Perry Rhodan Neo 59: Die entfernte Stadt - Oliver Fröhlich - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird. Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen - und schließlich die Menschheit in einem einzigen, freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union. Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Der Gelehrte Crest da Zoltral offenbart ihm, dass die Koordinaten der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert sind. Rhodan startet unverzüglich mit einigen Gefährten ins All: Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert. Im Juni 2037 erreicht Rhodan das Arkon-System. Währenddessen brechen Atlan und Belinkhar, der Arkonide und die Mehandor, zu den Himmelsstädten über Arkon II auf. Ihre Mission: Unterstützer für den Sturz des Regenten zu gewinnen ...

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Seitenzahl:212

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Zeit:5 Std. 38 min

Sprecher:Hanno Dinger


Band 59

Die entfernte Stadt

von Oliver Fröhlich

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird.

Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen – und schließlich die Menschheit in einem einzigen, freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union.

Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Der Gelehrte Crest da Zoltral offenbart ihm, dass die Koordinaten der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert sind. Rhodan startet unverzüglich mit einigen Gefährten ins All: Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert.

Im Juni 2037 erreicht Rhodan das Arkon-System. Währenddessen brechen Atlan und Belinkhar, der Arkonide und die Mehandor, zu den Himmelsstädten über Arkon II auf. Ihre Mission: Unterstützer für den Sturz des Regenten zu gewinnen ...

1.

Die Himmelsstadt

Atlan – Damals

»Ich habe eine Vision.« Issrod lächelt. Furchen kerben die braun gebrannte Haut um seine Augenwinkel.

Der Konstrukteur ist vom Anblick von Gath'Etset gefangen. Ich kann ihn verstehen.

Wie Dutzende anderer Arkoniden schauen wir aus dem Panoramafenster der MUR'ESTERANT. Der Überwachungsraumer kreist als einer von dreien langsam um die Baustelle weit über Arkon II. Sehr weit darüber. Nicht umsonst nennt man das, was Issrods Aufmerksamkeit so fesselt, Gath'Etset, die entfernte Stadt.

Das Seil, das 23.000 Kilometer unter uns in den Orbitalfahrstuhl mündet, ragt uns entgegen wie der dünne, blütenlose Stiel einer Blume. Doch an diesem geschichtsträchtigen Tag soll es seine Blüte bekommen. Vier Konstruktionsschiffe halten sie mit Traktorstrahlen zwischen sich gefangen, ziehen, schieben und justieren – so lange, bis die SHE'BALAI unter großem Jubel der Zuschauer andockt.

Ich denke über den 800-Meter-Raumer nach, der die Keimzelle der entfernten Stadt bilden soll. Eine schöne Symbolik, ein Schiff zu wählen, dessen Name »Sternenblüte« bedeutet.

»Erzähl mir von deiner Vision«, bitte ich den Konstrukteur, nachdem sich der Jubel gelegt hat.

»Noch ist Gath'Etset einzigartig und klein. Doch die Stadt wird wachsen. Und es wird andere geben, eine zweite, eine dritte, vielleicht sogar eine vierte Stadt im Orbit. Lass dir eines gesagt sein, Atlan: Mit dem heutigen Tag bricht Arkon II in eine neue Epoche auf!« Seine Pupillen sind leicht geweitet, als er davon spricht; eine Träne tritt ihm aus dem Augenwinkel. Er kann seine Erregung kaum verbergen. Warum sollte er auch?

Ich versuche, mir ein Bild von Issrods Wunschvorstellung zu machen. Es gelingt mir nicht.

Dennoch glaube ich meinem Freund. Ich wünsche ihm, dass er recht behält.

Und ich wünsche mir, dass Gath'Etset, die entfernte Stadt, dieser Triumph arkonidischer Technik, auf ewig erhalten bleibt.

