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Die Spiele der hundert Völker - und die Botschaft der 300 Fragen Im Frühjahr 1346 Neuer Galaktischer Zeitrechnung steht die Menschheit vor der größten Bedrohung ihrer Geschichte. Die Terminale Kolonne TRAITOR hat die Milchstraße besetzt und alle bewohnten Planeten unter ihre Kontrolle gebracht. Die gigantische Raumflotte steht im Dienst der sogenannten Chaotarchen. Deren Ziel ist, die Ressourcen der Milchstraße auszubeuten, um die Existenz der Negasphäre in Hangay abzusichern: einem Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und herkömmliche Naturgesetze enden. Als Atlan, der unsterbliche Arkonide, eine Expedition nach Hangay führt, weiß er, dass dort bereits der legendäre Generationenraumer SOL verschollen ist. Die SOL befand sich seit einiger Zeit in der Hand von TRAITOR, doch Ronald Tekener und die Mom-Serimer konnten die Kontrolle über ihr Raumschiff wiedergewinnen - direkt unter den Augen eines Progress-Wahrers. Damit sind sie allerdings längst nicht aus der Gefahrenzone. Ihr Schlüssel zur Freiheit sind möglicherweise DIE LETZTEN VIERZIG...
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Seitenzahl: 119
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nr. 2441
Die letzten vierzig
Die Spiele der hundert Völker – und die Botschaft der 300 Fragen
Leo Lukas
Im Frühjahr 1346 Neuer Galaktischer Zeitrechnung steht die Menschheit vor der größten Bedrohung ihrer Geschichte. Die Terminale Kolonne TRAITOR hat die Milchstraße besetzt und alle bewohnten Planeten unter ihre Kontrolle gebracht.
Die gigantische Raumflotte steht im Dienst der sogenannten Chaotarchen. Deren Ziel ist, die Ressourcen der Milchstraße auszubeuten, um die Existenz der Negasphäre in Hangay abzusichern: einem Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und herkömmliche Naturgesetze enden.
Als Atlan, der unsterbliche Arkonide, eine Expedition nach Hangay führt, weiß er, dass dort bereits der legendäre Generationenraumer SOL verschollen ist. Die SOL befand sich seit einiger Zeit in der Hand von TRAITOR, doch Ronald Tekener und die Mom’Serimer konnten die Kontrolle über ihr Raumschiff wiedergewinnen – direkt unter den Augen eines Progress-Wahrers. Damit sind sie allerdings längst nicht aus der Gefahrenzone. Ihr Schlüssel zur Freiheit sind möglicherweise DIE LETZTEN VIERZIG …
Ronald Tekener – Der Smiler entsinnt sich alter USO-Tricks.
Davam-Düür – Die Attavenno muss gute Miene zu bösen Spielen machen.
Lyngiffer Xath – Der Ganschkare terrorisiert ein ganzes Sonnensystem.
Sinco Venethos, Gurli Grushgelaard und Trest Harkanvolter –
Die Einladung
Euer Eparch lässt verlautbaren:
In Unserer grenzenlosen Weisheit und Milde gefällt es Uns, einen weiteren Meilenstein der Wohltätigkeit zu setzen. Die Bewohner der Stadt und des Erdkreises, aller Monde und Asteroidenfelder rufen Wir auf, mitzuwirken am edlen Werke.
Welches sich ergibt wie folgt: In wenigen Kleinzyklen begehen Wir – und ihr – den ersten Jahrestag Unserer ebenso sanftmütigen wie umsichtigen Regentschaft über dieses Sonnensystem sowie eurer Aufnahme unter Unseren gnädigen, wärmenden und behütenden Schutzmantel.
Toll, nicht?
Dem Anlasse geziemend, wollen Wir ein Fest ausrichten, Lustbarkeiten über Lustbarkeiten arrangieren, insgesamt eine großartige Freudenfeier abhalten lassen, wie sie im ganzen Sektor Vallataum noch nie da gewesen ist.
Ja, so sind Wir eben: Nur das Beste ist Uns gut genug für Unsere Anbefohlenen.
Im nie erlahmenden Bestreben, Unsere Mündel anhaltend, einschneidend und tief greifend zu beglücken, verfielen Wir auf die gloriose Idee, dass es sich um eine mehrtägige Huldigung nicht nur Unserer Person, sondern auch ganz allgemein der geistigen und körperlichen Spitzenleistungen handeln möge.
