Perpel der Regenschirmverleiher - Rainer Ningel - E-Book

Perpel der Regenschirmverleiher E-Book

Rainer Ningel

0,0

Beschreibung

Nachkriegszeit auf dem Lande: Der junge Peregrin sucht vergeblich seinen Platz in einer Lebenswelt, die für ihn von Widersprüchen, Feindseligkeiten und Verlusten geprägt ist. Er wird zum gesellschaftlichen Außenseiter und lernt die Hölle des Alkoholismus kennen, die ihn beinahe das Leben kostet.
 Die Beziehung zu der lebensfrohen Merle bricht er ab, um sie nicht mit in den Abgrund zu ziehen. Auf seiner planlosen Flucht merkt er bald, dass er sich selbst nicht entkommen kann. Zu sehr sind Sucht und Sehnsucht miteinander verwoben. An einer kleinen Moselfähre findet er endlich den Ort, an dem er, mit Unterstützung des alten Fährmanns, Hoffnung auf einen Weg zurück ins Leben schöpft. Es braucht eine lange und gefährliche Zeit, bis Perpel, der Schirmverleiher, endlich versteht, dass er sich vor dem Leben nicht verstecken und sich selbst nicht entfliehen kann. Erst als er beginnt hin- anstatt wegzuschauen, eröffnet sich ihm, auch dank der Unterstützung vertrauter Menschen, die Chance auf eine Richtungsänderung. Am Ende seines neuen Weges bleibt ihm die Erkenntnis: Nichts bleibt! Nichts ist gewiss! Doch man kann etwas tun für sein Glück und es hat sich schon gelohnt, geboren zu werden, nur um Mensch zu sein! An einer kleinen Moselfähre findet er endlich den Ort, an dem er, mit Unterstützung des alten Fährmanns, Hoffnung auf einen Weg zurück ins Leben schöpft.


Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 681

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© 2025 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGBundesbahnhof 1, 56859 Bullay/MoselDeutschlandTel.: 06542/5151E-Mail: [email protected] Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-956-9Lektorat: Sandra JungenAusstattung: Stefanie ThurIllustrationen: Evamaria DeisenUmschlaggestaltung: Stefanie Thur unter Verwendung einer Illustration von Evamaria Deisen

Rainer Ningel

PERPEL der Regenschirmverleiher

Ein Roman über Sucht und Sehnsucht

Mit Illustrationen von Evamaria Deisen

Rhein-Mosel-Verlag

Es braucht eine lange und gefährliche Zeit, bis Perpel, der Schirmverleiher, endlich versteht, dass er sich vor dem Leben nicht verstecken und sich selbst nicht entfliehen kann. Erst als er beginnt hin- anstatt wegzuschauen, eröffnet sich ihm, auch dank der Unterstützung vertrauter Menschen, die Chance auf eine Richtungsänderung. Am Ende seines neuen Weges bleibt ihm die Erkenntnis: Nichts bleibt! Nichts ist gewiss! Doch man kann etwas tun für sein Glück und es hat sich schon gelohnt, geboren zu werden, nur um Mensch zu sein!

Vorwort

Perpel führt uns in dieMitte des 20. Jahrhunderts. Die Handlung ist angesiedelt an fiktiven, aber typischen Schauplätzen in Eifel, Hunsrück und an der Mosel und fokussiert das Zusammenleben in den damaligen ländlichen Strukturen. Durch die sozialkritische Perspektive auf die Kommunikationsstrukturen und Beziehungsgestaltungen erschließt sich dem Leser ein spannendes Psychogramm dörflicher Gemeinschaften.

Bei den genannten Handlungsplätzen standen reale Orte Pate, aber deren geografische Lage wurde dem Romangeschehen angepasst. Von daher wird manches dem Leser bekannt vorkommen und Erinnerungen zum Schwingen bringen. Authentizität ergibt sich durch die Darstellung der Gemeinschaftsstrukturen.

Die kleine Fähre Naufarth bei Moselbruck kann durchaus als Metapher für ein sozialtherapeutisches Setting gesehen werden. Hier findet Perpel die Ruhe und Abgeschiedenheit, die er braucht, um sich in einem mühsamen Prozess mit sich und seiner Welt zu versöhnen. Seine skizzierten Selbstreflexionen, die Wegkreuze, sind richtungsweisende Entscheidungshilfen für sein weiteres Leben und bieten auch den Leserinnen und Lesern Impulse und Handreichungen für die Bewältigung von Sinn- und Lebenskrisen.

Nicht zuletzt ist dieser Roman aber auch eine Liebeserklärung und Reminiszenz an Eifel, Hunsrück und Mosel.

Heute

Seine Augen sind auch nicht mehr die jüngsten. Auf dem Speicher muss er sich erst an das dämmrige Licht gewöhnen, bevor er den alten Rucksack entdeckt. Über Jahrzehnte vergessen, in einer Ecke ganz hinten, verstaubt. Er macht ihn auf. Ganz oben liegt das dünne Schulheft. Er nimmt es heraus und liest: ›Wegkreuze‹. In der Küche ist das Licht besser als hier oben, deshalb nimmt er das Heft mit runter an den Küchentisch. Er hält es wie einen Schatz, klappt es auf und blättert darin, wird ganz hineingezogen, muss an manchen Stellen lächeln, an anderen schlucken vor Rührung. Dann starrt er lange vor sich hin. Man könnte meinen, ins Nichts. Und dann weiß er, was er zu tun hat. Er holt aus dem Büro neben der Werkstatt einen Stapel Blätter und den Füllfederhalter mit der goldenen Feder, ein Geschenk Merles. Dann beginnt er zu schreiben.

Hunsrück

Als der Dorfschullehrer HilariusHagenbach die Schreie aus dem Schlafzimmer hörte, klangen ihm diese wie Angelusläuten. Bereits gestern hatte man ihn weggeschickt. Die Hebamme hatte gemeint, er stünde nur im Weg. Die Geburt würde nicht einfach werden und dabei könne er mit all seinem Wissen sowieso nicht helfen. Er solle sich in die Küche setzen und einen Tee trinken. Auch Beten würde nicht schaden. Viele Stunden hatte er nun schon das Wimmern seiner Frau und die beruhigenden Worte der alten Hebamme gehört, die aber, so bildete er sich ein, immer besorgter geklungen hatten. Seine Angst war stetig gewachsen: »Himmel, steh mir bei! Mach, dass alles gutgeht. Ohne sie fehlt mir mein Fundament!«

Der Lehrer war eigentlich ein strenger Mann, wenigstens versuchte er so zu wirken. Er war sich sicher, dass ihm die Plagen ansonsten irgendwann auf dem Kopf herumtanzten. Härte, Rationalität und direkte Reaktion, hatte ihnen der Professor beim Studium immer wieder eingetrichtert. Das war ihm zur zweiten Natur geworden. Er galt in dem kleinen Hunsrückort als streng, aber gerecht.

Dass es tief in ihm drin, wie bei fast allen Gottesgeschöpfen, auch noch eine weiche Seite gab, ahnten vielleicht einige Menschen, die weise genug waren, um das Leben zu verstehen; wirklich erfahren hatte diese Seite aber nur seine Frau Anna-Luise, die sehr darunter litt, dass sie, aus der Stadt kommend, hier mit ihm in Höhenthal leben musste, wo sie, auch wegen seiner Stellung im Dorf, nur schwer Kontakt zu den Leuten fand. Immerhin wurde sie gelegentlich als die Frau vom Lehrer zu irgendwelchen Feierlichkeiten mit eingeladen, aber wirklich freundschaftliche Beziehungen waren daraus nicht entstanden. Hilarius ermunterte sie, unter Leute zu gehen oder auch gelegentlich ein paar Tage mit den Eltern oder früheren besten Freundinnen in der Stadt zu verbringen, überraschte sie mit kleinen Geschenken und achtete darauf, dass sie freie Zeit, die ihm sein Beruf ließ, gemeinsam verbrachten. Ihm war, als wolle er damit sein schlechtes Gewissen beruhigen. Immerhin hatte er sie hierhergebracht.

Sie hatte nie aufs Land gewollt. Auch wenn ihr der Hunsrück mittlerweile gut gefiel und sie sich von den Menschen vielleicht etwas zögerlich, aber doch sehr freundlich aufgenommen fühlte; sie war eigentlich ein Stadtmensch. Und doch hatte sie keine Sekunde gezögert, Hilarius zu folgen, egal wohin, nur weg von zu Hause. Dabei hatte sie anfangs ihre Familie als liebevoll behütend erlebt. Die Mutter, Hausfrau mit Leib und Seele, brav, fromm, vielleicht etwas zu streng. Der Vater, ein kleiner Angestellter bei der Reichsbahn, aber durchaus mit der Absicht, es noch zu etwas zu bringen.

Alles änderte sich, als der Vater nach Hause kam und verkündete, dass nun bessere Zeiten anbrechen würden. Er habe seine Arbeit gekündigt und diene jetzt nur noch dem Volk, dem Vaterland und der Partei. Nachdem er die Uniform angezogen hatte, wirkte er seltsam verändert, trat auf unangenehme Weise selbstsicher auf und auch seine Sprache war forsch-zackig, rau und primitiv, geworden. Anna-Luise konnte es kaum ertragen, wenn er mit Schaum vorm Mund über Judensäue, dreckiges Geschmeiß und unwertes Leben geiferte.

Die Wohnung wurde immer voller mit Dingen, die sie sich früher nicht hatten leisten können. Auf die Frage der Mutter, woher ihr Mann denn all diese tollen Sachen habe, meinte er nur grinsend: »Die Itzigs können das sowieso nicht mehr brauchen. Die bekommen schon, was sie verdienen.« Anna-Luise war entsetzt.

