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Auf der Erde schreibt man das Jahr 1518 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ). Die Menschen haben mit der Liga Freier Terraner ein großes Sternenreich in der Milchstraße errichtet; sie leben in Frieden mit den meisten bekannten Zivilisationen. Doch wirklich frei ist niemand. Die Milchstraße wird vom Atopischen Tribunal kontrolliert. Dessen Vertreter behaupten, nur seine Herrschaft verhindere den Untergang – den Weltenbrand – der gesamten Galaxis. Viele Ereignisse verweisen auf den Planeten Medusa, einst Bestandteil des Solsystems und nunmehr Heimat der Kerouten, der ersten intelligenten Erdbewohner. Entdeckt durch Viccor Bughassidow, einen exzentrischen Milliardär, sind längst auch Beauftragte des Atopischen Tribunals und der Erde vor Ort – denn auf Medusa befindet sich unter einem undurchdringlichen Panzer aus "Hyperfrost" die RAS TSCHUBAI, das Raumschiff Perry Rhodans ... und DAS CHRONODUPLIKAT ...
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Nr. 2849
Das Chronoduplikat
Vorstoß in die vierte Kammer – die Targia macht eine Entdeckung
Uwe Anton
Auf der Erde schreibt man das Jahr 1518 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ). Die Menschen haben mit der Liga Freier Terraner ein großes Sternenreich in der Milchstraße errichtet; sie leben in Frieden mit den meisten bekannten Zivilisationen.
Doch wirklich frei ist niemand. Die Milchstraße wird vom Atopischen Tribunal kontrolliert. Dessen Vertreter behaupten, nur seine Herrschaft verhindere den Untergang – den Weltenbrand – der gesamten Galaxis.
Viele Ereignisse verweisen auf den Planeten Medusa, einst Bestandteil des Solsystems und nunmehr Heimat der Kerouten, der ersten intelligenten Erdbewohner. Entdeckt durch Viccor Bughassidow, einen exzentrischen Milliardär, sind längst auch Beauftragte des Atopischen Tribunals und der Erde vor Ort – denn auf Medusa befindet sich unter einem undurchdringlichen Panzer aus »Hyperfrost« die RAS TSCHUBAI, das Raumschiff Perry Rhodans ... und DAS CHRONODUPLIKAT ...
Aichatou Zakara – Die Wissenschaftlerin forscht nach Zeit.
Monkey – Der Lordadmiral der USO hofft, Perry Rhodan retten zu können.
Bostich – Der einstige Imperator verfolgt einen wagemutigen Plan.
Ahasver Solo – Der Raumschiffskommandant versucht, den Überblick zu behalten.
Perry Rhodan
28. Juni 1518 NGZ
TOMASON
Wenn Oberst Ahasver Solo, der Kommandant der TOMASON, bislang nicht gewusst hatte, was ein Hexenkessel war, wusste er es spätestens in diesem Moment. Nach wie vor hatte er zwar das Oberkommando im Bereich des Dunkelplaneten Medusa, aber das aktuelle Geschehen drohte ihm über den Kopf zu wachsen.
Trotz seiner Qualifikationen als Kommandant einer kleinen Flotte hatte er bisher keinen Plan, welchem Problem oder welcher unbedingt zu klärenden Frage er sich zuerst widmen sollte. Es war ihm ein Rätsel, wie die Unsterblichen – ob nun Perry Rhodan oder Atlan, Reginald Bull oder Gucky – mit dem vorliegenden Wust an ungeordneten Informationsfragmenten umgegangen wären.
Er warf einen Blick auf die Holos, die die dringendsten Brennpunkte in Informationsclustern darstellten und sich vor ihm aufreihten, alle gleich groß und damit in ihrer Dringlichkeit nicht zu unterscheiden.
Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte die Holos desaktiviert. Doch daran hinderte ihn sein Pflichtgefühl.
Er schloss kurz die Augen, atmete tief durch und öffnete sie wieder. Eines nach dem anderen, dachte er. Anders geht es nicht.
Er vergrößerte das fünfte Holo der Phalanx. Es zeigte als optische Kennung die Kammer des Unnahbaren, in der die RAS TSCHUBAI gefangen im Hyperfrost lag. Ihr musste sein Hauptaugenmerk gelten.
