Perlmutt - Farah Fereih - E-Book

Perlmutt E-Book

Farah Fereih

0,0

Beschreibung

Wenn in eine Muschel Sand eindringt, erzeugen die Sandkörner im Inneren Reibung, weswegen die Muschel die Sandkörner mit Perlmutt umhüllt. Dies ist eine authentische Lebens- und Liebesgeschichte, verpackt in Romanform, die von einer selbst erfüllenden Prophezeiung handelt. Verarbeitet darin ist profundes Fachwissen, u.a. über Missbrauch, Scheidung, Segeln, Reiten und Selbstständigkeit. Der im Laufe der Handlung vollzogene Reifeprozess wird auf gefühlvolle, dramatische und esoterische Weise beschrieben Aufgrund der vielen in diesem Buch vorkommenden "Sandkörner" trägt es den Titel "Perlmutt".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für alle, die den Tagen mehr Leben geben wollen.

Ich sitze an einer Kreuzung. Von der Kreuzung aus führen Wege in unterschiedlichste Richtungen. Die Umgebung ist karg und sandig, vereinzelt gibt es Grasbüschel und Kakteen. Es ist warm, sonnig, ruhig und einsam. Der Weg vor mir führt direkt zum Meer. Ich gehe diesen Weg entlang, der kurz vor dem Meer zwischen den Dünen endet. Dann der Strand, der atemberaubende Anblick des Blaus, der leichten Brandung und der unendlichen Weite. Der Wind streichelt meine Haut. Ich sitze im Schneidersitz, spüre den Sand und schaue aufs Meer. Es zieht mich magisch an. Ich möchte hineingehen und nicht wieder auftauchen. Ich spüre Hunger, doch hier gibt es nichts. Ich vermisse Enna. Ich stehe auf und gehe zur Kreuzung zurück.

Hier befand sich der Kotten, in dem ich lebte. Hier gab es etwas zu essen. Enna lief mir entgegen und streichelte mich mit den Worten: „Hallo Mama!“. Um den Kotten herum stürmte es, Windstärke acht, orkanartige Böen, die das Riesentrampolin von Enna erfassten und es vor der Garage absetzten, was es unmöglich machte, das Auto darin abzustellen. Auch flog der teure Pavillon heute schon zum dritten Mal auseinander. Mit dem lauten Öffnen der Tür kam ein frischer Windhauch herein und Rene stand in der Tür, der Naturbursche schlechthin, fluchend auf eine Art, die mir zu verstehen gab: Ich Armer muss mich um alles kümmern. Na ja, warum ließ er es nicht einfach so, wie es war. Wir schauten nach dem Sturm.

Die „Bestien“, wie Rene die Hunde nannte, konnte man auch von drinnen aus füttern, es gab eine Verbindungstür zur Garage, dann konnte man eine weitere Tür öffnen und die Bestien zum Pipi machen raus aufs Feld schicken, wenn sie denn gingen, denn auch Bestien wollen nicht bei jedem Wetter hinaus. Ich ließ die Tür einfach offen, in der Not würden sie es sich schon überlegen. Aber es hätten ja Blätter hereinwehen können, die Rene nachher wegfegen müsste. Eine der Bestien, wohlgemerkt, war eine Dobermann- Schnauzer-Mischlings-Hündin, eigenwillig, zickig, ein Trennungshund aus erster Ehe, die Rene mit einem Blick anschaute, der ausdrückte: Du hast mir gar nichts zu sagen! Drehte Rene sich um, ging Uli, so hieß die Hundedame, buddeln, weshalb der 2.000 Quadratmeter große Garten nur noch aus Kratern und unterirdischen Gängen bestand. Die beiden anderen Bestien leisteten – zusammen mit ein paar Maulwürfen – dazu ebenfalls ihren Beitrag. Nachahmungstrieb und Gruppenzwang sind halt groß.

Gartenarbeit, wenn sie auch noch so gesund ist, war da zwecklos. Die Bestien hatten es doch glatt fertiggebracht, ein angrenzendes Feld und eine Wiese dermaßen zu durchlöchern, dass Rene und der Bauer mit dem Bagger alles mit Erde auffüllten und so weit wieder in Ordnung brachten, damit sich keine der Kühe das Bein brechen konnte. Seitdem war es mit dem Freigang der Bestien zum größten Teil vorbei, trotz 50 Meter Luftlinie bis zum nächsten Haus. Hinzu kam, dass die zweite Bestie, ein Labrador-Schäferhund namens Erris, jedem der vorbeikam, bis zum Hals sprang. Weiterhin eine Deutsche Dogge namens Ruffy, fast so groß wie ein Pony. Galoppierte sie auf jemanden zu, sackte ihm höchstwahrscheinlich das Herz in die Hose. Selbst schuld, würde man sagen. Wie kann man sich drei Hunde anschaffen!?

Uli gehörte eigentlich Julietta und Erris zu Lara, meinen Töchtern aus erster Ehe. Als Julietta zu meinem von mir getrennt lebenden Ehemann zog, gab ich ihr ihren Hund mit. Darauf drehte Lara ab, denn jetzt fehlte ihr nicht nur Julietta, sondern dazu auch noch Uli. Ich bot ihr daraufhin an, sich einen neuen Hund zu besorgen, was sie auch unverzüglich tat. Pech für mich, denn nach nur drei Wochen zogen Julietta und Uli wieder bei mir ein. Jetzt leben Lara und Julietta mit jeweils einer eigenen Tochter in Köln. Jede hatte inzwischen wieder einen neuen Hund, was es besonders reizvoll machte, wenn die beiden, bzw. die vier, also zusammen mit den Enkelkindern und Hunden, uns in unserem Kotten besuchten und bei dem ganzen Trubel alles unter einen Hut gebracht werden musste. Als Lara sich nach zwei Jahren Ehe von ihrem Mann trennen musste, bekam sie zusammen mit ihrer Deutschen Dogge, wenn diese auch noch so trottelig, lieb und treudoof war, einfach keine Wohnung. Ganz abgesehen davon war sie alleinerziehend mit Ausbildung in Teilzeit und einer Dogge überfordert. So kam die Dogge erst einmal zu uns.

