Perry Rhodan 416: Der Supermutant - H.G. Ewers - E-Book

Perry Rhodan 416: Der Supermutant E-Book

H.G. Ewers

0,0

Beschreibung

Er sieht aus wie ein häßlicher Zwerg - doch er besitzt die Kräfte eines Giganten... Im Solsystem, das seit dem "Tag Laurin" um fünf Minuten in die Zukunft versetzt und dadurch für das übrige Universum unsichtbar und nicht-existent wurde, schreibt man Anfang Januar des Jahres 3433. Innerhalb des Solsystems herrscht relative Ruhe, und der Handel mit dem Planeten Olymp, der über die Zeitschleuse getätigt wird, verläuft planmäßig. Allerdings müssen die Terraner scharf aufpassen, daß das Geheimnis vom Weiterleben ihres Sonnensystems gewahrt bleibt - nicht nur gegenüber den Großmächten der antisolaren Koalition und den anderen Machtgruppen der Galaxis, sondern speziell gegenüber Ribald Corello, dem Supermutanten, der die Menschheit abgrundtief haßt und der jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um seine Gewaltherrschaft weiter auszudehnen. Aber es gibt noch andere Probleme, mit denen sich Perry Rhodan und seine Getreuen auseinandersetzen müssen: Da sind die Accalauries, die seltsamen Antimateriewesen, die in ihren stark geschützten Raumschiffen scheinbar plan- und ziellos die Galaxis durchfliegen und an vielen Orten Angst und Schrecken verbreiten. Accutron Mspoern, einer dieser Accalaurie-Sternenwanderer, der in Raumnot geraten und von den Terranern ins Solsystem gebracht worden war, kam erneut in höchste Lebensgefahr - und nur durch schnelles Handeln konnte sein Tod verhindert werden. Die erfolgreiche Rettungsaktion verfestigt den freundschaftlichen Kontakt zwischen den Terranern und den rätselhaften Antimateriewesen - ja, man kann sagen, daß damit eine Brücke von Universum zu Universum geschlagen wird. Zu Ribald Corello hingegen gibt es keine Brücke. Perry Rhodans ärgster Widersacher kennt keine Freunde, er kennt nur ergebene Sklaven. Wer in Corellos Bann gerät, ist rettungslos verloren - denn Ribald Corello ist DER SUPERMUTANT!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2011

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nr. 416

Der Supermutant

Er sieht aus wie ein hässlicher Zwerg – doch er besitzt die Kräfte eines Giganten ...

von H. G. EWERS

Im Solsystem, das seit dem »Tag Laurin« um fünf Minuten in die Zukunft versetzt und dadurch für das übrige Universum unsichtbar und nicht-existent wurde, schreibt man Anfang Januar des Jahres 3433.

Innerhalb des Solsystems herrscht relative Ruhe, und der Handel mit dem Planeten Olymp, der über die Zeitschleuse getätigt wird, verläuft planmäßig. Allerdings müssen die Terraner scharf aufpassen, dass das Geheimnis vom Weiterleben ihres Sonnensystems gewahrt bleibt – nicht nur gegenüber den Großmächten der antisolaren Koalition und den anderen Machtgruppen der Galaxis, sondern speziell gegenüber Ribald Corello, dem Supermutanten, der die Menschheit abgrundtief hasst und der jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um seine Gewaltherrschaft weiter auszudehnen.

Aber es gibt noch andere Probleme, mit denen sich Perry Rhodan und seine Getreuen auseinandersetzen müssen: Da sind die Accalauries, die seltsamen Antimateriewesen, die in ihren stark geschützten Raumschiffen scheinbar plan- und ziellos die Galaxis durchfliegen und an vielen Orten Angst und Schrecken verbreiten.

Accutron Mspoern, einer dieser Accalaurie-Sternenwanderer, der in Raumnot geraten und von den Terranern ins Solsystem gebracht worden war, kam erneut in höchste Lebensgefahr – und nur durch schnelles Handeln konnte sein Tod verhindert werden.

