Perry Rhodan 3206: Tödliches Paradies - Leo Lukas - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 3206: Tödliches Paradies E-Book und Hörbuch

Leo Lukas

4,0

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Beschreibung

Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen. Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit. Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint zwischen den Sterneninseln verschollen zu sein, zersplittert in Fragmente. Eines soll sich in der Galaxis Morschaztas befinden. Diese aber ist unzugänglich, und ihre Herrscher – Cappins aus dem Volk der Panjasen – reagieren feindselig auf die Fremden aus der Milchstraße. So ist nahezu die gesamte Besatzung der MAGELLAN eingesperrt in ein TÖDLICHES PARADIES ...

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zeit:3 Std. 59 min

Veröffentlichungsjahr: 2023

Sprecher:Florian Seigerschmidt

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Nr. 3206

Tödliches Paradies

Terraner auf der Adaptionswelt – sie versuchen die Flucht aus dem Archipel

Leo Lukas

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Eine Frage der Ehre

1. Der fast menschenleere Koloss

2. Der lange Weg zur bitteren Erkenntnis

3. Wir fliegen mit Perry Rhodan

4. Die Gabe des Überschweren

5. Die Kolossalen Kennedys

6. Die Tage des KONDORS

7. Wen die Glocke ruft

8. Die Insel der Erhöhten

Epilog: Eine Frage des Stils

Stellaris 91

Vorwort

»Die Goldmaschine« von Marie Erikson

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen.

Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit.

Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint zwischen den Sterneninseln verschollen zu sein, zersplittert in Fragmente. Eines soll sich in der Galaxis Morschaztas befinden. Diese aber ist unzugänglich, und ihre Herrscher – Cappins aus dem Volk der Panjasen – reagieren feindselig auf die Fremden aus der Milchstraße. So ist nahezu die gesamte Besatzung der MAGELLAN eingesperrt in ein TÖDLICHES PARADIES ...

Die Hauptpersonen des Romans

Muvaron – Der Obrist hat eine eigene Auffassung von Ästhetik.

Saadet LeFanu – Die Epsalerin findet keine Ruhe, aber unverhofft Verbündete.

Perry Rhodan – Der Terraner begibt sich auf eine paradiesische Welt.

Odo und Natan Kennedy – Die Kolossalen Kennedys reiten den KONDOR.

Marat und Damar Feyerlant

Der Weise Giën Wu sprach: »Zeigt ein Fürst in seiner eigenen Person die Richtlinien und regiert mit dem Maßstab der Gerechtigkeit, so wird niemand es wagen, Gehorsam und Besserung zu verweigern.«

»Das ist der Geist des Betrugs«, erwiderte Dsië Yü, der Narr. »Wer auf diese Weise die Welt ordnen will, lädt einer Mücke einen Berg auf. Der Vogel fliegt hoch in die Lüfte, um dem Pfeil des Schützen zu entgehen. Die Spitzmaus gräbt sich tief in die Erde, um nicht eingeräuchert oder ausgegraben zu werden.

Glaubst du wirklich, die Menschen hätten weniger Mittel als die unvernünftige Kreatur, um sich äußerem Zwang zu entziehen?«

(Zhuangzi, ca. 4. Jh. v. AZ)

Prolog

Eine Frage der Ehre

9. Juli 2096 NGZ

Der Mann hatte Angst.

Er wollte es sich nicht anmerken lassen. Aber sein Versuch, die Unsicherheit hinter einem gleichgültigen Gesichtsausdruck zu verbergen, misslang kläglich.

Sofern man dieses faltige, grobporige, stoppelbärtige Etwas ein Gesicht nennen wollte ... Muvaron musste einige Selbstbeherrschung aufbringen, um dem Gegenüber mehr als einen flüchtigen Blick zu schenken.

Der hässliche alte Kerl war in doppelter Hinsicht ein Fremdkörper. Schlaff und zittrig hockte er da, ein Häufchen Elend, ein trauriges Beispiel für die Mängel naturbelassener Evolution.

Seine bloße Präsenz störte, ja besudelte die ausgeklügelte Harmonie der Innenarchitektur von Muvarons Amtssitz. Wie ein schmutziger Klecks auf einem Monumentalgemälde, ein falscher Ton in einer Symphonie, ein Druckfehler in einem perfekt ausgewogenen Romantext.

