Perry Rhodan Neo 90: Flucht ins Verderben - Rainer Schorm - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 90: Flucht ins Verderben E-Book und Hörbuch

Rainer Schorm

4,0

Beschreibung

Im Juni 2036 erreicht der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein havariertes Raumschiff der Arkoniden. Damit verändert er die Weltgeschichte. Die Erkenntnis, dass die Menschheit nur eine von unzähligen intelligenten Spezies ist, schafft ein neues Bewusstsein. Mit der Gründung der Terranischen Union beendet Rhodan die Zeit der Nationen, ferne Welten rücken in greifbare Nähe. Eine Ära des Friedens und des Wohlstands scheint bevorzustehen. Doch sie endet jäh, als das Große Imperium das irdische Sonnensystem unter seine Kontrolle bringt. Die Erde wird zu einem Protektorat Arkons. Die Terranische Union beugt sich zum Schein den neuen Herrschern, während die globale Untergrundorganisation Free Earth den Kampf gegen die Besatzer aufnimmt. Währenddessen führen die Mutanten ihren persönlichen Kampf: gegen die Goldenen, die mutmaßlichen Auslöser der Genesis-Krise, die seit Jahrtausenden ihre eigenen Pläne verfolgen. Auf dem Mars stoßen die Mutanten auf das Energiewesen Lee Va Tii, einen ehemaligen Diener der Goldenen.

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Sprecher:Axel Gottschick

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Band 90

Flucht ins Verderben

von Rainer Schorm

Im Juni 2036 erreicht der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein havariertes Raumschiff der Arkoniden. Damit verändert er die Weltgeschichte.

Die Erkenntnis, dass die Menschheit nur eine von unzähligen intelligenten Spezies ist, schafft ein neues Bewusstsein. Mit der Gründung der Terranischen Union beendet Rhodan die Zeit der Nationen, ferne Welten rücken in greifbare Nähe. Eine Ära des Friedens und des Wohlstands scheint bevorzustehen.

Doch sie endet jäh, als das Große Imperium das irdische Sonnensystem unter seine Kontrolle bringt. Die Erde wird zu einem Protektorat Arkons. Die Terranische Union beugt sich zum Schein den neuen Herrschern, während die globale Untergrundorganisation Free Earth den Kampf gegen die Besatzer aufnimmt.

Währenddessen führen die Mutanten ihren persönlichen Kampf: gegen die Goldenen, die mutmaßlichen Auslöser der Genesis-Krise, die seit Jahrtausenden ihre eigenen Pläne verfolgen. Auf dem Mars stoßen die Mutanten auf das Energiewesen Lee Va Tii, einen ehemaligen Diener der Goldenen.

1.

Mars, Camp Moas, 4. Januar 2038

Maulwurf

»Pass doch auf, verdammt noch mal!«

Bartholomew Cranstons Stimme war scharf. Wie immer, wenn er mit John Marshall sprach, machte er aus seiner Missachtung keinen Hehl. Der auffällig dürre, junge Häftling, der mit dem ehemaligen Telepathen zusammen ein Kontrollteam bildete, schüttelte widerwillig den Kopf. Unter der transparenten Schutzhaube schlängelte sich dickes, rötliches Haar wie Kupferwolle. Die Arbeitsmontur war kein Raumanzug, aber geschlossen. Cranston sah darin aus wie ein tiefgefrorenes Huhn im Beutel. Die leicht hervorquellenden Augen verstärkten diesen Eindruck.

John Marshall antwortete nicht. Seine sportlich-elegante Erscheinung fiel der Montur ebenfalls zum Opfer. Auf gewisse Weise war er sogar froh, dass Cranston darüber nicht auch noch seinen Hohn ausschüttete. Er wusste aus Erfahrung, dass es sinnlos war, mit seinem Mitgefangenen zu streiten.

Trotz der dünnen Atmosphäre war es ohrenbetäubend laut in der Vortriebskammer. Der kreisförmige Desintegrationskopf der arkonidischen Bergbaumaschine fraß sich mit seinen molekülauflösenden Feldern durch den steinernen Leib des Mars, der nächsten Kontaktstelle entgegen. Der Vorgang selbst war lautlos – die restliche Maschinerie nicht. Ohne die Funkkommunikation wäre ein Gespräch unmöglich gewesen.

