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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Als man aber in der Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, wird unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff in Marsch gesetzt: die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan. Von einem Raumschiff der Chaotarchen geht sicher eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Rhodan findet in der kleinen Galaxis Cassiopeia Spuren, die darauf hindeuten, dass dort der Chaoporter FENERIK havariert ist – weil ihn das Kosmokratenschiff LEUCHTKRAFT gerammt hat. Die Chaostruppen werden in der kleinen Galaxis immer aktiver, vor allem, weil die Menschen mit Kommandounternehmen beginnen. Nun droht eine Strafaktion von FENERIK gegen eine ganze Welt. Um das Schlimmste zu verhindern, beginnt VOSSKONS GRÖSSTE SHOW ...
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Nr. 3142
Vosskons größte Show
Das Chaofaktum schlägt zu – und ein Planet wird zerstört
Uwe Anton
Cover
Vorspann
Die Hauptpersonen des Romans
Prolog: 19. August 2071 NGZ
1. Einschüchterungstaktik
2. Die Eintracht pflegen
3. Die Show beginnt
4. Überzeugungsarbeit
5. Desynchronisation
6. Das Scherbenschiff
7. Die verlorene Familie
8. Graue Löcher
9. Chaos auf Tauparium
10. Ein grauenvolles Schicksal
Epilog: 22. August 2071 NGZ
Stellaris 84
Vorwort
Blinde Passagiere von Michael G. Rosenberg
Leserkontaktseite
Glossar
Impressum
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.
Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.
Als man aber in der Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, wird unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff in Marsch gesetzt: die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan.
Von einem Raumschiff der Chaotarchen geht sicher eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Rhodan findet in der kleinen Galaxis Cassiopeia Spuren, die darauf hindeuten, dass dort der Chaoporter FENERIK havariert ist – weil ihn das Kosmokratenschiff LEUCHTKRAFT gerammt hat.
Die Chaostruppen werden in der kleinen Galaxis immer aktiver, vor allem, weil die Menschen mit Kommandounternehmen beginnen. Nun droht eine Strafaktion von FENERIK gegen eine ganze Welt. Um das Schlimmste zu verhindern, beginnt VOSSKONS GRÖSSTE SHOW ...
Gucky – Der Mausbiber sieht und espert nur Wald.
Perry Rhodan – Der Terraner sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Umenun – Der Khoesal sieht die Welt im Wald – und umgekehrt.
Yovora Ginvoy – Die Tefroderin erweist sich als loyal.
Lousha Hatmoon – Sie erweist sich als wahre Meisterin ihres Fachs.
Vosskon
Prolog
19. August 2071 NGZ
»Es ist einfach unglaublich«, sagte Perry Rhodan. »Beide Missionen sind gelungen!«
»Ja.« Gucky ließ den Nagezahn aufblitzen. »Und das, obwohl ich nur an einer beteiligt war!«
Der Ansatz eines Lächelns glitt über Rhodans Gesicht, doch er verkniff sich jeden Kommentar zu der Bemerkung. »Diesmal ist nichts schiefgegangen. Team eins ist es gelungen, Vosskon zu finden und zu engagieren ... und Team zwei ...«
»Guckys Spezial-Mutanten-Team«, warf Gucky ein.
»... Team zwei hat den Arynnen ein falsches Ziel untergeschoben.«
»Den Planeten Tauparium«, ergänzte der Mausbiber.
Rhodan ließ den Blick durch den kleinen Konferenzraum gleiten, bis er auf Vosskon hängen blieb.
Der begnadete Gaukler, das Irrlicht von Valotio, wie er auch genannt wurde, entstammte dem alten und sehr kleinen Volk der Stossniden. Insgesamt mutete er humanoid an. Er war – in diesem Augenblick – an die drei Meter groß, verfügte aber über kein Knochenskelett, sondern über eine hochkomplexe und tragfähige Sehnen- und Knorpelarchitektur. Deshalb konnte er seine Größe zwischen eineinhalb und drei Metern variieren.
