Perry Rhodan Neo 24: Welt der Ewigkeit - Frank Borsch - E-Book

Perry Rhodan Neo 24: Welt der Ewigkeit E-Book

Frank Borsch

3,0

Beschreibung

Im Herbst 2036: Die Suche nach der Welt des Ewigen Lebens neigt sich ihrem Ende zu. Nach vielen Abenteuern in Raum und Zeit erreichen Perry Rhodan und seine Gefährten einen ungewöhnlichen Planeten, der physikalisch eigentlich nicht existieren dürfte: Es ist eine Halbkugel, die durch unbegreifliche Kräfte zusammengehalten wird - sie trägt den Namen Wanderer. Auch drei andere Wesen stoßen zu der seltsamen Welt vor: der Arkonide Crest, die aus Russland stammende Mutantin Tatjana Michalowna und der Topsider Trker-Hon. Sie alle treffen auf merkwürdige Bewohner Wanderers, mit denen sie nicht rechnen konnten, und müssen eine Reihe von Hindernissen überwinden. Ihr Ziel ist und bleibt dasselbe: Sie wollen die legendären Wesen treffen, die "länger leben als die Sonne" und die Unsterblichkeit als Geschenk verleihen ...

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Band 24

Welt der Ewigkeit

von Frank Borsch

Im Herbst 2036: Die Suche nach der Welt des Ewigen Lebens neigt sich ihrem Ende zu. Nach vielen Abenteuern in Raum und Zeit erreichen Perry Rhodan und seine Gefährten einen ungewöhnlichen Planeten, der physikalisch eigentlich nicht existieren dürfte: Es ist eine Halbkugel, die durch unbegreifliche Kräfte zusammengehalten wird – sie trägt den Namen Wanderer.

Auch drei andere Wesen stoßen zu der seltsamen Welt vor: der Arkonide Crest, die aus Russland stammende Mutantin Tatjana Michalowna und der Topsider Trker-Hon. Sie alle treffen auf merkwürdige Bewohner Wanderers, mit denen sie nicht rechnen konnten, und müssen eine Reihe von Hindernissen überwinden.

1.

Crest da Zoltral

Und dann, einen Herzschlag später, fanden sie sich im Paradies wieder.

Crest da Zoltral blieb stehen. Er verharrte einen Augenblick, als könne er nicht begreifen, was geschehen war. Dann drehte er sich langsam um. Aus den Säulen des Transmitters drangen gleißende Fontänen aus purer Energie, vereinigten sich zu einem Torbogen aus Licht. In dem Bogen herrschte bodenlose Schwärze, die das Licht auf unerklärliche Weise verschluckte. Der Transmitter war das Tor in eine andere Dimension, an einen anderen Ort.

Der Torbogen erlosch, die Schwärze verschwand, als hätte sie nie existiert.

Die transparente Kuppel am Boden des Atlantiks, die arkonidische Kolonie Atlantis – die vor ihren Augen untergegangen war –, die Erde der Vorzeit, das Leid und das Sterben der Kolonisten blieben unwiderruflich hinter ihnen zurück.

Von der Seite kam ein lang gezogenes Zirpen. Wie von einer irdischen Grille, nur tiefer und kräftiger. Das Geräusch stammte von Trker-Hon, dem Topsider, der ihm im Lauf der letzten Wochen zu einem geschätzten Gefährten geworden war.

Crest hatte einen Laut wie diesen noch nie aus dem Maul des Echsenwesens gehört. Der Translator, der in sein Nervensystem implantiert war, übersetzte ihn nicht. Der Arkonide fasste ihn aber ohne Zögern als einen Laut des Staunens auf.

Denn dieser Ort war staunenswert.

Es war warm. Eine gelbe, zum Greifen nahe Sonne schien auf Crest und seine Reisebegleiter herab. Der Transmitter, durch den sie getreten waren, stand auf der Kuppe eines Hügels inmitten einer mit unregelmäßigen Steinplatten gepflasterten Fläche. Mehrere Meter hohe Säulen begrenzten die Fläche, doch weder Wände noch ein Dach behinderten die Sicht. Der Arkonide war an die Ruinen eines griechischen Tempels erinnert, die er auf der Erde besucht hatte.

Zu ihren Füßen lag eine Stadt.

»Trker-Hon«, wandte sich Crest an den Topsider, der in seiner Kultur als Weiser galt. »Bitte, sagen Sie mir, dass ich nicht träume!«

»Sie träumen nicht, Crest. Auch wenn es sich so anfühlt.« Das Echsenwesen strich über die rote Klappe aus Stoff, die er über einem Auge trug. »Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.«

»Das ist er«, bestätigte Tatjana Michalowna, die mit einer Hand Quiniu Soptor stützte. »Ihr – unser – Traum ist Wirklichkeit geworden.«

Ein ganz besonderer Traum. Ein Traum, der Crest seit vielen Jahren in seinen Bann gezogen hatte. Der Traum vom Leben. Vom ewigen Leben.

