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Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen. Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit. Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint in ungezählte Fragmente zersplittert zu sein, die sich in verborgenen Fragmentrefugien ballen. Diese Refugien zu finden und die Fragmente wieder zu vereinen, ist Rhodans Ziel. In der Galaxis Morschaztas unweit Gruelfins sind Atlan und er unterwegs und stellen sich den Panjasen, die das dortige Refugium für sich beanspruchen. Auch andere Unsterbliche und deren Wegbegleiter suchen[…]
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Nr. 3221
Ende einer Odyssee
Opfergang eines Einsamen – auf der Suche nach der Wahrheit
Marc A. Herren
Cover
Vorspann
Die Hauptpersonen des Romans
1. Gry O'Shannon
2. Die Blinde Kathrein
3. Trim Marath
4. Gry O'Shannon
5. Die Blinde Kathrein
6. Gry O'Shannon
7. Die Blinde Kathrein
8. Trim Marath
9. Gry O'Shannon
10. Die Blinde Kathrein
11. Trim Marath
12. Gry O'Shannon
13. Trim Marath
14. Gry O'Shannon
15. Die Blinde Kathrein
16. Gry O'Shannon
17. Trim Marath
18. Gry O'Shannon
19. Trim Marath
20. Gry O'Shannon
21. Trim Marath
22. Gry O'Shannon
23. Gry O'Shannon
Epilog
Fanszene
Leserkontaktseite
Impressum
Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen.
Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit.
Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint in ungezählte Fragmente zersplittert zu sein, die sich in verborgenen Fragmentrefugien ballen. Diese Refugien zu finden und die Fragmente wieder zu vereinen, ist Rhodans Ziel. In der Galaxis Morschaztas unweit Gruelfins sind Atlan und er unterwegs und stellen sich den Panjasen, die das dortige Refugium für sich beanspruchen. Auch andere Unsterbliche und deren Wegbegleiter suchen Fragmentrefugien. Zwei davon sind Alaska Saedelaere und Gry O'Shannon. Sie erleben das ENDE EINER ODYSSEE ...
Alaska Saedelaere – Der Maskenträger wagt einen riskanten Einsatz.
Gry O'Shannon – Alaskas Begleiterin wird Zeugin einer tiefen Freundschaft.
Trim Marath – Der Monochrom-Mutant hat sich einer Welt verpflichtet und sehnt sich dennoch nach den Sternen.
Die Blinde Kathrein
1.
Gry O'Shannon
Ein heller Schrei gellte durch ihre Gedanken. Die schwarzen Schatten stoben auseinander. Verschwanden, als hätte es sie nie gegeben.
Die Gestalt löste sich vom Altar, taumelte ein paar Schritte auf Saedelaere zu. Gry sah, dass es sich um einen uralten Mann handelte.
»A... Alaska?«, krächzte der Greis.
»Trim«, sagte Saedelaere mit ruhiger Stimme. »Trim Marath. Wie geht es dir, mein alter Freund?«
Ein Schluchzen entrang sich der Kehle des Alten. Dann brach er zusammen.
Gry eilte zu Saedelaere, aber dieser deutete nur auf den Greis, während er sich daranmachte, den SERUN und den Anzug der Verheißung wieder anzuziehen.
Sie kniete sich neben den Alten, legte ihre Hand auf dessen Stirn. Seine Haut war dünn wie Papier. Sie fühlte sich kalt und feucht an. Die Augen waren zugekniffen, das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse verzogen. Der Atem ging flach und hastig. Grys Gedanken rasten. Der Name Trim Marath sagte ihr etwas, aber in diesem Augenblick vermochte sie ihn nicht zuzuordnen.
Sie gab der Medoeinheit ihres SERUNS den Befehl, die körperlichen Werte des alten Mannes zu analysieren und Behandlungsmethoden zu initialisieren.
Saedelaere kniete sich neben sie, nahm Maraths Kopf sanft in die Hände und bettete ihn sachte auf seinen Schoß. Gry sah den Maskenträger nur von der Seite, aber sie glaubte, einen nachdenklichen Blick aus den Augenschlitzen wahrzunehmen.