Wohl wahr, bis jetzt hatte ich es noch nicht fertiggebracht, die Bestien im Tierheim unterzubringen. Rene, der sich ca. drei Stunden täglich um die Bestien kümmerte, hatte auch noch nichts dergleichen gesagt. Er beschäftigte sich prinzipiell mit seiner sehr anstrengenden Arbeit, sehr intensiv und lange. Ich konnte nur darüber spekulieren, ob er zu kompliziert dachte oder zu neurotisch war. Eher dachte ich, Rene funktioniere so, denn wäre er schneller gewesen, bliebe mehr Zeit für andere, bei uns immer anstehende Arbeiten. Und Arbeitsoptimierung auf der Grundlage, dass es dann noch mehr zu erledigen gab, dafür war Rene zu bequem. Die Arbeit lief schließlich nicht weg. Und wenn er schon arbeiten musste, legte er seine Priorität lieber auf das, was ihm Spaß machte, weniger auf das Notwendige. Dies hätte schon zwingend sein müssen oder ich hätte ihn mit der Nase darauf stoßen müssen. Somit dauerte alles sehr lange und wurde umständlich ausgeführt.

Dadurch, dass alle Arbeitsabläufe bei Rene so zeitintensiv abliefen, kam so schnell keiner hinter seine Strategie. Dafür musste man wahrscheinlich wie ich mit ihm zusammenwohnen oder -arbeiten. Doch Zusammenarbeit vermied Rene, so gut es ging. Logisch. Denn für Außenstehende wirkte er so weiterhin stets fleißig. Dabei begleiteten mich seine umgangssprachlichen Ausdrücke und Flüche wie: „Es hat schon wieder ein Hund in die Garage gekackt“, „Ruffy hat die Vanillesoße ausgekotzt“ und so weiter. Apropos Umgangssprache: „Nö“, „Nee“, „Was?“ und „Scheiße!“ gehörten ebenfalls zu den Wörtern, die mich in meinem Alltag mit Rene umgaben. Auch das Argument, sich als Vorbild für Enna mehr zusammenzureißen, verhalf Rene nicht zu einer netteren Ausdrucksweise.

Bei Enna klappte das besser. Nachdem ich ihr erläutert hatte, dass „Nö“ sich anhört wie ein blökendes Schaf, entschied sie sich wieder für ein klares „Nein“. Die zwei Wörtchen „Wie bitte“ beherrschte sie nach einem dreimonatlichen Training perfekt. Enna besaß für ihre sechs Jahre bereits eine klare und gewählte Ausdrucksweise. Kleinigkeiten wie „Ich will“ wurden sorgfältig in „Ich möchte“ umgewandelt, wobei mir die beiden Varianten auch in ihrer Unterschiedlichkeit des Zieles sehr wichtig waren: Ich will die Beste in der Schule, im Reiten, Schwimmen, Skifahren sein, ich will Tierärztin werden, aber: Ich möchte Ketchup, etwas Süßes, ein Taschentuch. Dass man nicht immer die Beste sein muß, kam bei ihr nicht an.

Doch da „Ich will“ und „Ich bin die Beste“ Selbstsuggestionen darstellen, die die Voraussetzung in sich bergen, dass sie sich selbst bewahrheiten, fand ich diese Ausdrucksweise vorteilhaft für ihre Entwicklung. In einigen anderen Fällen wiederum riet ich ihr zu Geduld, z.B. mit dem Satz „In der Ruhe liegt die Kraft“, und zur Dankbarkeit für die kleinen Dinge, denn darauf baut sich Größeres auf.

Aber jetzt der Vollständigkeit halber noch zu den anderen Tieren, die mit uns in dem uralten Bruchsteinhaus lebten. Nicht in den Wohnräumen, dafür achtete ich zu sehr auf Hygiene, zudem hätten mich die ganzen Tierhaare irre gemacht. Enna hätte dies wohl gern so gehabt, doch hier setzte ich mich durch: Tiere ja, aber nicht in der Wohnung. So klappte es bestens. Da Enna eine größere Vorliebe für Tiere als für Menschen zu entwickeln schien, fand sie sich damit ab, denn anders wäre mit mir keine Tierhaltung möglich gewesen. Außerdem gab es zwei Katzen und zwei chinesische Laufenten. Die Letzteren waren die Belohnung dafür, dass Enna schwimmen lernte. In der Schwimmschule machte sie ihr Schwimmabzeichen in Silber. Auch wie viel schwerer das Schwimmen ist, wenn der Mensch mit Klamotten samt Mantel und Schuhen ins Wasser fällt, wurde dort praxisorientiert geübt. Somit konnte auch der Teich auf unserem Grundstück wieder mit Wasser gefüllt werden, denn Tod durch Ertrinken war jetzt unwahrscheinlich. Dazu kamen noch zwei Meerschweinchen – denn eines alleine wäre ja so einsam gewesen. Mit dem erfüllten Wunsch nach zwei Laufenten, den Enna in puncto eigene Tiere hatte, konnte man auch die zwei Katzen, die im Kotten nur noch Blödsinn anstellten, endlich dazu bringen, draußen zu leben. Die Hunde wiederum wohnten in der beheizten Garage, im Sommer bei offener Verbindungstür mit Kindergitter. Wurde ein Hund krank, durfte er ins Haus. Hier kamen dann immer meine Fähigkeiten als gelernte examinierte Krankenschwester zur Geltung. Bis hin zur Behandlung mit Antibiotika führten meine Diagnosen und Therapien immer zu einem gesunden Erfolg. Tierärztliche Behandlungen waren nur sehr selten nötig, sie hätten auch mein Budget gesprengt. Goldfische und Kois, die aber noch klein waren, lebten in einer alten Zinkwanne mit einer riesigen Teichpumpe, da man sie nicht in den Teich setzen konnte, denn Enten können tief tauchen, wodurch die Fische schnell verspeist gewesen wären. In einem riesigen Stall im Wohnraum des Kottens lebten zwei Kaninchen, angeblich Männchen. Doch seit unserem letzten Skiurlaub waren es plötzlich sechs, allerdings wirklich zuckersüße Tierchen. Aus meiner geplanten Kaninchenzucht wurde allerdings nichts, denn Enna war nicht damit einverstanden. Nachdem ich ihr erläutert hatte, wie das mit der Vermehrung so weiter vor sich geht, entschied sie sich für "Eier ab", hier hatte wohl doch die Umgangssprache gesiegt. Enna konnte sich eher für das Kastrieren der Männchen entscheiden, als einen ihrer Lieblinge abzugeben. Dass dies bei sechs Kaninchen eine dicke Tierarztrechnung ergab, während Züchten eher zur Haushaltskasse beigetragen hätte, ignorierte Enna schlichtweg oder sie besaß einfach nicht genügend Geschäftssinn.

