Perry Rhodan 156: Das Spiel des Lebens (Silberband) - Kurt Mahr - E-Book

Perry Rhodan 156: Das Spiel des Lebens (Silberband) E-Book

Kurt Mahr

0,0

Beschreibung

40 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt: Menschen aus der Milchstraße – die sogenannten Vironauten – sind in den Galaxien der Superintelligenz ESTARTU unterwegs. Dort manipulieren und beherrschen die Ewigen Krieger alle anderen Intelligenzen. Unter den Raumfahrern sind Reginald Bull, der älteste Freund Perry Rhodans, sowie Ronald Tekener und Rhodans Sohn Roi Danton. Sie lehnen sich gegen das Regime auf – und werden deshalb gezwungen, am "Spiel des Lebens" teilzunehmen. Während Reginald Bull zum Geächteten wird, der die ESTARTU-Galaxien für hundert Jahre nicht verlassen darf, erhalten Danton und Tekener eine einmalige Chance. Sie sollen dem Ewigen Krieger Ijarkor persönlich begegnen. Doch der Weg dorthin ist nicht leicht. Er führt durch die Heraldischen Tore von Siom Som ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 524

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




Nr. 156

Das Spiel des Lebens

Cover

Klappentext

1. Vor dem Spiel

2. Zwei Spieler

3. Koordinator der Gilde

4. Überraschungen

5. Ungebetene Gäste

6. Sieger

7. Vor der Entscheidung

8. Auf dem Weg ...

9. Verbündete

10. Gerüstet

11. Revolution

12. Sieger und Verlierer

13. Gestrandet

14. Träume aus Siom Som

15. Entdeckungen

16. In der Kalmenzone

17. Das Terraner-Tor

18. Torweihe

19. Die Wahrheit

20. Verrat

21. Nicht bestanden

22. Gehorsam, Ehre, Kampf

23. Im Getto

24. Jäger und Gejagte

25. Die Gorim-Station

Nachwort

Zeittafel

Impressum

40 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt: Menschen aus der Milchstraße – die sogenannten Vironauten – sind in den Galaxien der Superintelligenz ESTARTU unterwegs. Dort manipulieren und beherrschen die Ewigen Krieger alle anderen Intelligenzen.

Unter den Raumfahrern sind Reginald Bull, der älteste Freund Perry Rhodans, sowie Ronald Tekener und Rhodans Sohn Roi Danton. Sie lehnen sich gegen das Regime auf – und werden deshalb gezwungen, am »Spiel des Lebens« teilzunehmen.

1. Vor dem Spiel

Er war Kolimar, ein Elfahder, General und Feldherr des Kriegers Ijarkor und nach Mardakaan wegen des Spiels gekommen, das diesmal besonders interessant zu werden schien. Er hatte sein Raumschiff im Orbit erst vor wenigen Stunden verlassen.

Kolimar liebte es, allein zu sein und die Furcht in den Augen jener zu sehen, die ihm in den Straßen der Hauptstadt Mardakka begegneten. Er war sich seiner Geltung bewusst.

Umso mehr störte ihn die Humanoide, die ihm seit einer Weile folgte. Vermutlich gehörte dieses Wesen zu jenen, die sich Vironauten nannten. Sie waren Fremde aus einer weit entfernten Galaxis und standen offenbar unter dem Schutz der Ewigen Krieger. Zwei von ihnen trugen jedenfalls die Faust des Kriegers.

Die Vironauten würden am bevorstehenden Spiel des Lebens teilnehmen. Es war ihre Teilnahme, die ein überaus spannendes Spiel versprach.

Kolimar fragte sich, warum ihm die Humanoide folgte. Er bog in eine Seitengasse ab. Das Gros der Neugierigen und Vergnügung Suchenden blieb hinter ihm zurück. Es wurde ruhig; in diesen Bereich kamen keine Passanten. Über die optischen Sensoren in den Rückenstacheln seines Panzers beobachtete Kolimar die Fremde. Sie blieb in seiner Nähe, und sie schien keine Furcht zu haben, dass er auf sie aufmerksam wurde. Schon deshalb hielt er inne und wandte sich um. Hinter den Gittern seines Helms funkelten die beiden grünen Lichter. Viele, die einem Elfahder begegneten, hielten sie für Augen, doch das war falsch.

»Was willst du von mir?«, grollte er.

Die Fremde antwortete nicht sofort. Sie zögerte auch nicht, sondern kam auf ihn zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Kolimar so etwas wie Unsicherheit. Seinem Gedankenbefehl folgend, richteten sich mehrere Stacheln seines Panzers auf.

»Bleib stehen!«, befahl er. »Wenn nicht ...«

Plötzlich lag ein mattschwarzes Ding in der Hand der Humanoiden. Kolimar registrierte ein fahles Leuchten, zugleich traf ihn ein Schlag, der bis tief in seinen Körper fuhr. Er verlor die Besinnung, schon bevor sein Panzer zu Boden schlug.

Irmina Kotschistowa handelte schnell und konsequent. Zielstrebig fand sie die Schleusenklappe am Bein des Igelpanzers und öffnete sie. Sofort quoll ihr die weißliche Körpersubstanz des Elfahders entgegen, darum hob sie dessen Bein leicht an. Sie löste den kleinen Glassitbehälter von ihrem Gürtel und brach die nadeldünne Spitze ab. Ein leises Zischen erklang. Irmina schob die Phiole durch die Öffnung der Schleusenklappe und injizierte den Inhalt. Sie schloss die Klappe sofort wieder und verstaute die entleerte Phiole in ihrer Montur. Eilig zog sie sich auf die andere Straßenseite zurück. In Mardakka bekam es jedem schlecht, der unter verdächtigen Umständen bei einem leblosen Elfahder gesehen wurde. Irmina war bereit, sofort zu verschwinden, aber die Gasse blieb leer.

Ihre Geduld zahlte sich aus. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der Elfahder die Wirkung des Paralysatortreffers überwand. Mit brummenden Lauten, als erwache ein Bär aus dem Winterschlaf, regte er sich wieder. Hinter dem Helmgitter erschienen die beiden grünen Punkte. Sie wanderte ziellos hin und her wie bei jemandem, der Mühe hatte, den Blick zu fokussieren.

Die Mutantin wartete angespannt. Binnen weniger Minuten würde sich zeigen, ob ihr Anti-Kodexmolekül-Serum bei einem Elfahder wirkte. »Antimachos« nannte sie es auch: gegen den Kampf, gegen die für ihre Begriffe sinnlose Lehre der Ewigen Krieger.

Der Elfahder kam zögernd auf die Beine. Die beiden grünen Leuchtpunkte hörten auf zu taumeln. Falls sie wirklich so etwas wie Sehorgane waren, dann starrten sie Irmina durchdringend an.

Kolimar kam zu sich. Seine Erinnerung war intakt. Er sah die Vironautin auf der anderen Seite der Straße und erkannte, dass sie mit einem Lähmstrahler auf ihn geschossen hatte. Er war bewusstlos gewesen. Nun richtete er sich auf – und reagierte verwirrt. Kolimar empfand keinen Zorn gegen die Fremde. Er wäre am liebsten einfach weitergegangen, dabei galt es doch, seine Ehre zu verteidigen. Warum und zu welchem Zweck, das wurde ihm nicht so genau deutlich.

»Du weißt, dass mir keine andere Wahl bleibt: Ich muss dich töten.« Er sagte das, doch zugleich wusste er, dass er der Frau nicht ein Haar krümmen würde.

»Selbstverständlich hast du eine Wahl!«, rief die Vironautin zu ihm herüber. »Du kannst einfach vergessen, dass du mich jemals gesehen hast.«

Sie sagte die Wahrheit. Kolimar ertappte sich bei der Frage, ob der Zwischenfall überhaupt jemandem aufgefallen sein konnte.

»Keiner kam hier vorbei«, beruhigte ihn die Fremde. »Niemand weiß, was geschehen ist.«

Konnte sie seine Gedanken lesen? Kolimars Verwunderung wuchs.

»Warum ...?«, begann er, doch die Vironautin fiel ihm ins Wort.

»Sagen wir einfach, es handelt sich um ein Experiment. Mehr brauchst du vorerst gar nicht zu wissen.«

Er gab sich damit zufrieden. Nicht nur der Zorn, auch die Wissbegierde war ihm abhandengekommen. Kolimar fühlte sich merkwürdig leicht, fast schwerelos. Die Verwirrung fiel von ihm ab und damit auch seine Besorgnis. Es mutete ihm seltsam an, aber er vertraute der Fremden. Niemand würde von dem Vorfall erfahren. Seine Ehre blieb unangetastet; er musste nicht töten, um seine Reputation wiederherzustellen.

Wortlos wandte er sich ab und schritt davon.

Irmina Kotschistowa blickte dem Elfahder nach, bis er zwischen den nächsten Gebäuden verschwand.

»Es wirkt«, sagte die Mutantin halblaut zu sich selbst. »Gott sei Dank! Er hat den Kodex des Kriegers vergessen.«

Sie schob den Paralysator, den sie vorsichtshalber schussbereit gehalten hatte, in die Tasche zurück. Sie wartete fünf Minuten, dann ging sie ebenfalls weiter.

Der Erfolg stimmte sie zuversichtlich.

Für Reginald Bull bot Mardakka nichts Neues. Er hatte Hunderte solcher Städte und ebenso oft eine Völkervielfalt gesehen, wie sie auf dem Planeten des Lebensspiels herrschte. Nominell gehörte der Planet Mardakaan zum Reich der Ophaler, doch in ihrer Hauptstadt waren sie derzeit in der Minderzahl. Die Touristen hatten Mardakka erobert, denn das Spiel des Lebens stand unmittelbar bevor. Auf jeden Ophaler kamen wenigstens fünf, deren Heimat in den Weiten der Zwölf Galaxien lag.

