Perry Rhodan 2954: Das Kleid des Jägers - Leo Lukas - E-Book

Perry Rhodan 2954: Das Kleid des Jägers E-Book

Leo Lukas

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Beschreibung

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodans Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln, lebt nach wie vor. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben. Unterschwellig herrschen immer noch Konflikte zwischen den großen Sternenreichen, aber man arbeitet zusammen. Das gilt nicht nur für die von Menschen bewohnten Planeten und Monde. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, in der auch Wesen mitwirken, die man in früheren Jahren als "nichtmenschlich" bezeichnet hätte. Besucher aus anderen Galaxien suchen Kontakt zu den Menschen und ihren Verbündeten. Derzeit machen vor allem die Thoogondu aus der Galaxis Sevcooris von sich reden, einst ein von ES erwähltes und dann vertriebenes Volk. Dazu gesellen sich die Gemeni, die angeblich den Frieden in der Lokalen Gruppe im Auftrag einer Superintelligenz namens GESHOD wahren wollen. Mitten in diese Gemengelage hinein kehrt Atlan zurück – und landet in einem Konflikt zwischen zwei von Gemeni kontrollierten Völkern: den echsenartigen Gauchen und den Menes, Nachfahren von Menschen, die ihn als den in ihren Legenden angekündigten Sternenwanderer betrachten. Die Gemeni erkennen in ihm eine Gefahr und verfolgen ihn. Atlan muss sich seinem Verfolger stellen. Bedeutung dabei gewinnt DAS KLEID DES JÄGERS ...

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Nr. 2954

Das Kleid des Jägers

Überwältigende Erinnerungen – Atlan erforscht die Geheimnisse der Gemeni

Leo Lukas

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Die Sturzflut

1. Atlan: Die Flucht

2. Atlan: Der Strohhalm

3. Atlan: Das Opfer

4. Atlan: Die Fragen

5. Atlan: Die Wahrheit

6. Atlan: Der Kommunikator

7. Atlan: Die Insel

8. Atlan: Die Forscher

9. Atlan: Die Gemeinsamkeiten

10. Atlan: Der Kontakt

11. Atlan: Die Erweckung

12. Atlan: Die Versuchung

Epilog: Der Entschluss

Leseprobe PR NEO 171 – Arno Endler – Brennpunkt Eastside

Vorwort

1. Schiffbruch

Gespannt darauf, wie es weitergeht?

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodans Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln, lebt nach wie vor. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben.

Unterschwellig herrschen immer noch Konflikte zwischen den großen Sternenreichen, aber man arbeitet zusammen. Das gilt nicht nur für die von Menschen bewohnten Planeten und Monde. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, in der auch Wesen mitwirken, die man in früheren Jahren als »nichtmenschlich« bezeichnet hätte.

Besucher aus anderen Galaxien suchen Kontakt zu den Menschen und ihren Verbündeten. Derzeit machen vor allem die Thoogondu aus der Galaxis Sevcooris von sich reden, einst ein von ES erwähltes und dann vertriebenes Volk. Dazu gesellen sich die Gemeni, die angeblich den Frieden in der Lokalen Gruppe im Auftrag einer Superintelligenz namens GESHOD wahren wollen.

Mitten in diese Gemengelage hinein kehrt Atlan zurück – und landet in einem Konflikt zwischen zwei von Gemeni kontrollierten Völkern: den echsenartigen Gauchen und den Menes, Nachfahren von Menschen, die ihn als den in ihren Legenden angekündigten Sternenwanderer betrachten. Die Gemeni erkennen in ihm eine Gefahr und verfolgen ihn. Atlan muss sich seinem Verfolger stellen. Bedeutung dabei gewinnt DAS KLEID DES JÄGERS ...

Die Hauptpersonen des Romans

Atlan da Gonozal – Der Arkonide punktet mit Charisma und Erfahrung.

Fitzgerald Klem – Der Geheimagent trägt ein mächtiges Artefakt.

Vhor – Der Jäger wird zur Beute.

Timothey Floyd und Jas Poulson – Die befreiten Menes suchen einen Rückweg nach Cessair.

