Perry Rhodan 3254: Jägermond - Robert Corvus - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 3254: Jägermond E-Book und Hörbuch

Robert Corvus

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Beschreibung

Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen. Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit. Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint in Fragmente zersplittert zu sein, die sich in verborgenen Fragmentrefugien ballen. Eines dieser Refugien befindet sich in der Kondor-Galaxis, wo ausgerechnet in diesen Tagen eine Eroberungsphase des baccunischen Reiches ausbricht. Perry Rhodan begibt sich auf Spurensuche und gerät dabei an den JÄGERMOND ...

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zeit:4 Std. 7 min

Veröffentlichungsjahr: 2023

Sprecher:Renier Baaken

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Nr. 3254

Jägermond

Er verehrt den Terraner – und will ihn töten

Robert Corvus

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. An der Schwelle

2. Fremdheit

3. Einsamkeit

4. Die Geduldeten

5. Die Jäger

6. Sehnsucht

7. Die Reisenden

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich endlich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet intensiv und gleichberechtigt zusammen.

Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit.

Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis – das Geisteswesen scheint in Fragmente zersplittert zu sein, die sich in verborgenen Fragmentrefugien ballen. Eines dieser Refugien befindet sich in der Kondor-Galaxis, wo ausgerechnet in diesen Tagen eine Eroberungsphase des baccunischen Reiches ausbricht. Perry Rhodan begibt sich auf Spurensuche und gerät dabei an den JÄGERMOND ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Ihn lockt das Fremde.

Antanas Lato – Er durchdenkt das Fremde.

Vincoulon – Er kehrt aus der Fremde zurück.

Telpecc

1.

An der Schwelle

»Ihr könnt nicht begreifen, was euch erwartet.« Die langen Krallen an Vincoulons siebenfingrigen Händen klickten gegeneinander, ein Geräusch wie von brechenden Insektenpanzern. »Wenn ihr nach Sorgorenland geht, lasst ihr hinter euch, was ihr kennt.«

Der Sorgore erschien Perry Rhodan widersinnig vertraut, obwohl er auf den ersten Blick als Außerirdischer zu erkennen war. Er maß knapp zwei Meter, und man konnte ihm nicht gerade in die Augen sehen, weil diese strahlend orangerote Halbkugeln an den Seiten des nasenlosen Schädels waren. Der Mund saß unten am breiten Kinn. Achteckige Plättchen segmentierten die strohfarbene Haut.

Vielleicht verstärkte die Haltung, bei der die Hände mit aufwärtsgerichteten Fingern beinahe aneinanderlagen, den Eindruck eines betenden Mönchs, den auch das kuttenartige, allerdings aus irisierendem Stoff bestehende Gewand erzeugte.

Da der Sorgore terranische Mimik sicher nicht zu deuten wusste, gestattete Rhodan sich ein Schmunzeln über die merkwürdige Assoziation. Die Sorgoren waren eine uralte, hoch technologisierte Zivilisation, ansässig auf einem einzigen Planeten, und der lag in Spaphu, der Kondor-Galaxis, 212 Millionen Lichtjahre von Terra entfernt. Dennoch: Einige hatten diese unvorstellbare Entfernung überwunden. Kein Arkonide war der erste Außerirdische gewesen, dem Perry Rhodan begegnet war, sondern der Sorgore Carfesch, auch wenn der Junge dieses Ereignis im Wisconsin des Jahres 1945 christlicher Zeitrechnung nicht hatte einordnen können. Inzwischen wusste er, dass es sein Leben geprägt hatte.

»Das Unbekannte war mir stets Verlockung«, sagte der Terraner.

Die beiden Männer standen in einem Projektionsraum, der momentan eine Illusion schuf, durch die man leicht vergaß, dass man sich an Bord eines Raumschiffs befand. Er war eine den Hyperflusspiraten angemessene Mischung aus taktischer Zentrale mit allen Projektionsmöglichkeiten und einer stolz-protzigen Schatzkammer mit ausgewählten Beutestücken. Auf halbhohen Podesten und Nischen entlang der Wände wurden gläserne Skulpturen, Erzbrocken, eine Phiole mit violettem Hyperkristallstaub und eine untergliederte Klingenwaffe präsentiert, die für den dreihändigen Gebrauch konstruiert war.