Bull hatte gegessen und getrunken. Er war in einigen Vergnügungspalästen gewesen und hatte Darbietungen über sich ergehen lassen, deren Qualität von miserabel bis vorzüglich reichte. Er hatte sich amüsiert und gelangweilt, sich vor allem aber informiert. Er hatte beinahe jeden angesprochen, der ihm über den Weg lief, und ihn nach den Fremden ausgeforscht, denen sein Interesse galt: den 48 Shana, die an der Upanishad des Nordens unterrichtet wurden.

Brauchbare Auskünfte hatte er nicht erhalten, doch immerhin eine Fährte gelegt. Er hatte sich auffällig benommen und vor allem erkennen lassen, dass es ihm an finanziellen Mitteln nicht mangelte. Zweifellos würde sich herumsprechen, nach welchen Informationen er suchte, und wenn er Geduld aufbrachte, würde sich bald jemand bei ihm melden, der das Gewünschte wusste.

In Mardakka gab es keinen nennenswerten Unterschied zwischen Tag und Nacht. Die Stadt lag nahe am Südpol des Planeten; die rote Riesensonne D'haan versank nur kurz unter dem Horizont. Immer dann herrschte ein schmutziges Zwielicht, das in den Touristenregionen jedoch im grellen Schein der Schwebelampen ertrank.

Reginald Bull schritt auf ein kuppelförmiges Bauwerk zu, das in den steilen Lettern der Sprache Sothalk die sibyllinische Aufschrift »Heim des Zufalls« trug. Bull trat ein und sah, dass er sich nicht getäuscht hatte; hier wurde gespielt.

Er ging scheinbar ziellos zwischen den verschiedenen Tischen und Apparaturen umher, verwickelte den einen oder anderen Spieler in ein Gespräch und tat überhaupt alles, um aufzufallen. Er war keineswegs überrascht, als ihm ein humanoides Wesen in den Weg trat und sich freundlich erkundigte: »Ich suche nach einem Partner für eine Runde Haleph. Bist du interessiert?«

»Du wirst mir erklären müssen, wie Haleph gespielt wird«, antwortete Bull. »Wenn dir das nichts ausmacht, hast du einen Partner.«

Er musterte sein Gegenüber aufmerksam. Die kantig hervortretenden Brauenwülste, die sehr kräftig ausgebildet waren und deshalb wie eine zweite Stirn wirkten, verliehen dem Gesicht etwas Düsteres. Hingegen erweckte der dünnlippige breite Mund den Eindruck, als sei er zu einem ständigen Grinsen verzogen.

»Ich bin Salov«, erfuhr Bull. »Wenn du Geduld hast, bringe ich dir Haleph gern bei.«

Bull wollte sich ebenfalls vorstellen, doch Salov winkte ab.

»Ich weiß, du bist einer der Vironauten und willst dich am Spiel des Lebens beteiligen«, sagte der Knochengesichtige. »Du heißt Reginald Bull und scheinst nicht unvermögend zu sein. Du interessierst dich besonders für eine Gruppe von achtundvierzig Shana, die an der Upanishad des Nordens studieren.«

»Du bist gut informiert.« Reginald Bull gab sich beeindruckt. Innerlich triumphierte er.

Haleph war ein Brettspiel, das in einem dreidimensionalen Feld gespielt wurde. Die Kontrolle der Figuren, die unterschiedliche Wertigkeit aufwiesen, erfolgte auf psionischem Weg. Interessant war dabei, dass jeder Spieler sein eigenes Testfeld hatte, auf dem er Züge und mögliche Gegenzüge analysieren konnte, ohne dass der Gegner ihn dabei beobachten konnte. Reginald Bull verstand das Spiel rasch und war für Salov ein durchaus ernst zu nehmender Kontrahent, wenn er auch die ersten vier Spiele verlor. Es ging um geringe Einsätze. Sie spielten Haleph des Vergnügens wegen, und zwischen den einzelnen Zügen gab es Zeit für ein Gespräch.

»Du scheinst dir für das Spiel des Lebens keine besonders guten Chancen auszurechnen«, bemerkte Salov.

»Wie kommst du darauf?«, wollte Bull wissen.

»Jeder weiß, dass die Sieger des Spiels Zutritt zur Upanishad erhalten. Wenn du also zu den Siegern gehörtest, könntest du dich an der Schule einschreiben und dort alles über die Shana erfahren, die dich interessieren. Du müsstest nicht in der Stadt umherzuziehen und mit deinen Fragen Unruhe verbreiten. Da du dies aber tust, nehme ich an, dass du nicht damit rechnest, einer der Gewinner zu sein.«

»Du siehst die Sache aus einer falschen Perspektive«, entgegnete Bull. »Die Shana gehören zu meinem Volk. Ich will erfahren, wie sie nach Mardakaan gelangt sind und wer sie gezwungen hat, Schüler der Upanishad zu werden.«

»Gezwungen?« Salov wirkte überrascht. »Wer behauptet, dass sie gezwungen wurden?«

»Ich kenne die Männer und Frauen meines Volkes«, antwortete Bull. »Es fällt ihnen schwer, sich für eine Lehre wie die der Zehn Stufen zu begeistern.«

Salov grinste. »Erwartest du eher Abneigung? Ich habe gehört, einer von euch habe die Faust des Kriegers voller Verachtung von sich geworfen.«

Reginald Bull seufzte. »Du weißt zufällig auch, wer das getan hat?«

»Es fällt mir schwer, das Gehörte zu glauben«, wich Salov einer klaren Antwort aus.

»Es ist wahr«, bestätigte Bull.

Ohne weiteren Kommentar kehrte Salov zum eigentlichen Thema zurück. »Die Shana, für die du dich interessierst, sind nicht gegen ihren Willen in der Upanishad«, sagte er. »Du gehst von falschen Voraussetzungen aus.«

»Dann hat jemand ihren Willen manipuliert.«

»Du weißt besser als ich, welche Mittel den Kriegern zur Verfügung stehen.«

»So ist es. Mir liegt daran, mit den Shana zu sprechen.«

Salov ließ eine Reihe von überraschenden Zügen folgen. Reginald Bull wehrte sich eher schwach – und verlor.

»Es ist schwierig, trotzdem nicht unmöglich, in die Upanishad einzudringen«, fuhr Salov im Flüsterton fort. »Wer das versuchen will, braucht auf jeden Fall Unterstützung.«

»Kannst du sie mir beschaffen?«

Salov überflog die Tabelle, die den Spielstand anzeigte. »Du hast in über einer Stunde sechzig Norkys an mich verloren. Das ist nicht viel. Wenn ich mich davon ernähren müsste, hätte ich ein sehr karges Leben. Aber du warst ein freundlicher Partner. Deshalb fällt es mir nicht schwer, mich von dem hier zu trennen.« Er griff in eine Tasche seines Gewands und brachte eine kleine Kapsel zum Vorschein.

»Was ist das?«, fragte Bull.

»Informationen«, antwortete Salov. »Die Aufzeichnung enthält alles, was der Außenwelt über die Hohe Schule des Nordens bekannt ist. Hör sie dir an. Solltest du danach weiter der Ansicht sein, dass du mit den Shana sprechen musst, wende dich an mich.«

»Wie?«

»Ich bin über die öffentliche Kommunikation zu erreichen. Du weißt, dass es ungesetzlich ist, die Upanishad ohne Einladung des Panish Panisha aufzusuchen? Dann wirst du dich hoffentlich vorsichtig verhalten, wenn du dich mit mir in Verbindung setzt.«

»In solchen Dingen kenne ich mich aus.« Nun verzog Bull die Mundwinkel zu einem Grinsen.

Sie gingen gemeinsam zur Kasse, wo er seine Spielschulden bezahlte. Salov verließ ihn auf dieselbe Art, wie er den Kontakt hergestellt hatte: Er verschwand einfach, grußlos und ohne dass Bull gesehen hätte, wie er ging.

In Mardakka hatte sich herumgesprochen, dass die Fremden, die sich Vironauten nannten, womöglich gute Chancen hätten, das Spiel des Lebens siegreich zu bestehen. Sie waren Humanoide – Bisymmetrische, wie sie hier und da genannt wurden –, und sie waren mit großem Gefolge auf Mardakaan gelandet. Zehntausende von Artgenossen und viele Andersartige gehörten zu ihrem Tross.

Das Interesse der Öffentlichkeit konzentrierte sich vor allem auf die beiden Träger einer Faust des Kriegers. Beträchtliche Neugierde galt zudem jenem Geheimnisvollen, von dem man sich merkwürdige Dinge erzählte. Er sollte ebenfalls eine Faust besessen, sie aber verloren haben. Ob er sich deshalb in der Stadt herumtrieb und merkwürdige Fragen stellte? Die Spielmacher, deren geschäftlicher Erfolg davon abhing, dass sie Kämpfer im Spiel des Lebens richtig einzuschätzen vermochten, wurden aus ihm nicht schlau. Er wirkte nicht wie ein Kämpfer, und trotzdem lag in seinem Verhalten etwas, das davor warnte, ihn nicht ernst zu nehmen.

Die Behörden von Mardakka hatten die Wichtigsten der Fremden abseits allen Trubels in einer weitläufigen Parkanlage untergebracht. Auch einige Mitglieder ihres Trosses, die am Spiel des Lebens teilnehmen würden, wohnten in dem viel zu großen Gebäude.

An diesem Tag herrschte ziemliche Aufregung. Graucum, der Panish Panisha, hatte seinen Besuch angekündigt. Die hohe Ehre gelte den drei Fremden, hörte man.

In der Tat landete das Schwebeboot des Lehrers der Lehrer, der zugleich Staatsoberhaupt von Mardakaan war, im Park vor der Residenz der Vironauten. Graucum kam mit überraschend kleinem Gefolge. Kurze Zeit später wurden im Bereich des Parks jedoch umfangreiche Fahrzeugbewegungen beobachtet. Dabei handelte es sich ausnahmslos um Transporter mit den Insignien der planetarischen Verwaltung, und sie brachten nur Ophaler. Niemand hätte zu sagen vermocht, was man davon halten sollte.

