Konnte er ihr helfen?

Irgendwo lag doch das alte Handy von Burkhard, das er ihr großzügiger weise vererbt hatte, als er für sich das neuste Modell gekauft hatte. Sie suchte die Schränke durch. Oh, da lag es. Sie kramte mit dem uralten Handy auch die Bedienungsanleitung raus und lud erst mal das Handy auf.

Dann versuchte sie anhand der Bedienungsanleitung das Handy in Gang zu bekommen. Nach über einer Stunde ausprobieren und um mittlerweile 4 Uhr morgens, schrieb sie die erste SMS ihres Lebens an Surprise-36.

„Schlaf gut, wünscht Perdita!“

Sie schickte die SMS ab, „Nachricht gesendet“, zeigte das Display.

Sie war so stolz auf diese erste SMS. Aber sie ging auch mit einem unruhig schlagenden Herzen ins Bett, sie haderte mit sich. Was tat sie hier, sie hatte nach 20 Jahren Ehe einem wildfremden Mann geschrieben, sie war so einsam und unglücklich. Was hatten ihr ihre Eltern, das Kriegskind aus Gelsenkirchen und der fleißige Arbeiter vermittelt, sei anständig, arbeitsam, genügsam und wie war die Wirklichkeit? Sie zog sich die Decke bis ans Kinn, in ihrem Leben ging etwas mächtig schief.

Irgendwann kam Burkhard nach Hause. Sie hörte ihn schon, als er die Haustür aufschloss. Wie er dann pfeifend ins Badezimmer ging, wie er die Toilettenspülung betätigte, das Wasser im Waschbecken einließ und irgendwann dann ins Schlafzimmer kam und sich leise hinlegte. Sie tat, als ob sie schliefe.

Am nächsten Tag nutzte sie die Chance, als Burkhard in die Tageszeitung versunken war und holte das seit der nächtlichen SMS wieder ausgeschaltete Handy aus dem Schrank. Sie verstecke es heimlich unter dem T-Shirt und schloss sich auf der Toilette ein. Fieberhaft neugierig schaltete sie das Handy ein, es gab eine so laute Begrüßungs-Melodie von sich, dass sie fast vor Schreck starb, und dann warten, warten, warten,…….nichts. Keine Antwort von surprise-36.

Enttäuscht schaltete sie das Handy wieder aus und vergrub es unter den dicksten Handtüchern im Badezimmerschrank und ging mit einem schlechten Gewissen zurück ins Wohnzimmer. Burkhard bemerkte sie zum Glück gar nicht, auch dass sie vor Aufregung rote Wangen hatte.

Er schaute Fußball und rief aufgeregt: „Ja, ja,…. schieß endlich, schieß, schieß doch ….Tor, Tor…………….ach nein,…nein.“

Spät abends verabschiedete sich Burkhard, „tschüss, Pia, wir wollen uns wieder in der Garage treffen, Du weißt doch, die Carrera-Bahn, es macht so viel Spaß.“

„Geh nur“, sagte sie abweisend.

Kaum war Burkhard aus dem Haus, rannte sie nach oben in das Arbeitszimmer und schaltete den Computer ein. Wo war Surprise-36, sie suchte alle Räume ab, er war nicht da.

Maximilian-42 schrieb sie an: „Du hast einen sehr schönen Nicknamen!“

„Danke, Du auch“, antwortete sie ihm.

„Siehst Du auch die Sterne am Nachthimmel?“

Nun, Maximilian klang nett, sie hatte nichts anderes vor, also antwortete sie ihm: „Warte.“

Sie rannte die Treppe runter, raus vor die Tür und schaute sich den Himmel an.

„Es ist wunderschön draußen, ein ganz klarer Himmel“, war dann etwas später ihre Antwort.

Maximilian-42 schickte ihr drei Smileys.

Sie suchte diese Gesichter in der Maske des Programms und schicke drei zurück.

Cool, fand sie, sie wurde immer besser. Wie viele verschiedene Smileys es doch gab.

„In solchen Nächten bin ich immer sehr einsam und wünsche mir eine Frau an meiner Seite.“

Sie schluckte, ihr Herz brannte, die Tastatur verschwamm vor ihren Augen, als sie antwortete: „Ich bin auch fürchterlich einsam, ich bin so alleine.“ Oh, wie schlecht ging es ihr.

„Ich würde jetzt gerne Deine Hände streicheln und Dich trösten. Schade, dass Du nicht hier bist“, Maximilians Antwort war so feinfühlig.