Atlan – Gegenwart

»Achtundzwanzig!«, stieß ich hervor. »Issrod würde tanzen vor Freude.«

Auf dem Sitz neben mir löste Belinkhar den Blick vom Fenster der Fähre und schaute mich an. »Ich kann dir nicht folgen. Wer ist Issrod?«

»Ein alter Freund. Er war der Konstrukteur der ersten Himmelsstadt.«

»Du kanntest den Baumeister von Gath'Etset'Moas? Dann muss er ein sehr alter Freund gewesen sein.«

»Damals nannte man die Station nur Gath'Etset, die entfernte Stadt. Ein Anlass, sie zu nummerieren, bestand ja noch nicht. Issrod hat immer davon geträumt, dass eines Tages weitere Himmelsstädte entstehen würden. In seiner kühnsten Vision ging er von vieren aus – und das konnte ich mir schon nicht vorstellen. Aber achtundzwanzig? Das hätte selbst er nicht für möglich gehalten.«

Ich sah an Belinkhar vorbei ins All hinaus. Wie hatte sich meine Heimat in den zehntausend Jahren meiner Abwesenheit verändert.

Aus dem Tiga Ranton, den drei Welten, war das Lenim Ranton geworden. Es kreisten nicht mehr nur die Kristall-, die Handels- und die Kriegswelt in der Form eines gleichseitigen Dreiecks auf derselben Umlaufbahn um das Zentralgestirn des Arkon-Systems, sondern mit der Elysischen Welt zog nun ein vierter Planet seine Kreise. Allerdings stand dessen Umlaufbahn in rechtem Winkel zu der des Tiga Ranton und schnitt sie sogar.

Diese erste Überraschung hatte ich inzwischen überwunden. Und nun bot sich mir beim Anblick der Handelswelt Arkon II die nächste. Vom Äquator ragten achtundzwanzig Fahrstuhlseile bis in den Orbit zu je einer Himmelsstadt – wie Speichen von einer Radnabe. Zwischen den Städten spannte sich ein dichtes Geflecht, das den Planeten in ungefähr 25.000 Kilometer Höhe wie ein Gürtel umgab. Ein mit Blicken kaum zu entwirrendes Chaos aus geraden, geschwungenen oder abgewinkelten Verbindungsröhren, die im Licht der Sonne golden, silbern oder feuerrot schimmerten. Sie umwanden einander, liefen zu dickeren Strängen von mehreren Hundert Metern Durchmesser zusammen, gabelten sich erneut. Dazwischen fanden sich Knotenpunkte. Stationen in Kugelform, als Zylinder, Quader, Pyramide oder ohne erkennbares geometrisches Konzept.

Das Geflecht wirkte wie organisch gewachsen, ungezügelt und wild. Sosehr sich Issrod über die Menge der Himmelsstädte gefreut hätte, sosehr hätte ihm das Durcheinander des Gürtels missfallen. »Klare Strukturen beweisen einen klaren Geist.« Es sah nicht so aus, als wären die ihm nachfolgenden Architekten und Konstrukteure seinem Wahlspruch gefolgt.

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – beeindruckte mich der Anblick. Dass ich die Lehne meines Sitzes umklammerte, bemerkte ich erst, als meine Hand zu schmerzen begann. Eine Träne rann mir über die Wange, eine zweite wischte ich mir aus dem Auge.

Gath'Etset'Moas, die Entfernte Stadt Eins, war im Laufe der Jahrtausende gewachsen. Aus dem Rumpf des 800-Meter-Raumers war inzwischen eine mindestens zwei Kilometer durchmessende Kugel mit Beulen und Ausbuchtungen geworden.

Schau dir die Entwicklung der Menschheit in zehntausend Jahren – vor allem im letzten Jahrhundert – an und rechne sie auf eine bereits zu Beginn dieser Spanne technisierte Kultur hoch. Dann sollte dich der Anblick von Arkon II nicht mehr überraschen, sondern als logische Entwicklung erscheinen.

Mein Gedankenbruder hatte recht. Wie so oft.

»Glaubst du, wir tun das Richtige?«, fragte Belinkhar.

Ich riss mich von dem Gürtel aus Himmelsstädten los und lehnte mich zurück. »Was meinst du?«

Die Mehandor sah über die Sitzreihen der Passagierfähre hinweg, doch mehr als einen Arkoniden vor und einen Ara weit hinter uns gab es nicht zu entdecken. Trotzdem senkte sie die Stimme. »Die anderen mit ihrer Suche allein zu lassen. Schließlich hängt von ihrem Erfolg das Fortbestehen ihrer Heimat ab.«

Mir war durchaus bewusst, dass Perry Rhodan das Epetran-Archiv finden musste, wenn er verhindern wollte, dass Sergh da Teffron die Position der Erde erfuhr. Und immerhin hatten wir in der Person des Onat da Heskmar auf Iprasa eine vielversprechende Spur entdeckt. Trotzdem waren wir mit Rhodan übereingekommen, ihn bei seiner Suche vorerst nicht weiter zu unterstützen, sondern uns eigenen Zielen zuzuwenden.