Der Panish Panisha betrat das Quartier der Vironauten. Beobachter wussten zu berichten, er habe sich keineswegs wie ein höflicher Besucher verhalten, sondern wie einer, der Dringendes zu besprechen hatte.

Bisher hatten Roi Danton und Ronald Tekener den Panish Panisha nur in den Medien gesehen. Sein Besuch kam überraschend, nach fast unhöflich kurzfristiger Ankündigung. Dennoch empfingen ihn die beiden Terraner mit der Achtung und Zuvorkommenheit, die einem regierenden Staatsoberhaupt zustehen.

Der Ophaler war stämmig gebaut. Sein tonnenförmiger Leib ruhte auf einem Paar gedrungener Säulenbeine. Sechs gelenklose, tentakelgleiche Arme machten verständlich, warum die Bewohner des Reiches Ophal für ihre handwerklichen Fertigkeiten ebenso bekannt waren wie für den harmonischen Gesang ihrer Sprache. Der Rumpf lief zu einem röhrenförmigen Hals aus, der teleskopartig ausgefahren werden konnte und einen eiförmigen Kopf trug. Das Gesicht war bis auf einen lippenlosen Schlitzmund konturlos. Hör-, Seh- und sonstige Organe lagen auf beiden Seiten des Schädels zu traubenförmigen Gebilden angeordnet. Am unteren Halsansatz verlief ein armdicker, mit zahlreichen Membranen ausgestatteter Knorpelwulst, er war das eigentliche Sprachorgan des Ophalers, ein organischer Synthesizer.

Graucums wenige Begleiter hielten sich im Hintergrund, während er von den beiden Terranern auf Sothalk begrüßt wurde. Was der Panish Panisha zu sagen hatte, klang wie ein mehrstimmiges Lied voll eigenartiger, durchaus angenehmer Harmonie.

Sowohl Roi Danton als auch Ronald Tekener trugen jeder ihre Faust des Kriegers am Gürtel. So war jedes Permit nicht nur deutlich sichtbar und verkündete den Rang seines Besitzers, es sonderte auch wesentlich geringere Mengen Kodexgas ab, als während des Tragens am Handgelenk beziehungsweise am Unterarm.

Die beiden Vironauten führten den Besucher zu einer Sitzgruppe mit einem niedrigen Tisch, auf dem in aller Eile ophalische Delikatessen hergerichtet worden waren. Graucum, nur wenig über einen Meter groß, bediente sich ohne übertriebene Bescheidenheit. Die Leckerbissen verschwanden in seinem Schlitzmund, und schabende, schmatzende Laute verrieten, dass es ihm mundete.

»Mir ist sehr Absonderliches zu Ohren gekommen«, sang der Panish Panisha dazu. »Ich hörte, dass der Dritte in eurem Bund seine Faust des Kriegers verloren hat. Unglaublicheres habe ich nie vernommen. Bitte versichert mir, dass mir Unsinn zugetragen wurde.«

In den Mienen beider Terraner regte sich kein Muskel. Ihnen war klar gewesen, dass sie über kurz oder lang mit dieser Frage konfrontiert werden würden. Mit Reginald Bull hatten sie schon darüber gesprochen, dass zumindest sein Willkommen auf Mardakaan deshalb auf tönernen Füßen stand.

»Ich bedaure es sehr, Panish Panisha, ich kann dir die gewünschte Versicherung nicht geben«, antwortete Roi Danton. »Was dir berichtet wurde, ist wahr. Unser Freund besaß das Symbol des Kriegers, hat den Besitz aber unter tragischen Umständen eingebüßt.«

Graucums Hals mitsamt dem Kopf stieg ruckartig in die Höhe.

»Wie kann so etwas geschehen?« Sein Unwille ließ sich am schrillen Diskant der Stimme mühelos erkennen. »Niemand, dem die Ehre zuteilwird, eine Faust des Kriegers zu besitzen, kann zulassen, dass durch Fahrlässigkeit ...«

»Es war keine Fahrlässigkeit«, fiel ihm Ronald Tekener ins Wort.

»Was dann?«

Der Smiler hob die Schultern. »Wie gesagt, ein tragisches Ereignis. Unser Freund spricht nicht darüber, und wir achten seinen Wunsch.«

»Das darf nicht sein!« Von Freundlichkeit war in der Stimme des Panish Panisha keine Spur mehr. »Niemand, der so mit dem heiligen Symbol verfährt, darf sich am Spiel des Lebens beteiligen. Hier liegt ein Frevel vor ...«

»Panish!«, fuhr Roi Danton dem Ophaler scharf in die Parade und machte sich damit einer indirekten Beleidigung schuldig, weil er dem Gast die zweite Hälfte seines Titels verweigerte. »Wir haben dich empfangen, wie es dem höchsten Vertreter des Staates und dem Lehrer der Heldenschule gebührt. Du aber weißt nichts Besseres zu tun, als unsere Ehre anzugreifen? Hast du die Lehren des Kodex vergessen? Soll ich dir die Herausforderung zurufen, damit du mit mir kämpfen musst?«

Graucum zog den Teleskophals wieder ein. Er erkannte, dass er zu weit gegangen war. Den Zweikampf hatte er nicht zu fürchten, doch wie hätte es ausgesehen, wenn bekannt geworden wäre, dass er zwei Gäste des Staates beleidigt hatte? Teilnehmer am Spiel des Lebens, und ausgerechnet jene, die der Krieger Ijarkor als Gegner des größten Kämpfers aller Zeiten sehen wollte.

»Ich kann nicht erkennen, wo ich eure Ehre angetastet hätte«, sagte Graucum so würdevoll es eben ging. »Ich sprach von eurem Freund, nicht von euch.«

»Des Freundes Ehre ist auch die unsere«, erklärte Tekener. »Du kannst ihn nicht beleidigen, ohne uns ebenfalls zu meinen.«

Der Panish Panisha hatte aufgehört, sich an den Delikatessen zu laben. Vier seiner Tentakel fuhren in einer Geste des Bedauerns durch die Luft.

»Vielleicht habe ich zu hastig gesprochen«, sang er sanft. »Ich bitte euch, meine Situation zu verstehen. Dass jemand eine Faust des Kriegers besitzt und sie verliert, ist etwas so Unerhörtes, dass mir der Verstand durcheinandergerät, wenn ich nur daran zu denken versuche. Wenn euer Freund wenigstens eine Erklärung hätte und plausibel machen kann, dass er keine Schuld auf sich geladen hat ...«

Danton und Tekener verständigten sich durch einen kurzen Blick.

»Gestatte uns, ihn zu rufen«, bot Roi Danton an. »Sprich mit ihm. Vielleicht ist er bereit, dir aus dem Dilemma zu helfen.«

»Ja, so wollen wir es machen.« Es lag ein wenig zu viel Triumph in Graucums Gesang. »Ruft ihn, damit ich mit ihm reden kann.«

Reginald Bull hatte eben erst Salovs Aufzeichnung zu Ende gehört, da wurde er in den Empfangssaal gebeten. Auf dem Weg dorthin kam ihm ein Vironaut entgegen.

»Roi schickt mich dir entgegen«, sagte der Mann. »Du musst vorsichtig sein. Graucum hat peinliche Fragen bezüglich des verlorenen Permits. Rechne damit, dass er einige Tricks auf Lager hat.«

Bull nickte. »Wie viel Gefolge hat er dabei?«

»Nur eine Handvoll Ophaler. Mehr nicht.«

Reginald Bull betrat den Saal. Er begrüßte Graucum mit den nötigen Floskeln. Zugleich zerbrach er sich den Kopf über dessen Absichten. Wenn der Panish Panisha Antworten erwartete, diese aber nicht erhielt, würde er die ihn begleitenden Sänger einsetzen. Besonders geschulte Ophaler konnten mit ihrem Gesang eine hypno-suggestive Wirkung erzeugen, die psychischen Widerstand brach. Die Vironauten hatten das während des Anflugs auf Mardakaan zu spüren bekommen. In ihnen war der unwiderstehliche Drang entstanden, auf dem Planeten der Lebensspiele zu landen. Sowohl die Träger eines Zellaktivators als auch alle Mentalstabilisierten hatten dem hypnotischen Einfluss standgehalten. Ob es sich dabei um eine grundsätzliche Immunität handelte oder ob die vermeintlich Immunen beeinflusst werden konnten, sobald sich eine genügend große Anzahl ophalischer Sänger zusammenfand, war bislang unklar.

Bull hatte nicht vor, sich von Graucum in die Enge treiben zu lassen. Für ihn war die Flucht nach vorn die beste Taktik.

»Ich bin froh, den höchsten Lehrer der berühmten Upanishad bei uns zu sehen«, eröffnete er. »Meine Gefährten und ich werden am Spiel des Lebens teilnehmen. Der Sieg im Spiel wird uns das Recht geben, Schüler an deiner Schule der Helden zu werden. Von Herzen gern möchten wir schon vorher dem Ort unserer künftigen Lehre einen Besuch abstatten. Bist du bereit, uns die Erlaubnis dafür zu erteilen?«

Das Ansinnen versetzte den Ophaler offensichtlich in Bestürzung; er antwortete schrill und keineswegs diplomatisch: »Das ist unmöglich. Niemand, der nicht im Spiel des Lebens für würdig befunden wurde, darf die Hohe Schule des Nordens betreten.«

»Du hast ebenfalls am Spiel des Lebens teilgenommen?«, fasste Bull nach.

»Mich hat der Ewige Krieger Ijarkor selbst eingesetzt«, sagte Graucum schroff.

