Perry Rhodan 3137: Die Jül-Partikuliere - Robert Corvus - E-Book

Perry Rhodan 3137: Die Jül-Partikuliere E-Book

Robert Corvus

0,0

Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Rhodan begegnet in der kleinen Galaxis Cassiopeia den unterschiedlichsten Völkern und findet Spuren, die darauf hindeuten, dass dort der Chaoporter havariert ist – weil der Kosmokratenraumer LEUCHTKRAFT ihn gerammt hat. In der Milchstraße haben die Galaktischen Kastellane Reginald Bull als denkbaren Kollaborateur mit den Mächten des Chaos aus seinem Amt entfernt. Sichu Dorksteiger als neue Kommissarische Residentin der Liga forscht nun gemeinsam mit ihnen nach einem Geheimprojekt der Kosmokraten. Ihnen stellen sich DIE JÜL-PARTIKULIERE ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nr. 3137

Die Jül-Partikuliere

Ein Yodore erwacht – und erzählt seine Geschichte

Robert Corvus

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Vorspiel: Rückzugsort

1. Phasenverschränkung

2. Rettung

3. Konsultation

4. Im Hyperorkan

5. Verhandlungssache

6. Der Biss der Kobra

Nachspiel: Vergütung

Fanszene

Leserkontaktseite

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Rhodan begegnet in der kleinen Galaxis Cassiopeia den unterschiedlichsten Völkern und findet Spuren, die darauf hindeuten, dass dort der Chaoporter havariert ist – weil der Kosmokratenraumer LEUCHTKRAFT ihn gerammt hat.

In der Milchstraße haben die Galaktischen Kastellane Reginald Bull als denkbaren Kollaborateur mit den Mächten des Chaos aus seinem Amt entfernt. Sichu Dorksteiger als neue Kommissarische Residentin der Liga forscht nun gemeinsam mit ihnen nach einem Geheimprojekt der Kosmokraten. Ihnen stellen sich DIE JÜL-PARTIKULIERE ...

Die Hauptpersonen des Romans

Icho Tolot – Der Haluter spielt mit hohem Einsatz.

Madame Ratgeber – Die Posbi geht mit.

Orya Nachnord – Der Yodore kommt zurück ins Spiel.

Pinazuy – Der Jül-Partikulier spielt auf Zeit.

Sichu Dorksteiger

Vorspiel

Rückzugsort

Sichu Dorksteiger fuhr der Schreck in die Glieder, weil Icho Tolot derart überraschend vor ihr auftauchte.

Normalerweise bewegte sich der Haluter ohne Zuhilfenahme technischer Geräte nicht so leicht und geräuschlos wie eine Feder. Eher traf das Gegenteil zu. Meist kündigten ihn stampfende Schritte an, die durchaus kleine Gebäude in Schwingungen versetzen konnten. Dadurch bemerkte man seine Annäherung für gewöhnlich so rechtzeitig, dass man nicht überrascht war, wenn man dem schwarzen Riesen von dreieinhalb Metern Körpergröße und fast zwei Tonnen Gewicht schließlich gegenüberstand.

Hinzu kam, dass er soeben seinen Deflektorschirm ausgeschaltet hatte, in dessen Schutz er die Durchsuchung des Gebäudes vorgenommen hatte.

Tolot drehte den Kuppelkopf und richtete die drei Augen auf sie. »Habe ich dich erschreckt, Kleines? Entschuldige bitte. Es tut mir leid.«

Zum Glück dämpfte er mit den technischen Mitteln seines knallroten Kampfanzugs nicht nur die Schritte, sondern auch die Stimme. Das hatte er sich angewöhnt, seit er vor Jahrhunderten einmal schallend gelacht und damit das Trommelfell eines Ertrusers zum Platzen gebracht hatte. Wie zumindest eine der zahlreichen Anekdoten, wenn nicht sogar Legenden, besagte, die über den Haluter kursierten.

»Es ist meine Schuld, Tolotos«, gab sie zurück. »Ich habe mich kurzzeitig meinen Gedanken hingegeben und jede Aufmerksamkeit auf die Umgebung vermissen lassen.«

Die Gelassenheit und Ruhe des vierarmigen Wesens verrieten ihr, dass sein Patrouillengang durch das Gelände des abgelegenen, normalerweise nicht mehr benutzten Raumhafens, in dem sie Unterschlupf gefunden hatten, ereignislos verlaufen war.