»Wann hast du gewusst, dass es sich bei unserem Gegner um einen alten Freund von dir handelt?« Gry gab sich alle Mühe, die Frage neutral klingen zu lassen. Aber der Vorwurf drang deutlich durch. Viel zu deutlich.
»Trim Marath ist ein guter Mensch«, sagte Saedelaere stockend. »Er hat viel für die Menschheit getan. Dass ich ihn hier unter diesen Umständen wiederfinde, ist ... tragisch.«
Der SERUN blendete Maraths Vitalwerte und passende Behandlungsmethoden in einem kleinen Holo an Grys Unterarm ein. Sie zog die Medosonde aus der Seitentasche und klebte sie an Maraths Hals. Kreislaufstabilisierende Mittel wurden in den Blutkreislauf injiziert. Nach wenigen Sekunden beruhigten sich die Gesichtszüge des Alten, und die Atemzüge wurden ruhiger und tiefer.
Alaska Saedelaere strich ihm eine der dünnen Haarsträhnen aus der Stirn. »Dass es sich um Trim und seinen Schwarzen Zwilling handelte, kam mir in dem Augenblick in den Sinn, als die Piraten vom Vorfall mit dem schwarzen Geisterwesen gesprochen haben. Anfangs war es nur eine Assoziation, aber als dann Gamo Stormlicht von einem parapsychischen Angriff auf die ZYLINDER-X gesprochen hat, verdichtete sich der Verdacht.«
Gry O'Shannon kontrollierte die Vitalwerte des Alten, ließ Saedelaere sprechen. Alles, was sie nun gesagt hätte, hätte wieder wie ein Vorwurf geklungen.
»Ich habe von meinem Verdacht nichts gesagt, weil er trotz allem viel zu abwegig war«, erläuterte der Maskenträger. »Trim Marath verschwand vor über sechshundert Jahren aus dem Bewusstsein der Galaktiker. Damals muss er um die hundertneunzig Jahre alt gewesen sein. Dass er ausgerechnet den Weg nach M 55 und nach Mystery Guest fand ... Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Zusammentreffen ist verschwindend klein. Der Gedanke machte mir zu schaffen.«
»Du musst dich nicht rechtfertigen, Alaska.« Gry legte eine Hand auf seinen Arm, wollte noch etwas hinzufügen, wurde aber durch ein Poltern unterbrochen.
»Was ist denn hier geschehen?«, kam es vom Eingangsportal der Kirche.
Gry blickte sich um. Odyssa Peck und fünf der Piraten standen am Eingang und blickten auf das Bild der Zerstörung. Die Kirchenbänke lagen in Trümmern.
»Die Gefahr ist gebannt«, sagte Saedelaere dumpf. »Dieser Mann hier war verantwortlich für die Angriffe des fernen Klabauters.«
Die Piraten näherten sich mit gezogenen Degen. »Ist er tot?«, fragte Kapitän Renard Gonder.
»Nein.«
»Wenn er den fernen Klabauter gerufen hat, werden wir ihn töten müssen, damit dies nicht mehr geschehen kann.«
»Nein!« Saedelaere hatte seine Stimme nicht erhoben. Aber ihr Klang ließ keine Widerrede zu. »Ich werde mich um ihn kümmern. Ich versichere euch, dass er den fernen Klabauter nicht mehr rufen wird.«
Die Piraten sahen sich verwirrt an, sagten aber nichts.
»Die Bevölkerung von Arendal ist tief verunsichert«, sagte Odyssa Peck, die Kosmopsychologin. »Ich denke, es wäre gut, wenn wir sie beruhigen würden.«
Saedelaere nickte zustimmend. »Das halte ich für eine gute Idee. Könntet ihr das übernehmen? Richtet der Bevölkerung aus, dass sich der ferne Klabauter, oder wie auch immer er von den Menschen in Arendal genannt wird, stets für ihr Wohl eingesetzt hat.«
»Indem er Häuser zerstörte und Menschen umbrachte?«, fragte der Logbuchführer der Piraten, Pierre de Chalon, sarkastisch.
