Perry Rhodan Neo 28: Flucht ins Dunkel - Christian Humberg - E-Book

Perry Rhodan Neo 28: Flucht ins Dunkel E-Book

Christian Humberg

3,0

Beschreibung

Er ist der wohl einsamste Mensch der Galaxis: Dr. Eric Manoli, der Arzt, der mit Perry Rhodan zum Mond flog und dort auf die Außerirdischen traf. Zu Beginn des Jahres 2037 sitzt er auf dem fernen Planeten Topsid fest - als einziger Mensch unter Milliarden von intelligenten Echsen. Unter den fremdartigen Wesen muss sich der Arzt durchsetzen. Seine Lage wird angespannter, als ein verheerender Bürgerkrieg die Hauptstadt des Planeten erschüttert. In Begleitung einer ehemaligen Soldatin und einer mysteriösen Flugechse schlägt sich Manoli durch die Unterwelt der gigantischen Stadt. Sein Ziel ist der Raumhafen - dort will er versuchen, mithilfe eines Raumschiffes zurück zur Erde zu kommen. Auf der Erde selbst scheint alles seinen geregelten Gang zu gehen. Die Stadt Terrania als Keimzelle der vereinigten Menschheit wächst und gedeiht. Doch auch hier wird intrigiert und gespitzelt. Im Zentrum des Interesses steht der Stardust-Tower, das höchste Gebäude der Erde. Droht hier etwa ein Terror-Anschlag?

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Band 28

Flucht ins Dunkel

von Christian Humberg

Er ist der wohl einsamste Mensch der Galaxis: Dr. Eric Manoli, der Arzt, der mit Perry Rhodan zum Mond flog und dort auf die Außerirdischen traf. Zu Beginn des Jahres 2037 sitzt er auf dem fernen Planeten Topsid fest – als einziger Mensch unter Milliarden von intelligenten Echsen. Unter den fremdartigen Wesen muss sich der Arzt durchsetzen.

Seine Lage wird angespannter, als ein verheerender Bürgerkrieg die Hauptstadt des Planeten erschüttert. In Begleitung einer ehemaligen Soldatin und einer mysteriösen Flugechse schlägt sich Manoli durch die Unterwelt der gigantischen Stadt. Sein Ziel ist der Raumhafen – dort will er versuchen, mithilfe eines Raumschiffes zurück zur Erde zu kommen.

»Mein Blick wanderte zu dem gestrandeten Schiff, welches die Brandung des Meeres und die beachtliche Entfernung beinahe vor mir verbargen, und ich dachte: Herr, wie war es möglich, dass ich das Ufer erreichte?«

Daniel Defoe, »Robinson Crusoe«

Prolog

Die Nacht des Jägers

Kerh-Onf brannte.

Alle paar Häuserblocks loderten im Kern der Stadt neue Feuer aus den Straßenschluchten empor und zauberten flackernde Schatten auf die Fassaden. Die Luft roch nach Rauch und der Asche des Vergänglichen.

Der Jäger stand auf dem Balkon und ließ seinen Blick über die Feuer, Brücken, Sumpfparks, Schatten und den ganzen Rest der eigentümlichen Szenerie schweifen, lauschte dem Treiben in den Straßen unter ihm.

Es waren Freudenfeuer, das wusste er. Unzählige Topsider standen in diesen Stunden um die gewaltigen Brandherde versammelt und feierten den Anlass, der sie zusammengeführt hatte: das Fest der drei Monde, deren Licht sich auf den Dächern der weitflächigen Metropole am südlichen Rand der Groogwain-Ebene spiegelte. Scharenweise zogen die Topsider durch Kerh-Onfs Straßen, verharrten an den Markt- und Essensständen und wohnten mal länger, mal kürzer den künstlerischen Darbietungen bei, die nahezu an jeder Ecke stattfanden.

Alle schienen in dieser Nacht auf den Beinen zu sein, alle Millionen und Abermillionen Einwohner der Hauptstadt des Despotats von Topsid. Sie feierten das Leben, das die Monde dem Volksglauben nach symbolisierten, wenn sie in dieser seltenen Konstellation über Topsid prangten – im Himmlischen Gelege. In keiner anderen Nacht wurden so viele Nachkommen gezeugt, fanden sich so viele Paare. Jeder, vom Standbetreiber bis zum Straßenkünstler oder -prediger, brannte zum Dreimond mit dem inneren Feuer der Begeisterung.

Doch dem Jäger war nicht nach Feiern zumute.

Du wirst hier nie wirklich ankommen, oder?, ertönte eine Stimme. Sie existierte nur in seiner Phantasie, und trotzdem klang sie wie ein trauriges Seufzen.