Es tat Muvaron beinahe körperlich weh, sich mit dieser Unperson zu befassen. Seine biokybernetisch optimierten Sinne verstärkten die Abscheu noch.

Er hörte beschleunigt pochenden Herzschlag. Sah das Kräuseln der Haut um die Nasenwurzel. Roch säuerlichen Angstschweiß.

Normalerweise erwies es sich bei Verhören als vorteilhaft, den Delinquenten eine Weile im eigenen Saft schmoren zu lassen. Aber diese unerquickliche Sache wollte Muvaron möglichst rasch hinter sich bringen.

Darum brach er nach wenigen Atemzügen das Schweigen. »Du weißt, warum die Gardisten dich zu mir gebracht haben?«

»Äh ... Weil du ihr Chef bist?«

»Das meine ich nicht. Sondern den Grund deiner Verhaftung.«

»Keine Ahnung.«

Er log. Das zeigten sowohl das Vokalmuster und die Erhöhung der Puls- und Atemfrequenz als auch die biometrische Analyse seiner Mimik.

*

Das Mienenspiel der Terraner, zu denen der Mann gehörte, war leicht zu lesen. Äußerlich sahen sie Angehörigen der Cappinvölker Gruelfins zum Verwechseln ähnlich.

Hingegen wich die innere Anatomie in markanter Weise ab. Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse und Hypophyse durchschnittlicher Terraner waren deutlich kleiner und leistungsschwächer. Unter anderem hatten sie deshalb eine geringere Immunität gegenüber Giftstoffen.

Vor allem aber verfügte niemand von ihnen über die parapsychische Fähigkeit der Pedotransferierung. In Summe waren sie minderwertig, selbst im Vergleich zu nichtoptimierten Cappins, und erst recht zu Panjasen wie Muvaron.

»Seit man euch Terraner vor rund einem halben Jahr auf Ghyzarasch angesiedelt hat«, sagte er, »wurden laut Aussage der betreuenden Prädikatoren beachtliche Fortschritte bei der Integration erzielt. Zumindest gilt das für die überwiegende Mehrzahl. Nur eine verschwindend geringe Minderheit benimmt sich weiterhin renitent.«

»Falls du mich dazuzählst, dann zu Unrecht.« Der schäbige Mann hob den Blick und senkte ihn gleich wieder, wie es die Etikette gebot. »Meines Wissens habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen, sondern immer alle Regeln befolgt.«

»Du bist nicht durch grobe Gesetzesverstöße aufgefallen«, präzisierte Muvaron, »sehr wohl aber leistest du hinhaltenden passiven Widerstand. Sieh dich nur mal an! Du vernachlässigst dein Erscheinungsbild, die Kleidung und die Körperpflege, bis hart an die Grenze der hygienischen Mindesterfordernisse.«

Der Terraner schwieg und betrachtete seine flach auf dem Tisch gespreizten Finger. Sämtliche Nägel waren abgekaut.

Welch erschütternder Anblick!

*

»Damit nicht genug, liegt deine letzte Teilnahme an einem Verschönerungseinsatz fast drei Monate zurück«, erinnerte Muvaron.

»Mag sein. Man verliert das Zeitgefühl, wenn ein Tag wie der andere ist.«

»Vaschnaur, der Baschganjo, hat euch Terranern eine ganze Stadt geschenkt und zahlreiche Dörfer dazu, hier und auf anderen Inseln! Du jedoch verweigerst jegliche Mitgestaltung – was eine Form von Undankbarkeit darstellt und offener Rebellion bedenklich nahekommt.«

»Ich bin Techniker. Kein Künstler, Modemacher oder Gartendesigner.«

»Das ist kein Argument. Viele deiner Kollegen haben die Chance ergriffen, sich einer kreativeren Tätigkeit zuzuwenden.«

»Leinwände bepinseln, Socken stricken oder Orchideen züchten sind nun mal nicht mein Ding. Dem allem kann ich nichts abgewinnen.« In einer hilflos-entschuldigenden Geste hob der Mann die affenartig behaarten Unterarme an.

