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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2072 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5659 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Doch entwickelt sich in der kleinen Galaxis Cassiopeia offensichtlich eine neue Gefahr. Dort ist FENERIK gestrandet, ein sogenannter Chaoporter. Nachdem Perry Rhodan und seine Gefährten versucht haben, gegen die Machtmittel dieses Raumgefährts vorzugehen, bahnt sich eine unerwartete Entwicklung an: FENERIK stürzt auf die Milchstraße zu. Mit an Bord ist Anzu Gotjian, die Transmitterspezialistin, Mutantin und Heldin wider Willen. Drei der fünf Quintarchen sind mittlerweile gestorben, der vierte, Farbaud, ist im Gewahrsam der Galaktiker. Um Addanc, den Taucher, als letzten amtierenden Quintarchen auszuschalten, muss dieser aber wieder zurück an Bord von FENERIK. Da erscheint ein unerwarteter Akteur auf der galaktopolitischen Bühne: DER ÜBERLÄUFER ...
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nr. 3195
Der Überläufer
Vorstoß zu FENERIK – ein Schiff will Rache
Robert Corvus
Cover
Vorspann
Die Hauptpersonen des Romans
1. Hookadar
2. Atlan da Gonozal
3. Mirabelle Eden
4. Hookadar
5. Atlan da Gonozal
6. Mirabelle Eden
7. Hookadar
Leserkontaktseite
Glossar
Risszeichnung KE-wohlfeil
Impressum
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2072 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5659 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.
Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.
Doch entwickelt sich in der kleinen Galaxis Cassiopeia offensichtlich eine neue Gefahr. Dort ist FENERIK gestrandet, ein sogenannter Chaoporter. Nachdem Perry Rhodan und seine Gefährten versucht haben, gegen die Machtmittel dieses Raumgefährts vorzugehen, bahnt sich eine unerwartete Entwicklung an: FENERIK stürzt auf die Milchstraße zu. Mit an Bord ist Anzu Gotjian, die Transmitterspezialistin, Mutantin und Heldin wider Willen.
Drei der fünf Quintarchen sind mittlerweile gestorben, der vierte, Farbaud, ist im Gewahrsam der Galaktiker. Um Addanc, den Taucher, als letzten amtierenden Quintarchen auszuschalten, muss dieser aber wieder zurück an Bord von FENERIK. Da erscheint ein unerwarteter Akteur auf der galaktopolitischen Bühne: DER ÜBERLÄUFER ...
Hookadar – Der Verräter ist ein Träumer.
Atlan – Der Anführer ist ein Krieger.
Mirabelle Eden – Die Entdeckerin ist eine Soldatin.
Alschoran – Der Kastellan ist überzeugend.
Farbaud – Der Quintarch ist zornig.
PAAEM
1.
Hookadar
Verräter
»Bleib stehen!«
Der Zwergandroide gehorchte. Er drehte den Kopf, bis er Hookadar im Winkel eines seiner großen Augen sehen konnte. Das faltige Gesicht des kleinen Mannes bewegte sich um die Mundpartie herum. Möglicherweise drückte diese Mimik Missbilligung aus, aber trotz des langen Umgangs mit Humanoiden war sich Hookadar unsicher.
Der Laichkange lauschte mit den Füßen, deren breite Ledersohlen die Vibrationen im schwarzblauen Metall des Bodens aufnahmen. Die Stiefel des Schutzanzugs waren darauf ausgelegt, feinste Erschütterungen zu übertragen, als wäre er barfüßig. Er hörte das Rieseln des silberweißen Sands, der sich überall um ihn bewegte, als herrschten wechselnde Winde, die Hügel aufschichteten oder abtrugen. Der Anzug erfasste jedoch keine Bewegung der Bordatmosphäre, die zu den Veränderungen gepasst hätte.
Türme bildeten sich, Säulen, komplexe Aggregate mit Bildprojektoren und Eingabefeldern. An den oben nach innen gewölbten Wänden verschoben sich sternartige Formationen, fanden zu Galaxien zusammen oder lösten sich auf. Hookadar vermutete, dass sie mehr als nur Schmuck waren, aber ihre Funktion erschloss sich ihm nicht. Optiksensoren vielleicht, die ihn beobachteten?