»Ach ja, Panish Panisha. Sage mir bitte noch: Diejenigen, die zu deiner Schule zugelassen werden, mit welchem Rang beginnen sie ihre Laufbahn?«

»Mit keinem Rang. Sie sind Shada, die selbst die erste der zehn Stufen erklimmen müssen.«

»Meine Freunde Roi Danton und Ronald Tekener tragen jeder eine Faust des Kriegers, das stellt sie dir gleich. Jeder von ihnen genießt die Privilegien eines Panish Panisha. Trotzdem willst du sie nicht in deine Schule lassen?«

Graucum hatte sich schon gefangen. »Du sagst es«, entgegnete er. »Sie genießen die Privilegien von Panish Panisha, aber sie sind keine Panish Panisha. Oder haben sie die Heldenschule eines Kriegers besucht und dort die gesamte Lehre der Zehn Stufen in sich aufgenommen?«

»Das sind Spitzfindigkeiten«, protestierte Bull. »Ich will nicht ...«

»Für den Zutritt zur Hohen Schule des Nordens müssen Bedingungen erfüllt sein, und deine Freunde erfüllen sie nicht«, empörte sich der Panish Panisha. »Daran ändert die Faust des Kriegers nichts, die sie tragen. In diesem Zusammenhang stelle ich dir eine Frage: Wo ist deine Kriegerfaust geblieben?«

Da war sie, die Frage, der Reginald Bull hatte aus dem Weg gehen wollen.

»Ich besitze sie nicht mehr«, antwortete er.

»Wie ist sie dir abhandengekommen?«, drängte der Ophaler.

»Darüber spreche ich nicht.«

Bull erwartete, dass der Panish Panisha nun erst recht nachfragen würde. Der Ophaler schlug jedoch den bisher sanftesten Tonfall an, seine Stimme hatte plötzlich den Klang eines leicht traurigen, dennoch freundlichen Liedes.

»Es muss ein schwerer Verlust für dich gewesen sein«, sang Graucum. »Zum Glück sehe ich, dass du dich mit der Kraft deines Bewusstseins darüber hinwegsetzen kannst.«

»So ist es«, bestätigte Bull. Mit einem Mal empfand er sogar erste Sympathie für den Panish Panisha.

»Von Cloreon künden die Sagen«, fuhr Graucum fort, und sein Gesang schwoll zu einer wohltönenden Ode. »Ringe hat der Herr Kalmer im Reich Erendyra geschaffen. Ringe künden des Kriegers Ruhm ...«

Bulls Gedanken kehrten zu den Tagen zurück, als auf dem Planeten Cloreon die Letzte Schlacht tobte, in der das ahnungslose Volk der Cloreonen beweisen sollte, dass es sich für den Dienst im Heer des Kriegers Kalmer eignete. Bull hatte sich zu dem Zeitpunkt intensiver mit dem Handschuh des Kriegers befasst, der ihm in der Milchstraße von Stalker überreicht worden war.

»Soldaten braucht er, der Krieger«, sang Graucum. »Herrlich leuchten die Ringe; dröhnend erschallen die Worte des Kodex ...«

Die Faust des Kriegers, sein Permit, hatte ihm die Sinne verwirrt. Er, Reginald Bull, war plötzlich überzeugt gewesen, selbst ein Ewiger Krieger zu sein. Bis ihm klar geworden war, was der Handschuh bedeutete. Wütend hatte er das Permit in die Sonne geschleudert ...

»Die Treuen belohnt der Krieger ...«

Bull wusste kaum noch, was um ihn her geschah. War es wirklich nur ein Ophaler, der sang? Eher erscholl ein Chor aus Tausenden von Stimmen.

»Den Falschen bestraft er, wie es nur ein Krieger kann ...«

2. Zwei Spieler

Roi Danton und Ronald Tekener zwang der mächtige Gesang zwar nicht zum Reden, er rief in ihnen jedoch eine leichte Benommenheit hervor, die ihre Reaktion verlangsamte.

Reginald Bull hatte die Augen geschlossen. Was er sagte, brachte er so hastig über die Lippen, als hinge sein Leben davon ab, dass er den Bericht schnellstens beendete.

Tekener starrte den Panish Panisha zornig an. »So nicht, Ophaler!«, protestierte er. »Du betrügst uns und bist deshalb nicht länger willkommen. Nimm deine Begleiter und scher dich zum Teufel!«

Der Panish Panisha reckte den Hals. »Ich habe die Pflicht, den Erhalt des Kodex zu überwachen.« Seine Stimme klang nun schrill, der Gesang im Hintergrund verstummte. »Euer Freund hat zugegeben, den größten vorstellbaren Frevel begangen zu haben. Er hat das Symbol des Kriegers vernichtet. Damit beleidigt er alle, die nach Mardakaan gekommen sind und am Spiel des Lebens als Kämpfer oder Zuschauer teilhaben wollen. Reginald Bull muss unsere Welt sofort verlassen. Nur der Umstand, dass er einst eine Faust des Kriegers trug ...«

Graucum verstummte im Satz, denn Roi Danton hatte sich sein Permit übergestreift und hob demonstrativ den Arm.

»Schweig endlich!«, herrschte Danton den Panish Panisha an. »Wer bist du schon? Ein Beamter in einem Sternenreich, das lächerliche zweihundertfünfzig Lichtjahre umfasst. Unser Reich misst mehr als das Vierhundertfache. Und wer ist schon dein Krieger? Uns schickt der Sotho, der über jedem Krieger steht. Von ihm erhielten wir die Symbole des Permanenten Konflikts, und keinem anderem als ihm hat unser Freund seine Handlungsweise zu verantworten. Du hast einen Grund, meinst du, ihn zu verbannen. Wenn das so ist, gehen wir mit ihm, und der Sotho wird erfahren, was sich auf Mardakaan abspielt und wie der Ophaler, der sich Ijarkors Statthalter nennt, die Vorschriften des Kodex missachtet. Dann sieh zu, woher du die Kämpfer nimmst, mit denen du nach Ijarkors Willen das kommende Spiel des Lebens bestreiten willst. Und nun geh, damit du uns nicht länger beleidigst!«

Gebieterisch hob Perry Rhodans Sohn den Arm und wies zum Ausgang.

Das bunte Gewand um Graucums tonnenförmigen Leib flatterte. Der Panish Panisha bebte vor Zorn und Furcht zugleich.

»Ich ... Du verstehst nicht ...«, zirpte er.

»Geh!«, wiederholte Roi Danton.

Graucum wandte sich um und eilte durch das offene Portal davon. Die Ophaler in seiner Begleitung hatten Mühe, ihm zu folgen.

»Eine herrliche Wutrede«, sinnierte Reginald Bull und nippte an dem Getränk, das er sich geholt hatte. »Die Frage ist, ob wir uns damit alles verdorben haben.«

Seit Graucums hastigem Abgang waren knapp zehn Minuten verstrichen. Noch blieb alles ruhig. Falls der Panish Panisha die Gäste wegen ihrer Unverschämtheit maßregeln wollte, war er wohl damit beschäftigt, die angemessene Taktik auszuarbeiten. Vielleicht musste er sich auch bei Ijarkor Anweisungen einholen.

Ronald Tekener nahm den Faden auf. »Ich glaube nicht, dass wir Repressalien fürchten müssen«, sagte er. »Der Panish Panisha kann uns nicht einfach davonjagen. Die Idee, dass wir gegen seinen Meisterkämpfer antreten sollen, stammt von Ijarkor. Wie stände Graucum vor dem Krieger da, wenn ausgerechnet er uns davonschickt?«

»Ganz meine Meinung«, sagte eine sanfte Stimme vom Eingang her.

Irmina Kotschistowa war unbemerkt eingetreten. Die Mutantin lächelte. Sie war eine anziehende Frau, der man ihr biologisches Alter von 175 Jahren nicht ansah, immerhin trug sie einen Zellaktivator.

»Im Gegensatz zu uns wirkst du zufrieden, Irmina«, stellte Danton fest. »Dir steht der Erfolg ins Gesicht geschrieben.«

Die Metabio-Gruppiererin kam näher.

»Du bist, wie immer, ein scharfer Beobachter, Roi. Trotzdem: Jetzt geht es erst einmal um Bully. Ich denke, Graucum kann es sich nicht bieten lassen, von einem vermeintlich illustren Gast zu hören, dass er die Faust des Kriegers weggeworfen hat. Sotho hin, Sotho her – Sotho Tal Ker ist fern. Graucum muss sich nach Ijarkor richten. Er kann dich nicht verbannen, Bully, weil Roi und Ronald dann mit dir zögen. Das Mindeste, was er tun wird, ist allerdings, dir zu beweisen, dass du auf Mardakaan eine Persona non grata bist. Er wird dich kaltstellen. Deine Teilnahme am Spiel des Lebens ist passé.«

Bull strich sich mit der Hand über die Stirn. »Das ist nicht das Übelste, was mir widerfahren könnte«, grinste er. »Ich hatte ohnehin die Absicht, mich intensiver um die Hohe Schule des Nordens zu kümmern und mich mit den verschollenen TSUNAMI-Besatzungen zu befassen. Achtundvierzig Frauen und Männer. Vielleicht bietet sich mir schneller als erwartet die Gelegenheit.«

»Was hast du vor?«, fragte Tekener.

Bull strich mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Luft. »Auskünfte gebe ich nicht. Wir wissen seit vorhin, dass sogar Aktivatorträger und Mentalstabilisierte nicht immun gegen den Gesang der Ophaler sind. Je weniger Informationen ihr habt, desto sicherer seid ihr.«

Immerhin erklärte er sich bereit, die Freunde über die Schritte seiner Aktion, falls es dazu kommen sollte, auf dem Laufenden zu halten.

Das Interesse wandte sich danach der Mutantin zu.

»Was war das für ein zufriedener Ausdruck in deinen Augen, Irmina?«, wollte Roi Danton nun doch wissen.

Er hatte die Faust des Kriegers schon wieder abgestreift und hermetisch abgeschlossen verstaut. Solange die Vironauten unter sich waren und ihren Status nicht demonstrieren mussten, wurden die Permits so aufbewahrt, dass ausströmendes Kodexgas keinen Schaden anrichten konnte.

Irmina Kotschistowa schürzte die Lippen. Die Zufriedenheit war ihr nach wie vor anzusehen.