Der Bohrkopf bestand aus zwei Scheiben mit einem Abstand von etwa zwanzig Metern. Die vordere war eine Ansammlung von Projektoren, Hochdruckstrahldüsen und Absaugrohren. Durch Drehung und Unterdruck wurde die vergaste Materie über Rohre abgesaugt. Diese und einige hydraulische Verbindungen hielten die beiden Elemente zusammen. Die hintere Maschinenscheibe diente der Isolierung und dem kontrollierten Durchgang zu den fertiggestellten Bereichen. Die Anordnung erinnerte Marshall ein wenig an eine Konservendose, von der man in der Mitte etwa zwei Drittel entfernt hatte. Eine kleine Gondel war für die Mitglieder des Überwachungsteams gedacht. Sie hing seitlich an den Verbindungselementen und sah aus wie ein halbiertes Metallei mit transparentem Deckel.

Von den Canyons der Valles Marineris aus bohrten die Arkoniden Gänge, Stollen und Hallen in den Fels, die bereits die Ausmaße einer Großstadt erreicht hatten. Oder besser: Sie ließen bohren und stellten lediglich die notwendigen Mittel zur Verfügung. Einfache Technik, die die »menschlichen Barbaren« begriffen. Camp Moas, das zentrale Gefangenenlager der Besatzer, war längst zu einer kleinen Kolonie geworden.

Ein rotes Signal blinkte gleichzeitig auf den Arbeitspads und an der sichtbaren Rückseite des Bohrkopfes. Ein schleifendes Knirschen klang auf, wurde lauter.

Lagewarnung!

»Er wird instabil!« Cranston wedelte mit der dürren Hand vor dem Gesicht herum. Der allgegenwärtige Dunst in der dünnen Luft schränkte die Sicht unangenehm ein. Der Eindruck ähnelte dem Blick durch ein dickes, verschmutztes Stück Glas. »Schon wieder.« Er war schneller als Marshall, wie immer. Er stoppte den Bohrkopf. Mit routiniertem Griff regulierte er die Ausrichtung der Desintegrationsfelder, die jenseits des langsam rotierenden Maschinenkreises Gestein und Fels auflösten.

An den Außenrändern des gewaltigen Maschinenrades versprühten Hochdruckdüsen einen molekularen Klebstoff, der die Stollenwände stabilisierte. Eine Fehllagerung verkantete nicht nur den Bohrkopf, sondern führte zur Bildung von verbackenen Konglomeraten aus hochverdichtetem Material. Diese waren sogar für die Bohrfelder ein Problem.

Der Ingenieur schüttelte den Kopf, und Marshall wusste genau, dass er im Schutz der Kopfhaube verärgert das magere Gesicht verzog. Der junge Mann mochte ihn nicht. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Marshall war ein umgänglicher Mensch, doch Cranston legte auf ein gutes Auskommen keinen Wert.

Früher habe ich mir einiges darauf eingebildet, mit jungen Kerlen wie Cranston umgehen zu können. Wie's aussieht, hat sich das geändert. Ich bin nicht mehr derselbe ... ich würde diesem fischäugigen Widerling am liebsten den Hals umdrehen.

Marshall holte tief Luft. Der Wunsch entsprang lediglich seiner Frustration und den ständigen Provokationen. Diese Reaktion bewies, dass er dünnhäutiger geworden war. Ein weiterer Grund war seine Isolation. Vor knapp drei Wochen war er zusammen mit Betty Toufry, Sue Mirafiore, Sid González und Gucky – allesamt Mutanten – zum Mars aufgebrochen. Auf die einzig mögliche Art und Weise: Sie hatten falsche Identitäten angenommen, sich auf der Erde von der Terra Police verhaften lassen und darauf gehofft, dass man sie zur Deportation auf den Mars verurteilte. Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt. Sie waren wohlbehalten auf dem Mars angekommen. Dort wollten sie nach Spuren der Goldenen suchen, die sie als Urheber der Genesis-Krise vermuteten.

Doch kurz nach der Ankunft hatte man Marshall von seinen Kameraden getrennt. Sie waren zu Arbeiten bei dem Arsia Mons eingeteilt worden, er selbst war auf dem Krankenrevier von Camp Moas gelandet. Seine Auseinandersetzung mit Cameron Kruger, einem sehr aggressiven Mithäftling, hatte ihm einige Blessuren eingebracht. Es waren keine schweren Verletzungen; nichts, was arkonidische Medizintechnik nicht in den Griff bekommen hätte. Die Stelle, an der seine Nase gebrochen war, schmerzte hin und wieder, doch das kümmerte ihn wenig.

Was an ihm nagte, war, dass er seitdem nichts mehr von seinen Kameraden gehört hatte. Manchmal sehnte er sich zurück in die Zeit vor der Genesis-Krise. Damals war er ein fähiger Telepath gewesen. Nun war er in der Lage, andere Realitäten aufzusuchen: ein Parallelwanderer. Doch die Entfernung zwischen ihm und seinen Freunden war nicht zu überbrücken. Er steckte im Untergrund des Mars wie ein Maulwurf und er war ebenso blind.

