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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Doch entwickelt sich in der kleinen Galaxis Cassiopeia offensichtlich eine neue Gefahr. Dort ist FENERIK gestrandet, ein sogenannter Chaoporter. Nachdem Perry Rhodan und seine Gefährten versucht haben, gegen die Machtmittel dieses Raumgefährts vorzugehen, bahnt sich eine unerwartete Entwicklung an: FENERIK stürzt auf die Milchstraße zu. Während Rhodan dem Chaoporter nacheilt, hält seine Enkelin Farye die Stellung in Cassiopeia und versucht, mehr über den Gegner herauszufinden. Eine besondere Bedeutung hat hierbei DER MEISTER DES HYPER-EISES ...
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nr. 3172
Meister des Hyper-Eises
Sein Tanz verbindet Unvereinbares – und zerreißt den Verstand
Robert Corvus
Cover
Vorspann
Die Hauptpersonen des Romans
1. Meister und Mittler
2. Rendezvous
3. Vater und Admiral
4. Zweifel
5. Wahl
6. Aufklärung
7. Konsultation
8. Einsatzbesprechung
9. Belastung
10. Der Angriff der 100
11. Ausstieg
12. Warten
13. Extraktion
14. Schatten
15. Fehler
16. Karambolage
17. Interface
18. Peripherie
19. Steuerung
20. Lästerung
21. Kontakt
22. Lösung
23. Aufnahme
24. Entrückt
25. Verrat
26. Flucht
27. Wunden
Leseprobe PR NEO 280 –Lucy Guth – Fremder als fremd
Vorwort
Prolog
1. Im Nichts
2. Doynschto
3. Dagor
Gespannt darauf, wie es weitergeht?
Leserkontaktseite
Glossar
Impressum
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.
Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.
Doch entwickelt sich in der kleinen Galaxis Cassiopeia offensichtlich eine neue Gefahr. Dort ist FENERIK gestrandet, ein sogenannter Chaoporter. Nachdem Perry Rhodan und seine Gefährten versucht haben, gegen die Machtmittel dieses Raumgefährts vorzugehen, bahnt sich eine unerwartete Entwicklung an: FENERIK stürzt auf die Milchstraße zu.
Während Rhodan dem Chaoporter nacheilt, hält seine Enkelin Farye die Stellung in Cassiopeia und versucht, mehr über den Gegner herauszufinden. Eine besondere Bedeutung hat hierbei DER MEISTER DES HYPER-EISES ...
Havid Digamma – Ein Admiral und Vater.
Buunator – Ein Diener und Prophet.
Farye Sepheroa-Rhodan – Eine Kommandantin und Zweiflerin.
Shema Ghessow – Eine Parabegabte und Agentin.
Soynte Abil
1.
Meister und Mittler
Alles, was Buunator fürchtet, ist in diesem Raum.
Alles, was Buunator ersehnt, ist in diesem Raum.
Außerhalb dieses Raums existiert nur Störung, Ablenkung, Irrelevanz. Und ein Hauch impertinenter Notwendigkeit, denn ohne das Außen kann dieser Raum nicht existieren. Nicht in dieser unzulänglichen, geordneten Realität.
Der Audh könnte wohl dennoch sein, er ist nicht auf dieses Universum angewiesen, ist kein Teil davon, auch kein Besucher. Der Audh ist Frage, er ist Hohn, er ist Herausforderung, Drohung und Verheißung. Das Universum mag vergehen, der Audh wird Bestand haben, ebenso wie sein ewiger Tanz, die Figuren, die seine Bewegung auf der Scheibe aus Eis zeichnet. Er hinterlässt keine Spur in der glatten Oberfläche, die er nicht einmal berührt.
Aber in Buunators Verstand schneidet er eine Bahn, auch in diesem Moment, obwohl der Audh von Buunators Standort am Boden des Raums, eines metallenen Hohlwürfels mit einer Kantenlänge von 30 Metern, nicht zu sehen ist. Die runde Scheibe schimmert über ihm, erleuchtet von diffusem Licht, durchzogen von grauen Schlieren, mit glitzernden Hyperkristallen darin. Ihre Kälte fällt zu ihm herab, mahnt ihn, dass er, der Laichkange, an diesem Ort nur geduldet ist.