Der Jäger hob den Blick von dem bunten Trubel in der Tiefe und sah tadelnd auf das klobige Armband an seinem rechten Handgelenk.

Dann stutzte er. Also doch ...

Den ganzen Abend schon hatte er das Gefühl, dass etwas geschehen würde. Er konnte es nicht begründen, nicht mit Fakten untermauern – aber er hatte gelernt, seinem Bauchgefühl zu vertrauen. In seinem Metier zahlte sich das aus.

Und jetzt ... Fragend und ein wenig abwartend schaute er wieder hinunter zu den Dächern und Gassen. Die festliche Atmosphäre hatte sich verändert. Nicht für die Feiernden, noch nicht, aber für ihn, ihren stummen Beobachter.

Etwas geschah dort draußen. Jetzt, in diesem Moment. Etwas, das ...

Ein lauter Knall riss ihn aus seiner Anspannung und bestätigte seine Befürchtung. Kam das aus Khir-Teyal? Der Jäger wandte den Blick nach links und in Richtung des Gettos. Tatsächlich: Schwarzer Rauch stieg von einigen der Bauten dort auf.

Das ist kein Freudenfeuer.

Und es blieb kein Einzelfall. Schon knallte es wieder, nun irgendwo nahe dem Regierungsviertel. Dann ein drittes, ein viertes Mal. In schneller Folge erschütterten die Explosionen die Metropole. Der Jäger hörte Alarmsirenen erschallen, sah die Feiernden ratlos die Köpfe drehen. Gehört das zum Fest?, schienen ihre fragenden Mienen zu sagen und Ich fürchte nicht das angstvolle Flackern, das er in ihren Augen ahnte. Aus dem Fest des Lebens drohte ein Triumph des Todes zu werden.

Unruhe kam auf. Panik. Der Jäger beobachtete, wie erste Grüppchen die Straßen hinabrannten. Rücksichtslos und von der Furcht getrieben, bahnten sie sich ihre Wege durch die Feiernden, schubsten und drängelten. Manche schrien auf. Mit jedem neuen Knall wurden es mehr.

Der Jäger schaute reglos zu. Im Gegensatz zu ihnen sparte er sich seine Kräfte auf. Er ahnte, dass er sie bald brauchen würde.

Und abermals trog ihn sein Instinkt nicht. Kaum war die jüngste Explosion zwischen Kerh-Onfs mondbeschienenen Häusern und Türmen verklungen und von etwas wie erschrockener Stille ersetzt worden, meldete sich sein Kommunikator vom Schreibtisch her. Der Jäger sah ein letztes Mal hinab auf die Stadt, nickte knapp und trat zurück in die Wohnung.

Im Inneren des Turmes war es wärmer als draußen auf dem Balkon. Die Wände heizten noch nach, gaben die am Tag gespeicherte Sonnenwärme ab. Das gefiel ihm. Es war so ziemlich das Einzige an dieser Bleibe, die er bewohnte, obwohl sie ihm so wertlos war wie der falsche Name an ihrer Tür, dem er mehr als nur zweckmäßigen Nutzen abgewinnen konnte.

Ein prachtvoller Teppich zierte die rechte Wand des Wohnzimmers. Er zeigte, kunstvoll gefertigt, historische Ereignisse aus der Frühzeit Topsids. Der Jäger ignorierte ihn wie üblich. Mit schnellen Schritten trat er an ihm vorbei und zum steinernen Tisch auf der anderen Seite des Wohnzimmers. Dort lag sein handtellergroßes schwarzes Kom-Gerät und summte nach wie vor.

Der Jäger ergriff es und nahm den Anruf an, ohne das Display eines Blickes zu würdigen. Es gab ohnehin nur eine Person, die ihn auf diesem Weg kontaktierte. »Ich höre, Megh-Takarr.«

Aus dem kleinen Fenster in der Mitte des rechteckigen Geräts erwuchs die Darstellung eines markanten Gesichts. Schnitte und Schrammen zierten es, und nicht nur ein dünner Blutfaden rann aus ihnen. Dennoch wirkte Megh-Takarr nicht, als befinde er sich in Gefahr – zumindest nicht mehr. »Ich habe einen neuen Auftrag für Sie, Gihl-Khuan«, knurrte er ebenso zornig wie grußlos. »Einen, der nicht warten kann, verstehen Sie?«

Der Jäger deutete ein Kopfnicken an und senkte kurz den Blick. »Ich verstehe. Geht es um die Explosionen?«

»Was?« Für einen Moment wirkte der Herrscher über alle Topsider verwirrt. »Nein, nein. Obwohl: auch.«

Gihl-Khuan zog sich den Hocker heran, hob den Echsenschwanz aus dem Weg und nahm Platz. Sein Geist schaltete auf Aufnahme, bereit für die Details, die sein Auftraggeber ihm gleich mitteilen würde. »Dann also um den Arkoniden.« Eine Feststellung, keine Frage.