Im Wesentlichen war der Raum jedoch dunkel, mit hellen Punkten, wo die Holoprojektoren die stellare Umgebung der SHAMMADIN nachbildeten, ergänzt um einige Hilfslinien. Die sechs würfelförmigen, aus Röhren zusammengesetzten Schiffe, die das Sternenhaus der Lipeka gebildet hatten, waren vergrößert dargestellt.

Rhodan und der Sorgore schienen in der Schwärze des Alls zu schweben. Wenn sie sehr nahe kamen, tauchten schattenhaft Felsbrocken auf, die zur Oortschen Wolke des Sonnensystems gehörten, an dessen gravitativer Peripherie sie trieben.

Vincoulon legte den Kopf schräg. »Piraten dürsten gemeinhin nach anderem als Wissen, Administrator.«

»Du weißt, dass ich dieses Amt übernommen habe, um dem Tod für mich und meine Gefährten zu entgehen.«

»Und ich weiß, dass du ein Talent hast, Reichtümer aufzuspüren und zu sichern.«

Unter den ausgestellten Schätzen befand sich auch ein silbrig-körniges Stück Metall, das sich in einem Fesselfeld drehte. Iridium von Glain, womöglich noch wertvoller als die Transpare, die sie Ain abgenommen hatten.

»Jeder Herrscher muss seine Untergebenen zufriedenstellen«, erklärte Rhodan. »Vor allem, wenn ihr eigener Vorteil das Einzige ist, was sie an ihn bindet.«

»Welche Vorteile hoffst du, in meiner Heimat zu finden?«

»Sorgoren haben oft eine wichtige Rolle gespielt«, wich der Terraner aus. »Auch für mich persönlich, seit meiner Jugend.«

»Wie alt bist du, Perry Rhodan?«

»Du würdest es nicht glauben.« Erneut schmunzelnd dachte er an den Zellaktivator, an seine Zeitreisen und -sprünge und all die Mysterien, die ihn über all die Zeit begleitet hatten. »Ohnehin gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage.«

»Du bleibst nebulös.«

»Das Unwissen in dieser Angelegenheit wird dir nicht schaden«, versicherte Rhodan. »Wir dagegen sollten wissen, was uns auf Sorgorenland erwartet, wenn wir dorthin fliegen.«

Mit merklichem Widerwillen hatte Vincoulon den Verband bis auf einen Lichtmonat an einen gelben G3V-Stern herangeführt, bei dem es sich ihm zufolge um Gangonia handelte, das Zentralgestirn, das Sorgorenland als dritter Planet umkreiste. Die Sensoren vermochten die Angaben zum System jedoch nicht zu überprüfen, sie lieferten unsinnige Daten.

»Positronik! Stell eine Verbindung zur RA her«, verlangte Rhodan.

»Perry?«, meldete sich Antanas Lato.

»Überspiel uns bitte die Positionen unserer baccunischen Begleiter!«

»Die Menge unterliegt einer Dynamik durch Neuentdeckungen und Strahlertreffer.«

Silbrige Punkte wurden um sie herum projiziert. Alle paar Sekunden verging einer in theatralisch wirkenden Lichtblitzen. Kapitänin Anmananda gestattete den Kanonieren des Flaggschiffs Zielübungen auf die Erkundungssonden der Baccunen, die sicher nicht nur die Flottille der Piraten im Blick behielten, sondern auch das Planetensystem erkundeten.

»Sollen wir uns zurückziehen?«, fragte Rhodan.

»Würdet ihr es tun?«

»Nein.«

»Was suchst du, Perry Rhodan?«, wollte Vincoulon wissen. »Wenn es keine Reichtümer sind?«

»Antworten. Ich möchte erfahren, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wer wir sind, wo unser Platz zwischen den Sternen ist.«

»Wir? Von wem sprichst du?«

»Ich bin ein Kundschafter. Einer, der vorausgeht. Ein Diener, der Gutes für etwas schaffen möchte, das ihn übersteigt und überdauert. So, wie die Sorgoren Gesandte von etwas Größerem sind.«

Das Hautgewebe in Vincoulons Atemöffnung knisterte bedächtig. Er wirkte wie jemand, der es gewohnt war, geduldig zu warten. Rhodan traute ihm zu, das Gespräch versickern zu lassen, um es am nächsten Tag, eine Woche oder einen Monat später wieder aufzunehmen.