»Das Anti-Kodexmolekül-Serum hat die Prüfung bestanden«, sagte sie und berichtete von ihrer Begegnung mit dem Elfahder und von ihrem Erfolg. Die drei Männer wussten, wie lange sie an der Entwicklung des Serums gearbeitet hatte, das die halluzinogene Wirkung des Kodexgases aufhob. Mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit hatte sie sich Schritt um Schritt ans Ziel herangetastet. Stalkers Permits waren hervorragende Werkzeuge, wenn es darum ging, sich in den Galaxien des Virgo-Haufens Achtung zu verschaffen. Doch wer ein Permit trug, lief Gefahr, der Beeinflussung durch das diffundierende Gas zu erliegen.

»Ein Problem gibt es leider«, schränkte die Mutantin ein. »Die Synthetisierung des Serums ist kompliziert und aufwendig. Wir werden zumindest in nächster Zeit immer nur kleine Mengen zur Verfügung haben. Für das Experiment mit dem Elfahder habe ich schon die Hälfte meines Vorrats verbraucht, der nach der Entseuchung der EXPLORER übrig blieb.«

Sie sprachen über den weiteren Einsatz des Wirkstoffs. Dringend brauchten ihn nur Danton und Tekener, die mit den Kriegerfäusten in Berührung kamen. Andererseits genügte es nicht, das Serum zur Verfügung zu haben. Sie brauchten Behältnisse, in denen es mitgeführt und in angemessener Dosierung entnommen werden konnte.

Irmina bot an, bei nächster Gelegenheit zur ÄSKULAP zurückzukehren und sich an Bord dem Entwurf und der Anfertigung geeigneter Behälter sowie der weiteren Produktion von Antiserum zu widmen.

Der Tag endete also trotz aller neuen Probleme mit einem erfreulichen Aspekt. Die Ziele der Vironauten konnten nur erreicht werden, wenn sie den Statusvorteil, den ihnen Stalkers Permits einbrachten, voll ausnutzten. Sobald Irmina mit zwei Miniaturbehältern Antimachos von der ÄSKULAP zurückkehrte, würden Roi Danton und Ronald Tekener ihre eisernen Handschuhe überstreifen können, wann immer es die Situation erforderte.

In den Wall aus psionischer Manipulation und chemisch induziertem Gehorsam, der die Sphäre der Ewigen Krieger schützte, war eine Bresche geschlagen.

Am darauffolgenden Tag wurde den Vironauten über einen Kanal des öffentlichen Kommunikationsnetzes eine Nachricht des Panish Panisha zugestellt.

Zunächst war die Rede davon, dass die Regierung sich geehrt fühle, zwei illustre, durch den Besitz der Faust des Kriegers privilegierte Gäste bewirten zu können, und dass ihr Angebot, am Spiel des Lebens teilzunehmen, mit großer Dankbarkeit entgegengenommen werde.

Nach so viel Schmeichelei kam Graucum zu seinem eigentlichen Anliegen. Reginald Bull wurde der Status eines ehemals Privilegierten zugestanden, seine Teilnahme am Spiel des Lebens aber verweigert.

»Eine endgültige Entscheidung über den Status des ehemals Privilegierten kann erst von dem Krieger Ijarkor selbst getroffen werden«, fuhr der Ophaler fort. »Bis dahin ist der Genannte weiterhin Gast der Regierung von Mardakaan. Es bleibt ihm überlassen, ob er sein Quartier beibehalten oder in ein anderes übersiedeln will. Die Regierung fühlt sich jedenfalls weiterhin für die leibliche Sicherheit des ehemals Privilegierten verantwortlich, und da in der Bevölkerung die Missstimmung über sein verwerfliches Verhalten in Tätlichkeiten ausarten könnte, wird dem Genannten eine Eskorte gegeben. Seine Sicherheit steht damit unter der Leitung des bewährten Schiedsrichters Kuursen Ton.«

»Das ist pure Amtssprache«, spottete Danton und wandte sich an Reginald Bull: »Was hast du vor?«

»Ich bleibe hier«, antwortete Bull. »Ich ziehe jedoch in einen Seitenflügel, damit meine Nähe die wahren Privilegierten nicht beleidigt.« Er grinste. »Und diesem Kuursen Ton werde ich klarmachen, dass er mir zu jeder Zeit wenigstens dreißig Meter vom Leib zu bleiben hat, wenn er nichts Unangenehmes erleben will.«

So geschah es. Mit seinen wenigen Habseligkeiten und einem einzigen Begleiter, Jo Polynese, zog Reginald Bull um. Er wählte eine Flucht von Räumen, die ihm freien Ausblick und Zugang zum Park gewährten.

Noch an diesem Tag traf der Schiedsrichter Kuursen Ton mit einem Stab von fünf Ophalern ein. Er ließ sich anmelden und stellte sich vor. Dabei zeigte er großen Respekt, als stehe er einem wahrhaft Privilegierten gegenüber. Bull legte dem Ophaler seinen Standpunkt dar und stieß damit sogar auf Verständnis. Kuursen Ton war durchaus bereit, sich mit seinen Begleitern nur im angrenzenden Gebäudeteil einzuquartieren. Auf einem beharrte er indes: Sobald Bull das Anwesen verlassen wolle, müsse er ihn begleiten.

Mit dieser Vereinbarung durchaus zufrieden, machte Reginald Bull sich an die weitere Realisierung seines Vorhabens. Er trug dem Cyborg Polynese auf, vor seiner Zimmerflucht zu patrouillieren. Anschließend aktivierte er einen Kommunikationsanschluss und holte sich aus dem städtischen Informationssystem den Rufcode des Teilnehmers Salov. Als er den Code eingab, blinkte ihm jedoch das stilisierte Logo der Stadtverwaltung entgegen.

»Du hast einen Anschluss erreicht, der gegenwärtig nicht aktiv ist«, sagte eine freundlich summende ophalische Stimme. »In welcher Weise kann ich dir behilflich sein?«

»Ich habe diesen Code eben erst von der Information erhalten«, antwortete Bull. »Wie kann es sein, dass er ungültig ist?«

»Die Inaktivierung eines Anschlusses geschieht manchmal innerhalb kürzester Zeit. Wenn du mir den Namen des Teilnehmers nennst, will ich gern versuchen ...«

»Nein, das ist nicht nötig«, wehrte Bull ab.

Dass ein Computer der Verwaltung ihn mit dem zwielichtigen Salov in Verbindung brachte, war das Letzte, was er brauchte. Nachdenklich blickte er auf das verblassende Logo. Sein erster Vorstoß war ins Leere gegangen.

Das Spiel des Lebens würde in wenigen Tagen beginnen. Nicht nur Mardakka platzte vor Schaulustigen aus allen Nähten. Das ganze Land summte vor Aufregung, denn das bevorstehende Spiel versprach, eines der aufregendsten zu werden, die der Planet je gesehen hatte. Extrem hohe Wetten wurden abgeschlossen. Die Gilde der Spielmacher hatte alle Hände voll zu tun, die Wettlustigen zufriedenzustellen.

Über dem flachen Land tummelten sich scharenweise die Logen, mit allem Komfort ausgestattete Antigrav-Plattformen für Touristen. Je nach Wunsch flogen sie die verschiedenen »Bühnen« an, die zum Schauplatz wurden – von den Planform-Architekten, den »Planetenbauern«, aus dem Boden gestampfte Kunstlandschaften.

Eigentlich stand der gesamte Planet für das Spiel zur Verfügung. Es gab nur zwei Exklaven: die Stadt Mardakka und die Hohe Schule des Nordens. Ohnehin wäre es keinem Touristen eingefallen, ohne Einladung das Gebiet der Upanishad aufzusuchen.

Was gemeinhin als »Spiel des Lebens« bezeichnet wurde, war eine Serie von Spielen. Die Zahl der Teilnehmer war so groß, dass es eine Vorauswahl geben musste. Zahlreiche Vorspiele fanden deshalb auf eigenen Bühnen statt; dort konnten die Kämpfer beweisen, was in ihnen steckte. Die Bewertung richtete sich nach der Kodextreue ihres Verhaltens. Schiedsrichter trafen die Entscheidungen. Wer bestand, rückte eine Runde weiter. Was mit den Verlierern geschah, darüber kursierten in der Öffentlichkeit unterschiedliche Ansichten. Viele von ihnen landeten in den Reihen der Zwangsarbeiter, die ihre Kräfte ein Planetenjahr lang – das waren immerhin elf Jahre terranischer Standardzeit – den Planform-Architekten zur Verfügung stellen mussten. Andere fanden trotz ihres Versagens Zugang zum Tross eines Kriegers. Die Entscheidung lag im Ermessen der Schiedsrichter, deren Stellung somit als äußerst einflussreich eingestuft werden musste.

Die Sieger der letzten Vorspielphasen nahmen am eigentlichen Spiel des Lebens teil, am Großen Spiel, aus dem Graucum die Shada für seine Upanishad rekrutierte. Auch hier waren die Regeln offenbar keineswegs festgeschrieben. So hörte man gerüchteweise, dass einer der Teilnehmer am Endspiel bereits feststehe. Er sei ein Auserwählter des Kriegers Ijarkor und der mächtigste Kämpfer, den die Zwölf Galaxien je gesehen hatten. Informationen dieses Kalibers besaß nur der Panish Panisha, und er ließ nach außen hin nichts verlauten – es sei denn, er verspräche sich etwas davon. Das Gerücht war also entweder falsch oder es beruhte auf Angaben, die Graucum mit Absicht hatte durchsickern lassen.

Wie dem auch sein mochte, die Touristen nahmen das Gerücht für bare Münze. Die Beträge, die auf den unbekannten Superkämpfer als Gewinner gesetzt wurden, machten über 70 Prozent der Gesamtwettsumme aus. Enorme Reichtümer standen somit im Raum, und die Gilde der Spielmacher tat ihr Bestes, um daran teilzuhaben. Die Gilde war ein durchaus gesetzliches Unternehmen. Gemunkelt wurde indes, dass sie ihre Beziehungen hin und wieder nutzte, um den Ausgang eines Spiels zu beeinflussen. Solche Aktivitäten standen außerhalb des Gesetzes. Dass sie nicht strenger geahndet wurden, lag wohl daran, dass Mitglieder der Beamtenhierarchie selbst vom Spielteufel gepackt waren.