Dennoch fragte sie nach.

»Ich habe nichts entdeckt«, bestätigte Tolot ihre Vermutung. »Kein Anzeichen von anderen Eindringlingen, keine Spur von irgendwelchen größeren Lebewesen. Wir scheinen völlig allein in diesem Gebäude zu sein.«

Das war wenigstens etwas. Die Ator sah auf ihre grünhäutigen Hände und sammelte ihre Gedanken. Eine Begegnung mit anderen Lebewesen konnte sie so gut brauchen wie weitere Sprenkel in ihren Augen. Und das galt natürlich ebenso für ihre Gefährten.

In einem Raum dieses Gebäudes warteten die drei Galaktischen Kastellane Kokuloón, Gera Vorr und Amamu Empu auf sie. Der Kolgone wollte ihnen berichten, wie er in diese Situation geraten war und den Yodoren gefunden hatte.

»Und die PROPA?«, erkundigte sich der Haluter.

Sichu vermutete, dass er nur der Etikette wegen fragte. Die Instrumente seines Kampfanzugs waren so hoch entwickelt, dass sie jede Veränderung bei Amamu Empus Raumschiff bemerkt hätten.

»Alles beim Alten.« Sie hatten die PROPA nach ihrer endgültigen Manifestation auf dem verlassenen Raumhafen untergebracht, um die geöffneten Sektionen der KORBINIAN BOKO wieder schließen zu können. Sehr weit waren sie damit allerdings nicht gekommen, wie Sichu sich zu ihrem Leidwesen eingestehen musste. Doch wie hieß es so schön bei den Terranern? Gut Ding will Weile haben.

»Dann sollten wir zu den anderen zurückkehren«, schlug Tolot vor.

Sichu nickte, und der Haluter ging voran. Sie folgte ihm.

*

Vor dem Raum, den sie als Rückzugsort ausgesucht hatten, hielt der Galaktische Kastellan Kokuloón Wache. Jedenfalls stand er an der Tür und sah gelegentlich nach links oder rechts. Er konnte keinesfalls ernsthaft glauben, dass ihnen in diesem Gebäude eine Gefahr drohte.

Kokuloón war ein Calurier, ein Humanoide also, der äußerlich stark an einen Arkoniden erinnerte. Sein Kopf war bis auf die Brauen und den Oberlippen- und Kinnbart haarlos, seine Augen hatten die für sein Volk typische honiggelbe Farbe. Er trug – wie alle Kastellane, die sie kannte – einen blauen Einteiler aus sehr glattem Stoff mit dünnen, weinroten Streifen, die eine besondere Funktion hatten, über die er sich jedoch weitestgehend ausschwieg.

Im Brustbereich war ein Teil des Anzugs rot eingefärbt und hatte schmale Wülste, auf dem Rücken saß eine Art von Tornister, und er trug einen roten Helm, dessen Seitenteile bis zum Unterkiefer reichten. An der linken Schläfe befand sich seine Insigne, eine etwa vier Zentimeter durchmessende, zwei Millimeter dicke und bläulich schimmernde Scheibe, die ihn als Kastellan legitimierte.

Er wartete schweigend, bis Sichu und der Haluter die Tür zu ihrem Versteck erreicht hatten, um ihnen dann in den Raum zu folgen.

Sichus Blick fiel auf Amamu Empu. Obwohl der Kolgone nur vage humanoid war, spindeldürr und leichtknochig, erkannte sie sofort, dass sich sein Zustand nicht wesentlich gebessert hatte. Ein flexibel dehnbares Futteral verband Brustteil und Oberarme des Anzugs, um den Gleitflughäuten Raum zu geben.

Empu saß auf dem Boden, lag fast, und seine vierfingrigen Hände zitterten leicht. Eine Sitzgelegenheit hatte er mehrmals abgelehnt, nur eine weiche Unterlage hatte er dankbar akzeptiert.