Die erfolgreiche Rettungsaktion verfestigt den freundschaftlichen Kontakt zwischen den Terranern und den rätselhaften Antimateriewesen – ja, man kann sagen, dass damit eine Brücke von Universum zu Universum geschlagen wird.

Die Hauptpersonen des Romans

Ribald Corello – Ein Ungeheuer mit dem Körper eines Kindes.

Balto Linsner-Kiess – Hohepriester der Anti-Welt Galaner.

Harkh Tonos – Ein junger Rebell.

Major Perricone Heublein – Ein Draufgänger, der sein Kommando verliert.

Arne Mitzum – Kommandant von Ribald Corellos Schiff.

Atlan – Der Lordadmiral soll Hilfe bringen.

Perry Rhodan

Quer durch Dutzende von Himmeln

wächst auf dem Berggipfel

eine Birke im Nebel der Luft empor.

Golden ist das Laubwerk der Birke,

golden ist auch die Rinde.

Und in der Erde an ihrem Fuß

ist ein Teich mit dem Wasser des Lebens,

und im Teich ist eine goldene Schöpfkelle ...

Altterranische Weltvorstellung in einem tatarischen Lied (Sibirische Religionen)

1.

Das Monstrum rekelte sich behaglich auf dem daunenweichen, in vielen Farben leuchtenden Polster, während sein kleiner Mund wollüstig an dem fleischfarbenen Sauger lutschte. Die Augen waren geschlossen. Unter der goldfarbenen, atmungsaktiven Kombination hob und senkte sich der schmächtige Leib im Rhythmus des Saugens. Die kleinen Hände waren zu Fäusten geballt.

Es war warm im Inneren des Schreins, warm und feucht und mollig und weich – eben so, wie es ein Kind in der Geborgenheit des Mutterleibes braucht.

Doch das Monstrum war kein Kind mehr; es hatte bereits vor fünfhundertvierundzwanzig Standardjahren den Mutterschoss verlassen. Ein Beobachter, wenn es einen gegeben hätte, wäre vielleicht von selbst auf die Ursache dieses hohen Alters gestoßen. Etwa in Nabelhöhe nämlich wurde die goldfarbene Kombination eiförmig ausgebeult. Unsichtbare und unhörbare Vibrationen gingen von dem Gegenstand aus, der die Aufwölbung verursachte: die Vibration eines Zellaktivators.

Plötzlich hörten die Saugbewegungen des kindlichen Mundes auf. Das Monstrum war satt. Es spie den Sauger aus, der sich an seiner Zuführungsleitung sofort in die Fütterungsanlage zurückzog. Die Augen öffneten sich: riesige, acht Zentimeter durchmessende, hellgrün irrlichternde unheimliche und doch menschliche Augen. Sie waren eigentlich viel zu groß für das kindliche Gesicht, das nicht größer als eine menschliche Handfläche war. Aber nicht zu groß für den riesigen Schädel, unter dessen kahler rotbrauner Haut ein Netz bläulicher Adern hervortrat. Dieser Schädel von einundfünfzig Zentimetern Durchmesser stand in krassem Missverhältnis zum übrigen Körper, der mit seinen achtundsiebzig Zentimetern Länge dem eines menschlichen Kleinkindes von anderthalb bis zwei Jahren entsprach.

Das allein jedoch hätte keinen Menschen des 35. Jahrhunderts dazu berechtigt, den offensichtlich mutierten Artgenossen ein Monstrum zu nennen.

Ribald Corellos Monstrosität war geistiger Natur ...

*

Der Kinderkörper wurde von einem Aufstoßer erschüttert. Ein wenig von der gelblichweißen Nähremulsion quoll aus den Mundwinkeln. Sofort war ein mechanischer Greifarm da und tupfte die Flüssigkeit mit einem saugfähigen Tuch ab.