Diese Dehnbarkeit galt auch für seine beiden Beine und Arme. Für die Verformungsbewegungen sorgten antagonistisch wirkende Radial- und Longitudinalmuskeln, die den Körper durch Verschieben der Körperflüssigkeit hydraulisch bewegten. Der energetische Aufwand dafür wurde durch ein kreuz und quer verspanntes System elastischer Fasern minimiert, von denen bei einer Formänderung jeweils ein Teil gedehnt wurde, während sich die anderen entspannten. Auch die einzelnen Knorpelelemente waren mit solchen Fasern verbunden.
So viel hatten sie über Vosskon schon herausgefunden. Doch es war ein Unterschied, ob man etwas theoretisch wusste oder es mit eigenen Augen vor sich sah.
An seiner Seite waren, wie eigentlich immer, seine beiden einzigen Vertrauten. Od Hairac war ein alter Gaid, blaugrünhäutig und haarlos und sehr menschenähnlich mit Ausnahme von Hals und Kopf. Er war an die 1,80 Meter groß, hatte breite Schultern und relativ dünne Arme und Beine. Sein Kopf saß auf einem etwa zehn Zentimeter langen schlauchartigen Hals, hatte nur die Größe einer menschlichen Faust und war kugelrund. Die gesamte Vorderseite wurde von einem großen Facettenauge eingenommen.
Od Hairac führte als Conférencier durch das Staunfest, wie Vosskon seine Show nannte, wobei ihm eine leichte hypnosuggestive Begabung half. Damit griff er manchmal ein, um das Publikum abzulenken, aber nie basierte ein Trick oder Showeffekt nur auf dieser Gabe.
Zuhaive Antann war Tefroderin und eine praktisch veranlagte Tüftlerin, auf die Vosskon nicht verzichten konnte und die er sehr schätzte. Ihre Qualitäten standen für ihn außer Frage.
»Wir haben die Bühne also vorbereitet«, fuhr Rhodan fort – und korrigierte sich sofort. »Nein, nicht vorbereitet, eigentlich nur ausgewählt. Nun kann und muss Vosskon auf Tauparium aktiv werden, und das schnell.«
Obwohl der Stossnide sich schon zu voller Größe aufgerichtet hatte, schien er zu versuchen, sich noch ein wenig mehr zu strecken. »Ich bin bereit«, sagte er.
»Natürlich kann der große Gaukler, das Irrlicht von Valotio, nicht allein dort tätig werden, doch er wird die Hauptlast tragen«, erläuterte Rhodan.
»Wie genau willst du vorgehen, Terraner?«
Rhodan dachte kurz nach. »Ich werde eine kleine Flotte in den Einsatz schicken. Zwölf Schwere Kreuzer der OLYMP-Klasse, angeführt von der SKO-01 unter Kommandantin Kirushina Arudselvan. Dein eigenes Schiff, die VINPA, werden wir an der RAS TSCHUBAI verankern.«
»Warum?«, fragte der Gaukler.
»Die VINPA ist das langsamste Schiff und würde den Vorstoß nur verzögern.«
»Es ist klar, dass Lousha Hatmoon und ich ebenfalls an der Mission teilnehmen werden«, ergänzte Vetris-Molaud, als wäre das längst abgesprochen.
Der Blick des Terraners blieb auf dem Tefroder haften. »Du bist der Maghan in der Milchstraße und hast in Cassiopeia keine Autorität«, sagte er leise.
Eine Zurechtweisung, die Vetris-Molaud verstehen würde.
Und das tat er: Denn Vetris-Molaud lächelte. Sonst nichts. Er war der wohl größte Experte, was Perry Rhodan anging, und wusste genau, wie dieser letztlich reagieren würde.
»Aber ihr beide werdet dort gebraucht«, sagte Rhodan ruhig. »Schließlich geht es um Tefroder. Ihr geht an Bord der SKO-01.«
»Ich möchte dich einladen, den Flug an Bord der VINPA zu verbringen«, sagte Vosskon.
