Perry Rhodan 700: Aphilie - Kurt Mahr - E-Book

Perry Rhodan 700: Aphilie E-Book

Kurt Mahr

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Beschreibung

Machtwechsel im Jahre 3540 - die Menschheit mutiert Seit den schicksalhaften Tagen des Jahres 3460, da Terra und Luna nach dem Verzweiflungssprung durch den Soltransmitter erneut auf die Reise gingen und in einem Orbit um eine neue Sonne einschwenkten - der Planet und sein Trabant wären bei diesem Unternehmen zweifellos verglüht, wenn die Ploohn-Königin die drohende Katastrophe nicht verhindert hätte -, ist viel geschehen. Inzwischen schreibt man auf Terra, da man dort auch noch die alte Zeitrechnung beibehalten hat, Anfang Juli des Jahres 3580. Somit wird der Mutterplanet der Menschheit mit all seinen Bewohnern bereits seit 120 Jahren von der Sonne Medaillon bestrahlt. Medaillon ist eine fremde Sonne - eine Sonne, deren 5- und 6-dimensionale Strahlungskomponenten auf Gene und Psyche der meisten Menschen einen erschreckenden Einfluss ausüben. Als man dies im Jahre 3540 - also 80 Jahre nach der zweiten Ortsveränderung Terras - bemerkt, ist es bereits zu spät. Perry Rhodan und die meisten seiner Getreuen werden ihrer Ämter enthoben. Die von der Sonne Veränderten beginnen alle normal Gebliebenen zu verfolgen und eine wahre Schreckensherrschaft zu errichten. Das neue Regime steht seitdem unter dem Zeichen der APHILIE ...

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Nr. 700

Aphilie

Machtwechsel im Jahre 3540 – die Menschheit mutiert

von KURT MAHR

Seit den schicksalhaften Tagen des Jahres 3460, da Terra und Luna nach dem Verzweiflungssprung durch den Soltransmitter erneut auf die Reise gingen und in einem Orbit um eine neue Sonne einschwenkten – der Planet und sein Trabant wären bei diesem Unternehmen zweifellos verglüht, wenn die Ploohn-Königin die drohende Katastrophe nicht verhindert hätte –, ist viel geschehen.

Inzwischen schreibt man auf Terra, da man dort auch noch die alte Zeitrechnung beibehalten hat, Anfang Juli des Jahres 3580. Somit wird der Mutterplanet der Menschheit mit all seinen Bewohnern bereits seit 120 Jahren von der Sonne Medaillon bestrahlt.

Medaillon ist eine fremde Sonne – eine Sonne, deren 5- und 6-dimensionale Strahlungskomponenten auf Gene und Psyche der meisten Menschen einen erschreckenden Einfluss ausüben.

Als man dies im Jahre 3540 – also 80 Jahre nach der zweiten Ortsveränderung Terras – bemerkt, ist es bereits zu spät.

Perry Rhodan und die meisten seiner Getreuen werden ihrer Ämter enthoben. Die von der Sonne Veränderten beginnen alle normal Gebliebenen zu verfolgen und eine wahre Schreckensherrschaft zu errichten.

Die Hauptpersonen des Romans

Sergio Percellar und Sylvia Demmister – Das »Buch der Liebe« berichtet von Sieg der »Vernunft«.

Perry Rhodan – Der Großadministrator wird abgesetzt.

Reginald Bull – Das »Licht der reinen Vernunft« leuchtet.

Pakko – Ein Mann, der den Tod fürchtet.

Trailokanat – Ein Informationsmakler.

Vater Ironside

Bangkok 3580

»Dem nächsten, der dich anschaut, schlage ich ins Gesicht!«, knurrte Sergio.

