Perfide - Roland Soini - E-Book

Perfide E-Book

Roland Soini

0,0
4,50 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die beiden Hauptfiguren des Romans leben in einer typisch österreichischen Provinzstadt. Perfide sind die Verhältnisse, mit denen der Leser konfrontiert wird. Der Anwalt Mespoche G. leidet unter seinem spärlichen Haarwuchs und wenig attraktivem Aussehen, was er in der Öffentlichkeit durch seine attraktive Partnerin, Daphne A., zu kompensieren versucht. Diese wiederum verachtet ihn wegen seines unattraktiven Äußeren und seiner reaktionären Ansichten. In erster Linie betrachtet sie ihn als Financier ihres aufwendigen Lebensstils, was ihn im Laufe der Zeit an den Rand des Ruins bringt. In seiner Ausweglosigkeit verfällt er auf eine spitzfindige Idee, sich von seiner Partnerin zu trennen. Weiter wird geschildert, weshalb die Geschichte des Mordes an Franz Ferdinand in Sarajewo neu geschrieben werden muss, ein Prälat auf den Zölibat pfeift und ein anderer die Schönheit junger Körper wertschätzt, wie ein Tsunami hätte verhindert werden können, weshalb das mit den Wundern so eine Sache ist, der 68er Irrsiegler sich mit einem Rechtsaußen duelliert, die Maya-Federkrone zu stehlen versucht wird und vieles mehr.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Roland Soini wurde 1941 in Salzburg geboren. Universitäre Ausbildung in Werbung und Marketing mit Schwerpunkt Investitionsgüter. Er war Marketingleiter eines international tätigen Großunternehmens des Maschinenbaus und Gewinner des österreichischen Maecenas Kunstsponsoringpreises. Zum Thema Kultursponsoring im Marketingmix hielt er Vorträge an Universitäten und in Kammerorganisationen. Auslandsaufenthalte in der Schweiz, Deutschland und Norwegen. Er lebt mit seiner Familie in Salzburg.

Doris Foditsch wurde 1949 in Essen, NRW., geboren. Als gelernte Buchhändlerin verbrachte sie einige Jahre in Mexiko-City, Barcelona, Pretoria, Madrid und Wien. Die Teilnahme an Proseminaren an der Universität Salzburg kanalisierte ihren Wunsch zu Schreiben in diesem Projekt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Salzburg.

Roland Soini & Doris Foditsch

Perfide

Die Personen und die Handlung im Buch sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden bzw. verstorbenen Personen wären rein zufällig.

© 2016 Roland Soini, Doris FoditschLektorat: Dr. Sabine Brettenthaler

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-3494-2

e-Book:

978-3-7345-3537-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Personen

Matteo

Der Erzähler

Rinpoche G.

Ein Anwalt

Daphne A.

Eine Lehrerin

Attila P.

Ein Berater

Ix Chebel Yax

Eine Maya

Kukulcán

Bruder von Ix Chebel Yax

Irrsiegler

Ein Museumswärter

PROLOG

Als sie die Stelle erreichten, wo das Attentat geschehen war, verweilten sie in Gedanken an Sissi voller Ergriffenheit und schämten sich ihrer Tränen nicht. Deshalb bemerkten sie die zwei nach der Mode um 1900 schwarz gekleideten Herren erst, als diese auf sie zutraten und freundlich grüßten. Man sei erfreut, sie beide zu sehen, denn man sehe in G. die Inkarnation von Franz Ferdinand und in Elvira jene von Kaiserin Elisabeth.

Beide sprachen nun im Duett: „Wir sind Gavrilo Princip und Luigi Lucheni. Wir müssen immer wieder tun, was wir einst getan. Gavrilo hat den Revolver und Luigi die Feile.“

Dann hallte der Schuss laut über den Genfersee, die Feile aber war ganz leise.

Daphne A. sucht einen Ersatz für Rinpoche G.

Es begab sich, dass die Daphne A. (in der Folge nur A. genannt) den Matteo traf und ihn mit Nachdruck ersuchte, in seinem großen Bekanntschaftskreis nach einem Ersatz für den Rinpoche G. (in der Folge nur G. genannt) Ausschau zu halten und dann so rasch wie möglich ein Treffen mit diesem zu vereinbaren.