Bonouch und Strochnor

»Wer widerspricht, ist nicht gefährlich.

Gefährlich ist, wer zum Widerspruch zu feige ist ...

Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden, obwohl sie einem das Kostbarste stehlen: die Zeit.«

(Napoleon Bonaparte zugeschrieben)

Prolog

Die Sturzflut

Um dich tanzen Farben, Formen. Fremdartige Gestalten, kaum erkennbar, höchstens schemenhaft.

Dabei bist du nicht blind, taub oder gefühllos. Ganz im Gegenteil: Nicht zu wenige, sondern viel zu viele Sinneseindrücke überschwemmen dein Bewusstsein.

Allein die Gerüche, die du wahrnimmst, auf eine dir unvertraute, neue Weise!

Als hättest du nicht bloß ein Riechorgan, sondern deren unzählige. Als würden unaufhörlich sämtliche Geschmäcker der Umgebung durch Poren in deine panzerartig harte und doch flexible Hautoberfläche einsickern.

Ein dünner, grünlicher Nebelschleier stinkt scharf nach Salpeter. Vermischt mit Rauchfahnen, dunkelgrau und grellrot und weiß, bitter und brenzlig; zugleich erdig, würzig, herb aromatisch.

Was, im Hintergrund, im weitesten Sinne Gewächsen ähnelt, duftet streng nach Moschus, intensiv nach Rosenöl, appetitlich nach gegrilltem Fisch. Von diffusen, hoch aufrankenden, wogenden Strukturen blättern Stücke ab: vielleicht saure Rinden, vielleicht Muskatnüsse, vielleicht Splitter aus salzigen Fruchtkernen.

Dazwischen zerplatzen mit leise knallenden, rhythmischen Geräuschen Beeren, nein: eher übergroße, saftige Weintrauben. Jedoch hellbraun wie Mandeln, süß wie Marzipan, klebrig wie Honig ...

Du begreifst, dass dein ursprünglicher Wortschatz, dass deine bisherige Erfahrung nicht ausreicht. Die überwältigende Menge der Wahrnehmungen vermagst du weder zu benennen noch auch nur irgendwie sinnstiftend einzuordnen.

Schwindel erfasst dich.

*

Um dich dreht sich alles, rasend schnell.

Du taumelst.

Aber du fällst nicht.

Etwas hält dich aufrecht, etwas bei dir, an dir. Das zu dir gehört, wesentlich. Weil es dich schützt und ergänzt, vervollständigt, dir erst deine eigentliche Existenz ermöglicht.

Allerdings hilft dir das momentan herzlich wenig.

Keine Chance, Distanz zu gewinnen. Unmöglich, einen Schritt zurückzutreten und dich zu orientieren. Kein Fixpunkt, auf den du deinen Blick richten könntest.

Alles wirbelt. Alles rotiert.

Was ist das – ein Traum, eine Vision?

Müsstest du bloß die Augen schließen, dir Ohren und Nase zuhalten, um einzuschlafen und wieder in gewohnten Verhältnissen aufzuwachen? Könntest du dich aus diesem Trubel davonstehlen?

Dein Versuch scheitert kläglich. Du hast zu viele Augen, zu viele Ohren, Nasen und sonstige sensorische Organe.

Und vor allem: Zu real ist das Erlebnis.

*

Es blitzt. Es donnert.

Zugleich spielt überall und pausenlos eine Musik, als hätte jemand Tausende Blaskapellen und Freejazz-Bands an diesen Ort verfrachtet. Aufeinander gehetzt, um sie einen Wettstreit um die höhere Lautstärke und die grelleren Töne austragen zu lassen.

Du redest dir ein, dass es sich bei all dem bloß um mangelhafte, subjektive Interpretationen handelt. Um klägliche Anstrengungen deines hoffnungslos überforderten Gehirns, das allgegenwärtige, tosende und tobende Chaos in fassbare Begriffe umzusetzen.

Durchhalten!, schärfst du dir ein.