Konnte es wahr sein? Hatten sie ihr Ziel erreicht?

Leichtigkeit erfasste Crest. Diese Welt wies eine geringe Schwerkraft auf, vielleicht halb so hoch wie die der Erde. Es tat dem Arkoniden gut. Er war ein alter, todkranker Mann, der Strapazen überstanden hatte, die weit über das hinausgingen, was er seinem Körper eigentlich hätte zumuten dürfen.

Doch Crest hätte jede Strapaze, jedes Risiko auf sich genommen, um an diesen Ort zu gelangen. Er hatte die Erde hinter sich gelassen, hatte seine Ziehtochter Thora, die ihm beinahe mehr als das eigene Leben bedeutete, verraten, um an diesen Ort zu gelangen.

Und jetzt war er hier.

Sein Puls beschleunigte, schlug hart. Er hatte es geschafft! Ihm war, als fielen alle Lasten seines früheren Lebens von ihm ab. Crest da Zoltral war ein gezeichneter Mann. Ein Mann von außergewöhnlichem Intellekt und beispielloser Offenheit. Ein radikaler Denker, der sich der Wahrheit – und nur der Wahrheit – verpflichtet fühlte. Ein Verkünder unbequemer Wahrheiten, ein Gegner des Regenten, ein Kämpfer, der verzweifelt versucht hatte, den unausweichlich erscheinenden Niedergang seiner Kultur aufzuhalten.

Rico hat nicht gelogen, meldete sich sein Extrasinn zu Wort. Er hat gesagt, ihr würdet euch am »Ort eurer Sehnsucht« wiederfinden.

Die Stimme seines Gedankenbruders klang so heiter und leicht, wie Crest sie noch nie vernommen hatte. Der Extrasinn war seit seiner Jugend ein Teil seiner selbst, aber für gewöhnlich kein bequemer. Er war ein Spötter und Mahner, ein Antreiber und Besserwisser, wie die Menschen es genannt hätten. Der Extrasinn war nie um eine Bemerkung verlegen, um die Magie des Augenblicks zunichtezumachen. Doch selbst er war vom Zauber dieses Ortes gefangen.

Crest löste sich von seinen Gefährten, die an Ort und Stelle verharrten, als fürchteten sie, eine hastige Bewegung könnte diesen Traum als Traum entlarven. Der Arkonide kletterte einige Schritte weiter auf einen unregelmäßig behauenen Steinquader, um eine bessere Sicht zu erhalten. Die grünen Hügel erstreckten sich bis an den Horizont. Dichter Wald wuchs auf ihnen, nur hin und wieder von unregelmäßigen Lichtungen unterbrochen. Auf einer Hügelkuppe ragte ein Felsen, der Crest an einen irdischen Obelisken erinnerte, aus der Vegetation.

Im Tal lag eine Stadt. Ihre Gebäude folgten dem Lauf eines mäandernden Flusses, säumten auch die zahlreichen Zuflüsse. Die Häuser waren flache, einzeln stehende Bauten. Sie glitzerten wie Juwelen im Licht der Sonne. In einer Richtung – dem Sonnenstand nach zu urteilen und in menschlichen Begriffen im Westen – ging die Hügellandschaft in eine Ebene über. Ein Landefeld verlor sich dort im Dunst. Eine Handvoll kleinerer Fluggeräte oder Raumschiffe war über die Fläche verstreut. Ihre Anordnung mutete Crest willkürlich an.

Im Osten glaubte der Arkonide am Horizont Wasser zu erkennen. Ein See? Oder ein Ozean? Eher Letzteres, entschied Crest. Der warme Wind, der über seine Haut strich, trug würzige, salzige Luft zu ihm.

Dies war die Welt des Ewigen Lebens.

Gänsehaut bildete sich bei dem Gedanken auf seinen Unterarmen. Was würde sie ...?

Ein qualvolles Stöhnen riss ihn aus seinen Gedanken. Crest zwang sich, von dem Anblick der Stadt loszureißen, und drehte sich um. Das Stöhnen kam von Quiniu Soptor. Die Halbarkonidin hatte einst zur Besatzung der AETRON gehört, dem Forschungskreuzer, mit dem Crest auf der Suche nach der Unsterblichkeit auf dem irdischen Mond gestrandet war.

