Perry Rhodan 3047: Der Sextadim-Span - Leo Lukas - E-Book

Perry Rhodan 3047: Der Sextadim-Span E-Book

Leo Lukas

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Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen. Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine sogenannte Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher seines Raumschiffes RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten. Weil er mehr über die aktuelle Situation wissen will, ist Rhodan mit der RAS TSCHUBAI in das sogenannte Galaxien-Geviert aufgebrochen. Dort haben die Mächte des Chaos, repräsentiert durch die Kandidatin Phaatom und ihr Hilfsvolk, die Phersunen, die aufseiten der Ordnungsmächte stehende Superintelligenz VECU ausgeschaltet und ihr Reich zertrümmert. Während die letzten Getreuen der VECU auf der Flucht sind, suchen Perry Rhodan und seine Leute den Schulterschluss mit den Index-Bewahrern. Eine besondere Rolle dabei spielt DER SEXTADIM-SPAN ...

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Nr. 3047

Der Sextadim-Span

Sie sind die letzten Index-Bewahrer – und hüten das Wissen einer Superintelligenz

Leo Lukas

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Der Nestdiener oder Interesseloser Überdruss

1. Berühmte letzte Worte

2. Nicht ganz damenhaftes Verhalten

3. Wunsch und Wirklichkeit

4. Des Lügners kurze Beine

5. Sorgen jenseits der Träume

6. Die Perle des Fjordlands

7. Unverhoffte Begegnungen

8. Der Triumph der oft Geschmähten

9. Der Letzte seiner Art

10. Ein nicht alltägliches Verfahren

11. Wenn du nicht satt bist, bist du leicht gereizt

Epilog: Glücksspiel

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung APPU – Raumschiff des Advokaten

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen.

Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine sogenannte Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher seines Raumschiffes RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten.

Weil er mehr über die aktuelle Situation wissen will, ist Rhodan mit der RAS TSCHUBAI in das sogenannte Galaxien-Geviert aufgebrochen. Dort haben die Mächte des Chaos, repräsentiert durch die Kandidatin Phaatom und ihr Hilfsvolk, die Phersunen, die aufseiten der Ordnungsmächte stehende Superintelligenz VECU ausgeschaltet und ihr Reich zertrümmert. Während die letzten Getreuen der VECU auf der Flucht sind, suchen Perry Rhodan und seine Leute den Schulterschluss mit den Index-Bewahrern. Eine besondere Rolle dabei spielt DER SEXTADIM-SPAN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Donn Yaradua – Der Metabolist übernimmt Verantwortung.

Oxana Schmitt – Die Paraspezialistin geht auf Wanderschaft.

Iwán/Iwa Mulholland – Dem psionischen Multitalent kommt eine Schlüsselrolle zu.

Remalhiu ke-Keelac – Der Steward hat Skrupel und fähige Freunde.

Siad Tan

»Damals, bei der Ausbildung zur Kosmopsychologin, lernte ich einen jungen Kerl kennen. Er hieß Phylax Minotir.

Er war Oxtorner wie ich, einer der wenigen in meinem Jahrgang. Wir wurden kein Paar oder so etwas, aber wir verstanden uns ausgezeichnet. Ich dachte in den vergangenen Jahren oft an ihn, benannte sogar meinen Okrill nach ihm.

Leider verloren wir uns aus den Augen. Unterschiedliche Einsatzgebiete in entgegengesetzten Ecken der Galaxis. Du kennst das vermutlich selbst.

Wie oft habe ich mich gefragt, wie es ihm ergangen, was aus ihm geworden ist.

Vor unserem letzten Einsatz schwor ich mir: Falls wir überleben, reiche ich Urlaub ein und besuche ihn.

Tja.

Wir haben fünfhundert Jahre übersprungen.

Wir haben überlebt.

Er nicht.«

(Siad Tan im Gespräch mit Osmund Solemani,

kurz nach dem großen Zeitsprung)

Prolog

Der Nestdiener oder Interesseloser Überdruss

Die Rungeletsch machen Stunk.

Du hast es kommen sehen. Aber du kannst nichts dagegen tun.

Rungeletsch vertragen, wie alle dir bekannten Insektoiden, keinen Kribbelstrom. Trotzdem, oder gerade deswegen, reißen sie sich erst recht darum.

So sind nun mal viele, wenn nicht die meisten Intelligenzwesen: Am heftigsten begehren sie, was ihnen den größten Schaden zufügt.