»Er hat versucht, Fremde von der Stadt fernzuhalten«, versuchte Gry auszuhelfen. Sie war sich nicht sicher, ob dies der Wahrheit entsprach, aber im Augenwinkel sah sie Saedelaeres Nicken.
»In Ordnung«, sagte Odyssa. »Wir werden es so ausrichten.«
Die Terranerin verließ mit den Piraten das Kirchenschiff. In diesem Augenblick öffneten sich Maraths Augenlider flackernd.
»Alaska«, murmelte er fast unhörbar, während Tränen über seine Wangen rannen. »Du bist es wirklich. Nach all den Jahren ...«
»Ruh dich aus, mein Freund! Wir werden uns viel zu erzählen haben.«
»Du bist wegen der Dunklung hier, nicht wahr?«
»Dunklung?«
»Draußen im All«, flüsterte Marath heiser. »Die geheime Raumstation.«
2.
Die Blinde Kathrein
Die Blinde Kathrein saß vor ihrem Häuschen auf der Gartenbank, ihrem liebsten Ort. Sie fühlte das gemaserte Holz der Bank, roch den nassen Boden, den Geruch der Gemüse und Kräuter, die in ihrem Garten wuchsen. Der Wind hatte aufgefrischt, trug Noten von Salzwasser und Algen mit sich und einen Hauch Sandelholz. Im nahen Skitstövelwald hämmerte ein Specht gegen die Rinde eines Baumes. Hinter der Stadtmauer schrie ein Kind. Welch wonniger und viel zu seltener Klang!
Normalerweise konnte sie stundenlang vor ihrem Häuschen sitzen und mit ihren herkömmlichen Sinnen die Welt genießen.
An diesem Tag glitten ihre Gedanken immer wieder ab. Ihre Sehergabe schaltete sich ein, unnachgiebig und beunruhigend. Bald würde die WEHREN HECHT in See stechen, und die Blinde Kathrein wusste, dass daraus etwas Furchtbares erwachsen würde. Sie sah die Bilder auf sich zukommen, wenngleich sie verwaschen und undeutlich waren, weil die Zeit sie noch nicht ganz eingeholt hatte.
Obwohl sie »die Blinde Kathrein« gerufen wurde, war sie alles andere als blind. Gewiss, der Herrgott hatte ihr kein normales Augenlicht geschenkt. Ihre Augen waren zwei stumpfe weiße Murmeln, ungeeignet dafür, zu sehen wie andere Menschen.
Die Blinde Kathrein sah mit ihrem Inneren. Sie konzentrierte sich auf ihre Umgebung, erfasste, was vor ihr war, und das Bild manifestierte sich vor dem inneren Auge. So sah sie die Schönheit der Welt, auch wenn sie nicht wusste, ob die Farben, die sie sah, jenen entsprachen, die ihre Mitmenschen sahen.
Aber sie sah eben nicht nur, was gerade da war, sondern sie sah auch, was dereinst da sein würde. Die Bilder, die noch nicht in Existenz erwachsen waren.
Für die Blinde Kathrein war das etwas völlig Alltägliches, seit sie und ihre Schwester Sime vor langer Zeit im Hause des Bäckermeisters Jodok Swerting und seiner Frau Morie zur Welt gekommen waren.
Sie hörte die Schritte, die sich vom Stadttor näherten. Elegante Stiefel mit runden Absätzen. Feines Leder, darüber ein sich bauschender Rock. Die Blinde Kathrein strich das Haar zurecht, wartete, bis die Schritte am Gartentor angelangt waren.
»Sime«, sagte sie. »Es freut mich, dass du es dir anders überlegt hast.«
Sime Swerting kam zu ihr. Sie lächelte nicht wie sonst. Der Blick war ernst, die Stirn gerunzelt. Ein Duft von Rosen umgab ihre Schwester, etwas zu auffällig, als wollte sie sich in eine Aura hüllen, die Schutz vor Kathreins inneren Blicken böte.
Sime Swerting hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, dann ließ sich mit einem leisen Seufzer neben ihr nieder auf die Bank.