Ihr Bruder ging mit Begeisterung zur Hitlerjugend und sie hätte bestimmt mehr Freude beim Bund Deutscher Mädel gehabt, wenn ihr Vater nicht von ihr verlangt hätte, den Kontakt zu ihrer besten Freundin Sarah abzubrechen. Doch die verschwand sowieso irgendwann ganz plötzlich, und so sehr Anna-Luise auch fragte, sie erfuhr nicht wohin. Ein paar Tage später wurde ein Klavier ins Wohnzimmer getragen, das sehr dem glich, auf dem Sarah ihrer Freundin immer ihre Fortschritte beim Klavierunterricht demonstriert hatte.

Die Gesichtszüge des Vaters wurden härter, sein Blick kälter. Nach und nach bekam Anna-Luise mit, wie sich die Welt veränderte und welche ›Sache‹ ihr Vater vertrat und sie konnte nicht glauben, dass er wirklich Teil dieser Unmenschlichkeit sein sollte. Schon wie er auf einmal redete über die Menschen, denen er zuvor noch dienstbeflissen begegnet war. Wenn sie über die Dinge, die im Land vorgingen, sprechen wollte oder sogar Kritik übte, verbot ihr der Vater jede eigene Meinung und die Mutter stand immer bedingungslos auf seiner Seite.

An einem Mittag, als Anna-Luise von der Schule nach Hause kam, musste sie sehen, wie ihr Vater ein altes jüdisches Ehepaar, freundliche Menschen aus der Nachbarschaft, vor sich auf der Straße im Dreck kriechen ließ. Dabei mussten die beiden zur Belustigung einiger Passanten laut rufen, dass sie Judenschweine seien, so lange, bis der Vater dem grausigen Schauspiel mit Tritten in den Bauch der Frau und in die Rippen des Mannes ein Ende machte.

Anna-Luise weinte tagelang und konnte von nun an den Vater und das Zuhause kaum mehr ertragen. Das änderte sich auch nicht mehr, und als Hilarius, ein angehender Lehrer, der ihr manchmal Blicke zuwarf, um sie warb, zögerte sie keine Sekunde und sendete ihm sogar klare deutliche Zeichen, dass sie bereit sei, ihn zu heiraten. Als er sie dann fragte, ob sie seine Frau werden wolle, stimmte sie zu und verbot ihm sogar, beim Vater um ihre Hand anzuhalten. Dem Vater drohte sie einen Skandal an, falls er sich der Heirat entgegenstelle. Immerhin wisse sie einiges über ihn und seine Machenschaften, was die Öffentlichkeit und die Partei sicher interessieren würde. Der willigte dann, zitternd vor Wut, ein und die Mutter hatte nicht einmal mehr ein Abschiedswort für die Tochter. Anna-Luise wäre Hilarius ohne Zögern überallhin gefolgt, wenn der Weg sie nur von ihren Eltern entfernte, die sie übrigens nie mehr wiedersah.

Als der alte Hausarzt, Anna-Luisewar es in letzter Zeit immer wieder übel geworden, ihnen zur Schwangerschaft gratulierte, konnten sie beide ihr Glück kaum fassen und wussten nicht, wohin mit der ganzen Fröhlichkeit. Anna-Luise sah in ihrem Bauch endlich den Sinn ihres Lebens heranwachsen und leuchtende Tage auf sich zukommen, ausgefüllt mit Wickeln, Stillen und ausgedehnten Spaziergängen über die Hunsrückhöhen, bei denen sie mit anderen Müttern Erfahrungen austauschte und um die Fortschritte ihrer Kinder wetteiferte. Denn nichts verbindet so sehr wie kleine Kinder. Dann würden Jahre folgen, in denen sie ihren Sohn, sie war sicher, dass es ein Junge wird, auf seinem Weg ins Erwachsenwerden begleiten würde. Himmlische Aussichten!

Der Lehrer teilte ihr Glück und ihren Optimismus, fasziniert von der Vorstellung, dass da ein neues Leben entstand, sein Kind, und dass sie dann endlich eine kleine zufriedene Familie waren. Vor allem aber freute er sich, dass seine Frau auch mal wieder lachte und aktiv wurde. Sie gab sogleich bei dem Schreiner im Ort eine Wiege aus bestem Kirschholz in Auftrag, besorgte schon mal eine Rassel, einen kleinen Stoffbären mit kariertem Halstuch, Windeln, Puder und was man sonst noch alles zur Pflege eines Neugeborenen gebrauchen konnte. Hilarius ließ sie gewähren.

Bei all der Freude meldete sich im Verlaufe der Schwangerschaft aber auch sein Verstand zu Wort und ermahnte das törichte Herz, nicht übermütig zu werden. Das Leben hatte ihm genügend Grund gegeben, vorsichtig zu sein und hatte das Füllhorn der Güte nicht gerade überreichlich über ihm entleert. Klar, er hatte großes Glück mit seiner Frau gehabt, bei ihr und mit ihr Heimat gefunden. Aber ansonsten war sein Leben doch eher entbehrungsreich gewesen und holprig verlaufen. Die verhärmte Mutter, die nach Hilarius noch sieben weitere Kinder gebar, von denen drei auch gleich wieder starben. Der Vater, der in den »großen Krieg« ziehen musste, als Hilarius gerade mal dreizehn war, und auf seinen Heimaturlauben dafür sorgte, dass der Nachwuchs gesichert war, und den Kindern gegenüber zur Härte, teils brutaler Härte, neigte. Vielleicht, weil der Krieg ihn zu einem anderen Menschen gemacht hatte, den Gefühligkeit nur in Lebensgefahr gebracht hätte und der sich Mitgefühl verbot, um nicht enttäuscht zu werden. Vielleicht hatte er aber auch nur die Kinder frühzeitig auf die Härten des Lebens vorbereiten und an die Schmerzen des Lebens gewöhnen wollen.

Hilarius’ Vater war eigentlich immer ein intelligenter und freundlicher Mann gewesen. Niemand hätte ihn einen bösen Menschen genannt, aber der Krieg verändert die Menschen und lässt einem oft keine Wahl. Will man nicht an ihm zerbrechen, muss man sich ein dickes Fell zulegen. Er war ein pflichtbewusster Mann, für ihn war es eine Selbstverständlichkeit gewesen, ihm übertragene Aufgaben zu erfüllen, ohne sie zu hinterfragen, was ihm manchmal viel abverlangte, aber die da oben würden sich schon etwas dabei gedacht haben. Wegen dieses unbedingten Gehorsams hatte man ihn auch mit der Überwachung und Kontrolle von Disziplin und Loyalität beauftragen können, ein hartes, aber notwendiges Geschäft.

Und er bekam einiges zu sehen. Der Anblick von Hinrichtungen, unzähligen Varianten an Vergewaltigungen, Plünderungen, Misshandlungen, Leichenfledderei raubten ihm anfangs jeden Schlaf, doch irgendwann war er zu müde und wurde stumpf. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden konnte er den Anblick der gequälten Menschen aber nie genießen, und er versuchte, sich nicht an den grausamen Spielen zu beteiligen. Er musste zum Beispiel in Frankreich mit ansehen, wie einem Schuster, der nicht verraten wollte, wo seine Tochter sich versteckt hielt, sehr zur Freude der Soldaten, mit seinem Schusterhammer die Hoden zerschlagen wurden. Bedauern taten sie nur, dass der Schuster die Besinnung verlor und nicht zusehen konnte, wie seine Tochter geschändet wurde.

So viel Glück hatte der Mann einer Schneiderin nicht. Er hatte versucht, seiner Frau beizuspringen, als man sich an ihr verging, woraufhin die Soldaten, unter den Blicken seines wie verrückt schreienden Weibes, mit der Schneiderschere an ihm herum­schnitten, bis er flehentlich darum bat, endlich sterben zu dürfen, einen Gefallen, den man ihm aber erst nach einer Stunde tat.

Viele der Bilder, die er um des Überlebens willen an der Front in einem hintersten Winkel der Seele abgelegt hatte, verschafften sich während der Heimaturlaube wieder Raum. Er merkte, wie mit jedem Schritt, dem er seiner Heimat näherkam, die Gedanken und Gefühle schwerer auf seinen Schultern lasteten und, wenn er dann endlich zu Hause war, fast erdrückten, sodass er sich, endlich angekommen, wünschte, an der Front geblieben zu sein. Das Leben bei der Familie war schwerer zu ertragen als die Grausamkeiten der Schlachtfelder. Irgendwann konnte er nicht mehr erkennen, was richtig war und falsch, gut oder böse. Klar, er wollte leben, doch er wollte auch nicht leben.

Manchmal, wenn Hilarius von seinem Vater mit dem Ledergürtel verprügelt wurde, wenn er Glück hatte, mit der Seite ohne Eisenschnalle, und wenn es ihm gelang, aus Trotz jedes Jammern und alle Tränen zu unterdrücken, glaubte er in den Augen des Vaters ein Glitzern zu sehen. Als sei dieser froh darüber, dass seine Abhärtungsmethoden endlich fruchteten. Als die Mutter ihren Mann einmal bat, doch etwas gnädiger zu sein, meinte dieser: »Bei Mädchen kommt es ja nicht so drauf an, aber die Burschen müssen lernen, sich durchzusetzen. Da braucht es eine harte Hand!«

Nachdem er die Volksschule mit sehr guten Noten beendet hatte, ging er gelegentlich dem Metzger im Ort bei Hausschlachtungen zur Hand und verdiente so etwas Geld, das er seiner Mutter geben konnte. Er fand die Arbeit allerdings eklig und hoffte, dass ihm der Metzger nicht irgendwann eine Lehrstelle anbieten würde. Da unterstützte er schon lieber seine Mutter, die vor lauter Arbeit kaum eine freie Minute hatte. Er war ja nun vorübergehend der Mann im Haus.

