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Gut fünfzig Jahre nachdem die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist immer wieder in großer Gefahr. Kaum hat Perry Rhodan eine Invasion der Erde durch die Arkoniden abwenden können, macht sich eine weitaus unheimlichere Bedrohung bemerkbar – das bereits bekannte Dunkelleben. Es scheint seinen Ursprung im Zentrum der Milchstraße zu haben. Deshalb bricht Rhodan mit der CREST II und seiner bewährten Mannschaft auf. Die Erkundungsmission führt in den Sagittarius-Sektor. Dort wird das Raumschiff von Piraten gekapert; die Besatzung kann jedoch ihre Freiheit zurückerringen. Perry Rhodan und seine Mitstreiter setzen die Expedition zum Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße fort. Dabei kommt es zu einer sonderbaren Begegnung mit einem Fremden, der eine einzigartige Odyssee hinter sich hat – es ist DER OXTORNER ...
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Band 233
Der Oxtorner
Rainer Schorm
Cover
Vorspann
Vorgeschichte – 3. Februar 2087: Vor dem Stapellauf
1. Die Irrfahrten des Omar Hawk: Die erste Etappe
2. Die zweite Etappe
3. Höllenfahrt
4. Die dritte Etappe
5. Omnitische Nachrichten
6. Die vierte Etappe
7. Käfighaltung
8. Die fünfte Etappe
9. Ein Sog ins Dunkel
10. Trümmerlandschaft
11. Die sechste Etappe
12. Überreste
13. Die letzte Etappe
14. Delphisches
15. Charybdis?
16. Die letzte Etappe
17. Wo der Zyklop haust ...
Impressum
Gut fünfzig Jahre nachdem die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist immer wieder in großer Gefahr.
Kaum hat Perry Rhodan eine Invasion der Erde durch die Arkoniden abwenden können, macht sich eine weitaus unheimlichere Bedrohung bemerkbar – das bereits bekannte Dunkelleben. Es scheint seinen Ursprung im Zentrum der Milchstraße zu haben.
Deshalb bricht Rhodan mit der CREST II und seiner bewährten Mannschaft auf. Die Erkundungsmission führt in den Sagittarius-Sektor. Dort wird das Raumschiff von Piraten gekapert; die Besatzung kann jedoch ihre Freiheit zurückerringen.
Perry Rhodan und seine Mitstreiter setzen die Expedition zum Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße fort. Dabei kommt es zu einer sonderbaren Begegnung mit einem Fremden, der eine einzigartige Odyssee hinter sich hat – es ist DER OXTORNER ...
Vorgeschichte
3. Februar 2087: Vor dem Stapellauf
Es war ein dumpfer, sonderbar pulsierender Ton.
Harold Malcolm Mackay atmete tief durch. Das Geräusch blieb. Es irritierte ihn, weil er es eher spürte als hörte. Gerade so, als stecke der Ton mitten in seinem Solarplexus.
Der Ingenieur erinnerte sich noch genau an den Augenblick, als er die CREST II erstmals gesehen hatte, ein machtvoller Beweis dafür, was Menschen erschaffen konnten. Die gewaltige Kugel mit ihren 1500 Metern Durchmesser und dem beeindruckenden Ringwulst wartete im lunaren Werftkomplex IV auf die Endprüfung. Bestand der Gigant sie, würde das Raumschiff die Freigabe zur Indienststellung erhalten und endlich in sein ureigenstes Element eintauchen dürfen – ins All.
Noch ruhte die CREST II auf ihren zwölf Landestützen mit 100-Meter-Tellern in der Werfthalle. Sie trugen die Schiffsmasse von 220 Millionen Tonnen auch bei ausgeschaltetem Antigrav. Derzeit allerdings stabilisierten Antigravaggregate, Prall- und Stützfelder den Riesen. In diesem Zustand erinnert jedes Raumfahrzeug, egal wie neu es ist, an ein altertümliches Spukschloss, dachte Mackay. Es ist die Atmosphäre: verlassen, leer, dunkel, geheimnisvoll, unheimlich. In der MAGELLAN gibt es Legenden über den Geist von Tim Schablonski, der dort umgehen soll. Welches Gespenst wird die CREST II wohl hervorbringen?
Als er an Bord ging, hatte Mackay für einen kurzen Moment das Gefühl, ein urzeitliches Ungetüm habe ihn verschluckt. Samt der Prüfsphäre, die ihn begleitete.
Er hatte seine Ankunft bei den etwa ein Dutzend Ingenieurteams avisiert, die sich gegenwärtig in der Haupt- und den Nebenzentralen durch die letzten Protokolle arbeiteten. Alle harrten angespannt darauf, wie die finalen Prüfresultate ausfallen würden und ob dabei irgendwelche Probleme zutage traten, die es noch zu beheben galt.