Sie atmete tief ein, ihre Hände zitterten, Maximilian löste irgendetwas in ihr aus, das sie noch nicht gefühlt hatte, als sie antwortete:

„Es ist schön, Dir zu antworten.“

Maximilian erzählte aus seinem Leben, er war Chemiker und arbeitete in einem Forschungszentrum in Hamburg, sie berichtete von Burkhard, von der Carrera-Bahn und von ihrem Haus. Die Gesprächsthemen wurden immer persönlicher und romantischer und mittlerweile war es fast wieder 4 Uhr morgens und sie war so müde. Aber sie wollte für keinen Preis der Welt den PC verlassen, was sollte sie auch im Bett, sie könnte sowieso nicht schlafen. Burkhard war immer noch unterwegs.

„Schau einmal nach draußen, es wird hell. Die Vögel fangen an zu zwitschern. Ich würde Dich jetzt gerne mal umarmen und küssen und dann Deinen Körper streicheln.“

Maximilian schrieb so wunderschöne Sätze.

Eine Gänsehaut durchlief spontan ihren Körper, sie spürte es fast, wie er sie umarmte und liebevoll küsste. Sie fühlte tatsächlich seine Hände, die sie streichelten. Es war wunderschön.

„Ich spüre Dich“, schrieb sie gerade und fühlte eine unbekannte Erregung.

In diesem Moment flog die Tür hinter ihr auf, Burkhard checkte die Situation mit einem Blick, hastete zum PC, las die letzten Sätze, noch bevor sie irgendeine Taste drücken konnte. Dann riss er wutentbrannt den Stecker aus der Wand. Der Bildschirm wurde augenblicklich schwarz.

Wütend schrie Burkhard sie an und schüttelte heftig an ihren Schultern, ihr Kopf wackelte hin und her. Seine Hände drückten sich so tief in ihr Fleisch, dass er ihr wehtat und dass sie bestimmt wieder davon blaue Flecken bekommen würde:

„Lass so einen Mist, was soll das?Ich spüre Dich?Was für blöde Sachen schreibst Du hier einem wildfremden Typen aus dem Internet? Du kennst den Kerl doch gar nicht!“

Sie riss sich aus seinen Fängen und rannte aus dem Zimmer, bevor die Situation noch weiter eskalierten konnte. Dann holte sie sich ihre Matratze und ihre Bettdecke aus dem gemeinsamen Schlafzimmer, zog beides über den Flur und schloss sich schnell im Abstellraum ein.

Am nächsten Morgen schlich sich Pia verängstigt die Treppe runter und setzte sich an den Esstisch. Und wartete auf ein Donnerwetter. Burkhard aber verhielt sich wie immer, sie atmete auf. Dann hörte sie, wie er in den Abstellraum ging und ihre Matratze zurück ins Schlafzimmer trug. Als sie sich unbeobachtet fühlte, holte sie die Matratze zurück. Sie wollte nicht bei ihm schlafen. Er hatte irgendwas in ihr kaputt gemacht.

Von da blieb Burkhard leider zuhause, er ging nicht mehr abends aus. Die Situation war ihm wohl zu heikel geworden. Sie wartete jede Nacht ab, bis er fest eingeschlafen war und sie sein gleichmäßiges Schnarchen hörte.

Dann schlich sie sich heimlich zum PC, ging online, aber weder Maximilian-42 oder Surprise-36 waren in den Chatrooms unterwegs. Mit einem Ohr horchte sie dabei immer ängstlich Richtung Schlafzimmer. Er sollte sie nicht noch einmal am Computer überraschen. Das könnte gefährlich werden.

Es öffnete sich ein Fenster auf ihrem Bildschirm und Füchschen schrieb: „Was hast Du an?“

Füchschen, Du bist immer online, dachte sie und schaute an sich runter und lachte leise, Nachthemd und Hausschuhe, aber das möchte Füchsen bestimmt nicht lesen, also schrieb sie, während sie ein kleines Teufelchen ritt:

„Ich trage nur rote High-Heels!“

Oh Mist, nicht auf flüstern gedrückt, alle Leute im Chatroom lasen mit, was sie schrieb. Na ja, mit hochrotem Kopf fand sie trotzdem, dass es ganz cool so zwischen den Krankengeschichten der anderen aussah und den Laden etwas aufmischte.

Auf einmal öffneten sich jede Menge Fenster und flüsterten sie an. Die schienen auf so etwas nur gewartet zu haben, schoss es ihr durch den Kopf, denen ist auch langweilig.