Doch mit den Baccunen in der Nähe hatten sie keine Zeit zu verlieren. »Ich weiß, dass die Sorgoren in kosmokratischen Diensten stehen.« Er wusste auch, dass die Interessen dieser Dienstherren den Galaktikern nicht immer förderlich waren.

Dennoch gab diese Verbindung Anlass zur Hoffnung, und zwar, was die LEUCHTKRAFT anging, deren Spur sie verloren hatten und die ihrerseits das noch geheimnisvollere Schiff zu jagen schien, das möglicherweise ein ES-Fragment transportierte. Die blauen Walzen waren eng mit den Kosmokraten verbunden, sodass es auf Sorgorenland die Technik geben mochte, ihre Bewegungen zu orten.

»Nicht alle von uns haben sich den Kosmokraten verpflichtet«, sagte Vincoulon. »Ich zum Beispiel nicht.«

»Dann bist du wirklich nicht von ihnen ausgeschickt worden? Was hat dich stattdessen aus deiner Heimat geführt?«

Der Sorgore nahm sich einen knisternden Atemzug Zeit. »Das war allein ich. Meine Sehnsucht nach dem Fremden.«

»Darin ähneln wir uns. Auch darin, dass wir unsere Heimat schützen wollen.«

»Ich bin ein Heimatloser. Ich darf nie wieder einen Fuß auf Sorgorenland setzen.«

Rhodan ließ sein Armbandgerät ein Analyseholo projizieren, um sicherzugehen, dass er die Feinheiten der Übersetzung aus dem Gorem erfasste. Physische Berührung mit einem Körperteil ... sich in einen genau bezeichneten Bereich begeben ... die Bewegung bis zu einem finiten Zielpunkt ... Tatsächlich schien Vincoulon vom Betreten des Planeten zu sprechen.

In einem unerwarteten Aspekt wies der Translator jedoch eine Unschärfe aus. Das nicht dürfen war eine Näherung, die gewählt wurde, weil es keine exakte Entsprechung gab. Der Begriff kam wohl einem Verbot nahe, entsprach aber nicht dem Wort, das in juristischen Zusammenhängen benutzt wurde. Auch ein religiöses Gebot war nicht gemeint. Es bewegte sich eher im Bereich einer Ungehörigkeit oder Beleidigung, die es zu vermeiden galt. Der Sprachspeicher enthielt zu wenige Referenzen, um eine exaktere Eingrenzung vornehmen zu können.

Für den Moment reichte Rhodan die Aussage, dass Vincoulon die Rückkehr auf seinen Heimatplaneten verwehrt war. Das mochte zu seiner Zögerlichkeit beitragen, den Verband weiter zu leiten.

»Du sorgst dich um die Deinen, wie auch ich es tun würde.« Rhodan zeigte auf den Blitz, in dem eine baccunische Sonde verging. »Wir werden nicht alle erwischen.«

»Selbstverständlich nicht.« Bedächtig drehte sich der Sorgore um die eigene Achse. »Bist du ein Freund, Perry Rhodan?«

»Ich bin ein Freund von Freiheit. Von Fortschritt. Von Wohlstand. Von Frieden. Ob ich ein Freund der Sorgoren werden könnte? Das hoffe ich. Die Baccunen sind es sicher nicht. Und ihre Schiffe werden auftauchen, sobald ihre Eroberungsphase sie in diesen Raumsektor spült.«

Weitere Sonden erschienen. Sie ähnelten schimmernden Silberkügelchen.

»Reden wir?«, lud Rhodan den Sorgoren ein.

*

Überall an Bord der ORR knackte, quietschte, kreischte und donnerte Metall, das gebogen, geschnitten, verschweißt und molekular verwoben wurde. Ein Fieber hatte die Baccunen befallen. Sie wollten ihr Flaggschiff, das nach der jahrhundertelangen Friedensphase endlich seiner Bestimmung folgte, auf eine Weise kampfbereit machen, die ihren erwachenden Instinkten entsprach. Eine bequeme Kabine zog Spott auf ihren Bewohner.