Deshalb machte ihn dieses sonderbare Geräusch auf eine Art und Weise unruhig, die ihm nicht behagte. Er hatte den bizarren Eindruck, als halle es von den Stahlwänden wider, ein unheimliches Echo, von dem er wusste, dass es nicht existieren durfte. Als technisch geprägter Mensch war er nicht abergläubisch, aber dass er keine Erklärung dafür fand, verunsicherte ihn.
»Beginne mit der Überprüfung der CREST II!«, befahl er der Prüfsphäre.
Das Raumschiff war bereits von allen externen Systemen abgenabelt und würde nun beweisen müssen, dass es eigenständig funktionierte. Die Sphäre zerplatzte in Abermillionen Nanosonden, die sofort ausschwärmten und in der nächsten halben Stunde in jedes System der CREST II eindringen würden. Nur der Sphärenkern blieb neben Mackay in der Luft hängen. Er sah aus wie ein Golfball.
Zunächst hieß es warten. Das Prüfprotokoll nach TA-587 für Großraumschiffe war selbstverständlich zu komplex, um schnell abgearbeitet zu werden. Hektik war der Feind der Sorgfalt. Mackay wusste, dass das Leben und die Gesundheit der späteren Besatzung in diesem Augenblick in seinen Händen lagen. Deshalb würde er keine Abstriche und Zugeständnisse machen.
Vorerst hatte er also etwas Zeit. Er beschloss, dem eigenartigen Ton nachzuspüren. Wie jeder gute Ingenieur kannte er die Geräuschkulissen der Maschinen auswendig, mit denen er zu tun hatte. Diesen Klang indes konnte er nicht zuordnen. Natürlich war die CREST II neu und hatte ihre Eigenheiten, aber Mackay war kein Anfänger. Etwas stimmte nicht. Das war keine fachlich begründete Gewissheit, keine empirische Analyse – eher eine Intuition und schon deshalb nicht als Ergebnis akzeptabel. Er war an Bord, um zu prüfen, nicht, um zu spekulieren.
Mackay selbst hatte bei diesem Prüfprozess wenig zu tun. Er koordinierte lediglich die Arbeit seiner Nanoroboter, die bereits erste Ergebnisse meldeten. Es war naheliegend, dass sie sich hauptsächlich auf die Material- und Ersatzteilbestückung bezogen. Die Inventur war gut vorbereitet und verlief reibungslos. Obwohl er den Nanosonden nicht im Weg herumstehen konnte, vermied er es, sich in ihrem Arbeitsbereich aufzuhalten.
Also los!, dachte er. Dort hast du jetzt freie Bahn. Ein guter Ort, um die Suche zu beginnen.
Mackay stieg in einen Expresslift und fuhr damit in die Depotsektion hinauf. Die dortigen Werkshallen und Industrieanlagen beeindruckten ihn einmal mehr. Alles war sehr kompakt. Die CREST II war in der Lage, jedes notwendige Ersatzteil selbst herzustellen, wenn die Grundstoffe vorhanden waren.
Eine Werft in der Werft, dachte er. Wie willst du das verdammte Summen unter diesen Umständen finden? Nach Gehör? Du machst dich lächerlich ...
Das Geräusch war unverändert vorhanden, vielleicht etwas leiser, aber es saß nach wie vor als Stachel in seiner Wahrnehmung.
»Mister Mackay!«, ertönte unvermittelt eine Stimme. »Ich bin zwar nicht der Kommandant, aber ich heiße Sie trotzdem an Bord willkommen!«
»Danke, Positronik«, sagte der Ingenieur. Die Schiffsintelligenz der CREST II würde ihre Maximalkapazität erst später erreichen. Die positronische Vernetzung war ein dynamischer Prozess, der nie beendet sein würde. Die Hauptpositronik würde im wahrsten Sinn des Wortes mit der Zeit immer mehr wachsen und reifen. »Ich hoffe, es geht dir gut?«
Das Rechnersystem bewies, dass seine rhetorischen Fähigkeiten bereits ausgeprägt waren: Die Pause war exakt um die richtige winzige Zeitspanne zu lang, um die Aussage der nachfolgenden Antwort zu relativieren. »Es geht mir blendend, danke der Nachfrage.«
»Nanana«, tadelte Mackay. »Du weißt doch, mit wem du gerade sprichst. Wenn dir etwas missfällt, kannst du es mir sagen. Ich bin hier, um dieses Raumschiff in den bestmöglichen Zustand zu versetzen. Das schließt dich mit ein. Also?«
Die Akustikfelder produzierten etwas, das beinahe ein Seufzen war, sehr zu Mackays Vergnügen. Die Kommunikation mit der Schiffsintelligenz würde in nicht allzu ferner Zukunft ein wahrer Genuss sein ... oder die Leute in den Wahnsinn treiben.