Anfangs hatte Hilarius sich auf die Heimaturlaube seines Vaters gefreut, gleichzeitig fürchtete er sie. Irgendwann sah er den Ankünften seines Vaters nur noch mit wachsender Angst entgegen und schämte sich für seinen Wunsch, dass dieser nicht mehr heimkomme.

Einmal, nachdem er, mittlerweile schon sechzehn und genauso groß wie sein Vater, besonders heftig verprügelt worden war, lief er hinters Haus in den Garten und biss sich dort, im Schutz des alten Apfelbaumes, fest in den Daumen. Erst als das Blut aus dem Nagelbett quoll, konnte er über diesen Schmerz schreien und fluchen. Dann betete er zum lieben Gott, dass dieser den Vater doch bitte sterben lassen soll. Und der liebe Gott erfüllte ihm diesen Wunsch. Zu seinem nächsten Heimaturlaub war der Vater nicht mehr erschienen, weil er vorher im Schützengraben gefallen war. Als der Brief kam, war Hilarius erleichtert und erschrocken zugleich. Hatte er mit seinen Gebeten den Vater in den Tod geschickt?

Diese Erlebnisse mit dem traumatisierten Vater und vor allem die prompte Erfüllung seines Wunsches nach dessen Tod machten Hilarius immer noch zu schaffen. Er tat sich schwer damit, andere an sich heranzulassen, erstickte Gefühlsregungen schon im Keim und achtete darauf, nicht zu hohe Erwartungen an das Leben zu stellen, denn auf gute Zeiten folgen immer schlechte und für jedes Wohlbefinden erhält man irgendwann die traurige Rechnung.

Weil die Mutter nun allein mit den Kindern war, kamen der Lehrer und der Pfarrer überein, man müsse sie unterstützen und etwas für die Kinder tun. Da Hilarius ein pfiffiger, wenn auch trauriger Junge war, ermöglichten sie ihm den Aufenthalt in einer Klosterschule, wo er das Abitur machen und dann entscheiden könne, ob er lieber Kinder unterrichten oder Christenseelen auf dem rechten Weg begleiten wolle. Er entschied sich für die Kinder. Wie sollte auch jemand anderen Menschen Moral predigen, der seinen eigenen Vater auf dem Gewissen hatte? Wissen zu vermitteln und auf die strikte Einhaltung von Regeln zu achten, das lag ihm. Diese Aufgabe begeisterte ihn und darin ging er auf.

Dass seine Frau überzeugt schien, einen Jungen zu bekommen, freute Hilarius, wenngleich ihm auch ein Mädchen recht, vielleicht sogar lieber gewesen wäre. Vielleicht hatte er ja damals schon geahnt, dass es mit diesem Jungen noch die ein oder andere Schwierigkeit geben würde.

Während der Schwangerschaft hatte er sich die Frage gestellt, wie er es denn mit der Erziehung der eigenen Kinder halten werde. Sollte er liebevoll sein oder streng, konsequent oder nachsichtig, herzlich oder sachlich? Da er der Überzeugung war, dass beide Elternteile ihre Gaben und Fähigkeiten in die Erziehung einbringen sollten, und seine Frau von eher herzlichem Naturell war und ganz sicher nicht mit Liebe und Zärtlichkeit knausern würde, beschloss er, die Rückseite der Medaille ihres Erziehungskonzepts zu sein. Keinesfalls in der unberechenbaren Art seines Vaters, sondern verlässlich, präsent, leitend und Richtung weisend, aber konsequent. Hart, aber gerecht.

Als er nun in der Küche auf und ab gehend das Geschrei eines Neugeborenen hörte und die Hebamme ihm durch den Türspalt zu einem kräftigen Jungen gratulierte, übermannte ihn eine Welle der Erleichterung. Gefühle drängten wie ein sich auflösender Kloß vom Magen nach oben, schoben jede Abwehr beiseite und verschafften sich Raum. Hilarius konnte nichts dagegen tun. Er sank schluchzend am Küchentisch in sich zusammen. Wäre noch jemand anderes in der Küche gewesen, hätte der ihn leise flüstern hören: »Papa, ich habe einen Sohn!«

In Höhenthal freute sich das ganze Dorf, dass die Frau des Lehrers einen gesunden Sohn zur Welt gebracht hatte und dass sie, trotz aller Bedenken, die Geburt doch ganz passabel überstanden hatte. »Das ist ja ein sehr zierliches Frauchen, aber zäh«, meinten die Frauen und waren sicher, dass letztlich ihre Bittgebete in dem kleinen Heiligenhäuschen und die Kerzen, die sie dort aufgestellt hatten, den Ausschlag für den guten Ausgang gegeben hatten. »Da musste der arme Mann ja einiges mitmachen«, sagten die Männer und waren froh, dass ihnen das Kinderkriegen erspart blieb.

Eine Zeit lang war Anna-Luise noch sehr schwach und an der Tauffeier ihres Kleinen konnte sie drei Tage nach der Geburt natürlich noch nicht teilnehmen, aber Freude und Dankbarkeit überwogen, wenngleich die Hebamme ihr und ihrem Mann eröffnet hatte, dass eine weitere Schwangerschaft unkalkulierbare Risiken berge und deshalb besser zu vermeiden sei. Anna-Luise hatte sich immer einen Stall voller Kinder gewünscht, deshalb traf sie die Empfehlung der alten Hebamme hart. Ihr Mann versuchte sie zu beruhigen und meinte, die Alte wisse ja auch nicht alles und sei schließlich keine Ärztin. »Anna-Luise, das wird doch alles nicht so heiß gegessen wie gekocht.« Und dann fügte er noch hinzu: »Der Herr lenkt, der Herr schenkt.« Insgeheim war er zwar nicht so zuversichtlich, wie er sich nach außen gab, aber auf keinen Fall wollte er seiner Frau zumuten, noch einmal eine solch strapaziöse Geburt zu durchleiden. Und Anna-Luise war vorerst einfach nur froh mit ihrem Neugeborenen, das jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit brauchte. Sie war sicher, die Gottesmutter würde ihr, wenn es soweit war, den richtigen Weg zeigen. Die hatte noch immer gewusst, was zu tun und was zu lassen ist. Und so begann die junge Mutter, sich nun ganz auf ihre neue Aufgabe zu konzentrieren und dafür zu sorgen, dass es dem Kleinen an nichts fehlte.

Bei der Suche nach einem Namen für das Kind waren sich die Eltern sehr schnell einig geworden. Einer der wenigen Menschen, die Hilarius aus seiner Kindheit in positiver Erinnerung hatte, war sein Opa Peregrin, der Vater seiner Mutter. Der hatte immer ein offenes Ohr für ihn gehabt, war mit ihm in die Natur gegangen und hatte spannend zu erzählen gewusst, hatte ihm Märchen vorgelesen, aber auch Schlehenbüchsen und Nistkästen mit ihm gebaut. Einmal hatten sie an dem kleinen Bach unter dem Dorf ein Wasserrad gebaut, das von allen, die dort vorbeikamen, bewundert wurde. Und Opa sagte ihnen, dass Hilarius das geschaffen und er selbst nur mitgeholfen habe. In Erinnerung an diesen guten Menschen würde das Kind Peregrin heißen. Ein etwas ungewöhnlicher Name, aber halt auch ein besonderer.

Während der Taufe, das halbe Dorf war in die kleine Dorfkirche gekommen, saß Anna-Luise zu Hause in der guten Stube. Ihr Mann hatte sie in den bequemen Ohrensessel gesetzt, von wo aus sie einen Blick über die weiten Hunsrückhöhen hatte. Sie betete einen Rosenkranz und dachte an all die schönen Dinge, die sie nun würde erleben dürfen. Vor sich sah sie dankbar die Bilder eines kleinen, trauten Familienglücks. Als sie einmal glaubte, einen Schatten über diesen Bildern wahrgenommen zu haben, wischte sie diesen schnell beiseite. »Das Leben ist schön!«, sagte sie sich, aber der Glanz in ihren Augen war etwas weniger fröhlich geworden.

In einem kleinen Dorf im Hunsrück aufzuwachsen war schön, angenehmer als in der Stadt. Die Landschaft war herrlich, die Luft gesund. Wanderer und immer öfter auch Urlauber suchten hier Ruhe und Erholung. Die Frau des Schreiners stellte sogar zwei Zimmer für Erholungssuchende bereit, die fast immer ausgebucht waren.