»Und von unserem Erfolg hängt das Fortbestehen meiner Heimat ab«, erwiderte ich trocken, indem ich ihre Aussage nur leicht veränderte. Aber einen wichtigeren Unterschied konnte ich mir kaum vorstellen.

Da man nie wusste, wer einem zuhörte, verkniff ich mir den Rest: Da ich in Crysalgiras Garten offenbar einen falschen Regenten erschossen habe, müssen wir zum Wohle Arkons den richtigen stürzen. Dazu benötigen wir Unterstützung.

Belinkhar lächelte unsicher. »Ich weiß. Es ist nur ...« Sie wedelte mit der Hand. »Die neu erwachte Stimme in meinem Kopf hinterfragt alles, was ich entscheide.«

»Daran wirst du dich gewöhnen.«

»Wie war es bei dir kurz nach der Ark Summia?«

Ja, wie war es bei dir, als ich plötzlich bei dir war? Mein Gedankenbruder klang ... lauernd. Und tatsächlich interessiert.

»Ich habe mich daran gewöhnt«, wandelte ich meine vorherige Antwort ab.

Die Mehandor lachte auf. »Hoffentlich nicht erst nach tausend Jahren. So viel Zeit bleibt mir nämlich nicht.«

»Keine Sorge. Seit Ewigkeiten lassen Arkoniden ihren Extrasinn aktivieren und lernen, damit umzugehen.«

»Wenn meine Gedankenschwester nur nicht jedes Mal anderer Meinung wäre als ich.«

Ich schmunzelte. »Wenn sie dir immer zustimmen würde, wäre sie überflüssig. Findest du nicht?«

»Auch wieder wahr.« Nach einer kurzen Pause lächelte Belinkhar. »Gerade eben war sie der gleichen Ansicht. Ein erstaunliches Gefühl.«

»Na, siehst du? Ihr freundet euch schon an.«

Die Kugel der Himmelsstadt schob sich vor das Fenster der Fähre. Aus der Nähe wirkte sie wie ein narbiges Gesicht, voller Grate, Furchen und Löcher. Kopfgroße Drohnen umschwirrten eine Metallkuppel und machten sich mit Traktor- und Energiestrahlen an ihr zu schaffen. Ein automatisierter Reparaturtrupp, nahm ich an.

Ein Schott in der Außenhülle öffnete sich, und eine Plattform glitt heraus. Der Vergleich mit einem Tier drängte sich mir auf, das seine Zunge auslegte und wartete, bis sich die Beute darauf niederließ.

»Wir sind da«, stellte ich überflüssigerweise fest.

Die Passagierfähre landete auf der Plattform, die in die offene Luke zurückglitt und uns mit in den Hangar nahm.

»Herzlich willkommen in Gath'Etset'Moas«, sagte eine angenehm modulierte Computerstimme. »Bitte steigen Sie aus, und halten Sie sich für die Abfertigung und Sicherheitskontrolle bereit.«

Obwohl mir bewusst war, dass die äußere Schale der Stadt während meiner Abwesenheit von Arkon entstanden war, hoffte ich gegen alle Vernunft, etwas wiederzuerkennen – und sei es nur die Art der Bauweise.

Der Hangar lag in hellem Licht. Auf dem Boden leuchtete ein grünliches Feld, das sich bis zum eigentlichen Zugang in die Station erstreckte.

»Bitte halten Sie sich an die Markierung. Ich weise darauf hin, dass aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage Besuchern das Tragen von Energiewaffen verboten ist. Zuwiderhandlungen gelten als Verbrechen und werden unnachgiebig geahndet. Sollten Sie Waffen bei sich führen, deponieren Sie diese in den Aufbewahrungsfächern neben dem Zugangsbereich.«

Wir waren unbewaffnet gekommen, aber der Arkonide, der ein paar Reihen vor uns gesessen hatte, ging am Ende des grünen Felds schnurstracks auf eine Energiewand zu. Er kramte einen Strahler aus seinem Gepäck. Wie eine Irisblende öffnete sich in der schimmernden Wand ein Loch, hinter dem ein leeres Fach lag. Der Besucher deponierte die Waffe darin, und die Energielücke schloss sich wieder.