Matteo wisse ja, was sie von G. halte, sie brauche ihm da nichts vorzumachen, man kenne sich ja lange genug. Weshalb sie mit G. einen Teil ihrer Zeit verbringe, habe nichts mit Zuneigung zu tun, da sei sie weit entfernt davon. Sie empfinde es als widerlich, wenn er überall herumerzähle, sie wäre seine Freundin.

Einmal, Matteo möge sich das vorstellen, habe G. sogar in der Bar des Hotels Astoria in stark angeheitertem Zustand einem Berufskollegen von ihr, der noch dazu in der gleichen Schule unterrichtete, vertraulich mitgeteilt, er werde sie in den nächsten Wochen heiraten. Ein glücklicheres Brautpaar als sie werde es wohl kaum je gegeben haben; man sei verliebt bis über beide Ohren. Es habe sich eben ausgezahlt, wenn er zu ihr immer überaus großzügig gewesen sei.

Wie peinlich ihr das gewesen sei, der Kollege habe das während der Pause im Lehrerzimmer erzählt, da sei der ganze Lehrkörper anwesend gewesen. Zwei Kolleginnen hätten sich von ihr weggedreht, weil sie das Lachen nicht haben unterdrücken können. In einer Provinzstadt kenne ja jeder jeden, so wussten alle, wer G. sei.

Die Kolleginnen wären ja immer neidisch gewesen, wenn sie mit einer Jewellery von Fope Gioielli aus Vicenza ankam, Kleider von Laura Biagiotti trug, die man in der Provinzstadt gar nicht kaufen könne, abwechselnd ihre Patek Philippe Celestial und Breitling Bentley trug. Für diese Plebejerinnen wäre ja das höchste eine Rolex! Denen musste sie erklären, dass eine Rolex im Vergleich zu ihren Uhren wie eine Swatch sei; ob sie den Ausdruck Fleischermanschette noch nie gehört hätten.

Die hätten ja keine Ahnung gehabt, dass sie mit G. Urlaube verbracht und er sich aus Dank dafür nicht kleinlich gezeigt habe. Wenn sie gefragt wurde, woher sie denn das viele Geld nehme, hätte sie gesagt, sie entstamme einer alten Familie. Die Eltern hätten Ländereien im Süden des Kleinstaates und eine Fabrik in der Nähe der Hauptstadt besessen, da habe sie einiges geerbt. Matteo möge verstehen, das war eine Notlüge, aber nun wüssten alle, dass G. der Big Spender gewesen sei. Jedoch mit ihr treibe man keinen Schabernack: die beiden Kolleginnen, die ihr vor lauter Lachen den Rücken zugedreht hatten, habe sie für deren Häme büßen lassen.

Matteo möge ihr einen kleinen Exkurs gestatten, denn es dränge sie, ihm diese Geschichte zu erzählen: Als sie turnusmäßig den Kaffee in der Schule für die lange Pause zubereitete, habe sie den beiden die achtfache Menge eines geruchlosen Laxativums in die Tassen gekippt. Sie müsse jetzt noch lachen, Matteo könne sich nicht vorstellen, was sich dann beim Elternabend abgespielt habe. Barbara, die eine Kollegin, habe die etwa dreißig Elternpaare in Vertretung der Direktorin im Festsaal willkommen geheißen. Verstärkt durch ein zu scharf eingestelltes Mikrophon, habe man nach „Meine lieben Eltern, ich darf Sie im Namen des Lehrkörpers und stellvertretend für die Direktorin herzlich willkommen heißen“ ein eindeutig zuordenbares Geräusch gehört, dem ein rasanter Spurt durch den Gang zwischen zwei Reihen lachender Eltern in Richtung Damentoilette gefolgt sei, die aber besetzt gewesen war, weshalb sie als Vertretung habe einspringen müssen.

Bei Elvira, der anderen Kollegin, habe die Wirkung erst am nächsten Morgen eingesetzt, dafür aber eruptiver. Elvira sei von ihrem Freund, den sie, weil schon etwas älter und von bescheidenem Aussehen, herbeigesehnt und erst eine Woche gekannt habe, mit seinem am Vortag gelieferten VW Passat zur Schule gebracht worden.