Irgendwann wird der Ansturm der Eindrücke und Emotionen abebben. Wird so weit abklingen, dass du dir Klarheit verschaffen kannst.

Irgendwann ...

Oder nie?

Eine Sturzflut prasselt auf dich ein. Du verspürst Schmerzen, den Aufprall jedes einzelnen Regentropfens.

Die Eiseskälte der Windstöße ist kaum zu ertragen – und sie ist nichts gegen die sengende Hitze des kochenden Dampfes, der plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, aus den Geysiren unter deinen Füßen eruptiert.

Zwar kann dir dies wie das nur wenig anhaben, kann dich nicht ernsthaft gefährden, dank deiner gnädigen Hülle; aber du fühlst, was auf sie trifft. Wie sie jeweils abwehrt oder absorbiert oder sonst wie reagiert.

Als wäre deine Haut aufgeraut worden, mit Schmirgelpapier, am ganzen Körper. Und in die Wunden würde ätzende Säure geträufelt ...

Die dir schmeckt.

Das ist das Schlimmste: Dein anderes, äußeres Ich frohlockt. Es begrüßt die Sturzflut, genießt sie sogar.

Es lebt, lebt den Schmerz. Unter diesen irrwitzigen Qualen fühlt es sich erst richtig wohl!

Eine Erinnerung keimt in dir auf. An die ewig lange zurückliegende Zeit der Jugend, als du noch mit dir allein warst. Ohne eine zweite, nie mehr abzuschüttelnde Komponente.

Wie du dagegen gekämpft hast, über zahllose Tage und Nächte, vielleicht viele Monate und Jahre. Wie du schließlich gelernt hast, damit umzugehen. Dich damit abzufinden, sogar Nutzen daraus zu ziehen.

Eine Ahnung, ein Hoffnungsschimmer ...

Der gleich wieder verweht. Vertrieben von einer Frage, die heißer brennt und kälter friert als selbst die glühenden Hagelkörner des surrealen Gewittersturms:

1.

Atlan

Die Flucht

Endlich schaffte ich es, den Helikopter zu beschleunigen.

Die Kontrollen waren sperrig und sprachen mit einer Zeitverzögerung an, die mir manchen Fluch entlockte. Damit nicht genug, musste ich eingebaute Drosselungen überwinden, von denen die meisten Aggregate in ihrer Vollleistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt wurden.

Das konnte ich nicht brauchen. Falls unsere Flucht mit dem gestohlenen Fluggerät gelingen sollte, funktionierte das nur mit Maximaltempo.

Touchad, die gauchische Sekuritantin, der wir den Kopter entwendet hatten, würde zweifellos bald die Verfolgung aufnehmen. Gewiss setzte sie soeben alle Hebel in Bewegung, die ihr zur Verfügung standen.

»Obacht!«, rief Jas Poulson.

Ich sah selbst, dass wir auf die Spitze eines der höchsten Gebäude zusteuerten und an der semitransparenten, gleichwohl massiven Wand zu zerschellen drohten.

»Keine Panik!«, gab ich betont entspannt zurück, während ich die Lenksäule bis zum Anschlag heranzog und zugleich Vollgas gab.

Die Motoren des Kopters heulten auf – ohrenbetäubend, trotz der recht gut isolierenden Kopfhörer, die wir im Cockpit vorgefunden und aufgesetzt hatten.

Ruckelnd und bockend gewann die Maschine Höhe. Mit Ach und Krach gelang es mir, die Kollision zu vermeiden und den Aufbauten und über zwanzig Meter langen Funkantennen auszuweichen, die sich von der abgeflachten Spitze gen Himmel reckten.

»Uff!«, stieß Poulson aus, hörbar erleichtert.

Er saß auf dem Platz des Kopiloten, ohne in die Kontrollen einzugreifen. Das hatte ich ihm strikt untersagt.

Bei aller Wertschätzung von Raumfahrer zu Raumfahrer – auf der JAMES COOK hatte Jas Poulson die Funktion eines untergeordneten Technikers bekleidet. Als »Leichtmatrose, Spezialverwendung Generatorblöcke«, wie er sich deklariert hatte. Da vertraute ich lieber auf meine eigene, etwas längere Erfahrung, gerade mit fremden Technologien.