Buunator steigt die Treppe hinauf. Sie besteht aus schwarzen, glatten Trittflächen, die lediglich mit Fesselfeldern verbunden sind. Sonst nichts. Kein Geländer, kein Schutz vor einem Sturz.
Buunator folgt der Windung der Treppe. Er setzt seine Schritte mit Bedacht. Nicht, weil er mit den Füßen horchen wollte. Seine Sohlen waren immer besonders empfindlich, sogar für einen Laichkangen, Buunator kann feinste Vibrationen damit wahrnehmen. Doch diese Stufen haben niemals vibriert, sie sind der Interaktion mit der Umgebung enthoben.
Auch Buunator enthebt sich, und deswegen verwendet er solche Aufmerksamkeit auf jeden Schritt. Er verlässt den Boden, steigt empor zu seinem Meister. Jeder Schritt nur ein paar Zentimeter, aber jeder davon erfüllt ihn mit Stolz. Er ist Kommandant Kookanards Befehl ins Außen gefolgt, hat sich in den Staub dieses Echsenplaneten hinabbegeben, in die Bedeutungslosigkeit dessen, was die meisten Kreaturen dieses Universums für die Realität halten.
Was auch Buunator dafür gehalten hat, vor seiner Erwählung durch den Audh, der seinen Verstand aufgeschnitten, geöffnet hat.
In der Wirklichkeit der Primitiven machen Buunators Schritte keinen Unterschied. Der Raum befindet sich in einer Sphäre der FASFAKAAR, und dieses Schiff entfernt sich mit Überlichtgeschwindigkeit von Tratuum, diesem Planeten voller Unwürdiger. Buunators Schritte tragen nichts Messbares dazu bei, diese Distanz vom Staub zu vergrößern. Aber sie sind sein eigener Beitrag, das, was er tun kann, um sich vom Erbärmlichen zu lösen und zu dem Audh zurückzukehren.
Er passiert die Kontaktzelle, die Wärme und Nahrung und alles enthält, was sein unzulänglicher Körper benötigt. Sie ist Buunators Beachtung nicht wert, er steigt weiter hinauf, lässt seine alltäglichen Gedanken zurück, bereitet seinen Geist für die Begegnung mit seinem Meister vor.
Endlich erreicht er das letzte Stück, wo die Stufen beinahe die Eisscheibe berühren. Ihre Anordnung folgt der perfekten Kreisform jene drei Meter hinauf, die das Hyper-Eis stark ist. Die Facettenaugen an Buunators Sichelkopf erblicken den tanzenden Audh bereits, als noch zehn Stufen vor seinen ledrigen Füßen liegen.
Fürchterlich und wunderschön ist der Audh. Schon längst hat Buunator erkannt, dass Angst und Verehrung kein Widerspruch sind, sondern einander bedingen, wo das Denken in Ehrfurcht gefriert.
Durch blaue und violette Lichtschleier gleitet der Audh über das Eis, das er niemals berührt. Seine geraden Arme brauchen keine Hände, sie laufen in Spitzen aus wie Klingen. Mal streckt der Audh alle drei hinab zum Eis, mal nur zwei. Dann winkelt er den dritten nach hinten ab, wie ein Ruder.
Telekinetisch bestimmt er seine Bahn. Spiralen, Kurven, ruhig oder schnell, Pirouetten, gerade Fahrten zum Rand des Rondells, wo es wirkt, als prallte er ab wie an einer Wand. Doch dort ist kein Hindernis. Es ist der Wille des Meisters, der ihn auf dem Eis hält. Seine Bewegungen schneiden seine Verachtung in das Universum. Sie sind eine Sprache, eine Botschaft.
Buunator ist der Einzige, der diese Botschaft deuten kann. Ungefähr, zumindest. Sie ist nicht für ihn bestimmt, dem Audh ist er nicht mehr als eine lästige Notwendigkeit. Er duldet lediglich, dass sich Buunator als Mittler betätigt, der den Ratschluss des Meisters überbringt.
