Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Höllenplanet wird zum Treffpunkt - Menschen und Lebewesen aus Antimaterie begegnen einander Man schreibt Anfang Mai des Jahres 3432. Für Außenstehende oder Nichteingeweihte gelten Terra und die übrigen Planeten des Heimatsystems der Menschheit zusammen mit Sol immer noch als vernichtet. Die im Solsystem Lebenden wissen es jedoch besser: Sie wurden um exakt fünf Minuten in die Zukunft versetzt, auf daß die Flotten der antisolaren Koalition ins Leere stoßen und es zu keinem Kampf zwischen Menschenbrüdern kommen möge. Perry Rhodan, der Großadministrator des Solaren Imperiums, hat, um Blutvergießen zu vermeiden, ganz bewußt einen spektakulären Rückzug angetreten. Dieser kosmische Schachzug ist Teil des Solaren Fünfhundertjahresplans. Terra verschwindet, um aus der Anonymität heraus desto wirksamer operieren zu können. Und das ist um den Fortbestand der galaktischen Menschheit willen bitter nötig, denn die Herrscher einzelner Sternenreiche, sowie andere, weit mysteriösere Gruppen treiben brutale Machtpolitik und schrecken vor nichts zurück. Zudem erregt auch das Erscheinen der Accalauries allerorten die Gemüter. Erneut kommt es zu einer entscheidenden Begegnung zwischen Menschen und Lebewesen aus Antimaterie. Ein Höllenplanet wird zum Treffpunkt - denn dort befindet sich DAS NEUE ELEMENT...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2011
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nr. 407
Das neue Element
Ein Höllenplanet wird zum Treffpunkt – Menschen und Lebewesen aus Antimaterie begegnen einander
von H. G. EWERS
Man schreibt Anfang Mai des Jahres 3432. Für Außenstehende oder Nichteingeweihte gelten Terra und die übrigen Planeten des Heimatsystems der Menschheit zusammen mit Sol immer noch als vernichtet.
Die im Solsystem Lebenden wissen es jedoch besser: Sie wurden um exakt fünf Minuten in die Zukunft versetzt, auf dass die Flotten der antisolaren Koalition ins Leere stoßen und es zu keinem Kampf zwischen Menschenbrüdern kommen möge.
Perry Rhodan, der Großadministrator des Solaren Imperiums, hat, um Blutvergießen zu vermeiden, ganz bewusst einen spektakulären Rückzug angetreten. Dieser kosmische Schachzug ist Teil des Solaren Fünfhundertjahresplans. Terra verschwindet, um aus der Anonymität heraus desto wirksamer operieren zu können.
Und das ist um den Fortbestand der galaktischen Menschheit willen bitter nötig, denn die Herrscher einzelner Sternenreiche, sowie andere, weit mysteriösere Gruppen treiben brutale Machtpolitik und schrecken vor nichts zurück. Zudem erregt auch das Erscheinen der Accalauries allerorten die Gemüter.
Die Hauptpersonen des Romans
Derbolav de Grazia – Patriarch einer Prospektorensippe.
Juan Mellone-Grazia – Derbolavs Vetter und Stellvertreter.
Pray Butseh – Ein alter Mann, der eine unglaubliche Entdeckung macht.
Cerf Sidor, Aki Komura und Erlenmar – Besatzungsmitglieder der ROSSA OBERA.
Perry Rhodan – Der Großadministrator bleibt für Uneingeweihte inkognito.