Wir müssen die RAS TSCHUBAI aus dem Hyperfrost befreien.
Das war ihr Credo. Deshalb waren sie hier.
Er aktivierte die dreidimensionale Darstellung. In der Kammer herrschte ein mehr als geschäftiges Treiben. Ahasver Solo sah es als Inbegriff dessen, was ihn zur Verzweiflung trieb. Ein furchtbares Durcheinander, das auf den ersten Blick nicht zu durchschauen, letzten Endes aber wohlorganisiert war.
Genauso lief es bei kritischen Situationen in der Zentrale der TOMASON ab, etwa in einer Gefechtssituation. Wurde das Schiff angegriffen, herrschte auf den ersten Blick Chaos. Dabei wusste jedes Mitglied der Zentralebesatzung, was es zu tun hatte. Jeder Handgriff saß, und gemeinsam führten alle Aktionen zum Erfolg.
Er konnte nur hoffen, dass es auf Medusa genauso laufen würde. In der Kammer des Unnahbaren schien der Erfolg allerdings bislang nicht in Sicht zu sein.
Die Terraner hatten Energiespeicher aufgebaut, Generatoren, Ortungsgeräte, Kontrollpulte. Die in der Kammer liegende RAS TSCHUBAI wurde permanent abgetastet. Die Daten wurden schnellstmöglich ausgewertet und von Wissenschaftlern diskutiert. Überhaupt waren überall Wissenschaftler und Roboter am Werk, zu ihrer Sicherheit geschützt und flankiert von Kampfrobotern.
In der Kaverne selbst war alles in Ordnung, soweit man von Ordnung sprechen konnte. Solos Stellvertreter Erol Oneida war vor Ort, versuchte, die teilweise kaum nachvollziehbaren Anweisungen der Wissenschaftler in die Tat umzusetzen.
Aber die Situation ließ ihnen keine andere Wahl. Sie mussten nach jedem Strohhalm greifen, und war er noch so dünn.
Solo schloss das Holo, ordnete es an die erste Position und vergrößerte das nächste.
Es zeigte die YART FULGEN.
Das Flaggschiff der USO mit Lordadmiral Monkey an Bord hatte soeben Medusa erreicht und das Chaos weiter vergrößert. Das Schiff selbst war im Prinzip eine abgespeckte Form der zerlegbaren LFT-BOXEN. Ähnlich wie bei diesem Schiffstyp konnten sich vom Kernkubus insgesamt 45 jeweils 500 Meter große MODUL-Würfel lösen, die eigenständig, wenngleich mit nur geringer Reichweite, manövrieren konnten.
Das Flaggschiff jener Organisation, die galaxisweit von den Onryonen als terroristische Vereinigung bekämpft wurde, stellte eine Kampfkraft dar, die alles übertraf, was im Umkreis von Lichtjahren versammelt war. Jeder der 500 Meter messenden Kampfblöcke konnte es – da auf keine Besatzung Rücksicht genommen werden musste – mit einem SATURN-Raumer aufnehmen. Oberst Solo gestand sich ein, dass er sich nicht zutraute, dieses Schiff mit all seinen Möglichkeiten optimal zu kommandieren.
Monkey hatte zwei tefrodische Mutanten entführt, von denen er sich Hilfe bei dem Versuch erhoffte, die RAS TSCHUBAI aus dem Hyperfrost zu holen. Sie hatten die Parapanzer, die die parapsychischen Fähigkeiten der Psi-Begabten neutralisierten, in die Kammer des Unnahbaren gebracht und die beiden tefrodischen Mutanten geweckt.
Wie erwartet waren jene nur dem Tamanium treu ergeben und nicht bereit, für die Sache der Terraner zu arbeiten.
Monkey arbeitete an dem Problem. Er hatte bereits Kontakt mit Vetris-Molaud, dem Führer des neuen Tamaniums, der sich selbst gern Maghan nannte und damit auf eine Tradition verwies, die in manchem Galaktiker Unbehagen weckte: Die despotischen Meister der Insel, die Herrscher Andromedas, hatten sich einst ebenso betitelt.
Der Oberst war sich nicht sicher, ob die Onryonen vor Ort die Anwesenheit des Oxtorners weiterhin ignorieren würden. Bei aufkommenden Kampfhandlungen hätte er als Befehlshaber eines LFT-Verbandes ein echtes Problem.