Der Laichkange ist stolz, dass er seine kreatürliche Furcht bezwingt. Sein Schritt bleibt gleichmäßig, Stufe für Stufe, bis er die Kälte des Eises betritt. Dort verharrt er in Demut. »Ich bin zurück. Gibt es etwas, das deine Diener für dich tun können?«
Der Audh nähert sich mit mehreren Kurven. Sein Körper ist etwa so groß wie der von Buunator, aber vollkommen anders geformt. Er erinnert an einen Zapfen, bedeckt mit dunkelvioletten Schuppen. Zwei Münder öffnen sich in der Brust, nicht im elliptischen Schädel, der viel heller ist als der Rumpf. Ihn krönt ein gegabeltes Organ, an dessen Spitzen die Augen sitzen. Dass sie wie bei einem Laichkangen in Facetten geteilt sind, schafft keinerlei Vertrautheit, zu fremd ist der Audh. Zwischen den Augenstreben zittert eine Membran, die Töne zu erzeugen vermag.
Doch bei Buunator ist das unnötig. Er ist der eine und einzige Vhasyr dieses Audh. Trotz seiner telepretatorischen Gabe musste er Jahre darauf verwenden, sich auf seinen Meister einzustimmen, und noch immer kann er selten sicher sein, wirklich zu verstehen, was diesen fremden Verstand bewegt. Doch er kann seinen Geist dafür öffnen, ihn darbieten, ihn hingeben, ihn vom Audh vereinnahmen, zerschneiden und fortreißen lassen. Es fühlt sich wie Sterben an. Buunator sehnt es herbei, obwohl er sich davor fürchtet. So ist es auch dieses Mal.
2.
Rendezvous
Farye Sepheroa-Rhodan tippte auf ein Sensorfeld auf der Instrumentenmanschette ihres SERUNS.
Die zehn TARA-Roboter der Kampfgruppe, die ihre Leibwache stellte, aktivierten einen perlmuttfarbenen Schutzschirm, der den kreisförmigen Bereich zwischen ihnen als Glocke überwölbte. Augenblicklich versiegte der Regen, die Geräusche des Windes drangen nur gedämpft an Faryes Ohren, das kniehohe Gras beruhigte sich und richtete sich wieder auf.
Der über zwei Meter große Mann in der Mitte des Kreises, der Krumme Gryllner, rollte den in den Nacken gelegten Kopf langsam von links nach rechts und zurück. Er war vollständig blau, nicht nur seine Haut, sondern auch seine Kleidung, ein schmuckloser Overall. Der eng um die Taille gezogene Stoffgürtel zeigte, wie dürr er war. Die Arme hingen locker an den Seiten. Die Hände waren gestreckt, was den Eindruck der Unfertigkeit verstärkte; es gab lediglich die Andeutung von Fingern, wie bei einer erst grob modellierten Statue.
»Er mag den Regen«, sagte Soynte Abil.
Die Nässe ließ die gewellten Haarsträhnen der Lemurerin wie schwarze Schlangen wirken, die über ihre Schultern fielen. Farye fragte sich, welcher Teil ihrer Ausstrahlung in der aufrechten, geradezu majestätischen Körperhaltung dieser Frau lag und wie viel dem Wissen darum geschuldet war, dass sie 23.000 Jahre alt war. Jedenfalls, wenn zutraf, woran im inneren Kreis um Perry Rhodan kaum noch jemand zweifelte: dass es sich bei ihr um eine Meisterin der Insel handelte, um einen Faktor aus jenem Zirkel, der die erste Menschheit in ihrem Exil in Andromeda beherrscht hatte. Eine aus der Riege der ältesten und tödlichsten Feinde der Terraner – und dennoch, was den Chaoporter anging, eine Verbündete?
»Es tut mir leid, dass unser Schirm die Regentropfen aussperrt«, behauptete Farye, »aber ich hoffe, er hält auch niederenergetische Sonden fern, mit denen man uns abhören könnte.«
Jenseits des TARA-Schutzkreises stand der LUPUS-Shift der Kampfgruppe, deren Soldaten sich in der locker mit violett belaubten Bäumen bestandenen Umgebung verteilten. Ein CYGNUS-Gleiter kreiste über ihnen. Faryes SERUN meldete, dass der Intensivscan sämtlicher Einheiten nichts Verdächtiges gefunden hatte.