Der alte Arkonide sprang mit der Leichtigkeit, die ihm die niedrige Schwerkraft ermöglichte, von dem Quader und ging auf Soptor zu. Tatjana Michalowna, die irdische Telepathin, hielt sie mit beiden Händen an den Schultern fest. Die Haut der Halbarkonidin war schwarz. Statt Haaren bedeckte ein rostroter Flaum aus Federn ihren Kopf. Crest erinnerte sich, dass Soptor auf der AETRON viel Zeit mit seiner Pflege verbracht hatte. Jetzt gähnten Löcher in dem Flaum, gaben den Blick frei auf eine schorfige, ungesund wirkende Kopfhaut. Die verbliebenen Federn waren verklebt, hatten ihren einstigen Glanz verloren.

Quiniu Soptor tat ihm leid.

Dein Mitleid ist fehl am Platz, flüsterte sein Gedankenbruder, der offenbar zu seinem üblichen Gefühlszustand zurückgefunden hatte. Sie hat Fahnenflucht begangen.

Dann sind wir im selben Boot, entgegnete Crest. Oder was glaubst du, wie ein arkonidisches Gericht es werten würde, dass ich mich unter die Menschen begeben habe, statt Rhodan und seine Kameraden auf dem Mond zu eliminieren? Dass ich diesen Wilden Zugang zu unserem Wissen verschafft habe?

Neben Thora und ihm selbst war Soptor die einzige Überlebende der AETRON, die von furchtsamen Menschen vernichtet worden war. Aber statt sich ihm und Thora anzuschließen, war die Halbarkonidin an der Seite des Roboters Rico durch den Transmitter in der Unterwasserkuppel gegangen – Wochen, bevor der unheilbare Krebs, der in Crest wuchs, ihn selbst dazu gebracht hatte, auf dieselbe Weise sein altes Leben unwiderruflich hinter sich zu lassen.

Wie immer man es nennen mag, was sie getan hat, meldete sich sein Logiksektor nach einer für ihn ungewöhnlich langen Pause zurück, es ist ihr nicht gut bekommen.

Crest blieb vor Soptor stehen. Er versuchte Blickkontakt mit ihr aufzunehmen, aber ihre Augen mit den silbernen Iriden waren stumpf. Als nähmen sie ihre Umgebung nicht wahr – oder als wäre die Halbarkonidin noch gefangen von dem, was sie durchgemacht hatte. Crest dachte zurück an die eigenen Erlebnisse. Wie viel Leid hatten sie während ihrer Odyssee durch Raum und Zeit mit ansehen müssen? Wie viele Entbehrungen hatten sie erduldet? Wie oft hatten sie geglaubt, ihr Leben wäre verloren?

»Was ist mit ihr?« Seine Frage war an Tatjana Michalowna gerichtet. Die Telepathin stützte Soptor jetzt, indem sie beide Hände unter ihre Achseln geklemmt hatte. Als handele es sich bei ihr um eine Betrunkene – oder eine große Puppe.

»Sie hat Angst«, antwortete die Menschenfrau.

»Wieso? Sie braucht keine Angst zu haben. Wir sind am Ziel unserer Reise angekommen! Dies muss die Welt des Ewigen Lebens sein.«

»Vielleicht gerade deshalb?« Ihr Ton war schneidend.

Was war mit Michalowna? Spürte sie nicht die Erhabenheit dieses Ortes? Crest musterte forschend die Telepathin. Er hatte die junge Frau, die ihn einst mit ihrem Wissen um die wahre Mission der AETRON erpresst hatte, mögen und schätzen gelernt. Sie war eine sensible, verletzliche Persönlichkeit – und zugleich zuweilen härter und unnachgiebiger als selbst sein Extrasinn. Eine Folge ihrer telepathischen Gabe, wie Crest annahm. Michalowna verfügte über Kräfte, von denen ein gewöhnlicher Mensch nur träumen konnte – aber im Gegenzug war ihr die gnädige Unwissenheit verwehrt, was andere Menschen über sie dachten. Die Telepathin musste sich schützen, und sie tat es oft mit Härte gegenüber sich selbst und anderen.

»Ich wüsste nicht, was wir ausgerechnet hier zu befürchten hätten«, entgegnete Crest. »Soptors Zustand muss einen anderen Grund ...«

Ein Ruf unterbrach ihn. »Crest! Tatjana! Sehen Sie!«

Trker-Hon zeigte mit einem seiner kräftigen Arme auf das Landefeld. Dort war eines der Fluggeräte aufgestiegen und nahm Kurs auf den Hügel. Lautlos kam es auf sie zu.

»Man kommt, um uns zu begrüßen!«, rief Trker-Hon.