Anna-Luise fühlte sich hier im Dorf bald seltsam behütet und sicher, beschützt in einer überschaubaren Welt, in der nicht überall Gefahren lauern, jedenfalls noch nicht. Hier kannte jeder jeden. Freude und Leid wurden geteilt. Die Menschen redeten viel miteinander. Manche meinten sogar, es würde zu viel geredet. Man wusste alles voneinander. Wo Nachwuchs erwartet wurde, aber auch, um welchen Hof sich schon der Tod herumtrieb. Man kannte die Malaisen der anderen und beschrieb ausführlich die eigenen. Man beobachtete, wo sich neue Zweisamkeit anbahnte und wo Ehen zu kriseln begannen, wer gute Geschäfte gemacht und wer Geldsorgen hatte. Man wusste, wer am Samstag im Dorfkrug die Schlägerei angezettelt und wer am Sonntag beim Hochamt gefehlt hatte, wer Besuch vom Nachbardorf bekam und was diesem zum Mittagessen vorgesetzt wurde. Alles wurde in breitem Hunsrücker Dialekt geteilt und kommentiert. Kamen Fremde ins Dorf, waren die erstaunt über das ausgeklügelte Netz an Informationen und fragten, wie man unter einem solchen Mangel an Privatheit überhaupt leben könne. »Ach, was!«, sagten die Hunsrücker. »Hier ist es einfach megalisch schön!«

Mit der Geburt Peregrins, im Dorf nannten ihn der Einfachheit halber alle nur Per oder »Et Perchje«, wurde Anna-Luise Teil dieses pulsierenden Miteinanders. Na ja, sie war als Frau des Lehrers vielleicht etwas weniger gleich als die anderen und sprach halt anders. Hochdeutsch. Doch sie wurde von Tag zu Tag vertrauter mit dem Leben in Höhenthal. Ihr Peregrin war für sie, wie sie es erhofft hatte, die Eintrittskarte in die Dorfgemeinschaft geworden.

Und der gedieh prächtig. Wenn sie, anfangs mit Kinderwagen, später mit dem Kind an der Hand, durchs Dorf ging, blieben die Leute stehen, begrüßten sie freundlich und interessiert, fragten nach dem Befinden, berichteten über die eigene Befindlichkeit und sparten auch nicht mit Lob darüber, wie propper das ›Perchjen‹ wuchs und gedieh. »Ein schönes Kind!«, sagten die Frauen. »Ein kräftiger Bursche!«, meinten die Männer. Als Anna-Luise gefragt wurde, ob sie nicht im Kirchenchor mitsingen wolle, was sie gerne tat, denn sie hatte eine sehr schöne Alt-Stimme, und wenig später sogar gemeinsam mit ihrem Mann zur ›Silbernen Hochzeit‹ vom Schmied und seiner Frau eingeladen wurde, da war ihr klar, sie hatte es geschafft. Bei dem Ständchen vor dem Jubelpaar kam das »Oh, wie schön ist Deine Welt« tief aus ihrem Herzen und sie wünschte sich, dass die Welt stehen bleiben könne. Was diese natürlich nicht tat. Denn die Welt dreht sich immer weiter. Nichts bleibt, wie es ist.

Und der kleine Peregrin? Er war schnell zum Mittelpunkt der Familie geworden. Um ihn drehte sich alles. Hatte er Hunger, genügte ein kleiner Schrei und schon durfte er wohlig und zufrieden an der Brust seiner Mutter saugen. Er musste nie über volle Windeln lamentieren; zu oft roch Anna-Luise an ihm, denn er sollte keinesfalls wund werden und Schmerzen ertragen müssen. Stets lag für ihn eine Windel bereit, deren Zipfel mit etwas Honig betupft war. Seine Mutter genoss es, wenn er darauf kaute und lustvoll stöhnte. Wenn ihm mitten in der Nacht nach Gesellschaft war, und das tat es immer öfter, krähte er in seiner Wiege und fand sich nur Sekunden später schon im Elternbett wieder. War ihm danach, schlief er dort gleich wieder ein, wenn nicht, verlangte er nach Unterhaltung und es war um die Nachtruhe der Eltern geschehen.

Als Anna-Luise bemerkte, dass das Kind umso schwerer zu beruhigen war, je später sie es ins Bett zu sich nahm, ging sie dazu über, ihn gar nicht mehr in die Wiege, sondern direkt ins Bett zu legen. »Ich frage mich, warum wir die teure Wiege haben anfertigen lassen«, sagte Hilarius und seine Stimme klang vorwurfsvoll. Irgendwann saß er abends alleine in der Stube, denn seine Frau war dazu übergangen, mit dem Kind gemeinsam schlafen zu gehen, damit sie es später nicht mehr wecken musste. »Du verwöhnst ihn, das kann nicht gutgehen«, mahnte er. Doch dann schaute sie ihn traurig an und meinte: »Er ist doch noch so klein und zerbrechlich. Lass ihn erst mal das Laufen und Reden lernen, dann wird sich schon alles fügen.« Hilarius war anderer Meinung, aber er wollte seine Frau nicht kränken. Zu froh war er, dass die düsteren Gedanken aus ihrem Kopf verschwunden waren und sie manchmal sogar singend durchs Haus lief und ihn so an ihrer Freude über Peregrin teilhaben ließ. Und doch, er war auch besorgt. Es gab wohl kein Kind im gesamten Hunsrück, das so verzärtelt und dem jeder Wille getan wurde. Aber, wie gesagt, er wollte seine Frau nicht tadeln und entschied sich, die Kindererziehung fürs Erste noch in ihren Händen zu lassen. Später würde er sich einmischen müssen, denn als Pädagoge war ihm klar, dass Kinder klare Strukturen, wenn nicht gar eine harte Hand brauchen, um später im Leben zurechtzukommen.

Natürlich liebte er Peregrin sehr und hätte alles für ihn getan, aber er merkte doch, wie ihn der Kleine mit seinen fröhlich, aber bestimmt hinausgekrähten Befehlen, den Zuneigung einfordernden Blicken und seiner Raum fordernden Präsenz mehr und mehr irritierte. Es brachte ihn innerlich auf, wenn er sah, wie Mutter und Kind zunehmend eins wurden. Das mochte auch damit zu tun haben, dass er seit Monaten jede Zärtlichkeit im Ehebett vermisste. Wie sollte das auch gehen, der Kleine lag ja ständig zwischen ihnen und war, wenn sie es doch einmal probierten, sehr hellhörig und schon aufgewacht, bevor er seine Frau auch nur geküsst hatte. »Er ist ja so sensibel«, meinte diese schmunzelnd. »Und hat mit seiner Sensibilität unsere ganze Familie im Griff«, ergänzte Hilarius, sprach aber nicht mehr weiter, als er sah, dass seiner Frau Tränen in die Augen traten. ›Wer weiß, wofür es gut ist‹, dachte er. Schließlich hatte die alte Hebamme ja auch dringend von weiteren Schwangerschaften abgeraten. Doch es fiel ihm von Nacht zu Nacht schwerer.

Kurz spielte er sogar mit dem Gedanken, in die Stadt zu fahren. Er wusste, wo dort Frauen standen, bei denen man Liebe, genauer gesagt Lust, kaufen konnte. Doch erstens war das Gehalt eines Dorfschullehrers nicht groß und zweitens hätte er sich geniert und gar nicht gewusst, wie er die Damen hätte ansprechen sollen.

Die Schneiderin des Dorfes sang auch im Kirchenchor, den Hilarius mittlerweile dirigierte. Sie war Witwe und warf Hilarius bei jeder Gelegenheit vielsagende Blicke zu. Seine Frau zu betrügen, kam für ihn allerdings nicht infrage. Einen solchen Schritt hätte er sich nie verziehen. Als er sich bei dem Gedanken ertappte, dass der Kleine seine Rolle, also die des Vaters, in der Familie übernehmen würde, war ihm klar, dass sich etwas ändern musste. Er wusste nur nicht, was. Meistens findet das Leben selbst einen, wenn auch nicht immer bequemen Weg.

Peregrin entwuchs dem Kinderwagen und begann, immer geleitet von den fürsorglichen Händen der Mutter und den kritischen Blicken des Vaters, zu krabbeln, zu laufen, Laute auszustoßen, die von dem Vater noch als Brabbeln abgetan, von der Mutter aber begeistert mit den Worten »Er kann jetzt sprechen!« kommentiert wurden. Das erste Wort, das zu verstehen war, lautete ›Papa‹. Der fühlte sich erst geschmeichelt, hatte aber dann doch ein ungutes Gefühl, als er merkte, dass seine Frau verzweifelt versuchte, dem Kind das Wort ›Mama‹ zu entlocken. Als sie es dann endlich hörte, begann sie haltlos zu weinen, und Hilarius konnte sie nur mit Mühe wieder beruhigen.

Die Zeit verging! »Der Junge muss raus und endlich unter andere Kinder«, schimpfte Hilarius, »er kann doch nicht immer nur im Haus bleiben.«

»Aber wenn er sich doch wohlfühlt. Bedränge ihn nicht so sehr. Er ist doch erst vier«, meinte Anna-Luise, aber insgeheim musste sie ihrem Mann natürlich recht geben. Ihr war klar, Kinder sollten mit Kindern spielen und nicht nur am Rockzipfel ihrer Mutter hängen. Sie hatte ihn ja auch schon gefragt, ob er denn nicht Lust habe, mit den anderen Kindern zu spielen, wenigstens für eine Stunde. Aber immer, wenn er sich hatte überreden lassen, hatte er nach kurzer Zeit wieder an der Haustür gestanden und gefragt, ob die Stunde schon um sei.

Hilarius ließ nicht mehr mit sich reden. »Morgen gehst du nach draußen und spielst mit den anderen. Schluss jetzt! Du wirst sehen, wie schön es ist, Freunde zu haben.« Peregrin merkte: Das war mehr als nur ein Wunsch des Vaters. Er gehorchte, ergab sich in sein Schicksal. Halbherzig! Er ging zwar dorthin, wo die anderen Kinder waren, beteiligte sich aber nicht an deren Spielen.