Atlan
»Die meisten Kosmohistoriker bezeichnen das dritte und vierte Jahrtausend (n. Chr.) als zweite Pubertätsphase der Menschheit. Es stimmt zwar, dass gerade diese Zeitspanne von Erscheinungsbildern geprägt wurde, die vergleichbar derjenigen eines Individuums während seiner zweiten Pubertätsphase sind. Dennoch behaupte ich, dass sich im weiteren Verlauf der Menschheitsentwicklung herausstellen wird, was gegenwärtig nur extrapoliert werden kann: dass nämlich die vermeintlich ›pubertären‹ Erscheinungsbilder in Wahrheit die Basis des typisch menschlichen Verhaltens überhaupt sind. Anders ausgedrückt: Hörte die Menschheit auf, so zu handeln, als befände sie sich in der zweiten Pubertätsphase, würde sie nicht mehr von einem inneren Zwang dazu getrieben werden, alles – sich einbezogen – immer wieder in Frage zu stellen, Organisations- und Verhaltensformen usw. immer wieder zu zerschlagen, dann würde die Menschheit aufhören zu bestehen. Folglich handelt es sich bei den vermeintlich ›pubertären‹ Erscheinungsbildern um die Wirkungen eines Naturgesetzes, das die Menschheit zwingt, in zyklischer Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Universum eine geistige Erstarrung zu verhindern und jene Konflikte auszulösen, die alles in Bewegung halten. Und so wird es weitergehen, bis der letzte Stern erlischt ...«
Auszug aus »Philosophische Extrapolationen« von Gosvan Amar Vursella (3384–3927), Großmeister des Ordens der Suchenden.
1.
Der Planet Obsunthys schimmerte auf dem Frontsektor der Panoramagalerie wie ein blauweiß leuchtender Edelstein. Derbolav de Grazia nickte seinem Vetter zu, der die ROSSA OBERA flog.
»Bei einer Distanz von hunderttausend Kilometern steuerst du das Schiff in einen Orbit. Ich werde unterdessen die Raumhafenkontrolle von Obsunthys City anrufen.«
Juan Mellone-Grazia nickte. Sein feistes Genick glänzte vor Schweiß.
Auch Derbolav de Grazia schwitzte. Er murmelte eine Verwünschung und wischte sich die Feuchtigkeit von der Stirn.
Die verdammte Klimaanlage funktionierte wieder einmal nicht einwandfrei. Aber was war das schon. Die ROSSA OBERA war schließlich kein Luxusschiff. Da konnte schon mal etwas ausfallen.
Derbolav stapfte auf das Schott zu, das die Kommandozentrale mit der Funkkabine verband. Unwillkürlich zog er den Kopf ein, als er durch die Öffnung trat. Zu oft in seinem Leben hatte er sich schon den Schädel an zu niedrigen Türen angestoßen, so dass er bereits instinktiv reagierte. Mit 2,01 Meter Größe überragte er eben das Normalmaß beträchtlich.
»Soll ich die Kontrolle anrufen, Chef?«, fragte der Funker.
»Nein«, entgegnete Derbolav, »lass es mich lieber selber tun. Seit seiner Blamage mit Olymp ist Imperator Dabrifa ziemlich gereizt, und etwas davon hat bestimmt auf seine Leute auf den anderen Planeten des Dabrifa-Imperiums abgefärbt.«
Der Funker machte ihm wortlos Platz.
Derbolav de Grazia schaltete den Kanal ein, der auf Dabrifa-Welten von den Raumfahrkontrollen verwendet wurde.
»Hier Prospektorenschiff ROSSA OBERA, Grazia-Sippe!«, sagte er mit seiner volltönenden Stimme. »Ich rufe Hafenkontrolle Obsunthys City. Bitte kommen!«
Ungeduldig runzelte er die Stirn, als sich die Bodenstation nicht sogleich meldete. Er wechselte einen bedeutsamen Blick mit dem Funker.
Da flammte der Trivideoschirm auf. Aber er zeigte nicht das Gesicht des Kontrollbeamten, sondern nur das Symbol von Obsunthys City. Das war ungewöhnlich und schien Derbolavs Bedenken zu bestätigen.