»Ja, das muss es sein«, pflichtete Crest ihm bei. Plötzlich erfasste auch ihn Unruhe. In seinen Gedanken stiegen Bilder auf. Vor wenigen Tagen waren sie auf dem Halbplaneten Tramp aus einem Transmitter wie diesem getreten. Ein pfeilförmiger Gleiter war aus der nahen Stadt aufgestiegen. Der insektoide Orgh Gal-Enn hatte sie ehrerbietig begrüßt, doch innerhalb von Stunden hatten sie um ihr Leben fürchten müssen ...

Lass dich von der Frau nicht verrückt machen!, flüsterte sein Extrasinn. Tramp liegt lange hinter uns! Die Ähnlichkeiten sind oberflächlich und dem Zufall geschuldet!

Der Ton mutete Crest unangemessen scharf an. Michalowna war dem Extrasinn unheimlich. Die Telepathin drohte ihm den Status der unergründlichen Entität zu rauben, auf der sein Selbstverständnis ruhte. Doch in der Sache hatte der Gedankenbruder recht. Tramp war ein sterbender Planet gewesen, eine Welt des Todes. Dies hier war eine Welt des Lebens. Des Ewigen Lebens. Michalowna sah Gespenster.

»Gleich werden wir den Unsterblichen gegenübertreten«, sagte Trker-Hon. »Wie sie wohl aussehen werden?«

»Nicht, wie wir erwarten, denke ich.«

Das Fluggerät ging mit derselben Lautlosigkeit, mit der es durch die Luft glitt, neben dem Platz nieder. Seine Form erinnerte an einen Tropfen. Die untere Seite des Rumpfs war kobaltblau, die obere glitzerte silbern. Crest glaubte die Umrisse zweier Wesen in dem Glitzern zu erahnen, einer davon klein, wie der eines Kindes. Übergangslos bildete sich eine Öffnung in dem Gefährt.

Ein Unsterblicher trat hervor.

Er sah aus wie ein Mensch.

Wie war das möglich? Handelte es sich bei den Unsterblichen, die das Netz der Transmitter gesponnen hatten, etwa um Menschen? Oder um Arkoniden? Allein der Gedanke war absurd. Crest hatte die Menschen achten gelernt, doch ihre Zivilisation war primitiv, reichte nicht über die engen Grenzen ihrer Heimatwelt hinaus. Die Menschen träumten in ihren Religionen von der Unsterblichkeit, mehr nicht. Aber selbst den Arkoniden war, ebenso wie ihren zahlreichen Abkömmlingen, trotz ihrer märchenhaft weit fortgeschrittenen Technologie der Sieg über den Tod verwehrt geblieben.

Der Unsterbliche kam auf sie zu.

Er war hochgewachsen und schlank und trug eine einteilige Kombination. Sie leuchtete im gelben Licht der Sonne, nahm einen dunklen Ton an, als er den Schatten einer Säule passierte, um dann wieder zu Gelb zu wechseln.

Vor Crest da Zoltral und Trker-Hon blieb er stehen. »Willkommen auf Wanderer, Ehrenwerte!«, sagte er und hob eine Hand in einer Geste der Begrüßung. Crest registrierte, dass die Nägel seiner Finger übergangslos ins Fleisch übergingen. Er registrierte die grünblauen Augen, das Haar, das die Farbe von Sand war und von innen heraus zu leuchten schien. Und er registrierte die Sprache: Der Unsterbliche hatte sie auf Arkonidisch begrüßt!

Ein Zittern erfasste Crest. Sein Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Seine Gedanken rasten, als er verzweifelt nach einer dem Augenblick würdigen Entgegnung suchte.

Da hörte er hinter sich einen Schrei. Spitz und sich überschlagend, voller Pein. Er wollte sich umdrehen, herausfinden, von wem der Schrei kam, als neben ihm ein Schemen nach vorne schoss.

Er war schwarz. Sein Kopf war von einem fleckigen rostroten Flaum bedeckt.

Quiniu Soptor. Unaussprechlicher Hass glitzerte in ihren silbernen Iriden.

2.

Carfesch

»Carfesch! Wanderer liegt vor uns!«

Das Schiff riss den Kundschafter aus seiner Versunkenheit. Carfesch hatte nicht geschlafen. Seit so langer Zeit nicht mehr, dass er nicht mehr hätte sagen können, wie Schlaf sich anfühlte.

»Danke ...«, sagte er. Die Silben lösten sich nur zäh aus seinem lippenlosen Mund. Im Zustand der Versunkenheit war er weit weg von den Dingen. Vielleicht war das der Grund, weshalb er ihn dem Schlaf vorzog. Im Schlaf träumte er von Inkadye. Er hielt sie in den Armen, ganz fest. Klammerte sich an sie. Aber sosehr er sich auch mühte, sie entglitt ihm.