Star196X flüsterte, „Na alte Lady, mischt Du hier den Laden auf?“

Der Schreibstil kam ihr bekannt vor, kann das surprise-36 sein??

„Star196X, kenne ich Dich?“

„Na, klar, ich hab Dich schon jeden Tag mit immer anderen Nicknamen angeschrieben, aber Du warst bockig!“

„Wie heißt Du wirklich, Star196X?“

„Tim.“

„Hallo Tim, bitte mach solche Versteckspielchen nicht mehr mit mir, ich finde das blöde“

„Schade, ich hatte viel Spaß mit Dir!“

„Tim, hast Du meine SMS nicht erhalten?“

„Och doch, hast Dir echt Mühe gegeben, hab mich kaputt gelacht, waren gerade mal 4 Wörter.“

„Tim, ich brauche jemand, mit dem ich reden kann, können wir ab und zu miteinander chatten?“

„Na klar, für einsame Frauen habe ich immer Zeit. Wo ist denn heute Dein Mann?“

„Der liegt im Bett und schnarcht, der geht nicht mehr aus.“

„Ich hab jetzt wieder Feierabend, Du kannst ja mal Deine zweite SMS versuchen, vielleicht wird die etwas umfangreicher!“

„Nein, ich traue mich nicht, bin schon froh, dass Burkhard bis jetzt nichts gesagt hat. Die Telefonrechnung müsste schon längst da sein, und die SMS auffallen.“

„Na dann, mach es gut, ich bin nur unregelmäßig online, kannst aber immer mit mir reden, meine Handy-Nummer kennst Du ja.“

Weg war er, sie schaltete den PC aus, weil sich immer noch neue Fenster öffneten und sie auf ihre High Heels ansprachen.

Es war ja echt komisch, überlegte sie, dass Burkhard nichts zu ihrer SMS gesagt hatte. Wo lagen eigentlich die Telefonrechnungen? Burkhard war selbstständig, und da er die ganzen Rechnungen zahlte, die sein Geschäft betrafen, hatte sie ihm praktischerweise auch ihre Geldangelegenheiten und ihre Konten überlassen. Sie waren schließlich verheiratet und sie vertraute ihm blind.

Sie wartete ab, bis Burkhard am übernächsten Tag endlich einmal wieder außer Haus war, setzte sich an seinen Schreibtisch, kramte in den Unterlagen und fand einen Stapel unsortierter Rechnungen in der rechten untersten Schublade. Diesen Stapel blätterte sie durch und fand darin auch die letzte Telefonrechnung.

Was sie da las war unfassbar für sie. Das konnte nicht wahr sein! Sie glaubte ihren Augen nicht! Ihr Herz klopfte plötzlich bis zum Hals.

Da standen 544 SMS auf der Rechnung für März????

Sie hatte doch nur eine einzige SMS geschrieben, hatte sie was falsch gemacht, aber Tim hatte auch nur von einer geredet. Der hätte sich kaputt gelacht, wenn sich sein Handy 544 Mal gemeldet hätte. Es hatte sie schon die ganze Zeit gewundert, dass Burkhard sie noch nicht zur Rede gestellt hatte.

Sie suchte die Rechnung des Vormonats heraus, 645 SMS und 3 lange Auslandsanrufe. Sie ging immer weiter zurück, seit 6 Monaten diese Wahnsinnsrechnungen bei ihrem schmalen Budget und dem neuen Haus, sie kaufte sich ja nicht mal ein neues T-Shirt.

Wie konnte man so viele SMS im Monat schreiben? Das waren ca. 20 SMS pro Tag? Wenn man die Schlafenszeit abzog, hatte Burkhard jede halbe Stunde eine SMS geschrieben. Und das jeden Tag. Wie ging so was? Wieso hatte sie davon nichts mitbekommen?

Verwirrt legte sie den Stapel wieder so an seinen Platz zurück, damit nicht auffiel, dass sie die Papiere durchgesucht hatte, verließ das Arbeitszimmer und kochte sich erst einmal einen Tee, ihre Hände mussten was tun und dann setzte sie sich fassungslos aufs Sofa.

Was hatte das Ganze zu bedeuten, sie stand wieder auf und rannte durch das Haus. Dann setzte sie sich wieder hin und versuchte sich zu beruhigen. Tausend Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, woher kamen nur diese vielen SMS? Mit wem konnte sie darüber sprechen?

Dann kam Burkhard nach Hause, sie beobachtete ihn heimlich. Ihr fiel nichts an seinem Verhalten auf, er war ganz ruhig und entspannt. Sie konnte es nicht glauben, wie eiskalt er war.