Megh-Takarrs kleine gelbe Augen funkelten. »Sie hat ihn mir genommen«, zischte er. »Diese ... diese dreckige Verräterin von einer Hure ist mit meinem Preis auf und davon! Finden Sie sie, Gihl-Khuan. Ganz egal, was es kostet und welche Opfer es Ihnen abverlangt – finden Sie die beiden und bringen Sie mir mein Eigentum zurück!«

»Das werde ich«, sagte Gihl-Khuan. Es war kein leichtfertig gegebenes Versprechen, sondern tiefste Überzeugung. Gewissheit. Im Gegensatz zu dem emotional aufgewühlten Despoten hatte sich der Jäger unter Kontrolle und wusste, was er tat. »Erzählen Sie mir mehr, Herr. Sie sprachen von einer Verräterin?«

»Khatleen-Tarr.« Verächtlicher hätte kein Name ausgesprochen werden können. »Sie stammt aus Bismall-Kehns Sündenpfuhl im Zum Purpurnen Gelege, aber ihr Werdegang unterscheidet sich von dem anderer Huren.«

Mit wenigen Worten beschrieb der Despot, was während der vergangenen Stunden in dem Freudenhaus in Khir-Teyal vorgefallen war. Von dem Versprechen, das der exzentrische Herr des Geleges ihm gegeben und dann nicht gehalten hatte. Immer wieder kehrte er bei seinen Schilderungen jedoch zu der Frau zurück, zu Khatleen-Tarr. »Ich habe sie inzwischen überprüfen lassen, Gihl-Khuan. Die entsprechenden Daten gehen Ihnen umgehend zu. Unterschätzen Sie sie nicht. Sie ist mehr, als sie zu sein vorgibt.«

»Soll heißen?«

Es war nicht Gihl-Khuans Art, seinen Auftraggeber zu mehr Klarheit zu ermahnen, doch Megh-Takarr ritt auf einer Welle aus Zorn, die ihm den Boden des Nüchternen und Wesentlichen zu überfluten drohte.

Zu Gihl-Khuans Glück bemerkte der Despot die kleine Maßregelung gar nicht. »Dass sie desertierte!«, wetterte er. »Kurz nach der Wega-Invasion. Sie tauchte einfach unter, entfernte sich von der Flotte. Steht alles in den Daten.«

Eine Einzelgängerin ... Für den Bruchteil eines Augenblicks empfand der Jäger fast so etwas wie Verständnis für seine Beute. Topsid mochte zwar nominell seine Heimat sein, wirklich heimisch fühlte er sich auf dieser Welt jedoch ebenfalls nicht. Längst nicht genug, um für sie kämpfen und das Leben riskieren zu wollen. Er war nur dem Despoten treu, die Welt kümmerte ihn nicht.

»Sie sagten, ich solle die beiden Flüchtlinge aufspüren«, fasste er den Auftrag zusammen, »aber nur einen, den Arkoniden, zu Ihnen bringen. Was, Herr, soll mit der Deserteurin geschehen?«

Megh-Takarr schnaubte. »Von mir aus können Sie ihr jede Schuppe einzeln ausreißen und sie dann in der Ebene erfrieren lassen. Tun Sie, was immer Sie wollen, aber bringen Sie mir den Mann, hören Sie? Bringen Sie ihn mir lebend!«

Abermals nickte Gihl-Khuan. »Er wird Topsid nicht verlassen. Und er wird mir nicht entgehen.«

Der Herrscher schien noch etwas sagen zu wollen, doch ein Ereignis zu seiner Linken, das außerhalb des Übertragungsfensters lag, lenkte ihn ab. Gihl-Khuan sah, wie das Abbild die Mundwinkel verzog, dann trennte Megh-Takarr die Verbindung. Abschiedsworte waren ohnehin nie seine Sache gewesen.

Es gab auch keinen Grund für sie. Der Jäger wusste, was er zu tun hatte. Alles war gesagt ...

Kühler Nordwind wehte von draußen herein und brachte die erdfarbenen Vorhänge in ihren Halteschlaufen zum Schwingen. In der Luft lagen Sirenengeheul und das Versprechen von Weite, vom endlos scheinenden Nichts in der Ebene jenseits der Stadt. Es erinnerte den Jäger so stark an die Nächte auf Buntayn, dass es fast schmerzte.