Hitzig beratschlagte man, ob es im Fall eines Enterangriffs wichtiger sei, schnell vom Heck des gut einen Kilometer langen Krallenraumers zum Bug zu gelangen, wo die Beiboote mitgeführt wurden, oder ob man Hindernisse für Gegner und Deckung für eigene Schützen priorisieren wollte. Oft einigte man sich auf verschiebbare Elemente, die auch als Fallen taugten und Eindringlinge zu zerquetschen vermochten.

Die Kommandostruktur wandelte sich unter Schmerzen. Lang gediente Offiziere verloren Respekt, einfache Soldaten übernahmen mit klugen Vorschlägen und kaum bezähmter Aggression die Führung. Roboter unterstützten die Arbeiten, aber die Baccunen wollten sich körperlich betätigen, um die Energie abzubauen, die der in ihnen allen erwachte Trieb, dasnicht ausschlagbare Erbe, generierte. Sie waren wie Reaktoren, die auf Überlast fuhren.

»Ich verachte mich für das, was ich in meinem früheren Leben getan habe«, gestand Telpecc, der Kommandant der Mission. »Wie froh bin ich, dass ich die Eroberungsphase erleben darf. Sonst wäre ich ein Kind geblieben, wie meine Eltern und meine Großeltern.«

Er schmeckte der Abscheu nach, die der Gedanke an das friedliche Leben seiner Vorfahren in ihm aufsteigen ließ. Ihm war vollkommen unverständlich, wie sie so etwas wie Selbstachtung empfunden haben konnten. Und noch befremdlicher war ihm, dass auch er selbst jahrzehntelang ein Leben in Frieden geführt hatte – und zufrieden damit gewesen war. Eigentlich bis vor wenigen Tagen. Er hatte noch nicht einmal etwas vermisst. Bevor er Glain übernommen hatte, hatte er sich sogar davor gefürchtet, was aus ihm werden könnte. Wie erbärmlich!

Illustration: Swen Papenbrock

Er sah zu, wie etwa einhundert Baccunen die Halle umgestalteten, die vormals einen Wandelgarten beherbergt hatte. Viele benutzten die verschorften Ellbogen zusätzlich zu den zwei Stemm- und dem Zugbein, um rascher vorwärtszukommen. Ihre Muskeln schwollen, wenn sie gegen Stahlplatten drückten, um die Arbeit der Montageroboter zu unterstützen. Selbst die Denker, die immer neue Fallen ersannen, mussten sich körperlich abreagieren.

Gerne hätte sich Telpecc ihnen angeschlossen, aber seine Rolle verbot es. Er war der Anführer, er durfte sich nicht mit seinem Gefolge gemeinmachen. Und so blieb er ein Beobachter auf der Empore, obwohl in ihm dasselbe Fieber brannte, das in diesen Zeiten jeden Baccunen erhitzte. Als stünde ein Nahkampf unmittelbar bevor.

Leider war das nicht der Fall. In mehreren Lichtjahren Entfernung gab es keine feindliche Einheit, geschweige denn ein Planetensystem. Lediglich die Sonden, die sie den Hyperflusspiraten hinterhergeschickt hatten, stellten eine kümmerliche Verbindung zu einem möglichen nächsten Gefecht dar.

»Der Krieger in mir ist erwacht«, flüsterte Telpecc.

»Ein Krieger setzt alle Waffen ein, die ihm zu Gebote stehen, um einen Sieg zu erringen«, sagte Ussner vorsichtig. Der Offensberater merkte wohl, dass der Kommandant, den er leiten sollte, seiner Führung zunehmend entglitt. »Es ist gut, dass deine Wut dich zum Ruhm führt. Aber ein Anführer muss zudem seinen Verstand gebrauchen, das schuldet er seinem Gefolge. Er darf sich nicht gehen lassen, wenn alle anderen dem Rausch der Eroberung verfallen. Auch Weisheit ist nötig, um als Held in die Annalen einzugehen.«

Telpecc lauerte darauf, dass der Berater seinen Vorschlag wiederholen würde.

Er musste nur in paar Sekunden warten.