Einen Teil der Schuld könnte man, rational betrachtet, auch den Betreibern des Windkasinos zuschreiben. Würden sie die Kribbelstromspender für Rungeletsch sperren – was selbstverständlich in ihrer Macht stünde –, gäbe es keine Scherereien, die aus der unweigerlichen Reiz-Überdosierung erwachsen.

Andererseits müssten sie dadurch empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Und wie Murilje ki-Kooröm, die Kasinopräsidentin, nicht müde wird zu betonen: »Zuerst kommt der Profit, dann der Profit, und dann die Küken und Eier des Profits.«

Was bei den Raufhändeln zu Bruch geht, ist leicht zu ersetzen, weil ebenso billig wie die Arbeitskraft derer, die hinterher aufräumen müssen: du, zum Beispiel.

Kein Vergleich zu den Summen, die von Kunden verspielt werden, denen man mit euphorisierenden Elektroschocks das Gehirn geröstet hat ...

*

Du kennst das bereits zur Genüge. Dies ist nicht dein erster Tag im Windkasino, das den stolzen Namen GOLDREGEN trägt, auch nicht deine erste Woche.

Ob du, mehr schlecht als gerecht bezahlt, schon Monate an diesem Ort schuftest oder gar Jahre, weißt du nicht so genau. Diesbezüglich ist deine Erinnerung getrübt.

Seltsam, eigentlich. Vielleicht solltest du beizeiten schärfer darüber nachdenken. Oder Murilje ki-Kooröm befragen.

Aber nicht im Moment. Jetzt musst du wachsam sein und dich gegen gröbere Kaliber wappnen.

Jeden Moment kann, wie man so sagt, der Kotkübel in den Ventilator fliegen. Dann ist schnelle Reaktion geboten: ausweichen, ducken und den Schaden möglichst begrenzen.

Kummer mit kribbelstromsüchtigen Rungeletsch bist du gewöhnt. Aber diese drei hoffnungslos zugedröhnten Mantoiden haben überdies beschlossen, sich ausgerechnet mit einem halben Dutzend jugendlicher Ladhonen anzulegen.

Wären beide Parteien nüchtern, wären die Kräfteverhältnisse ungefähr gleich einzuschätzen. Leider sind sie das nicht, und daher versprechen Appelle an die Vernunft der Beteiligten wenig bis keinen Erfolg.

Rungeletsch werden fast doppelt so groß wie Ladhonen. Sie haben sechs zwar spindeldünne, aber stahlharte und doch geschmeidige Extremitäten. Mit dem vorderen, dornenbewehrten Fangarmpaar können sie bei ungeschützten Gegnern ziemlich hässliche Wunden verursachen.

Die gedrungenen Ladhonen wiederum, deren von feinem blauem Flaum bedeckten Schädel ein faustgroßes, violett schillerndes Facettenauge dominiert, haben nur zwei Beine, aber drei Arme. Der dritte entspringt am Rücken zwischen den Schulterblättern.

Diesen tentakelartig biegsamen Expanderarm sollte man als Nahkampfwaffe besser nicht unterschätzen.

*

Früher, in der Hochblüte der Vecuia, erfüllten die Ladhonen zum Teil polizeiliche, überwiegend aber militärische Aufgaben. Sie waren mit der Sicherung jener Gebiete betraut, in denen andere Hilfsvölker der VECU die potenziell gefährlichen Hinterlassenschaften sterbender oder abwesender Superintelligenzen beseitigten.

Das ist lange her.

Zwar bemühen sich die Ladhonen verzweifelt, ihre soldatische Kultur aufrechtzuerhalten. Aber seit sie ihre Bedeutung für das Galaxien-Geviert gänzlich eingebüßt haben, lungern viele von ihnen meistens bloß irgendwo herum und warten darauf, dass jemand mutwillig Streit vom Zaun bricht.

Ein solcher Platz, an dem ladhonische Rekruten ziemlich sicher sein können, dass sich eine Gelegenheit zu unfriedlicher Völkerbegegnung ergibt, ist das Restaurant des GOLDREGEN-Windkasinos. Nicht ganz zufällig werden an der über zwanzig Meter langen Bar auch bunte Mixgetränke ausgeschenkt, die leistungs- und aggressionssteigernde An-Hormone enthalten.

Wenn damit abgefüllte, halbwüchsige Ladhonen mit elektrisch aufgeladenen Rungeletsch kollidieren, sprühen buchstäblich die Funken. Es ist damit zu rechnen, dass bald mehr spritzt als bloß Schweiß und Speichel.

Kaum hast du den Schalter betätigt, der die Schutzgitter vor den Gläserregalen und Süßspeisenvitrinen herunterrasseln lässt, geht es auch schon los. Ein Rungeletsch, dessen fast einen Meter lange, zitternde Fühler einen hohen, schwirrenden Vibrato-Ton erzeugen, stakst zur Sitzgruppe der Ladhonen hinüber.