Gihl-Khuan atmete tief ein und legte den Kommunikator zurück auf die Tischplatte. Dann stand er auf und trat zum Wandteppich. Suchend glitt sein Blick über die historischen Szenen, bis er schließlich die Darstellung der Schlacht um Bor-Tha fand. Gihl-Khuan streckte die Hand aus und hielt sie so dicht vor die schmucke Webarbeit, dass kaum noch Luft zwischen seine Schuppen und Bor-Thas Stoff gewordenes Denkmal passte.

Sofort begann der gesamte Teppich zu flackern. Die verborgene Positronik erkannte Gihl-Khuans Handabdruck, gewährte ihm den Zugriff, den er wünschte – und einen Augenblick später waren Teppich und Wand Geschichte. Wo sie sich angeblich befunden hatten, fiel Gihl-Khuans Blick nun auf einige Quadratschritte weiterer Raumfläche. An der echten Wand, von der ihn nun wieder fünf Fußbreit trennten, hing sein Waffenarsenal, wie er es zurückgelassen hatte.

Gihl-Khuan nahm einen Dolch, hielt ihn in die Höhe. Ein Strahl Mondlicht, der durch die offene Balkontür fiel, spiegelte sich auf der silbernen Klinge und ließ sie funkeln. »Khatleen-Tarr«, flüsterte der Jäger in die Stille des Raumes, und mit einem Mal war er zu Hause.

1.

Der Spion, der in die Kälte kam

Terrania, 9. Januar 2037

Der Stardust Tower ragte in den frühmorgendlich blauen Himmel über der Wüste Gobi wie ein Versprechen, das jeden Tag aufs Neue in einer fremden Sprache gegeben wurde; einer, die man nicht mit den Ohren und dem Intellekt, sondern mit dem Bauch erfasste. Den Emotionen. Zweitausend Meter maß dieses Symbol der geeinten Menschheit inzwischen, und es wuchs noch immer.

Lhundup stand auf der anderen Straßenseite des Turmeingangs, dort, wo die Häuser und Straßen mittlerweile wirkten, als wollten sie eins mit dem Fuß des imposanten Riesen in ihrer direkten Nachbarschaft werden. Einmal mehr fasziniert, legte er den Kopf in den Nacken, kniff die Lider enger zusammen, um seine Augen vor den noch recht schwachen Strahlen der Sonne zu schützen, und schaute staunend nach oben. Sofort wurde ihm schwindlig. Im Changthang fanden sich Berge, die weit höher als der Stardust Tower waren, doch wann immer er direkt vor diesem stand, konnte er Ersteres kaum noch glauben.

»Es soll ja Leute geben«, erklang eine Stimme in seinem Rücken, in die sich ein leises Lachen mischte, »die, obwohl sie kerngesund und stocknüchtern sind, nicht gerade stehen können. Raus damit, bist du krank, oder hast du getrunken?«

Lhundup senkte beschämt den Blick und legte die Arme, die er ruckartig ausgebreitet hatte, um sein Gleichgewicht zu halten, wieder an den Körper. Dann erst drehte er sich um. »Weder noch, Jun. Ich bin nur ... nicht ganz schwindelfrei, fürchte ich.«

»Sagte er und befand sich doch vor und nicht auf dem Turm«, ergänzte Bai Jun und kam näher. Sein Lächeln nahm den Worten ihren Tadel. Auf der Jutetasche, die er um die Schulter trug, prangte eine fröhlich lächelnde Sonne.

Lhundup mochte den stets zu ein wenig Großspurigkeit neigenden Bürgermeister Terranias, auch wenn mitunter der ehemalige General mit ihm durchging. Kurz nach dem Sturm auf die Stadt, dem Bruch mit China und dem Ableben von Juns einstigem Adjutanten He Jian-Dong hatte Lhundup sich Jun angeschlossen ... oder, besser ausgedrückt, aufgedrängt. Lhundup, der einfache Infanterist, war seinen Instinkten gefolgt und Bai Jun so lange nicht von der Seite gewichen, bis dieser gedroht hatte, ihn zu erschießen – um ihn anschließend, nachdem Lhundup sich von der Drohung nicht hatte einschüchtern lassen, zu seinem persönlichen Assistenten zu machen. Deswegen stand Lhundup nun in der morgendlichen Kälte und sah seinen Arbeitgeber halb erwartungsvoll, halb skeptisch an.

»Du hast mich herbestellt«, sagte Lhundup, als Bai Jun nicht gleich das Wort ergriff.