Der Anzug injizierte eine Chemikalie in Hookadars Organismus, die sofort ihre beruhigende Wirkung entfaltete. Die Terraner hatten ausreichend Zeit gehabt, seine Biologie zu studieren, um die Systeme auf ihn abzustimmen.
Aber sollte er nicht beunruhigt sein? Unruhe war eine Reaktion auf Ungewissheit und Gefahr, und Hookadar befand sich an Bord einer Kosmokratenwalze. Eine fremdere Umgebung ließ sich für jemanden, der nahezu sein gesamtes Leben auf einem Chaoporter verbracht hatte, kaum denken. Er war wie ein Fisch in einem Flammenmeer. Das Deflektorfeld des Anzugs sollte ihn schützen, aber Milchstraßentechnologie war jener der Kosmokraten, die die LEUCHTKRAFT hatten bauen lassen, zweifellos unterlegen.
Er blockierte eine weitere Injektion.
Die Bordarchitektur der Kosmokratenwalze erschien ihm verblüffend ungeordnet. Entfernungen ließen sich wegen der Beleuchtung, die sich auf Lichtinseln beschränkte, schwer schätzen. Der wandernde Silbersand veränderte die Einrichtung unentwegt. Dennoch gab es wahrscheinlich eine Ordnung, nur dass sie sich Hookadar nicht erschloss. Der Zwergandroide hätte ihn problemlos im Kreis führen können, ohne dass der Laichkange es bemerkt hätte.
»Soll ich dich zu dem Gefangenen bringen oder nicht?«, meckerte der faltige Mann.
»Erinnere dich, dass ich einen Strahler auf deinen Rücken gerichtet habe!«
»Das erwähntest du bereits.« Er legte ein Händchen auf der schwarzblauen Kiste ab, die neben ihm schwebte. »Also – gehen wir weiter, oder was?«
»Ich könnte dich mit einem einzigen Schuss verdampfen lassen.« Hookadar überlegte, ob er seiner Drohung durch ein kurzes Desaktivieren des Deflektorfelds Nachdruck verleihen sollte, entschied sich aber dagegen. Seine Sichtbarkeit könnte Alarm auslösen. Andererseits hätten die Bordsensoren die Energieabstrahlung des Anzugs eigentlich schon längst erfassen müssen.
»Was soll es werden – verdampfen oder weitergehen?« Der Zwergandroide trommelte enervierend mit den Fingern auf der Kiste.
Hookadar schob den linken Fuß über den Boden, hörte aber noch immer nicht mehr als die Bewegungen des Sands. »Weiter!«
*
»Halt!«
»Schon wieder?«
»Still!«
Hookadar verlagerte das Gewicht auf den linken Fuß. Dort übertrug die Struktur des Bodens den Schall besser.
Da waren Schritte. Leichte Individuen, vielleicht 30 Meter entfernt. In dieser Richtung versperrte eine Wand aus Silbersand nicht nur die Sicht, sondern blockierte offenbar auch die Bewegungssensoren des Anzugs. Hookadar fragte sich, ob das Material einem Thermoschuss standhielte.
Kosmokratentechnologie ...
»Laufen deine Kameraden Streife?«, flüsterte er.
»Unsinn.« Wenigstens antwortete der Zwergandroide ebenso leise. »Die Reparaturen an der LEUCHTKRAFT sind nicht abgeschlossen. Für uns gibt es ständig etwas zu tun.«
Wenn das stimmte, hörte Hookadar Arbeiter, nicht Soldaten.
Dennoch war er erleichtert, weil sich die Schritte entfernten.
»Weiter!«
»Zu Befehl, Meister.« Die Kiste surrte leise, während sie neben Hookadars Führer durch die Luft glitt.
Sie erreichten eine Tür, deren Dimensionen den Zwergandroiden besonders klein erscheinen ließen. Ein blauer Schirm leuchtete davor.
»Desaktivieren!«, befahl Hookadar.
Das Faltengesicht seines Begleiters verzog sich an einem Dutzend Stellen, neue Grate und Schluchten entstanden in der gelbstichigen Haut. Er verzichtete jedoch auf eine Erwiderung und betätigte ein Sensorfeld an seinem Handgelenk.