Solo rief das nächste Holo auf. Irgendein Spaßvogel hatte als Kennung für das Infopaket ein Bild mit drei Affen aufgespielt, die sich Mund, Ohren und Augen zuhielten. Über die Hyperfunk-Relaisstationen zum Solsystem, die Rohrpost Medusa, hatte sich die Solare Premier Cai Cheung gemeldet und gebeten, in einem abhörsicheren Raum mit Monkey und Anna Patoman sprechen zu können – und mit der Kaiserin von Olymp, der Argyrisa Indrè Capablanca, die ebenfalls auf Medusa weilte.
Von der Dunkelwelt gab es nichts Neues, wie er der Tabelle mit den Statusmeldungen entnahm. Der Raum wurde gerade eingerichtet, Lordadmiral Monkey und die Argyrisa waren über das Ansinnen informiert worden. Solo wartete darauf, dass die Vollzugsmeldung kam und das Gespräch beginnen konnte.
Das vierte Holo. Der Wahldenker Toypegg und die beiden jungen Kerouten Glaslinc und Paikale hatten um ein Gespräch gebeten. Offensichtlich hatten sie eine neue Idee, wie die RAS TSCHUBAI aus dem Hyperfrost befreit werden könnte.
In den Terminplan aufnehmen. Sie würden auf die Dinglichkeitsposition zwanzig vorrücken.
Die Terraner waren auf Medusa vielfach und vielfältig an der Arbeit. Toypegg konnte warten.
Aber nicht ewig. Vielleicht hatte der Keroute eine praktikable Lösung gefunden.
Das nächste Holo. Diesmal eine Anfrage von Viccor Bughassidow, dem Eigner der KRUSENSTERN, der Medusa praktisch entdeckt hatte. Er fühlte sich vom Ort des Geschehens abgedrängt und bat praktisch alle fünfzehn Minuten um ein Gespräch mit Solo.
Im Augenblick konnte der Kommandant Bughassidow nicht helfen. Es war fast schon zur Gewohnheit geworden, dass er die Anfragen des Multimilliardärs einfach ignorierte.
Das nächste Holo. Auch das konnte er ignorieren. Ein Kosmopsychologe hatte sich zur Zusammenarbeit mit der Anoree Meechyl geäußert und einen Verbesserungsvorschlag gemacht.
Dringlichkeitsposition achtunddreißig.
Ungeachtet dessen empfand er Meechyl als einen Dorn in seinem Fleisch. Die Zusammenarbeit mit der Anoree fand unter strengster Aufsicht statt. Dabei funktionierte das Wechselspiel mit den terranischen Wissenschaftlern eigentlich ausgezeichnet. Mittlerweile waren die Experten sicher, dass die RAS TSCHUBAI mit tiuphorischen Indoktrinatoren infiziert war. Sobald sie den Hyperfrost auflösten, würden die Indoktrinatoren zur Gefahr werden. Um eine Lösung dieses Problems zu finden, kam Meechyl ins Spiel, selbst wenn man ihr nicht vertrauen konnte.
Solche Ränke und Winkelzüge trugen zu Solos Verzweiflung bei.
Die nächste Holonachricht stammte von Anna Patoman, der Chefin der Tiuphorenwacht.
Sie hätte Ahasver Solo am liebsten ausgeblendet. Die Neuigkeiten, die sie hatte, konnten nur katastrophal sein.
Zu allem Überfluss bildete sich vor all den anderen Holos ein weiteres, drängte sich in den Vordergrund.
Es zeigte die dreidimensionale Darstellung seines Stellvertreters. »Wir haben den abhörsicheren Raum errichtet«, sagte Erol Oneida, von dem nur der Kopf und die Schultern zu sehen waren. »Die Argyrisa befindet sich bereits vor Ort, während Lordadmiral Monkey nicht auf unsere Kommunikationen reagiert.«
Er macht es richtig, dachte Ahasver Solo, während ich mich mit jedem Unfug abgeben muss. Der Oxtorner entzieht sich dem Informationsdumping und hält seinen Kopf auf diese Weise klar.