Der Bürgermeister schwieg weiter. Dann fragte er: »Was machen deine Verletzungen?«

Lhundup hob die Hand zur Stirn, wo die Ärzte seine Wunde hatten klammern müssen. Zwei Tage waren seitdem vergangen. »Sie heilen. Und wie geht's dir?«

Seit den Ereignissen um die mysteriöse Cui hatten sie einander kaum gesehen und keine Zeit für ein längeres Gespräch unter vier Augen gefunden. Lhundup konnte nicht von sich behaupten, das Geschehen inzwischen vollumfänglich verstanden zu haben, aber er wusste, dass die Gefahr gebannt und die Normalität wiederhergestellt war. Andererseits aber gab es so etwas wie Normalität in Perry Rhodans Wüstenstadt ohnehin nicht.

»Wie soll es armen Leuten schon gehen?«, fragte Bai Jun lapidar zurück.

Lhundup spürte, dass Jun auf diese Floskel keine Antwort erwartete, sondern sich vielmehr selbst vor einer drückte, und beschloss, nicht nachzuhaken.

Der Blick des mittelgroßen Mannes wanderte zum Stardust Tower. »Ich habe dich herbestellt, ganz recht. Ich möchte, dass du einen weiteren Auftrag für mich erledigst. Einen ganz besonderen.«

Allmählich kam Leben in Terranias Straßen. Erste Geräusche hallten die Gassen und Wege entlang, Gesprächsfetzen, Motorenklang, Schritte auf dem Pflaster. Hier wurde ein Fenster geöffnet, von da wehte der Duft frischen Kaffees herüber. Die Stadt mochte jung sein, aber sie war auch schon groß und ihre Bevölkerungsdichte nicht zu unterschätzen. Lhundup hatte nie etwas Größeres gesehen, was von Menschenhand geschaffen worden war. Zwar hatten die anfänglichen Menschenströme ein wenig nachgelassen, doch kamen nach wie vor Unmengen an Träumern, Idealisten und Entwurzelten aus aller Herren Länder an Terranias Grenzen, um in diesem staatenlosen, von national beschränkten Weltanschauungen und politischem Geklüngel freien Ideal einen Neuanfang zu versuchen und ein neues – oder endlich ein – Zuhause zu finden.

Lhundup mochte diese Zeit rund um den Sonnenaufgang, wenn der Tag noch jung und unbelastet war, voller Möglichkeiten. Nicht selten zog er dann durch die leeren Straßen, beeindruckt von der Stadt und ihren Versprechen. Nur schade, dass es eine so verflixt frühe Zeit war. »Ich höre«, sagte er und mühte sich vergebens, ein Gähnen zu unterdrücken.

Bai Jun schien es nicht zu bemerken oder war gnädig genug, darüber hinwegzusehen. »Was weißt du über diesen Turm, Lhundup?«

Er runzelte die Stirn. Seit er seine tibetische Heimat verlassen und sich ebenfalls Rhodans Traum verschrieben hatte, war er nur selten mit Fragen konfrontiert worden, die ihm ebenso sinn- wie ziellos erschienen. Daher beschloss er, auch diese nicht für eine solche zu halten – vorerst.

»Schätzungsweise so viel wie die meisten hier«, antwortete er. »Der Stardust Tower ist nach dem Raumschiff benannt, in welchem Rhodan, Bull, Manoli und Flipper zum Mond reisten. Er wächst und wächst, und obwohl täglich weiter an ihm gearbeitet wird, haben die Bewohner Terranias bereits viele seiner Etagen bezogen.«

Im Erdgeschoss halfen Vertreter der Stadt Bürgern bei ihren administrativen und organisatorischen Fragen. Die direkt darauffolgenden Stockwerke beherbergten eine von Dr. Haggard und dem derzeit vermissten Dr. Manoli geleitete Klinik. Dann kamen Wohnungen – unter anderem die Homer G. Adams', des Administrators und somit gewissermaßen Juns direkten Vorgesetzten – und weitere Büros. Aber all das war Jun hinlänglich bekannt. Wem half es, diese Informationen wiederzukäuen?

»Er birgt Geheimnisse, Lhundup«, sagte der Bürgermeister leise und sah zu ihm. »Solche, die offenbar nicht einmal der Vorsteher dieser Stadt erfahren darf. Nenn mich paranoid, aber wenn ich in meinen langen Jahren beim Militär eines gelernt habe, dann zu erkennen, wenn mich andere für dumm verkaufen wollen. Und so leid es mir tut: Administrator Adams versucht es.«

Lhundup fuhr sich mit der Hand durch das kurze schwarze Haar. Daher wehte der Wind also. Bai Jun ärgerte sich noch immer über die Geheimniskrämerei, die Adams bei der Sache mit der Energieversorgung an den Tag gelegt hatte. Obwohl: Ärgern war vermutlich der falsche Begriff.