Schwach und mit merklicher Mühe sah er zu Sichu und Tolot auf. Seine Haut wirkte fahl, ein Effekt, der sich erst mit Verzögerung eingestellt hatte. Eigentlich war sie dunkelrot, nahezu bräunlich. Das flache, wenn auch menschenähnliche Gesicht mutete seltsam eingefallen an. Die großen, ausdrucksstarken schwarzen Augen schienen ins Leere zu schauen, bis es Amamu Empu endlich gelang, den Blick wieder zu fokussieren. »Ich bin bereit.«

Sichu empfand seinen tiefen Bass als durchaus angenehm. Empus Kinn war zu einem Hallraum verlängert und erweitert, der die Stimme trug und verstärkte.

Sie bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick. War er wirklich bereit? Ging es ihm tatsächlich so gut, wie er behauptete? Alles deutete darauf hin, dass er stark erschöpft war, wenn nicht sogar schlimm verletzt. Riss er sich übermäßig zusammen, um seinen Bericht abliefern zu können?

Aber sie kannte sich nicht gut genug mit Kolgonen aus, um eine definitive Aussage zu treffen. In einer Schulungsdatei stand, dass ihre Knochen hohl, biegsam und mit dem Edelgas Helium gefüllt waren, was ihnen erlaubte, bei ausreichender Windstärke aus eigener Kraft zu fliegen.

Auf jeden Fall hatten sie Amamu Empu aus seiner schwer beschädigten Sextadim-Kapsel PROPA gerettet, und es war durchaus möglich, dass er den Unfall mit seiner Kapsel – über dessen Natur sie nach wie vor kaum etwas wussten – nicht mit heiler Haut überstanden hatte.

»Ich freue mich auf deinen Bericht«, sagte Tolot mit noch immer gedämpfter Stimme, »aber wenn du mehr Zeit brauchst, um dich vollends zu erholen, üben wir uns selbstverständlich in Geduld. Dein Wohlergehen und deine Gesundheit sind wichtiger als die Informationen ...«

1.

Phasenverschränkung

Kann Ursuppe schwappen?

Der Gedanke schlich sich in seinen Kopf, setzte sich fest und verharrte dort. Er ließ sich nicht vertreiben, so sehr er es auch versuchte.

Welche Konsistenz hatte Ursuppe? Eher flüssig, eher fest? Oder ein Mittelding? Dickflüssig? Trieben winzige Partikelchen darin, versuchten, zueinanderzufinden, um sich zu vermehren? Oder war sie klar wie Wasser, ohne jede Spur von Leben? Nur voller Moleküle und Atome, die Jahrmillionen brauchen würden, um zu komplexeren Verbindungen zu verschmelzen?

Wie Ursuppe schwappte der Gedanke durch seinen Kopf, und damit war die Frage beantwortet. Ursuppe konnte schwappen.

Nur langsam und zögerlich wurde ihm bewusst, wie abstrus die Gedanken waren, die ihm durch den Kopf gingen, und auf einen Schlag wusste er, wer er war, wo er sich befand und was mit ihm geschah.

Er war Amamu Empu, und er hatte den Weckruf vernommen.

Während er langsam zu sich kam, stellten sich weitere abstruse Gedanken bei ihm ein, die kaum Sinn ergaben. Daran änderte sich wohl auch später nichts, falls er einmal die Muße fand, sich eingehender mit ihnen zu beschäftigen. Der Prozess lief bei jedem Erwachen ähnlich ab, nach fast identischen Mustern.

Seine Gedanken kreisten noch eine Weile um diesen Kern, bis sie schließlich genauso zögerlich vergingen, wie sie gekommen waren. Zumeist ließen sie ihn erst einmal verwirrt zurück.

Er blieb liegen, hielt die Augen geschlossen und versuchte, so tief und gleichmäßig zu atmen, wie es ihm möglich war. Doch schon überkam ihn die fiebrige Erregung, die mit jedem Weckruf einherging.

Etwas war geschehen. Etwas von Bedeutung. Er würde bald erfahren, was. Und dann würde er langsam erfassen, was man von ihm erwartete.

Wie er sich beweisen konnte.

»Die Yodoren sind aktiv«, meldete sich im nächsten Augenblick seine Sextadim-Kapsel PROPA.