Von ihr sehnlichst gewünscht: Freund steigt aus, öffnet ihre Wagentüre, hilft beim Aussteigen, indem er ihr zärtlich unter die Arme greift (für die Kollegen mit Erfahrung ein eindeutig erotisch unterlegter Akt). Dann ein liebevoller Blick, je ein Kuss auf die linke und rechte Wange, dann länger auf den Mund. Das alles von den Kolleginnen neidisch beobachtet: so habe Elvira sich das vorgestellt. Doch es kam völlig anders.

Sie gebe zu, sie sei jetzt noch voller Schadenfreude: Die Beziehung Neufreund und Elvira habe noch am Schulhof geendet. Lehrer wie Schüler hätten zu hören bekommen, für die Reinigung des Sitzes habe Elvira aufzukommen, und wenn eine solche technisch nicht möglich sei, werde er auf ihre Kosten einen neuen Passat bestellen. Schaue sie sich doch den weißen Ledersitz an, auf dem sie gesessen habe. Ihr dort abgelegtes Odeur speichere sich in diesem und würde auch an die Innenverkleidung des Wagens in kleinen, aber gut riechbaren Dosen abgegeben. Er wolle nicht jeden Tag an sie erinnert werden, vielleicht sei sie noch nach Jahren riechbar. Das halte er nicht aus, zumal er aus der Kosmetikbranche komme und gute Gerüche sein Geschäft seien. Sein Anwalt werde sich mit ihr in Verbindung setzen. – Sie schäme sich nicht für ihre Rache, sagte A. zum Matteo, mit ihr sei eben nicht gut Kirschen essen.

Es habe bisher nur ein kleiner Teil ihrer Bekannten von G. gewusst, weil sie sich seiner geschämt habe. Jetzt würden die Kolleginnen das wohl überall in der Provinzstadt herumposaunen, das sei peinlich, aber nicht mehr zu ändern. Wie Matteo wisse, sei G. um fünfzehn Jahre älter als sie, fahre ein amerikanisches Zuhälterauto und bewege sich so steif, als trüge er Windeln wegen Blasenschwäche. Und dann die Haare, die schössen ja den Vogel ab, vom Homo erectus bis heute habe noch nie jemand so eine Frisur getragen.

Sie habe immer Vertrauen zu ihm, Matteo, gehabt, deshalb halte sie jetzt mit nichts hintan. Es sei ihr heute ein Bedürfnis, sich einmal richtig auszusprechen. Ohne sich zu überschätzen, sei sie eine attraktive Frau, man drehe sich um nach ihr, manche Männer, sie genieße das, zögen sie mit ihren Blicken aus. Die Frauen wären neidisch, weil sie das darstelle, was die sich wünschten darzustellen, es aber nie erreichen würden, aber das verdrängten sie, bei Tageslicht mieden sie jeden Ganzkörperspiegel, nur um nicht sehen zu müssen, wie unattraktiv sie seien. Er, Matteo, sage nichts dazu, aber sie wisse, er meine, da habe sie sogar noch untertrieben, und das sei nett von ihm.

Schaue man sich jetzt den G. an, einen größeren Kontrast zu ihr könne es doch gar nicht geben.

G. sei doch ein Quasimodo! Dieser sei aber nur hässlich gewesen, von langweilig oder ungebildet keine Spur, da sei nichts davon zu lesen. G. habe keine Ahnung, wer Quasimodo sei, Victor Hugo sei ihm deshalb genauso wenig bekannt wie Giacomo Puccini, Liszt oder Bach, an Grillparzer erinnere er sich vage. Caligula hingegen kenne er, weil er es als Pferdeliebhaber lobenswert finde, dass jener sein Lieblingstier zum Senator habe machen wollen.

Warum sie mit G. dennoch so lange eine Verbindung aufrecht gehalten habe, das wolle sie für sich behalten, aber es gebe gute Gründe dafür, die sich jedoch, sollte Matteo einen Ersatz für G. finden, in Luft auflösen würden.