»Pass nur auf deine Augen auf!«, antwortete Sylvia warnend. »Sie werden dich sonst für einen Wahnsinnigen halten.«

Sie trieben auf der langsamsten Sektion des Rollsteigs durch die Fußgängerzone der Innenstadt von Bangkok, einer Stadt, die sich im Laufe der Jahrhunderte zum Zentrum Südostasiens entwickelt hatte. Um Sergio und Sylvia herum drängte sich dichter Verkehr. Auf dem breiten Laufband standen sie in Tuchfühlung mit Menschen in den üblichen lichtgrauen Standardmonturen, Menschen, die meist starren Blicks geradeaus schauten, ohne jegliche Regung in ihren Gesichtern. Nur hin und wieder sah einer auf – ein Mann gewöhnlich, der eine Frau erblickt hatte, die sein Interesse erregte. Für die kurzen Augenblicke des Vorbeigleitens leuchteten seine Augen in unverhüllter Begierde. Das war es, was Sergio Percellar störte: Sylvia war ein Geschöpf, dessen Anblick die Gier vieler Männer erregte. Sie starrten von dem in entgegengesetzter Richtung laufenden Band herüber, und in ihren Blicken lag soviel obszöne Offenheit, dass Sergio seine Wut kaum mehr zu bezähmen wusste.

Sylvia spürte seine Erregung. Verstohlen legte sie ihm die Hand auf den Arm, eine Geste, die sie sofort verraten hätte, wenn sie von jemand bemerkt worden wäre.

»Nur Ruhe!«, murmelte sie. »Wir sind gleich da. Vergiss nicht, was wir uns vorgenommen haben!«

»Ich wusste nicht, dass es so schwer sein würde«, knirschte er.

»Wiederhole unseren Vorsatz!«, forderte sie ihn auf.

»Jetzt? Hier?«, protestierte er.

»Du kannst ebenso leise sprechen wie ich«, redete sie auf ihn ein, »und niemand außer mir wird dich hören. Also ...?«

Er wusste genau: wenn sie in diesem Ton zu ihm sprach, gab es kein Ausweichen. Stockend begann er: »Ich will fortan die Nächstenliebe als das höchste Gut betrachten, das dem Menschen je zuteil werde. Ich will fortan nicht vergessen, dass eine Laune der Natur und nicht ihr eigenes Wollen den Menschen die Möglichkeit genommen hat, Nächstenliebe zu empfinden. Ich will fortan meine Mitmenschen als Kranke betrachten, die meine Nachsicht verdienen. Ich will mich gegen ihre Nachstellungen wehren, soweit sie mir gefährlich werden können; aber ich will meine Mitmenschen für ihre Handlungen, die aus Mangel an Nächstenliebe geboren sind, nicht verantwortlich machen.«

Sie ließ die Hand von Sergios Arm gleiten.

»Das hast du gut gesagt«, lobte sie ihn halblaut und hatte ihr Gesicht dabei so in der Gewalt, dass es denselben starren Ausdruck zeigte wie das der Menschen, zwischen denen sie eingekeilt waren. »Und du fühlst dich jetzt auch schon viel weniger aufgeregt, nicht wahr?«

»Ja!«, grinste er und fing an zu lachen.

Als er den warnenden Blitz ihrer Augen sah, war es schon zu spät. Einer der Umstehenden fuhr herum und fragte mit drohender Stimme: »Wer hat da gelacht?«

Ein kleines, altes Männchen, das unmittelbar neben Sergio stand, war mit der Antwort gleich bei der Hand. Es streckte den Arm aus und deutete auf Sergios hochgewachsene, hagere Gestalt. Mit schriller Stimme verkündete es: »Der da war es! Ich habe es deutlich gehört!«

Der Frager, ein grobschlächtiger Asiate, drängte die Umstehenden beiseite und kam auf Sergio zu.

»Du hast gelacht? Und warum, Bruder?«

Sergio hatte, als ihm die Gefahr offenbar wurde, in der er schwebte, die Miene aufgesetzt, die Sylvia und er in ihrem privaten Sprachgebrauch »das Standardgesicht« nannten: ernst und ausdruckslos.

»Selbst wenn ich gelacht hätte«, antwortete er mit flacher Stimme, »ginge es dich nichts an, Bruder. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich nicht gelacht habe. Ich habe mich verschluckt und gehustet. Und nun, Bruder, lass mich in Ruhe!«

War es die korrekte Antwort, war es Sergio Percellars zwingender Blick – kurzum, der Bullige wandte sich ab. Noch eine halbe Minute verging, dann flüsterte Sylvia: »Hier müssen wir absteigen!«

Sie verließen das Band und mischten sich unter die Menge, die sich abseits der Rollbandstraßen über den Gehsteig schob.