Abil legte den Kopf leicht in den Nacken. »Uns magst du schützen können, aber Bhanlamur nicht. Wenn FENERIKS Truppen diese Welt angreifen, droht ihr die völlige Zerstörung.«
»Ich erinnere an Tauparium.« Niemals würde Farye vergessen, wie das Chaofaktum den Planeten zerrissen hatte. »Deswegen werden wir nicht riskieren, weitere Aufmerksamkeit auf Bhanlamur zu lenken. Die BJO BREISKOLL und die FELLMER LLOYD nehmen eine letzte Ladung an Versorgungsgütern auf und sammeln unsere Leute ein. Nach unserem Abflug werden wir uns nur noch an wechselnden Orten im Leerraum treffen.«
Abil wandte sich an den Krummen Gryllner. »Du solltest mit uns kommen. Es ist Zeit für dich, auf die LEUCHTKRAFT zurückzukehren.«
Der blaue Mann reagierte nicht auf sie. Stattdessen betrachtete er weiterhin mit ruhigem Blick seiner roten Augen den perlmuttfarbenen Schirm, der ihm die Regentropfen vorenthielt.
»Du bist mit der MONITOR-C gekommen?«, fragte Farye.
Abil zeigte auf einen grauen Felshügel einhundert Meter jenseits des Schirms. »Da steht sie.«
Weder die SERUNS der Soldaten noch die TARAS, der Shift, der Gleiter oder die Einheiten im Orbit hatten an dieser Stelle irgendetwas geortet. Dennoch nickte Farye. Sie wollte nicht, dass Abil merkte, wie sehr sie sich angesichts der kosmischen Mächte, mit denen es die Galaktiker zu tun bekamen, zuweilen unterlegen fühlte. Wie es wohl Soynte Abil damit erging? War kosmokratische Technologie auch für eine Meisterin ein Mysterium?
Farye verscheuchte den Gedanken. Sie kommandierte die verbliebene Präsenz der Liga in Cassiopeia. Zwar beschränkte sich diese im Wesentlichen auf zwei Schlachtkreuzer, aber sie sollte dennoch als kompetente Verbündete auftreten und betonen, was sie konnten und erreichten. Nicht, was sie einschüchterte oder vor Rätsel stellte.
Illustration: Swen Papenbrock
»Wir haben einen recht zuverlässigen Eindruck davon, was FENERIKS Cassiopeia-Flotte tut«, fasste sie die Berichte der vergangenen Tage zusammen. »Nicht nur auf Welten, wo die herrlichen Diktatoren ihre Standarten in den Boden gerammt haben, entstehen Präliminare Bastionen und Kryo-Banken. Wir beobachten. Leider ohne leichte Ziele zu finden. Der Feind verschiebt seine Einheiten permanent, aber da er gut zehntausend davon hat, kann er überall, wo er auftaucht, genügend Kräfte massieren, um uns überlegen zu sein. Auch in FENERIKS Abwesenheit beherrscht der Chaoporter Cassiopeia.«
Abils stechend grüne Augen verengten sich für einen Sekundenbruchteil. Mochte sie es nicht, dass Farye die terranische Bezeichnung für die Kleingalaxis verwendete und nicht Valotio?
Abil nickte. Eine spöttische Nachahmung von Faryes Geste? »War eure Ankunft ein Fluch oder ein Segen für die Bhanlamurer?«
»Für die einen so, für die anderen so.« Farye unterdrückte ein Seufzen. »Ihre Chöre debattieren darüber, ob sie diesen Planeten den Sternen öffnen sollen. Sie wissen, dass die Bestien, vor denen sie geflohen sind, nicht mehr in der Weite lauern. Aber generationenalte Furcht bleibt auch ohne rationale Grundlage stark.«
»Und es gibt andere Gefahren dort draußen. Sehr reale.« Zuckte da ein Lächeln um Abils Lippen? »Was rätst du ihnen?«
»Nichts. Aber ich hoffe, dass sie ihren Träumen zu den Sternen folgen. Kein Volk, das das unterlässt, hat eine Zukunft.«
Der Krumme Gryllner bewegte den Kopf und sah mit seinen roten Augen auf die beiden Frauen herab. Nicht nur wegen des Größenunterschieds von einem halben Meter fühlte sich Farye wie ein Kind.