»Hier Kontrolle Raumhafen Obsunthys City«, meldete sich eine befehlsgewohnt klingende Stimme. »An ROSSA OBERA: Drehen Sie ab und verlassen Sie unverzüglich dieses System. Ende!«
Die Adern an Derbolavs Schläfen schwollen an. Dennoch klang die Stimme des Sippen-Patriarchen gelassen, als er erwiderte: »Ich bin gekommen, um der Staatlichen Minengesellschaft Proben von Prälumonium zu übergeben und wegen der Überlassung einer fündigen Mine zu verhandeln. Mein Name ist Derbolav de Grazia. Erkundigen Sie sich bei Nebenstellendirektor Gladwich. Wir haben schon mehrmals Abschlüsse getätigt. Ende!«
Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, dann ertönte die Stimme des unsichtbaren Gesprächspartners erneut. Sie klang bestimmt, aber etwas irritiert.
»Ich bestreite nicht, dass Sie mit den angegebenen Absichten kamen, Patriarch Grazia. Aber es liegt ein Imperatorbefehl vor, und dagegen kann auch Direktor Gladwich nichts machen. – Soeben sehe ich, dass Ihr Schiff den Anflugkurs beibehält. Ich warne Sie. Kehren Sie sofort um, oder ich lasse das Feuer auf Sie eröffnen!«
»Das ist doch ...!«, schimpfte de Grazia. »Sie behindern den freien interstellaren Handel, Mann!«
Er schwieg erbittert, als das Symbol der Hafenkontrolle erlosch. Alle möglichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf, aber alle denkbaren Gründe erschienen ihm nicht stichhaltig.
Gewiss, die Spannungen zwischen den drei alliierten Imperien hatten in den letzten Wochen zugenommen. Gleichzeitig waren die Energieblasen der so genannten Accalauries immer öfter in der Galaxis aufgetaucht. Diese unbekannten Wesen aus einem vermuteten Antimaterie-Universum schienen etwas in der Galaxis zu suchen. Dabei kam es immer wieder zu Katastrophen, wenn ihre Raumschiffe landeten. Doch die verheerenden Explosionen waren offensichtlich Unglücksfälle und keine Aggressionsakte. Sie konnten nicht der Grund dafür sein, weshalb plötzlich kein friedliches Prospektorenschiff mehr auf Obsunthys landen durfte.
Derbolav de Grazia erhob sich und kehrte schweigend in die Kommandozentrale zurück.
Juan Mellone-Grazia wandte ihm den Kopf zu.
»Schlechte Laune, Chef? Was hat ...«
Er erbleichte, als das Licht einer mächtigen Explosion die Zentrale ausleuchtete. Vor der ROSSA OBERA stand ein blauweiß strahlender Glutball im Raum.
»Abdrehen!«, befahl Derbolav. »Das war eine Transformbombe und wahrscheinlich die letzte Warnung.«
Sein Vetter reagierte bereits. Die starken Antriebsmaschinen im achtzig Meter durchmessenden Kugelleib der ROSSA OBERA brüllten auf. Der verwehende Glutball der Explosion wanderte im Frontschirm nach Steuerbord. Die ROSSA OBERA verzögerte mit Maximalwerten und wich gleichzeitig nach Backbord aus.
Derbolav atmete auf, als keine weitere Explosion mehr erfolgte. Von Obsunthys hatte man offenbar das Manöver der ROSSA OBERA registriert und daraus geschlossen, dass der Patriarch der Grazia-Sippe die Warnung verstanden hatte.
»Was nun?«, fragte Juan nach einiger Zeit. »Von dem Prälumonium-Geschäft wollten wir die Generalüberholung des Schiffes finanzieren. Wir brauchen dringend Geld, Chef.«
Derbolav de Grazia stand breitbeinig neben seinem Vetter, die muskulösen bloßen Arme über der Brust gekreuzt. Sein sommersprossiges Gesicht war gelötet, die Augen zusammengekniffen.