Leise Musik ertönte. Das Bewusstsein des Mutanten ließ sich willig von der unbeschreiblich zarten Melodie des »Schlafliedes für Kinder zwischen den Sternen« von Aiohan Dorami einlullen. Als der Gesang ertönte, erstarrte der kleine Körper in verinnerlichter Ekstase; inzestuöse Triebregungen regten das Nebennierenmark zur Ausschüttung großer Mengen Adrenalin an. Der Puls stieg auf hundertsechzig.

Als der konservierte Gesang Gevoreny Tatstuns ausklang, rollten salzige Tränen über die pausbäckigen Wangen. Verlangend griffen die kleinen Hände ins Leere. Der kindliche Mund stammelte zärtliche Worte. Corello steigerte sich in ein Triebverlangen, das unerfüllbar war, unerfüllbar bleiben musste und dennoch so unbezähmbar war, dass seine Ansprüche in einem Kompromiss die entstellte Erreichung der Triebziele erzwangen.

Ribald Corellos Hände zitterten, als er auf einer kleinen Schaltkonsole nach einer bestimmten Taste suchte. Seine Gefühle waren zu aufgewühlt, als dass er die positronische Übertragungseinheit durch Gedankenimpulse hätte aktivieren können. Endlich fand er die Taste. Klinkend rastete sie ein. Schwaches Vibrieren des weichen Untergrundes verriet, dass in der zwei Meter starken Grundplatte des Schreins ein Aggregat anlief. Der Mutant wälzte sich an die abgeschrägte Seitenwand seines Schreins. Für einen Moment blickten die hellgrünen Augen durch die transparente Wand nach draußen. Sie sahen eine hochgewachsene Gestalt in leichter Raumkombination mit marionettenhaften Bewegungen vorübergehen; doch was die Augen sahen, gelangte nicht ins Bewusstsein.

Im Dach des Schreins klaffte ein Spalt, der zuvor nicht dagewesen war. Er verbreiterte sich schnell. Mit schwachem Gleitgeräusch schob sich die Unterseite eines länglichen Behälters über die Öffnung. Der Behälter schwebte in einem Antigravfeld, dessen Intensität minimal verringert wurde. Es gab einen dumpfen Laut, als die Unterseite auf dem Polster aufsetzte.

Corello aktivierte die ausfahrbare Kopfstütze im Rückenteil seiner Kombination. Ein elastischer Stab glitt heraus, hielt im Nacken des Monstrums an. Zehn Klammern schnappten aus dem Oberteil des Stabes, bewegten sich fühlerhaft und legten sich dann zart und doch fest um die hintere Schädelpartie des Mutanten. Der Vorgang wirkte fast so, als legte eine Mutter ihre gespreizten Hände um den Hinterkopf ihres neugeborenen. Kindes, dessen Hals den Schädel noch nicht zu tragen vermochte.

Erst jetzt war Ribald Corello fähig, sich aus seiner horizontalen Lage zu erheben. Der riesige Kopf schwankte dennoch beständig, als die kurzen – aber relativ muskulösen – Beine den Körper hochstemmten. Die Hände unterstützten die Bewegung, indem sie sich in die Oberkante des länglichen Behälters krallten.

Leicht schwankend verhielt der Mutant schließlich neben dem Sarg – denn es war ein Sarg –, in dessen rötlichsilberner polierter Oberfläche sich das kleine Gesicht verzerrt spiegelte. Corellos Augen funkelten im Feuer der Besessenheit, als er die Hand auf eine bestimmte Stelle des Sarges legte.

Lautlos schwang der Deckel zurück.

Corello hielt sich am Sargdeckel fest, während, er den Kopf vorbeugte. Sein Blick schien sich an der jugendlich schönen leblosen Frauengestalt festzusaugen. Die Frau schwebte auf einem Kontur-Energiepolster. Ihr Haar war sorgfältig gekämmt. Die Haut schimmerte makellos rein. Das leichte, beinahe transparente Gewand brachte die vollendeten Konturen des wohlproportionierten Körpers voll zur Geltung. Die Augen waren geschlossen und erlaubten dadurch die Illusion, eine Schlafende vor sich zu haben. Eine Illusion, denn ein einziger Blick in die starren Augen hätte verraten, dass die Seele, der Geist – oder wie immer man es nennen will – den Körper verlassen hatte. Zwar sorgte eine permanente energetische Konservierung für die Erhaltung des Körpers, aber das entflohene Leben vermochte sie nicht wieder einzufangen.