*

Die Straßen und Gassen der Fußgängerzone waren voll von Menschen. Es war, als triebe die Aphilie die Menschen aus ihren Wohnungen, damit sie einander ständig nahe seien, obwohl sie sich nichts zu sagen hatten. Es war ein buntes Völkergemisch, das Sergio und Sylvia umgab, Menschen von allen Zonen der Erde, Marsgeborene und Siedler von den Kolonialwelten des ehemaligen Solaren Imperiums. Was sie alle in Bangkok zu suchen hatten, war Sergio schleierhaft. Sie alle starrten mit teilnahmslosem Blick geradeaus – auch dann, wenn sie sich miteinander unterhielten, was stets mit ruhiger Stimme geschah. Er hasste den leeren Ausdruck ihrer Gesichter, und es kostete ihn Mühe, seinen Abscheu nicht deutlich zu zeigen.

Und noch eine Gruppe von Wesen gab es inmitten des Gedränges, das die Innenstadt von Bangkok erfüllte: gelbbraun Uniformierte, die sich durch die Menschenmenge schoben und ihre Augen überall hatten. Die Gelbbraunen waren Roboter, die Aufpasser der neuen Machthaber. Sie hatten darauf zu achten, dass das Gesetz nicht verletzt wurde. Und wenn sie eine Verletzung beobachteten, dann hatten sie dafür zu sorgen, dass der Schuldige sofort bestraft wurde.

Die Menschen nannten sie nach ihrer Typenbezeichnung: K-2. Ka-zwo, das war ein gefürchtetes Wort, denn die Ka-zwos waren erbarmungslos. Jede noch so kleine Verfehlung wurde scharf geahndet, und es gab keine geringere Strafe als einen Schlag auf die Schulter, mit einer Energie von zwanzig Newtonmeter. Das aber war eine Strafe, unter der schon manches Schlüsselbein den Dienst aufgesagt hatte. Um Ka-zwos machten die Menschen einen Bogen.

Für Sergio Percellar aber – und ebenso für Sylvia Demmister – waren die Ka-zwos die Personifikation der Hässlichkeit dieser Welt. Sergio hasste die Roboter mit einer Inbrunst, die fast schon nicht mehr menschlich war. Sollte ihn jemals einer nach der Leistung fragen, auf die er am stolzesten war, dann hätte er ohne Zweifel darauf geantwortet, er habe bereits zweiundzwanzig Ka-zwos »beiseitegeschafft«.

Er folgte Sylvia in eine schmale Seitengasse, die von schmalen, alten Fassaden begrenzt wurde. Sylvia liebte diesen Teil der Stadt, und in einem der Häuser kannte sie ein kleines Esslokal, von dem sie Sergio schon lange vorgeschwärmt hatte, noch bevor sie nach Bangkok gekommen waren. Es bestand aus einem einzigen langen, schmalen Raum, auf dem man so viele Tische und Stühle wie möglich zusammengepfercht hatte. Das Restaurant war etwa zu drei Vierteln besetzt, als Sylvia und Sergio eintraten. An der rückwärtigen Wand gab es eine Reihe glitzernder Speise- und Getränkeautomaten. Eine Schlange von Menschen hatte sich davor gebildet, und die Schlange bewegte sich nur langsam, da die Automaten eine erstaunlich große Auswahl boten und die Leute Mühe hatten, sich zu entscheiden. Über der Reihe der Automaten und noch einmal über dem Eingang hing je ein kleines Aufnahmegerät, das die Vorgänge im Restaurant aufzeichnete. Denn das war das hervorstechendste Merkmal der aphilen Gesellschaft: dass sie ihre Mitglieder dauernd bewachte.

Sylvia und Sergio stellten sich an. Sergio zog ein paar Münzplaketten aus der Tasche und überlegte, wieviel sie sich heute leisten konnten. Bei einem Leben wie dem ihren war Geld immer knapp, und bis nach Borneo waren es immerhin noch gute zweitausend Kilometer.

Sie waren bis auf drei oder vier Leute, die noch vor ihnen standen, an den ersten Automaten herangekommen, als es geschah – plötzlich, unerwartet und ohne Anlass. An einer der weiter vorne stehenden Maschinen hatte sich einer der Kunden nach der Ansicht des Mannes, der hinter ihm stand, zuviel Zeit genommen. Der Ungeduldige, ein mittelgroßer, grobknochiger Mann unbestimmten Alters, drängte sich mit einem knurrenden Laut nach vorne, rammte dem Saumseligen den Ellbogen in die Seite und begann nun, selber seine Wahl zu treffen.