»Admiral Zniccnors Flotte operiert noch immer in der Nähe«, mahnte Ussner. »Vereint mit deinen zweiundzwanzig Schiffen wäre sie über fünfhundert Einheiten stark. Damit könnten wir mühelos jeden Widerstand brechen.«

»Ganz recht, es wäre mühelos«, bestätigte Telpecc verächtlich. »Ohne den leisesten Hauch von Glorie.«

Er sah Nachdenklichkeit, sogar Sorge in Ussners Miene, die Haut kräuselte sich auf dem kahlen Kopf. Ussner begriff, dass der Praktiker den Theoretiker, der Schüler den Lehrer überholte.

»Du musst ebenfalls fühlen, wie der Krieger, der so lange geschlafen hat, in deiner Brust brüllt«, wisperte Telpecc. »Versuch nicht, ihn zu bändigen.«

Ussner presste die Lippen zusammen. Er überlegte wohl, ob er einen Einwand wagen sollte.

Tatsächlich fand er den Mut dazu. »Die Baccunarchie hat von jeder Eroberungsphase profitiert, weil wir gesiegt haben. Wir haben die Feinde an unseren Grenzen niedergeworfen und ihre Planeten in unser Reich eingegliedert.«

Telpecc atmete tief ein bei der erhebenden Erinnerung an die Gravokuppel, die er auf Glain hatte errichten lassen. Sie hatte die Anziehungskraft in ihrem Wirkungsbereich auf die den Baccunen genehmen 3,1 Gravos erhöht. Massiver konnte man einem Planeten seinen Willen nicht aufzwingen.

Dass sie zerstört worden war, störte Telpecc nicht. Sie war ein erster Versuch gewesen. Auf anderen Planeten würden die Baccunen ganze Kontinente verändern, und die einheimische Bevölkerung würde lernen, mit einer baccunischen Umwelt zu leben, oder sie würde verdunsten.

»Brauchen wir nicht ein Minimum an Vorsicht und Überlegung, um Siege zu erringen und die Erfolge unserer Vorfahren zu wiederholen?«, fragte Ussner.

»Der Verstand ist ein Werkzeug.« Telpecc deutete hinunter in die Halle, wo die Baccunen unermüdlich schweißten, schmolzen und umgruppierten. »Während wir sprechen, werten wir unsere Sondensichtungen aus. Wir werden eine kluge Strategie anwenden, sinnvolle Taktiken wählen. Aber das Ziel kann nicht der Verstand wählen, es muss aus unserem Innern kommen. Der Krieger ruft uns, und wir müssen ihm folgen. Viel zu lange haben wir seiner entbehrt.«

»Und der Krieger ruft dir zu, dass du die Hyperflusspiraten verfolgen sollst? Was hoffst du, bei ihnen zu gewinnen?«

Ungeduldig verschränkte Telpecc seine vier Daumen. »Du versuchst noch immer zu begreifen. Das lähmt dich. Vertrau dich unserem nicht ausschlagbaren Erbe an. Der Tellusier kann uns eine Menge darüber lehren.«

»Was sollte ausgerechnet ein Tellusier darüber wissen?«

»Die Piraten sind eine wilde Gemeinschaft, und er hat sich an ihre Spitze gekämpft. Er ist ein großer Krieger, das hat er auch im Kampf gegen uns bewiesen. Der Angriff seines Beiboots hat uns Schiffe gekostet, aber die Überlebenden hat er inspiriert. So, wie jene«, er zeigte in die Halle, »Stahl bewegen und formen, machen andere es mit Formeln, Gefechtsalgorithmen und Schaltkreisen. Unsere Waffen werden schlagkräftiger sein, wenn wir die Piraten das nächste Mal treffen. Schon dafür sind wir ihnen zu Dank verpflichtet.«

Unsicher klappte Ussner die Arme aus und wieder ein. Er würde sein Zaudern überwinden.

»Dieser Perry ist so etwas wie eine Mauer, die wir überklettern müssen. Wir, nicht Admiral Zniccnor. Uns hat das Schicksal diese Herausforderung überbracht.«

»Was hast du vor?«, fragte Ussner.