Er war Bordingenieur dritter Klasse auf einem der größeren Beiboote des Trägerraumers MAGELLAN gewesen, der den gewaltigen intergalaktischen Abgrund überwunden hatte. Sein Name tat nichts zur Sache. Muvarons optimiertes Gedächtnis hatte ihn gleichwohl gespeichert: Lars Sobbotnik.

Abstoßend holprig und ungeschliffen wie der Kerl selbst.

»Außerdem heißt es doch«, fuhr er mit verdrießlichem Unterton fort, »wir dürften frei wählen, auf welche Weise wir uns die Zeit der Gefangenschaft vertreiben.«

»Ihr seid nicht inhaftiert«, korrigierte Muvaron milde. Mit Unterentwickelten musste man Geduld haben, auch wenn es manchmal schwerfiel. »Eure Bewegungsfreiheit in und zwischen den Kraschsutars, ja zukunftsperspektivisch sogar darüber hinaus, wird einzig durch das jeweilige persönliche Prädikat eingeschränkt.«

»In meinem Fall bedeutet das nicht gerade viel Auslauf.«

»Der Grund dafür ist deine Unwilligkeit, dich dem allgemeinen Streben nach Vervollkommnung anzuschließen.«

»Allgemein? Von euch aufoktroyiert«, stieß Sobbotnik hervor.

»Mäßige deinen Tonfall!«

»He, schon gut, ich beschwere mich nicht. Will bloß in Ruhe gelassen werden. Aber nicht mal das ist einem vergönnt.«

»Weil du unbelehrbar verstockt bist. Die für dich zuständige Prädikatorin will nur dein Bestes.«

»Ach ja? Warum kapiert sie dann nicht, dass ich mich für oberflächliche Behübschung nicht begeistern kann? Mich interessieren handfeste Dinge. Maschinen. Wie sie funktionieren und wie man sie gegebenenfalls repariert. Schönheit liegt für mich am ehesten in gut gelungenen technischen Details oder mathematischen und physikalischen Gleichungen.«

»Nichts hindert dich daran, öffentliche Vorträge zu diesen Themen zu halten. Selbstverständlich sollten sie gefällig aufbereitet sein.«

»Lass mich raten. Mit Musikuntermalung, Ausdruckstanz und viel Blumenschmuck, nicht wahr?«

»Zum Beispiel.«

»Nein danke. Da nehme ich lieber Hausarrest in Kauf, ehe ich mit dieser ätzenden Prädikatorin wieder über Zierleisten bei Holopräsentationen diskutiere. Apropos: Aus welchem Grund hat sie mich eigentlich an deine Gardisten verpfiffen?«

»Kannst du dir das nicht denken?«

*

Es war, als hätte man einen Luftballon angestochen.

Schlagartig entwich der zwischendurch aufgewallte Trotz. Übrig blieb die Furcht vor Entlarvung und deren Konsequenzen.

Der Terraner ließ die Schultern sinken. »Keine Ahnung«, sagte er, kleinlaut und unehrlich wie zuvor.

»Ich glaube, doch. Deine Wortwahl hat dich überführt. Der Ausdruck ›verpfeifen‹ impliziert, dass da etwas ist, das man geheim halten möchte.«

Sobbotnik gab nur ein ärgerliches Brummen von sich.

»Ertappt«, sagte Muvaron. »Leugnen hat keinen Zweck. Ich bin ein Panjase, ein Vollkommener, und deinesgleichen himmelhoch überlegen. Bilde dir nicht ein, mich täuschen zu können. Also: Was hat die Prädikatorin wohl der Garde gemeldet?«

»Wieso fragst du, wenn du die Antwort bereits kennst? Um mich zu quälen?«

»Derlei niedere Regungen gestatte ich mir nicht.«

»Dann spuck's schon aus.« Widerwillig fügte er hinzu: »Bitte.«

»Hrilda, der um dein Wohlergehen und das gedeihliche Zusammenleben im Kraschsutar bemühten Prädikatorin, fiel auf, dass du dich häufig in deinem Werkzeugschuppen eingesperrt hast.«

»Weil ich nicht immer wieder von halbwüchsigen Bengeln aus der Nachbarschaft belästigt werden wollte, die um Bauteile für ferngesteuertes Spielzeug bettelten. Was ist daran verwerflich?«