Unwillkürlich wurde es still in dem langgestreckten Raum. Instinktiv spannten sich Sergios Muskeln. Er wusste, was nun kommen würde, und die andern, die den Zwischenfall beobachtet hatten, wussten es auch.

Eine schrille, quäkende Pfeife begann zu plärren. Das war das Signal. Das Gesetz über den Umgang der Menschen miteinander, Absatz drei: im Alltag, Paragraph vierzehn: bei Inanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen, war verletzt worden. Eines der Aufnahmegeräte hatte den Verstoß bemerkt und gemeldet.

*

Der Mann, der sich auf so rüde Weise zu seinem vermeintlichen Recht verholfen hatte, stutzte zunächst, als er die Pfeife quäken hörte. Er wandte sich ein wenig von der Maschine ab, aus der er seine Mahlzeit hatte beziehen wollen, und drehte sich so, dass Sergio sein Gesicht sehen konnte. Es war ein hageres Gesicht mit ungesunder, gelblicher Haut und unangenehmen Zügen.

Plötzlich wurde er blass. Die Bedeutung des Pfeifengequäkes schien ihm aufgegangen zu sein. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er in Richtung des Eingangs. Ein gurgelnder Schrei brach ihm über die Lippen.

»Nein!«

Dann sprang er. Er durchbrach die Reihe derer, die sich vor den Maschinen angestellt hatten, mit wild schwingenden Armen trieb er die Leute auseinander. Mit weiten Sätzen hetzte er auf den Ausgang zu.

Draußen – das konnte Sergio durch die offene Tür sehen – zögerte er eine halbe Sekunde, unschlüssig, nach welcher Seite er sich wenden solle. Und mit einemmal ließ er die Arme hängen und senkte den Kopf. Er bot ein Bild der absoluten Mutlosigkeit, und wenige Augenblicke später konnte man erkennen, was es war, das ihm den Mut geraubt hatte.

Von rechts her schoben sich zwei Ka-zwos ins Blickfeld. Der eine trug die reguläre, gelbbraune Uniform, der andere zusätzlich eine rote Markierung am Revers, die ihn als übergeordneten Roboter auswies. Er musste zufällig in der Gegend gewesen sein; denn bei der Bestrafung von geringfügigen Vergehen, wie hier eines vorlag, war die Anwesenheit eines Aufsehers grundsätzlich nicht notwendig.

Die beiden Roboter führten den Mann in das Restaurant zurück. Eines der Prinzipien des aphilen Strafvollzugs war, dass die Strafe nach Möglichkeit am Tatort selbst und in Anwesenheit derjenigen, die auch Zeuge des Vergehens gewesen waren, vollzogen werden solle. Der untergeordnete Robot sprach den Straffälligen mit wohlmodulierter Stimme an: »Du hast das Gesetz über den Umgang der Menschen miteinander – Absatz drei: im Alltag, Paragraph vierzehn: bei Inanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen – gebrochen. Das Aufnahmegerät hat die Tat aufgezeichnet. Die Aufnahme wurde mir zugespielt. Ich erkenne dich anhand der Aufnahme einwandfrei wieder. Hast du noch eine Frage?«

Der Gelbhäutige bewegte die Lippen und formte ein »Nein«; aber ein Laut war nicht zu hören. Dem Roboter jedoch schien die Antwort zu genügen.

Er hob den Arm. Zwanzig Newtonmeter – das war die kinetische Energie eines Kilogrammgewichtes, das aus etwa zwei Metern Höhe herabfiel. Ein ziemlich wuchtiger Schlag, den manches Knochengerüst nicht ohne Nachwirkung auszuhalten vermochte. Der Gelbhäutige stand still, aber sein Blick war ängstlich nach oben gerichtet, wo die harte Faust des Ka-zwo über ihm hing.

»Jetzt!«, sagte der Roboter freundlich.

Die Faust sauste herab und traf mit dumpfem Aufschlag die Schulter des Straffälligen. Der Mann schrie laut auf und ging in die Knie. Ein paar Sekunden lang hockte er mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Dann sprang er auf und lief davon. Die beiden Roboter wandten sich ebenfalls ab und spazierten mit gravitätischen Schritten davon.