Sie konnte von Beginn an gut Geld ausgeben. Dass davon vielleicht einmal irgendwann nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht, kam ihr gar nicht in den Sinn. Kreative Ideen, wenn das Geld nicht reichte, hatte ich immer, jedenfalls wenn es um Enna und mich ging. Ennas und mein Grundsatz war: Was man braucht, braucht man eben. Und so kam es, dass es immer reichte, unseren Bedürfnissen und Wünschen entsprechend. Ein adäquates Maß besaßen wir alle. Renes Lebensphilosophie bestand darin, möglichst lange mit so wenig wie möglich auszukommen, gerade so viel wie nötig. Er trug seine Hosen und Schuhe wirklich so lange, bis sie durchlöchert waren, Shampoo besaß er irgendwann nicht mehr, Flüssigseife für alles am Körper musste reichen. Alles lief unkompliziert und erfolgreich, die Tiere respektieren sich untereinander, die Katzen lagen zwischen den Hunden in der Garage, alle spielten miteinander. Die Enten wurden freudig beschnüffelt, wenn sie watschelnd von ihrem Umgebungsausflug zurückkamen.

Ich, die an der Kreuzung saß, heiße Farah, ich bin 1 Meter 68 groß, trage immer flache Schuhe, bin schlank, aber nicht dünn und habe mittellanges, blondes Haar, helfe der Haarfarbe aber ab und an nach, um mein jugendliches und frisches Aussehen zu unterstreichen. Aus dem gleichem Grund schminke ich mich gerne, auch weil ich es gerne ein wenig bunt mag. Ich trage saloppe, sportliche Kleider, Markenqualität, denn Billigdiscounter lehne ich ab, erst recht seit ich weiß, dass die Angestellten dort für fünf Euro die Stunde arbeiten. Ich trage keine Unterwäsche, denn BHs und Slips engen mich ein, ich halte BHs sowieso für eine Mogelpackung, mein Busen – eine gute Hand auf jeder Seite, gut geformt – hält sich durch gesundes Muskeltraining lebenslang. Ich trage gern etwas weitere Oberteile. Bequem und chic, das sind die Grundsätze für meine Outfits, aber auch die Einstellung, dass ein Mann zuerst Gesicht, Charakter und Persönlichkeit sehen und lieben sollte. Das Weitere ist dann eine zusätzliche angenehme Überraschung. Mein Schmuck besteht aus dezent getragenen Piercings mit kleinen Perlen. Die Perlen symbolisieren meine Liebe zum Meer und sind ein Symbol der Weisheit. Drei kleine Tattoos schmücken meinen Körper. Ich verfüge über eine gute Allgemeinbildung, jedenfalls in Bezug auf das, was ich für wichtig halte. Gut, die Rechtschreibung ist befriedigend, allerdings gewusst wie, denn mit Laptop, Übersetzer und Lektorat bereitet das keinerlei Probleme mehr heutzutage.