Fast synchron stellen sich deren rötliche, mittig über den Kopf verlaufende Hautkämme stocksteif senkrecht auf. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die An-Hormone gerade voll reinknallen.

Auch die Gäste an den umliegenden Tischen verstehen die Symptome zu deuten. Betont bedächtig legen sie das Essbesteck ab, stehen leise auf und weichen auf Zehenspitzen einige Meter weit zurück.

Daran, den Speisesaal zu verlassen, denkt freilich niemand. Stattdessen werden bei den wie aus dem Boden gewachsenen Buchmachern Wetten auf den Ausgang des Scharmützels abgeschlossen.

Besonders hohe Einsätze nimmt Murilje ki-Kooröm persönlich entgegen.

*

Dir ist die ganze Sache zuwider.

Dabei hättest du gute Chancen, einen richtigen Tipp abzugeben. Aufgrund einschlägiger Erfahrungen kannst du die jeweiligen Berauschungszustände recht genau beurteilen und gegeneinander abwägen.

Es wäre nicht einmal ein Regelverstoß. Mitarbeitern des Hauses ist die Teilnahme an solchen »Sportwetten« keineswegs untersagt, solange sie nicht gegen die Bank, sondern direkt gegen Gäste setzen.

Andere Angestellte haben auf diese Weise ein kleines Vermögen gemacht – um sich damit sofort aus Muriljes Krallen freizukaufen, ihr Dienstverhältnis zu quittieren und dem GOLDREGEN-Windkasino erleichtert den Rücken zu kehren.

Du jedoch wüsstest gar nicht, wohin du dich sonst wenden solltest. Nicht, dass dir dieser Ort, die Klientel oder deine Tätigkeiten so gut gefielen; ganz im Gegenteil, du verabscheust eins wie das andere.

Dennoch, etwas hält dich im Windkasino fest. Und das ist gewiss nicht Sympathie für die Betreiber. Du verspürst auch keine Solidarität, nicht einmal Mitleid mit den übrigen Nestdienern.

Eigentlich seltsam: Du bist unglücklich, hegst aber nicht den geringsten Wunsch, dich oder deine Situation zu verändern.

Manchmal denkst du dir, etwa so leer müssten sich die Kelche fühlen, die in den Kommoden hinter der Bar darauf warten, mit Flüssigdrogen gefüllt zu werden. Aber was könnte deine innere Leere ausfüllen?

Mittlerweile haben sich die anderen beiden Rungeletsch zu ihrem Artgenossen gesellt. Auch die Ladhonen haben sich erhoben und Aufstellung genommen.

Die gegenseitigen Anpöbeleien erreichen den kritischen Schwellenwert. Der erste, peitschenartige Hieb eines Fangarms eröffnet die Feindseligkeiten.

Nicht aus echtem Interesse, sondern aus reiner Routine schätzt du die Fitness, die Kampffertigkeiten und die aktuellen Reflexe der Kombattanten ab. Rasch ergibt sich daraus, dass sich am Ende die Ladhonen behaupten werden, wenngleich knapp und mit mehreren mittelschweren Verletzungen.

Genau so kommt es auch. Die Kampfhandlungen dauern nicht lange. Erwartungsgemäß sind keinerlei Raffinessen für Freunde von Gewaltexzessen zu sehen gewesen.

Irgendwann hinken die geprügelten Rungeletsch einfach von dannen. Ein paar Zuschauer applaudieren. Dann beginnt die Auszahlung der Gewinne.

Wenigstens gibt es keine Toten. Das hätte lästigen Papierkram nach sich gezogen, und an wem wäre der wohl hängen geblieben?

Richtig: an dir.

*

Du erfüllst viele Funktionen im Windkasino. Buchhalter, Reinigungskraft, gegebenenfalls Rausschmeißer ...

Der Überbegriff lautet Nestdiener. Oder, wie die vogelähnlichen Ramie sagen würden, »Glucke für alles«.

Egal, was du tust, langweilt dich. Trotzdem geht es dir leicht von der Hand. Meist legst du dich spät in der Nacht als Letzter zur Ruhe und stehst frühmorgens als Erster wieder auf.

Man behandelt dich nicht respektlos, da man deine Verlässlichkeit schätzt. Man bringt dir aber auch keine Ehrerbietung entgegen. Die Kasinopräsidentin kommandiert dich nach Belieben herum, wie es eben deinem niedrigen Status entspricht.