»Abgesehen davon, dass es deine Pflicht gewesen wäre, die schöpferische Betätigung der Kinder zu fördern, hast du Hrildas Verdacht erregt. Sie forschte nach und entdeckte, woran du offenbar schon länger gebastelt hattest – an einer Funkanlage.«

»Es handelt sich, wie ihr zweifellos herausgefunden habt, um ein simples Gerät mit lächerlich geringer Reichweite.«

»Dafür bemerkenswert gut abgeschirmt. Gestehe, was du mit dem Apparat nach der Fertigstellung vorhattest!«

»Nichts Böses! Ich wollte lediglich Kontakt zu anderen Technikinteressierten aufnehmen und mich mit ihnen über den einen oder anderen Aspekt meines Fachgebiets austauschen. Um mich geistig fit zu halten und nicht komplett zu versauern. Das ist die Wahrheit.«

Illustration: Dirk Schulz

Tatsächlich konnte Muvaron dieses Mal keine Anzeichen einer Falschaussage erkennen. Im Gegenteil, der Terraner wirkte sogar erleichtert, dass die Sache heraus war.

Aber das musste nichts bedeuten.

*

»Wozu der unnötige Aufwand?«, fragte Muvaron weiter. »Euch stehen zahlreiche Telekommunikationsmittel zur Verfügung.«

»Trivid-Kanäle, die fast ausschließlich Kosmetiktipps bringen. Und lokale Netzwerke mit nie mehr als zwanzig, dreißig Knotenrechnern, meist begrenzt auf ein paar benachbarte Gebäude oder maximal ein kleines Dorf. Für alles, was darüber hinausgeht, ist bei der Vermittlung um Erlaubnis anzusuchen.«

»Eine reine Formsache. Die Erlaubnis wird im Regelfall flott erteilt.«

»Sofern man nicht auf der schwarzen Liste steht, Pardon: ein schlechtes Prädikat hat und deshalb nach hinten gereiht wird. Dann verlängert sich nämlich die Wartezeit ganz erheblich.«

Muvaron dachte nach. In diesem Punkt, musste er zugeben, hatte der hässliche alte Mann recht.

Konnte es sein, dass er das Funkgerät wirklich nur gebaut hatte, um nicht immer wieder unter den ihm auferlegten Verzögerungen zu leiden?

Falls Sobbotnik, wie er behauptete, nichts Übleres damit im Schilde führte, als leichteres Fachsimpeln zu ermöglichen, war dies zwar immer noch ein Vergehen; aber ein relativ harmloses. Eine lässliche Sünde, die kaum den Zugriff der Panjasischen Garde rechtfertigte und schon gar nicht das persönliche Einschreiten ihres Obristen.

Ein derartig überzogenes Engagement könnte sich im Endeffekt sogar blamabel auswirken. Dadurch würde Muvarons Position gegenüber dem Baschganjo geschwächt.

Ohnehin war das Verhältnis zu Vaschnaur, dem Statthalter der Ewigen Ganja Viyesch, angespannt zu nennen. Immer wieder traten gewisse Meinungsverschiedenheiten zutage, vor allem was die Behandlung der Terraner betraf.

Hatte Muvaron vor Übereifer einen Fehler begangen, wie er einem Vollkommenen keinesfalls unterlaufen sollte? Drohte eventuell sogar seinem eigenen Prädikat die Zurückstufung?

Er zwang sich, kühlen Kopf zu bewahren. Um diese heikle Sachlage zufriedenstellend zu klären, gab es nur einen Weg.

*

Wie beiläufig strich Muvaron mit der Hand über den Griff der Flexorette.

Der elegante rote, mit einer Schlinge an seiner Hüfte befestigte Degen war ausnahmslos Panjasen vorbehalten und weit mehr als eine Stichwaffe. Aus der Spitze traten wahlweise Desintegrator-, Impuls- oder Neuroschockstrahlen aus. Schon eine leichte Berührung mit der Klinge, die in Vibration versetzt werden konnte, löste heftigen bis heftigsten Schmerz aus, ohne dabei physische Verletzungen zuzufügen.

Die Dolorinjekt-Funktion ließ sich, wie auch alle anderen Funktionen der Flexorette, nur vom Hirnwellenmuster eines legitimierten Trägers aktivieren. Zu diesem Zweck hatte Muvaron einen mikroskopisch kleinen Sender implantiert, der mit dem Empfänger der Waffe in Verbindung stand.