In Ribald Corellos kleinem Gesicht zuckte es. Der ganze Körper des Mutanten zitterte. Ein Schluchzen drängte sich durch die Kehle.

Mit einem hohen Schrei ließ Corello den Kopf vornüber sinken.

»Mutter ...!«

Ein Sturm von Emotionen toste durch Ribald Corellos Bewusstsein. Trauer, bitterer Schmerz und ungebändigte Leidenschaft erschütterten den kindlichen Körper. Und unerschütterliche Liebe. Nicht nur die reine unschuldige Liebe des Kindes, sondern ein heftiges sexuelles Begehren, wie es nur im Gefolge eines überaus stark ausgeprägten Ödipuskomplexes auftritt.

Nach einiger Zeit verebbte der Sturm, so rasch, wie er aufgekommen war. Der Mutant trat einen Schritt vom Sarg zurück und hob die Rechte wie zum Schwur.

»Wir werden die Galaxis erobern, Mutter!«, rief Corello mit schriller Kinderstimme. »Wir beide werden mächtiger sein als alle Herrscher zusammen es je waren. Und dann, Mutter, werde ich dich wieder zum Leben erwecken. Dann sollen alle Kreaturen der Galaxis deine Sklaven sein; vor dir sollen sie im Staub kriechen, dir alle deine Wünsche von den Augen ablesen – und erfüllen, sonst wehe ihnen!«

Gellendes, durchdringendes Gelächter schüttelte das Monstrum, während der Sarg sich schloss und wieder entschwebte.

»Auf bald, Mutter!«, schrie der Mutant ihm nach.

*

Auszug aus dem Terranischen Generalkatalog Bewohnter Planetensysteme:

DROFRONTA – Name eines roten Normalriesensterns vom Typ M 4 III im äußersten Zentrumsring der Galaxis, nach altakonischem Sternenkatalog kann die Entfernung zu Sol mit 24.441 Lichtjahren errechnet werden. Vier Planeten; besiedelt wurde nur der zweite Planet, Name GALANER. Galaner wurde von Alt-Akonen besiedelt und während der Isolationsepoche des Akonenreiches vergessen. Es handelt sich um eine erdähnliche Welt mit vier Kontinenten; die Rotationsdauer beträgt 22,3 Stunden Standard. Seit ungefähr achthundert Jahren wird Galaner mit dem Einverständnis der Bevölkerung von einer Gruppe Priester des Báalol-Kultes hierarchisch regiert. Die Priester-Hierarchie ließ Galaner zu einem Industrieplaneten ausbauen, der vor allem Raumschiffe, Maschinen, positronische Elemente und Zubehörteile der Raumfahrt produziert und Handel mit anderen vom Báalol-Kult regierten Planeten sowie akonischen und arkonidischen Welten treibt. Hauptstadt von Galaner ist die Tempelstadt Garsinath ...

Balto Linsner-Kiess blickte starr über die vieltausendköpfige Menge hinweg, die sich im Tempel der Geistigen Zelebration versammelt hatte. Die Fackelimitationen hüllten den achteckigen Saal in rötlich flackerndes Halbdunkel. Schweigen herrschte, lastete auf den Männern und Frauen, die der kultischen Handlung beigewohnt hatten.

Der Hohepriester des Planeten Galaner senkte den Blick. Er sah Tausende von Männern und Frauen, deren Augen weißlich aus den von rötlichem Flackerschein beleuchteten Gesichtern zu ihm aufstarrten.

Balto Linsner-Kiess empfand Befriedigung darüber, welche Macht er über jene Menschen dort unten hatte. Sie hielten ihn für ein göttliches Wesen; zumindest taten sie so.