Geld spielte auf Mardakaan ohnehin eine merkwürdige Rolle. Dem Besucher wurde auf dem Planeten alles, was er zum Vergnügen, für den Unterhalt, sogar zur Aufrechterhaltung eines luxuriösen Lebensstandards brauchte, unentgeltlich geboten. Bezahlen musste er nur, wenn er spielte – und zum Spielen gab es auf Mardakaan unendlich viele Gelegenheiten. Natürlich kassierte von allem der Staat seinen Obolus. So kam es, dass in einem Land, in dem der Besucher für nichts zu bezahlen brauchte, Geld – besonders jenes, das den Touristen in Form frei verfügbarer Finanzmittel zugänglich war – erste Priorität hatte.

In der Nacht versank die riesige Scheibe der Sonne D'haan für kurze Zeit unter dem Horizont. Reginald Bull erwachte aus leichtem, ohnehin unruhigem Schlaf, weil er ein gedämpftes Klirren vernahm. Er richtete sich auf und schaffte es gerade noch, die automatische Beleuchtung zu unterdrücken.

Das Klirren wiederholte sich. Es war ein merkwürdiges Geräusch, das in ihm längst vergessene Gefühle weckte. Jemand warf Steinchen gegen sein Fenster.

Er stand auf und kleidete sich an, soweit er es für notwendig hielt. Von seinem Schlafraum führte eine Wendeltreppe nach unten und zum Ausgang in den Park. Die Stufen waren für Ophaler gemacht und lagen dicht beieinander, sie erwiesen sich als Qual für schnelle Schritte.

Bull hielt an der Tür kurz inne. Er erwartete, dass Kuursen Ton ihn überwachte. Die Nacht blieb jedoch ruhig.

Es war finster. Die Lichter der Stadt verbreiteten zwar einen diffusen Schimmer, aber die hohen Pflanzen im Park hielten viel davon fern.

»Wer wirft mit Steinen?«, fragte Bull im Flüsterton.

Er hörte einen dünnen Pfiff, nahe der Grenze des Hörbaren und bestimmt nicht einmal zehn Meter weit zu vernehmen. Der Pfiff hatte ihm keine besondere Richtung gewiesen. Bull tastete sich kaum ein paar Schritte voran, da stieß er mit dem Fuß gegen etwas Schweres, Weiches.

»Pass auf, wohin du trittst!«, klang es ihm in Sothalk entgegen.

Er ging in die Knie. Seine Augen hatten sich bereits ein wenig an die Finsternis gewöhnt. Vor ihm auf dem Weg hockte ein kugelförmiges, etwa eine Handbreit durchmessendes Geschöpf. Aus einem Gewirr von struppigen Haaren lugte ein Gesichtchen mit großen, feuchten Augen hervor. Mund- und Nasenpartie waren zu einer stumpfen Schnauze geformt, die einem Schweinerüssel in Miniaturausgabe nicht unähnlich sah.

Unter dem dichten Pelz schnellte ein erstaunlich langer, spindeldürrer Arm hervor. Eine winzige sechsfingrige Hand packte Bull an einem der Haftverschlüsse seines linken Stiefels.

»Wer bist du, und was willst du vor mir?«, fragte der halb belustigt, halb neugierig.

»Dumme Frage«, zischte es. »Stell sie dir selbst. Du bist derjenige, der sich mit Salov in Verbindung setzen wollte, nicht wahr?«

Es kostete Reginald Bull Mühe, seine Überraschung zu verbergen.

»Salov?«, sagte er. »Nie gehört.«

»Deine Zurückhaltung ist lobenswert.« Die Stimme des merkwürdigen Kugelwesens war hoch, aber nicht schrill. »Wer mit Salov Haleph gespielt und lächerliche sechzig Norkys an ihn verloren hat, der braucht danach nicht so zu tun, als kenne er ihn nicht.«

»Du bist recht gut informiert«, meinte Bull. »Doch wer behauptet, dass ich mich mit Salov in Verbindung setzen wollte?«

»Ich bin nicht hier, um Ratespiele zu treiben!«, zeterte die Kugel. »Hast du vor ein paar Stunden versucht, Salov zu erreichen, oder hast du es nicht?«

»Versucht schon, mehr nicht.«

Bulls Misstrauen wuchs. Hatten ihm die Ophaler eine Falle gestellt? Salov gehörte zum Untergrund, daran gab es für ihn keinen Zweifel. Für Graucum wäre es ein gefundenes Fressen gewesen, wenn er ihm zu allem Überfluss eine Verbindung mit der planetaren Unterwelt vorwerfen könnte. Auf der anderen Seite wusste das kleine Haarknäuel Details über sein Zusammentreffen mit Salov. Es war eine vertrackte Situation.

»Ich kam nicht durch«, fuhr er entschlossen fort. »Der Anschluss war nicht mehr aktiv.«

»So hält Salov sich immer raus«, erklärte das Wesen mit dem Rüsselgesichtchen. »Schließlich ist er jemand, den mancher gern erwischen würde. Es ist nicht besonders schwierig, das Logo der Verwaltung zu simulieren, weißt du.«

Reginald Bulls Unbehagen schmolz dahin. Es passte alles zusammen. Einer, nach dem gesucht wurde, musste sich so verhalten.

»Also gut«, sagte er. »Was hast du mir auszurichten?«

Der Kleine reckte sich. Das Händchen ließ Bulls Stiefelschnalle los.

»Ich bin Twik aus dem Volk der Ulupho, aus dem Stamm der Movari, Mitglied der erlauchten Sippe Tantos.« Als Bull eine ungeduldige Geste machte, keifte er: »Lass mich ausreden, du ungehobelter Klotz! Bei uns Ulupho ist es Sitte, dass jeder Namen und Herkunft ausführlich bekannt macht. Nur so kannst du erkennen, dass Salov dir nicht irgendeinen Boten geschickt hat, sondern den würdevollen, stets zuverlässigen Twik.«

Reginald Bull wippte mit dem Fuß.

»Vorsichtig bist du, und Steine kannst du werfen«, sagte er. »Aber wenn wir uns lange mit Vorreden aufhalten, werden die Ophaler aufmerksam. Was dann mit dem würdevollen, stets zuverlässigen Twik geschieht, magst du dir selbst ausmalen.«

»Pffft«, machte es unter dem Rüssel hervor. »Von den Fassbäuchen habe ich nichts zu befürchten. Du schon eher. Also, hier ist Salovs Botschaft: Heute, um vierzehn Uhr Ortszeit, am Platz der Dreizehn Krieger. Du kommst von Westen, aus der Straße Lemma. Wir wissen, dass Kuursen Ton auf dich aufpasst. Salov wird für Ablenkung sorgen. Achte auf ein Fahrzeug mit dem Symbol des Dritten Weges in grüner Farbe. Bring alles mit, was du für eine längere Abwesenheit brauchst. Du kehrst vorerst nicht hierher zurück.«

»Salov bringt mich zur Upanishad?«

»Die Expedition ist jedenfalls zusammengestellt«, bestätigte Twik.

Reginald Bull traf seinen Entschluss in der Sekunde. Gewiss, er ging ein Risiko ein. Wenn er Kuursen Ton abschüttelte, würde er nicht ohne Weiteres zurückkehren können – auch dann nicht, wenn er mit Salov aus irgendeinem Grund nicht einig wurde. Doch irgendwie hatte er Vertrauen.

»Einverstanden«, sagte er. »Ich bin pünktlich zur Stelle.«

»Oh!«, entfuhr es dem Ulupho. »Fast hätte ich etwas Wichtiges vergessen.«

»Was ist das?«

»Bring Geld mit, meint Salov. Es ist nicht billig, eine solche Expedition auszustatten.«

Bull nickte. Dann wandte er sich um und ging zum Haus zurück.

An anderer Stelle gerieten die Dinge ebenfalls in Bewegung.

Am frühen Morgen ließen sich bei Roi Danton und Ronald Tekener zwei Ophaler anmelden. Sie gaben ihre Namen als Tomkan und Veedro an und bezeichneten sich als Unparteiische, Schiedsrichter der Spielverwaltung also. Die beiden Terraner empfingen ihre Besucher in dem Saal, in dem sie mit Graucum konferiert hatten.

»Es ist Zeit, an den Aufbruch zu denken«, sagte Tomkan.

»Aufbruch – wohin?«, fragte Tekener.

»An den Ort des Geschehens«, antwortete Veedro. »Während der ersten Spielphase werdet ihr im Land Beshen eingesetzt.«

»Was ist das Land Beshen? Bislang hat uns niemand über den Verlauf und die Regeln des Spiels aufgeklärt. Wir wissen nur, was wir von Touristen erfahren haben.«

Tomkans Organtrauben zu beiden Seiten des Kopfes zitterten leicht. Die Terraner hatten gelernt, das als Äquivalent eines menschlichen Lächelns zu deuten.

»Kein Kämpfer wird vorher informiert«, sagte der Ophaler. »Die Instruktionen werden erst an Ort und Stelle ausgegeben – und glaubt mir: Ihr werdet sie verstehen.«

Es klang beinahe wie eine Drohung. Danton glaubte zu wissen, was die Ophaler vorhatten. Über die erste Spielphase machte er sich ohnehin keine Gedanken. Was im Endspiel geschah, das allein zählte.

»Wie reisen wir?«, wollte er wissen. »Was nehmen wir mit? Wie lange werden wir abwesend sein?«

»Für euren Transport ist Sorge getragen«, antwortete Veedro. »Ihr müsst uns nur begleiten. Nehmt mit, was ihr für eure Bequemlichkeit braucht; für alles andere ist in Beshen gesorgt. Abwesend sein werdet ihr, bis ihr entweder aus dem Spiel ausgeschieden seid oder es siegreich bestanden habt.«

»Wer begleitet uns?«

»Niemand. Ihr seid von nun an allein.«

Danton sah den Freund an. In Tekeners Narbengesicht zuckte es.