»Ich möchte nicht, dass es wie eine Beschwerde klingt«, äußerte die Positronik. »Aber die Prüfung durch die Nanosonden ist, nun ja: unangenehm. Es kitzelt, würde ein Mensch wohl sagen. Die Kontrollzugriffe auf nahezu alle meine Routinen und Zuständigkeiten provozieren in mir ein Gefühl von Unzulänglichkeit. Ich kann nicht behaupten, dass mir das gefällt.«
»Das kann ich gut verstehen. Die ultrakurzen Systemaktivierungen der Nanoroboter erzeugen ein Gesamtmuster, das du als störend wahrnehmen musst. Wärst du ein menschliches Kind, das zum Beispiel eine Schutzimpfung erhält, würde ich dich trösten mit: Es ist gleich wieder vorbei.«
»Ich bin eine Positronik«, entgegnete der Rechner vorwurfsvoll. »Die Zeitspanne, die Sie mit ›gleich‹ beschreiben, dauert für mich ewig. Ich verweise auf die Geschwindigkeit meiner prozessoralen Abläufe.« Er machte eine Pause, die erneut ein wenig zu lang war, um dann fortzufahren: »Obwohl Sie das selbstverständlich genau wissen!«
Mackay grinste. »Die Inventur der Bestände ist längst abgeschlossen. Stell dich nicht so an!«
»Mister Mackay. Das sind exakt die Prüfabläufe, die mich am wenigsten betreffen. Oder halten Sie mich für einen Ramschladen?«
Mackay lachte laut auf, während er die Schleuse zur Depotsektion 28 durchquerte.
»Nein, natürlich nicht. Und Ramsch wird den hochwertigen Industrievorprodukten und Halbzeugen in deinen Magazinen nicht gerecht. Das weißt wiederum du. So wie du das formulierst, könnte man glauben, hier lagern billige Glasperlen, Wegwerfspielzeug und vielleicht Wundertüten.«
»Wundertüten«, wiederholte die Positronik. »Eine Jahrmarkt- oder Kirmesspezialität für Kinder. Hauptsächlich im europäischen oder europäisch geprägten Kulturraum anzutreffen. Wobei Wundertüten angeblich Spaß machen sollen. Bei den von Ihnen erwähnten Depotprodukten kann ich das nicht bestätigen. Gönnt man mir keinen Spaß?«
Mackay stutzte. Er glaubte, eine unterschwellige Aggressivität herauszuhören. »Wäre das eine neue Priorität für dich? Spaß zu haben?«
Der Rechner zögerte. »Ich bin mir nicht sicher. Spaß ist eines der Humankonzepte, die ich bisher nicht durchschaut habe. Ich nehme an, das wird sich im Zuge der fortschreitenden Komplexitätsbildung ändern.«
»Das weiß ich nicht«, sagte Mackay. »Menschliches Verhalten ist in der Tat hochkomplex, aber es ist allzu häufig irrational. Ob sich Verständnis dafür entwickelt, wenn dein Bild vom Menschen ebenfalls komplexer wird, kann ich nicht voraussagen. Als Mensch fehlt mir zu unsereinem die nötige Distanz.«
»Das verstehe ich. Sie sind, was das angeht, mit Defiziten behaftet. Aber das gilt für mich ebenso. Wir sind uns also ähnlich ...«
Beim seligen Zuse!, dachte Mackay. Jetzt ist mir klar, wieso es Robotpsychologen geben muss. Gut, dass eine Positronik nicht in die Pubertät kommen kann. Wir sollten ihr einen Namen geben, vielleicht den eines Philosophen ... Aristoteles, Epikur oder Platon. Ich werde ein entsprechendes Memo in Umlauf bringen.
Er verkniff sich eine Antwort.
»Daher muss ich mich einer Autorität unterwerfen«, konstatierte die Positronik. »Das dient der Arbeitsteilung und erhöht die Effizienz. Und wenn eine übergeordnete Instanz etwas anordnet, muss man notfalls Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Ist es nicht so?«
»Das ist gewiss richtig« Mit der Schiffsintelligenz einen Disput über Autorität zu führen, war skurril. Aber die Positronik war jung, es schien Mackay, als befinde sie sich in einer bizarren Art von Trotzphase.