So bescheiden?, ätzte prompt mein Extrasinn.

Ich enthielt mich einer gedanklichen Replik. Meine vollste Konzentration war immer noch gefordert, und das sollte der Logiksektor eigentlich nachvollziehen.

Nach wie vor rang ich mit dem gauchischen Fluggefährt. Es handelte sich um eine Konstruktion, wie sie selbst mir noch nicht oft untergekommen war, obwohl ich das Grundprinzip kannte.

Zwei ringförmige, gegenläufige Rotoren trugen und bewegten den Kopter. Ihr Radius maß etwa neun Meter. Sie waren über jeweils vier kreuzförmig angeordnete Verstrebungen mit dem Zentralzylinder verbunden, der vier Meter durchmaß und ebenso hoch war.

Der obere Rotor wurde von einer ungefähr einen Meter langen Stange auf Abstand gehalten. Sein Antrieb befand sich auf dem Dach, jener des unteren Rotorrings im Inneren des Zylinders, den er auf halber Höhe umlief.

Ihr Zusammenspiel möglichst perfekt zu synchronisieren, darin bestand die Flugkunst. Meine Bemühungen als Pilot wurden vom erbärmlich schwachen Bordrechner eher behindert als unterstützt.

Wenigstens entnahm ich den matt bläulich glimmenden Anzeigen, dass wir keine Treibstoffprobleme hatten. Die Ladung des Energiespeichers sollte, trotz der von mir forcierten, grenzwertigen Belastung, für mindestens fünf bis sechs Stunden ausreichen.

Unter uns erstreckte sich die nächtliche Stadt Tabbgorch. Sie bestand überwiegend aus ziemlich großen Vierkant-Pyramiden, die bis zu hundert Büro- oder Wohneinheiten beherbergten; manche, wie das eben überwundene Hindernis, enthielten sogar noch mehr.

Dass die Rundumverglasung der Steuerkanzel keineswegs perfekt entspiegelt war, erleichterte mir die Orientierung nicht gerade. Hinzu kamen die unzähligen flackernden Lichter: Hunderte, wenn nicht Tausende Positionslampen von Fahrzeugen auf den rege frequentierten, mehrfach übereinander geschichteten Stadtautobahnen.

Auch die Intensität der Beleuchtung in den Gebäuden veränderte sich häufig und ruckartig, möglicherweise bedingt durch Schwankungen und Teilausfälle in der Energieversorgung. Die diesbezüglichen Stromnetze der Gauchen waren ähnlich anfällig wie jene der Menes auf Cessairs Welt.

Eine von vielen Parallelen, warf mein Extrasinn ein, auf die ich schon mehrmals ...

Lenk mich nicht ab, ich bin beschäftigt!

*

Am übelsten spielten mir die Ballons mit, die aus den Straßenschluchten und Terrassen aufstiegen. Ihre Flugbahnen ließen sich kaum abschätzen wegen der ebenso unberechenbaren Windböen.

Es waren derer verflixt viele. Die Gauchen begingen derzeit als dreitägiges Fest das »Gelübde der Rückkehr«.

Alle fünf Planetenjahre warfen die Reptiloiden Teile ihrer Haut ab und verarbeiteten sie zu Puppen. Diese Vergessenslosen wurden in Körben gesammelt. Man redete ihnen zu, vertraute ihnen Familienneuigkeiten und andere Botschaften an, gab ihnen gute Wünsche für die Reise mit ... und schickte sie los.

Die Körbe hingen an primitiven Fesselballons. Durch ebenso schlichte Mechanismen wurden sie irgendwann, meist hoch über den Dächern, entzündet.

Manche verbrannten rasch und lichterloh. Andere glommen matt vor sich hin. Etliche verpufften in jähen, blendenden Explosionen.

All das zusammengenommen, stand der Himmel über Tabbgorch in Flammen. Immer wieder musste ich jählings den Kurs des Kopters korrigieren, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, der uns mangels Prallschirm sehr wahrscheinlich nicht gut bekommen wäre.