Gelegentlich lässt Murilje ki-Kooröm, wenn ein Spieler ungewöhnliches Glück gehabt und hohe Gewinne erzielt hat, ihre üble Laune an dir aus. Du nimmst Schikanen und Beschimpfungen hin, ohne jemals aufzubegehren, als wärst du nie anderes gewohnt gewesen.

Das ist seltsam, äußerst seltsam. In Wahrheit bist du nämlich die wichtigste Person auf diesem Planeten.

1.

Berühmte letzte Worte

27. Oktober 2046 NGZ

Ich heiße Oxana Schmitt, bin 50 Jahre alt, von Beruf Parapsychologin und sehr wahrscheinlich sehr bald tot.

Mir tut alles weh. Um mich ist es stockdunkel. Obwohl ich die Augen geöffnet habe, kann ich nichts sehen, nicht den geringsten Lichtschein.

Das stärkt meine Annahme, dass ich verschüttet wurde. Ich kann mich kaum bewegen, bloß ein wenig Kopf und Hals.

Dem Druck zufolge, der auf meinen Brustkorb und die Glieder einwirkt, liegt die halbe Stadt auf mir. Ich muss mehrere Meter tief vergraben sein, weil ich mich trotz der relativ geringen Schwerkraft nicht befreien kann.

Oder ich bin verletzt ... Nichts rührt sich, wenn ich die Arm- und Beinmuskulatur anspanne. Nur die Schmerzen werden stärker.

Noch stärker. Es fühlt sich an, als steckte ein scharfes, glühend heißes Beil in meinem Hinterkopf und Nacken. Ich will schreien, bringe jedoch nur ein krächzendes Wimmern heraus.

In den Flottenchroniken wird der Transitionsschock sehr ähnlich beschrieben. Raumfahrer lang vergangener Zeiten, als es noch keine Schockdämpfung gab, mussten solche Entzerrungsschmerzen erdulden. Aber erstens klangen sie schlagartig ab, sobald die Versetzung über den Hyperraum erfolgt war. Und zweitens hätte es mich sehr gewundert, wenn die Sturmstadt Lahossd über Transitionstriebwerke verfügt hätte.

Was war es dann, das mich so hart getroffen hat?

*

Nicht nur mich persönlich, übrigens.

Das Letzte, was ich wahrnahm, bevor ich in Ohnmacht fiel, war das Alarmpiepsen meines SERUNS. Die akustische Warnung besagte, dass sämtliche höherdimensionalen Module ausgefallen seien.

Der Schock muss also eine hyperphysikalische Komponente enthalten haben: eine Störstrahlung nach Art eines elektromagnetischen Pulses, nur eben auch hochenergetisch.

Da ich nicht an mein Multifunktionsarmband herankomme, aktiviere ich die Sprachsteuerung des Slender-SERUNS. Sie reagiert erst beim vierten Versuch.

Das ist kein gutes Zeichen.

Tatsächlich erfahre ich via Halskragen-Lautsprecher, dass nur noch die wenigsten Anzugaggregate funktionieren. Das Multikom ist außer Betrieb, weder Hyper- noch Normalfunk sind möglich.

Der Folienfalthelm lässt sich nicht aktivieren. Vermutlich blockiert Schutt den Nackenwulst der Montur.

Die Projektoren des Prallfeldschirms, der solche Hindernisse beiseitedrücken würde, sind ebenfalls defekt. Gleiches gilt für den Mikrogravitator im Gürtel und die Antigravstiefel.

Auch die Ortung gibt keinen Pieps von sich, von der Tastung gar nicht zu reden. Das bedeutet: kein Zugriff auf die gravitometrische Messung zur Detektion von Hohlräumen und bewegten Massen, die ich in dieser Lage sehr gut hätte brauchen können.

Immerhin sind die Autoreparaturroutinen bereits angelaufen. Allerdings geben die ersten Resultate der Selbstdiagnose wenig Anlass zur Freude.

Baldige Schadensbehebung ist unwahrscheinlich, komplette Wiederherstellung utopisch: Der Schock hat Hyperkristalle beschädigt. Momentan lässt sich nicht prognostizieren, welche Funktionen eventuell reaktiviert werden können.

Nun gut – oder eher nicht gut –, was habe ich umgekehrt noch?

Die moderate Muskelkraftverstärkung durch die haardünnen, in die Anzugunterschichten eingewebten Spiralfasern aus Polymergel ist nicht betroffen. Aber sie hilft mir wenig. Auch mit ungefähr verdoppelter Kraft in Armen und Beinen rührt sich die Last auf mir keinen Millimeter.