Silbersand aus der Umgebung sammelte sich neben ihm, formte einen Hügel, dann eine Säule, die ihm bis zur Brust reichte und in einer ovalen Schrägfläche endete. Mehrere Glyphen bildeten sich darauf. Der Zwergandroide tippte in rascher Folge auf einige von ihnen.
Übergangslos erlosch der Schirm.
»Öffne die Tür!«, forderte Hookadar.
»Dachte ich mir schon«, murmelte der Zwergandroide und tippte erneut.
Ein Teil des blauschwarzen Metalls vor ihnen glitt nach rechts in die Wand, der andere nach links.
Er blickte ihnen entgegen: der Quintarch.
*
Er war Farbaud, dem im Glanz, nie begegnet. Wie hätte das auch geschehen sollen? Hookadar war nur ein einfacher Bewohner des Chaoporters gewesen, einer von Milliarden. Dennoch erkannte er den Quintarchen sofort. Der bloße Anblick zwang den Laichkangen in eine Unterwerfungsgeste: Er legte alle vier Hände auf dem Rücken zusammen und streckte den Sichelkopf so hoch wie möglich, wodurch er Brust und Atemwege ungeschützt darbot.
Trotz Hookadars aufrechter Haltung überragte Farbaud ihn um einen halben Meter. Der Kopf machte beinahe die Hälfte der Körpergröße des Quintarchen aus. Der rechte Arm war dem eines Menschen ähnlich. Der linke dagegen wirkte verletzt, vor allem an der Schulter, und lief in eine zweifingrige Klaue aus. Gleich gehämmertem Metall warf die schwarz glänzende Haut das Licht zurück, das aus sternförmigen Silbersandstrukturen an der Decke fiel. Er war splitternackt.
Farbaud ging einige Schritte vorwärts, viel schneller, als Hookadar den kurzen Säulenbeinen zugetraut hätte. Sein linker Arm schoss vor, die Klaue umschloss den Hals des Zwergandroiden und brach ihm mit einem trockenen Knacken das Genick.
Der kleine Mann, der Hookadar zu der Zelle geführt hatte, war zwei Sekunden nach dem Öffnen der Tür bereits tot. Sein schlaffer Körper sackte neben der schwebenden Kiste auf den Boden.
»Wieso trägt ein Laichkange einen solchen Anzug?«, wandte sich Farbaud an Hookadar.
Der Quintarch konnte ihn also sehen, trotz des Deflektorfelds! Injektionen zischten, vermochten die aufsteigende Panik aber nur unzureichend zu dämpfen.
»Diese Ausrüstung kommt von den Terranern«, brachte Hookadar hervor.
»Wieso schenken sie dir so etwas?« Farbaud betastete ihn, wobei Hookadar froh war, dass er dafür die rechte Hand benutzte, nicht die Klaue, die gerade eben seinen Begleiter getötet hatte. »Das ist eine Maßanfertigung, keine Kriegsbeute. Lass mich raten: Du bist einer der ... Verräter.«
»Überläufer«, korrigierte Hookadar rau. Er war diesem Wesen ausgeliefert, und zwar vollkommen. Darüber, dass das Material des Anzugs dem Quintarchen ernsthaften Widerstand bieten könnte, machte sich Hookadar keine Illusionen, und auch der Hochenergie-Überladungsschirm gab ihm in dieser Situation wenig Vertrauen.
In ein paar Sekunden wäre er tot, wenn Farbaud das wünschte. Und Farbaud würde es wünschen, wenn Hookadar ihm lästig würde. So erzählte man es sich über den Quintarchen.
»Das jedenfalls sollen sie glauben«, setzte er hastig hinzu.
Hookadar musste das Gegenteil von lästig sein: nützlich. Dazu musste er sich zwingen zu sprechen. Er musste vorbringen, was er auswendig gelernt hatte. Er hatte nicht erwartet, dass ihm das so schwerfallen, dass ihn die Gegenwart des Quintarchen dermaßen erschüttern würde!