»Ich habe auf einmal keinen Hunger mehr«, sagte Sylvia halblaut.

Sergio erwachte aus tiefer Nachdenklichkeit.

»Hunger?«, brummte er. »Wer hat je Hunger gehabt?«

Sie verließen das Restaurant. Ziellos mischten sie sich unter die Menge, die sich die schmale Gasse entlangbewegte. Sie sprachen nicht miteinander. Jeder musste in seinen Gedanken selbst mit dem fertig werden, dessen Zeugen sie soeben geworden waren.

Sergio Percellar sah kaum, was um ihn herum vorging. Er blickte erst auf, als er irgendwo einen flüchtigen, gelbbraunen Schimmer bemerkte. Mit einem Ruck blieb er stehen. Vor ihm stand der Ka-zwo-Aufseher, der Robot mit der roten Markierung am Revers, derselbe, der vor wenigen Augenblicken der Bestrafung des Gesetzesbrechers im Automatenrestaurant beigewohnt hatte.

So schoss es Sergio durch den Kopf. Im nächsten Augenblick korrigierte er sich. Die Ka-zwos hatten alle dieselben Gesichter. Man konnte sie nicht voneinander unterscheiden.

Es gab jedoch keinen Zweifel daran, dass dieser Robot es auf Sergio und Sylvia abgesehen hatte. Er war vor ihnen aus der Menge aufgetaucht und hatte sich so aufgebaut, dass er ihnen den Weg versperrte.

Der PIK

»O verdammt!«, entfuhr es Sergio.

Im nächsten Augenblick hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen.

»Du verwendest eine merkwürdige Sprache, Bruder«, bemerkte der Ka-zwo-Aufseher. »Es ist unter des befreiten Menschen Würde, derartige Worte zu gebrauchen.«

Sergio hielt es für das beste, das Problem frontal anzugehen.

»Du hast richtig beobachtet, Bruder«, gab er zu. »Wir beide haben noch keinen PIK.«

»Und warum nicht?«

»Wir waren nie lange genug an einem Ort, um uns einen zu beschaffen. Außerdem ist die Frist noch nicht abgelaufen. Wir haben noch ein paar Wochen Zeit, bevor wir uns strafbar machen.«

»Genau vier Tage, Bruder«, verbesserte ihn der Robot. »Du hättest besser auf den Kalender achten sollen.«

»Wir werden die nächste Gelegenheit wahrnehmen, uns ein solches Gerät zu beschaffen«, versprach Sergio.

»Darauf wollte ich eben hinaus, Bruder.«

»Wie meinst du das?«

»Ich biete dir die Gelegenheit. Ihr kommt mit mir zum nächsten Büro der Aufsichtsbehörde. Dort wird man euch beiden einen Personal-Identifizierungs-Kodegeber verabreichen.«

Der Vorschlag war Sergio alles andere als angenehm. Der PIK war ein heimtückisches Gerät, und den beiden lag wenig daran, dass die Regierung die Möglichkeit erhielt, ihren Weg durch die Dschungel von Borneo sozusagen ferngesteuert zu verfolgen.

»Wir beide haben eine dringende Verabredung«, versuchte er, den Roboter hinzuhalten. »Ich versichere jedoch ...«

»Darauf kann ich mich nicht einlassen, Bruder«, unterbrach ihn der Ka-zwo-Aufseher. »Ihr beide müsst sofort mit mir kommen. Alle Personen, die innerhalb von zehn Tagen vor Ablauf der Beschaffungsfrist ohne Personal-Identifizierungs-Kodegeber angetroffen werden, sind zur nächsten Niederlassung der Aufsichtsbehörde zu bringen und mit einem PIK auszustatten.«

Sergio zuckte hilflos mit den Schultern. Sein ratloser Blick traf Sylvia.

»Ja, da kann man wohl nichts machen ...«, murmelte er niedergeschlagen.

»Also, kommt mit!«, befahl der Robot.

Er setzte sich selbst an die Spitze der kleinen Gruppe und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Sylvia und Sergio folgten in seinem Kielwasser. Mehr als einmal sah Sergio sich blitzschnell um und versuchte, eine Möglichkeit zur Flucht zu erspähen. Aber nicht nur sein Verstand, sondern auch Sylvias warnende Blicke sagten ihm, dass er von einem solchen Vorhaben besser die Finger lassen solle. Die Ka-zwos, und besonders ihre Aufseher, waren hochgetrimmte Maschinen mit einer unglaublichen Reaktionsfähigkeit. Niemand, in dessen Nähe sie sich befanden, hatte nur die geringste Aussicht zu entkommen. Nein, schloss Sergio, es hatte keinen Zweck, die Flucht zu wagen.