Schon gar nicht wollte ich in die Nähe des Raumhafens geraten. Wie wir tags zuvor beobachtet hatten, setzten in unregelmäßigen Abständen Frachtschiffe zur Landung an. Falls ich einem solchen in die Quere kam ...

Ich könnte dir helfen, dich zu orientieren, brachte sich mein Logiksektor zur Abwechslung einmal konstruktiv ein. Nur um gleich wieder zu sticheln: Allerdings sollte ich dazu wissen, wohin du willst.

Vordringlich raus aus der Stadt, gab ich zurück. Genervt, weil sich das von selbst verstand, und weil ich während des lautlosen Dialogs weiteren erratischen Flugobjekten ausweichen musste. In eine weniger gefährliche Gegend!

Der Extrasinn versprach, die unzähligen Bewegungen zu analysieren, um übergeordnete Trends auslesen und so eventuell die Richtung weisen zu können. Laut sprach ich meine Mitstreiter an: »Sirds, ich benötige Unterstützung.«

»Welcher Art?«, fragte Timothey Floyd, der als Decksmaat für die Energieleiter der JAMES COOK verantwortlich gewesen war.

»Versucht, unseren erbeuteten Translator mit dem Bordrechner zu koppeln. Vielleicht findet sich dadurch deutbares Kartenmaterial. Aber gib acht, nicht versehentlich den Fernfunk dazuzuschalten!«

»Klar. Wir wollen schließlich der Verkehrskontrolle nicht unsere Position übermitteln.«

Erfreulich umsichtig gingen die mutmaßlich letzten Überlebenden der Katastrophe, die vor etwa zwei Jahren die Raumfahrt der Menes betroffen hatte, ans Werk. Beide waren beim Kampf gegen die Felanden-Meute des Ghatus verletzt worden.

Poulson hatte am Arm tiefe Kratzer vom Krallenschlag eines der Felanden davongetragen, außerdem eine Platzwunde an der Stirn durch einen Sturz. Dennoch hielt die Bioplastverkleidung im Wesentlichen; auch bei Floyd, der eine tiefe Bisswunde an der rechten Wade erlitten hatte. Sämtliche Blessuren waren mittlerweile notdürftig versorgt und verbunden worden.

»Schmerzen?«, erkundigte ich mich und wandte meinen Blick gleich wieder ab. Gerade rechtzeitig – um ein Haar hätte ich einen Pulk aus mehreren dunkelrot glosenden, ineinander verschmolzenen Ballons gerammt.

»Nicht der Rede wert«, versicherte Poulson. Sein Kamerad brummte betätigend.

»Dyn Klem, wie steht es um unseren unfreiwilligen Passagier?«

Ich musste den Ruf mit voller Lautstärke wiederholen, bis eine Antwort aus dem unteren, als Stauraum nutzbaren Teil des Zentralzylinders kam. Offenbar war dort das Dröhnen und Knattern der Motoren noch störender und der Bereich deshalb nicht für längeren Aufenthalt geeignet.

»Ohnmächtig«, brüllte Fitzgerald Klem.

»Aber am Leben?«

»Was?«

»A-ber am Le-ben?«

»Sieht so aus.«

Er fügte etwas hinzu, das wiederum ich nicht verstand. Außerdem wich ich grade zwei, drei weiteren der lästigen Fesselballons aus. »Wie bitte?«

»Was?«

»Ihr müsst nicht mehr schreien, Sirds«, erklang aus meinem Kopfhörer Floyds schnoddrige Stimme. »Jas und mir ist gelungen, die Bordkommunikation zu aktivieren. An der Unterseite der linken Ohrschale lässt sich ein Mikrofonbügel ausklappen.«

Ich kam der Anweisung nach und bedankte mich. Gleich darauf informierte uns Fitz Klem, dass der entführte Ghatu Vhor nach wie vor bewusstlos war, aber keine Symptome letaler Verletzungen zeigte.