»Den Anzug haben sie mir geschenkt, aber die Space-Jet, mit der ich gekommen bin, habe ich ihnen geraubt.« Er bewegte die Finger in den Handschuhen auf dem Rücken, um den Anzug anzuweisen, ihm weitere Beruhigungsmittel zu injizieren, auch entgegen der medizinischen Empfehlung. »Es ist eine ZALTERTEPE, sie verfügt über exzellente Tarntechnologie. Ein kleines Schiff, aber es ist unser Weg in die Freiheit, wenn wir uns beeilen, Herr. Wir müssen zu einem Transmitter, bevor die LEUCHTKRAFT einen Schutzschirm aktiv schaltet. An Bord habe ich die Instrumente, um diese Kiste zu öffnen.« Er nickte in die Richtung. »Sie enthält deine Ausrüstung.«
Der Quintarch schlug so wuchtig gegen das Behältnis, dass es trotz seiner Stabilisatoren in den Raum hineinflog, gegen einen klobigen, anscheinend steinernen Sessel prallte, aufbrach und auf den Boden fiel.
Farbaud stapfte zu dem zerstörten Behältnis, bückte sich danach, riss den verzogenen Deckel ab, kramte. Kurz darauf hatte er den blauen Lendenbeutel angelegt, mit dem man ihn nahezu immer abbildete. »Mein Schlafseil fehlt«, murrte er. »Geh voran!«
Hookadar wurde klar, dass er die Rolle getauscht hatte, vom Folgenden zum Führenden. Er vermied, auf den Toten zu treten, der ihn geführt hatte.
*
»... haben sie Apehei, Hori und mich im Hochsicherheitskomplex von Port Tanwalzen verhört. Wie gesagt haben die Mnemo-Deletoren verhindert, dass wir Wesentliches preisgegeben hätten. Zum Beispiel die Frage, ob ...« Hookadar zögerte.
»Wieso bleibst du stehen?«, wollte Farbaud wissen.
Hookadar betrachtete die Route, die der Anzug auf die Innenseite seines Helms projizierte. Er passte Vergrößerung und Winkel an. »Diese Wand ...« Unsicher zeigte er auf eine senkrecht aufragende, geriffelte Fläche aus Silbersand. »Die war auf dem Hinweg noch nicht da.«
Farbaud nahm die linke Schulter zurück und winkelte den Ellbogen an, richtete Unterarm und Klaue wie eine Ramme auf die Wand aus.
»Wir finden einen Weg herum!«, rief Hookadar hastig. »Das ist unauffälliger, als wenn wir sie durchbrechen!«
Illustration: Dirk Schulz
»Dann los! Ich habe die Gastfreundschaft der Kosmokraten lange genug genossen.«
Hookadar sah auf die Umgebungskarte. Er wandte sich nach links.
»Du bist zweifellos ein Überläufer«, stellte Farbaud fest. »Sogar ein Doppel-Überläufer, denn mit meiner Befreiung läufst du zum zweiten Mal über – in die Gegenrichtung.«
»Ja, Herr.« Unwillkürlich suchte Hookadars Blick die Klaue, die dem Leben des Zwergandroiden ein so plötzliches Ende bereitet hatte. Der Gedanke, dass auch ihm selbst ein solches Schicksal drohte, ließ sich nicht vertreiben. Er wagte nicht, den Anzug nochmals Beruhigungsmittel injizieren zu lassen. Wenn er nicht auf andere Weise mit seiner Angst fertigwurde, würde er sich vergiften.
»Doppel-Überläufer ...«, wiederholte der Quintarch. »Das finde ich amüsant. Du gefällst mir.«
Nach einigen Windungen, die neu entstandene Hindernisse aus Silberstaub vorgaben, fanden sie auf die Route zurück, die der Anzug auf dem Weg zu Farbauds Zelle aufgezeichnet hatte.
»Sie haben mich hergeholt, weil sie glaubten, dass ich ihnen helfen könnte, die chaotarchische Technik der PAALVAGUR zu verstehen.«
Farbaud grunzte. »Ständig wollen sie verstehen. Sie sind außerstande, die Dinge einfach hinzunehmen. Einen Großteil ihres Lebens verschwenden sie damit, Wahnvorstellungen von Ordnung zu erschaffen.«
»Ja, Herr. Sie haben sich auch der Illusion hingegeben, ich sei ihr Knecht. Ich sollte mich durch meine Mithilfe bewähren, wie ein Werkzeug.«
»Und das bist du nicht?«
»Was?«
»Ein Werkzeug?«
»Nicht in ihren Händen«, antwortete Hookadar vorsichtig.