Als polyglotte und kultivierte Frau leide sie auch unter G.’s mangelndem Esprit, manchmal wirke er schlafend spritziger als im wachen Zustand. (A. bog sich über dieses Bonmot vor lachen.) Darüber hinaus sei er extrem konservativ wie egozentrisch, und obwohl Akademiker, allerdings nur Jurist, gehe sein kulturelles Niveau über das eines begabten Pflichtschülers kaum hinaus.

G.’s intellektuellen Ansprüchen genüge der „Playboy“, indem er nicht einmal lese, sondern sich nur die Bilder ansehe. Matteo wisse ja, wie sehr manche Männer durch solche erregt werden, und G. gehöre zu diesen. Dann habe G. noch ein Automobilmagazin abonniert, er sei ein Autoenthusiast, für einen Bentley würde er seine Großmutter verkaufen. Einmal werde er einen besitzen, habe er zu ihr gesagt, sie müsse ihm das glauben. (A. ahnte nicht, welch bedeutsame Rolle diesem Automobil Jahre später zukommen sollte.)

G. sei noch nie in einem Theater gewesen, er besuche keine Oper, die Existenz von Lesungen sei ihm gänzlich unbekannt, Bücher benutze er zur Dekoration in seinem Wohnzimmer, das den Namen nicht verdiene, da es den zurückhaltenden Charme einer Gruft vermittle. Orte, wo sich mehr als zwanzig Personen aufhalten würden, meide er, da er es als sicher erachte, dort potenziellen Viren-, Bakterien- oder Bazillenspendern ausgesetzt zu sein. Auch grause es ihn vor Stühlen, wo vor ihm schon jemand gesessen habe. Sein Gesäß erfühle wie ein Seismograph die abgegebene Wärme des Vorsitzers noch nach einer halben Stunde, und davor grause ihn. Allein wenn er sich vorstelle, dass dieser Hämorrhoiden gehabt haben könnte, werde ihm sofort schlecht. Das sei doch im höchsten Grade paranoid. Warum Matteo nicht schon längst frage, wie sie das habe aushalten können, er erwecke bei ihr den Eindruck, dass er ihr nicht richtig zuhöre.

Von ihr verlange G., sie müsse das Bemühen um seine Gesundheit wertschätzen, das erwarte er, hinge er doch wie jeder normale Mensch an seinem Leben. Auch sei er überzeugt, Hypochonder würden eben sorgfältiger auf ihren Körper achten als andere, deshalb seien sie wertvollere Menschen als die Vegetarier, die sich mit Grünzeug und Körnderln ruinierten, und so den Körper als Geschenk Gottes missachteten.

Die Grünen, die linken Altruisten und die Zuwanderer aus Süd und Ost verachte er, dabei habe er besonders die Türken im Auge, allein deren Geruch nach Knoblauch und Kümmel mache ihn schon krank. Im positiven Sinne sei er reaktionär und stehe hinter allen Klerikern, die den geschiedenen Wiederverheirateten und Homosexuellen die heiligen Sakramente verweigern würden. Es stünde doch schon im Alten Testament: die es mit Gleichen trieben, seien zu steinigen. Wenn es nach ihm ginge, höbe er als erster den einen Stein auf.

Auch vertrete er mit Überzeugung die Ansicht, Monarchien seien die beste Regierungsform, den Demokratien hausweit überlegen. Und wenn er sich erst die EU anschaue, die würde noch den ganzen Balkan aufnehmen, und mit den Türken werde bereits ergebnisoffen verhandelt. Da könne sich dann jeder ausmalen, welche Typen bei uns aufkreuzen werden, ganze organisierte Bettlerbanden aus Rumänien müsse man jetzt schon ertragen.

Dann die sogenannten Kriegsflüchtlinge, das seien alles junge Männer, warum die nicht in ihrem Lande für ihre Überzeugung kämpften, das seien ja alles Deserteure. Bei uns müsse jeder zum Militär, der tauglich sei, da könne keiner so einfach abhauen, wenn die Heimat ihn brauche.