»Wir warten nicht auf ihn«, sagte Solo. »Der Lordadmiral hat wahrscheinlich Besseres zu tun. Sorge einfach dafür, dass das Gespräch zwischen der Solaren Premier und der Argyrisa zustande kommt. Ich gehe sofort hinüber, dann können wir anfangen. Und stellt Anna Patoman durch, sobald sie sich meldet.«
Erol Oneida nickte. Mitfühlend, wie es dem Kommandanten der TOMASON erschien. Oneidas Holo erlosch.
»Beim Kaenef«, sagte Solo mürrisch, »ich muss ja nur noch achtundvierzig weitere wichtige Anfragen beantworten.«
Von den achtundvierzig Anfragen trugen sechsundvierzig einen Dringlichkeitshinweis. Er beschloss, gar nicht erst anzufangen, die einzelnen Punkte auf seiner Agenda zu zählen.
Er musste sie abarbeiten.
Und ich muss mich zuerst um die Kerouten und die tefrodischen Mutanten kümmern, dachte er. Und um Aichatou Zakara und den Wahldenker Toypegg und ...
Paraland
Das Wort für Welt war Wald.
Der Wald war überall. Es gab keinen Sand und kein Wasser, keine Gebirgszüge und keine Gipfel, die man hätte erklimmen können. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war angenehm warm und es gab nur Bäume, Moos und feuchten, fetten Humus.
Und die Fäulnis.
Glaslinc wusste, was sie war. Die Terraner hatten es ihm erklärt, und er hatte es verstanden. Besser verstanden als die Begriffe, die sie ihm per Hypnoschulung eintrichterten, Namen für Maschinen und Geräte, die ihm gar nichts sagten.
Die Fäulnis war das Bild für die Indoktrinatoren. Für die fürchterliche Waffe der Tiuphoren, die andere Raumschiffe übernahm und zerstörte.
Das Bild war passend. Wie die Fäulnis gingen auch die Indoktrinatoren vor.
Die Fäulnis würde bald überall um sie sein, aber von dem Leuchtfeuer, das sie suchten, war nichts zu sehen.
Glaslinc schaute zu Boden. Kleine graue und weiße Stellen zeugten von dem schädlichen, ja katastrophalen Einfluss. Sie hatten nur vereinzelt Moose und Pilze befallen, dehnten sich aber zielsicher nach oben aus, zur Krautschicht. Gezielt fraß die Fäulnis sich an den Gräsern, Farnen, jungen Bäumen und Blütenpflanzen hoch, befiel sie und wucherte unaufhaltsam weiter. Dort, wo es schattig war, hatte sie sich besonders stark ausgebreitet.
Aber auch in der Strauchschicht war sie vorhanden, die bis in drei Meter Höhe wuchs und von Büschen und jungen Bäumen geprägt wurde. Wo es hell war und die Pflanzen besonders licht standen, kam die Fäulnis nicht so recht voran. Wo es dunkler war, wucherte sie geradezu.
Glaslinc hob den Kopf und schaute nach oben, zur höchsten Ebene des Waldes, die zugleich die größte war. Dort fanden sich nur Baumkronen. Es schmerzte ihn in der Seele, dass dieses eigentliche Lebensmittelreservoir der Kerouten ebenfalls befallen war.
Dort oben bestimmte das mehr oder weniger kräftige Laubwerk, wie viel Licht den Boden erreichte, und der Lichteinfall bestimmte die Zusammensetzung der tieferen Schichten. Glaslinc fiel auf, dass die Fäulnis sich auf einige wenige, hauptsächlich alte und schwache Bäume konzentrierte. Sie wollte den Lichteinfall nicht reduzieren, um unten, auf dem Waldboden, besser wuchern zu können.
»Wir bleiben zusammen«, sagte er zu Paikale. »Achtet alle darauf, dass wir uns nicht verlieren. Das gilt auch für euch, Tefroder.«
Tefroder ... Für ihn sah ein Tefroder aus wie ein Terraner. Er fragte sich, wo da eigentlich der Unterschied war und wieso die Tefroder den Terranern so befangen begegnen und umgekehrt.
Aber seine Anweisung war ein frommer Wunsch, mehr nicht. Als sie zum ersten Mal die RAS TSCHUBAI durch das Paraland betreten hatten, waren sie fast augenblicklich getrennt worden. Eine Sturzflut hatte Paikale weggespült. Er hatte nichts tun können, um es zu verhindern.