Er fühlte sich wie in einer Hochdruckpresse. Einerseits befand er sich als Geschöpf des Chaoporters an Bord einer Kosmokratenwalze, andererseits ging neben ihm ein Quintarch, der in ihm ein von Ordnungsknechten kontaminiertes Subjekt sehen mochte.
»Und in meinen Händen ...« War es ein Zufall, dass Farbaud die Mordklaue auf Schulterhöhe hob? »Willst du da ein Werkzeug sein?«
»Ich hoffe, ich bin dir eine Hilfe.«
»Welchen Preis hat deine Hilfe?« Der gewaltige Schädel drehte sich, bis die tief liegenden Augen ihn ansahen. »Etwa dein Leben?«
Hookadar blieb stehen. Er brauchte Mut. Farbaud respektierte Mut, wenigstens in einigen Geschichten. Deswegen durfte Hookadar keinesfalls zu unterwürfig auftreten.
»Mehr als mein Leben.«
»Gibt es Wertvolleres als das für dich?«, fragte Farbaud interessiert.
»Selbstverständlich will ich leben, aber ...«
»Wieso willst du leben?«
Der ständig in neue Formen rieselnde Sand erschwerte es Hookadar, einen klaren Gedanken zu fassen. Sterne, so etwas wie ein Planet mit Ringsystem, ein Strudel bildeten sich an der Wand gegenüber, eine Säule mit gezackten Ausläufern zerfiel vor seinen Augen. »Ich ... fürchte die Vergänglichkeit. Eine kreatürliche Angst, nehme ich an.«
»Also richtest du dein kümmerliches Streben auf Unvergänglichkeit.«
»Ja, Herr.«
»Was noch?«
Dieses ständige Rieseln, das er über seine Fußsohlen hörte, drohte ihn in den Wahnsinn zu treiben. Sie mussten endlich den Transmitter erreichen und die LEUCHTKRAFT verlassen! Aber dies war die Gelegenheit, seine Forderungen vorzutragen. Er musste sie nutzen.
»Meine vollständige Rehabilitation innerhalb von FENERIK. Ich werde meine restliche Existenz dort verbringen und will kein Ausgestoßener sein.«
Farbaud grunzte, was hoffentlich Zustimmung bedeutete.
»Und dann noch ... eine Garantie. Zum Schutz des Chaoporters.«
Der Quintarch legte den Kopf schräg. »Du glaubst, ein Konstrukt wie FENERIK schützen zu können?«
»Selbstverständlich nicht«, wiegelte Hookadar ab. »Aber ich habe von der zerstörerischen Wucht der Chaofakta erfahren. Das war der Grund, aus dem ich übergelaufen bin.«
»Das erste Mal.«
»Und auch dieses zweite Mal«, präzisierte Hookadar. »Ich sorge mich, dass ein Einsatz der Chaofakta FENERIK zerstören könnte. Und die Galaxis, in der er sich befindet. Mit all dem Leben darin ...«
»Du zeigst eine rührende Anhänglichkeit an das Leben.«
»Das mag meine Schwäche sein. Aber diese drei Bedingungen stelle ich für deine Befreiung: meine persönliche ... Unvergänglichkeit, meine Rehabilitation auf FENERIK und deine Garantie, dass du den Einsatz von Chaofakta verhindern wirst.«
»Ich werde darüber nachdenken.« Der Quintarch schickte sich an, weiterzugehen.
Hookadar blieb stehen. »Das reicht mir nicht.«
Farbaud hielt inne. Langsam drehte er sich um, eine Bewegung mühsam unterdrückter Kraft.
»Ich will eine verbindliche Zusage, bevor wir gehen.« Hookadar hatte den Eindruck, einem Fremden zuzuhören, obwohl die Silben aus seiner Sprachmembran kamen.