»Jetzt hilf mir doch mal!«, keifte Cranston. »Beweg dich! Das ist jetzt das dritte Mal, dass es zu Verschiebungen kommt. Ich will hier keine ausbrechenden Desintegrationsfelder haben.« Mit routinierten Griffen korrigierte er die dreidimensionale Ausrichtung.

Marshalls Pad dokumentierte die Veränderung auf den Mikrometer genau. Er wusste, dass er Cranston, was das technische Geschick betraf, nicht das Wasser reichen konnte. Dieser war Ingenieur und Maschinenbauer, Marshall ein ehemaliger Investmentbanker. Obwohl er in seiner Zeit im Shelter, der Zuflucht für elternlose Straßenkinder, die er in Houston gegründet hatte, viele Dinge gelernt hatte, die über seinen Beruf hinausreichten, war er kein technisch ausgerichteter Mensch. Er besaß keine nutzbaren, technischen Fähigkeiten. Er war neu und durch seinen Streit mit Cameron Kruger unangenehm aufgefallen. Sein Einsatz im Tunnelbau war eine »erzieherische Maßnahme«. Das erging vielen Häftlingen so. Bartholomew Cranston war dagegen nicht aus disziplinarischen Gründen hier gelandet, sondern weil er die Qualifikation für diese Arbeit besaß.

Ich bin ein Hiwi. Der Blödmann, der das Kabel hält, den Schraubenzieher weglegt und das Bier holt! Was für eine Karriere!

Diese Maschine war hoch spezialisiert. Marshall nahm Cranstons Warnung vor wandernden Desintegrationsfeldern trotzdem nicht ernst. Es war eine der unzähligen Gruselgeschichten, um Neulinge zu erschrecken.

Eine Sekunde lang fühlte es sich an, als schwanke der Boden; gleich darauf war wieder alles, wie es sein sollte. Marshall erlebte dieses Phänomen nicht zum ersten Mal und erinnerte sich an Helen Crawfords Diagnose: Leichte Gehirnerschütterung. Bisher hatte er diesen Eindruck des Schwankens nur in seinem Quartier gehabt. Es war wohl nur eine Irritation.

Die schlechte Sicht allerdings gehörte zur normalen Arbeitsumgebung. Daran hatte er sich gewöhnen müssen. »Molekülgries« nannte man diesen stets gegenwärtigen Dunst. Teil eines Vortriebsteams zu sein, war der unbeliebteste Job in Camp Moas: Hier war es schmutzig und laut. Marshall kniff die Augen zusammen, ohne dass sich seine Sicht verbessert hätte. Wie dünner Nebel schwebte der molekulare Dunst in der Kammer. Der Mars war ohnehin ein staubiger Ort, doch hier war alles noch sehr viel schlimmer.

Von Cranston kam ein unangenehmes Schmatzen, das zur Abwechslung nicht Marshall galt. Dieser wusste genau, was Cranston wahrnahm: den typisch metallisch-muffigen Geschmack im Mund, den man auch Stunden nach Schichtende nicht loswurde. Er stammte von Staubspuren, die sich den Weg ins Innere der Schutzanzüge gesucht hatten.

Cranston tat, was viele ebenfalls taten: Er öffnete die Haube, schob sie nach hinten, desaktivierte die Sauerstoffversorgung und setzte eine kleine, flache Metallflasche an den Mund. Marshall verzog angewidert das Gesicht. Der Fusel, der unter den Gefangenen im Umlauf war, stammte aus einem behelfsmäßigen Labor. Er war mit 62 Volumenprozent ausgesprochen effektiv. Er überlagerte den widerlichen Geschmack ... angeblich. Dass ein Öffnen der Montur die Staubdichte im Inneren erhöhte, ignorierte man. Für kurze Zeit konnte man das tun, obwohl es unangenehm war. Der Schluck aus der Pulle war es offenbar wert, auch wenn Marshall das anders sah.

Rot wechselte zu Grün.

»Du bist eine Zumutung, weißt du das?«, grunzte Cranston halblaut und warf Marshall aus wässrigen Glupschaugen einen bösen Blick zu. »Die ganze Arbeit bleibt an mir hängen. Entweder, du bist zu lahm, oder du raffst es einfach nicht. Und wenn du das Saufen nicht verträgst, lass es eben. Stolper mir nur nicht im Weg rum!« Er zog die Haube zurück an ihren Platz und schloss sie. Erneut schien die Umgebung zu wackeln. Es war nur eine leichte Bewegung, kaum zu spüren. Cranston machte einen Schritt, um das Gleichgewicht zu halten, wahrscheinlich instinktiv.