Es galt als unschicklich, die Flexorette gegen Unbewaffnete einzusetzen; erst recht, wenn diese sich nicht aggressiv verhielten. Vaschnaur lehnte strikt jede Form der Folter ab, und Muvaron, der dies grundsätzlich weniger eng sah, musste sich dem Verdikt des Baschganjos beugen.

Aber das wusste der grindige, ängstlich auf die rote Klinge schielende Terraner nicht ...

»Jedenfalls wurde deine ohne Genehmigung ausgeübte Bautätigkeit von meinen Untergebenen als Sicherheitsrisiko eingestuft«, sagte Muvaron betont formell. »Zu Recht, wie ich ausdrücklich anmerken möchte. Somit hast du gegen das Schönheitsgebot verstoßen.«

»Was? Wie kommst ...?«

»Unsicherheit«, schnitt ihm Muvaron das Wort ab, »schafft Unruhe. Und Unruhe ist unästhetisch. Leuchtet dir wenigstens diese durch und durch logische Schlussfolgerung ein?«

»Äh...«

»Keine weiteren Ausflüchte«, fuhr er Sobbotnik so unvermittelt an, dass es ihn fast vom Sitz riss. »Begreif endlich den Ernst deiner Situation! Nur ein umfassendes Geständnis kann das Strafmaß noch lindern.«

»Aber was soll ich ...«

»Gib zu, dass du Teil einer Widerstandsgruppe bist oder kurz davor standest, dich einer solchen terroristischen Vereinigung anzuschließen. Nenn mir alle dir bekannten Namen und Kontaktadressen, dann will ich ein gutes Wort für dich einlegen, und der Baschganjo wird vielleicht Milde walten lassen.«

»Ich weiß nichts von irgendwelchen organisierten Widerständlern! Und sollte es sie geben, hatte und habe ich mit ihnen nicht das Geringste zu tun.«

Muvaron war geneigt, ihm zu glauben.

Aber das spielte keine Rolle mehr.

*

»In den vergangenen Wochen und Monaten«, sagte er, »wurden etliche Sabotageakte gegen Einrichtungen verschiedener Kraschsutars verübt. Zwar konnten die Schäden rasch behoben werden; doch jeder einzelne Anschlag stellt ein schweres Verbrechen gegen die panjasische Harmonie dar. Einen Frevel, der unbedingt mit aller Härte zu sühnen ist.«

»Davon höre ich zum ersten Mal.«

Natürlich, dachte Muvaron. Wir vertuschen solche Vorfälle nach allen Regeln der Kunst, um keine Nachahmungstäter zu ermutigen.

Laut sagte er: »Hilf uns, die Terroristen zu finden, wenn du deine letzte Chance auf ein positives Prädikat wahren willst.«

»Falls ich euch helfen könnte«, rief Sobbotnik verzweifelt, »würde ich das eventuell sogar ins Kalkül ziehen. Aber ich kann beim besten Willen nichts beitragen!«

»Hör mir genau zu, Terraner! Ich halte viel von Geschichtsforschung. Um die Zukunft optimal zu gestalten, muss man die Vergangenheit verstehen. Pflichtest du mir bei?«

»Ja. Ja, klar.«

Muvarons Psychotrick mit der folgenlosen, also rein rhetorischen Frage funktionierte. Dadurch wurde verhindert, dass sich Sobbotnik auf dem Standpunkt des Neinsagers einbunkerte.

»Ausgezeichnet. Siehst du, deswegen habe ich recherchiert und absolut alles studiert, was ich über dein Volk in den Aufzeichnungen finden konnte. Allerdings sind die Quellen spärlich und teilweise wohl unzuverlässig, da widersprüchlich. Trotzdem glaube ich sagen zu können, dass kaum jemand in der Entrückten Galaxis eure Denkweise besser kennt als ich. Kannst du mir folgen?«

Sobbotnik nickte.