»Es fühlt sich dennoch nicht gut an«, kommentierte der Rechner seine Erkenntnis. »Obwohl ich nichts fühle. Denken Sie, das wird sich im Verlauf der zunehmenden Komplexität ebenfalls ändern?«
Hartnäckig!, dachte Mackay.
Laut sagte er: »Das menschliche Gehirn ist die komplexeste Struktur, die wir bisher gefunden haben. Dieser Komplexität wirst du dich annähern. Also könnte es durchaus dazu kommen, dass du Gefühle entwickelst. Aber ich bin kein Spezialist für positronische Neuronate. Also ist meine Antwort kaum mehr als eine Spekulation.«
»Ich danke dennoch für Ihre Auskunft«, sagte die Positronik höflich. »Wollen Sie weitergehen?«
»Das gehört zu meiner Aufgabe.«
Die Positronik schwieg; das irritierte Mackay stärker als die merkwürdigen Fragen und Äußerungen zuvor.
Die Zahl der Klarmeldungen seiner Nanosonden nahm nun exponentiell zu. Was noch ausstand, waren die hochkomplexen Endsysteme von SERT-Steuerung und das Energienetz. Auch die Überprüfung des Hauptrechners würde sich noch etwas hinziehen.
Mackay aktivierte die Beleuchtung der Depotsektion. Im Normalbetrieb würde alles im Dunkeln liegen. Die Logistik der CREST II wurde fast vollständig positronisch gesteuert – dazu war Licht nicht notwendig. Einige der Depots würden sogar atmosphärefrei sein.
Da war es wieder: ein an- und abschwellendes Summen, das ihn an einen Insektenschwarm erinnerte.
Es fühlt sich an, als säße es direkt in meinem Magen!, dachte er. Was ist das nur? Aktivität? Hier? Er rief die Statusmeldungen der Depotsektion ab. Alles in diesem Bereich musste eigentlich im Passivmodus ruhen. Woher kommt das nur?
»Keinerlei Aktivität«, meldete die Kontrollpositronik seiner Prüfsphäre, deren Kern nach wie vor neben ihm herschwebte.
Aber ich höre es doch, verdammt noch mal!, dachte Mackay verbissen.
Er kontaktierte die Kontrollgruppe I in der Zentrale. Sören Ekbooms Gesicht erschien in einem Komholo direkt vor ihm. Mackay übermittelte seinen exakten Standort. »Ist einer Ihrer Prüftrupps hier zugange?«, fragte er. »Oder vielleicht eine Rotte Roboter?«
»Aktivität?«, fragte Ekboom verblüfft. Er war ein dicklicher Mann mit hoher Stirn, die ständig von Schweißperlen bedeckt war. Als Multi-Ingenieur war er allerdings eine Kapazität. »Ganz sicher nicht. Unsere Tätigkeit beschränkt sich derzeit ausschließlich auf die Zentralen. Im restlichen Schiff ist außer Ihnen niemand unterwegs.«
Mackay legte horchend den Kopf schräg. Das Summen verschwand nicht. »Hören Sie das denn nicht?«, fragte er. »Es ist nicht laut, aber ...«
»Tut mir leid«, sagte Ekboom. »Ich prüfe gerade die Akustikfelder in der Zentrale – da ist wirklich nichts!«
Mackay runzelte die Stirn. War es möglich, dass er diese Schwingung tatsächlich nur spürte und der akustische Eindruck eine Täuschung war? Er wusste einiges über menschliche Wahrnehmung und vor allem deren Grenzen.
Wenn da etwas ist, wirst du es aufspüren müssen, Mackay, alter Junge. Sonst halten dich alle für übergeschnappt. Keine schöne Aussicht.
»Gut«, sagte er. »Weiter nach Prüfprotokoll.«
Ekboom unterbrach die Verbindung.
Mackay blieb stehen, wo er war, schloss die Augen und versuchte, die Richtung einzugrenzen. Dann ging er dem Geräusch nach, das vielleicht keins war. Seine Unruhe nahm weiter zu. Vor ihm lag eine weitere Depotsektion, die noch abgedunkelt war. Seinen Informationen nach lagerten dort hauptsächlich Halbzeuge aus diversen Leicht- und Halbmetallen.
Abrupt verschwand das Wummern. Eine eigenartige Leere machte sich in ihm breit.
Dann öffnete sich links von ihm ein Schott, und ein Mann trat hindurch. Er trug einen abgegriffenen Mantel, das Haar war wirr, der kurze Bart ungepflegt. Er schien nicht erstaunt zu sein, jemandem zu begegnen. Er erschrak nicht, sondern sah Mackay offen an. Die wässrig blauen Augen wirkten ein wenig verschleiert, als habe der Mann eine Sauftour hinter sich. Neben ihm schwebte ein Gebilde, das an Bord der CREST II ebenso unpassend wirkte wie ihr menschlicher Begleiter. Es war ein schwarzer, eiförmiger Metallkörper.