Also ist es keine Einbildung, keine Nachwirkung der Gehirnerschütterung. Marshall sagte nichts, aber ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Was ist das nur? Es wird immer stärker.

Sein Teamkollege sah sich um. »Diese kleinen Beben machen mir Sorgen. Die Feldprojektoren sind empfindlicher, als mir lieb ist. Die Projektorkristalle sind flexibel gelagert. Ein Verkanten könnte den Fokus wandern lassen. Wenn die Erdstöße weiter in dieser Dichte stattfinden, müssen wir die Arbeiten einstellen.«

Cranston kontrollierte die Ausrichtung erneut. Der Bohrkopf drehte sich schneller, und er trat zurück. Die Korrektur verhinderte, dass die flexiblen Desintegrationsfelder die Hochdruckdüsen beschädigten. Diese Feineinstellungen waren die einzige Aufgabe, die die menschlichen Teams in den Vortriebskammern zu erfüllen hatten. Der Rest des Prozesses lief automatisch ab. Seit einigen Tagen hatte sich die Anzahl der Störungen allerdings deutlich erhöht; sehr zu Cranstons Ärger, den er an Marshall ausließ.

Also hat er es nicht nur bemerkt. Er macht sich Sorgen deswegen. Vielleicht sollte ich das auch tun. Er hat es beobachtet, nur eben nicht mit mir gesprochen. Aber ich habe recht: Es passiert immer häufiger.

Der Boden vibrierte leicht. Das lag wahrscheinlich an der sich beschleunigenden Drehung des Bohrkopfes. Die Vorwärtsbewegung setzte ein, und die beiden Menschen folgten. Hinter ihnen verhinderte ein nachrückendes Statikfeld, dass der molekulare Feingrieß die Vortriebskammer verließ. In der Endabdeckung gab es eine integrierte Schleuse. Dazwischen bewegte sich das begleitende Kontrollteam auf normalem Marsgestein, wenn es sich nicht in der kleinen Gondel aufhielt.

Marshall fühlte sich fehl am Platz. Es ist bizarr: Jetzt sitze ich hier in einem Loch und grabe Löcher, die mich nirgendwohin bringen. Ich kann mich durch Realitäten bewegen, aber fünf simple Kilometer sind unüberwindbar. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Ich baue Stollen, damit die Arkoniden sich bewegen können, und bin selbst gefangen wie eine Maus in der Falle. Ein kurzer Kontakt zu Gucky und ich wüsste, was los ist.

»Träumst du schon wieder, du alter Sack?« Cranston stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. »Du bist echt eine Zumutung!«

»Beschwer dich doch! Vielleicht nützt es was.« Marshalls Stimme klang gereizt.

Cranston lachte meckernd. »Und dann versetzen sie dich, ja? Irgendwohin, wo's nett ist ...und ich bleib hier und kann mich mit dem nächsten Idioten rumärgern. Das hättest du wohl gerne ...«

Ja. Hätte ich gerne! Marshall sehnte sich weg von hier. Zurück in Helens Quartier und in ihr Bett. Die Nächte mit ihr waren während der letzten Tage der einzige Lichtblick gewesen. Obwohl die Monturen beheizt wurden, war ihm kalt, und er sehnte sich nach Wärme. Ein Warnton schrillte, dann explodierte der Lärm. Das Kreischen war wieder da; unerträglich laut und dissonant. Die Bohrkammer füllte sich übergangslos mit dichtem bräunlichen Dunst. Wirbel bildeten sich, durch die man hindurchsehen konnte wie durch eine Röhre.

Cranston sah genervt aus, im nächsten Moment erstarrten seine Gesichtszüge.

»Was ist?«, fragte Marshall beunruhigt, doch er bekam keine Antwort.

Direkt hinter dem Bohrkopf fräste etwas Unsichtbares eine Furche in den steinigen Untergrund. Cranstons Gesicht war plötzlich gelb wie ein altes Hämatom. Er öffnete den Mund und die Zunge fuhr suchend über die Lippen, auf der Suche nach Speichel. Unter der transparenten Atemmaske war das Bild beinahe obszön. Die weit geöffneten Augen wirkten gleichzeitig panisch und blicklos.

»Cranston! Was zum ...« Marshall stockte.