Abils Stimme jedoch klang fest. »Dein Platz ist ebenfalls zwischen den Sternen«, sagte sie dem lebenden Archiv. »Komm mit mir zur LEUCHTKRAFT!«
Der Krumme Gryllner hob den Blick und ließ ihn über die weite Landschaft schweifen, in der die Raumlandesoldaten mit ihren Strahlengewehren durch den Regen patrouillierten.
Angesichts der Lage in der Kleingalaxis hielt Farye das Schicksal des lebenden Archivs nicht für die wichtigste Frage, die es zu klären galt. »Hast du etwas über das System in Erfahrung gebracht, dessen Koordinaten Damar gefunden hat?«
Sie selbst kannte nur den Namen: Pautpar. Flottenbewegungen in diese Richtung erhärteten den Verdacht, dass dort der geplante Standort für eine Schaltzentrale des Sextadimschirms lag, der bald ganz Valotio umgeben sollte. Damit würde die gesamte Kleingalaxis zur Chaos-Bastion werden. Was der Begriff Audhisches Rondell bezeichnete, war noch unklar. Karin Kafka und die anderen Xenotechnikspezialisten hielten eine Steuereinheit für am wahrscheinlichsten.
»Pautpar ist bekannt. Oder besser gesagt: verzeichnet.« Abil lächelte herablassend. »Kaum jemand kennt dieses System wirklich. Es gibt nur eine besiedelte Welt, einen Mond, der einen Gasriesen namens Pautpars Hof umkreist. Und auch besiedelt ist geschmeichelt. Der Mond ist wirtschaftlich, militärisch, kulturell und in jeder anderen Hinsicht bedeutungslos. Dort operiert lediglich eine Forschungsstation.«
»Die sich mit dem Gasriesen beschäftigt?«, riet Farye.
»Nur indirekt«, versetzte Abil. »Bestimmte atmosphärische Aktivitäten auf Pautpars Hof können ein sogenanntes Episodisches Biogat stimulieren. Ein Phänomen im Grenzbereich zwischen Leben und toter Materie, zwischen Bewusstsein und Traum.«
»Das klingt nicht uninteressant«, fand Farye.
Abil zuckte die Achseln. Noch eine Geste, die sie sich bei den Terranern abgeschaut hatte? »Uninteressant vielleicht nicht, aber irrelevant.«
»Für die dortigen Forscher offenbar nicht.«
»Eine verschrobene Gemeinschaft. Die Station ist Erbbesitz. Die Familie Pautpar scheint den gesamten Mond als ihr Eigentum zu betrachten. Das hat zwar keine Grundlage, aber es gibt auch niemanden, der ihnen den Anspruch streitig macht.«
»Eine verschrobene Forscherfamilie ist mir lieber als FENERIKS Truppen«, stellte Farye trocken fest. »Wir müssen sämtliche Kräfte zusammenziehen, die wir bekommen können, um den Plan des Chaoporters zu durchkreuzen. Ich habe Boten zu allen Freunden geschickt, die wir uns in Cassiopeia gemacht haben. Aber ich bin sicher, deine Möglichkeiten übersteigen die unsrigen.«
»Selbstverständlich. Valotio ist meine Heimat.« Diesmal fand Farye das Nicken der Meisterin undeutbar.
»Soll ich mit ihr gehen?«, fragte der Krumme Gryllner Farye.
In diesem Moment erschien ihr der riesenhafte Mann wie ein Kind, das in einer Welt, die es gerade erst entdeckte, um Orientierung bat.
»Ich stamme aus der Milchstraße«, antwortete sie, »und Soynte aus ... Andromeda. Aber deine Heimat ist die LEUCHTKRAFT.«
3.
Vater und Admiral
Havid Digamma war nicht nur der Oberbefehlshaber der trojanischen Flotte, sondern auch ein Vater. Ihm war bewusst, dass in diesem Moment seine Pflicht gegenüber seiner Tochter schwerer wog als die Admiralsabzeichen an seiner Uniform. Er musste ihr diese Nachricht persönlich überbringen.