Aber vielleicht waren sie jetzt stärker, gefestigter, was wiederum mit ihren beiden Begleitern zu tun hatte: Der eine, Balgen Orgudd, war ein Kind, das nicht stillstehen konnte. Er war ständig in Bewegung, lief auf und ab, vor und zurück. Manchmal verschwand er einfach und tauchte ein paar Meter entfernt von seiner früheren Position wieder auf.
Er war Kurzstrecken-Teleporter.
Der andere, Dienbacer, war ein Bär von Mann, der Glaslinc ein wenig an einen Kerouten erinnerte. Er war groß und massig, bewegte sich schwerfällig und war ziemlich langsam. Er war Positronikleser, wie immer das funktionieren sollte. Der Keroute konnte es sich nicht vorstellen.
»Wir können uns an den Händen festhalten, damit wir uns nicht verlieren«, schlug er vor.
Glaslinc drehte langsam den Kopf und sah Paikale an. Sein Blick besagte alles: Das meint er ernst!
»So funktioniert das hier nicht«, erklärte Glaslinc dem tefrodischen Mutanten. »Als wir das erste Mal hier waren, standen wir praktisch nebeneinander, bis Paikale plötzlich verschwand ...«
»Du meinst, als du plötzlich verschwunden bist«, warf sein Partner ein.
»Als jeder für den anderen verschwunden ist«, stellte der Keroute klar.
»Hier herrschen die Gesetze des Paralandes«, ergänzte Paikale. »Wir sind nicht körperlich hier. Das Hüter-Metall führt uns.«
»Die SEMT-Haube.« Dienbacer knurrte. Im Gegensatz zu seinem jungen Begleiter, der das alles für ein gewaltiges Abenteuer zu halten schien, wirkte er mürrisch und gereizt. »Ich weiß. Ich frage mich, was Vetris-Molaud geritten hat, als er uns befahl, mit dem Feind zu kooperieren ...«
»Vielleicht sind wir gar nicht der Feind«, sagte Glaslinc geduldig. »Vielleicht arbeiten wir alle gemeinsam gegen den wahren Feind, und du hast es bisher nicht erkannt.«
»Unsinn.« Dienbacer schaute sich wütend um. »Ihr habt uns entführt und zwingt uns ...«
»Nicht wir«, erwiderte Glaslinc. »Und wir haben andere Probleme.« Der junge Keroute deutete auf den Wald.
Die graue Fäulnis, die sämtliche Ebenen befallen hatte, war in Bewegung geraten. Die wenigen hellen Flecke im Grün tropften aus der obersten Baumschicht langsam herab, vereinigten sich mit den schon zahlreicher vorhandenen in der Strauchschicht zu kleinen Rinnsalen, die mit den häufig auftretenden Fäulnisinseln in der Krautschicht gemeinsam zur Bodenschicht flossen.
Dort schien der Humus zu brodeln. Moose und Pilze verwandelten sich immer schneller in weißgraue Teiche, die Pseudopodien ausstreckten, andere Pfützen suchten und gemeinsam mit ihnen vorwärtsströmten.
»Seht ihr? Sie bilden einen Ring«, sagte Glaslinc.
Einen Gürtel, der durch den Zustrom weiterer Fäulnis immer größer wurde und sich zusammenzog.
Und in dessen Mitte die vier Reisenden im Paraland standen.
Vier Reisende?, dachte Glaslinc.
Denn er war allein.
Wie damals, bei seinem ersten Besuch im Paraland, als Paikale von stürmischen Wasserfluten fortgerissen und er selbst in den entsetzlichen Sand gerissen worden war ...
TOMASON
Kaum hatte Kommandant Solo den Konferenzraum betreten, manifestierte sich Cai Cheungs dreidimensionales Abbild. Die Solare Premier schaute in die Runde, ließ sich aber nicht anmerken, dass sie Anna Patoman und Monkey vermisste. Für die Holokonferenz wurden fünf Teilnehmer erwartet, von denen erst drei anwesend waren.
Sie begrüßte Indrè Capablanca und Ahasver Solo, die sie als Holos wahrnahm und die ihr gegenüber saßen. Umgehend bedankte sie sich bei der Argyrisa für das Wahlverhalten der Bürger des Olymp-Komplexes.