Nachlaufen fand er blöde, weil er ja auch nicht besonders schnell war. Verstecken langweilte ihn, nachdem er einmal lange hinter einem Kaninchenstall ausgeharrt hatte, bis er endlich merkte, dass ihn schon lange niemand mehr suchte. Auf Bäume zu klettern, traute er sich nicht. Vogelnester auszuheben, hielt er für barbarisch und roh. Als sie einmal Räuber und Gendarm spielten, hatte er mitten im Gerangel Nasenbluten bekommen und war weinend heimgelaufen.

Spielten die Kinder Völkerball oder Fußball, riss sich niemand darum, ihn in seiner Mannschaft zu haben. Vielleicht hätte er es sogar gut gemacht. Aber er wollte nicht. Er wäre lieber in seinem Zimmer gewesen und hätte mit seinen Buntstiften ein Bild für die Mutter gemalt oder mit den Holzklötzchen Burgen gebaut, hinter deren Mauern er sich träumen konnte. Anfangs versuchten die Kinder noch, ihn zu ermuntern, gaben aber bald auf und akzeptierten sein Desinteresse. Gelegentlich machte noch jemand eine flapsige Bemerkung, irgendwann ließen sie ihn in Ruhe. Er war halt da und nicht dabei!

Wenn seine Eltern ihn fragten, was er denn heute gespielt und ob er Spaß gehabt habe, antwortete er: »Wie immer! Geht so!« Hilarius hatte versucht, ihn für Musik zu begeistern, ihm vorgeschlagen, Klavier- oder Gitarrenunterricht zu nehmen oder ihm selbst, der Lehrer spielte ganz gut die Fidel, das Geigenspiel beizubringen. Peregrin wollte nicht recht, aber als Hilarius darauf bestand, denn Musik sei gut für Körper und Geist, ließ er sich auf eine Mundharmonika ein. Er übte gerade genug, um seinen Vater zufriedenzustellen. Man merkte, dass er sich wenig Mühe gab. Hilarius ärgerte sich. Anna-Luise tröstete ihren Jungen. Er bedankte sich bei ihr mit einem kleinen Ständchen.

Anna-Luise war sicher, dass ihr Peregrin zu empfindsam für die rauen Gepflogenheiten der Hunsrücker war. Alleine schon der Umgangston. Einmal hatte sie zwei kleine Mädchen sagen hören, wenn der Opa von dem Plumpsklo komme, stinke es, als ob der Alte innerlich am verfaulen sei. Schrecklich! Auch weil die beiden gar nicht wussten, wie nahe sie an der Wahrheit waren, denn der Großvater starb bald darauf an Magenkrebs.

Oder der Nikolausabend. Jedes Jahr zogen der Bürgermeister als Nikolaus, der Sohn des Schreiners als Knecht Ruprecht und der Geselle des Schmieds als Belzebock von Haus zu Haus. Sie brachten in einem großen Sack kleine Geschenke, die ihnen die Eltern gegeben hatten, und der heilige Mann las den Kleinen die Leviten anhand einer Liste ihrer Verfehlungen, die die Eltern vorher aufgeschrieben hatten. Weil sie in jedem Haus etwas zu trinken bekamen, wurden sie bisweilen übermütig. Als Anna-Luise erfuhr, dass sie im vergangenen Jahr den Kindern mit lautem Gebrüll und Kettenrasseln Angst gemacht und den kleinen Sohn des Wagners, ein rechter Rabauke übrigens, sogar in den großen Sack gesteckt, mitgenommen und erst beim nächsten Haus wieder freigelassen hatten, verbot sie den Dreien das Haus. Das sprach sich herum und trug nicht gerade zu Peregrins Ansehen bei den anderen Kindern bei.

Zum fünften Geburtstag bekam er einen Ball geschenkt. Hilarius sagte: Das ist ein echter Lederball. Du wirst sehen, da werden die anderen Kinder sich freuen, wenn du den mitbringst. Am nächsten Tag kam Peregrin weinend, verschwitzt und total zerkratzt nach Hause. Die Kinder hatten sich wirklich über den Ball gefreut und er hatte auch mitgespielt, wenn auch nicht besonders gut. Als dann einer rief: »Per, du lahme Krücke, beweg dich mal etwas schneller!«, hatte er die Lust verloren und teilte mit, dass er nun heimmüsse. Natürlich mit dem Ball. »Dann hol ihn dir!«, meinte der gegnerische Torwart und schoss den Ball weit über den Bolzplatz hinaus, bis der schließlich inmitten dorniger Heckensträucher landete. Lachend spielten die anderen mit ihrem alten Ball weiter, während sich Peregrin durch das stachelige Dickicht kämpfte und nach seinem Ball suchte.

An einem schönen Spätsommertag, der Herbst warf schon lange Schatten über die Hunsrückhöhen, stand Peregrin wie immer abseits und schaute den Kindern zu, wie sie ›Der Kaiser schickt seine Soldaten aus‹ spielten, als sich plötzlich ein fremder Junge vom Dorf her näherte. Zögerlich und ängstlich zuerst, dann aber, als gäbe er sich einen Ruck, trat er an Peregrin heran. Er war etwas zu dick, sein Körper wirkte weich und seine ängstlichen Augen verschwammen hinter dicken Gläsern einer Brille, deren linker Bügel mit Pflaster repariert war. »Hallo«, sagte er mit hoher Stimme. »Ich bin der Lorenz. Wir wohnen seit gestern hier im Dorf. Meine Eltern haben den Friseurladen übernommen.«

Peregrin betrachtete ihn aus den Augenwinkeln und nickte: »Per! Ich bin der Sohn vom Lehrer.«

Und dann standen sie dort, schwiegen, dachten nach und sahen den anderen beim Spielen zu. Ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, bemerkten sie eine Ähnlichkeit: Beide passten sie nicht zu den anderen Kindern.

Am nächsten Tag standen sie wieder gemeinsam abseits und ebenso am darauffolgenden und allen weiteren. »Da haben sich ja die richtigen gefunden«, meinten die Kinder aus dem Dorf, ließen sie aber in Ruhe. Lorenz hatte in der Stadt gewohnt und schilderte, wie man dort so lebt. Peregrin berichtete von den Herausforderungen eines Lebens im Dorf.

»Im Dorf ist alles weniger schnell und hektisch als in der Stadt«, meinte Lorenz.

»Mag sein, aber dafür kann man sich in der Stadt bestimmt besser verstecken«, vermutete Peregrin.

Irgendwann sah man die beiden immer zusammen. Sie selber hätten nicht behauptet, befreundet zu sein, aber Lorenz kam immer dorthin, wo Peregrin war, als fände er bei diesem Halt und Orientierung. Peregrin tat einfach, was er tun wollte, und Lorenz war froh, sich anpassen zu können. Beide schienen damit zufrieden.

Sie hörten auf, den anderen zuzusehen, und entwickelten eigene Ideen, gingen als Räuber auf Streifzüge, wobei selbstverständlich Peregrin die Rolle des Räuberhauptmanns übernahm. Ging es als Ritter in die Schlacht, war Lorenz der Knappe, der seinem Herrn bedingungslos zu Diensten war. Musste ein feindlicher Komantsche von Winnetou befragt werden, stellte sich Lorenz von sich aus an den Marterpfahl.

An einem Sonntagnachmittag spielten sie auf dem Anger hinter der Schule ›Heilige Messe‹. Peregrin, der Pastor, hatte eine Wolldecke als Messgewand umgehängt. Ein mit Wasser gefülltes Einmachglas war der Kelch. Sein Ministrant trug die Kittelschürze seiner Mutter als Kutte. Gerade als der feierliche Segen erteilt werden sollte, wozu sich Lorenz demütig hinknien und den Kopf neigen musste, kamen andere Kinder um die Ecke.

Die waren angesichts dieser Szenerie erst sprachlos, dann fingen sie an zu lachen und liefen spottend zu den beiden hin, zupften am Messgewand, zogen dem Ministranten die Kittelschürze über den Kopf und gossen das Einmachglas über Peregrins Kopf aus. Für den Pfarrer und seinen Ministranten wich die eben noch empfundene Bedeutungsschwere einer unangenehmen Peinlichkeit. Eines der Kinder fragte: »Hochwürden, kann ich bei dir im Voraus beichten? Ich werde nämlich gleich unserem Pfarrer den Arsch versohlen.«

Hätte Peregrin das einfach ertragen und vielleicht sogar mitgelacht, wäre alles noch gut gewesen. Um etwas Würde zu bewahren, meinte er aber, den Angreifern sagen zu müssen, dass dieses Spiel doch immerhin besser sei als das dämliche und hirnrissige Laufen, Verstecken oder Bolzen.

»Wir sind also dämlich?« Die Kinder wirkten jetzt bedrohlich. »Na dann spielen wir doch mal zusammen was anderes. Wie wäre es denn mit einer saftigen Abreibung?«

Peregrin bekam Angst und wollte sich schon aufs Betteln verlegen, als er sah, wie sein Ministrant, der dicke, zögerliche, kraftlose Lorenz, sich zwischen ihn und die Meute stellte. »Lasst uns gefälligst in Ruhe! Wir haben euch nichts getan!« Seine Stimme überschlug sich.

»Gut, dann du zuerst!« Sie packten Lorenz an Armen und Beinen und zogen ihn zu Boden. Einer setzte sich auf seinen Brustkorb und gab ihm eine schallende Ohrfeige. »Wer ist hier dämlich?« Zur Belustigung seiner Drangsalierer quiekte Lorenz wie ein Schwein.