Ihre Schwester war eine eindrucksvolle Erscheinung, so ganz anders als sie, Kathrein. Schön wie ein Sonnenstrahl, mit einer feurigen roten Mähne, ausladenden Rundungen, die sie auch gerne zeigte. Sime arbeitete in Visby vornehmlich als Wäscherin, verdiente sich den größten Anteil ihres Einkommens als Dirne. Zwei ehrenwerte Berufe, die sich gegenseitig aufhoben – das Sündigende und Reinigende in einem ewigen Kreislauf vereint.
Die Blinde Kathrein – auch wenn ihr Körper dem Auge des Betrachters oder der Betrachterin weit weniger begehrenswert erschien – war körperlichen Genüssen nicht abgeneigt. Manchmal folgte sie einem Mann für eine Nacht oder mehrere Nächte in die Stadt.
Der einzige Unterschied zwischen Sime und ihr in Sachen Sexualität war, dass Sime dafür Geld erhielt, während die Blinde Kathrein immer wieder den Fehler machte, ihren Liebhabern allzu viel von ihrer Zukunft zu verraten.
»Ich bin nicht gekommen, weil ich es mir anders überlegt habe«, sagte Sime. »Ich will mich nur kurz von dir verabschieden. Du hast mich beunruhigt mit deinen Voraussagen.«
»Ich weiß, ich weiß. Ich habe es gesehen, Liebes.« Die Blinde Kathrein nahm die kalten Hände ihrer Schwester in die ihren, ließ den inneren Blick in die Zukunft schweifen. »Diese Fahrt der WEHREN HECHT wird alles verändern. Ich sehe eine schwarze Bedrohung und eine weiße Bedrohung. Ich sehe blau, das vom Himmel kommt. Und ich sehe viel Schmerz und Verzweiflung. Ich bitte dich: Geh nicht!«
Simes Körper erschauerte, die Hände zitterten. »Wenn du all dies siehst, dann siehst du auch, dass ich mich bereits dafür entschieden habe, zurück auf die WEHREN HECHT zu gehen.«
»Die Bilder der Zukunft sind verwaschen und verschwommen«, murmelte die Blinde Kathrein. »Sie werden erst fest und klar, wenn die Zeit sie erreicht. Vorher kann man sie beeinflussen, verändern. Unser Schicksal ist nicht geschrieben wie ein Buch. Die Zeilen auf den nachfolgenden Seiten verändern sich mit jedem Buchstaben, den man hineinschreibt. Geh nicht!«
Eine Weile sagte keine der Schwestern etwas. Dann spürte die Blinde Kathrein, dass Sime mit den Tränen kämpfte. Sie konzentrierte sich auf ihr Gesicht und sah die Zweifel und Zerrissenheit darin.
Die Blinde Kathrein lächelte. »Du hast die See schon immer geliebt, Sime. Während ich am liebsten am warmen Ofen in der Backstube saß, hast du auf dem Dach, nur mit Vaters Dreispitz bekleidet, mit einem Feuerhaken in der Hand Piratin gespielt. Weißt du noch?«
Sime lächelte traurig. »Meist trug ich Mutters Rock«, sagte sie schniefend. »Aber sonst hast du recht. Ich wollte immer Piratin sein, zur See fahren. Abenteuer erleben.«
Die Blinde Kathrein seufzte. »Und deswegen hast du nun gar keine andere Wahl, als mit der WEHREN HECHT in See zu stechen. Ich weiß.«
Illustration: Swen Papenbrock
Sime schüttelte den Kopf. Dann umarmten sie einander lange.
»Pass auf dich auf, ja?«
Sime versprach es. Sie löste sich aus der Umarmung und verließ den Garten mit unsicheren Schritten.
Die Blinde Kathrein horchte auf das Klacken der Absätze zum Stadttor und noch weiter, bis es irgendwo zwischen anderen Geräuschen der Stadt verschwand.
Die Blinde Kathrein hatte gehofft, dass sie nun etwas innere Ruhe finden würde, nachdem sie ihrer Schwester das Einverständnis zu dieser – wahrscheinlich letzten – Reise der WEHREN HECHT gegeben hatte. Schließlich hatte sie viel Leid gesehen, aber niemals den Tod ihrer geliebten Schwester.