Politisch bin ich interessiert, wobei ich gerne hinter die Fassaden schaue. Beunruhigend schaue ich auf die Preissteigerungen in allen Bereichen bei gleichzeitigen Billiglöhnen und niedrigen Ausbildungsgehältern. Die Verantwortlichkeit dafür sehe ich in der Privatisierung großer Konzerne sowie der Einführung der EU und der Globalisierung. Wirtschaft findet jetzt global statt, nicht mehr in nur einem Land. Dadurch bleiben die sozial Schwachen auf der Strecke und die Mittelschicht wird ebenfalls ärmer, trotz eines auf den ersten Blick guten Einkommens. Dadurch, dass die Wirtschaft und die konjunkturellen Aufschwünge in globaler Dimension stattfinden, geht zunehmend das Interesse am unteren Bevölkerungsanteil verloren. Hier lässt sich kein Geld mehr verdienen. Noch versucht jeder Einzelne den Preissteigerungen mit Sparen entgegenzuwirken. Doch führt dies nicht mehr wie üblich über Angebot und Nachfrage zu einer Regulierung der Preise, sondern zu erneuten Preissteigerungen. Denn diejenigen, die die Preise bestimmen, verteuern dadurch ihre Produkte. Es ist nie genug und weniger Einnahmen gehen schon gar nicht. Gier regiert die Wirtschaft. Nur auf einem Niveau kann diese Preissteigerung noch aufgefangen werden, auf dem der Vielverdienenden, doch haben diese Menschen im Grunde dadurch auch immer weniger, demzufolge kommt die Preissteigerung dann auch ganz oben irgendwann an. So entsteht eine Schraube, der unbedingt Einhalt geboten werden muss. Dies ist symbolisch zu verstehen: Die Schraube bildet einen Konus, wenn dieser sich festsetzt, ohne dass dies vorher reguliert wurde, geht es irgendwann nicht mehr vor noch zurück. Global gesehen, stellen die unteren Schichten der Bevölkerung prozentual die meisten Menschen, was wiederum zu einer enormen globalen Armut mit entsprechenden Auswirkungen führen kann. Das kann nicht im Interesse der Menschheit sein, denn es würden alle verlieren. Der Entwicklung entgegenwirken, kann nur jeder Einzelne in seiner eigenen Verantwortlichkeit und mit seinen ethischen Grundsätzen, insbesondere betrifft dies Angehörige der höheren Schichten. Das Thema Moral spreche ich hier absichtlich nicht an, denn die dient nur der Manipulation eines jeden Einzelnen. Politisch ändern kann man diese Sachlage nur mit deutlichen Steuersenkungen. Bei den zurzeit herrschenden Lebenshaltungskosten würde das bedeuten: keine Steuern für Familien, Alleinerziehende und Rentner bis 50.000 € Jahreseinkommen. Letztere haben eh ihr Einkommen, die angesparte Rente, die ja vom zum versteuernden Einkommen abgezogen wird, bereits versteuert. Hinzuverdienstgrenzen müssen erheblich erhöht, Löhne und Ausbildungsgehälter angepasst werden und Kindergärten, schulische Ausbildung und Studium dürfen nichts kosten.

Nachdem dieses Buch veröffentlicht war, bekam ich für diesen Ansatz ein Angebot aus der Politik.

Renes Sparen ging bis an die Grenze des Machbaren. An Rene konnte in der Tat kaum jemand etwas verdienen. Ich staunte immer wieder, was ihm so einfiel. Ich glaube, wenn er gekonnt hätte, wäre er am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben, schön warm unter der Decke, da verbraucht man keinen Strom und kein Wasser. Gerade so viel Energie ins Leben stecken, wie nötig ist zum Überleben. Im Grunde war er genauso kreativ wie ich, nur andersherum. Rene lebte mit einem Mangelbewusstsein, er lehnte Verantwortung ab – wären da nicht Enna und ich gewesen, die das nicht zuließen, die ihn immer wieder, auch gegen all seine Widerstände, zumindest zu einem Mittragen der Verantwortung brachten. In seinem ganz persönlichen Bereich hätte er das vielleicht machen können, doch nicht in einem gemeinschaftlichen Zusammenhang. Ich und Enna lebten, esoterisch ausgedrückt, den Weg des Überflusses, das heißt, ich ging den Weg nach oben, mit allen kreativen Möglichkeiten, die mir hier zur Verfügung standen. Dies war zäh, teilweise energieraubend, da Renes Weg konträr zu Ennas und meinem war. Er bot uns aber auch keine für uns sinnvoll erscheinenden Alternativen an. Rene hasste mich immer mehr dafür und ich verstand ihn. Ich lernte Dankbarkeit und alles zu schätzen, jedes Detail war wichtig. In negativ erscheinenden Dingen lernte ich das Positive zu sehen. Von dem Negativen, Destruktiven, das von Rene ausging, distanzierte ich mich immer mehr, bis hin zum absoluten Verschließen meiner Ohren im richtigen Moment. Mein inneres Fühlen, dass das Universum für alle genug bereithält, und das Geben behielt ich immer im Auge. Nur wenn man jedem das Beste wünscht und dazu beiträgt, erreicht es einen auch selbst. Das, was man aussendet, erhält man zurück. Das gilt nicht nur auf der materiellen Ebene. Renes Diagnose, bekannt durch einen Arzt: Anpassungsstörung. Bei mir ist das ein regelrechtes Talent, jeder Lebenssituation kann ich das Beste abgewinnen, wenn notwendig auch auf strategische Weise.

Im Kotten mit Rene war das Talent allerdings besonders gefragt.

Zu all dem liebe ich Ordnung und Sauberkeit, achte auf Hygiene. Überhaupt nicht ertragen kann ich, wenn beim Bäcker die Brötchen und das Brot mit den Händen angefasst werden, mit denen gleichzeitig vorher kassiert wurde. Bei den im Laufe der Zeit immer wieder auftretenden Epidemien, bzw. Pandemien wie der Vogel- und Schweinegrippe, SARS und so weiter wären Hygienemaßnahmen wie Handschuhe für die Bäckereiverkäuferin beim Umgang mit Lebensmitteln sicherlich von Vorteil und natürlich, dass sie den Handschuh beim Kassieren auszieht. Solange das noch nicht selbstverständlich ist, habe ich einen Bio-Bäcker entdeckt, dessen Personal wirklich verinnerlicht hat, worum es geht, und mit dem Tragen von Handschuhen verantwortlich umgeht und nicht nur so tut. Leider ist der Bio-Markt einige Kilometer entfernt und komme ich mal nicht dorthin, greife ich alternativ zu verpacktem Brot aus dem Supermarkt.