»Bildest du dir ein, ich könnte den Transmitter nicht allein finden? Oder ich hätte Schwierigkeiten, diese Space-Jet zu fliegen?«
»Ich habe die Zielcodes für den Transmittersprung memoriert.« Hookadar tippte mit der oberen rechten Hand gegen den Helm. »Und ich habe die Steuerung der Space-Jet mit einem Code gesichert.«
»Du scheinst geschickt im Umgang mit fremder Technologie zu sein.«
»Ich bin zertifizierter Chaogator, und ich hatte viel Zeit, terranische Technikdatenbanken zu studieren. Es ist erstaunlich, wie viele Informationen frei zugänglich sind.«
»Ja, wirklich erstaunlich ...« Farbaud stieß einen aufsteigenden Pfeifton aus. »Aber ich habe auf der RAS TSCHUBAI gelernt, wie seltsam sie sind. Und du gefällst mir, Doppel-Überläufer. Also gut: Unvergänglichkeit und Rehabilitation für dich. Und ich werde mich dafür verwenden, dass keine Chaofakta eingesetzt werden, die FENERIK oder diese Galaxis in ihrer Gesamtheit gefährden würden.« Er streckte ihm die Klaue hin.
»Was willst du von mir, Herr?«
»Terraner neigen dazu, ihre Abmachungen so zu besiegeln. Du musst meine Hand greifen und schütteln.«
Hookadar benutzte alle vier Hände dazu, obwohl er sich bei der Berührung der beiden kräftigen Finger unwohl fühlte.
*
Hookadar empfand es wie die Verheißung einer baldigen Erlösung, endlich den Transmitter zu sehen, der ihn von Bord des Kosmokratenschiffs bringen konnte. Zugleich verunsicherte ihn der Anblick zutiefst. Das Gerät stellte sich als senkrecht vor einer Wand stehender Strudel aus Silbersand dar. Spiralen aus Myriaden glänzender Körner drehten sich in ein Zentrum, wo sie zu verschwinden schienen.
Wurden sie abgestrahlt? Mit welchem Ziel? Wahrscheinlicher war, dass sie auf der anderen Seite des Strudels, unsichtbar für Hookadars Augen, zurück an den Rand flossen, um die Masse der Körner im System konstant zu halten. Aber niemand vermochte zu erkennen, ob nicht doch ein Korn im Strudel verloren ging. So, wie auch Hookadar beim Transfer verloren gehen könnte. Er musste sich kosmokratischer Technik anvertrauen, um der kosmokratischen Umgebung zu entkommen ...
Der Anzug riet dringend von einer weiteren Injektion eines Beruhigungsmittels ab. Eine Erhöhung der Konzentration im Blutstrom des Laichkangen ließe kaum zusätzliche positive Wirkung erwarten, wohingegen toxische Nebeneffekte unvermeidbar waren.
Farbaud stieß einen Pfiff aus. »Wenigstens kein UHF-Fenster, mit denen habe ich schlechte Erfahrungen. Eröffne uns den Weg, Chaogator!«
Mit einem mulmigen Gefühl begab sich Hookadar an die Steuerkonsole. Als Chaogator hatte er ein intuitives Verständnis dafür, selbst wenn sich der kosmokratische Technologieansatz elementar von dem der Chaotarchen unterscheiden sollte. Ja, er erahnte die Bedeutung etlicher Symbole, die sich in Erhebungen in einer Silbersandfläche manifestierten.
Seitlich in seinem Blickfeld schlug die Positronik die Schaltfolge vor, die als Ziel den Transmitter der Space-Jet anwählen sollte, die mit allen Mitteln der ZALTERTEPE-Klasse getarnt außen am Rumpf der LEUCHTKRAFT klebte. Er hatte sie an einer Stelle der blauen Walze angedockt, die noch immer nicht vollständig repariert war.
Hookadar kam nicht dazu, auch nur die Hälfte der Kombination einzugeben. Plötzlich leuchtete sein Individualschirm grün auf. Der Anzug schrillte Gefechtsalarm, aktivierte augenblicklich eine Ausweichroutine und riss ihn aus der Schussbahn eines Desintegratorstrahls. Ein weiterer erfasste ihn, was zu einem abrupten Wechsel des Bewegungsvektors führte. Angesichts der Fluggeschwindigkeit hätte das mehrere Knochen im Leib des Laichkangen gebrochen, wären die Andruckabsorber nicht gewesen.
Der Anzug nutzte eigenständig Säulen und Wände aus Silbersand als Deckung. Einige dieser Strukturen wurden im grün flirrenden Desintegratorfeuer zu molekularem Nebel.