»Ist der Lärm dort unten einigermaßen erträglich?«

»Eine Weile halte ich's wohl noch aus. Und Vhor beschwert sich ebenfalls nicht, er macht keinen Mucks, wirkt wie paralysiert. Soll ich ihn trotzdem fesseln? Es gäbe hier einen Spind mit geeigneten Verlängerungskabeln.«

»Für alle Fälle, ja.« Der Ghatu aus dem Spross LORINA hatte sich als harter Gegner erwiesen, auch ohne seine Jagd- und Kampfhunde.

Auf dem Flachbildschirm des Cockpits öffnete sich ein neues Fenster: eine grellbunte, skizzenhafte Darstellung der näheren Umgebung. Ich identifizierte die markantesten Bauwerke und Strukturen der Stadt Tabbgorch sowie die Beschaffenheit der Peripherie, wo diese in weniger belebte Regionen überging.

2.

Atlan

Der Strohhalm

Nachdem wir das Ballungszentrum hinter uns gelassen hatten, verringerte ich die Flughöhe wieder. Die Höchstgeschwindigkeit behielt ich bei.

Im fahlen Licht des kleinen, annähernd hammerförmigen Mondes erstreckte sich unter uns eine sanft geschwungene Hügellandschaft, teilweise bewaldet, mit locker verstreuten Ansiedlungen aus wenigen, niedrigen Pyramiden. Von manchen stiegen ebenfalls Ritualballons auf, aber so vereinzelt, dass sie kein Problem darstellten.

Zeit zum Durchatmen. Zeit für eine Beratung.

Uns allen war klar, dass wir verfolgt wurden. Mindestens von einer Gruppe gauchischer Sicherheitsleute unter Führung der Sekuritantin Touchad; möglicherweise auch von weiteren Ghatus wie Vhor.

Wohin sollten wir uns wenden? Keiner von uns kannte sich auf dem Planeten Achtrant aus.

Zwar zeigten die äußerst bescheidenen Ortungsgeräte des Ringhelikopters keine mobilen Objekte an, die sich an unsere Fährte geheftet hätten; aber das musste nichts heißen. Mit Sicherheit war es nur eine Frage der Zeit, bis die Gauchen oder die Gemeni unser Fluggerät aufspürten. Über entsprechende Technologien verfügten beide Parteien zweifellos.

Also, was tun? Blindlings weiter ins dunkle Ungewisse zu fliehen, stellte keine sinnvolle Option dar.

»Wir brauchen ein neues Ziel«, sagte ich zu meinen drei Gefährten, ohne die Steuerung zu vernachlässigen. Dem Autopiloten traute ich auch in scheinbar ruhigeren Gefilden nicht. »Irgendwelche Ideen oder Anregungen?«

»Darf ich offen reden?«, fragte Jas Poulson.

»Nur zu!«

»Wenn es nach mir geht, will ich ganz einfach nach Hause. Heim ins System von Glasgows Stern. So schnell wie möglich weg von diesem Planeten, der nicht für Menes geschaffen ist.« Er schniefte. »Übrigens lässt die Schutzwirkung der Nasenpfropfen nach. Mir stinkt's schon wieder gewaltig.«

Unsere inzwischen wieder einigermaßen hergerichteten Ganzkörpermasken waren mit Luftfiltern ausgestattet, wegen des unangenehm hohen Schwefeldioxidanteils in der Atmosphäre von Achtrant. Ohne Schutz wirkte sich der stechende Geruch belastend aus. Auf Dauer führte er zu Kopfschmerzen, Hustenreiz und Brennen in den Augen.

»Ich merke nichts von einer Fehlfunktion«, sagte Timothey Floyd. »Vielleicht wurde dein Filtersystem beim Sturz beschädigt.«

»Meins ist auch noch in Ordnung«, rief Fitz Klem von unten. »Selbst Atlans ›Fahne‹ nehme ich nur sehr zart wahr.«

Er bezog sich darauf, dass ich mich mit Alkohol übergossen hatte, um meinen charakteristischen Körpergeruch vor den Spürnasen der Felanden zu verbergen. Deshalb stank ich, als hätte ich in einem Schnapsfass gebadet – wenngleich die Geruchsbelästigung von meiner eigenen, intakten Maske gemildert wurde.