Überrascht runzelte Rhodan die Stirn. »Wir kennen uns kaum. Was verschafft mir die Ehre dieser Einladung?«
Vosskon breitete die Arme aus, als wollte er einen Zylinder vor sich materialisieren und dann einen Ilt daraus hervorziehen. »Sagen wir einfach ... das verschafft mir Gelegenheit, dich besser kennenlernen.«
»Ich danke dir für die Einladung und akzeptiere gerne.«
»Dann wäre das also geklärt.«
»Wir werden versuchen, den Arynnen und damit FENERIK ein Schnippchen zu schlagen«, sagte Rhodan. »Das Risiko ist hoch, und wahrscheinlich wird nicht alles so verlaufen, wie wir es geplant haben. Das ist meiner Erfahrung zufolge nur selten der Fall.«
»Aber das Risiko ist es wert«, sagte Vosskon.
»Deshalb warst du auch so überrascht, dass die beiden letzten Missionen ohne die geringsten Einschränkungen gelungen sind«, sagte der Mausbiber.
Rhodan nickte. »Ich werde allen Schiffen den Auftrag erteilen, Vosskon, seine beiden Mitarbeiter und die VINPA zu schützen – komme, was da wolle. Und wie stehst du zu dieser Mission, Gaukler?«
»Ich muss gestehen«, sagte Vosskon, »dass ich mich auf das bevorstehende Staunfest freue. Das wird wohl meine mit Abstand größte Show!«
1.
Einschüchterungstaktik
Die Holoverbindung war ausgezeichnet.
Perry Rhodan versuchte, die Eindrücke der recht fremdartigen Zentrale der VINPA auszublenden, was ihm dadurch gelang, dass er sich voll auf die Personen und das Gespräch in dem kleinen Konferenzraum der RAS TSCHUBAI konzentrierte.
Recht gut, aber nicht vollständig. Sein Blick fiel immer wieder auf ein flaches, mit salzhaltigem Wasser gefülltes Becken, das Vosskon als Bett diente. Dadurch konnte er im Schlaf längere Zeit kiemenatmen. Außerdem befeuchtete das Schlafen im Salzwasser seine Haut, was ihm sehr angenehm war. Außerhalb des Wassers schlossen die Kiemenbereiche dicht, damit sie nicht austrockneten.
Dann richtete Rhodan sein Augenmerk wieder auf die Holos mit den dazugehörigen Datensätzen, die Vosskon so eingerichtet hatte, dass sie sich auch von ihm mit einem Augenblinzeln aufklappen ließen.
Mehrere zeigten einen Scherbenraumer, der auffällig langsam flog. Der Schwarm gut getarnter überlichtfähiger Sonden, der ihn seit dem Ende des Einsatzes von Gucky, Shema Ghessow und Damar Feyerlant begleitete und beobachtete, hatte nicht die geringste Mühe, ihm zu folgen.
Auch einige Raumschiffe der Tefroder, Gaids und Komeuk beobachteten und begleiteten den Verband. Die FENERIK-Schiffe griffen nicht an, ließen die Beobachtung zu.
»Es hat sich nichts geändert«, sagte Damar Feyerlant, der ein ähnliches Holo betrachtete. Die eine Aufnahme stammte von der VINPA, die andere von der RAS TSCHUBAI, doch beide zeigten dasselbe Schiff. »Die Arynnen wollen Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie wollen der ganzen Galaxis mitteilen, dass sie vor Ort sind – und was das Schiff demnächst tun wird.«
In diesem Augenblick ging der Scherbenraumer in eine kurze Überlichtetappe. Das war kein Grund zur Beunruhigung. Sie würde keineswegs in gerader Linie zu einem bestimmten Ziel führen, sondern in eine andere beliebige Richtung und nahe an eine der Welten der Tefroder.
Von denen waren in Cassiopeia nur acht allgemein bekannt. Der Raumer würde also bald wieder in der Ortung auftauchen. Dieses Spiel kannten sie zur Genüge.