Die Perlen der Poesie sollen gleichermaßen erglänzen wie die Rekorde der Leibesertüchtigung, die Preziosen der Wissenschaften genauso kristallklar leuchten wie die Ergüsse der schönen Künste.
Ahnt ihr vielleicht, was Wir euch ausloben, wozu Wir euch anleiten mit väterlich sachter Hand? In der Tat, eure geheimsten Sehnsüchte werden wahr.
Wir künden hiermit an – die Elysischen Wettspiele von Tablo Guz!
Singt für Uns, tanzt für Uns; lauft und springt, schwimmt und ringt für Uns! Erschafft Skulpturen aus Licht, Wonne und Übermut; präsentiert das Gewerbe, das Handwerk, die Forschung, die Philosophie!
Alles wird bewertet werden, ausgezeichnet mit hohen, höchsten, horrenden Preisen. Ihr wisst, dass Wir uns nicht lumpen lassen, wenn es darum geht, die Produkte eurer Arbeit zu adeln und einer veredelten, gepflegteren Nutzung zuzuführen. Und bei allem Eifer bedenket immer: Nicht der Sieg, die Anwesenheit ist wichtig.
Wir jubeln bereits im Voraus. Und auch ihr habt zu jubeln; Gelegenheit wird sich reichlich ergeben.
Eins noch: Es ist wohl müßig zu erwähnen, dass Wir Uns friedliche, harmonische, von Zwist, Hader und dummen Protesten ungestörte Spiele wünschen.
Dafür werden Wir sorgen, notfalls mit Waffengewalt.
Dunkle Stunde
»Bück dich, Bürgermeisterin!«
Sie musterte den Soldaten von unten nach oben, bis sich ihre Blicke trafen. Er war doppelt so groß wie sie und um ein Vielfaches massiger. Dennoch fühlte er sich ihr gegenüber in seiner schwer gepanzerten Uniform merklich nicht besonders wohl.
»Du bist neu hier, nicht wahr?«
Es war keine Frage, und der Soldat gab auch keine Antwort darauf. Aber seine stocksteife Körpersprache brachte zum Ausdruck, dass er auf der Forderung beharren würde.
Weil er musste. Weil er sich sonst selbst Schwierigkeiten einheimste, und das nicht zu knapp.
»Schon gut«, sagte Davam-Düür. »Wie tief, befindet der Erhabene momentan, steht mein Mond in Relation zu seiner Sonne?«
Sie merkte, dass sie den armen Kerl, der die Rangabzeichen eines einfachen Daerba trug, mit ihrem Sarkasmus überforderte. »Anders ausgedrückt, wie weit soll ich mich hinunterbeugen?«
»Äh …« Der Mor’Daer klopfte sich ans einzige Knie seines rechten Beins. »Etwa auf diese Höhe.«
Sie gab einen Laut von sich, der sowohl erleichtert als auch belustigt klang. »Scheint heute guter Dinge zu sein, unser aller Herr und Meister, hm?«
Abermals enthielt der Wächter sich einer Entgegnung. Er fuhr nur verlegen die dreigespaltene Zunge aus und wieder ein. Die Schuppen seiner Oberschnauze verfärbten sich weißlich.
Davam-Düür befand, dass sie ihn genug getriezt hatte. Sie faltete die Sehschwingen züchtig zusammen und krümmte ihren Rücken, bis sich der höchste Punkt einen Fingerbreit unter der avisierten Markierung befand. »So genehm?«
Der Schlangenköpfige vollführte eifrig eine Geste der Bejahung, die er mit einer etwas zu schwungvoll einladenden Armbewegung noch unterstrich. »Tritt näher, Bürgermeisterin!«
Sie erklomm in weiterhin devoter, durchaus unbequemer Haltung die Stufen, die selbst bei aufrechtem Gang für ihre Proportionen zu hoch gewesen wären. Auf der Plattform vor dem Eingangstor angelangt, konnte sie es sich nicht verkneifen, innezuhalten, sich umzudrehen und die Stadt zu betrachten.
Ihre Stadt: Tablo Guz, die Insel der Seligen.
*
Der Stadtkern lag auf einer Halbinsel. Streng genommen wurde er sogar zu sechs Siebenteln seines Umfangs von Wasser begrenzt.