Weil diese durch ihr neues Opfer von ihm abgelenkt waren, nutze Peregrin die Gelegenheit und lief so schnell er konnte Richtung Elternhaus. Die anderen johlten hinter ihm her und er dachte nur: ›Ich hätte ihm helfen müssen.‹ Das dachte er auch noch, als er nachts im Bett nicht schlafen konnte, und das dachte er auch noch am nächsten Morgen, als er seiner Mutter sagte, dass er sich heute nicht wohlfühle und zu Hause bleiben wolle. So sehr schämte er sich und wagte es nicht, Lorenz unter die Augen zu treten.

Doch der stand kurz nach Mittag mit geschwollenen Wangen und einem blauen Auge vor der Tür. »Wo bleibst du denn heute?«, fragte er und kam herein. Sie sprachen kein Wort darüber, was gestern geschehen war. Aber Peregrin sah ab diesem Tag seinen Freund Lorenz mit anderen Augen. Am nächsten Morgen zogen sie als Ritter der Tafelrunde in die Schlacht. Schulter an Schulter. Die Rolle des Knappen blieb unbesetzt.

Sie machten jetzt alles gemeinsam. Den Kontakt zu den anderen Kindern beschränkten sie auf das Notwendigste. Als der Kleine vom Lehrer und der Dicke vom Friseur gehörten sie sowieso nie richtig dazu. Doch das kümmerte sie kaum. Die Welt, die sie miteinander teilten, schien ihnen groß genug.

Die Kinder des Dorfes wurden in zwei Klassenräumen unterrichtet. Hilarius hatte die Großen, also die Schuljahre fünf bis acht; die Kleinen wurden von Fräulein Gerber unterrichtet, einer ältlichen Jungfrau, die nie lachte, tiefe Furchen im Gesicht hatte und die immer gleichen grauen Kostüme trug. Die Unzufriedenheit war ihre stete Begleiterin. Wie hatte sie nur hierher geraten können? Was waren das für Eltern, denen die Mitarbeit ihrer Kinder auf den Feldern und im Stall wichtiger war als deren Bildung? Wie schwer zu ertragen waren diese Schüler, die nie gelernt hatten, Hochdeutsch zu sprechen, die mit ihrem breiten Hunsrücker Platt Fräulein Gerbers Ohren beleidigten, die sich nie die Zähne putzten, wahrscheinlich gar keine Zahnbürste besaßen und die immer wieder erfolglos ermahnt werden mussten, sich morgens vor dem Betreten des Klassenraums die genagelten Schuhe, in denen sie vorher beim Stallausmisten geholfen hatten, wenigstens vom gröbsten Tierkot zu befreien. Die Liste ihrer Klagen war lang. Irgendwann hatte sie resigniert. In den Sommerferien verschwand sie in ihre Heimat, irgendwo am Niederrhein, wo immer das auch sein mochte, und dann kam sie unverändert zurück, vielleicht noch eine Spur mürrischer, weil sie wieder in diese Diaspora zurückmusste. Wie sehr sehnte sie sich nach der Pensionierung.

Als Peregrin und Lorenz in die Schule kamen, saßen sie nebeneinander in einer Bank; auf dem Schulhof standen sie in einer Ecke und hingen ihren Ideen nach. Träumten, wie es wäre, Pilot, Schiffskapitän oder Rennfahrer zu sein. Sie wurden belächelt, aber es schien ihren Mitschülern nicht ratsam, sich mit dem Sohn vom Lehrer anzulegen und Lorenz war quasi mit geschützt. Die beiden waren da, aber irgendwie auch nicht und nach einer Zeit wurden sie kaum noch wahrgenommen. Jedenfalls nicht von den Schülern der ersten vier Schuljahre. Die größeren Kinder waren da schon mutiger. Ihnen war der Sohn des Lehrers ein Dorn im Auge, schon deshalb, weil er der Sohn des Lehrers war. So einem kann man doch nicht über den Weg trauen.

Hilarius hatte Siggi, dem Sohn des Metzgers, fünf Ohrfeigen gegeben. Nach dem Unterricht lauerte man dem Lehrersöhnchen auf. Siggis Freunde hielten Peregrin fest und Siggi verpasste ihm fünf so kräftige Maulschellen, dass sein Kopf nach hinten flog. Einen Tritt in den Allerwertesten gab es als Zins dazu. »Das Ganze als Geschenk, zurück an den Vater«, sagte Siggi lachend, »damit die Ohrfeigen wieder dahin zurückkommen, wo sie hergekommen sind.« Anschließend musste Peregrin noch eine Zigarette rauchen, die Siggi geklaut hatte, und fünf Lungenzüge nehmen. Zwei der Burschen nahmen Lorenz in den Schwitzkasten, doch er konnte sich herauswinden und lief weinend weg. Einem Bauern, der ihn fragte, warum er denn so heule, erzählte er, was passiert war, woraufhin der den Metzger über die neueste Übeltat seines Filius informierte. Dieser verprügelte daraufhin seinen Sohn und jagte ihn mit dem Ochsenziemer durchs Dorf.

Am nächsten Schultag boxte Siggi Peregrin in den Bauch und schlug ihm ein blaues Auge, wovon der Metzger, auf welchem Wege auch immer, noch am selben Tag erfuhr. Tags darauf kam Siggi mit gebrochenem Arm in die Schule und Peregrin hatte ein schlechtes Gewissen. Hatte er das dem Siggi eingebrockt? Er nahm seinen Mut zusammen, ging zu dem größeren Jungen hin und sagte, dass es ihm leidtue. Der schaute erst misstrauisch, traute der Sache nicht, sagte dann aber: »Wenn du was gutmachen willst, dann kannst du meine Tasche tragen. Der Arm tut etwas weh.«

Peregrin trug ihm die Tasche bis vor die Haustür. Von dem Tag an respektierten sie sich und Siggi sorgte dafür, dass Peregrin von den älteren Kindern im Dorf in Ruhe gelassen wurde. Es verband die beiden keine Freundschaft, nur Respekt, und Peregrin musste fortan nicht mehr so viel Angst haben. Als Siggi irgendwann beim Spielen im Dorfweiher ertrank, weinte Peregrin bittere Tränen. Und nicht nur, weil er jetzt keinen Beschützer mehr hatte.

Peregrin und Lorenz hatten es wirklich nicht leicht. Im Herbst zogen die Schulkinder mit den Deichselkarren durchs Dorf und sammelten für das Martinsfeuer. Die Karren von Peregrin und Lorenz waren meist nur halbvoll, weil die anderen ihnen zuvorgekommen waren. Für den Martinsumzug bastelten alle Kinder Laternen. Die schönsten wurden prämiert. Peregrin hatte sich mit seiner Laterne ganz besondere Mühe gegeben und hätte bestimmt gewonnen, hätten ihm die Mitschüler sie nicht kurz vor der Schulstunde kaputt gemacht. Und natürlich ließen sie es wie ein Missgeschick aussehen. Mussten die anderen Kinder widerwillig bei der Kartoffelernte mithelfen, durften Peregrin und Lorenz nicht mit aufs Feld. Ihre Eltern hatten ja kein Feld. So träumten sie von Strohfeuern, über denen Kartoffeln an Stöcken geröstet wurden. Die anderen Schüler hätten manchmal liebend gerne mit den beiden getauscht. Peregrin und Lorenz hielten dadurch umso mehr zusammen.

Die Schulkinder mussten zweimal in der Woche in aller Herrgottsfrühe zur Schulmesse. Dort saßen sie in den ersten Bänken, vom Altar her den argwöhnischen Blicken Pastor Kümmels ausgesetzt, außerdem beaufsichtigt von Fräulein Gerber und Hilarius, die direkt hinter ihnen saßen und über ihre Andacht wachten. Einmal hatte Peregrin während der Lesung mit Lorenz geflüstert und die immer drohender werdenden Blicke des Pastors nicht bemerkt, bis diesem der Geduldsfaden riss. Er stürmte zu den beiden, zerrte sie aus der Bank und stellte sie vor die Kommunionbank, wo sie während des restlichen Gottesdienstes Strafe stehen mussten.

Hilarius war das sehr unangenehm, es wurde ja auch seine Autorität dem eigenen Kind gegenüber öffentlich infrage gestellt, aber so sehr Anna-Luise ihn auch drängte, mit dem Pastor ein ernstes Wort zu reden, ließ er es tatenlos dabei bewenden, obwohl seine Frau einen ganzen Tag nicht mehr mit ihm sprach.

Dann kam es zu einem Vorfall, den auch Hilarius nicht mehr auf sich beruhen lassen wollte. Peregrin war mittlerweile Messdiener geworden und sollte bei einem Gottesdienst das dicke Messbuch auf einem Holzgestell von der rechten Altarseite zur linken tragen. Dabei stolperte er über seinen zu langen Talar, das Buch landete polternd auf dem Boden und der wütende Gottesmann versetzte dem Jungen vor den Augen der gesamten Gemeinde eine heftige Ohrfeige. Peregrin schämte sich sehr, vor allem, weil er seine Tränen nicht zurückhalten konnte und öffentlich weinen musste.

Jetzt musste Anna-Luise Hilarius nicht zu einem Gespräch mit dem Pastor drängen, das fand noch am selben Abend statt, bewirkte aber keine Änderung. Im Gegenteil. Am darauffolgenden Sonntag wetterte Kümmel von der Kanzel über das unsägliche Betragen der Kinder des Dorfes und er sah dies durchaus auch im Zusammenhang mit dem fehlenden Erziehungseifer des schulischen Lehrpersonals, woraufhin Hilarius während der Predigt aufstand und die Kirche verließ. Fräulein Gerber schloss sich ihm an, das Gesicht noch eine Spur fahler und resignierter als sonst.