Ich bin Menschen und Dingen gegenüber, auch Neuem, aufgeschlossen und interessiert und lächle immer. Wenn wir bewusst lächeln, setzen wir Endorphine, Glückshormone in unserem Körper frei und wir lächeln dann ganz von alleine, das ist wie ein ewiger Kreislauf, ganz zu schweigen davon, dass nach oben gezogene Mundwinkel einen hübscher machen. Natürlich grinse ich nicht. Moralisieren lehne ich ab, denn es gibt immer ein Sowohl-als-auch und ein Entweder-oder, aber ich schätze sehr wohl Werte wie Treue auf der Basis von Vertrauen sowie Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, aber nicht nach den klassischen gesellschaftlichen Normen, sondern in diesem Sinne: Wer sein Inneres nach außen tragen kann, den erkenne ich, so kann sich Vertrauen aufbauen. Umgangsformen sind mir wichtig, sie drücken den Dingen, Tieren und Menschen gegenüber Respekt aus. Im Frühling und im Sommer gehe ich gerne spazieren, fahre Rad, zusammen mit den herumtobenden Hunden und Enna, mittlerweile kann sie selber Radfahren.

Ski fahren ist meine Leidenschaft, einmal im Jahr zu fahren, ein Muss. Enna fährt ebenfalls schon jede Piste herunter, außer schwarz markierte. Über das Jahr verteilt gehe ich ein paar Mal in die Skihalle, natürlich zusammen mit Enna. Vor ihrer Geburt gehörte noch Segeln zu meinen Leidenschaften, dies ist mir ein wenig abhanden gekommen, schlummert aber nur und wird wieder aktiviert, natürlich auch zusammen mit Enna. Nebenbei male ich noch skurrile Leinwandbilder mit Acrylfarbe, Spray, Glitter, Deko, Naturmaterialien und Fotos bis hin zu kleinem Spielzeug, das passend zum Bild dekoriert wird. Alles wird in diesen Bildern verarbeitet und zusammen ergibt es dennoch ein Thema.

Die Lebensmitteleinkäufe mache ich, wenn es mein Budget erlaubt, am liebsten im Bio-Markt oder ich kaufe Bio-Artikel in Supermärkten. Um Speisen zu bereiten, verwende ich wertvolle Öle, unter anderem Arganöl aus Marokko. Jeden Morgen nur davon etwas nippen reicht schon, es hat entgiftende Funktionen. Außerdem wird es eingesetzt gegen Neurodermitis, die Schuppenflechte.

Gewürze, auch diese nur aus dem Bio-Markt, sollten nicht strahlenbehandelt und auch nicht gefriergeschockt sein, sie sind in der Art, wie man sie kombiniert, nicht nur einzigartig und vielfältig im Geschmack, sondern fördern auch die Gesundheit. Schwarzer Pfeffer und Kurkuma z.B. wirken sich positiv bei Darmerkrankungen aus. Knoblauch sollte man schräg in Scheiben schneiden, denn nur so entfaltet er seine gesundheitsfördernde Wirkung. Wenn Knoblauch nicht gut vertragen wird, sollte man ihn zusammen mit Ingwer verarbeiten. Jetzt noch eine Vanilleschote dazu und man hat eine gute Voraussetzung für ein kulinarisches Highlight. Natriumglutamat sollte streng gemieden werden, es steht unter starkem Verdacht, eine der Ursachen für die Alzheimer-Erkrankung zu sein. Fleisch esse ich gerne, achte aber darauf, dass die Tiere glücklich leben durften, also artgerecht gehalten wurden. Holundermarmelade wird aus Zutaten direkt aus der Natur gemacht. Unmittelbar in der Nähe des Kottens und auch im eigenen Garten wuchsen unzählige Holunderbäume. Holunder darf man nur gekocht verzehren, er sollte mindestens eine viertel Stunde lang kochen, denn er enthält Blausäure, die beim Kochen herausdampfen muss.

Man sagt dem Holunder Anti-Aging-Eigenschaften nach und er hat einen hohen Vitamin-C-Gehalt. Es gibt echten und unechten Holunder. Der echte kann nur an der Größe der Pflanze erkannt werden: ab dreieinhalb Meter Höhe. Salbei gedeiht gut unter meinen Händen. Dort, wo er in großen Büschen wächst, heißt es, dominiert die Frau im Haushalt. Salbei wird vor und nach der Blüte geerntet. Er kann frisch und getrocknet verwendet werden. Ich ernte und trockne ihn und bereite damit Tee zu: Salbei mit kochendem Wasser übergießen, zehn Minuten ziehen lassen und dann frische Zitrone, Honig und gezuckerten oder frischen Ingwer hinzugeben. Salbei hilft und beugt gegen jede Art von Infektionen vor, auch allen anderen Erkrankungen und Beschwerden. Aus dem Mittelalter überliefert ist, dass man mit Salbei 100 Jahre alt werden kann. Alkohol trinke ich selten, wenn, dann in Form von Cocktails, dann bin ich schnell berauscht, den Zustand der Lockerheit genieße ich jedoch sehr. Trinke ich aber zu viel, werde ich nur müde, also lasse ich es, bzw. ich halte den Zustand durch die richtige Dosierung. Auf diese Weise bin ich noch kreativer als sowieso schon. Entsprechend denke ich auch über Marihuana und zwar nur über Marihuana, alles andere lehne ich kategorisch ab. Es kam jedoch bis heute nicht dazu, dass ich es je geraucht hätte, das Suchtpotenzial schien mir immer zu hoch. Ich halte mich dafür prädestiniert, denn leider bin ich seit meinem zwölften Lebensjahr nikotinsüchtig. Zurzeit denke ich immer stärker daran, mit dem Rauchen aufzuhören, habe aber noch nicht den richtigen Moment gefunden, denn einer Sucht liegt meiner Meinung nach auch immer eine Depression zugrunde. Ist die Depression geheilt, löst sich die Sucht in Luft auf. Denn „Sucht“ ist abgeleitet vom „Suchenden“, dem „Sehnsüchtigen“.