Ogitz, der breite, träge Hauptstrom des Kontinents, bildete an dieser Stelle eine weit ausladende, sich jedoch an der engsten Stelle beinahe selbst berührende Schleife. Sie umfloss sieben fruchtbare Schwemmkegel, auf denen sich schon in grauer Vorzeit Davam-Düürs Ahnen angesiedelt hatten.
Damals hatten Äcker und Weiden die Landschaft geprägt. Heute stapelten sich die Häuser übereinander. Im Lauf der Jahrtausende waren immer wieder Gebäude auf den Fundamenten, Ruinen oder Basisgeschossen früherer Generationen errichtet worden.
Wegen der beschränkten Grundfläche musste zwangsläufig mehr und mehr in die Höhe gebaut werden. Jede neue Technologie stachelte die Architekten zu noch gewagteren vertikalen Konstruktionen an, brachte die Stadt auf der Flussinsel dem Himmel noch ein paar Stockwerke näher.
Da allerdings die Zuwanderung ungebrochen anhielt, sah man sich schließlich gezwungen, über die von einem Urgesteinskamm gebildete Landbrücke ins Hinterland zu expandieren. Das war lange vor Davams Geburt gewesen. Die Gründung dieser »Neustadt« lag inzwischen fast fünf Jahrhunderte zurück.
Die modernen Bauwerke übertrafen jene der »klassischen« Periode an Kühnheit und Formenreichtum. Aber von ihnen sah Davam-Düür momentan nichts. Sie blickte auf die Altstadt hinab, die sich unter der stählernen, eklig überdimensionierten Treppe ausbreitete.
Es war Abend, die Sonne bereits unter-, erst einer der drei Monde aufgegangen, der kleinste, am weitesten entfernte. Früher hatte man diese dunkelste Stunde der Nacht genutzt, um Feuerwerke abzubrennen. Zusätzlich hatte jedes Viertel, jeder Block, jedes einzelne Haus die anderen mit kunstvollen Lichtinstallationen zu überflügeln versucht, von einfachen Lampen-Arrangements über Holografien bis zu formenergetischen Materie-Projektionen.
Selbst der Hyperimpedanz-Schock hatte diese Tradition nicht gebrochen, auch wenn die Mittel einfacher geworden waren, deren man sich bedienen konnte. Egal: Die Bewohner der Metropole galten nicht umsonst als unerschütterlich und erfinderisch.
Tablo Guz, die Selige, Elysische, Erleuchtete, hatte ihrem Namen trotzdem alle Ehre gemacht.
Bis vor knapp einem Jahr …
Seither bedeckte trübe Dämmernis die Türme, deren schemenhafte Silhouetten sich wie braune, verdorrte Lanzettgras-Blätter dem Firmament entgegenreckten. Nur bestürzend wenige spärlich erhellte Fenster zeugten von Leben, wo ehedem überschäumende Vitalität die Nacht zum wahren Tag gemacht hatte.
Die Straßenschluchten, vormals reich illuminiert und durchpulst von unbekümmerter Daseinsfreude, lagen verwaist in tiefschwarzen Schatten. Tristesse herrschte in Tablo Guz, und bedrückende Stille statt der früher allgegenwärtigen Musik, der fröhlichen oder traurigen, von Liebe oder Leid kündenden Gesänge aus verschiedensten Kehlen, Membranen und sonstigen Stimmorganen.
Die Bürgermeisterin erinnerte sich gut an ihre Stadt. Wunderschön war sie gewesen, ein ebenso friedvoller wie geschäftiger Schmelztiegel der Völker und Kulturen.
Bis die Traitanks gekommen waren.
*
Manche behaupteten, der beste Platz, eine Ansiedlung zu betrachten, sei von ihrem hässlichsten Gebäude aus; weil einem dessen Anblick dann logischerweise erspart blieb.
Auf Tablo Guz traf dies ganz besonders zu. Der Bürgermeisterin brach schier das Herz, wenn sie ihre Sehschwingen auf die entseelte Altstadt gerichtet hielt. Aber den Magen drohte es ihr zu heben, als sie sich wieder umwandte und, immer noch in gekrümmter Haltung, über den kalten, dumpfgrauen Stahl der Plattform auf das monströse Portal zuging.