»Der Scherbenraumer will Angst und Schrecken verbreiten«, fuhr Damar Feyerlant fort. »Die Bevölkerung von Cassiopeia soll sich fragen: Ist er vielleicht zu meinem Planeten unterwegs?«
»Eine perfide Taktik«, gestand Rhodan, »die aber eine für uns günstige Nebenwirkung hat. Sie gibt uns Zeit, auf Tauparium unsere Vorbereitungen zu treffen.«
»Es besteht kein Zweifel«, fuhr Feyerlant fort. »Die Arynnen wollen Öffentlichkeit für ihre Einschüchterungstaktik. Und darum lassen sie sich Zeit und strahlen ihre Botschaft aus: Sie informieren die ganze Galaxis, dass dies eine Strafaktion ist. Sie sind die Vollstrecker von FENERIKS Willen, die im Handstreich eine ganze Sterneninsel in ihre Hand bringen können.«
Rhodan ließ den Blick durch den abgetrennten Bereich der Zentrale der VINPA schweifen.
Dann konzentrierte er sich wieder auf das Holo. »Wie weit sind wir mit unseren Vorbereitungen?«, fragte er.
Umgehend ergriff Lousha Hatmoon das Wort. »Ich habe bereits während der Suche nach Vosskon Kontakt mit den Tefrodern vor Ort aufgenommen und für eine Landeerlaubnis gesorgt.« Natürlich hatte sie das in ihrer aktuellen Identität getan: als Lousha Hatmoon, die Stellvertretende Leiterin der Operationsbasis des tefrodischen Geheimdienstes in Valotio.
Als solche verfügte sie über eine beträchtliche Autorität, und die hatte ihr hier die Wege gebahnt. Wer wollte sich schon mit der Agentur für die Stabilität Karahols anlegen?
Illustration: Swen Papenbrock
Rhodan runzelte die Stirn. Bei dieser Aktion waren sie auf Lousha Hatmoons Mitarbeit angewiesen. Ihm kam zugute, dass sie höchstwahrscheinlich dasselbe Ziel wie er verfolgte. Dennoch hegte er ihr gegenüber ein gesundes Misstrauen. Wenn stimmte, was sie über sich selbst sagte, war sie eine Meisterin der Insel, die sich zudem überaus gut mit Vetris-Molaud verstand.
Vielleicht sogar mehr als das. Zwischen den beiden bestand eine innige Verbindung.
Er nickte ihr zu. »Danke.«
Sie hob den Kopf, als lauschte sie einer unsichtbaren Stimme. Dann sagte sie: »Die Evakuierung der Tefroder vor Ort wurde vorbereitet, aber noch nicht durchgeführt. Wir können jedoch sofort damit beginnen.«
»Dann sollten wir ...«, begann Rhodan.
»Wie du weißt, ist Tauparium ein Geheimprojekt der ASK«, fuhr Lousha Hatmoon ihm dazwischen. »Daher habe ich Zugriff auf die Agenten. Der Planet wird vom tefrodischen Geheimdienst aber nicht sehr personalintensiv betrieben.«
»Dort wird ein planetarisches Versteck errichtet, eine Bunkeranlage, in die sich im Notfall bis zu einhundert Millionen Tefroder flüchten können.« Rhodan hatte sich, wie es seine Art war, vorab eingehend informiert. »Das ist eine beträchtliche Anzahl. In ganz Valotio leben etwa fünfhundert Millionen Tefroder. Die Anlage kann also nach Fertigstellung gut zwanzig Prozent der Bevölkerung der gesamten Galaxis Schutz bieten.«
»Allerdings arbeiten auf der Baustelle nur wenige Hundert Tefroder, die in einer kleinen Siedlung leben«, griff Lousha Hatmoon den Faden auf. »Eine so geringe Menge an Personen können wir leicht evakuieren. Darauf basiert mein Plan.«
»Doch deine Agenten müssen mitarbeiten«, fuhr Rhodan fort. »Du hast sie für diese Mission Vosskons Befehl unterstellt. Die Frage ist nur, ob sie tatsächlich wie gewünscht mitwirken werden.«
»Deutest du an, ich hätte meine Leute nicht im Griff?«
»Keineswegs. Ich empfehle lediglich, ihnen die Hintergründe zu erklären. Dadurch werden sie mit Sicherheit ihre Befehle besser einstufen können.«
»Was du nicht sagst«, erwiderte Lousha Hatmoon. »Du könntest mir kleiner Geheimdienstkommandantin mit deiner unfassbaren, jahrhundertelangen und galaxienweiten Erfahrung in Menschenführung sicherlich noch sehr viel beibringen.«
Der Hieb saß. Er schluckte schwer. Tatsächlich war seine Bemerkung ungeschickt gewesen, getrieben von seiner Befangenheit in der Gegenwart dieser mysteriösen Frau.