»Alles in Ordnung?«, fragte das Schiff. »Deine Vitalwerte ...«

»... sind ganz allein meine Sache!« Jäh kehrte Carfeschs Aufmerksamkeit zurück. »Du übertrittst deine Befugnisse.«

»Ich folge lediglich meinem Gewissen. Ich ...«

»Du weißt nicht, wovon du redest, Schiff!«, schnitt er dem Computer das Wort ab. »Zeig mir die Welt der Ewigkeit!«

Übergangslos verschwanden die Wände der kleinen, spärlich eingerichteten Kabine. Carfesch fand sich im Weltraum wieder. Es war, als schwebte er im All, ohne Schutzanzug, ganz auf sich gestellt. Sterne hingen in der Schwärze. Winzige Leuchtfeuer, uniform und doch lockend. Carfesch drehte sich um die Achse, machte so einen Lichtpunkt aus, größer als die übrigen.

Wanderer.

Carfesch dachte zurück an Ambur. An den greisen Thort, dessen letzte Minute er geteilt hatte. »Das Muster der Sterne ist gefrorene Musik«, hatte der dreiäugige Ferrone ihm gesagt.

Die Sterne waren das Letzte, was der Herrscher über das Wega-System gesehen hatte – einem der prächtigsten und zugleich elendsten Orte, denen Carfesch je gewahr geworden war.

Prächtig, weil die blauweiße Riesensonne eine Schar von dreiundvierzig Planeten versammelt hatte und diese wiederum Hunderte von Monden. Leben gedieh auf mindestens einem halben Dutzend dieser Welten in einer Vielfalt, die Carfesch wie ein Sinnbild für die Vielfalt des Lebens anmutete.

Elend, weil die Ferronen dieses Geschenk, das ihnen das Universum gemacht hatte, nicht zu schätzen gewusst hatten. Statt sich der Pracht ihrer Heimat zu erfreuen, hatten sie einander mit Krieg überzogen, hatten sie sich selbst, ja das Leben insgesamt an den Rand der Ausrottung gebracht. Der Krieg, den die Ferronen das Dunkle Zeitalter nannten, war nun zu Ende. Dank des Thort, dank Carfeschs Wirken. Nur ...

»Du bist traurig«, stellte das Schiff fest.

»Nein, nachdenklich.«

»Der Thort?«

»Ich will nicht ...«, setzte er an, aber besann sich eines Besseren. Das Schiff durchschaute ihn ohnehin. »Ja, der Thort«, gab er zu.

»Ich bin kein organisches Wesen«, sagte das Schiff, »aber mir scheint es, dass ein besseres, erfüllteres Leben als jenes, das der Thort Guall gelebt hat, kaum möglich ist. Er war einst ein einfacher Bursche, ein Krüppel. Dazu bestimmt, im Krieg der Ferronen ein frühes, gewalttätiges Ende zu finden. Stattdessen ist er zum Herrscher aller Ferronen aufgestiegen, hat er das Dunkle Zeitalter zu einem Ende gebracht. Sein drittes Auge hat es ihm erlaubt, Dinge zu sehen und Einblicke zu erhalten, die organischen Lebewesen für gewöhnlich verschlossen bleiben.« Das Schiff schwieg einige Sekunden lang, als benötige es die Zeit, um nachzudenken. Was es natürlich nicht tat. Das Schiff hatte lediglich von Carfesch die Wirksamkeit rhetorischer Pausen gelernt. »Das Leben des Thort hatte einen Sinn. Wieso trauerst du um ihn?«

»Das verstehst du nicht«, sagte Carfesch.

»Du bist arrogant.«

»Nein!«

»Nein? Dann beweis es mir!«

Der leuchtende Punkt, den Carfesch für Wanderer hielt, war näher gekommen. Er war jetzt ungefähr so groß wie eine Faust, die er mit den sieben Fingern seiner Hände formte. Vorsichtig natürlich, um sich nicht mit den eigenen Krallen zu verletzen.

Der Kundschafter gab sich einen Ruck. Was hatte er schon zu verlieren? Das Schiff war sein einziger Gefährte. Wenn er nicht wagte, sich ihm anzuvertrauen, welchen Sinn hatte dann noch seine Existenz? »Der Thort starb nicht in Frieden«, sagte er.