Die Kuppel, in deren Wandung es eingelassen war, bestand aus einem fast schwarzen, seltsam schimmernden, glatten, dennoch unstet strukturierten Material, das ebenso wenig auf diese Welt gehörte wie die ganze Konstruktion. An sich war sie gar nicht hervorstechend groß. Weder an Höhe noch an Volumen, schon überhaupt nicht an architektonischer Qualität konnte sie es mit den Wolkenkratzern der Metropole aufnehmen.
Den Unterschied machte der Ort, an dem die Kuppel stand: mitten auf dem schmalen Hügelkamm zwischen Alt- und Neustadt. Bevor die Invasoren den Fremdkörper dorthin geklotzt hatten, kunstlos in Fertigbauweise zusammengeschustert, war dies der wichtigste und daher am meisten frequentierte Verkehrsknotenpunkt von Tablo Guz gewesen.
Die Straßen für Rad- und Luftkissenfahrzeuge, die Leitschienen und Röhren der Schwebebahnen, die Rollsteige für die Fußgänger und Duofahrer – sämtliche Verkehrswege führten ober- oder unterirdisch über diese Schnittstelle zwischen der Insel und dem Hinterland. Sogar die Luftkorridore der Prallfeld-Gleiter verliefen parallel zur Landbrücke, weil der Fluss Ogitz von alters her als heilig galt und nach Möglichkeit nicht von profaner Technik verunreinigt werden sollte.
Just auf diese Kuppe, an die heikelste Stelle der ganzen Stadt, setzten die neuen Herrscher ihre Machtzentrale. Nicht etwa aus Unsensibilität, ganz im Gegenteil: Die Wahl dieses Standorts demonstrierte, ja manifestierte brutales, hemmungsloses Geltungsbedürfnis.
Zwar bestanden die Verbindungen von hüben nach drüben in eingeschränktem Maß weiter. Jedoch konnten sie jederzeit abgesperrt werden, beispielsweise durch eine simple Energieschranke, die von der Kuppel aus errichtet wurde und auch die Tunnel blockierte.
Wir klemmen euch die Lebensader ab, hieß das, wann immer Wir wollen.
Wobei das »Wir«, großgeschrieben, für den Statthalter der Terminalen Kolonne TRAITOR stand, für Kalbaron Lyngiffer Xath.
*
»Ich grüße Euch untertänigst, o huldvoller Eparch, Krone der Gelehrsamkeit, Quell von Labsal und Erbauung! Gewährt Ihr mir Nichtswürdigem, meine von Sünden befleckten Schwingen zu erheben und Euch in Eurer Glorie zu schauen?«
»Aber gewiss doch, freilich, geschätzte Bürgermeisterin, steh auf, bitte schön, tritt näher, nimm Platz! Ts-ts-ts … Wie kommt ihr lieben Leutchen nur immer auf diese entzückend blumigen Ausdrücke für die aufrichtige Zuneigung zu eurem Gönner?«
Das wusste Lyngiffer ebenso gut wie Davam-Düür: Sein eigener Adjutant hatte ihr die Folie zugesteckt, von der sie jenen Begrüßungstext ablas, an dem sich der Despot heute ergötzen wollte. Dass sie beide so taten, als himmle sie ihn aus freien Stücken und ehrlicher Bewunderung an, verstärkte ihre Demütigung und erhöhte seinen Genuss.
Sie richtete sich auf, ging zum Tisch und erkletterte den Stuhl, der wie alle Möbelstücke in der Station zu groß dimensioniert für Attavennok war. Die Sitzgelegenheit ließ sich beliebig verstellen; sie an Davams Körpermaße anzupassen hätte keinerlei Aufwand erfordert. Aber so konnte sich Lyngiffer Xath natürlich viel besser an seiner Überlegenheit weiden.
Der Ganschkare lümmelte im nach hinten gekippten Lehnsessel. Zerzaust standen die grauen Federn vom schmalen Schädel ab. Schnabel und Uniform waren mit Flüssigkeitsspritzern und Speiseresten bekleckert.