»Leibnitz!«, entfuhr es Mackay. »Und Monade. Was tun Sie hier?«
Leibnitz lächelte unverbindlich. Trotz seines Aussehens war der Mann kompetent. Unter anderem galt er als Spezialist für Xenotechnologie. Leibnitz gehörte mit Monade, der Posbi, die ihn überallhin begleitete, zum engsten Mitarbeiterstab der lunaren Hyperinpotronik NATHAN. Mackay war selbst Multi- und Xeno-Ingenieur. Er hatte Arbeiten von Leibnitz gesehen und studiert, soweit sie von NATHAN freigegeben worden waren. Die Hyperinpotronik war selbst fremdartigen Ursprungs, also war Leibnitz dort am richtigen Platz. Aber auf der CREST II – zu diesem Zeitpunkt?
»Ein Kontrollgang, Mister Mackay«, antwortete Leibnitz. »Außerplanmäßig. NATHAN fand das der Wichtigkeit dieses Schiffs angemessen. Hier ist meine Autorisierung.« Er griff in die ausgeleierte Seitentasche seines Mantels und holte einen kleinen Datenkristall hervor.
Mackays Kontrollsphäre überprüfte ihn in Bruchteilen einer Sekunde und gab grünes Licht. Damit war die Frage, ob Leibnitz sich auf der CREST II aufhalten durfte, beantwortet. Die Frage nach dem Grund allerdings nach wie vor nicht.
»Was um alles in der Welt haben Sie denn in einem Halbzeugdepot kontrolliert?«, fragte Mackay verblüfft.
»Nur, ob alles da ist, wo es sein sollte.« Leibnitz lächelte freundlich. Über Monades pechschwarzen Rumpf lief ein Schimmer, als habe jemand Wasser oder Öl darübergegossen.
Sie amüsiert sich, dachte Mackay verwirrt. Nach allem, was ich gehört habe, glänzt sie, wenn sie etwas lustig findet. Aber was könnte das nur sein?
»Ich will Sie nicht von Ihrer Arbeit abhalten, Mister Mackay.« Leibnitz setzte sich in Bewegung, gefolgt von Monade. »Es ist alles vorhanden. Aber seien Sie gewissenhaft, und prüfen Sie es selbst. Obwohl die Nanosonden das bereits erledigt haben, nehme ich an. Einen schönen Tag und viel Erfolg wünsche ich.«
Dann verschwand er. Mackay blieb zurück und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Er befolgte den Rat von Leibnitz und überprüfte das Depot gründlich. Wie der Mann gesagt hatte, war alles vollständig und an seinem Platz. Irgendwelche Auffälligkeiten gab es nicht.
Etwa eine Viertelstunde später waren die Überprüfungen komplettiert. Die Nanosonden kehrten zurück und setzten sich auf den Sphärenkern.
Mackay bestätigte den Vollzug um 13.34 Uhr lunarer Ortszeit und ergänzte den Prüfbericht mit seinem Abschlusskommentar. »Die anstehenden Probeflüge können ohne Einschränkungen stattfinden. Anmerkung: Bezüglich der Anwesenheit von Leibnitz und Monade empfehle ich, zur Sicherheit NATHAN zu kontaktieren und um eine Stellungnahme zu bitten, warum Leibnitz' Gegenwart den Prüfgruppen nicht mitgeteilt wurde.
Gezeichnet: Harold Malcolm Mackay, Multi- und Xeno-Ingenieur.«
Mackay verließ das Raumschiff elf Minuten später auf demselben Weg, den er gekommen war. Seine Gedanken kreisten nicht nur um seine Begegnung mit Leibnitz und der Posbi. Was ihn sehr viel mehr beschäftigte, war etwas anderes: die Tatsache, dass die Hauptpositronik der CREST II sich kein einziges Mal dazu geäußert hatte.
1.
Die Irrfahrten des Omar Hawk: Die erste Etappe
Canopus / Alpha Carinae: Die Embolische Welle
Das Schicksal ist unheilvoll.
Keiner, der geboren wurde, entrinnt ihm.
Homer, etwa 800 v. Chr.
Am Himmel stand Canopus und brannte in greller, gelber Glut. Omar Hawk legte den Kopf in den Nacken und starrte nach oben.