Er konnte sich nicht mit Sylvia unterhalten. Der Robot hätte jedes Wort gehört und sorgfältig aufgezeichnet. Also mussten sie sich durch Blicke und kleine Gesten verständigen. Der Ka-zwo-Aufseher bemerkte vielleicht auch das, obwohl er ihnen den Rücken zuwandte. Aber die Sprache der Augen und der Hände konnte niemand entschlüsseln. An Sylvias Blicken erkannte Sergio, dass sie sich über die Gefährlichkeit der Lage wohl im klaren war. Wenn man sich bei der Aufsichtsbehörde, wie der Roboter die Staatspolizei nannte, darauf beschränkte, ihnen einen PIK unter die Haut zu operieren, dann war alles in Ordnung. Irgendwo auf hoher See würden sie sich des Geräts wieder entledigen können.

Aber es war durchaus möglich, dass es schlimmer kam. Wenn dem Robot auch nur der geringste Verdacht bezüglich ihrer Zuverlässigkeit gekommen war, dann würde er diesen Verdacht seinem Vorgesetzten mitteilen, und diesem schrieb es die Dienstordnung der Staatspolizei vor, dass er den Vermutungen seines Untergebenen bis ins kleinste Detail nachging.

Das konnte bedeuten: Hypnose. Und dazu durfte es Sergio nicht kommen lassen. Unter Hypnose würde er der Staatspolizei alles verraten, was er wusste – auch, dass er »ein Buch« war. Und das wiederum würde den Tod bedeuten.

Bevor Sylvia und Sergio zu ihrer Reise nach Borneo aufgebrochen waren, hatten sie sich in mühevoller, wochenlanger Arbeit einen Aktionsplan zurechtgelegt, der alle Gefahren und Eventualitäten berücksichtigte. Bis jetzt war ihre Reise im großen und ganzen unbehelligt vonstatten gegangen. Dieses war die erste ernsthafte Gefahr, deren sie sich erwehren mussten. Ein kurzes Blickspiel mit Sylvia genügte Sergio, um zu erkennen, dass auch sie die gegenwärtige Lage als ernsthaften Gefahrenfall identifiziert hatte.

*

Das Büro der Aufsichtsbehörde war ein ausgedehntes, mehrstöckiges Gebäude, das sich innerhalb eines gesicherten Bereichs befand. An den Grenzen des Bereichs erhob sich eine energetische Sperre, die durch blinkende Warnlichter markiert war. Wer die Barriere berührte, bekam einen Hitzeschock, der in den meisten Fällen tödlich wirkte.

Der Ka-zwo-Aufseher jedoch ließ sich durch die Energiewand nicht beeindrucken. Er wusste, wo es sichere Zugänge gab. Er forderte Sergio und Sylvia auf, sich dicht hinter ihm zu halten; und da sie wussten, dass die Gebäude der Staatspolizei grundsätzlich durch Energieschranken von der Umwelt getrennt waren, leisteten sie der Aufforderung bereitwillig Folge.

Um das Gebäude herum standen auf der leeren, von der Energiebarriere umschlossenen Fläche mehrere Gleitfahrzeuge mit den Emblemen der Staatspolizei. Gelbbraun uniformierte Roboter waren zu sehen, die irgendwelchen unerfindlichen Verrichtungen nachgingen. Das Innere des Gebäudes bestand – das war Sergios erster Eindruck – in der Hauptsache aus kahlen, grell erleuchteten Gängen, fensterlos, mit endlosen Reihen von Türen zu beiden Seiten.

Durch eine der Türen führte sie der Roboter. Sie gelangten in einen kleinen Raum, dessen einziges Mobiliar aus drei Sitzbänken bestand, die sich an den Wänden entlangzogen. An der freien Wand gab es eine weitere Tür, die in einen angrenzenden Raum führte. Durch diese Tür verschwand der Ka-zwo-Aufseher, nachdem er Sergio und Sylvia bedeutet hatte, sich ruhig zu verhalten und zu warten.