»Pass auf: Die berühmte terranische Zuversicht, um nicht zu sagen Halsstarrigkeit, auf die ihr so stolz seid, ist im Moment absolut fehl am Platz. Gerade heute! Ich habe nämlich Nachricht erhalten, dass vor wenigen Stunden der Trägerraumer MAGELLAN in einer Dakkarvakuole der Schwarzsterngrenze, des Schirmfelds um unsere Galaxis Morschaztas, untergegangen ist.«

»Nein! Du bluffst.«

»Keineswegs. Aus einer solchen Vakuole ist keine Rückkehr möglich. Euer klobiges Raumfahrzeug existiert nicht mehr, es ist längst explodiert.«

»Nein«, wiederholte Sobbotnik tonlos.

»Demnächst treffen etwa fünfhundert terranische Besatzungsmitglieder, die im letzten Moment evakuiert werden konnten, auf Ghyzarasch ein. Ein halbes Tausend absolut vertrauenswürdige Zeugen für das tragische Ende der MAGELLAN.«

Die zusammengebissenen Zähne des Terraners knirschten. Seine Kiefermuskulatur verkrampfte förmlich vor Anstrengung, den Gesichtsausdruck nicht entgleisen zu lassen.

»Ich bin noch nicht fertig«, setzte Muvaron erbarmungslos nach. »Bei den Ereignissen, die letztlich zur Zerstörung des Trägerschiffs und aller Beiboote führten, tat sich ein Mann hervor, der anfangs als Cappin verkleidet agierte. Er trat als Mitglied der Putzkolonne namens Dagozal auf. Wir haben aber auch Aufnahmen, die ihn nach der Demaskierung zeigen. Schau!«

Er ließ ein Holo projizieren. Sobbotniks spontane, mangelhaft unterdrückte Reaktion bestätigte endgültig, was Muvaron vermutet hatte.

»Helle Haut, schlohweißes Haupthaar, rote Augen«, sagte er. »Das ist kein Cappin und der Anatomie zufolge auch kein Terraner. Sondern ein Arkonide, der vor sage und schreibe achteinhalb Jahrhunderten in Gruelfin aktiv war, weshalb sich so gut wie niemand mehr an ihn erinnert. Du jedoch weißt ganz genau, um wen es sich handelt, nicht wahr, Sobbotnik?«

Der übel riechende Terraner kniff die Lippen zusammen. Seine Mundwinkel zuckten.

»Dagozal.« Muvaron ließ sich jede Silbe einzeln auf der Zunge zergehen, als lutsche er ungemein teure, seltene Pralinen. »Da-go-zal. Wie originell! Was für ein genial einfallsreicher Tarnname – insbesondere, wenn man in Wahrheit Atlan da Gonozal heißt. Findest du nicht auch?«

*

»Wann, wo und wie er – und mutmaßlich eine Handvoll Komplizen – an Bord gelangt sind, ist nebensächlich«, versetzte Muvaron den finalen Hieb. »Sie alle fielen der Katastrophe zum Opfer, die sie wohl hauptursächlich verschuldet haben.«

Sobbotnik tat keinen Mucks. Ihm war jede Lust zur Widerrede abgewürgt worden.

»Ich fasse zusammen. Das hässliche Ungetüm MAGELLAN – vernichtet. Einer der legendärsten Helden deines Volkes sowie seine sämtlichen Begleiter, wer auch immer sie waren – ebenso unwiederbringlich verloren. Woran willst du jetzt noch die von vornherein irrationale Hoffnung knüpfen, jemals das Kraschsutar hinter dir lassen zu können?«

Der Terraner gab weiterhin keine Antwort. Er schluckte, kämpfte mit den Tränen.

»Wohlwollend, wie wir Vollkommenen sind, biete ich dir zwei, eigentlich sogar drei Optionen. Sieh her.«

Mit flinken Fingern betätigte Muvaron eine holografische Schaltfläche. Wenige Sekunden später glitt ein Segment der Tischplatte zur Seite. Ein Tablett hob sich heraus, auf dem zwei schlanke Kristallkelche standen, je einer gefüllt mit dunkelroter und hellblauer Flüssigkeit.

»Dieser Trank«, Muvaron deutete auf das linke Gefäß, »enthält ein tödliches Gift. Es wirkt binnen Sekunden, völlig schmerzlos.«

Der andere, erläuterte er, war eine sehr spezielle, auf die terranische Konstitution perfekt abgestimmte Arznei: ein starkes Psychopharmakon, das den permanenten, durch nichts umkehrbaren Zustand seliger Ignoranz und totaler Antriebslosigkeit hervorrief. Vereinfacht gesagt, wurde man davon dumm wie Stroh, aber glücklich.