Er versuchte, seine Gedanken im Kopf in eine Formation zu bringen wie eine Flotte auf einem Paradeflug zwischen den Asteroiden von Troja. Aber vor der Tür der Krankenstation war sein Kopf leer. Etwas Undenkbares war geschehen.
Es hatte keinen Sinn, das Gespräch hinauszuzögern. Seiner Tochter die Nachricht ein paar weitere Minuten zu ersparen, wäre keine Rücksicht gewesen, sondern nur Feigheit.
Digamma autorisierte sich am Handscanner, die Tür glitt auf, und er trat ein.
Lysira Digamma saß auf einem Bett, dessen Rückenlehne sie mit Formschaum stützte. Eine Decke lag auf ihren Beinen. Sie trug ein helles Nachthemd, von dem sich ihr weißes Haar kaum abhob. In der Schulzeit hatten einige Kinder sie die Arkonidin genannt. Sie hatte geweint, weil Arkoniden im Trojanischen Imperium so etwas wie Sagengestalten waren und diese Bezeichnung sie als Sonderling abgestempelt hatte.
Digamma hatte sie mit Erzählungen über den Helden Atlan und über die mutige Raumschiffskommandantin Thora getröstet, die zu Beginn des Raumfahrtzeitalters geholfen hatte, das Tor zu den Sternen für die Terraner aufzustoßen. Ob Lysira ihrer Tochter, Digammas Enkelin, ähnliche Geschichten erzählt hatte?
Als Vater hatte sich der Admiral keine Orden verdient, und als Großvater war er ein Totalausfall gewesen, erkannte er bitter. Hatte er überhaupt ein Recht, die Leere in seiner Brust so schmerzhaft zu spüren, wie er es tat?
Der Medoroboter schwebte hinauf in die Mulde in der Decke. Digamma zog einen Stuhl heran und setzte sich, er wollte nicht auf seine Tochter hinabsehen. »Es tut mir leid. Wir haben die ILIUM dreimal durchsucht. Keine Spur von Anyta.«
Einäugig starrte Lysira ihn an. Ein Sprühverband bedeckte die linke Gesichtshälfte.
»Das muss nicht bedeuten, dass sie tot ist.« Unbeholfen nahm er die schlaffe Hand seiner Tochter. »Die Gharsen bringen niemanden willkürlich um. Sie haben eine Hemmung, die verhindert ...«
»Soll mich das beruhigen?«, rief Lysira mit kippender Stimme. »Ich weiß, was sie mit ihren Gefangenen machen! Ich kenne die Berichte über ihre Galerien. Wenn Anyta eine lebende Statue geworden ist, überzogen mit dieser ekligen Haut, mit einem Roboter, der ihr ständig etwas über gharsische Heroen erzählt ...« Ein Zittern durchlief ihren Körper. »Alle sind durcheinandergelaufen, nachdem die Gharsen uns geentert haben. Ich war nicht bei ihr! Sie war ganz allein in unserer Kabine, Havid!«
Er versuchte, sich zu erinnern, wann seine Tochter aufgehört hatte, ihn Vater zu nennen.
»Ich wollte ... Anyta sollte nie daran zweifeln, dass sie alles erreichen kann. Sie sollte dabei sein, bei allem, was wir tun. Trotz des schwachen Bluts.«
Die Krankheit folgte der weiblichen Linie. Die meiste Zeit ließ sie sich medikamentös unter Kontrolle halten, aber sie war tückisch, konnte ohne Ankündigung zu wochenlangen Schwächephasen führen. Lysira hatte sich ihr nie ergeben, und soweit Havid es beurteilen konnte, hatte sie seiner Enkelin denselben Kampfgeist mitgegeben.
»Anyta ist mit ihren acht Jahren weiter gereist als die meisten erwachsenen Trojaner«, sagte Digamma.
»Und wie die Dinge liegen, mag sie weiter reisen, als es je ein Trojaner zuvor getan hat.« Lysira hustete ein freudloses Lachen. »Als Gefangene an Bord der KOBALT & RHODIUM.«
Das war der Ornamentraumer, der den Planeten überfallen hatte, auf dem die ILIUM Eisenerz aufgenommen hatte. Der Fluchtversuch des Frachtschiffs war Irrsinn gewesen, aber wer konnte der Besatzung verdenken, bei der Nachricht in Panik verfallen zu sein, dass die Munuam ihre Kryo-Banken aufbauten?