Er war erleichtert, PROPAS Stimme zu hören. Er vernahm sie stets, wenn er erwachte, und sie klang in seinen Ohren äußerst angenehm. Kein Wunder: Sie war für ihn geschaffen, er hatte sie nach seinen Vorlieben moduliert. Sie gab ihm in diesen ersten Minuten den nötigen Halt, beruhigte ihn und stimmte ihn gleichzeitig zuversichtlich, erfüllte ihn mit großen Erwartungen.

»Die Yodoren?«, murmelte er, während seine Gedanken immer schneller flossen. Im ersten Augenblick sagte der Eigenname ihm nichts, dann fielen einzelne Bruchstücke zusammen und ergaben ein mehr oder weniger vollständiges Bild.

Er hatte von den Yodoren gehört, nein, kannte sie sogar, wusste, worum es sich bei ihnen handelte. Sie waren vage arachnoid, gingen auf vier Beinen und hatten vier Arme, aber kein Außenskelett, also keinen Panzer.

Die Angehörigen dieser Spezies erreichten eine Gesamthöhe von bis zu 1,70 Meter. Ihre Arme und Beine verfügten über jeweils zwei Ellenbogengelenke und vier geschickte Finger und Zehen. Der Kopf war stark von braunen, weißen und schwarzen Haaren besetzt, ihr Körper wies jedoch lediglich einen kaum sichtbaren Flaum auf.

Ihre Augen ... am seltsamsten waren ihm ihre Augen vorgekommen. Sie wirkten wie geschliffene, glänzende Türkise, hatten aber weder Pupillen noch Lider.

Da war noch etwas ... »PROPA, bei den Augen der Yodoren gab es eine Besonderheit, nicht wahr?«

»Allerdings. Sie verfügen über zwei Frontal- und zwei Schläfenaugen. Die Frontalaugen sehen ähnlich wie die deinen Gestalten, Farben, Bewegungen und Tiefe. Die Schläfenaugen oder Außenaugen sehen Infrarot. Brauchst du weitere Informationen?«

»Danke, das reicht vorerst.« Amamu Empu wartete, bis sich seine Gedanken klärten. »Was ist mit den Yodoren? Weshalb hast du mich ihretwegen geweckt? Welche Aktivitäten entwickeln sie?«

»Nicht allzu weit von unserer Position entfernt machen sie sich in einer kugelförmigen Zone zu schaffen. Ich habe einen entsprechenden Impuls aufgefangen. Er lässt darauf schließen, dass ein Konstruktorschiff der Yodoren ein ungetarntes Sextadim-Portal geöffnet hat, um in den Normalraum zurückzukehren. Also bauen die Yodoren dort offenbar etwas im Auftrag der Kosmokraten.«

Lag es daran, dass seine Gedanken noch immer nicht mit der normalen Geschwindigkeit flossen, oder hatte PROPA sich ungenau ausgedrückt? Amamu Empu war nicht klar, wieso die Sextatronik diese Schlussfolgerung zog. Ein Tor ging auf, also bauten sie etwas? Oder gab es Indizien, die darauf hinwiesen – über den Schiffstyp hinaus? Etwa einen permanenten Materialstrom von Containern?

Illustration: Dirk Schulz

Im nächsten Augenblick begriff er, weil er sich erinnerte, was die Yodoren auszeichnete: Sie waren ein Universen weit tätiger Bautrupp der Kosmokraten. Sie wirkten im Geheimen, und das bedeutete, dass die Kosmokraten etwas von großer Bedeutung in der Milchstraße errichteten. PROPAS Aussage verband also lediglich bekannte Tatsachen.

»Spiel die Daten ein!«, befahl er dem Schiffsrechner.

Es bereitete ihm beträchtliche Mühe, die Holoschriftzeichen nicht nur zu entziffern, sondern auch zu verstehen. Das Gegenüber folgerte aus ihnen, dass dort etwas gebaut wurde.

Er war zu schwach und unkonzentriert, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, und ließ es dabei bewenden. Bislang hatte er der Sextatronik immer vertrauen können.

Er spürte, dass seine Kräfte langsam, aber stetig zurückkehrten. Für einen Moment schloss er die Augen, zuckte jedes Mal zusammen, wenn PROPA ihm eine Injektion verpasste, genoss dann aber die Wärme, die daraufhin durch seine Adern strömte und ihn zusehends wiederherstellte. Er stöhnte wohlig auf, während Massagegeräte sanft über seinen Körper glitten und die Blutzirkulation langsam wieder in Gang brachten.