»Er hätte es tun sollen«, hielt das Schiff dagegen. »Er hatte jeden Anlass dazu. Doch was bedeuten schon die wenigen Momente der Verzweiflung angesichts einer erfüllten Existenz? Sie fallen nicht ins Gewicht.«

Das Schiff verstand ihn tatsächlich nicht. Nicht in dieser Hinsicht. Aber vielleicht in anderer? »Der Thort wollte nicht sterben!«

»Kein organisches Lebewesen möchte sterben. Aber alle sterben irgendwann. Selbst die Unsterblichen. Doch dem Thort ist es vergönnt weiterzuleben.«

»Ein anderer, der sich Thort nennt, tritt an seine Stelle!«

»Und damit ist er unsterblich, nicht? Was den Thort ausmacht, ist sein Werk. Der neue Thort wird das Werk des ersten Thort nahtlos fortführen. Und seine Nachfolger werden es ihm für viele Generationen gleichtun. Was verlangst du noch, Carfesch?«

Der Lichtpunkt, der Wanderer darstellte, hatte sich nun in zwei geteilt.

Die Frage des Schiffs hallte in seinen Gedanken nach. Ja, was verlangte er noch? Antworten? Carfesch diente ES seit langer Zeit, in unverbrüchlicher Treue. Aber Carfesch war kein blinder Gehilfe. Der Kundschafter war ein aufmerksamer Beobachter, ein Wesen, das sich nicht mit dem Augenschein zufriedengab. Carfesch ging den Dingen auf den Grund.

ES hatte überall im Wega-System Transmitter aufstellen lassen. Carfeschs Herr hatte dafür gesorgt, dass Guall Zugang zu dem Netz der Transmitter fand. Und mithilfe der Geräte, die den Transport von Welt zu Welt in Nullzeit ermöglichten, hatte Guall sich zum Thort aufgeschwungen, hatte er das Dunkle Zeitalter beendet und den Ferronen den Frieden gebracht.

Nur: Weshalb hatte ES den Krieg der Ferronen überhaupt zugelassen? Wäre es ihm nicht ein Leichtes gewesen, ihn zu verhindern?

Carfesch dachte über ein Jahrhundert zurück – an Reyan, den siebten Planeten der Wega. Eine Wasserwelt von berückender Schönheit. Der Kundschafter war mit seinem Schiff über Reyan abgeschossen worden – und wäre im Ozean der Wasserwelt ertrunken, hätte ihn nicht ein humanoides Wesen, das zu einem Mann namens Perry Rhodan gehörte, aus dem Wrack gerettet. Rhodan war mit einer Handvoll Gefährten in Raum und Zeit verschollen gewesen, und dennoch hatte er versucht, die Konferenz der Rebellen, mit der der Krieg der Ferronen seinen Ausgang nahm, zum Frieden zu bewegen. Vergeblich natürlich. Rhodan war nur ein gewöhnliches Lebewesen. Im Gegensatz zu ES.

Wanderer war jetzt so nahe, dass Carfesch Einzelheiten erkennen konnte. Er blickte auf eine grünblaue Welt, mehrere, von dichtem Grün bewachsene Kontinente und weite tiefblaue Meere. Eine der beiden Kunstsonnen, die Wanderer umkreisten, schickte sich an, auf die abgewandte Seite zu wechseln, während das Licht der zweiten bereits einen Strahlenkranz bildete, der die zugewandte Seite in scharfem Kontrast erscheinen ließ.

Es wäre für das Schiff ein Leichtes gewesen, Sonden vorauszuschicken, um auch die abgewandte Seite des Planeten zu erfassen. Doch das kam nicht infrage. ES beliebte ein solches Vorgehen nicht.

Wie ES beliebt hatte, die Ferronen über ein Jahrhundert lang einander abschlachten zu lassen.

»Du denkst an Perry Rhodan?«, fragte das Schiff.

»Ja.«

»Du hättest ihn und seine Gefährten auf Ambur nicht in mich eindringen lassen dürfen«, tadelte ihn das Schiff.

»Rhodan hat mir auf Reyan das Leben gerettet, bevor du und ich zueinanderkamen. Ich folge meinem Gewissen. Ich stehe in seiner Schuld.«

»Das mag sein. Aber glaubst du ernsthaft, du könntest deine Schuld auf diese Weise zurückzahlen? Rhodan wird sterben, das weißt du. Seine Begleiter werden sterben.« Das Schiff legte erneut eine rhetorische Pause ein. »Und du, Carfesch, wirst sterben!«

Er würde sterben ... Carfesch fühlte in sich hinein, beobachtete, was die Worte in ihm auslösten. Er tat es mit einer fast befremdlichen, kühlen Distanz. Der Gedanke an den Tod, stellte er fest, machte ihm keine Angst. Er würde ...