Mein erlernter Beruf ist examinierte Krankenschwester, mit mehreren Jahren ambulanter OP-Erfahrung. Als die Gesundheitsreform kam und ich für weniger Stundenlohn arbeiten sollte, oder man stelle eben ungelerntes Personal ein, verabschiedete ich mich mit einer kleinen Abfindung und sehr guten Referenzen aus diesem Job. Hinzu kam eine gesundheitliche Einschränkung, die eine Veränderung nötig machte. Ich hätte es wahrscheinlich bis dahin nicht für möglich gehalten, doch danach machte ich mich selbstständig als Piercerin und Tätowiererin, wobei mir Ersteres besonders liegt. Dem zugrunde liegt eine selbstbewusste und schnelle Entscheidungsfähigkeit fürs Richtige, denn diese braucht man beim Piercen. Jetzt bin ich 46 Jahre alt, habe drei Kinder und zwei Enkelkinder. Meine Tochter Enna ist jetzt sechs Jahre alt. Zusammen auf einem Foto sehen wir eher wie eine Gruppe von Freunden aus, als Mutter werde ich nicht so direkt eingeordnet.

Dem liegt zugrunde, dass ich wesentlich jünger wirke, zudem liegt Altern nicht in meinem Bewusstsein.

Mir hat mal jemand gesagt, dass jeder ersetzbar sei. Das mag zwar hinsichtlich der Fähigkeiten stimmen, aber bestimmt nicht in Bezug auf die individuelle Persönlichkeit. Jeder Mensch ist einzigartig. Genauso einzigartig ist die Liebe. Gemeint ist hier die Liebe zwischen Mann und Frau. Der Liebe können zwar gewisse Eigenschaften, die vorhanden sein sollten, zugeordnet werden und diese Eigenschaften können auch unabhängig von der Person erworben werden. Doch um Perfektion in der Liebe zu erreichen, kommt ein phänomenal gutes Gefühl dazu. Dieses Gefühl kann der Mensch nicht erlernen oder sich sonst irgendwie aneignen. Es ist zwischen zwei Menschen vorhanden oder nicht. Ist es vorhanden, bleibt es für immer. So kann man die Sehnsucht nach der Liebe verstehen, die Suche nach diesem Gefühl. Es gibt unzählige Abfolgen dieses Gefühls und nur wenn man es hat, weiß man genau, dass es das richtige ist. Dieses Buch ist gleichzeitig ein langer Liebesbrief, der das Suchen und Finden dieser Sehnsucht beinhaltet.

Rene ist der Vater meiner Tochter Enna. Kennen lernte ich ihn im Kölner Karneval, bei meinem letzten Eherettungsversuch. Mein damaliger Mann Ron lebte da schon bei seinem Freund Micha. Der Eherettungsversuch bestand aus einer Einladung von mir zum Karneval im Kölner Rheincenter. Auch Micha musste von mir mit eingeladen werden, ich holte und bezahlte die Karten, das Bier und die Brötchen. Eine demütigende Situation, war sie von mir auch noch so gut gemeint. In dieser Situation stand plötzlich Rene vor mir, mit seinen blauen Augen und in einem Gynäkologen-Kostüm, eine Tamponkette um den Hals und auf dem Rücken den Spruch, er traue den Frauen nicht. Dies hätte Warnung genug für mich sein müssen. Stattdessen tanzte ich an ihm vorbei und gab ihm meine Visitenkarte. Eigentlich überhaupt nicht meine Art. Ich denke, es war eine Reaktion auf Rons und Michas Verhalten. Fakt ist, mein Mann kam nicht zurück. Dass er mich wohl nur ein bisschen zappeln lassen wollte, merkte ich erst, als ich mit Rene zusammenkam. Rene stellte sich dann sowohl als Retter im Rosenkrieg zwischen mir und meinem Mann heraus, wie auch als Verursacher, der zum letztendlichen Bruch meiner Ehe beitrug. Allerdings trugen wohl auch die Mut zusprechenden Worte meiner Mutter ihren Teil dazu bei, das ich so schnell bei Rene landete: „Du kannst alleine noch nicht mal kacken, du kriegst niemals wieder einen Mann, deine Tochter Julietta macht einen sozialen Abstieg, du landest in der Gosse“, usw. Das Unterbewusstsein wird ja doch durch negative Suggestion und Angst machen stark beeinflusst.

Meine vorherige, erste Ehe verlief in mehreren Abbruchsphasen, geprägt von meinen Ausbruchsphasen auf der Suche nach der Liebe zwischen Mann und Frau.