Peregrin fürchtete sich vor dem Pastor, besonders vor dem Religionsunterricht, den Kümmel regelmäßig in der Schule gab. Nicht nur, weil er äußerste Disziplin einforderte, die er gerne auch mit Stockschlägen auf die Handrücken der Kinder erzwang, mehr noch wegen dem, was er ihnen über Gott und seine Erwartungen an die Menschen erzählte. Was Kümmel ihnen berichtete, war kaum dazu angetan, sich frohen Herzens einem liebenden, toleranten Gott anzuvertrauen.

Zwar waren für den Pastor alle Erdenmenschen, sogar Juden und Evangelen, Geschöpfe Gottes, vor deren Einfluss er aber dringlichst warnte. Um nicht Schaden zu nehmen, sei es deshalb sicherer, den Kontakt zu Andersgläubigen komplett zu meiden. Man wisse ja, dass ein einziger fauler Apfel einen Korb guter Früchte verderben könne. Der Einfachheit halber schloss er alle anderen Menschen zweifelhafter Herkunft vorsichtshalber in seine Warnung mit ein. Zum Beispiel Flüchtlinge oder die Kinder aus den Waisenhäusern, die von Bauernfamilien angenommen wurden, die ihnen Heimstatt boten und dafür eine kostenlose Arbeitskraft bekamen. Man wusste schließlich nicht, was in deren Leben früher schon alles ungut verlaufen war. Sicher ist sicher!

Hauptziel der Kinder müsse es sein, gottgefällig zu leben und Sünden zu meiden. Kleine und lässliche Sünden könne man ja beichten. Gott sei da sehr großzügig; wer aber mit schweren Sünden, mit Todsünden vor den Schöpfer trete, der dürfte kein Erbarmen erwarten. Dem drohe ›Ewige Verdammnis‹, also Hölle von nun an bis in Ewigkeit. Zur Veranschaulichung sprach Pastor Kümmel gerne in eindrucksvollen Bildern.

Die Hölle schilderte er als dunkles Verlies, in das nie ein Sonnenschein oder ein gutes Wort dringe. Körper mit ausgerenkten Gliedern würden sich dort in Schmerzen winden, malträtierte Leiber unaufhörlich stöhnen. Schon am dunklen Eingangstor höre man schrille Schreie kreischend um Vergebung flehen, wissend, dass man nie verzeihe. Ein Pendel an der Wand schwenke langsam hin und her und flüstere dauernd: S ü n d e! S ü n d e!

Und Satan mit seinen Schreckensgehilfen ergötze sich an dem nie endenden Leid und sie lachten dazu. Die Schmerzen könne man sich vorstellen, als ob man in einem Topf mit siedendem Öl stehe, ständig verbrenne und doch nicht sterben könne. Und das bis in alle Ewigkeit, ein schwer zu beschreibender Zeitraum. »Aber stellt euch vor, es kommt zu einem großen Gebirge alle tausend Jahre ein kleines Vöglein, um sich den Schnabel zu wetzen. Wenn dieses Gebirge ganz verschwunden ist, dann ist noch nicht einmal eine Sekunde der Ewigkeit vorüber!«

So lange Zeit! So unerträgliche Schmerzen! Spätestens jetzt saßen die Kinder zitternd da und schworen, sich nie mehr etwas zuschulden kommen zu lassen. Diejenigen, die schon spürten, wie manchmal zwischen ihren Beinen Seltsames geschah, nahmen sich vor, die Finger von sich zu lassen oder nicht mehr schwer atmend durchs Schlüsselloch zu beobachten, wie sich die ältere Schwester abends auszog. Und doch wussten sie alle, dass ihnen dies nicht gelingen würde.

Peregrin sah sich nach solchen Unterrichtsstunden manchmal nachts in Kesseln mit siedendem Öl stehend nach seiner Mutter rufen, die aber nicht zu ihm konnte und ihm weinend von dem dunklen Tor aus zum Abschied winkte, bis ans Ende der Ewigkeit. Wenn die Angst kam und er dann schreiend aus dem Traum hochfuhr, kam Anna-Luise zu ihm ans Bett, nahm ihn in den Arm und versuchte ihn zu trösten. Doch was konnte sie schon gegen den Herrgott ausrichten? Wenn sie mit Hilarius darüber reden wollte, meinte der, er fände das ja auch nicht gut, doch er könne dem Pastor doch nicht in seinen Katechismus hineinreden. Außerdem habe etwas Gottesfurcht noch keinem geschadet.

Sie versuchte auf ihre Weise, das Kind zu beruhigen, nahm es in den Arm, beruhigte, erklärte, der liebe Gott sei ja ein lieber Gott, nicht böse, rachsüchtig oder nachtragend, sondern ganz im Gegenteil bereit, alles zu verzeihen. Selbst wenn es eine Hölle gäbe, so würde man dort niemanden antreffen, weil Gott zu gütig sei, um Menschen so leiden zu lassen. Die Hölle stünde also leer und falls es sie überhaupt gäbe, dann hier auf der Erde, wo manche Menschen sich das Leben manchmal gegenseitig zur Hölle machten, weil sie nicht klug genug seien, zu erkennen, wie dumm sie sind.

Zu seinem zehnten Geburtstag hatten seine Eltern Peregrin ein Zelt geschenkt. Als Lorenz nachmittags zum Geburtstagskaffee kam, es gab Apfelrahmkuchen und Kakao, planten die beiden Jungs, am kommenden Wochenende auf der Wiese hinter dem Dorf über Nacht zu zelten. Die Mutter hatte Bedenken, doch Hilarius meinte, Jungs müssten so was erleben, und gab ihnen noch Tipps für den Aufbau eines Lagerfeuers. Mutter gab nach, ermahnte sie, vorsichtig zu sein, und versprach, ihnen genügend Proviant mitzugeben. Die beiden Freunde waren Feuer und Flamme und konnten das Wochenende kaum erwarten.

Am nächsten Morgen war Lorenz nicht in der Schule. Peregrin sorgte sich: ›Hoffentlich ist er nicht krank und wir müssen das Zelten am Ende noch verschieben.‹ Nach dem Unterricht lief er zum Friseurgeschäft. Er wunderte sich, dass dieses geschlossen war. Durch das Schaufenster sah er Lorenz, der seinem Vater half, Kisten einzupacken. Als sein Freund ihn bemerkte, kam er nach draußen. Man sah ihm an, dass er geweint hatte. Auch jetzt versagte ihm fast die Stimme, als er sagte: »Meine Eltern geben den Friseursalon auf. Wir ziehen zurück in die Stadt, schon Ende der Woche!«

Am darauffolgenden Samstag sah man die Friseurfamilie, einem Umzugswagen hinterherfahrend, das Dorf verlassen. Der Friseur hatte den Nachbarn zum Abschied gehupt. Seine Frau freute sich, endlich wieder in die Stadt zu kommen. Sie sah, wie Lorenz auf dem Rücksitz mit den Tränen kämpfte, aber der würde sich schon umgewöhnen. Bei Kindern geht so was ja schnell.

Peregrin lag in seinem Zimmer auf dem Bett und starrte vor sich hin. Er hatte sich eigentlich von seinem Freund verabschieden wollen, war dann aber doch zu Hause geblieben. Seine Mutter hatte ihn gedrängt, er solle Lorenz doch Lebewohl sagen, das täte ihm gut. Vater war derselben Meinung und sagte, das gehöre sich so. Peregrin fürchtete den Abschied. Er würde von jetzt an wieder alleine sein, da konnte er genauso gut schon heute damit beginnen. Als er den Wagen der Friseurfamilie unter seinem Zimmer vorbeifahren hörte, zog er sich die Bettdecke über den Kopf. Er sah auch nicht, wie sein Freund erst erwartungsvoll, dann traurig hinauf zu seinem Fenster schaute und dann seine Tränen doch nicht mehr zurückhalten konnte.

Peregrin hatte den Eindruck, dass ohne ihn dem Dorf nichts gefehlt hätte. Er war völlig unwichtig. Außer natürlich für seine Mutter. Die genoss es, ihn zu trösten und zu verwöhnen. Sie umsorgte ihn und ließ ihm oft hinter dem Rücken des Vaters Leckereien und Aufmerksamkeiten zukommen.

Von nun an wachte Peregrin miesepetrig auf, ging lustlos zur Schule und kam wortkarg nach Hause. Nach dem Essen verschwand er für den Rest des Tages in seinem Zimmer, las Bücher und malte ausdrucksstarke, aber immer düstere Bilder, die seinen Eltern das Herz schwer machten. Besorgte Aufmunterungsversuche seiner Mutter und ungeduldige Ermahnungen seines Vaters zeigten keine Wirkung. Er tauchte immer tiefer hinein in seine Einsamkeit. Genoss sie und litt unter ihr. Gefiel sich in seinem Leiden. Als seine Eltern ihm mitteilten, dass er ein Geschwisterchen bekommen würde, freute er sich zwar für sie, hatte aber Zweifel, ob ein so viel jüngerer Erdenbürger eine Bereicherung für ihn sein werde.

Als seine Mutter das Kind mitten in der Schwangerschaft verlor, weinte er mit ihr, freute sich auch, dass er sie trösten konnte, hatte aber nicht den Eindruck, selbst einen Verlust zu erleben.

Das änderte sich, als einige Tage später der alte Hausarzt gerufen wurde und nachdem er die Mutter untersucht hatte, sehr ernst drein sah und sich in der Küche flüsternd mit dem Vater unterhielt, der dann in sich zusammensackte und gebeugt auf dem Küchenstuhl saß. Als der Arzt gegangen war, hatte Hilarius seinen Sohn in den Arm genommen und ihm um Fassung ringend erklärt, dass sie nun beide sehr stark sein müssten. Der Hausarzt habe ihm gesagt, dass es nicht gut steht um die Mutter.