»Ich werde Perry töten«, verkündete Telpecc. »Aber das wird nur die Vollendung meines Sieges sein. Ich werde ihn niederwerfen, über ihn bestimmen, ihn beherrschen. Ich werde Dinge tun, die er mit allen Mitteln verhindern will. So werde ich sicher sein, dass er sich mit all seiner Kraft wehren wird. So wird er uns die besten, die anspruchsvollsten Lektionen erteilen.« Seine Stemmbeine verhärteten sich wegen seiner Aufregung. »Ich werde seine Schiffe zerstören und alle töten, die er liebt und für die er Verantwortung trägt. Und wenn er vollkommen wehrlos sein und alles verloren haben wird, werde ich ihm für seine Lehren danken, von Krieger zu Krieger, und ihn töten.«

»Die Aufzeichnungen unserer Vorfahren warnen vor der Versuchung, die in der Grausamkeit liegt. Man kann süchtig danach werden, sie kann den Verstand rauben.«

Telpecc brachte sein Gesicht nah an das von Ussner heran. »Auch die Angst, die Ratio loszulassen, kann eine Sucht sein. Aber bei dir ist sie nur eine überkommene Gewohnheit, hoffe ich. Lass sie hinter dir! Sie macht dich schwach.«

*

»Das Beiboot ist wieder aufgetaucht«, meldete RA, die Sextatronik der gleichnamigen Kastellan-Kapsel.

»An welcher Position?«, fragte Antanas Lato.

Der Hyperphysiker wunderte sich, dass diese Information nicht unmittelbar angezeigt wurde. Er stand an einem Terminal in der kreisrunden, acht Meter durchmessenden Zentrale. Die Kuppel diente als Projektionsfläche. Auf ihr war das System des gelben Sterns Gangonia zu sehen, wobei sechs weiße Ellipsen die Umlaufbahnen der Planeten nachzeichneten. Zwischen dem zweiten, der laut Vincoulon eine heiße Wüstenwelt war, und dem dritten, Sorgorenland, deutete ein Schleier einen dichten Asteroidenring an.

»Ich vermute das Beiboot einige Millionen Kilometer innerhalb der sechsten Planetenbahn«, sagte RA.

»Bitte zeichne eine Positionsmarkierung ein!«

Eine trübweiße, kopfgroße Kugel erschien in der Projektion.

Lato sah zu Poquandar hinüber.

Im Halbdunkel der Zentrale ähnelte der gebeugt stehende Onquore noch mehr als gewöhnlich einer Schildkröte, die es irgendwie geschafft hatte, sich an einem verwinkelten Stock aufzurichten. Dieser Stock war ein hochtechnisches Gerät, der Truimou, der neben einer Antigravfunktion zumindest fortschrittliche Sensoren aufwies, wenn nicht sogar mehr; aber dieses Mehr hatte er jedenfalls bisher nicht offenbart. Momentan nutzte Poquandar ein von RA bereitgestelltes Terminal. Mit den langen Mittelfingern der rechten Hand bediente er Sensorfelder, schien aber genauso wenig wie Lato zu einem präzisen Ergebnis zu kommen.

Das hellste Element in der Zentrale war ein Kommunikationsholo, das Perry Rhodan, Vincoulon und die pertsumaische Kommandantin Anmananda in der SHAMMADIN zeigte.

Anmanandas Imponierzähne entfernten sich voneinander und kamen wieder zusammen. »Wir erhalten keine Antwort auf unsere Hyperfunkrufe.«

Vincoulon verschränkte die Arme, wobei der Sorgore sie in Bögen führte, mit denen die Krallen hinter die Ellbogenbeugen tauchten, ohne am wallenden Gewand hängen zu bleiben. »Wie ich bereits sagte, ist im Gangoniasystem kein Hyperfunk möglich. Wir sollten davon ausgehen, dass eure Befehle das Beiboot nicht erreichen.«

Lato bezweifelte, dass Hypertechnik in der exakten Wortbedeutung unmöglich war. Schließlich erfassten auch die Hypersensoren etwas. Sie arbeiteten nur extrem unzuverlässig. Wo sie unter anderen Umständen punktgenaue Angaben lieferten, zeigten sie Phänomene mit diffusen Eigenschaften an, die sich in einem sehr weiten Areal befanden. RA konnte nur Wahrscheinlichkeiten angeben, wo innerhalb des Areals mit diesem Objekt zu rechnen war. Das betraf nicht nur das robotisierte Beiboot, sondern auch Asteroiden, sogar Planeten und in gewisser Weise selbst das Zentralgestirn. Dessen Position ließ sich zwar mit astronavigatorisch hinreichender Genauigkeit eingrenzen, aber das ausgestrahlte Licht hatte eine messbar uneinheitliche Laufzeit, und die gravitative Wirkung schwankte. Diese Schwankung wurde durch die irregulären Bahnen der Brocken in der Oortschen Wolke des Systems bestätigt.