Zusammen mit dem »smarten« Bindegewebe der Wärmeisolierung haben die Gelfasern wenigstens Brüche, gröbere Schnittwunden, Verstauchungen oder dergleichen verhindert. Das meldet der mit eingeschränkter Leistung arbeitende Cybermed. Ihm zufolge war ich nur einige Sekunden bewusstlos. Dann hat er mir stärkende Mittel injiziert und mich dabei geweckt.

Immer noch fällt mir das Denken schwer. Mein Hirn schwimmt in einer Suppe aus schleimig zäher Trostlosigkeit, die von grellroten Schmerzschlieren wie Chilisoße durchzogen wird.

Puh, dieser Vergleich tut ebenfalls weh ...

Mir kommt ein unerquicklicher Gedanke: Wenn es, wie ich intuitiv angenommen habe, eine großflächig wirksame Schockwelle war, die sämtliche hyperenergetische Anwendungen meines Anzugs ausgeschaltet hat – wie steht es dann um jene von Lahossd?

Was ist zum Beispiel mit den Antigravs, von denen die schwebende Stadt in der Luft gehalten wird? Wird sie das überhaupt noch? Oder stürzen wir gerade ab?

Prompt vermeine ich, eine Bewegung zu spüren. Vielleicht bilde ich es mir nur ein. Aber mir scheint, ich rutsche, zusammen mit der mich umgebenden Masse, langsam, jedoch schneller werdend, nach unten.

*

Man sagt, in den letzten Sekunden vor dem Tod liefe das ganze Leben nochmals wie im Zeitraffer vor einem ab.

Das kann ich nicht bestätigen. Bei mir ist es nach wie vor zappenduster.

Keine Bilder, nicht mal in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Der einzige Spezialeffekt sind die Sternchen vor den Augen, die von den bohrenden Kopfschmerzen kommen. Darauf könnte ich gerne verzichten.

Ich merke, dass ich schläfrig werde. Nicht gut.

In solchen Gefahrensituationen heißt es, unter allen Umständen wach zu bleiben! Das lernt man schon in der Grundausbildung für Außeneinsätze.

Um mich munter zu halten und gleichzeitig von den Schmerzen abzulenken, rekapituliere ich, was in den letzten Tagen geschehen ist. Was dazu geführt hat, dass ich gerade bis zum Hals im Schlamassel stecke.

Wir schreiben den 27. Oktober 2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Am 20. Oktober, also vor genau einer Woche, hat Perry Rhodan nicht nur sich und die Materialwissenschaftlerin Gry O'Shannon aus dem Kanzlei-Gefängnis des Advokaten Synn Phertosh befreit, sondern noch eine dritte, äußerst faszinierende Person.

Iwán oder, besser: und Iwa Mulholland ist ein Hermaphrodit, ein Terraner mit ausgebildeten männlichen wie weiblichen primären Geschlechtsteilen. Unterhalten sich Männer näher mit ihm, erleben sie ihn, aber auch er sich selbst eher als männlich, ergo als Iwán. In der Gesellschaft von Frauen hingegen fühlt sie sich stärker als Iwa, also weiblich, und wird auch so wahrgenommen.

Mulholland verwendet für sich üblicherweise das neutrale Personalpronomen es. Mit ihm scheinen wir endlich eine Spur zur entführten Erde gefunden zu haben.

Mulholland beherrscht neben der Telepathie die parapsychische Fähigkeit der Schmerzensteleportation. Nach dem vor mehr als einem halben Jahrtausend verstorbenen Tefroder Lan Meota und dem Mausbiber Gucky ist Mulholland erst der dritte Mutant, der über diese Gabe verfügt. Das allein rechtfertigt bereits, dass wir von der Wissenschaftssektion der RAS TSCHUBAI uns intensiv um das psionische Multitalent kümmern.

Die wahre Sensation war jedoch, dass es in jenem hyperphysikalisch übergeordneten Medium, das ein Schmerzensteleporter durchquert, gleichsam zu Hause ist.

An diesem von ihm Zerozone genannten Ort oder Nicht-Ort befand sich die sogenannte Lounge, wo Mulholland geboren worden und aufgewachsen ist. Dort hat es sich für eine unbestimmte, weil nicht in herkömmliche Parameter übersetzbare Zeitspanne aufgehalten.

Vor allem aber hat es dort, gleichsam im Vorbeigehen, einen Weltenschatten entdeckt. Etwas wie das dunkle, optische Echo eines Planeten, mit charakteristischen Kontinenten und zahlreichen Einzelheiten, die Iwán – in diesem Fall ausdrücklich nicht Iwa – nachträglich gezeichnet hat.