»So war das nicht gemeint.«
»Davon gehe ich aus.« Lousha Hatmoons Miene blieb unbewegt.
»Wir gehen in den Landeanflug«, warf Vosskon genau zur rechten Zeit ein.
Rhodan kniff die Augen zusammen. Wollte das Irrlicht von Valotio damit die Spannungen aus dem Gespräch nehmen, oder verkündete es lediglich den aktuellen Stand? Rhodan vermochte den großen Gaukler noch immer nicht so richtig zu durchschauen. Das mochte durchaus etwas mit seinem Beruf – oder gar seiner Berufung – zu tun haben. Vosskon war dermaßen daran gewöhnt, zu täuschen und hinters Licht zu führen, dass diese Eigenschaft zu einem Teil seiner selbst geworden war.
Vosskon verstand sich meisterhaft darauf, andere zu manipulieren. Er war ein sympathischer Gauner, so viel stand fest, denn er wollte niemandem schaden oder sich unrechtmäßig bereichern. Aber er war ganz bestimmt kein einfacher Charakter.
»Einheiten der Tefroder sind bereits unterwegs«, sagte Lousha Hatmoon. »Ich habe sie angefordert, und der Virth hat ihre Bereitstellung genehmigt. Sie werden in Kürze eintreffen. Sie wurden meinem Befehl unterstellt. Scheint fast so, als hätte ich deinen Rat bereits befolgt, ehe du ihn mir geben konntest. Du bist ein phantastischer Lehrer ...«
Rhodan verzog leicht das Gesicht. Lousha Hatmoon bohrte genüsslich in der Wunde.
»Und ich habe Kontakt mit dem Stationsdirektor aufgenommen«, fuhr sie fort.
»Das ist der höchstrangige Agent der Stabilität vor Ort?«
»Ja. Der Tefroder Barg-Osolo. Ich habe mit ihm ein Treffen vereinbart. Er wird uns in seinem Büro oder auf der Baustelle empfangen. Dort werde ich ihm meine Legitimation und die Befehle des Virth aushändigen.«
»Ausgezeichnet«, lobte Rhodan vielleicht etwas zu überschwänglich. »Dann kann es ja losgehen.«
*
In den Holos beobachtete Rhodan, wie die VINPA schwerelos wie eine Feder über Tauparium dahinglitt und immer tiefer sank. Sehr viel sah er allerdings nicht: Er schaute auf ein grünes Meer aus Baumkronen, das sich endlos und fast einfarbig, nur mit leichten Schattierungen versehen, über die gesamte Oberfläche des Kontinents ausdehnte. Wenn er jemals eine Urwaldwelt gesehen hatte, dann diese. Die Eintönigkeit wurde nur gelegentlich von Lichtungen durchbrochen, winzigen hellen Flecken im allgegenwärtigen Grün.
Rhodan war fast erleichtert, als ein Holo die Baustelle der Tefroder und die dazugehörige kleine Ansammlung von Gebäuden erfasste. Es waren nicht viele, höchstens ein paar Hundert. Mehr Tefroder lebten nicht dauerhaft auf dieser Welt, doch sie hatten immerhin einen winzigen Teil des Planeten gerodet und damit Lücken in das endlose grüne Meer geschlagen, die in Rhodans Augen nicht mehr und nicht weniger als eine Wohltat im endlosen Einerlei waren.
Ganz in der Nähe befand sich ein ausgedehnter Raumhafen aus mehreren gerodeten, planierten und mit einer gehärteten Oberfläche überzogenen Lichtungen. Breite Straßen führten zu der Baustelle, die wie ein Fremdkörper im Grün anmutete.