Ein schwaches grünliches Flimmern waberte durch die Luft, dort, wo der Ingenieur stand. Es verschwand sofort wieder. Marshall sah, dass irgendetwas die Beine unterhalb der Kniegelenke in schrägem Winkel durchtrennt hatte. Blut trat in dicken Tropfen aus der Schnittstelle, fiel auf dem flammenden Rot der Arbeitsmontur aber kaum auf. Der Körper kippte seitlich weg. Marshall fühlte sich gelähmt. Das Bild war unheimlich: Die Füße und Unterschenkel blieben stehen, gehalten von den schweren Bleieinlagen der Stiefel. Der Rest von Cranston lag am Boden. Die Hände und Arme bewegten sich ruckartig und ziellos. Sein Mund stand offen. Cranston gab ein entsetzliches Geräusch von sich.

Etwa fünf Meter hinter dem Mutanten zerhackte ein Desintegrationsfeld die Gondel. Marshall registrierte es ohne Gefühl. Er ging neben dem jungen Mann in die Knie. Cranstons Muskulatur verkrampfte sich im Schock. Marshall aktivierte den Notruf, zog den dünnen Gürtel aus den Schlaufen seiner Montur und entfernte die angehängten Taschen. Blut quoll in kräftigen Schüben aus den furchtbaren Wunden. So schnell er konnte, band er das linke Bein des Verletzten ab. Cranston schien keinen Schmerz zu spüren. Die körpereigenen Opiate taten ihre Arbeit, und Marshall war dankbar dafür. Er öffnete Cranstons Gürtel ebenfalls. Durch die Verkrampfung war es sehr viel schwieriger, ihn zu lösen. Nachdem er die zweite Blutung gestoppt hatte, drehte er den Ingenieur in eine stabile Seitenlage und hoffte inständig, dieser werde sich nicht übergeben. Er selbst kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit.

Der Schwerverletzte starrte fassungslos auf seine abgetrennten Beine. Hinter Marshall öffnete sich die Schleuse. Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit seit seinem Notruf verstrichen war. Wahrscheinlich mehr, als für Cranston gut war.

»Schnell! Das hier ist übel!«, rief er.

Im nächsten Moment schob ihn jemand beiseite. »Aus dem Weg!«

Marshall erkannte die Stimme sofort. »Helen!«

Helen Crawford war die zuständige Ärztin für diesen Teil von Camp Moas. Sie hatte Marshall versorgt, nachdem dieser eingeliefert worden war, verletzt in der Auseinandersetzung mit Cameron Kruger. Sie war eine hochgewachsene, energiegeladene Frau, mit der sich Marshall angefreundet hatte. Daraus war sehr schnell mehr geworden.

Die Medizinerin trug den dunkelblauen Anzug der Sanitätskräfte; ein rundes Abzeichen wies sie als leitende Ärztin aus. Sie stellte ihr tragbares Medokit auf den Boden und untersuchte Cranston, ohne auf Marshall zu achten. Der Verletzte stöhnte, bis sie ihm eine Injektion verabreichte; zwei weitere folgten. Sie begutachtete die abgebundenen Beinstümpfe.

»Gut gemacht! Das hat ihm das Leben gerettet. Was ist passiert?«

Marshalls Stimme war heiser. »Ich denke, eines der Desintegrationsfelder ist ausgebrochen.« Langsam dämmerte ihm, dass sie alle in Gefahr waren. »Wir hatten bereits zuvor Ärger mit der Ausrichtung, aber damit hat keiner von uns gerechnet.«

Die Ärztin runzelte die hohe Stirn. Sie trug ihr Haar zu lang, wie sie selbst bei jeder Gelegenheit sagte. Zwei vorwitzige, blonde Strähnen hingen ihr unter der Haube ins Gesicht. Sie versuchte vergeblich, sie wegzustreichen, und verzog verärgert das Gesicht. »Das hätte nicht passieren dürfen!«

»Nein. Natürlich nicht.« Marshall kontrollierte sein Pad. »Wir müssen raus hier! Ich hab keine Ahnung, ob die Felder jetzt stabil sind oder noch immer wandern.«

Die Anzeigen spielten verrückt. Die Projektionsverläufe der Desintegrationsfelder ähnelten den Kaskaden in einem Teilchenbeschleuniger. Es waren wirre, verschlungene Bahnen. Er verspürte den Wunsch, mithilfe seiner parapsychischen Gabe eine Realität aufzusuchen, in der der Tod nicht auf der Lauer lag.

Helen wurde ebenfalls blass. Die Gefahr war enorm, und sie wusste nur zu gut, was ein solches Feld einem menschlichen Körper antun konnte. Cranston war ein eher harmloses Beispiel.