Die Politiker in unserem korrupten Kleinstaat seien untereinander zerstritten und unfähig, diesen Missständen ein Ende zu bereiten. An unseren Ahnen versündige man sich, die mit Fleiß und viel Arbeit uns einen veritablen Wohlstand hinterlassen haben, den man nun an kulturlose Zuwanderer verschleudere. Schön weit seien wir gekommen, ihm,

G. käme da das Grausen.

Matteo möge sich vorstellen, G. sei ein glühender Anhänger von Opus Dei und der Loretto-Gemeinschaft, und für den Islam habe er schon gar nichts übrig, da ja auch die Türken diesem angehörten. An Papst Johannes Paul II. habe ihn nur gestört, dass er Pole gewesen sei, sonst habe er ihn bewundert, auch weil er im Vatikan Exorzisten habe ausbilden lassen. Manchmal würde ihm der Gedanke kommen, auch ich wäre von Satan und Beelzebub besessen. Was sage Matteo zu so einer Frechheit?

Wenn G. betrunken sei, was unter der Woche häufig, an den Wochenenden fast immer vorkomme; er trinke dann bis zu sechs Cola mit Malt Whiskey, und das nach einer Flasche Beaujolais, dann sage er ihr solche Dinge ins Gesicht. Er lasse da seinen Aggressionen ungezügelten Lauf, da kämen seine Komplexe nach oben, für die es freilich gute Gründe gebe.

Körperlich halte sie G. nur aus, weil es ihr durch Autosuggestion gelänge, seinen Kopf auszublenden und an seine Stelle jenen ihres geliebten Ara-Papageis „Brutus“ zu setzen.

Matteo wisse, welche Bedeutung Ästhetik für sie habe, so beurteile sie deshalb nicht nur Gegenstände nach dem Goldenen Schnitt, sondern auch den menschlichen Körper. Und da falle der von G. ja völlig aus dem Rahmen; einen so großen Rahmen gebe es gar nicht, dass er darin Platz fände.

Schwer erträglich wären für sie auch G.’s Hamsterbacken, die man einzeln gesehen als solche benennen könne, die in ihrer Zweisamkeit von links und rechts jedoch eher der Teilphysiognomie eines Jungschweinekopfes ähnlich seien. Dann wären da noch seine wulstigen Lippen, die unehrlich Sinnlichkeit vorschützten würden, weil er ja alles andere als potent sei. Und dann das fleischige, schon jetzt ungestüm nach unten drängende Doppelkinn, das bei ungünstiger Kopfhaltung zu einem Dreifachkinn sich entwickle.

Über G.’s Haare müsse sie Matteo nichts erzählen. Dennoch könne sie auch jetzt nicht umhin, darauf hinzuweisen, wie sehr sie sich vor seinen von unten nach oben und dort im Kreise mit Unmengen von klebrigen Sprays zementierten Haaren ekle. Sie weiche jeder Berührung derselben aus, um einer sonst nicht ausbleibenden Übelkeit zu entgehen. Aber nicht nur vor seinen Asbestfäden ähnelnden Haarstränen grause sie. Sie versuche auch bei ihren Urlauben jede körperliche Berührung zu vermeiden. Sie schliefen in ihrer Suite wie ein Geschwisterpaar, das sich nicht mag, aber eben in einem Zimmer schlafen müsse.

Und die Haare überhaupt, darauf müsse sie nun doch näher eingehen, denn so etwas habe die Welt noch nicht gesehen. Seine Haare seien für G. wichtiger als für sie die Absolution bei der Beichte, und die sei ihr enorm wichtig. Auch wenn Matteo das nicht glauben werde, aber sie wisse oft nicht, was sie überhaupt beichten solle. Sie lüge ihren Beichtvater manchmal an mit Sünden, die sie gar nicht begangen habe, erst durch diese Lüge habe sie endlich eine Sünde, für die sie um Vergebung bitten könne.

Nun weiter zu G.’s Haaren: Die habe er an der Schädeldecke schon mit zwanzig fast gänzlich verloren, und mit fünfundzwanzig war er dort völlig kahl. Seine volle Liebe habe nun jenen im Halbkreis ab Ohrenoberkante verbliebenen gegolten. Die habe er wachsen lassen, bis sie an den Seiten die Ellbogen erreicht hätten, und die hinteren das Steißbein. Natürlich sei er so nicht auf die Straße gegangen, das wäre ja was gewesen. Nein, seine Mutter habe ihm den Trick beigebracht, seine Haare von unten nach oben zu befördern, und sie dann auf der Schädeldecke in drei Kreisen abzulegen und mit einem Sprühkleber, wie man ihn beim Affichieren von Plakaten verwende, zu fixieren.