»Alles spricht für eine Strangeness-Zone«, meinte Poquandar. »Die dimensiologische Ordnung weicht bis über die Bahn des äußersten Planeten hinaus von der des Standarduniversums ab. Unsere Formeln liefern daher unzuverlässige Ergebnisse.«

»Das ist eine zweite Ebene der Unsicherheit«, erklärte Lato für die Zuhörer auf der SHAMMADIN. »Die Signale an sich werden gestört und gehen teils verloren, und selbst, wenn unsere Sensoren sie auffangen, ist ihre Interpretation nur näherungsweise möglich.«

RAS lediglich ungefähre Angabe zum Aufenthaltsort des Beiboots war ein Beweis dafür.

Vincoulon hatte auf einen Strangeness-Effekt hingewiesen. Sorgoren, die ihr Heimatsystem verließen, litten für eine Weile unter einer gewissen Desorientierung, die seltenen Rückkehrer ebenso. Vincoulon war jedoch kein Dimensiologe, er konnte sich nur allgemeinsprachlich zu diesem Themenkomplex äußern. Selbst grundlegende Fakten zu Schwingungsinterferenzen, Energieniveaus, transdimensionalen Faltungen und temporalgravitativen Kopplungen waren ihm unbekannt. Wie die große Mehrheit der Wesen, die dieses Universum bewohnten, lebte er in einer selbst gewählten Unwissenheit über dessen elementaren Zusammenhänge, die geeignet war, Lato zu deprimieren.

»Wie schätzt ihr die Gefahren ein, wenn wir in das System einfliegen?«, wollte Rhodan wissen.

Lato erzwang über Sensorfeldeingaben eine Analyse der Sextatronik. Er hatte ein intuitives Verständnis für das künstliche Gegenüber, das ihm bei biologischen Gesprächspartnern oft abging. Er wusste, dass es nicht einfach nur zurückhaltend war, um voreilige Aussagen zu vermeiden. RA fühlte sich unwohl bei der Aussicht, sich dem gelben Stern zu nähern.

»Eine Passage könnte schwierig werden«, interpretierte Lato die angezeigten Daten. »Eine Navigation im Linear- und im Dakkarraum erscheint risikoreich. Die Unterlichtkomponente des Bi-Librationszonen-Antriebs könnte dagegen weitgehend intakt bleiben.«

»Trotz der unsicheren Parameter in den Feldgleichungen?«, fragte Poquandar.

»Ein paar Anpassungen wären gut«, räumte Lato ein.

»Wie wäre es, wenn wir uns einen Panzer zulegen?« Von einem schildkrötenartigen Wesen vorgetragen erhielt dieser Vorschlag eine besondere Plausibilität.

»Was hast du im Sinn?«, fragte Rhodan.

»Die Lipeka-Kuben stammen aus einem anderen Universum«, antwortete der onquorische Dimensiologe. »Sie sind für Strangeness-Wechsel konstruiert. Die RA könnte in einem davon in das System einfliegen.«

Von der Größe her war das problemlos möglich. Die aus vielen Röhren gebauten Würfel, die sie Ain abgeschwatzt hatten, wiesen eine Kantenlänge von 1400 Metern auf. Die RA maß von der Spitze zur Kuppel 20 Meter.

»Weit im Innern wäre gut«, murmelte Lato.

»Wir könnten dann auch den Unterlichtantrieb des Kubus nutzen«, überlegte Rhodan. »Worauf sollten wir uns sonst einstellen? Kein Hyperfunk, keine Kommunikation über die Systemgrenze hinaus ... Was ist mit unserer Bewaffnung?«

»Ich garantiere für nichts, was Energien oder dimensionale Effekte oberhalb des Einstein-Universums nutzt«, sagte Lato.