Wir sind und bleiben Narren, dachte Danton grimmig. Warum müssen wir uns überall einmischen?

»Gebt uns eine Stunde Zeit«, bat er die beiden Ophaler. »Das sollte für unsere Vorbereitungen genügen.«

Tomkan und Veedro hatten nichts einzuwenden. Ronald Tekener kehrte in sein Privatquartier zurück und führte ein langes Gespräch mit Jennifer Thyron, die sich an Bord der LASHAT aufhielt. Währenddessen versuchte Roi Danton, sich mit Reginald Bull in Verbindung zu setzen. Aber der älteste Freund seines Vaters war irgendwo unterwegs und reagierte nicht auf den Versuch. Danton hinterließ deshalb eine einfache Nachricht. Danach gönnte er sich ebenfalls ein paar private Minuten und redete mit Demeter, die sich an Bord der LOVELY BOSCYK aufhielt. Er war sauer – auf die Ewigen Krieger, die Sänger von Ophal, die Organisatoren des Spiels des Lebens; vor allem war er sauer auf sich selbst, dass er sich widerstandslos in diese Misere hatte hineinziehen lassen.

3. Koordinator der Gilde

Reginald Bull machte sich mit der Topografie der Stadt vertraut. Wenn er einen Ausflug unternehmen wollte, der ihn zur vereinbarten Zeit an den von Twik genannten Ort brachte, dann musste er erklären können, welche Absicht ihn dorthin führte.

Er fand heraus, dass der Platz der Dreizehn Krieger eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Mardakkas war. Es hatte offenbar vor mehreren Tausend Jahren ein Spiel des Lebens gegeben, in dessen Verlauf sich 13 Teilnehmer so auszeichneten, dass es den Schiedsrichtern schwerfiel, nur einen als Sieger zu definieren. Das erstaunliche Spektakel war darauf hinausgelaufen, dass alle 13 zu Siegern erklärt wurden. Ihnen zu Ehren bestand seither ein Museum, die Galerie der Dreizehn Krieger. Eindrucksvolle Holoramen erweckten dort ihre Heldentaten zu immerwährender Präsenz. In dem Museum herrschte stets Gedränge, vor allem, wenn sich viele Touristen in der Stadt aufhielten. Die beste Besuchszeit war, sobald sich Ophaler und Nichtophaler dem Mittagsmahl widmeten. Das alles schien Salov bedacht zu haben, damit Kuursen Ton keinen Verdacht schöpfen würde. Bull war beeindruckt.

Er informierte Jo Polynese. Innerhalb seines Wohnbereichs konnte er sich frei mit jedermann unterhalten, in diesen Räumen gab es weder akustische noch optische Spione.

Die beiden Siganesen Susa Ail und Luzian Bidpott, die sich in Polyneses Innerem verborgen hatten, spielten in Bulls Planung eine wichtige Rolle. Von ihrer Existenz wusste kein Ophaler. Susa maß knapp über zehn Zentimeter, Luzian fast elfeinhalb. Sie konnten in Bereiche vordringen, zu denen normal großen Menschen der Weg versperrt war. Und vor allem: Kaum jemand nahm sie wahr oder erwartete derart kleine Intelligenzen.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, wandte Reginald Bull sich an Kuursen Ton.

»Das ist ein Ausflug, der sich lohnt«, bestätigte der Schiedsrichter sogar. »Die Geschichte der Dreizehn Helden ist faszinierend. Ich selbst war wenigstens zwanzigmal in der Galerie.«

Sie vereinbarten den Aufbruch für kurz vor 14 Uhr. Bull wusste bereits, dass der kürzeste Weg über die Straße Lemma führte. Er legte Wert darauf, dass er sein eigenes Fahrzeug benutzen könne und Kuursen Ton ihm mit seinen Begleitern in einem zweiten folgte. Der Schiedsrichter erhob keinen Einwand.

Beide Schweber stiegen automatisch auf eine der für den stadtüberquerenden Verkehr zugelassenen Flughöhen. Erst in Zielnähe sanken sie tiefer. Die Straße Lemma war eine reine Fahrstraße; Schweber aller Typen glitten, von der Funkleitung zu Kolonnen geordnet, gleichmäßig in beiden Richtungen dahin. Die Flugebenen lagen bei acht, 16 und 24 Metern. Bulls Schweber gelangte auf die unterste Ebene, von Kuursen Tons Fahrzeug gefolgt. Vor der Einmündung auf den Platz der Dreizehn Krieger weitete sich die Straße. Auf dem Platz gab es auch Fußgängerverkehr; die Funkleitung verringerte daher die Geschwindigkeit.

»Ich glaube, es geht los«, bemerkte Polynese.

Am Rand des Platzes war ein Blitz aufgezuckt. Der Schweber ruckte plötzlich, ein Alarmsignal schrillte, und der Autopilot warnte: »Manuellsteuerung übernehmen! Das Funknetz ist gestört!«

Reginald Bull griff in die Kontrollen. Sein Fahrzeug neigte sich schon der Straßenoberfläche entgegen; er fing es rechtzeitig vor dem drohenden Aufprall ab.

»Wir kehren um und versuchen es von Süden her!«, entschied Kuursen Ton über Funk. »Da vorn scheint es einen Unfall gegeben zu haben.«

»Kann nicht!«, stieß Bull gepresst hervor und fluchte, als habe er Mühe mit den Kontrollen. »Das Ding stürzt ab, wenn ich es jetzt in eine Wende zwinge.«

Kuursen Ton schwieg. Bull stellte fest, dass der Aufpasser nahe hinter ihm blieb. Ahnte der Schiedsrichter, dass der Unfall arrangiert war?

Dicht über dem Boden glitt der Schweber weiter. Auf den höheren Ebenen herrschte Verwirrung. Es kam zu mehreren Zusammenstößen, die jedoch ungefährlich blieben, weil die Geschwindigkeit der Fahrzeuge drastisch vermindert worden war. Bulls Achtung für Salov wuchs. Es gehörte einiges dazu, das Funkleitsystem derart aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Die Gebäude zu beiden Seiten der Straße blieben zurück, der Platz war erreicht. Das qualmende Wrack eines Schwebers lag am Boden. Das Fahrzeug musste explodiert sein; die Karosserie war jedenfalls eine zerknüllte Masse zur Hälfte geschmolzenen Polymermetalls. Das grelle Aufleuchten vorhin war der Explosionsblitz gewesen.

Bull schaute sich um und hielt geradewegs auf den Platz hinaus. Kuursen Ton war knapp 30 Meter hinter ihm. Von rechts taumelte ein wuchtiger Transporter heran; das Gefährt schien außer Kontrolle geraten. Einen Augenblick befürchtete Bull dass es ihn erwischen musste, dann erkannte er, dass der Transporter erst etliche Meter hinter ihm die Bahn kreuzen würde. Über Funk hörte er Kuursen Ton schrill aufschreien.

»Weich aus, du Narr! Wir sind ...«

Die Stimme verklang in dumpfem Dröhnen. Der Transporter war mit Tons Fahrzeug zusammengestoßen. Der Ophaler hatte zwar in letzter Sekunde die Geschwindigkeit reduzieren können, verhindert hatte er den Unfall nicht mehr. Beide Fahrzeuge sackten ineinander verkeilt zu Boden. Bull sah, dass sich in dem kleineren Schweber der Ausstieg öffnete und der Schiedsrichter herauskam, vor Entrüstung mit allen Tentakeln fuchtelnd.

»Wir sind am Ziel«, sagte Jo Polynese ruhig.

Unmittelbar vor ihnen schwebte ein langes Fahrzeug, auf dessen Bordwand das Symbol des Dritten Weges prangte: das gleichseitige Dreieck mit drei Pfeilen, die aus dem Mittelpunkt zu den Ecken wiesen. Das Zeichen leuchtete in grüner Farbe.

Reginald Bull ließ seinen Schweber zu Boden sinken. Er und Polynese stiegen aus. Der lange Gleiter setzte ebenfalls auf, eine Öffnung entstand in seiner Seitenwand. Jo Polynese sprang nach innen. Bull schaute noch einmal in die Runde, Kuursen Ton war nirgendwo zu sehen, dann folgte er dem Cyborg.

»Willkommen«, empfing ihn Salov, der an den Steuerkontrollen saß.

Bull konnte nicht anders, er musste seiner Begeisterung freien Lauf lassen. »Das war großartig inszeniert!«, rief er.

Salov steuerte eine Ausfallstraße an, von der aus er zu einer der Ebenen des stadtüberquerenden Verkehrs emporstieg.

Das große Fahrzeug war spartanisch eingerichtet. Die einfachen Sitzbänke hätten 20 Passagieren Platz geboten. Die Kommunikation war auf eine Nachrichtenstation justiert; soeben wurde der vorübergehende Ausfall des Funkleitsystems im Bereich des Platzes der Dreizehn Krieger gemeldet. Bull hörte aufmerksam hin. Ein explodierendes Fahrzeug hatte den Ausfall verursacht. In der nachfolgenden Verwirrung war es zu zahlreichen Kollisionen gekommen. Personen waren nicht verletzt worden, jedoch erheblicher Sachschaden entstanden. Auch der weithin bekannte Schiedsrichter Kuursen Ton sei in die Unfallserie verwickelt worden, wusste der Sprecher zu berichten.

»Kein Wort davon, dass wir ihm entwischt sind?«, fragte Bull.