Wir sollten möglichst mit Urvertrauen ins Leben starten, denn frühkindliche Erfahrungen prägen uns. Urvertrauen entsteht durch Liebe, Bedürfnisse müssen erkannt und dementsprechend beantwortet werden. Ein Säugling, der schreit, hat nicht immer nur Hunger oder will uns gar ärgern. Die Antwort ist meist ganz einfach: Er will unsere Nähe, unsere Liebe. Hier spreche ich die Liebe im Allgemeinen an, denn man kann ihr einige Definitionen zuordnen. Liebe bedeutet, alle Menschen in ihrer Individualität anzunehmen und zu fördern, den Menschen in seiner persönlichen Freiheit und Entwicklung nicht einzuengen, sondern ihn zu respektieren und zu würdigen. Diese Liebe über alle Hindernisse hinweg zu leben, erfordert Mut, Stärke und Selbstbewusstsein. Mich hat meine Mutter schreien lassen, nur von einem Zimmer ins andere geschoben. Als ein Arzt ihr sagte: „Junge Frau, heutzutage macht man das anders“, ignorierte sie das. Streng nach einem Vier-Stunden-Rhythmus bekam ich die Flasche. Ich betone hier das Wort Flasche, denn wir alle wissen, wie wertvoll der Vorgang des Stillen für die Entwicklung eines Menschen ist, es trägt enorm fördernd zum Urvertrauen bei. Als meine Mutter mein Schreien einmal gar nicht mehr aushielt, sagte sie einer Nachbarin Bescheid, stellte vier Flaschen bereit und kam erst abends wieder zurück. Aus den gleichen Gründen gab meine Mutter mich, als ich noch sehr klein war, mit einer schweren Magen- Darm-Erkrankung für mehrere Wochen zu ihrer Mutter. Halt und Urvertrauen konnte ich dadurch nicht ausbilden. Bis zum heutigen Tag habe ich in bestimmten Lebenssituationen starke Verlassenheits-, bzw. Einsamkeitsängste gerade in Lebenssituationen, die eine Veränderung des menschlichen Umgangs beinhalten, deshalb halte ich an anderen unnötig lange fest. So erkläre ich mir auch, wieso ich immer erst einen neuen Partner haben muss, bevor ich den anderen verlassen kann, was mir bis heute auch gelungen ist. Im Grunde ist dies eine gute Strategie meiner Seele, denn die Verlassenheitsängste äußern sich in starken körperlichen Beschwerden wie Verlangsamung bis hin zu Bewegungslosigkeit sowie Schmerzen mit einem gleichzeitig auftretenden engen Gefühl in der Brust. Nicht gerade wünschenswert. Meine Kindheit und Jugend waren geprägt von passiver Feindseligkeit von Seiten meiner Mutter. Passiv bedeutet hier, dass dies nicht immer gleich zu erkennen ist. Vordergründig wurde ich mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Mein Vater war durch seine Berufstätigkeit und eine spätere Erkrankung für mich nicht erreichbar und ansonsten war er auch eher wie ein kleines Kind. Er erkrankte im Alter von 55 Jahren an Schizophrenie. Ob die Erkrankung schleichend kam, kann ich nicht beurteilen, es könnte aber gut möglich sein, da mir jegliche Erinnerung an einen engeren Bezug zu ihm fehlt.

Schizophrene leben in ihrer eigenen Welt. In dieser Hinsicht erinnert mich Rene sehr an meinen Vater, und auch Ron lebte in seiner eigenen Welt. Zum akuten Ausbruch der Erkrankung meines Vaters kam es, als ich 15 Jahre alt war.

Genetische Veranlagung lag bei ihm vor, seine Mutter war erkrankt und später auch seine ältere Schwester. Zusätzlich zur genetischen Veranlagung führt man Umweltfaktoren als Ursache für die Schizophrenie an. Die auslösenden Umweltfaktoren bei der Mutter meines Vaters waren mir bekannt. Sie wurde von der mit im Haushalt lebenden Schwiegermutter tyrannisiert. Die auslösenden Umweltfaktoren bei meiner Tante hingegen sind mir unbekannt, sie war gerade wiederverheiratet und lebte in einer ganz neuen Umgebung, sie hatte sehr viel Verantwortung für ihren Mann übernommen, der von Beruf Germanistikprofessor war, er lebte für seine Kunst mit Buchstaben und Sprache, ansonsten wirkte er sehr unselbstständig. Ich denke, Schizophrenie können Umweltfaktoren unterschiedlichster Art auslösen. Die Ursache für den Ausbruch scheint aber immer eine starke emotionale, als quälend empfundene Situation zu sein, einhergehend mit Strukturverlust. Wie Lebensumstände, die das Gefühl verursachen, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Was war also bei meinem Vater der Umweltfaktor? Es waren verschiedene grausige Erziehungsmethoden seines Vaters, wie das mit nackten Knien auf Erbsen herumrutschen. Zudem die Kriegsgefangenschaft als Deutscher bei den Amerikanern, einerseits war man so dem noch wütenden Krieg entgangen, andererseits war die Gefangenschaft von Grausamkeiten geprägt, mein Vater wurde z.B. zu Aktivitäten mit anderen Männern gezwungen. Später die Heirat mit meiner Mutter. Die Ehe meiner Eltern war von der gestörten ödipalen Entwicklungsstufe meines Vaters geprägt. Das bedeutet, die Ehefrau steht stellvertretend für die Mutter. Sie muss alle Bedürfnisse des Mannes wie eine Mutter erfüllen, sonst schreit das Kind im Manne. Meine Mutter erfüllte dies perfekt, ihre Stärken lagen in Fürsorge und Versorgen, sie tat ihr Bestes. Dadurch entstehen unbewusste Konflikte in einer Ehe, der Beischlaf hat Inzestcharakter. Man darf doch nicht mit seiner Mutter schlafen, die Männer sind in diesem Falle von Kastrationsangst geprägt. Dadurch kommt es zu Feindseligkeiten des Mannes gegenüber seiner Frau, die sich meist in passiver Aggressivität äußern. Ein Beispiel dafür ist: Der Mann bringt kein Geld nach Hause oder man ist trotz gutem Verdienst hoch verschuldet, es liegt eine Eigensabotage des Mannes vor, obwohl vordergründig alles logisch erklärbar ist. Deshalb nennt man es passiv-aggressiv.

Die davon betroffenen Männer können keine wirkliche Verantwortung übernehmen. Da deren Ehefrau/ Partnerin die Stelle der Mutter einnimmt, suchen sie andere Frauen auf, sie gehen fremd. Dies tat auch mein Vater, vor der Ehe, während der Ehe, bei jeder Gelegenheit. Meine Mutter blieb das nicht verborgen und so entstand ein enormer Hass auf meinen Vater, den sie leider auf uns Kinder übertrug. In erster Linie lebte sie diesen Hass jedoch an meinem Vater aus. Ihn zu verlassen mit drei Kindern kam schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage. Für die Schizophrenie meines Vaters war dieser Hass ein weiterer auslösender Umweltfaktor.