»Man behandelt uns Prospektoren wie Hunde, denen man einen Fußtritt geben darf, wenn sie stören«, grollte er. »Aber dieser Dabrifa wird noch die Quittung dafür bekommen. Schade, dass wir so dringend Geld brauchen, sonst würde ich nie mehr mit Dabrifa-Gesellschaften handeln.«
Er sah den Kosmonautiker an.
»Stell ein Kursband für den Planeten Labrone, Demicheit-System, zusammen. Wir versuchen es dort.«
Ärgerlich grunzend ließ er sich in einen Sessel fallen.
Die Geschäfte waren in letzter Zeit schlecht gegangen. Wie alle Prospektoren, so lebte auch die Grazia-Sippe davon, dass sie Erzlagerstätten auf besitzerlosen Planeten fand, eine Ausbeute-Analyse erstellte und Proben mitnahm. Die Koordinaten des betreffenden Planeten versuchte man dann gegen eine einmalige Abfindung an große Minengesellschaften zu verkaufen. Hin und wieder beuteten die Sippen die Lagerstätten auch selbst aus, doch musste man dazu entweder einen Kredit bei der »Bank der freien Prospektoren« aufnehmen oder sich mit einigen anderen Sippen zusammenschließen. Beides schmälerte den eigenen Profit und band die Sippe vor allem zu lange an ein- und denselben Planeten.
Das durchdringende Summen des Ortungsalarms riss den Patriarchen aus seinen Grübeleien. Er stülpte seinen Funkhelm über und fragte: »An Ortung! Was gibt es?«
»Treibendes Kugelraumschiff geortet.« Die Daten folgten. »Durchmesser achtzig Meter, keine Energie-Emissionen. Wahrscheinlich ein Wrack, Chef.«
Derbolav spürte, wie jeder Muskel seines Körpers sich anspannte.
»Danke! Weitere Daten ermitteln. – Juan, du wirst das Schiff vorsichtig in die Nähe des Wracks manövrieren. Am besten so, dass das Wrack genau zwischen der ROSSA OBERA und Obsunthys steht. Ich möchte wissen, was das zu bedeuten hat.«
Er klappte das Innenfach seiner Rückenlehne auf und zog die schwarze Raumkombination hervor. Während er sie anzog, beorderte er drei seiner Leute in den Schleusenhangar der kleinen Pinasse.
»Willst du 'rüber, Chef?«, fragte Juan.
Derbolav grinste.
»Die hervorstechendste Charaktereigenschaft eines Prospektors ist seine Neugier, Vetter. Ohne diese Eigenschaft kann er seinen Beruf gar nicht ausüben.«
»Hier Ortung!«, tönte es aus den Lautsprechern des Funkhelms. »Das andere Schiff wurde durch Transformbeschuss zerstört. Es dürfte nur noch ein ausgeglühtes Wrack sein. Ein Wunder, dass seine Deuteriumvorräte nicht explodierten.«
»Wahrscheinlich änderte es unmittelbar vor dem Beschuss den Kurs und wurde nicht direkt getroffen«, meinte Derbolav de Grazia nachdenklich. »Möglich, dass es ebenfalls auf Obsunthys landen wollte.«
Er nahm den Funkhelm ab, klappte den Druckhelm des Raumanzugs nach vorn und aktivierte den Helmtelekom. Anschließend überprüfte er den Schirmprojektor. Das Gerät konnte ein HÜ-Feld um seinen Träger erzeugen und war in der fünfundzwanzig Zentimeter durchmessenden Gürtelschnalle installiert. Es handelte sich bei dem Projektor um eine sehr leistungsfähige siganesische Konstruktion.
Derbolav gab seinem Vetter Juan einige Anweisungen, dann begab er sich in den kleinen Schleusenhangar, wo die angeforderten drei Männer ihn bereits vor der Pinasse erwarteten. Sie trugen Desintegratoren und Impulsstrahler wie ihr Patriarch.