Vor wenigen Tagen war das Fusionskraftwerk Guanghui I außerhalb der Stadt in Betrieb gegangen. Entgegen vorherigen Zusicherungen hatte Homer G. Adams allerdings einen Gutteil der dort erzeugten Energie exklusiv dem Stardust Tower zuführen lassen und nicht der Gesamtheit Terranias. Lhundup wusste, dass Jun den alten Mann damit konfrontiert hatte. Er wusste aber auch, dass der Bürgermeister bei dieser Konfrontation nichts hatte erreichen können. Adams' Entschluss stand, eine Rechtfertigung blieb der Administrator Bai Jun bis heute schuldig.

Und ich soll jetzt Adams hinterherspionieren? Lhundup sah sich schon wie ein Geheimagent um Häuserecken lugen oder mit falschem Bart und Perücke getarnt die Stadtoberen observieren. Ein albernes Bild.

In seiner Kindheit hatten die Nomaden des Changthang so manchen eisig langen Winterabend mit gemeinschaftlich zelebrierten Filmvorführungen überstanden. Dicht an dicht hatten sie sich in eines ihrer großen Zelte gedrängt, in dem jemand irgendwelche Raubkopien auf batteriebetriebenen Displays abspielte. Es waren alte Streifen gewesen, teilweise sogar uralte, und doch hatten Lhundup und seine Stammesanhänger jeden einzelnen genossen. Nicht obwohl, sondern gerade weil die in ihnen geschilderten Geschichten und gezeigten Figuren sich so grundlegend von der Realität in den tibetischen Hochebenen unterschieden. Insbesondere der britische Geheimagent James Bond hatte es dem Kind Lhundup angetan. Und nun sollte er selbst zu einem Bond werden? Er bezweifelte, dass er dazu das nötige schauspielerische Talent besaß, von der Chuzpe ganz zu schweigen.

»Hast du denn gar nichts Neues in Erfahrung bringen können?«, fragte er unglücklich und ungläubig.

»Machst du Witze?«, erwiderte Bai Jun mit ein wenig militärischer Schärfe im Ton. »Meine Fühler sind längst ausgestreckt, meine Kontakte aktiviert. Erst gestern Abend saß ich wieder mit Sicherheitskoordinator Allan Mercant beisammen, aber ...«

Lhundup stutzte. Das ungute Gefühl, das mit der Vorstellung, in eine James-Bond-Rolle schlüpfen zu müssen, gekommen war, blieb. »Aber?«, hakte er vorsichtig nach und bedauerte es im selben Augenblick.

»Du magst doch den Traum Terranias, oder?«, fragte Bai Jun mit leisem Lächeln. »Du bist gern ein Teil von ihm, baust mit uns allen an unserer gemeinsamen Zukunft als Terraner.«

»Äh ... ja?« Lhundup hasste es, wenn sein Verstand nicht ganz mit dem Tempo der Ereignisse mithalten konnte, aber wachsam genug war, ihn das spüren zu lassen. In solchen Momenten kam er sich vor, als wolle sein eigener Geist ihn auf den Arm nehmen – und das erfolgreich!

Bai Jun griff in die Jutetasche und zog ein sorgsam gefaltetes Etwas hervor. Es war braun und, so begriff Lhundup plötzlich mit nicht geringem Entsetzen, garantiert in der richtigen Größe.

»Herzlichen Glückwunsch, Lhundup. Deine Bewerbung als Baugehilfe am Stardust Tower wurde soeben akzeptiert.« Der Bürgermeister zog sein Pod aus der Hosentasche und las die Uhrzeit vom Display ab. »Du kannst in ... vierzig Minuten anfangen. Mack und die anderen erwarten dich an der Hauptpforte.«

Bewerbung? Ist wohl nichts mit falschem Bart und Perücke, dachte Lhundup seufzend. Dann sah er wieder nach oben. Und schluckte. »Aber Jun, ich ... ich habe Höhenangst.«

»Und ich den dringenden Wunsch nach drei Wochen Urlaub am Strand.« Bai Jun schlug ihm so aufmunternd auf den Rücken, dass Lhundup einen Schritt nach vorn machen musste, um nicht umzufallen. »Aber das Glück ist mit dem, der seine eigenen Wehwehchen zu ignorieren versteht, wenn er es muss. Ich wette, dieser Onkel Dalaimoc, dessen Sinnsprüche du ständig zitierst, würde mir da zustimmen.«

Lhundup kam nicht umhin, Jun recht zu geben. Auch wenn es ihm vorkam – zumindest ein klein wenig und nicht mit dem Intellekt, sondern dem Bauchgefühl –, als unterschreibe er damit sein eigenes Todesurteil.