Ein Schatten flog über das Gesicht des Anti. In letzter Zeit war ihm immer öfter berichtet worden, dass die junge Generation auf Galaner der Báalol-Hierarchie ablehnend gegenüberstand. Sie hielten sie nicht mehr für zeitgemäß und beschuldigten sie – manchmal sogar offen – der Fortschrittsfeindlichkeit.

Die Lippen von Linsner-Kiess pressten sich zusammen. Undank war eben der Welt Lohn. Ohne das straffe Regiment der Báalol-Priester und ihrer Ordnungshüter wäre Galaner noch heute ein unterentwickelter Planet. Nun, die Frevler würden gezüchtigt werden. Nach der Behandlung im Reinigenden Feuer würden sie rechtschaffene Bürger und treue Untertanen sein, wie es die Bürger von Galaner seit jeher gewesen waren.

Linsner-Kiess hob die Hände und vollzog die rituellen Bewegungen. Ein Aufatmen ging gleich einer frischen Morgenbrise durch die Menge. Im Chor sprachen sie nach, was der Hohepriester ihnen vorsagte. Aus den vergitterten Nischen strömten unsichtbar und unhörbar die Wogen geistiger Beeinflussung von den Gehirnen der reglos stehenden Unterbrüder in die Gehirne der Menschen. Stufenlos schaltete die Kulturautomatik das Licht der Fackelimitationen hoch, bis der Tempel der Geistigen Zelebration in hellem Schein erstrahlte. Die Menge nahm es als Dank für ihre disziplinierte Versenkung, ein Faktor, der die Beeinflussungsqualität erhöhte.

Balto Linsner-Kiess verschränkte die Arme vor der Brust, als die Tore des Tempels sich lautlos öffneten und die Menge schweigend und benommen hinausging.

Etwa zehn Minuten mochte er dort gestanden haben, den Blick auf die rötliche Flut des Sonnenlichtes gerichtet, das die Marmorquadern des Tempelvorplatzes wie in Blut gebadet erscheinen ließ. Eine Hand legte sich auf die Schulter des Hohenpriesters.

»Herr ...!«

Die Stimme klang mitfühlend, leise und zitterte leicht. Linsner-Kiess wandte sich um und blickte in das faltige Gesicht von Harlon Poth. Harlon Poth ...! Einst hatte er als Hohepriester über vier bewohnte Planeten und anderthalb Milliarden Menschen regiert ... Dann waren Missionare einer fremden Welt gekommen und hatten ihre Glaubensgemeinschaften gegründet. Harlon Poths Fehler war es gewesen, neben dem Báalol-Kult eine Religion zu dulden, die immer mehr Anhänger gewann. Als der Hohe Báalol davon erfuhr, setzte er Poth ab und schickte einen härteren Mann ins Vinglan-System. Poth aber wurde schwer bestraft. Niemand erfuhr, welche Strafe ihm zuteil geworden war – und er selbst sprach nicht darüber. Aber als er ein Jahr später Balto Linsner-Kiess als Weihepriester zugeteilt worden war, hatte sich der einstmals vor Kraft strotzende, lebenslustige Fünfzigjährige in einen menschenscheuen Greis verwandelt. Harlon Poth mied den Kontakt mit den anderen Priestern. Nur ausgerechnet zwischen ihm und dem fanatischen Linsner-Kiess bildete sich so etwas wie ein inniges freundschaftliches Vertrauensverhältnis heraus.

»Was gibt es, Poth?«, fragte der Hohepriester freundlich.

In dem Greisengesicht zuckte es. Die trüben kurzsichtigen Augen blickten unstet umher.

»Ein Kurier des Hohen Báalol, Herr«, flüsterte er. »Herr, Sie sollten sich nicht länger gegen die Weisungen des Hohen Báalol auflehnen. So etwas geht niemals gut.«

Eine Zornesfalte grub sich in die Stirn über Linsner-Kiess' Nasenwurzel.