Die ILIUM hatte keine Chance gehabt. Die Gharsen hatten sie gestellt und geentert, die Trojaner mit Lähmstrahlen außer Gefecht gesetzt und die Antriebssektion gesprengt. Die SALTAGRAN VII, das trojanische Flaggschiff, war nicht am nächsten am Notsignal gewesen, aber Digamma hatte die Kennung der ILIUM sofort richtig eingeordnet und die Rettungsmission selbst übernommen. Leichen hatte das Bergungskommando nicht gefunden, aber vier Trojaner wurden vermisst. Anyta war das einzige Kind unter ihnen.
Digamma drückte Lysiras Hand. »Wir holen sie zurück«, versprach er. »Aber wir müssen besonnen vorgehen.«
»Anyta leidet, Havid! Jede Minute ist eine Qual für sie. Die Gharsen haben sie zu einer lebenden Puppe gemacht.«
»Das wissen wir nicht.«
»Was denn sonst?« Stöhnend fasste sie sich an die Stirn. »Das ist es doch, was sie tun ... Stellen sie in eine Galerie ... Vielleicht, weil sie noch nie ein Menschenkind mit weißem Haar gesehen haben ... Ein Kuriosum ...«
Digammas Kommunikator verlangte seine Aufmerksamkeit.
»Entschuldige ...« Vorsichtig löste er den Griff um ihre Hand.
Lysira versuchte nicht, ihn zurückzuhalten, aber der starre Blick ihres freien Auges folgte ihm zur Tür.
Auf dem Flur fand sein Verstand zu ungewohnter Schnelligkeit. Augenblicklich waren alle Fakten präsent: die Mission des Außenkommandos, die Navigationsdaten aus dem Wrack der ILIUM zu löschen ... die Beiboote, die die SALTAGRAN VII ausgeschleust hatte ... die Meldungen zum Standort der KOBALT & RHODIUM, die auf den Südkontinent des Planeten zurückgekehrt war ... die letzten bekannten Positionsdaten zu einem Plural-Relais, das ein Lichtjahr entfernt mit einer Eskorte von drei Trikuben seinem Kurs folgte ... die angeforderten trojanischen Verstärkungen ...
Die Nachricht betraf nichts davon. Sie war mit Madshorin Luna Silvervägens Siegel autorisiert und begann nach der Grußformel mit: »Aktuelle Mission sofort abbrechen. Terraner sammeln eine Flotte gegen den Feind. Habe trojanischen Verband unter Führung unseres Flaggschiffs zugesagt. Koordinaten anbei ...«
4.
Zweifel
»Leute, ich hab da was«, meldete Perihan Leko, die führende Ortungsoffizierin der BJO BREISKOLL, und löste gelben Alarm aus.
Das Hauptholo der Zentrale wechselte, um die Sensordaten darzustellen. Der Schlachtkreuzer diente als Orientierungspunkt in der Mitte der dreidimensionalen Abbildung. Etwa 500 andere Schiffe befanden sich innerhalb einer Lichtstunde, nahe genug für niederenergetische Hyperfunksprüche, die sich bald im Nichts des Leerraums zwischen Cassiopeias Sternen verlieren würden.
Gelbe Leuchtkugeln umhüllten ein Dutzend Ortungsimpulse.
Interessiert beugte sich Oona Zocalo in ihrem Sessel vor. »Sind die Gaids zurück?« Sie hatte ihre Zöpfe nicht so streng zurückgebunden, wie Farye Sepheroa-Rhodan es sonst bei der Kommandantin beobachtet hatte. Das Haar fiel auf ihre Brust.
»Das, was von ihrer Erkundungsflottille übrig ist.« Durch ihre Betonung verdeutlichte Perihan ihre Skepsis, was den Grund betraf, den die Gaids für ihren temporären Abschied von der Flotte angeführt hatten. »Sie haben keines ihrer Schiffe verloren, aber sie wurden hart angefasst. Die Energieauswertung zeigt so viele Strahlungslecks, dass sie noch nicht einmal die Erstversorgung der Hüllenbrüche abgeschlossen haben können.«