Seine Ungepflegtheit und der verlotterte, müllverseuchte Zustand des ganzen Büros standen in scharfem Kontrast zu Lyngiffers manierierter, salbungsvoller Sprechweise. »Wir geruhen, dich zu empfangen, werte Bürgermeisterin, weil Uns dünkt, dass es mit den Vorbereitungen für die Eröffnungszeremonie der Elysischen Spiele nicht zum Besten steht.«
»Ich garantiere Euch, dass das Stadion rechtzeitig fertiggestellt wird, o Eparch. Wir arbeiten mit sämtlichen verfügbaren Kräften die ganze Nacht hindurch. Seid versichert, die Zeremonie wird morgen wie von Euch ersonnen über die Bühne gehen.« In Wirklichkeit war die ganze Stadt, ja der ganze Planet zur Bühne für Lyngiffers Großmannssucht verkommen.
»Wir wollen auf keinen Fall, dass Unsere Anbefohlenen enttäuscht werden. Sie freuen sich doch schon so sehr auf die Spiele. Nicht wahr, Bürgermeisterin?«
»Ungeheuerlich, o Eparch.«
Lyngiffer griff in die Schüssel, die er auf den Knien balancierte, schaufelte eine Handvoll hellblauer, fingerlanger, sich windender Würmer heraus und stopfte sie sich in den Schnabel, wobei grellrote Sauce auf seine Uniform tröpfelte. »Mmmh, köstlich. Möchtest du auch?«
»Danke, Erlauchter! Diese Götterspeise ist für mindere Wesen wie mich nicht geeignet.« Selbstverständlich wusste er das. Die Würmer wurden nur für ihn täglich frisch von der anderen Hemisphäre des Planeten eingeflogen.
Er nickte schlürfend. »Sind die Abordnungen der hundert Völker gut angekommen?«
»Sie haben im Elysischen Dorf Quartier bezogen.«
»Vollzählig? Uns wurde zugetragen, es handle sich bislang erst um neunundneunzig Delegationen.«
Daher wehte also der Wind. Lyngiffer wollte ihr Säure auf der Blessur verreiben.
Im Cricker-System, das vor der Erhöhung des Hyperphysikalischen Widerstands eine gewisse Bedeutung als regionaler Handelsplatz besessen hatte, lebten die Angehörigen einiger Dutzend Ethnien. Aber hundert verschiedene zusammenzubringen, wie der Despot es sich einbildete, war ein Ding der Unmöglichkeit.
Davam-Düür hatte bereits getrickst, indem sie umweltangepasste Zweigvölker wie etwa die von den Hauri abstammenden Khorra oder diverse im Asteroidengürtel verstreute Unterarten der Coupellaren als eigene Völker wertete. Aber selbst damit kam sie nur auf insgesamt 99 Teilnehmernationen.
»Es täte Uns sehr leid, wenn es bei dieser unschönen Zahl bliebe. Gewiss, in der allergrößten Not, falls gar nichts anderes hülfe, würden Wir in Unserer sprichwörtlichen Barmherzigkeit Uns dazu breitschlagen lassen, einige Unserer Soldaten, Techniker und Wissenschaftler als Teilnehmer abzustellen, wiewohl Wir unter eklatantem Personalmangel leiden. Aber es ist ja für einen guten Zweck. Unsere Mannen könnten dann, als Vertreter der Terminalen Kolonne, zusammen quasi das hundertste Volk bilden. Hältst du das nicht ebenfalls für eine blendende Lösung?«
»Ich habe sie schon euphorisch begrüßt, als Ihr sie mir das erste Mal unterbreitet habt, o Eparch. Jedoch hoffe ich nach wie vor, nicht auf dieses Euer überaus nobles Angebot zurückgreifen zu müssen.«
»Wir werden sehen, allerwerteste Bürgermeisterin, Wir werden sehen. Sei getrost, so oder so marschieren morgen hundert Völker ins Elysische Stadion ein. Du darfst dich nun in deinen eigenen, sicherlich wohlgesetzten Worten bei Uns bedanken und hernach zurückziehen, um auf der Baustelle nach dem Rechten zu … Was ist denn?«
Der Adjutant war eingetreten. Er salutierte lasch. »Verzeih, dass ich störe, Stationskommandant. Soeben haben wir eine seltsame Meldung erhalten.«
Lyngiffer wischte sich mit der Hand den Schnabel ab, schmierte den Schleim in den Überzug seines Sessels und verdrehte die rötlichen Knopfaugen. »Ach herrje, die bleischwere Bürde der Pflicht! Schon wieder ruft sie Unsere Unentbehrlichkeit in Erinnerung. Nicht einmal eine kurze, entspannte Plauderei ist Uns vergönnt.«