»Aber nicht deshalb habe ich dich geweckt«, fuhr PROPA fort. »Jedenfalls nicht in erster Linie.«

»Ach nein? Sondern?«

Ein Rauschen floss durch die Kabine des Schiffes, dann verstummte es abrupt, und eine Stimme erklang.

Empu erkannte sie sofort. »Alschoran!«

Alschoran, der Ase, mit der hellen Haut und den blonden Haaren, der Anführer der Kastellane. Alschoran, der kühle Denker, der stets den Erfolg im Blick hatte.

»Der Funkspruch traf verzerrt, verstümmelt und über Umwege ein«, sagte PROPA. »Ich habe ihn restauriert, so gut es mir mit meinen Mitteln möglich war, kann jedoch nicht garantieren, dass ich das Original exakt oder wortwörtlich wiederherstellen konnte. Ich empfehle dir, meine Zusammenfassung anzuhören, die den wesentlichen Inhalt wiedergibt.«

Amamu Empu gestand es sich ungern ein, doch es bestand eine gewisse Rivalität zwischen ihnen, zumeist kleine Eifersüchteleien, hinter denen allerdings mehr steckte, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Er war nicht versessen darauf, so kurz nach dem Erwachen Alschorans Stimme zu hören.

»Die Zusammenfassung genügt«, knurrte er.

»Alschoran hat einen Ruf ausgeschickt, der alle Kastellane auffordert, ins Solsystem zu kommen. Die für die Navigation notwendigen Daten liegen vor.«

»Hmm«, brummte Empu. Was hatte Alschoran dort entdeckt, das die Anwesenheit weiterer Kastellane erforderlich machte? Oder frönte er wieder seiner unseligen Leidenschaft, aus einer Bakterie einen Urzeitriesen zu machen, und wollte sich lediglich in den Mittelpunkt stellen?

Aber nein, das würde er nicht wagen. Auch die anderen Kastellane betrachteten ihn mit einer gewissen Skepsis. Er würde sie auf keinen Fall gegen sich aufbringen wollen.

»Das Solsystem«, sagte er gedehnt. »Also wieder einmal die Terraner, diese Lieblingskinder von ES.« Mühsam stemmte er sich hoch. Er hatte den Eindruck, dass das Blut schneller und gleichmäßiger durch seine Adern floss.

Wie stets würde er Alschorans Ruf Folge leisten, aber er würde nicht einfach aufs Geratewohl losfliegen. Während er sich dehnte, streckte und die Flughäute ausbreitete, um die Blutzirkulation zu beschleunigen, dachte er darüber nach, wie er an wesentliche Informationen kommen konnte, um den Asen gebührend beeinflussen zu können.

Vielleicht bot sich ihm eine Möglichkeit dazu. »Spiele das Gebiet der Yodoren und die betreffenden Daten ein!«, befahl er PROPA. Er spürte, wie ein leichtes Zittern das Schiff durchlief. »Was hat das zu bedeuten?«

Umgehend baute sich ein Holo auf. »In dieser Gegend tobt ein atypischer Hyperorkan«, erklärte das Gegenüber. »Die PROPA wird ihm widerstehen, daher habe ich dich nicht unmittelbar darüber informiert.«

Das vereinfachte die Gesamtlage nicht gerade. Auch wenn keine direkte Gefahr bestand, musste das Schiff einige Ressourcen aufbieten, um gegen den Sturm anzukämpfen. »Atypisch inwiefern?«

»Er erreicht generell um die einhundert Meg, nimmt aber weiter an Stärke zu. Vor wenigen Minuten ist er über einhundert Meg gesprungen, und es hat sich ein Tryortan-Schlund geöffnet.«

Empu schlug unwillkürlich mit seinen Flughäuten, ein Fluchtreflex, der sich aus vorzivilisatorischer Zeit erhalten hatte.