In Bezug auf Ron und Rene kann ich hier unzählige Parallelen ziehen. Rene ging mangels Gelegenheit zwar nicht fremd, schaute aber jedem Rockzipfel hinterher. Ron verging sich an unseren Kindern.

Rene bat ich, als Mann die Verhütung in die Hand zu nehmen, sich also sterilisieren zu lassen. Er nahm es nämlich mit der rechtzeitigen Benutzung des Kondome nicht immer so genau. Ich wäre aber wahrscheinlich eher sexuell versauert.

Wenn er es aber getan hätte, hätte ich es als absoluten Beweis dafür gesehen, dass er sich aus der gestörten ödipalen Entwicklungsstufe weiterentwickelt hat. Die Verantwortung wäre somit ja übernommen worden. Dies wurde zwischen uns thematisiert, doch ich begann bald, die Problematik durch das Verständnis dieses psychologischen Phänomens nicht mehr zu bedienen. Außerdem gingen Rene und ich in Therapie, um unserer Partnerschaft überhaupt eine Chance zu geben, das heißt, um Geschildertes nicht zu wiederholen. Als es bei meinem Vater zum akuten Ausbruch seiner Schizophrenie kam, war ich unmittelbar involviert. Die Familie war zum Campen nach Frankreich im Sommerurlaub, hier hatte ich meine erste Jugendliebe Stefan wiedergetroffen, ausgerechnet am letzten Tag. Meine Mutter gab mir keinen Ausgang mehr für den späten Abend, geschweige denn für die Nacht. Ich musste zum Schlafengehen pünktlich in meinem Zelt sein. Später schlich ich mich raus, am Strand war ich mit Stefan verabredet. Es war eine wunderschöne Nacht am Lagerfeuer mit Schmusen und einem kleinen bisschen mehr. Am Morgen, es dämmerte schon, verabschiedeten wir uns, versprachen uns aber, dass wir uns wiedersehen würden. Dazu kam es nicht, die romantische Nacht endete mit einem bösen Erwachen. Als ich in mein Zelt ging, lag in meinem Schlafsack mein Vater, er hatte wirre Augen und redete unsinniges Zeug. Er hatte wohl auch Fieber. Er machte mir Angst. Später erfuhr ich, dass diesem Fieber eine Muschelvergiftung zugrunde lag. Die Muscheln hatte ich ihm auf seinen Wunsch hin am Tag zuvor besorgt. Durch meine Mutter erfuhr ich, dass mein Vater mich auf ihre Anweisung hin die ganze Nacht gesucht hatte. Die Angst, die er um mich hatte, und die schlechten Muscheln waren die Auslöser für den Ausbruch seiner Schizophrenie. Seine Wahnvorstellungen in Form von Verfolgungen machten die Rückreise nach Hause zur Odyssee. Mein Vater fuhr zeitweise freihändig Auto und sang dazu: „So ein Mann, so ein Mann zieht mich unwahrscheinlich an“. Die Wahnvorstellungen und die damit verbundene Angst meines Vaters wurden immer massiver. Zu Hause angekommen, kam es zum Telefonat mit meiner Tante, der Schwester meines Vaters. Sie erkannte die Situation sofort und veranlasste die Zwangseinweisung meines Vaters in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Hier wurde ihm geholfen, unter anderem mit dem Medikament Lithium und einer Therapie. Nach fast einem Jahr kam er wieder nach Hause, nicht mehr arbeitsfähig und auch sonst wurde er nie wieder der gleiche Mensch. Durch die Medikamente war er oft geistig abwesend, Stimmungsschwankungen prägten ihn. Ich brauchte nur in seine Augen zu sehen, um zu wissen, was gerade los war. Meinen Geschwistern erging es ähnlich mit ihm, nur konnten sie seine Symptome nicht immer der Erkrankung zuordnen.

Meine Odyssee auf der Suche nach der Liebe begann schon früh, wobei es ein langer Weg war, bis die Liebe vom richtigen Gefühl begleitet wurde. Damals wusste ich noch nicht, dass man sich in der Regel Partner sucht, die dem eigenen Vater ähneln, bzw. dass man Familienverhältnisse wiederholt, in meinem Fall die angesprochene Feindseligkeit meiner Mutter. Denn dort findet man bekannte Muster, hier fühlt man sich wohl. Dies stellt sich dann aber als Trugschluss heraus. Fatal ist daran, dass man es erst bemerkt, wenn man in fester Beziehung unter einem Dach zusammenlebt. Manchmal braucht man Jahre, um dies zu erkennen und häufig begeht man den gleichen Fehler immer wieder. Doch dies „Fehler“ zu nennen, ist falsch, man lernt und sammelt Erfahrungen. Der Mensch bekommt seine zu lernende Aufgabe immer und immer wieder vorgesetzt, bis er sie gelöst hat. Die Psychoanalyse kann einem enorm dabei helfen, diese Zusammenhänge zu erkennen. Die Hilfe eines Therapeuten zu suchen, bedeutet für mich Lebenshilfe.

Diese Hilfe holte ich mir sehr früh, schon zu Beginn meiner ersten Ehe, als ich merkte, hier stimmt was nicht. Zunächst erhielt ich eine Verhaltenstherapie, ich hatte eine Zwangsneurose entwickelt:

Fussel, Krümel, Haare mussten zwingend beseitigt werden. Ausgerechnet mein Mann konnte sehr gut solche Dinge fallen lassen, zudem war er von Haus aus nicht gerade zur Sauberkeit und Ordnung erzogen worden, wenn er auch peinlichst genau auf gebügelte Hemden achtete.

Durch die Therapie lernte ich ein normales Maß an Sauberkeit wiederzufinden. Es