Rhodan rief eine Vergrößerung auf. Die Baustelle selbst wirkte wie ein Krater, ein extrem missgestalteter Fremdkörper. Eine hässliche Wunde dehnte sich im tiefgrünen Ozean aus, ein riesiges Loch, an dessen Seiten braunes Erdreich aufgeschüttet war. Vorgefertigte Bauteile aus Metall lagen dort wie Kadaver riesiger Urweltmonster, metallen schimmernd und in der Sonne glänzend. Riesige gezahnte Verstrebungen erinnerten Rhodan an die fleischlosen Skelette von Dinosauriern, die von der Hitze ausgebleicht und brüchig geworden waren.
Seitlich über der Baustelle hing ein seltsames Gebilde, ein schlichter, aber eleganter Komplex: gegeneinander luftig versetzte, flache Quader in drei Ebenen zu einem schwebenden Gebäude zusammengefügt, die marmorweißen Dächer und Außenflächen das helle Tageslicht spiegelnd.
Nur mit Mühe konnte Rhodan sich von dem Anblick losreißen.
Er richtete den Blick auf die anderen Holos und rief einige davon auf, vergrößerte sie und ging die Daten genau durch.
Eine dreidimensionale Darstellung zeigte, dass der VINPA einige Beiboote der OLYMP-Schiffe folgten. Auch sie setzten zum Landeanflug an. Alles verlief nach Plan.
Sollte auch diese Mission einwandfrei gelingen?
2.
Die Eintracht pflegen
Umenun schaute zum Wald und pfiff leise auf.
»Puh«, sagte er. »Das Zeug hat es in sich. Ich werde heute bestimmt ganz intensiv die Eintracht pflegen.« Er betrachtete den Rest des Blattwurzes, den er noch in der Hand hielt. »Ach, was soll's!«, murmelte er und stopfte den letzten Bissen ebenfalls in sich hinein.
Zuerst spürte er gar nichts, aber das war normal. Die Wirkung würde erst in ein paar Minuten einsetzen.
Der Wald vor ihm war sehr dicht. Die Bäume standen eng und schienen besonders knorrig zu sein. Das mochte aber auch eine Täuschung sein, die der Blattwurz verursachte, vor allem, wenn er so kräftig war.
Der Khoesal ging los.
Nach ein paar Schritten schienen die Bäume vor ihm zurückzuweichen, dann änderten sie ihr Verhalten. Einer streckte zwei große Äste nach ihm aus, zuerst nur eine Winzigkeit, dann immer forscher, bis die ersten Spitzen ihn berührten.
Plötzlich schien Feuer durch seine Adern zu fließen.
Umenun atmete tief durch.
Die Astspitzen glitten vorsichtig über seine Haut, ohne sie zu zerkratzen, doch er spürte ihre Berührung im gesamten Körper. »Sieh an, der werte Gesellschafter Umenun, der mit den Fremden spricht«, sagte der Baum.
»Hast du etwas dagegen?«, fragte Umenun. »Schließlich spreche ich auch für dich.«
»Habe ich dich darum gebeten? Oder dir die Erlaubnis dafür erteilt? Du nimmst dir viel heraus, Gesellschafter. Manchmal bezweifle ich, dass du deine Rolle in meiner Welt so genau kennst, wie es nötig ist.«
»Muss ich dich um Erlaubnis fragen? Du bist der Wald. Du bist einfach da. Ich lebe in dir und mit dir. Glaubst du wirklich, ich würde dir schaden?«
»Bewusst nicht. Aber vielleicht unbewusst.«
»Das ist Unsinn!«
»Du bist uneinsichtig. Vielleicht muss ich dir eine Lektion erteilen.«
Der Khoesal schaute sich um. Plötzlich war ihm sehr unbehaglich zumute. Das Pflegen der Eintracht nahm eine Wendung, die er nicht vorhergesehen hatte.
Und die ihm nicht gefallen konnte.
»Ich glaube schon, dass du die Fremden allmählich wichtiger nimmst als deinen Wald. Schau doch, mit welch geschwellter Brust du herumstolzierst.«
»Das ist nicht wahr. Ich versuche nur, mit allen Wesen auf dieser Welt gut auszukommen.«
»Ja, ich muss dir eine Lektion erteilen.« Die Borke des Baumes vor ihm stülpte sich vor, als ginge der Baum plötzlich schwanger, und brach dann auf. Eine Gestalt quoll aus dem Holz hervor und rutschte langsam die Rinde hinab.