»Aber sie wird doch wieder gesund?«, hatte Peregrin gefragt, aber die Antwort schon gewusst, bevor sein Vater jetzt weinend den Kopf schüttelte. »Das Einzige, was wir tun können, ist, ihr die letzten Tage so schön wie möglich zu machen.«

Und das versuchten sie auch. Immer stand jemand am Krankenbett. Sie wischten Schweiß von der fiebernden Stirn. Sie gaben Anna-Luise mit einem kleinen Löffel Kamillentee zu trinken. Als das nicht mehr ging, tupften sie den Zipfel eines Küchentuchs in den Tee und benetzten damit die spröden Lippen. Sie umsorgten die Kranke eifrig, froh etwas tun zu können, denn ansonsten wären sie in Traurigkeit und Angst zerflossen. Aber aufhalten konnten sie den Lauf der Dinge natürlich nicht. Eines Abends kündigte das Totenglöcklein den Pastor an, der Anna-Luise die letzte Ölung gab. Der Messdiener, ein Junge aus Peregrins Schulklasse, stand daneben und schaute verlegen drein. Der Geruch des Salbungsöls hing noch im Raum, als das helle Läuten des Sterbeglöckchens sich wieder entfernte, leiser wurde und dann verklang.

Ein paar Tage später wurde Peregrin sehr früh von seinem Vater geweckt. »Komm, mein Sohn! Deine Mutter möchte, dass wir zu ihr ans Bett kommen.«

Als sie das Schlafzimmer betraten, erkannte Peregrin, dass es jetzt ans Abschiednehmen ging. Wie klein und zerbrechlich seine Mutter dort in dem Bett lag. Ihre Haut war dünn und bleich. Das Atmen fiel ihr schwer. Aber sie lächelte und sagte leise: »Kommt her, ihr beiden, setzt euch doch noch etwas zu mir!« Sie setzten sich links und rechts von ihr und sie fuhr fort: »Ihr wart mir die wichtigsten Menschen auf der ganzen Welt. Ihr habt mich reich gemacht, dafür bin ich euch unendlich dankbar. Ach, Peregrin! Immer habe ich mir Sorgen gemacht, wie es wohl wäre, wenn du das Haus verlässt. Und nun muss ich gehen und du sorgst dich um mich. Aber sei nicht zu traurig. Auch wenn ich dich jetzt verlassen muss, ich werde von oben immer ein Auge auf dich haben. Du wirst nie allein sein. Ich muss doch schließlich wissen, wie es meinem Jungen geht.«

Peregrin weinte. Sein Vater weinte auch. Anna-Luise legte die Hände der beiden zusammen und drückte sie mit erstaunlicher Kraft. »Versprecht mir, dass ihr zusammenhaltet und gut miteinander zurechtkommt. Vertragt euch!« Das Nicken von Vater und Sohn nahm sie offensichtlich als Versprechen, denn sie wirkte erleichtert. Dann flüsterte sie, dass sie jetzt doch etwas müde sei. Peregrin könne ja schon mal in die Küche gehen und das Frühstück machen; sie habe mit dem Vater noch etwas zu bereden. Dabei sah sie Peregrin tief in die Augen und dieser meinte später einmal, dass er nie mehr im Leben einen solch liebevollen und gleichzeitig traurigen Blick geschenkt bekommen habe. Er hatte die Küche noch nicht ganz betreten, als er hinter sich einen lauten Schrei seines Vaters hörte. Und dann war es auf einmal ganz still.

Die Stille im Haus hielt nicht lange an. Schon am Vormittag kamen viele Menschen, sprachen dem Vater Trost zu, streichelten Peregrin durchs Haar, boten Hilfe an, brachten mehr Essen, als nötig gewesen wäre, und fragten immer wieder, ob sie noch irgendetwas tun könnten. Die Schneiderin, die als Witwe ja schon Erfahrung mit den letzten Dingen des Lebens hatte, koordinierte die zahlreichen Unterstützungsangebote. Durch das ganze Haus hörte man fast unaufhörlich ein Wispern und Murmeln an Gebeten, weil die Nachbarn viele Rosenkränze beteten, um der Verstorbenen den beschwerlichen Weg ins Himmelreich zu ebnen. Der Vater musste sich um die Beerdigungsmodalitäten kümmern.

Peregrin fand das einschläfernde Beten einerseits angenehm, zeigte es ihm doch, auch andere würden die Mutter vermissen. Gleichzeitig wünschte er sich, dass man sie endlich in Ruhe lassen würde, damit er und sein Vater etwas mehr Zeit füreinander hätten. Manchmal schlich er sich heimlich in die Stube, in der man seine Mutter aufgebahrt hatte. Er setzte sich neben sie, sprach zu ihr, unterhielt sich mit ihr, wagte aber nicht, ihre eiskalten Hände zu berühren. Er dachte darüber nach, wie kalt es einem wohl sein mag, wenn man tot ist. Sein Blick fiel auf das Zapfenbrett, an dem der blaue Schal mit den gelben Tupfen hing, den er einmal seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Er nahm den Schal, überwand seine Scheu und band ihn der toten Mutter um den Hals. »Damit du nicht frieren musst, Mama.«

Am Tag der Beerdigung, bevor sich der Leichenzug mit dem Pfarrer an der Spitze in Bewegung setzte, wurde der Sarg noch einmal geöffnet. Wer wollte, konnte noch einmal Abschied nehmen. Peregrin fand das nicht schön. Seine Mutter hatte sich verändert und es wäre ihm lieber gewesen, die Menschen hätten sie nicht so gesehen. Vor allem aber entdeckte er, dass man ihr das blaugelbe Halstuch abgenommen und wieder ans Zapfenbrett gehängt hatte. Er war innerlich tief empört und konnte während der ganzen Beerdigung immer nur denken, wie kalt es seiner Mutter in ihrem Grab sein mochte.

Die Mutter hatte man im Hof aufgebahrt. Bei der Fahrt durchs Dorf, hin zum Kirchhof, rumpelte der Wagen über das Pflaster und Peregrin hätte am liebsten laut gerufen, sie sollen doch vorsichtiger fahren. ›Das tut der Mama doch weh, die ist doch so zerbrechlich!‹, aber er konnte nichts sagen oder schreien.

Als der Pfarrer nach der Totenmesse beim Betreten des Kirchhofs sang: »Auf dem Weg ins Paradies sollen Engel dich begleiten!«, sah er seine Mutter in Begleitung von zwei Lichtgestalten weggehen. Als sie zu ihm zurückblickte und ihm noch einmal winken wollte, fassten die beiden sie am Arm und forderten sie auf, nach vorne zu schauen. Am Grab sang der Chor.

Über den Sternen wohnet Gottes Stille

und Siegespalmen winken den Gerechten

Chöre der Sel‘ gen singen des Empfanges

heilige Hymnen.

Uns bleibt die Trauer hier an deinem Grabe;

doch preist sie glücklich dich in dunkler Kammer

Deiner, o Sel‘ger, denken wir in Segen

schlummre in Frieden!

Himmlische Wonnen lohnen edle Taten

sie harren deiner in dem Reich der Sphären

Schlummre in Frieden, und dein Engel

spreche seliges Amen.

Diesen Gesang fand Peregrin unheimlich traurig und gleichzeitig sehr schön, und die Traurigkeit machte ihn noch schöner und die Schönheit machte das Lied noch trauriger. Er konnte es nicht mehr ertragen und als sie sangen ›Uns bleibt die Trauer hier an deinem Grabe‘‹, hielt er sich die Ohren zu, aber Hilarius nahm ihm die Hände von den Ohren weg und er hörte sie singen ›Schlummre in Frieden‹ und er konzentrierte sich auf das Singen der Vögel, die so taten, als sei alles wie immer. Aber nichts war mehr wie immer und er erschrak, als vier Nachbarn den Sarg an Seilen ins Grab herabließen und der schrammte an den feuchtkalten Wänden dieses Erdlochs vorbei und machte ein schreckliches Geräusch. Da brüllte er los, sie sollten gefälligst vorsichtig sein. Dann begann er zu weinen und er weinte auch noch beim Leichenschmaus, während die anderen, selbst Hilarius, Kaffee tranken und Streuselkuchen und Apfelriemchenkuchen aßen, und er weinte auch noch, als er am Abend ins Bett ging und auch noch, als er am nächsten Morgen aufwachte und ihm war, als könne er nie mehr nicht weinen, und wenn er die Augen zumachte, sah er sie vor sich, dort unten in dem dunklen Loch, wie sie bibbert und friert, und er dachte, hätte sie doch wenigstens das blaugelbe Halstuch dabei.

Am Tag nach der Beerdigung waren Peregrin und sein Vater zum ersten Mal wieder alleine und hätten Zeit füreinander gehabt. Aber als Peregrin morgens in die Küche kam und seinen Vater dort am Tisch sitzen sah, begrüßte er ihn aufgebracht mit der Frage: »Wer hat Mama den Schal abgenommen?« Als sein Vater sagte, dass er das gewesen sei, weil ein bunter Schal in einem Sarg doch unpassend ausgesehen hätte, brüllte Peregrin ihn an: »Du bist schuld daran, dass sie jetzt für immer dort unten in ihrem Sarg vor Kälte zittert!« Dann lief er hinaus und schlug die Tür laut hinter sich zu. Die Bitte seines Vaters, er solle doch bleiben, ignorierte er, blieb auch die nächsten Tage noch unversöhnlich und sprach kein Wort.