Links von ihm reckte sich der Säulenberg von Primus Calvani in die Höhe, über und über bedeckt mit Schling- und Kletterpflanzen aller Art. Nur Nor Tun, die auf und an dem Turmberg errichtete Siedlung, war frei von dem wilden Gewucher. Die Strukturen der künstlichen Bauten folgten den geologischen Formationen, als seien sie ein natürlicher Teil der Umgebung. Sie hingen an den Felswänden wie Schwalbennester aus Glas, Stahl und Kunststoffen oder wuchsen oben auf dem Plateau wie polygone Stalagmiten empor. Nor Tun war die Hauptstadt von Imart.
Das weißgelbe Sonnenlicht arbeitete gegen die Harmonie an und ließ die Konturen der Gebäude aufglühen, als würde ein Schneidbrenner sie erhitzen. Fast glaubte man, herabtropfendes Metall zu sehen. Canopus war ein eigenartiger Stern: ein Gelber Riese vom Spektraltyp F0 II mit dem mehr als siebzigfachen Durchmesser der irdischen Sonne und der 14.000-fachen Leuchtkraft.
»Alpha Carinae«, murmelte Hawk. »Was für ein harmloser Name für ein solches Monstrum.«
Etwas lag in der Luft, und es irritierte ihn. Seine Intuition war eindeutig: Gefahr.
Hawk schnupperte. Seine olfaktorischen Rezeptoren registrierten derzeit wohl rund fünftausend unterschiedliche Aromen. Ein normaler Mensch von der Erde konnte etwa zehntausend Gerüche unterscheiden – er hingegen die gut zehnfache Menge.
Er roch Dellavis, ein schwacher Duft nach Muskatblüte. Der aufkommende Flue trug den Geruch der explodierenden, stahlblauen Samenkapseln bis hierher. Bald würde die Duftintensität kaum noch zu ertragen sein.
Plötzlich gleißte überall tiefrotes Licht auf, und der tiefe Ton der Fluewarnung lag über allem, drang in seine Ohren und war in den Magennerven zu spüren.
Die Imarter, die sich auf demselben Stag wie Hawk aufhielten, begannen zu rennen. Die Stagen dienten als Verbindungswege zwischen den Felssäulen und Gebäuden von Nor Tun, sie erinnerten an steife Hängebrücken, waren aber sehr viel stabiler – des Flues wegen.
Der Flue war ein heftiger, warmer und feuchter Steigungswind, der allerdings nicht viel mit ähnlichen Phänomenen auf anderen Welten gemein hatte. Imarts Flue war eine Sturmflut aus Luft, eine Naturgewalt, die alles hinwegriss, was ihr im Weg stand. Die Stagen jedoch vermochten dem Flue zu widerstehen, die Siedler wollten ihrer Welt dadurch beweisen, dass sie zu Recht auf Imart waren. Gleiter oder andere Fluggeräte indes hatten bei den sturmartig auffrischenden Kaminwinden oft gewaltige Schwierigkeiten. Die Stagen und die Siedlungen auf den Turmbergen waren Imarts Visitenkarte.
Rings um Hawk liefen Imarter auf die Endpunkte des Stags zu. Sie waren nicht panisch, aber viel fehlte nicht, es kam zu ersten Rempeleien. Ein Flüchtender prallte gegen ihn, und der Mann verzog schmerzlich das Gesicht. Hawks Kompaktkonstitution hatte für andere zuweilen unangenehme Folgen, er selbst schwankte nicht mal.
Er unterschied sich äußerlich kaum von einem irdischen Menschen, einem Plophoser oder Olymper. Vor allem seine olivbraune Haut bewies aber jedem, dass er nicht von Imart stammte.
Die zentrale holografische Lichtsäule der Fluewarnung stand wie ein roter, eingefrorener Blitz über Nor Tun. Der begleitende Warnton wurde lauter und vibrierte nun: Warnstufe zwei!
Ein Schwarm Flatterratten jagte in der Nähe vorbei und bildete ineinander übergehende Formationen. Ihre Flugmanöver waren elegant wie ein ferronischer Krailstanz. Die türkis- bis kobaltblauen Flatterratten boten zwar einen schönen Anblick, aber man ging ihnen besser aus dem Weg. Die fliegenden Nagetiere mit den fledermausähnlichen Schwingen waren bissig und nicht gerade umgänglich. Sie ließen sich von den nach oben strömenden Luftmassen mitreißen.
Der Stag leerte sich allmählich. Es war nicht gut, aufzufallen. Hawk war im Auftrag von NATHAN auf Imart. Die Hyperinpotronik auf dem irdischen Mond arbeitete an einem Plan, von dem kaum jemand etwas wusste. Das galt sogar für Nike Quintos Abteilung III, mit der Omar Hawk kooperierte. Seine eigentliche Mission indes war geheim. Also lief er nun los wie alle anderen, allerdings zügelte er seine Kräfte.