Sie kam auf dem Boden auf und richtete sich auf.
Umenun trat einen Schritt zurück.
Beine sprossen aus dem Holz der Gestalt, die halb so groß wie der Khoesal war, und Arme und ein kurzer Hals, aus dem ein kleiner, grobschlächtig geformter Kopf wuchs. Das Baumwesen hob die Arme, und kleine, kräftige, spitz zulaufende Äste schossen aus ihm hervor.
Mit ruckartigen Bewegungen drehte die Gestalt sich um und lehnte sich gegen den Baum. »Wie willst du es haben?«, fragte sie. »Soll es um Leben und Tod gehen, oder zeigst du Demut und bittest um Gnade?«
Der Khoesal sprang zurück, lief zu einem anderen Baum und griff nach einem Ast, um ihn abzubrechen. Irgendwie musste er sich gegen das Baumgeschöpf zur Wehr setzten.
Doch der Ast ließ es nicht mit sich geschehen und holte zu einer peitschenden Bewegung aus.
Eine Woge aus glühendem Schmerz rollte von der Schulter, an der der Ast ihn getroffen hatte, durch Umenuns Oberkörper bis in seine Fuß- und Fingerspitzen. Das war nicht nur die Wirkung des Schlages; der Baum musste all seine Nesselzellen zusammengezogen und bei dem Kontakt mit seiner Haut die Inhalte freigesetzt haben. Und sie strömten nun durch seinen Körper und setzten ihn in Flammen.
Ihm wurde heiß und kalt. Meint der Wald es wirklich so ernst? Will er mich demütigen oder mit zumindest meinen angemessenen Platz streitig machen? Und das nur, weil ich mit den Fremden spreche?
Was ist hier los?
Wieder schlug der Ast peitschend zu.
Umenun sprang zur Seite. Es gelang ihm mit knapper Not, einer erneuten Berührung zu entgehen. Er wich zwei, drei Schritte zurück. »Hör auf!«, rief er. »Du kennst mich doch. Ich bin Umenun, der Gesellschafter!«
Kaum hatte er die Worte gesprochen, als die Äste eines zweiten Baumes in Bewegung gerieten. Zuerst schien nur ein starker Wind durch sie zu fegen. Ihre Blätter raschelten laut, ein völlig ungewohntes Geräusch im Wald.
Er fuhr herum und lief los.
Der Khoesal hatte kaum ein paar Schritte getan, als er ein Geräusch hinter sich hörte, ein lautes Stampfen. Er schaute über die Schulter zurück und sah, dass die kleine Gestalt ihn verfolgte, die sich aus dem Baum gelöst hatte.
Aber sie hatte ihr Aussehen verändert.
Sie wirkte nun ... wie eine kleine Nachbildung von ihm selbst. Wie ein winziges Duplikat. Oder ...
Wie ein Kind von ihm!
Nein!, dachte er.
Gesellschafter hatten keine Kinder!
Die Khoesal lebten sehr eng in ihren Familienverbänden, doch Gesellschafter hatten, anders als die meisten ihres Volkes, keine Nachkommen, sondern leisteten mal dieser, mal jener Familie Gesellschaft, wie ihr Name es schon besagte. Umenun bildete da keine Ausnahme.
Mehr noch. Er leistete sogar den Fremden Gesellschaft, den Großen mit den bleichen Gesichtern.
Den Tefrodern.
Vor allem Yovora Ginvoy.
»Vater!«, rief seine kleine Nachbildung. Sein Kind, das er gar nicht hatte. »Vater, warte auf mich! Du läufst so schnell ...!«
Umenun schaute über die Schulter zurück, blieb jedoch nicht stehen. Sein Kind lief erstaunlich rasch für seine geringe Größe. Es stapfte auf seinen Stummelbeinen vorwärts, und die Bäume schienen sein Vorankommen zu begünstigen, vor ihm zur Seite zu weichen, es sogar immer wieder mit ihren Ästen behutsam anzustupsen, damit es vorwärtskam.