Einer meldete die Pinasse startklar. Derbolav wies ihnen ihre Aufgaben zu, dann stiegen die vier Männer in das kleine Verbindungsboot. Sekunden später wurde es vom Feldkatapult in den Raum geschleudert.
Der Patriarch steuerte die Pinasse selbst. Aus zusammengekniffenen Augen starrte er hinüber zu dem schwarzen Fleck, der den größten Teil des Lichts von Obsunthys verdeckte. Die blaue Sonne des Systems stand schräg über dem Wrack. Gleißende Lichtreflexe zuckten auf, wenn das Wrack taumelte und gezackte Metallteile der Sonne zuwandte.
Derbolav schluckte.
In einer Entfernung von fünfhundert Metern schaltete er die starken Bugscheinwerfer ein. Die runden Lichtflecken tasteten sich gespenstisch über erstarrte Metallschmelze, geborstene Hangartore und die Fäden kondensierten Metalldampfes an der Polkuppel.
»Da lebt niemand mehr«, sagte einer seiner Begleiter mit tonloser Stimme.
»Wir nehmen trotzdem den Medokasten mit«, bestimmte der Patriarch.
Er visierte drei Stellen rings um die aufgewölbten Ränder einer Schleuse an und verankerte die Pinasse mit drei Magnetfeldern an dem Wrack. Danach verschloss er das Helmvisier. Seine Begleiter taten es ihm nach.
»Nehmt euch vor scharfen Kanten in acht!«, meinte Derbolav. »Mir nach! Wir versuchen, in die Zentrale zu gelangen.«
Sie zwängten sich in die enge Schleusenkammer. Als das Außenschott lautlos auffuhr, warf Derbolav de Grazia sich hinaus. Seine vorgestreckten Hände zeigten auf die zerstörte Schleuse des Kugelschiffes. Sekunden später landete er mit den Füßen auf dem Rand. Es machte ihm nichts aus, dass Millimeter hinter seinen Absätzen der unendliche Abgrund des Weltraums begann. Wer im Raum geboren worden war – wie die meisten Prospektoren –, wer vertrauter mit dem All war als mit jedem beliebigen Planeten, der fürchtete sich nicht davor.
Er schaltete den Scheinwerfer auf dem Brustteil seiner Raumkombination an und musterte das ebenfalls aufgeplatzte Innenschott der Schleusenkammer. Neben ihm landeten unterdessen seine Begleiter.
»Die Schiffszelle muss so schnell und so stark erhitzt worden sein, dass die Bordatmosphäre sich explosionsartig ausdehnte.«
Derbolav sah sich nach dem Mann um, der das gesagt hatte.
»Sieht so aus«, meinte er kurzangebunden. Er korrigierte dabei seinen Stand, der durch die Kopfbewegung gefährdet worden war. In dem Wrack herrschte keine messbare Schwerkraft mehr.
Der Patriarch leuchtete in den Gang hinter dem Innenschott. Dann wechselte er seinen Scheinwerfer in die Helmhalterung. Mit beiden Füßen stieß er sich leicht ab, gleichzeitig warf er die Arme nach hinten, so dass sie sich beinahe über den Schulterblättern berührten. Die Summe der Bewegungsimpulse ließ ihn waagrecht, mit dem Kopf voran, in das Wrack schweben.
Langsam und scheinbar mühelos schwebte er durch den Gang. Der Lichtfleck des Helmscheinwerfers geisterte über geborstene Wände und die kümmerlichen Überreste eines Transportbandes. Derbolav »schwamm« in den Achsliftschacht und bremste, indem er mit Händen und Füßen zugleich die gegenüberliegende Wandung leicht berührte. Erneut stieß er sich mit den Füßen ab und schwebte nunmehr nach »oben«. Der Liftschacht endete genau in der Zentrale. Derbolav schlug einen Salto im Zeitlupentempo und schwebte danach in etwa zwei Metern Höhe.