»Der Sturm zieht sich in unkalkulierbaren Perioden zusammen«, fuhr PROPA fort, »und bläht sich dann wieder auf. Meine Messungen haben ergeben, dass er seit Monaten tobt. Unglücklicherweise befinden wir uns in einer abrupt-expansiven Periode des Sturms. Das ist durchaus anders, als wir es sonst von Hyperstürmen kennen. Deshalb habe ich ihn als atypischen Hyperorkan bezeichnet.«

Empu konnte der Logik des Gegenübers folgen. War ein Hypersturm an sich schon ein ungewöhnliches Ereignis, kam ein atypischer Hyperorkan noch seltener vor.

»Und das Gebiet, in dem die Yodoren tätig sind?«

»Keine Daten.«

»Was soll das heißen?«

»Ich kann lediglich die Kugel als Gebiet von fünfhundert Lichtjahren Größe anmessen. Das umgebende Energiefeld sorgt dafür, dass alles, was an Impulsen aus dem Gebiet kommt, delokalisiert wird, als käme es aus der gesamten Kugel zugleich.«

»Und welche Impulse kommen aus dem Gebiet?«

»Undefinierbar. Im Prinzip energetische Impulse, die das Energiefeld als solches kennzeichnen. Aber die Ortung kann nicht erfassen, was in ihrem Inneren vorgeht.«

»Spiele die Bilder und Daten des Zielbereichs ein!«

Ein weiteres Holo bildete sich. Er betrachtete es in aller Ruhe und mit der gebotenen Ausführlichkeit.

Es zeigte eine Raumkugel von 500 Lichtjahren Durchmesser, offenbar durchgängig von einem hochtechnologischen Feld umhüllt. Darauf konnte sich auch das Gegenüber noch keinen Reim machen. Es arbeitete ressourcenintensiv an der Analyse.

Es dauerte ungewöhnlich lange, bis PROPA die gewonnenen Erkenntnisse bekannt gab, und sie waren spärlich. Die Sextatronik schien Gefallen daran zu finden, sich zu wiederholen. »Es handelt sich um ein Energiefeld mit unbekannten Eigenschaften. Ich würde es als eigentümlich bezeichnen.«

»Inwiefern?«

»Schon allein deshalb, weil es sich einer genauen Analyse entzieht. Meine Untersuchungen laufen ins Leere. Ich kann nicht einmal feststellen, ob es eine natürliche oder eine künstlich erzeugte Eigenschaft ist.«

Das erregte Empus Interesse. Atypisch. Undefinierbar. Eigentümlich.

»Dann werden wir uns dieses Energiefeld näher ansehen. Setz einen entsprechenden Kurs! Wir fliegen in das Gebiet ein.«

*

Während die PROPA versuchte, in das Energiefeld einzudringen, hatte Amamu Empu den Eindruck, dass das Schiff sich wie durch eine klebrige, zähe Masse bewegte, die ihm starken Widerstand entgegensetzte.

Aber auch dieser Eindruck trog.

Die PROPA kam überhaupt nicht vorwärts.

Empu warf einen Blick auf die Daten. Jeder Zweifel war ausgeschlossen, das Schiff hing im Energiefeld fest. So etwas hatte er noch nie erlebt.

»Gegenschub!«, befahl er beunruhigt.

Ein heftiges Zittern durchlief die PROPA. Die Triebwerke waren hervorragend abgeschirmt; normalerweise hörte er die Geräusche nicht, die sie erzeugten. Diesmal erklang jedoch ein tiefes Brummen in der Zentrale und wurde schnell lauter.

Dann ging ein Ruck durch das Schiff.

Empu atmete auf, weil die Datenholos anzeigten, dass die PROPA kaum merklich beschleunigte und die rätselhafte Barriere langsam, ganz langsam wieder verließ. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich schneller wurde und wieder normal reagierte.

Das Gegenüber gab keinen Kommentar von sich.

»Berechne einen neuen Kurs!«, befahl Amamu Empu. »Wir entfernen uns fünf Lichtsekunden von der Kugelzone der Yodoren und dem eigentümlichen Energiefeld, gehen dann auf Höchstgeschwindigkeit und streifen das Feld ganz leicht.«

»Kurs berechnet«, sagte PROPA.

Gebannt betrachtete Empu auf den Holos, wie das Schiff Fahrt aufnahm und schließlich gegen den äußersten Rand der Energiebarriere stieß.

Was hatte er erwartet?

Dass die PROPA von dem Feld abgestoßen wurde und zurück in den Leerraum prallte?