»Luhkneppel?«

»Hier.«

»Kaesbrod?«

»Hier.«

Der Stift flog über das Klemmbrett, hakte ab. Der amerikanischstämmige Ingenieur, der ihn führte und die Namen aufrief, war von durchschnittlicher Statur, hatte mittig gescheiteltes kurzes Haar, in dem die ersten grauen Stellen zu erkennen waren, und stets die Andeutung eines Lächelns in den Mundwinkeln. Auf seinem braunen Overall prangte in Brusthöhe ein Aufnäher mit der Aufschrift »David A. Mack«.

Und er sah Lhundup recht genervt an.

Der junge Tibeter blinzelte erschrocken und merkte erst dann, dass er seinen eigenen Namen überhört haben musste.

»Du musst Lhundup sein, Kleiner«, sagte Mack. »Alle anderen auf meiner Liste sind bereits abgehakt.«

Lhundup spürte die amüsierten Blicke der restlichen Truppe auf sich ruhen. »Was? Äh, natürlich. Ja, ich ... Verzeihung, aber ... Ich bin Lhundup.«

»Kein Name, für den man sich entschuldigen müsste«, sagte Mack schmunzelnd. »Und fürs nächste Mal: Ein einfaches ›Hier‹ genügt vollkommen.« Er reichte Klemmbrett und Stift an seinen Nebenmann weiter, einen stämmigen Skandinavier mit dunklen Ringen unter den verschlafenen Augen. Dann klatschte er in die Hände. »Also gut, meine Damen und Herren. Wunderschönen guten Morgen und willkommen in Bautrupp Delta. Ihr seid hier, weil ihr Lust auf harte, aber lohnenswerte Arbeit habt und euch beim Gedanken an mehrere hundert oder gar tausend Meter Höhe nicht gleich das Frühstück wieder in den Mund schießt, richtig?«

Die vor dem Haupteingang des Stardust Towers versammelten fünfzehn Personen nickten; es waren Männer und Frauen unterschiedlichster Hautfarben und Altersklassen, die allesamt den gleichen Typ Overall trugen. Lhundup dachte an 007 und nickte auch.

Alle Anwesenden verstanden Mack, denn er sprach Terranisch, die sich entwickelnde Sprache dieser Stadt. Zwar wurden dank Terranet die Landessprachen ihrer Bewohner inzwischen fast perfekt simultan übersetzt, doch bedienten sich immer mehr Terrania-Bewohner ihrer eigenen. Auch das, wusste Lhundup, stiftete Identität.

»Wunderbar.« Mack nickte seinem Begleiter zu. »Rogen, sagen Sie unseren Küken, was ihnen bevorsteht.«

Der Skandinavier trat vor. Sein blondes, zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar leuchtete im Sonnenschein. »Ihr werdet mithelfen, dieses prachtvolle Gebäude in meinem Rücken zu errichten. Damit leistet ihr einen direkten, bedeutenden Beitrag zum Gesicht und dem Selbstverständnis Terranias. Aber bevor ihr damit anfangt ...«, er hielt inne und grinste so breit, dass Lhundup schon wieder ganz anders wurde, »... haben wir eine kleine Überraschung für euch. Folgt mir.«

»Ihr habt den Mann gehört, Leute. Alles in den Turm, aber schnell!«

Der Befehlston war eindeutig scherzhaft gemeint und schien Mack ernsthaft Spaß zu bereiten. Unter anderen Umständen hätte Lhundup seinen Sinn für Humor auch geschätzt. Nun aber folgte der junge Tibeter den beiden Ingenieuren und den übrigen Berufsanfängern mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube ins Innere des Stardust Towers. Wie er befürchtet hatte, ließen sie die Sprechzimmer der Stadtangestellten, vor denen sich bereits lange Warteschlangen gebildet hatten, links und rechts liegen.

Stattdessen ging es direkt zum Antigravschacht. Diese gut zwanzig Meter durchmessende Röhre bildete den Kern des gesamten Turmes. Sie erstreckte sich, so wusste Lhundup, bis weit in die obersten Etagen. Ein sogenanntes Antigravfeld, eines der vielen in Terrania durch arkonidische Technik erzeugten Wunder, ermöglichte Bewohnern und Angestellten des Towers, die einzelnen Stockwerke schnell und sicher zu erreichen.

»Alles einsteigen und das Rauchen einstellen!«, alberte Mack herum, als die Letzten der Gruppe auf dem Feld eintrudelten. Kaesbrod und Luhkneppel lachten vergnügt.

Lhundup, der aus gutem Grund die Treppen bevorzugte, schloss die Augen, als sein Körper den Bodenkontakt verlor und auf die bereits vertraute und dennoch unangenehme Weise in die Höhe schwebte. Das, da war er sich fast sicher, hatte selbst der Agent Ihrer Majestät nie erleiden müssen.