Nacheinander erschienen seine Begleiter, vollführten die gleiche Bewegung und hingen dann neben ihrem Patriarchen.
Niemand sagte ein Wort.
Das, was von der Zentralebesatzung übriggeblieben war, verriet nur zu gut, welchen Tod die Männer gestorben waren. Wenigstens musste es ein rascher Tod gewesen sein.
Hier war nichts mehr zu tun.
Derbolav de Grazia glaubte nicht daran, dass in irgendeinem anderen Teil des Wracks noch jemand lebte. Dennoch befahl er die Durchsuchung. Wenigstens sollte sich feststellen lassen, wie der Name des Schiffes lautete. Die Angehörigen der Toten mussten benachrichtigt werden.
Die vier Männer schwebten nach vier verschiedenen Richtungen davon. Derbolav merkte bereits im ersten Raum, dass er sich vermutlich im Wrack eines Prospektorenschiffes aufhielt. Der Raum war ein Laboratorium gewesen, und in der Schmelzlache des Plastiktisches schimmerten mehrere Lachen weißlichen Metalls: Erzproben, die von einem Planeten stammten, dessen Position nun sicher unbekannt bleiben dürfte.
Plötzlich stutzte Derbolav. An der linken Wand musste ein Regal aus wenig widerstandsfähigem Material gestanden haben. Jedenfalls war nur grauer Staub davon übriggeblieben.
Aber in dem Staub lagen drei rechteckige Metallplatten, die in keiner Weise verformt worden waren. Ja, die Hitze hatte sie nicht einmal verfärbt!
Der Patriarch überschlug im Kopf die Temperaturen, die hier während der Katastrophe geherrscht haben mussten. Er kam auf einen Wert zwischen acht- und zehntausend Grad Celsius. Selbst Terkonit hätte sich dabei verformt.
Derbolav schwebte hinüber und nahm die oberste Platte in die Hände. Sie maß ungefähr zwanzig mal dreißig Zentimeter und hatte eine irisierende Färbung.
Derbolav strich mit der behandschuhten Rechten über die Platte. Er war nicht nur Kosmonaut – das waren alle Prospektoren –, sondern hatte auf den besten Universitäten im Solaren Imperium auch Geologie, Mineralogie und Metallurgie studiert. Anschließend hatte er fast zwei Jahrzehnte lang praktische Erfahrungen auf diesen Gebieten gesammelt. Deshalb ahnte er nicht nur, er wusste, dass dieses Metall bisher noch nirgends verwendet worden war.
Wer die Lagerstätten des betreffenden Erzes kannte, würde die interstellare Industrie in der Hand haben.
Derbolav lachte lautlos.
Aber nicht, wenn man nur ein Prospektor war, führte er seinen Gedankengang weiter. Dann hätte man ein Heer von Spitzeln und Mördern auf dem Hals ...
»Chef ...!«
Das war die Stimme eines seiner Leute gewesen.
»Ja?«, fragte Derbolav mit rauer Stimme.
»Ich habe einen gefunden, einen Lebenden. Im Tresor.«
»Ich komme sofort!«, rief Derbolav zurück.
Mit Tresor war die Panzerkammer gemeint, in der alle Erz- und Mineralienproben lagerten, die die Sippe jemals eingebracht hatte. Dieser Raum war tatsächlich dazu geeignet, einen Menschen zu schützen.
In wenigen Minuten stand Derbolav de Grazia in der Schleusenkammer des Tresors. (Hier mussten, einem ungeschriebenen Gesetz zufolge, alle Proben zuerst einer kombinierten Vakuum-Gasbehandlung unterzogen werden, bevor sie eingelagert wurden.)
Das Außenschott schloss sogar noch. Doch dauerte es noch sechs Minuten, bevor auch das Innenschott sich öffnete.
»Ich musste die Atmosphäre per Hand abpumpen, Chef«, entschuldigte sich der Mann, der Derbolav entgegensah.