Nachts hatte sie sich immer noch nicht beruhigt, sie holte sich das Handy aus dem Badezimmer in den Abstellraum. Sie legte sich damit bäuchlings auf ihre Matratze und schaltete es ein, während sie gleichzeitig schnell das Kopfkissen drauf drückte, damit Burkhard von dem Gong nicht wach wurde.

Sie schrieb an Tim:

„Ich habe gerade die Telefonrechnungen gefunden. Diesen Monat stehen 544 SMS auf der Rechnung, in den Vormonaten teilweise noch mehr, was bedeutet das?“ und schickte die SMS ab.

Sie wartete und wartete, wieder keine Antwort, er wird wohl schlafen. Irgendwann schlief sie auch endlich ein, ihr Körper war einfach todmüde. Sie hatte einen heftigen Albtraum. In diesem Traum sah sie einen schwarzen Schatten an der Wand neben ihrem Bett. Der Schatten bedrohte sie, er beugte sich immer weiter zu ihr runter. Sie lag da und hatte Angst.

Während sie die Situation weiterhin ängstlich und wie gelähmt beobachtete, bildete sich ein Gesicht und dieses Gesicht zog eine grinsende hämische Grimasse. Sie sah die fletschenden Zähne, und je länger sie den Schatten beobachtete, umso deutlicher erkannte sie das Gesicht von Burkhard und sein hässliches und fieses Grinsen. Ihr Herz klopfte wild. Sie wollte weglaufen, aber sie konnte sich nicht bewegen.

Da wurde sie von einem Gong unter ihrem Kopfkissen geweckt, die SMS kam von Tim. Noch vom Albtraum total verwirrt las sie:

„Na, was hab ich Dir gesagt? Stell ihn endlich zur Rede!“

Toll, für Tim gab es jetzt auch noch Beweise, und sie hatte sie ihm geliefert.

Sie war der einsamste Mensch auf der Welt. Die Kälte lief durch ihren Körper.

Nachdem sie lange genug nachgedacht hatte, entschloss sie sich entgegen Tims Vorschlag ruhig zu bleiben und erst einmal abzuwarten, außerdem hatte sie viel zu viel Angst herauszufinden, dass womöglich etwas an Tim Vermutungen wahr sein konnte. Das würde ihr Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Was würde dann mit ihrem Haus passieren?

Nein, sie war sich sicher, es stimmte nicht, was Tim sagte. Heutzutage tätigten alle erfolgreichen Menschen ihre Firmengeschäfte per SMS und wahrscheinlich hatte Burkhard mit einem Lieferanten aus dem Ausland telefoniert. Ja, genau, das war es, da war sie sich sicher! Aber sie hatte Glück, so hatte er ihre lächerliche SMS gar nicht bemerkt und Pia grinste mit einem etwas schiefen Lächeln vor sich hin. Sie musste dringend ihre Nerven beruhigen. Und eigentlich war Burkhard kein erfolgreicher Geschäftsmann.

Pia lebte die nächste Zeit in einem Vakuum, Zeit und Raum hatten an Bedeutung verloren. Die Gespräche mit Burkhard hatte sie aufs Minimum beschränkt. Sie wollte dringend wieder online gehen, sie vermisste Maximilians liebevolle Art und sie wollte weiter mit Tim über die vielen SMS reden. Nur das war jetzt wichtig.

Sie schlief weiter im Abstellraum. Burkhard hatte noch ein paar Mal versucht, ihre Matratze ins Schlafzimmer zu holen, sie trug die Matratze kurz darauf immer wieder zurück. Burkhard fuhr zwar nicht mehr weg, aber er erklärte auch nicht, warum er die vielen SMS geschrieben hatte. Und sie fragte nicht, sie beobachtete ihn einfach.

Zum Glück klappte wenigstens in ihrem Job alles wie bisher, aber es kostete sie sehr viel Kraft, dass sie dort nicht zusammenbrach. Wenn es zu schlimm wurde, lief sie zur Toilette und hielt ihren heißen Kopf an die kalten Fliesen. Sie versuchte nicht zu sehr zu heulen. Immer nur ein bisschen. Nur ein bisschen Schmerz ablassen. Sonst wären die Augen zu stark verquollen und die Kollegen würden das mitbekommen und womöglich unangenehme Fragen stellen. Manchem Kollegen würde so eine Geschichte auch bestimmt gefallen.