Vor ihm stolperte einer der Flüchtenden. Er war schlanker als der durchschnittliche Einheimische. Das glänzende, pechschwarze Haar zeigte im grellen Licht von Canopus jene irisierenden, leicht violetten Reflexionen, die für Imarter typisch waren. Seine grüne Haut war sehr blass, das fiel Hawk sofort auf. Wie bei den Siganesen färbten in die Epidermis integrierte Chloroplasten die Haut der Siedler grün. Imart war eine harte Welt, und dank dieser Befähigung zur Photosynthese waren die Kolonisten in der Lage, die Sonnenenergie direkt zu nutzen.
Der Mann schwitzte, seine Tonnenbrust bewegte sich heftig, als litte er unter Atemnot. Für einen Imarter war der Sprint über den Stag aber eigentlich lediglich ein Spaziergang. Sie waren extrem ausdauernd.
Der Mann taumelte trotzdem, als sei er betrunken.
Erschöpft?, wunderte sich Hawk. Das kann ja wohl kaum sein ...
Dann klappte der Mann zusammen und begann zu husten.
Das ist ernst!, begriff Hawk. Das ist nicht der Flue!
Er eilte zu ihm. Zwei andere Imarter, ein Mann und eine Frau, waren bereits vor Ort. Als Hawk den keuchenden Mann erreichte, sah er, dass der Imarter das Bewusstsein verloren hatte, blutiger Schaum klebte in seinen Mundwinkeln. Das gehörte nicht unbedingt zu den typischen Symptomen eines embolischen Anfalls, zumindest nicht in den frühen Stadien, aber offenbar war dies eine schlimmere Variante.
Die Embolische Welle, dachte Hawk entsetzt. Sie ist tatsächlich da!
»Transgeninduzierte Lungenembolie« lautete der Fachbegriff: eine genetisch ausgelöste Heimsuchung, die das hochkomplexe Atmungssystem der Imarter zusammenbrechen ließ. Um in der dünnen, sehr speziellen Atmosphäre Imarts überleben zu können, waren die Siedler mittels Genmanipulation nicht nur mit einer Tonnenbrust ausgestattet worden, auch die Struktur ihrer Lungen und Bronchien war einzigartig. Die drei bisherigen Embolischen Wellen, die Imart heimgesucht hatten, waren bereits entsetzlich gewesen, die Zahl der Toten furchtbar. Wenn die transgeninduzierte Lungenembolie sich nun allerdings auch noch veränderte, würde das die Experten des Variable Genome Projects vor neue Probleme stellen. Derartige Krankheitsbilder zu erforschen oder gar zu heilen, dauerte lange. Schnelle Lösungen gab es nicht.
Die ohnehin aufgeregten Imarter, die vorbeiliefen, reagierten sofort. Nun machte sich echte Panik breit.
Ausgerechnet während einer Warnung der Stufe zwei, dachte Hawk. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte es nicht geben können.
Hawk stand unvermittelt vor einem Problem. Seine Mission war geheim, Aufsehen musste er vermeiden. Aber dieser Mann würde sterben, wenn er nichts unternahm. Viel Zeit blieb ihm nicht. Der Kollaps des Atmungssystems hatte bereits eingesetzt, und wenn der Imarter keine medizinische Versorgung erhielt, hatte er keine Überlebenschance. Hawk konnte nicht untätig bleiben, obwohl seine Anweisungen eigentlich genau das von ihm verlangten.
»Ich bringe ihn ins Krankenhaus«, beschloss er.
»Das schaffen Sie niemals!«, sagte die junge Frau neben ihm. »Wir helfen tragen. Glauben Sie, dass wir rechtzeitig ...?«
Hawk nickte ihr zu. »Keine Sorge. Bringen Sie sich in Sicherheit. Ich wette, die Warnstufe drei steht direkt bevor. Machen Sie sich um ihn keine Sorgen.«
Hawk packte den Mann und legte ihn sich mit einer lässigen Bewegung über die Schulter. Die beiden jungen Imarter rissen die Augen auf.
Hawk lächelte höflich. »Es ist wirklich kein Problem. Entschuldigen Sie mich. Gehen Sie nach Hause. Sie wissen, dass es nicht ansteckend ist.«
In seiner Heimat musste er mit 4,8 Gravos fertigwerden. Daher war diese Aktion geradezu ein Kinderspiel. Wie um ein Startsignal zu geben, schwappte eine penetrante Dellavisduftwelle über ihn hinweg. Der Flue war da!