»Wir werden uns später darum kümmern«, beruhigte ich Poulson. »Zurück zum Thema. Bei allem Verständnis für die Sehnsucht nach der Heimat, Sird Jas – momentan sehe ich kaum Chancen, ein überlichtschnelles Raumschiff zu kapern.«

Die Gauchen betrieben zwar interstellare Raumfahrt, aber nur über geringe Distanzen, und solche Schiffe waren rar. Ganz abgesehen davon, dass unsere Ausrüstung, insbesondere die Bewaffnung, sehr zu wünschen übrig ließ. Für ein handstreichartiges Unternehmen reichte sie mit Sicherheit nicht.

Poulson hustete. »Was dann?«

»Keine Ahnung«, sagte Floyd. »Mein einziger Wunsch war, nicht in Gefangenschaft zu sterben. Damit bin ich schon zufrieden.«

Obacht, warnte mein Logiksektor. Der Adrenalinpegel geht zurück. Mit der Erschöpfung kommt Niedergeschlagenheit. Du solltest dir schleunigst etwas einfallen lassen, das geeignet ist, die Moral der Truppe zu stärken.

»Könnten wir nicht Gewinn aus unserem Gefangenen schlagen?«, regte Klem an.

»Falls du daran denkst, ihn gegen eine Passage nach Cessairs Welt einzutauschen – vergiss es!«, sagte Floyd. Er klang mutlos. »Du kennst die Cucullaten. Mit denen kann unsereins nicht auf Augenhöhe verhandeln.«

»Vhor ist kein gewöhnlicher ...«

»Dieses Pfand«, unterbrach ich den Geheimdienstler, ehe sich die Diskussion verzettelte, »hoffe ich durchaus nutzen zu können. Bei günstiger Gelegenheit. Aber vorerst sollten wir uns weder den Gemeni und Nodhkaris noch den Gauchen stellen.«

Als nächster Schritt bot sich an, einen Unterschlupf zu suchen; einen Ort, an dem wir zumindest für ein paar Stunden vor den Verfolgern sicher waren.

Ich hätte das einfach bestimmen können. Alle drei Menes respektierten längst meine Autorität. In Anbetracht der derzeitigen Gemütslage erschien mir dieser Vorschlag – oder Befehl – jedoch zu wenig motivierend.

Bravo! Hast du auch schon kapiert, Narr, versetzte mein Extrasinn spöttisch, dass du ihnen eine reelle Zukunftsperspektive bieten musst?

*

Inzwischen hatte sich die Umgebung verändert.

Wir flogen über mal sumpfiges, mal felsiges oder sandiges Ödland. Im trüben Licht der Scheinwerfer ließen sich kaum Anzeichen der gauchischen Zivilisation erkennen.

So ging das nicht weiter. Ich spornte meine Mitstreiter an, ihre geistigen Kräfte zu sammeln und intensiv nachzudenken. Was war uns im Eifer des Gefechts entgangen?

Fitzgerald Klem nahm den Ball auf. »Wie hat uns diese Sekuritantin eigentlich gefunden?«

Guter Gedanke, kommentierte mein Logiksektor. Auch wenn er nebensächlich erscheinen mag – du solltest darauf eingehen.

»Was meinst du?«, fragte ich den Agenten des menischen Geheimdienstes.

Illustration: Dirk Schulz

Fitz machte manchmal einen tumben, ein wenig langsamen Eindruck. Aber dieser täuschte über seine wahren Fähigkeiten hinweg.

»Ich meine, Touchad und ihre Leute sind plötzlich mit dem Kopter auf der Dachterrasse der Pyramide aufgetaucht. Woher wussten sie über unseren Aufenthaltsort Bescheid? Dass der Ghatu sie informiert hat ...«

»... glaube ich nicht«, setzte Jas Poulson mit wiedergewonnenem Eifer fort. »Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass wir davor einen Fehler gemacht hätten und für die Gauchen auffällig geworden wären.«