Wie oft hielt sie ihr Gesicht unter eiskaltes Wasser im Waschraum, um sich zu beruhigen? Wie oft hatte sie das Gefühl, dass nichts mehr ging? Aber wofür hatte sie ihr Pokerface, sie blieb äußerlich ruhig, während innerlich ein Sturm tobte. Und diesen Sturm beherrschte sie nicht mehr.

Pia rief in ihrer Verzweiflung sogar ihre Mutter an. Sie versuchte mit ihrer Mutter zu reden, ohne ihr die ganze ungeheuerliche Vermutung mitzuteilen, sie schämte sich so sehr, dass sie ihr Leben nicht im Griff hatte. Ihre Mutter sagte nur, dass es viel schwierigere Situationen im Leben gäbe, als diese kindischen Spiele zwischen Burkhard und ihr und dass sie einen Krieg überlebt hätte.

„Pia, stell Dich nicht so an. Eine Ehe ist kein Honigschlecken. Ja im Krieg, das war wirklich schlimm!“ Ja, zerknirscht gab Pia ihrer Mutter Recht. Und Eva hatte wirklich genug von ihrer jammernden und unfähigen Tochter. Pia wohnte in einem wunderschönen Haus, Pia hatte einen Job und war unabhängig, sie musste sich um keine Kinder kümmern. Was wollte sie noch, sie hatte noch keine einzige Nacht im Bunker verbracht. Da fiel Eva etwas ein, womit sie Pia schon immer ärgern konnte und es wurde mal wieder Zeit, das Spiel zu spielen.

„Ach übrigens, ich habe heute mit Sandra telefoniert.“

Auch das noch, genau das brauchte Pia jetzt auch noch. Sandra, Pias kleine Schwester hatte in München den großen Fang gemacht mit Bernd, einem EDV-Spezialisten. Sie führte ein Leben im goldenen Käfig und die beiden Kinder, es waren auch noch Jungs geworden, waren der ganze Stolz der Großeltern. Und Sandra war ja so toll. Schade für die Großeltern, dass Sandra so weit weg wohnte. Sandra war die Lieblingstochter, sie war genauso geworden, wie es sich Eva immer gewünscht hatte. Und sie war nicht so schwierig wie Pia.

„Sandra war mit den beiden Jungs beim Intelligenztest, weil sie in der Schule auffällig waren.“ Eva machte eine Kunstpause und wartete genüsslich auf Pias Reaktion.

„Und?“, Pia gab ihr den Gefallen, es war eh egal, sie zählte in den Augen ihrer Mutter nicht.

Eva atmete tief ein, ja, jetzt würde sie es Pia geben, sie war die Große, die Gewinnerin:

„Beide Kinder sind hochbegabt, die Eliteuniversitäten haben ihnen schon Studienplätze angeboten mit anschließenden Stellenangeboten namhafter Firmen!“ Eva lauschte ihren Worten nach, dann brach es stolz aus ihr heraus:

„Ist das nicht wundervoll, ich habe zwei hochbegabte Enkel, das haben sie bestimmt von mir. Wenn der Krieg nicht gewesen wäre und ich Dich nicht bekommen hätte, hätte ich auch Karriere gemacht.“

„Oh, ja das ist wundervoll, da ist Sandra bestimmt sehr glücklich!“ Pia war die Verliererin in der Familie, das schwarze Schaf. Eva fühlte durchs Telefon, ja das hatte gesessen und sie setzte noch eins drauf:

„Und dann hat Bernd auch noch eine Beförderung erhalten, er wird Abteilungsleiter. Und jetzt ist Sandra mit Bernd zu einer wichtigen Gala eingeladen. Sandra muss sich ein Abendkleid kaufen! Egal, was es kostet, hat Bernd gesagt. Sandra ist selig.“

„Ja, das ist toll, ich muss auflegen, Burkhard kommt nach Hause.“ Pia wollte schnellstens das Telefonat beenden.

„Ja, Pia, mach es gut.“ So gefiel es Eva, sie würde sich jetzt einen Kaffee kochen und Dieter alles erzählen. Über ihre dusselige Tochter. Und dann der Nachbarin. Und dann Sandra.

Nachts schlich sich Pia wieder heimlich an den PC, bitte, bitte, bitte, lass Tim online sein. Sie hatte doch niemanden sonst, mit dem sie über ihre Befürchtungen reden konnte, ohne eine Lawine ins Rollen zu bringen, die nicht mehr gestoppt werden konnte.

Sie suche die Chatrooms ab und schrieb verzweifelt an alle:

„Tim, wenn Du mit irgendeinem Nicknamen hier unterwegs bist, den ich nicht kenne, mach keine Spiele, schreib mich bitte an!“