Aber die Ruhe wollte nicht einkehren. Also gab die Blinde Kathrein dem inneren Drang nach und folgte dem Verlauf der Zeit, bis die Bilder so verwaschen waren, dass sie kaum mehr zu erkennen waren. Der Blick in die Zeit strengte sie an, nagte an ihr. Je weiter sie sah, desto schwieriger wurde es.
Die Blinde Kathrein stöhnte. Sie wollte sich aus der Sicht stehlen, aber es war bereits zu spät. Sie musste sich den Bildern stellen.
Die Welt zerfällt wie in einem Kaleidoskop. Die einzelnen Elemente stürzen durcheinander, sortieren sich neu, setzen sich zu bizarren Figuren zusammen. Mit jeder neuen Anordnung verschwinden immer mehr Kanten und gerade Linien. Die Welt wölbt sich, wird rund, zu einem Kreis. Einem endlosen Kreis, in dem alles, was darin verschwindet, auf ewig gefangen ist.
Die Blinde Kathrein spürte, wie sich die reale Welt um sie bewegte. Ein schreckliches Gefühl des Fallens erfasste sie. Dann ein Schlag gegen ihre linke Schläfe, etwas Nasses klatschte gegen ihr Gesicht. Schmerz.
Das verwaschene Bild des ewigen Kreislaufs verschwand, der Blick versiegte. Die Blinde Kathrein kam langsam zu sich und bemerkte, dass sie auf dem Boden lag, das Gesicht im nassen Gras.
Mit zittrigen Bewegungen richtete sie sich auf, wankte in ihr Häuschen. Sie ergriff eine Wolldecke und wischte sich das nasse Gesicht trocken. Der Kreis wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Was bedeutete er?
Es war ihr absolut klar, dass diese Bilder nicht mit Simes Zukunft verknüpft waren, sondern mit ihrer eigenen. Die Blinde Kathrein ging in ihre Küche und brühte sich einen Kräutertee auf. Manchmal ergaben die Bilder aus den inneren Blicken erst einen Sinn, wenn man sie sich ein wenig setzen ließ.
Aber diesmal wollte sich keine Erkenntnis einstellen. Diesmal blieb der verwaschene, niemals endende Kreis in ihren Gedanken kleben wie Baumharz an den Händen.
Um sich abzulenken, nahm die Blinde Kathrein ein Buch mit Sagen und Märchen, legte ein Holzscheit in den Ofen und setzte sich in den Sessel. Sie öffnete das Buch, konzentrierte sich und erfasste mit ihrem inneren Blick, der ihr die Augensicht ersetzte, das Seitenverzeichnis. Sie entschied sich für ein Märchen, in dem ein Junge im Wald einen verzauberten Spiegelweiher fand.
Die Blinde Kathrein ließ den inneren Blick über die Zeilen und Illustrationen wandern. Zwischendurch nahm sie einen Schluck des dampfenden Kräutertees und fühlte, wie sie sich allmählich beruhigte. Der albtraumhafte Kreis verschwand, und Kathrein ging in der Geschichte um den Spiegelweiher auf.
Plötzlich durchzuckte sie ein neuer Schrecken. Ihr war, als würde sie jemand aus dem Buch heraus anstarren. Ein schattenhaftes Wesen überlagerte die Illustration des Spiegelweihers. Ein Mensch, aber verzerrt, breit, fast quadratisch, und sehr, sehr dunkel. Die Haut war schwarz, der Schädel haarlos, dafür hatte er einen leuchtend roten Bart, der sich vom Kinn bis zu den Ohren zog.
Das Wesen sah sie aus tief liegenden Augen direkt an, in sie hinein, in ihren inneren Blick hinein. Dann öffnete es den Mund und sprach Worte, die sie nicht verstand.
Erschrocken schlug sie das Buch zu und warf es in eine Ecke. Schwer atmend blieb sie im Sessel sitzen, bis sie genügend Mut beisammenhatte, aufstand, das Buch holte und die Seite wieder aufschlug.
Aber da war nur die Illustration des verzauberten Spiegelweihers im Wald.