»Sie schalten sich nicht ab!« Marshall sah sich hektisch um. »Nach dem Notsignal hätte das automatisch geschehen müssen, aber sie sind aktiv.«

Zu sehen war nichts, keinerlei schwach grünliches Leuchten, vor dem er sich fürchtete. Momentan wanderten die molekülauflösenden Felder jenseits des Bohrkopfes umher. Das konnte sich jede Sekunde ändern.

»Du hast recht. Nichts wie raus hier!« Helen Crawford gab Marshall einen Wink. »Wir müssen ihn ins Krankenrevier schaffen.«

Der Mutant öffnete die Schleuse und arretierte sie im Notfallmodus. Der Weg war frei. Mittlerweile hatte Helen die Stümpfe und die abgetrennten Beine mit Amputationsdämpfern gesichert: kleine, aber effektive Geräte, die die Schnittstellen mit einer Folie aus intelligentem Nanopolymer isolierten und konservierten. Sie legten sich wie altmodische Bratschläuche um die Stümpfe. Marshall griff unter Cranstons Arme. Zusammen hoben sie den Verletzten an und trugen ihn langsam zur Schleuse.

»Ganz schön schwer für einen so dürren Kerl!«, ächzte der Mutant. Die ganze Zeit über rechnete er damit, von einem der mörderischen Felder erfasst zu werden. Cranston reagierte nicht. Sein Blick schweifte hin und her, ohne etwas zu fixieren. Er registriert gar nicht, was mit ihm passiert. Der Schock hat ihn fest im Griff. Sein Glück!

Nachdem sie die Bohrkammer verlassen hatten, übergaben sie den Patienten an zwei wartende Roboter, die den aktiven Bereich des Bohrkopfes nicht betreten durften. Die Körper der Maschinen waren zu klein, um sie gegen die im Desintegrationsbereich auftretenden Störfelder wirksam abzuschirmen. Menschen waren, was das anging, sehr viel widerstandsfähiger.

»Schafft er's?«, erkundigte sich Marshall, dem Schweißtropfen in die Augen rannen, obwohl die Belüftung auf Hochtouren lief. Die Medoroboter entfernten sich in hohem Tempo und mit aktivierten Notfallleuchten.

Helen sah ihn ernst an. »Da du so schnell reagiert hast: wahrscheinlich ja. Aber ich kann nicht sagen, ob ihn die Arkoniden wiederherstellen können. Verletzungen durch Desintegrationsfelder sind kompliziert und führen häufig zu Zellschäden. Aber überleben wird er.« Sie strich Marshall über die Kopfhaube. »Das hast du gut gemacht! Ich bin beeindruckt. Die meisten wären einfach abgehauen – und das aus gutem Grund.«

Marshall räusperte sich. »Ich hab einfach ...«

Helen unterbrach ihn. »Ja. Ich weiß! Und ich weiß, dass das nicht jeder tun würde.«

Marshall spürte ihre Hand auf seiner Schulter und fühlte sich für einen kurzen Moment sicher und geborgen.

Helen zwinkerte ihm kurz mit ihren wunderbar blaugrünen Augen zu und wurde sofort danach zur professionellen Medizinerin. »Ich hole jetzt mein Medokit und werde die Beinstümpfe sichern. Vielleicht klappt die Rekombination ja doch.«

Marshall kontrollierte die Anzeigen seines Pads. »Du kannst rein. Ich glaube, die Felder pendeln sich wieder im Normalbereich ein. Außerdem werden sie schwächer. Die Notabschaltung greift endlich. Wo bleibt denn das Technoteam?«

»Das hier war nicht der einzige Alarm. Die werden anderswo zu tun haben.« Helen war bereits auf dem Weg zurück in die Vortriebskammer. Ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt verschwand in der Schleuse. Dann bebte der Boden erneut – diesmal sehr viel kräftiger. Gleichzeitig war ein ohrenbetäubendes Krachen zu hören. Marshall wurde schlagartig kalt, er rannte los und war sofort von einer dichten Wolke aus Staub umgeben.

»Helen!«, rief er.

Ein Großteil der Decke war heruntergebrochen. Bevor das molekülauflösende Feld Cranston die Beine amputierte, hatte es wohl Teile des oberen Tunnelbereiches erfasst und die Struktur gelockert. Das Marsbeben hatte den Rest besorgt.

Von Helen war nichts zu sehen. Die Kammer war nach etwa fünf Metern mit Felsgeröll, Sand und einem gewaltigen Brocken molekular verklebten Stützmaterials versperrt. Marshall betete, dass der Felssturz nicht den kompletten Rest der Kammer füllte. Es gab nicht viel, was er tun konnte. Nur eines – das allerdings konnte nur er tun und kein anderer.

Er konzentrierte sich auf seine Gabe: Der Wechsel setzte ein.