Trotz des offiziellen Rats des Argyris, den Beitritt zum Tamanium wohlwollend zu überlegen, hatte am 1. Juni 1518 NGZ eine Mehrheit von 89,11 Prozent gegen den Eintritt ins Tamanium gestimmt und damit für einen Verbleib in der LFT.
»Dein Ehemann«, stellte die Premier fest, »hat sich seitdem aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.«
»Zu dem Rückzug des Argyris kann ich nichts sagen«, versetzte Indrè. Das war gelogen. Sie machte sich keine Sorgen um ihren Partner. Er handelte, wie sie es verabredet hatten. »Ich befinde mich seit längerer Zeit nicht mehr auf Olymp, wie du weißt. Und bedenke, dass wir als Kaiserpaar dem Eintritt ins Tamanium ohnehin nur nach außen hin zugestimmt hätten. Wir wären als Undercover-Spione tätig geworden. Daraus haben wir nie ein Hehl gemacht.«
Cai Cheung lächelte schwach. »Die Bürger des Olymp-Komplexes haben ihre Stimmabgabe zu Millionen mit persönlichen Begründungen und Empfehlungen an den Tamaron geschickt«, sagte sie. »Darunter war die Empfehlung, Vetris-Molaud solle sich zum Teufel scheren, die mit weitem Abstand harmloseste.«
»Wenn unsere Bürger entscheiden können, werden sie stets die Demokratie der Diktatur vorziehen«, sagte Indrè fest.
Ahasver Solo räusperte sich. »Auf Medusa herrschen momentan chaotische Zustände«, sagte er. »Ich habe manchmal den Eindruck, dass alle Fäden des galaktischen Geschehens hier zusammenlaufen und verknüpft werden. Bitte verzeih, dass Monkey und ...«
Er hielt erleichtert inne, als sich Holos des Lordadmirals der USO und der Befehlshaberin der Tiuphorenwacht bildeten.
»Nun sind wir vollzählig«, sagte er. »Unsere Holokonferenz dient in erster Linie dazu, uns gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Anna Patoman, möchtest du beginnen?«
*
Anna Patoman, die Kommandantin der Tiuphorenwacht, schaute ernst drein. »Ich bringe beunruhigende Neuigkeiten.«
Cai Cheung nickte genauso ernst. »Ich möchte sie nicht hören, muss es aber. Also?«
Anna Patoman atmete tief ein. »Die beiden Perforationszonen des Zeitrisses sind weiterhin in Bewegung«, sagte sie dann. »Wir hatten bislang lediglich vermutet, dass es zwei Passagen sind, aber diese Annahme hat sich mittlerweile bestätigt. Die zweite Passage befindet sich in der Nähe von Laudhgast.«
»Das ist mittlerweile bekannt«, sagte die Solare Premier.
»Es gibt also zwei Passagen«, fuhr Anna Patoman unbeeindruckt fort, »die sich aufeinander zubewegen. Sie springen immer wieder überlichtschnell und nicht vorausberechenbar. Wir gehen davon aus, dass es ihr Ziel ist, so bald wie möglich zu fusionieren.«
Cai Cheung schluckte schwer. »Das war bislang nicht bekannt.«
»Ich sagte ja: schlechte Nachrichten«, sagte Anna Patoman. »Früher hätte man mir wahrscheinlich als Überbringerin den Kopf abgeschlagen.«
»Hast du genauere Informationen?«
Patoman nickte. »Die erste Passage treibt wieder auf Boscyks Stern zu, die zweite hat ihre Richtung gewechselt und folgt der ersten. Wie gesagt, die beiden Perforationspassagen scheinen miteinander fusionieren zu wollen. Welche Auswirkungen das haben wird, ist noch völlig unbekannt.«
»Den Begriff Perforationspassage hat doch gemeinsam mit anderen führenden Wissenschaftlern der Algustraner Armand Sentaire geprägt, oder?«, fragte die Premier.
»Ja«, bestätigte Patoman knapp. »Genau so hat der Professor für Temporalphysik diese besonders aktive Zone des Zeitrisses genannt, die mehr als 630.000 Kilometer lang war.«
»Was ist über die Anzahl der Sterngewerke der Tiuphoren bekannt, die inzwischen in die Gegenwart gewechselt sind?«