... plötzlich legte sich ein Schleier über die Wahrnehmung des Kundschafters. Die Lichtpunkte der Sterne, Wanderer und seine beiden Sonnen, zerflossen vor seinen Augen. Als betrachte Carfesch seine Umgebung durch eine Scheibe aus Glas, über die bei einem heftigen Gewitter Wasser herabströmte. Der Kundschafter glaubte den Boden unter den Füßen zu verlieren, zu fallen. Er ging in die Knie, streckte die Arme aus und stützte sich mit beiden Händen auf dem Boden des Schiffs ab, der nach wie vor existierte. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in den Nacken und ...

... und seine gewöhnliche Wahrnehmung kehrte zurück.

Nichts schien verändert. Mit einer kleinen, unwichtig anmutenden Ausnahme: Die Position der Kunstsonnen hatte sich sprunghaft verändert. Nur eine war zu sehen. Sie hing beinahe direkt über der Stadt, die ES die Glänzende nannte. Die andere Sonne stand jetzt hinter Wanderer, strahlte den Planeten von der anderen Seite her an.

Doch der Schein trog, die Ausnahme war von größter Wichtigkeit. Alles hatte sich verändert.

»Wir haben einen Zeitsprung absolviert«, meldete das Schiff.

»Was? Wohin und wie weit?«

»Dreißig Jahre zurück in die Vergangenheit«, sagte das Schiff mit einem Gleichmut, der nicht gespielt war. Das Schiff war hoch entwickelt, aber blieb eine Maschine. Eine Zeit war für das Schiff so gut wie jede andere.

»Wozu?«, fragte Carfesch.

»ES gibt keine Begründungen, das weißt du«, belehrte ihn das Schiff. »Ich habe lediglich einem Fernimpuls gehorcht. Deine Aufregung ist unangemessen, deine Vitalwerte bewegen sich in Bereichen, die deinem Wohlbefinden nicht zuträglich sind.«

»Ich habe dir bereits gesagt, dass dich meine Vitalwerte nichts angehen!«, fuhr er das Schiff an.

»Es ist Rhodan«, entgegnete das Schiff, als hätte es seine Zurechtweisung nicht gehört. »Er lastet auf dir. Soll ich ihn und seine Leute in die Verschränkung versetzen? Die beiden Ferronen Garrean und Shim sind ...«

»Nein.«

»Du ziehst die sofortige Eliminierung vor?«

»Nein!«, brüllte Carfesch.

»Dein Widerstand ist unangemessen. Es ist besser so. Für dich und für Rhodan. Ich versichere dir, er und seine Begleiter werden vor ihrem Tod nicht leiden. Das ist dir doch wichtig, nicht?«

»Nein!«, wiederholte Carfesch. »Ich will nicht, dass Rhodan stirbt! Du tust ihm und seinen Gefährten nichts an! Verstanden?«

»Nein, ich habe nicht verstanden. Ich werde deiner Anordnung dennoch folgen. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«

Carfesch verzichtete auf eine Entgegnung. Er richtete sich vorsichtig auf, hielt die Arme ausgestreckt, als traue er dem Boden unter seinen Füßen nicht länger.

Wanderer war jetzt zum Greifen nahe. Die Kunstsonne erhellte den Großteil der ihnen zugewandten Seite des Planeten. Nur am Rand verlief eine schwarze Sichel. Dort herrschte die kurze, geisterhaft helle Nacht.

Die Welt des Ewigen Lebens.

ES würde Carfesch einen Splitter der Unsterblichkeit verleihen auf der abgewandten Seite Wanderers. Es war höchste Zeit für den Kundschafter, er spürte es in seinen Knochen, in denen sich ein Schmerz breitgemacht hatte, den keine Medizin, die das Schiff aufzubieten hatte, auszulöschen vermochte.

Für einen Moment verschwamm Wanderer wieder vor Carfesch. Doch diesmal absolvierte das Schiff keinen Sprung durch die Zeit. Ein lebensechtes Abbild entstand vor dem Kundschafter, nahm ihm die Sicht auf Wanderer.

Ein humanoides Wesen war vor Carfesch erschienen. Ein flüchtiger Beobachter hätte es mit einem Menschen wie Perry Rhodan verwechseln können, aber der Kundschafter besaß ein scharfes Auge. Die Perfektion des Wesens, das ihm gegenüberstand, hätte ihm seine Natur verraten, auch dann, wenn es ihm nicht längst vertraut gewesen wäre.

Das Wesen war eine Maschine.