Irgendwann einmal hatte er selbst die Empfindung mit dem Gefühl verglichen, sich in einem fahrenden Zug zu bewegen. Er beherrschte seine Gabe des Realitätswechsels nach wie vor nicht perfekt, doch er konnte sich orientieren. Er spürte, ob eine Realität der seinen glich oder nicht. Er spürte, ob sie seinem Wunsch oder Ziel entsprach. Vielleicht suchte ein Teil seines Unterbewusstseins aktiv danach. Immerhin waren Paragaben Fähigkeiten des Gehirns.

Hier! Das ist es!

Das Gefühl, bewegt zu werden und sich gleichzeitig selbst zu bewegen, wurde schwächer. Er war richtig: kein Felssturz, keine Trümmer. Die Bohrkammer war verwaist. Hier hatte man die Arbeiten eingestellt, und Cranston ging noch auf zwei Beinen. Marshall legte zehn Meter zurück, hoffte, dass die Distanz ausreichen würde, und leitete die Rückkehr ein. Wieder durchzog ihn die Bewegungsirritation wie ein Kälteschauer. Er schüttelte sich und betrat die Ausgangsrealität.

Er entdeckte Helen. Sie war mit Sand und Staub bedeckt, der Körper reglos. Zwei Felsbrocken lagen neben ihr: zu klein, um durch die stabile Kopfverstärkung der Schutzmontur hindurch großen Schaden anrichten zu können.

Eine leichte Gehirnerschütterung!, erinnerte er sich amüsiert und erleichtert.

»Helen!« Er beugte sich zu ihr hinunter, warf einen prüfenden Blick durch die transparente Front der Schutzhaube und packte sie. Sie war nicht ohnmächtig, aber benommen. Ihre Lippen bewegten sich leicht.

Wir haben keine Zeit! Wer weiß, wie instabil dieser Tunnel jetzt ist! Marshall zog sie mit sich und machte sich auf den Rückweg. Die Aussicht, in einem weiter eingestürzten, vielleicht komplett verschütteten Tunnel anzukommen, beunruhigte ihn. Die Irritation drang zu Helen durch. Sie wurde unruhig, machte Ansätze, sich zu wehren. Marshall erreichte die Ursprungsrealität und ließ die Ärztin sanft zu Boden gleiten – jenseits des Trümmerberges. Sie kam ihm schwerer vor, als in seiner Erinnerung. Oder Erregung verleiht Flügel!

Er ging neben ihr in die Knie und hob ihren Kopf an. »Sag was! Sprich mit mir! Erkennst du mich?«

Helen bejahte, wirkte aber verstört. Die Augenlider zuckten nervös. Ein Blutfaden lief über ihr Kinn. Sie hatte sich die Unterlippe zerbissen. Sie riss sich zusammen. »Was ... was war das?« Sie starrte ihn an. Marshall fühlte sich mit einem Mal unwohl. »Was ... was hast du gemacht? Wie ...?«

Sie hat alles mitbekommen. Das ist nicht gut! Marshall schob den Oberkörper ein wenig nach hinten. Es war beinahe ein Fluchtreflex. »Du hast unglaubliches Glück gehabt, weißt du das? Es war Zufall, dass ich ... dass wir da durchgekommen sind.«

Helen schüttelte den Kopf und setzte sich mühsam auf. Staub rieselte von ihrer Montur. »Eine Lücke? Da war keine Lücke! Ich war vollkommen abgeschnitten. Das ist das Letzte, was ich sicher weiß.« Sie unterbrach sich und hustete. Ihr Blick war wieder klar. »Wie hast du mich da rausgeholt?«

Erwischt!, dachte Marshall.

Plötzlich verschwamm die Welt um ihn herum. Ohne jede Vorwarnung riss ihn eine unsichtbare Kraft aus seinem Körper heraus. Helens besorgtes »Was ist mit dir?« registrierte er zwar; antworten konnte er nicht mehr. Der Mutant wurde fortgespült. Das Gefühl ähnelte dem, das er von seinen Parallelwanderungen kannte und doch war es anders. Marshall glaubte kurz ohnmächtig zu werden, bis die Schwärze einem Bild wich, das er durch fremde Augen sah.

Sid! Das ist Sid!

Der junge Latino, der beinahe wie ein Sohn für ihn war, setzte seine Gabe ein. Vor der Genesis-Krise war Sid ein gewöhnlicher, wenn auch außergewöhnlich starker Teleporter gewesen, jetzt beherrschte er eine verwandte Gabe: die der Bewusstseinsteleportation. Sid konnte sein Bewusstsein mit einem anderen intelligenten Wesen tauschen. Er schlüpfte in die Haut desjenigen, auf den er seine Gabe richtete – und zugleich fand sich der Betroffene in Sids Körper wieder.