Die Reise endete im sechzigsten Stock. Höher reichte das Feld nicht. Noch nicht?

Lhundup atmete aus. Falls sie mit uns noch weiter hinauffahren wollen, müssen sie in die Kabinenlifte wechseln, die einzig die Bautrupps benutzen. Deren Kabinen sind mir deutlich lieber als dieses freie Schweben.

»Bitte alles umsteigen!« Mack schien Lhundups Einschätzung prompt zu bestätigen.

Als der Tibeter die Augen öffnete, trottete die Gruppe den beiden Ingenieuren zu den Kabinenliften hinterher. Diese führten zum Teil auch außen am Gebäude vorbei, wo eine komplexe, am Turm selbst verankerte Konstruktion aus Fahrstuhlbahnen und Gerüsten für die Arbeiter hing, und nach oben. Lhundup war beinahe starr vor Schreck, als er sie sah. Er musste sich zwingen, den anderen zu folgen.

Die Reise wurde eng und unruhig. Die Kabinen, rechteckige Käfige aus gelb lackiertem Metall und silbernem Blech, ruckelten stoisch nach oben. Die Luft wurde merklich dünner, je höher sie fuhren, und roch nach Schmieröl. Lhundup stand inmitten seiner erwartungsvoll lächelnden Begleiter, die sich in den Fahrstuhl gezwängt hatten, und fühlte sich dem Tode nah, krampfhaft bemüht, den angstvollen Blick nicht von den Gesichtern der anderen abzuwenden – aus Sorge, stattdessen in das entsetzlich schrankenlose und tiefe Draußen zu sehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der letzte einer ganzen Reihe von mal im, mal am Gebäude angebrachten Aufzügen, die sie benutzen mussten, zum Stehen. Metall quietschte und klackte, als Halterungen einrasteten, über deren Stabilität Lhundup nicht nachdenken wollte. Dann drückte Rogen einen Knopf auf der pechschwarzen flachen Steuerkonsole, und mit lautem Rattern öffnete sich die Kabinentür.

»Wir sind da«, verkündete Mack unnötigerweise. »Höher geht's nicht.« Lächelnd öffnete er einen breiten Spind im hinteren Bereich des Käfigs und entnahm ihm einige gefütterte Arbeitsjacken, die er an die Gruppe verteilte.

»Zieht sie an, Leute!«, riet Rogen, der ebenfalls in eine Jacke schlüpfte und Handschuhe aus ihren Taschen zog. »Und bleibt nah beieinander, wenn wir jetzt aussteigen. Hier oben ist der Turm alles andere als bezugsfertig, wie ihr seht. Und wir wollen nicht, dass einer von euch unfreiwillig in die Luft geht.«

Er nickte Mack kurz zu und ging los. Lhundup und die anderen folgten seinem Beispiel. Ihr Weg führte sie in einen kahlen grauen Korridor aus Faserbeton. Erst jetzt merkte Lhundup, dass die Kälte, die er empfand, nicht allein von seiner Angst, sondern vor allem von der Tatsache herrührte, dass diese Etage allem Anschein nach bislang kaum Außenwände und Fenster besaß. Statt auf geschlossene Zimmer- und Wohnungstüren blickte er auf einen Rohbau. Unverputzte Stützsäulen ragten zu einer Decke empor, aus der unverkleidete elektrische Kabel ragten und auf die immer mal wieder händisch Bauanweisungen gekritzelt worden waren. Türrahmen warteten stumm auf fehlende Türen, Fensteröffnungen auf das Glas, das sie komplettieren würde.

Lhundup schlug das Herz bis zum Hals. Rogen geleitete die Gruppe in einen leeren großen Raum, dessen Außenwand eine milchige Plastikplane war, die sich im Wind bog. Er löste eine ihrer Ecken aus ihrer Halterung, schlug sie beiseite und stellte sich rücklings an den so entstandenen Abgrund. Er lächelte. Hinter ihm waren nur noch der Himmel und der Horizont.

»In Ordnung, Frischlinge.« Auch Mack lächelte aufmunternd. Er musste fast brüllen, denn der Wind pfiff am Ende des Fußbodens ordentlich und übertönte beinahe alles andere. »Etwa zehn Meter über uns befindet sich die aktuelle Spitze dieses beeindruckenden Bauwerks. Höher als wir war bislang kaum jemand, denn hier wird der Großteil der Arbeiten noch von autonomen Maschinen erledigt.«

»Und was wollen wir hier?«, fragte eine stämmige Asiatin unsicher.

Macks Lächeln mutierte zum Grinsen. »Es wird Zeit für eure Stardust-Taufe.«