Das sähe dann so aus, als trüge er eine Basketballmütze ohne Schild. Wenn ein Materialtester mit verbundenen Augen seine Hand auf G.’s Haargebilde legte, meinte er wohl, es handelte sich um Eternit. Mutter und G. aber waren begeistert, er sähe nun wie ein Latin-Lover aus, sie als Mutter sei stolz auf ihn. Matteo wisse ja, wie weit Mütter sich in der Beurteilung ihrer Lieblinge von der Realität entfernten.

Die ersten vierzehn Tage hätten Mutter und G. jeden Morgen gemeinsam geübt, dann wäre G. so weit gewesen, dass er den Schwung heraus gehabt hätte. Der Zeitaufwand sei beträchtlich gewesen, auch weil G. aufgrund eingeschränkter Beweglichkeit durch eine schlimme Krankheit am Bewegungsapparat (da täte er ihr schon leid) die Hände nur kurze Zeit über dem Kopf habe halten können, dann habe er immer wieder eine Pause einlegen müssen. Sie wisse das von den gemeinsamen Urlauben, wo G. das Badezimmer mit Toilette für zwei Stunden nicht freigegeben habe.

Einige Male, Matteo wisse, dass sie einen gesunden Appetit habe, der bei ihr symbiotisch auch mit einer gesunden Verdauung einhergehe, habe es schlimme Szenen gegeben. Aber G. sei da gnadenlos gewesen, weshalb sie einmal, so schnell sie konnte, ins Hotelfoyer gelaufen sei, weil sie dort eine Public Toilette in Erinnerung gehabt habe. Diese sei, Gott sei Dank, unbesetzt gewesen, weil es den gläubigen Burka-Trägerinnen aus Saudi Arabien streng verboten sei, öffentliche Toiletten zu benutzen. Dafür habe sie sich an G. gerächt, indem sie nachts, G. habe so tief wie ein Säugling geschlafen, die Klimaanlage auf fünfzehn Grad gestellt habe (dem G. war immer zu kalt, ihr immer zu heiß). Am Morgen habe ihn dann ein heftiger Husten gequält, der bis zum Ende des Urlaubs angehalten habe. Sie habe aber kein schlechtes Gewissen gehabt; man könne mit ihr eben ungestraft nicht alles machen.

Im Grand Hôtel du Cap-Ferrat im August habe G. seine Haare manchmal drei- bis viermal von unten nach oben, und dann im Kreis auf die Schädeldecke zementiert. Wenn es besonders schwül gewesen war, habe er die klimatisierte Suite gar nicht verlassen wollen. Da habe er es mit ihr aber schlecht erwischt, weil sie beim Maître Françoise, mit dem sie seit langem per Du gewesen seien, einen Tisch für vier Personen bestellt habe (sie brauche Platz beim Essen). Dieser Termin sei einzuhalten, habe sie G. deutlich zu verstehen gegeben. Sie könne vor Hunger kaum noch stehen, und es sei ihr egal, wenn am Tisch seine Basketballmütze ohne Schild auf die linke oder rechte Schulter rutsche.

Das Essen sei dann gut verlaufen, es zahle sich eben aus, sich mit dem Personal gut zu stellen, auch wenn man dafür scheele Blicke von manchen Hotelgästen ernte. Maître Françoise habe, kaum hätten sie Platz genommen, ungefragt, aber sehr willkommen, das übliche Glas Champagner, dann gleichfalls ungefragt, vom Salat die doppelte und vom köstlichen Spinat mit Knoblauch die dreifache Menge gebracht. Das habe sich so verlässlich eingespielt wie ein Schweizer Uhrwerk ticke, und wie angerührt die an den Nebentischen dreingeschaut hätten, das wäre ihr eine große Befriedigung gewesen.