»Fühl dich zu nichts gezwungen. Du hast die freie Wahl. Triff sie mit Bedacht! Ich gehe einstweilen auf den Balkon, um ein wenig Frischluft zu schnappen.«

Muvaron erhob und steckte sich. »Es ist eine Frage der Ehre«, sagte er. »Wenn ich wiederkehre und du hast keinen der Kelche geleert, passiert nichts weiter. Dann bringen die Gardisten dich einfach zurück in dein Kraschsutar. Wo die traurige Botschaft vom Schicksal Atlan da Gonozals und der MAGELLAN sicherlich auf weit offene Ohren stößt.«

*

Der Terraner tat das, wozu er mittels virtuos angewandter Psychologie manipuliert worden war. Keine Minute, nachdem Muvaron ins Freie getreten war und tief durchgeatmet hatte, erklang drinnen das Klirren eines zu Boden gefallenen Glases.

Sobbotniks schlaffer Körper lag gleich daneben. Jeglichen Lebensinhalts beraubt, hatte er das Gift getrunken, wie es ihm Muvaron suggeriert hatte.

Damit war diese Sache erledigt, die kleine Krise bravourös bewältigt. Der von mehreren Kameras aufgezeichnete Selbstmord des räudigen alten Perfektionsstörers würde, zusammen mit den Indizien aus seiner Werkstatt, als Schuldbeweis ausreichen.

Großmütig würde Muvaron den Systemmedien erklären, die Prädikatorin Hrilda habe den wesentlich wichtigeren Anteil bei der rechtzeitigen Enttarnung eines gefährlichen potenziellen Attentäters geleistet. Folglich stünde eher ihr als ihm die ideelle Trophäe in Form einer Prädikatsverbesserung zu.

Offensive Bescheidenheit kam immer gut an.

Nachdem Gardisten den Leichnam beseitigt hatten, säuberten Roboter den Boden und desinfizierten die Sitzgruppe. Da formulierte Muvaron in Gedanken bereits eine dringliche Eingabe an den Baschganjo.

1.

Der fast menschenleere Koloss

13. und 14. Juli 2096 NGZ

Ein feuerroter Schemen segelte quer durch die Baumkronen, verwandelte sich bei der Zwischenlandung auf einem Ast kurz in ein Fellbündel, nur um gleich darauf mit wehender Rute kopfüber den Stamm herabzuflitzen.

Perry Rhodan blieb stehen und legte den Finger an die Lippen. Durch eine Kopfbewegung machte er seine Begleiter auf das Eichhörnchen aufmerksam, das in der Deckung eines Haselnussstrauchs verharrte.

Witternd drehte das Tierchen ruckartig den Kopf hin und her. Mümmelte, knabberte an einer Nuss. Ließ sie aus den Pfoten fallen, schreckte hoch, düste davon, dass das Laub durch die Luft wirbelte.

Einige Sekunden später tauchte das Eichhörnchen über ihnen im Geäst nochmals auf, hurtig von Baum zu Baum springend. Ein Artgenosse raste ihm im Zickzack hinterher. Zwei weitere kamen dazu, und eine wilde Verfolgungsjagd entspann sich.

»Paarungszeit«, sagte Sichu Dorksteiger. »Das Leben geht weiter.«

»Wir auch«, sagte Rhodan.

Ein paar schwungvolle Schritte später fragte sie: »Wer außer mir hat soeben noch an ein gewisses Pelzwesen gedacht?«

»Ich«, antwortete Damar Feyerlant. »Mit Gucky wäre uns ziemlich sicher manches leichtergefallen.«

Der Ilt hatte den Flug der Sextadim-Kapsel RA nach Gruelfin nicht mitmachen können. Er war schon länger in einer eigenen Spezialmission unterwegs, so wie auch Iwán/Iwa Mulholland, eine andere Stütze des Terranischen Parakorps.

»Ich dachte ebenfalls an Gucky«, sagte Rhodan. »Und an Elvis Presley.«

»Elvis wer?«