»Das wird die Öffentlichkeit bestimmt nicht erfahren«, klärte ihn Salov auf. »Es ist Kuursen Ton peinlich genug, dass ihm so etwas passieren konnte. Er ist ein wichtiger Mann in der Hierarchie von Mardakaan. Er kann Nachrichten lancieren und unterdrücken, wie es ihm beliebt. Seine größte Sorge dürfte momentan sein, wie er sich vor Graucum rechtfertigt.«

In der Luft blitzten unterschiedliche Farbmarkierungen. Der Gleiter näherte sich der Energiekuppel um die Stadt. Die blitzenden Lichter markierten einen der Korridore, die zur nächsten Strukturlücke führten.

»Was hast du vor?«, wollte Bull wissen.

»Mein Plan reicht nur wenige Minuten weit«, antwortete Salov. »Es ist möglich, dass dieses Fahrzeug beobachtet wurde. Wir müssen uns deshalb schnell davon trennen. Ich habe eine kleine Gruppe von Spezialisten zusammengestellt, die bereit sind, dich zur Upanishad zu begleiten. Die Gruppe wartet außerhalb der Stadt an einem Ort, an dem ich den Gleiter gut verbergen kann. Bis dahin reicht meine Planung, alles Weitere ist dir überlassen.«

Er warf Bull einen prüfenden Blick zu. »Ich sehe, du bist ohne Gepäck, dafür mit einem Begleiter gekommen.«

»Was ich brauche, trage ich bei mir.« Reginald Bull klopfte auf eine der Taschen seiner Kombination. »Und Jo ist der Experte unter den Experten. Wenn es rings um die Schule Hindernisse gibt, wird er sie aus dem Weg räumen.«

Das Land unter dem Gleiter bestand aus Geröllebenen und flachen Höhenzügen. Mardakaan war eigentlich eine Wüstenwelt. Nur dort, wo die Planform-Architekten am Werk waren, gab es Vegetation, Flüsse, Seen und ausgeprägte Gebirgsstöcke.

Salov hielt auf eine der steinigen Hügelketten zu, glitt in geringer Höhe über eine der Kuppen hinweg und schwenkte in ein weites Tal ein. Dessen Verlauf folgend, erreichte der Gleiter nach kurzer Zeit eine vorgeschobene Felsformation. Erst aus der Nähe war zwischen zwei einzeln stehenden Felsblöcken undeutlich der Eingang einer Höhle zu sehen.

Der Anblick, der sich ihm bot, kaum dass sie den Höhlenmund passiert hatten, ließ Bull staunen. In einem Gewölbe von gut 80 Metern Durchmesser standen mindestens ein Dutzend Fahrzeuge unterschiedlicher Größe. Eine kräftige Heliolampe unter der gut 30 Meter hohen Decke verbreitete tagesgleiche Helligkeit. Bis auf die Fahrzeuge schien die Felsenhalle verlassen zu sein.

»Ein unverhältnismäßig großer Aufwand für eine Expedition zum Nordpol, oder?«, bemerkte Bull.

»Deine Expedition kommt mit einem einzigen Fahrzeug aus«, antwortete Salov hörbar amüsiert. »Die Höhle ist allerdings ein Sammelpunkt, an dem wir einen Teil unserer Gerätschaften unterbringen.«

Bull schwieg, und Salov fuhr nach kurzer Pause fort: »Du machst dir Sorge, dass dein Vorhaben zu teuer wird?«

»Die Frage, wie viel das alles kostet, ist mir in der Tat durch den Kopf gegangen«, gab der Aktivatorträger zu. »Meine Mittel sind keineswegs unbegrenzt. Außerdem bin ich der Ansicht, dass beim Vorstoß zum Nordpol ein kleiner, unauffälliger Trupp bessere Erfolgsaussichten hat als ein umfangreiches Expeditionskorps.«

»Mach dir keine Sorge«, beruhigte ihn Salov. »Du bekommst genau die Truppe, die du haben willst. Und zu teuer werde ich es dir bestimmt nicht machen.«

Im Hintergrund der Höhle lagen kleinere Räume, die als Quartier für die Besatzung gedacht waren. Je mehr Reginald Bull von der Anlage im Felsmassiv sah, desto deutlicher wurde ihm, dass Salov keineswegs ein dahergelaufener Geschäftemacher sein konnte. Der Mann verdiente sein Geld bestimmt nicht damit, dass er wahllos Fremde aufgriff und ihnen illegale Dienstleistungen vermittelte. Hier existierte eine mit großem Organisationstalent aufgezogene und mit enormen Mitteln ausgestattete Untergrundorganisation, in der Salov eine wichtige, wenn nicht gar die tonangebende Rolle spielte.

Die Einrichtung der Unterkünfte variierte von Raum zu Raum; selbst Größe und Form der Räume waren verschieden. Das alles gab Aufschluss darüber, dass Salovs Organisation sich aus Mitgliedern verschiedener Spezies zusammensetzte.

In einem dieser Räume hatte Reginald Bull während der letzten Stunden Auslese gehalten. Ihm waren nacheinander die Personen vorgestellt worden, von denen Salov meinte, dass sie ihm von Nutzen sein könnten. Bull hatte sich mit allen unterhalten, hatte sich ihre Fähigkeiten demonstrieren lassen – und dann seine Wahl getroffen. Nur für zwei hatte er sich entschieden: Twik, der Ulupho, und Chimba, der Droide.

Twik kauerte auf dem Tisch, ein struppiges, schwarzbraunes Pelzknäuel. Nicht einmal im grellen Schein der künstlichen Beleuchtung war zu erkennen, wie viele Gliedmaßen er besaß. Die Art, wie er sich bewegte, deutete darauf hin, dass er wenigstens sechs Beine zur Fortbewegung benutzte. Twik war extrem flink. Wenn er von einer Seite des Tisches zur anderen rannte, sah es aus, als schösse eine Kanonenkugel durch den Raum. Merkwürdig stach das helle, fast weiße Gesichtchen mit der rüsselförmigen Schnauze gegen die dunkle Haarpracht ab. Die dunklen Knopfaugen blickten wach und intelligent.

Mit erstaunlich kräftiger Stimme brachte Twik hervor: »Du wirst es nicht bereuen, mich ausgewählt zu haben, Vironaut. Wir Ulupho, besonders die Movari und in allererster Linie die von der Sippe Tantos, sind tapfer und treu. Unser Mut kennt keine Grenzen, und in unseren zierlichen Körpern wohnen Kräfte, die die Welt aus den Angeln heben können.«

Reginald Bulls Wahl war allerdings wegen eines anderen Aspekts auf den Ulupho gefallen. Twik hatte sich gerühmt, gewisse parapsychische Fähigkeiten zu besitzen. Er war nicht wissenschaftlich geschult; deshalb hatte er die Art seiner Begabung nicht besonders klar ausdrücken können. Da sein Gehabe ohne Weiteres als großsprecherisch bezeichnet werden konnte, hatte Bull den Beteuerungen zunächst misstrauisch gegenübergestanden. Twik hatte ihn jedoch überzeugt, ohne es bewusst zu wollen. Während der Unterhaltung war Jo Polynese eingetreten. Bull hatte ihn dem Ulupho vorgestellt, und Twik hatte zu dem Hünen aufgeblickt und Jo in eigenartigem Tonfall gefragt: »Bist du sicher, dass du allein bist?«

Der Cyborg hatte lachend geantwortet: »Falls sich nicht mein Alter Ego hier als Gespenst herumtreibt – gewiss doch.«

Und Twik hatte, wobei er den Rüssel merkwürdig rümpfte, vor sich hin gemurmelt: »Seltsam. Ich hätte geschworen, ihr wäret drei.«

Bull war davon überzeugt worden. Die Bewusstseine der beiden Siganesen, die sich in Jo Polyneses Leib aufhielten, waren dem psionischen Spürsinn des Ulupho nicht entgangen.

Chimba hingegen war ein ganz und gar absonderliches Geschöpf. Sein Bewusstsein und Teile des Körpers waren die eines Nyundo. Die Nyundo waren, so erzählte er, ein ehrwürdiges, altes Volk mit hoch entwickelter Zivilisation, dessen Stammwelt nahe dem Zentrum der Galaxis Siom Som lag, im Bereich der Heraldischen Tore. Im Dienst des Ewigen Kriegers hatte Chimba sich viele Verletzungen zugezogen, die letzte so schwer, dass er nur mithilfe eines synthetischen Ersatzkörpers weiterzuleben vermochte. Anstatt sich von der Trostlosigkeit seines Geschicks deprimieren zu lassen, hatte er aus der verfahrenen Situation das Beste gemacht. Er hatte Wert darauf gelegt, dass nur die wertvollsten Materialien und die perfektesten Mechanismen zur Stützung seines malträtierten Körpers verwendet wurden. Er hatte es auch keineswegs bei der lebensrettenden Operation bewenden lassen. Vielmehr war er bei etlichen Spezialisten, die sich mit der Rekonstitution extrem geschädigter, lebensunfähiger Leiber befassten, Stammkunde geworden. Bei jeder Gelegenheit hatte er sich ein neues Gerät, eine weitere Funktion implantieren lassen. Im Lauf der Jahre war er so zum wandelnden Werkzeugkasten geworden, einem Roboter viel ähnlicher als einem organischen Wesen. Chimba sah aus wie eine surrealistische Skulptur, zusammengesetzt aus Dutzenden von Kasten und Kästchen, Behältern, Schalen, Scheiben, Antennen und Kristallfragmenten. Irgendwo lugte ein großes blaues Auge aus dem Durcheinander hervor, eines der wenigen übrig gebliebenen Originale des Nyundo-Körpers. Chimba hatte einst drei Augen besessen; zwei waren ihm abhandengekommen.

Immerhin: In dem etwa eineinhalb Meter hohen Gerätekonglomerat, das sich auf unsichtbaren Extremitäten bewegte und hin und wieder sogar schwerelos durch die Luft glitt, existierte ein Bewusstsein. Chimba artikulierte sich über eine Sammlung von Synthesizern. Es geschah selten, dass er zwei Sätze mit derselben Stimme sprach. Die Akustikausgänge waren über den ganzen Körper verteilt.

Im Gegensatz zu Twik war Chimba ein überaus bescheidener Charakter.