»Weisungen des Hohen Báalol, ha! Wie kann ich seine Weisungen respektieren, wenn er sich zu einer Marionette dieses Ribald Corello herabwürdigen lässt!«

»Gegen den Supermutanten gibt es keine Auflehnung«, entgegnete Harlon Poth eindringlich. »Seine Geisteskraft ist übermächtig, und ich sage Ihnen, Herr, es ist nicht schandbar für den Mächtigen, sich unter den Übermächtigen zu stellen.«

Balto Linsner-Kiess lachte verächtlich.

»Es gibt keine stärkere Macht im Universum als den Báalol-Kult, Poth. Was kann schon ein einzelner Mutant gegen die Geisteskräfte von Millionen und aber Millionen Antimutanten ausrichten? Nichts, sage ich Ihnen. Soll ich mich etwa von einem Feigling zu sich herabziehen lassen?«

Harlon Poth trat einen Schritt zurück und machte die Geste der Beschwörung.

»Möge dieser Frevel nicht auf Sie zurückfallen, Herr.« Seine Augen verschleierten sich. »Der Hohe Báalol verhängt furchtbare Strafen über diejenigen, die sich ihm widersetzen.«

Der Hohepriester spürte, wie das Grauen ihn beschleichen wollte. Doch er schüttelte das Gefühl sofort ab. Seinen silberglänzenden Umhang zusammenraffend sagte er: »Führen Sie mich zu dem Kurier des Hohen Báalol, Poth!«

Der Weihepriester nickte. Schlurfenden Schrittes ging er seinem Vorgesetzten voran zu dem Antigravlift, der auf die Kraftfeldstraße unter dem Tempel führte. Keiner der beiden Männer verlor ein Wort, als sie zwischen den achteckigen Pyramiden dahinglitten. Nach wenigen Minuten tauchte die Kristallpyramide vor ihnen auf, der höchste Bau von Garsinath und im Zentrum der Tempelstadt gelegen. Die Strahlen der Sonne Drofronta tauchten purpurrot in das achtflächige Kristallgefüge ein und verwandelten sich dort in ein Meer aller Spektralfarben, die zuckend und gleißend hin und herhuschten, als fänden sie den Weg ins Freie nicht.

Die Farbensinfonie erlaubte dem menschlichen Auge kein Erkennen von Konturen oder Details, aber die Kraftfeldstraße trug Balto Linsner-Kiess und Harlon Poth zielsicher zum Portal. Für einen Außenstehenden sah es aus, als tauchten die beiden Báalol-Priester in das funkelnde Farben- und Lichtermeer ein und lösten sich darin auf. In Wirklichkeit passierten sie ein höchst profanes Panzerschott aus importiertem Terkonitstahl, nachdem die Taststrahlen mehrerer Individualtaster ihre Identität festgestellt hatten.

Im Inneren der Kristallpyramide herrschte die nüchterne, ganz auf Sachlichkeit abgestimmte Atmosphäre einer hochtechnisierten Befehlszentrale. Von hier aus wurden Politik und Wirtschaft des Planeten Galaner gelenkt, wurden die einhundertfünfzig Millionen akonischer Siedler regiert.

Das Arbeitszimmer des Hohenpriesters befand sich in der Spitze der Pyramide, gleichsam symbolisch seinen Rang unterstreichend. In der achteckigen Etage unter ihm lebten und arbeiteten seine vier Stellvertreter, darunter acht Profanpriester, unter ihnen sechzehn und so weiter.

Ein Antigravlift brachte Linsner-Kiess und Poth zum Obergeschoss. Sie betraten das Arbeitszimmer des Hohenpriesters, das nicht nur einer Schaltzentrale glich, sondern – unter anderem – auch eine war. Von den scheinbar durchsichtigen schrägen Wänden konnte man die gesamte Tempelstadt überblicken; in Wirklichkeit übertrugen Außenoptiken das Bild auf acht Trivideoschirme.