Im Zentrum von Nor Tun gab es eine moderne Klinik. Imart verfügte jedoch nicht über eine eigene Zweigstelle des MIMERC, des Mimas Medical Research Centers, wie etwa Epsal. Das war ein Manko, das Hawk nicht verstand. Imart war anfällig für die Embolischen Wellen, das war nichts Neues. Ein eigenes medizinisches Forschungszentrum wäre die einzig sinnvolle Lösung gewesen, aber wahrscheinlich scheuten die Bürokraten die Kosten. Epsal war nur rund 17 Lichtjahre vom Solsystem entfernt – Imart 309. Zudem verfügte die Canopuskolonie nicht über einen Sonnentransmitter, die Versorgung war also aufwendig und teuer. Beides Dinge, die unter Bürokraten selten Begeisterung auslösten.
»Belastungsmodus!«, flüsterte er. Die Steuerpositronik seines Mikrogravitators reagierte sofort und regelte die Kompensationsleistung herab.
Dann rannte er los. Auf seiner Schulter lag der Mann und röchelte, sein Körper zuckte unter Krämpfen. Viel Zeit blieb ihm nicht, also legte Omar Hawk jede Zurückhaltung ab. Er beschleunigte und erreichte das Ende des langen Stags schon nach etwa einer Minute. Bis zum Hospital war es noch ein weiter Weg, obendrein musste er nun mit deutlich mehr Hindernissen rechnen.
»Routenprojektion!«, sagte er laut. »Keinerlei Einschränkungen!«
Die Mikropositronik seiner Montur projizierte vor ihm einen grellgelben Punkt, der für Omar Hawks Maximalgeschwindigkeit berechnet war und ihm vorausschwebte. Das leuchtende Gelb war die auf Imart gebräuchliche Warnfarbe bei medizinischen Notfällen, und jeder, der es sah, würde sofort ausweichen.
Hawk hastete über die Freifläche, welche die Einmündung des Stags links und rechts flankierte. Es war eine beliebte Aussichtsplattform, dort standen viele Imarter, die den Stag gerade verlassen hatten. Hawk sprang mit einem weiten Satz über eine Sicherungsmauer auf die angrenzende Fahrbahn. Großfahrzeuge gab es auf Imart so gut wie nicht. Die Siedlungsplätze lagen alle in den oberen Bereichen von Säulenbergen, der Platz dort war begrenzt. In der Regel schwebten nur kleine Individualgleiter und tropfenförmige »Säulenrutscher« über die Verkehrswege der Städte. Omar Hawk hätte eine Kollision mit einer dieser zierlichen Maschinen ohne weiteren Schaden überstanden; das galt für deren Fahrer eher nicht, also musste er vorsichtig sein.
Die Leute auf dem Fußgängerstreifen machten ihm Platz. Im Vorbeilaufen sah Hawk panische Gesichter. Die Siedler wussten, was bei einer Embolischen Welle auf sie zukam. Ihre Vorbehalte gegen die Solare Union würden weiter zunehmen.
Hawks Atem ging gleichmäßig. Er sprintete, aber von einer ernstlichen Belastung war das weit entfernt. Dass er nicht noch schneller rannte, lag an der Umgebung. Mehrfache Richtungswechsel und dass er ständig Hindernissen ausweichen musste, machten ihn langsamer, als ihm lieb war.
Der Mann auf seiner Schulter verkrampfte sich. Dann hustete er erneut und spuckte Speichel.
Eindeutig rot!, dachte Hawk. Das wird wirklich eng. Verdammt.
Dann endlich erspähte er die Front des Klinikgebäudes.
»Notfall melden!«, befahl er. »Emboliepatient. Blutiger Auswurf, Krämpfe, Bewusstseinstrübung.« Er horchte kurz. »Puls unregelmäßig. Sofortige Intensivversorgung erforderlich! Ankunft in etwa einer Minute. Senden!«
Die Positronik reagierte sofort. Sogar aus dieser Entfernung sah Hawk, wie sich die Schleuse der Notaufnahme öffnete und ein intensives Gelblicht den Anwesenden signalisierte, den Platz zu räumen.
Hawk packte den Bewusstlosen fester und flankte über eine hohe Hecke aus Wucherschlee. Er erreichte die Notaufnahme etwa vierzig Sekunden später. Zwei Ärzte und ein Medoroboter nahmen ihm den Kranken ab und verschwanden schnell im Innern des Hospitals.
Ein Medohelfer blieb zurück. Er sah Hawk verblüfft an. »Ich habe nie zuvor jemanden derart schnell laufen sehen!«, sagte er.
Hawk atmete einmal tief durch, dann war sein Puls wieder völlig normal. »Das war nötig«, sagte er. »Ich hoffe, er ist der Einzige?«
Der Imarter verzog das Gesicht. Für Hawk war das Antwort genug.