»Homunk!«, stellte Carfesch statt einer Begrüßung fest. »Was wollen Sie von mir?«

»Ihren Bericht, Kundschafter.« Die Maschine verzichtete ebenso wie Carfesch auf die Begrüßung. »Aber fassen Sie sich kurz! Ich befinde mich auf dem Weg, eben eingetroffene Ehrenwerte zu begrüßen.«

»Mein Auftrag ist erfüllt«, sagte der Kundschafter lapidar. Es war ihm recht, nicht viele Worte verlieren zu müssen. »Die Dynastie der Thorts ist gesichert und damit der Frieden unter den Ferronen. Der Planet Ambur wurde vom ersten Thort an uns übereignet. Die Vorbereitungen laufen nach Plan. Ambur wird sich in Kürze auf den Weg machen, den ES für ihn bestimmt hat.«

Carfesch verschwendete keinen Gedanken daran, dass sein Bericht sich auf Ereignisse bezog, die von seinem jetzigen Standort dreißig Jahre in der Zukunft lagen. Für ES hatten Begriffe wie Vergangenheit und Zukunft keine Bedeutung. ES schuf sich seine Gegenwart, wie es ihm beliebte.

»Gut.« Homunk machte eine knappe Geste, die Zufriedenheit signalisieren sollte. »Landen Sie!«

»Das werde ich.«

Homunks Umrisse zerflossen – und gewannen ihre Schärfe zurück, als die Maschine ihre Aufmerksamkeit noch einmal dem Kundschafter zuwandte.

»Ungewöhnliche Vorkommnisse?«, fragte Homunk.

»Nein«, log Carfesch und hoffte, dass der Maschine sein Zögern, seine geringfügig höhere Stimmlage entging. Oder sie sie wenigstens nicht zu deuten wusste. »Wie kommen Sie darauf?«

»Nur so.« Homunk verschwand, diesmal endgültig.

Carfesch spürte ein Kribbeln unter den Krallen. Es stammte von den winzigen Symbionten, die dort lebten und sich von den abgestorbenen Hornschuppen seiner Haut ernährten. Sie spürten seine Aufregung.

»Das war nicht klug von dir«, sagte das Schiff, leiser als üblich. Auch der Computer musste erst verarbeiten, was er gehört hatte. Carfesch hatte eine Grenze überschritten. »Homunk beobachtet dich genau. Er glaubt seit Langem, dass du ES kein guter Diener bist. Früher oder später wird deine Lüge offenbar werden und dann ...«

»Das wird sie nicht!«, schnitt Carfesch dem Schiff das Wort ab. »Nicht, wenn du meine Befehle befolgst. Und jetzt lande endlich!«

3.

Homunk

Was tut sie hier? Sie hätte niemals zurückkehren dürfen!

Homunks Gedanken überschlugen sich, als die Frau auf ihn zurannte. Sie hatte die Arme weit nach vorne gereckt, ihre langen Fingernägel erinnerten ihn an die Krallen eines Raubtiers.

Die Intotronik rührte sich nicht. Homunk mutete dem flüchtigen Beobachter an wie ein organisches Wesen, schwach und verletzlich. Doch er war eine Maschine. Nichts, was diese Frau, in deren Augen Wahnsinn und Hass standen, auszurichten vermochte, konnte ihm etwas anhaben.

Was ist mit Rico?, fragte sich die Intotronik. Wieso hat er das zugelassen?

Zwei Schritte trennten ihn noch von der Frau. Homunk betrachtete, analysierte sie. Er registrierte ihren schütter und matt gewordenen Flaum aus Federn, den Schmutz unter den langen, rissig gewordenen Fingernägeln, er roch ihren stechenden Schweiß.

Quiniu Soptor tat ihm leid.

Homunk hob die Arme, um die Angreiferin abzufangen, sie zu fixieren, bis ihre Kräfte erlahmten.

Doch es kam nicht dazu. Ein zweiter Schemen löste sich aus dem Gleiter, sprang Soptor entgegen.

»Jymenah, nein!«, rief Homunk, der die Bewegung bereits im Ansatz erkannt hatte. Er benutzte die Sprache seines Herrn, die den eben auf Wanderer eingetroffenen Ehrenwerten unbekannt war.

Jymenah hörte nicht. Die Zwergin rammte die Halbarkonidin mit voller Wucht in den Bauch. Soptor schrie auf. Der Schrei verwandelte sich in ein kraftloses Stöhnen, ihre Augen traten aus den Höhlen. Soptor knickte ein. Die Zwergin und die Halbarkonidin verwandelten sich in ein Knäuel, das sich überschlagend über den Boden rollte und einige Meter von Homunk entfernt zum Liegen kam.

Einen Augenblick lang rührte sich nichts, schien es, als hätte die Zwergin die Frau mit ihrem Kopfstoß getötet. Dann bäumte sich Soptor auf. Sie packte Jymenah, trieb ihre Fingernägel in das Fleisch der Zwergin. Diese brüllte vor Schmerz und Überraschung auf.

»Jymenah, hör auf!« Homunk übertönte den Schrei seiner Dienerin mühelos.