War der schattenhafte Kerl nur ein Hirngespinst gewesen? Oder hatte ihre Gabe ihr einen Streich gespielt, obwohl sie nicht der Zeit gefolgt war?
Die Blinde Kathrein legte sich in ihr Bett. Schloss die Augen.
Was immer ihre Zukunft für sie bereithielt, ihr schwante, dass es nichts Gutes sein würde.
3.
Trim Marath
Trim Marath wurde am 2. Oktober 1285 NGZ auf dem terranischen Kolonialplaneten Yorname als einziger Sohn von Elara und Netah Marath geboren. Einer von Elaras Vorfahren stammte von Horrikos, wo der Diktator Monos einst seine Genexperimente zur Schaffung von terranischen Supermutanten durchgeführt hatte. Trim litt seit Geburt an Achromatopsie, sah die Welt nur in hellen und dunklen Schattierungen. Hinweise auf seine Paragabe als Kosmospürer traten früh auf, als er beispielsweise als Fünfjähriger das Wüten des Dieners der Materie Ramihyn auf Terra als Vision erlebte. Mit zwölf Jahren wurde bei ihm das bislang größte Psi-Potenzial der bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Monochrom-Mutanten festgestellt. Er willigte ein, die Mutantenschule Fellmer Lloyd zu besuchen. Dort begegnete er zum ersten Mal seinem späteren besten Freund Startac Schroeder.
(Auszug aus »Die großen Figuren der terranischen Geschichte«)
Als Trim Marath das nächste Mal die Augen aufschlug, fühlte er sich so frisch und kräftig wie seit Hunderten von Jahren nicht mehr. Das mochte an der Medoeinheit des SERUNS liegen, mit der er verbunden war. Trim ahnte aber, dass es ihm in erster Linie so gut ging, weil er endlich wieder unter Menschen war.
Seinen Menschen.
Sie hatten ihn ins Turmzimmer in sein Bett gebracht und sich rührend um ihn gekümmert. Die rothaarige Frau, die sich als Gry O'Shannon vorgestellt hatte, aktivierte seinen Kochherd und wärmte ihm eine Fleischbrühe auf.
Alaska Saedelaere saß währenddessen auf einem Stuhl an seinem Bett. Unter seiner Maske züngelten farbige Lohen.
Das Cappinfragment.
Trim hatte es Saedelaere nie gesagt, aber mit seiner Gabe, die man allgemein »Kosmospürer« nannte, sah er das Fragment durch die Kunststoffmaske. Nicht direkt, aber er gewahrte eine Art Echo des Fragmentes, oder besser gesagt: ein Echo des kosmischen Anteils des Gewebeklumpens in Saedelaeres Gesicht.
Gry kam an sein Bett, reichte ihm eine Schale mit der dampfenden Brühe und einen Holzlöffel. Trim setzte sich aufrecht hin und begann zu essen.
»Ich danke euch«, sagte er, während sich ein wohlig-warmes Gefühl in seinem Magen ausbreitete. »Ihr könnt euch nicht denken, was mir das hier alles bedeutet.«
»Wie lange bist du schon auf dieser Welt?«, fragte die Frau.
»Ich bin am sechsten März 1472 NGZ hier gestrandet.«
»1472? Das war vor sechshundertvierundzwanzig Jahren!«, sagte Gry. Sie klang ehrlich schockiert. »Weshalb bist du überhaupt hierhergekommen?«
Trim Marath seufzte. »Ich suchte meinen Sohn Creider. Er war an Bord der SOL geboren worden. Ich habe ihn über alles geliebt, aber es gab einen ... Zwischenfall. Als die SOL zurück in der Milchstraße war, hat seine Mutter ihn genommen und mich verlassen. Für immer. Ich musste versprechen, ihn nicht zu suchen. Aber dann habe ich es doch getan. Da mein Sohn ebenfalls über eine starke Parabegabung verfügte, bin ich Spuren von seltsamen psionischen Ereignissen nachgegangen und habe so von einem Planeten erfahren, auf dem es zu einem psionischen Angriff auf die Besatzung eines Prospektorenschiffes gekommen war.«