Genau das war jetzt geschehen: John Marshall steckte jetzt im Körper von Sid González, nahm die Welt mit seinen Sinnen wahr.

Erleichterung überflutete Marshall wie eine Welle. Seine Kameraden waren zurück!

Doch die Erleichterung wich rasch der Besorgnis. Marshall hielt sich in einem Raum auf, der sich irgendwo in Camp Moas befinden musste. Die Ausstattung und die Beschriftungen an Geräten und Kommunikationseinrichtungen ließen keinen Zweifel zu. Sie waren also zurück von ihrer Mission. Alle waren anwesend: Betty, Sue, Sid natürlich, der seine Gabe der Bewusstseinsteleportation nutzte, um ihn zu kontaktieren. Dazu verließ ein riesiger Mann soeben das Zimmer. Ein weiterer Mann beugte sich über eine Liege, die neben etlichen technischen Gerätschaften das Zentrum des Raumes bildete. Dem Aussehen nach konnte es sich um einen Inder handeln: einen Arzt wahrscheinlich.

Auf der Pritsche lag Gucky. Der Mausbiber zitterte wie unter starkem Fieber. Die pelzige Nase war krausgezogen. Er hatte starke Schmerzen. Jemand hatte den kleinen Körper fixiert, wahrscheinlich, um zu verhindern, dass er sich selbst verletzte. Die Augen waren geschlossen. Eine große Frau mit kurzen, weißen Haaren schob sich ins Blickfeld: Betty.

Marshall wusste zwar, was mit ihm geschah, und er war nicht so hilflos, wie es die Opfer von Sids unheimlicher Paragabe normalerweise waren; Kontrolle über Sids Körper besaß er dennoch kaum. Bloß den Kopf zu drehen erforderte enorme Anstrengung. Also wartete er ab. Zunächst genügte ihm die Gewissheit, dass die anderen lebend von ihrer Expedition zum Arsia Mons zurückgekehrt waren – bis auf Gucky offenbar heil und unversehrt. Trotzdem hatten sie wohl einiges mitgemacht.

Betty wirkte erschöpft und angespannt. Die Ereignisse während ihrer Expedition mussten sie mitgenommen haben. Das galt für alle Anwesenden, besonders aber für Sue Mirafiore. Die zierliche, junge Frau mit dem schwarzen Haar saß erschöpft bei Gucky. Sie konzentrierte sich darauf, ihn zu stabilisieren. Ihre Paragabe ermöglichte das, aber im Falle des Ilts schien sie kaum zu helfen.

Betty hob die Hand. »John«, hörte er die weißhaarige Mutantin sagen, »wir brauchen Hilfe. Gucky braucht Hilfe, und zwar dringend. Wir wissen nicht mehr weiter!«

John Marshall drehte nun doch den Kopf. Die Koordination war mühsam, und beim Sprechen versagte sie. Was aus seinem – Sids – Mund kam, waren lediglich ein paar undeutliche Laute. Betty verstand. »Du findest uns im Bereich IV von Camp Moas. Unser Krabbler wurde zur Generalüberholung von Hügel Nummer sechs hierher verlegt. Mehr dazu später. Wir hatten Erfolg, John, irgendwie. Bitte beeil dich, wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen! Sue hält ihn am Leben, aber sie stößt an ihre Grenzen. Doktor Ambani ist ebenfalls mit seinem Latein am Ende. Er und einige andere wissen Bescheid. Samson hast du wahrscheinlich gesehen. Das war der große Mann, der rausging.«

»Ein richtiger Riese!« Marshall erinnerte sich. Die Koordination des Sprechapparates verbesserte sich. Dennoch klang seine – Sids – Stimme wie die eines Betrunkenen. »Ihr ... seid zurück. Es ist ... dringend.« Die Freude, die Freunde wiederzusehen, mischte sich mit Sorge. Guckys Zustand erschreckte ihn.

Betty war erleichtert. »Genau. Bereich IV, Trakt 24. Bitte beeil dich, ja?«

John Marshall spürte, wie ihn Sids Bewusstseinswelle davontrug und zurück in den eigenen Körper spülte. Endlich wich die Schwärze der Wahrnehmung, und er blickte direkt in Helens blaugrüne Augen. Sie hielt seinen Kopf in den Händen und musterte ihn wie einen pathologischen Fall.

Gar nicht so weit weg von der Wahrheit!, schoss es ihm durch den Kopf. Viele Menschen würden uns Mutanten durchaus für krank halten!