Ein Mehandor wieselte heran und hielt dem Arkoniden ein Terminal hin. Auf den ersten Blick erinnerte es an einen Schuh. Der Arkonide schob einen Chip in den Schlitz an der Ferse.

»Voraussichtliche Aufbewahrungsdauer?«, fragte der Mehandor.

»Sieben Tage.«

»Die Lagergebühr wird Ihrem Kreditkonto belastet. Das Aufbewahrungsfach hat sich auf Ihre biometrischen Daten geeicht und kann nur von Ihnen geöffnet werden.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich bin nicht zum ersten Mal hier.«

»Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Gath'Etset'Moas.«

Der Arkonide knurrte etwas, das seinen Dank ausdrücken mochte. Oder seine schlechte Laune.

Wir durchschritten einen Lichtvorhang und erreichten die Abfertigungshalle. War der Hangar bis auf unsere Fähre leer gewesen, so herrschte an diesem Ort das pralle Leben. Männer und Frauen flitzten zwischen den Stahl- und Kristallsäulen umher, Gepäckstücke, aber auch große Container glitten auf mehreren Ebenen über Transportbänder. Dazwischen stolzierten arkonidische Soldaten in Uniform durch die Menge. Stimmengewirr erfüllte die Halle. Man unterhielt sich, besiegelte Geschäfte per Handschlag, diskutierte, lachte.

Bevor wir uns ins Getümmel stürzen konnten, mussten wir eine Schleuse passieren, die uns bis auf die Knochen auf Waffen durchleuchtete. Zu meiner Erleichterung stellte der Zellaktivator, den ich an einer Kette um den Hals trug, kein Problem dar.

»Name?«, fragte eine Mehandor am Schalter hinter der Schleuse. Sie klang gelangweilt. Routiniert.

»Geramor da Findur«, antwortete ich.

Sie gab den Namen über ein Holofeld ein. Einen Identitätsnachweis verlangte sie nicht. Stattdessen reckte sie mir einen silbernen Handschuh entgegen. »Verfügen Sie über ein mit dem Kom- und Datennetz kompatibles Gerät, oder benötigen Sie ein Handkom?«

Ich nahm den Handschuh, bezahlte die Leihgebühr in bar von dem Geld, das aus der Verpfändung der TIA'IR übrig war, und legte ihn an.

Die Bedienung war selbsterklärend. Sobald ich die Hand drehte, dass die Handfläche zu meinem Gesicht wies, aktivierte sich ein Holodisplay über den Fingerspitzen, in dem man die unterschiedlichen Funktionen auswählen konnte.

Belinkhar tauchte neben mir auf. Sie trug ebenfalls einen Handkom. Mit der anderen Hand blätterte sie im Holo, bis sie fand, wonach sie suchte.

»Am besten verlieren wir keine Zeit.« Sie scrollte durch ein Namensverzeichnis. »Da wird sogar schon ein gewisser Geramor da Findur aufgeführt. Wenn ich wollte, könnte ich dich anrufen.«

Stattdessen wählte sie den Namen des Schlichters der Mehandor aus.

»So, Simodes«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu mir. »Dann wollen wir doch mal sehen, ob du dich noch an mich erinnerst.«

Binsal Hurlek

Einige Stunden zuvor

»Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.«

Binsal Hurlek strich sich über die Glatze. Unter der Handfläche spürte er die wenigen Stoppelhaare und den Schweiß seiner Nervosität. Und die verschorfte Wunde, die ihm ein Soldat der Garnison vor ein paar Tagen mit einem Schlagstock verpasst hatte.

Verdammte Arkoniden! Verdammtes Fußvolk des Regenten!

Das Halbdunkel und die Hitze im Wartungsgang des Hangars brachten ihn beinahe um den Verstand.

»Hast du ein besseres Gefühl dabei, dass die Flotte eine Garnison in Gath'Etset'Moas errichtet hat?«, fragte Geffin Lumikhas. Die hohe, nasale Stimme passte kein bisschen zu seinem massigen Leib.

»Natürlich nicht.«

»Wir müssen uns wehren, Binsal, und dem Regenten zeigen, dass er uns Mehandor nichts zu sagen hat. Die Himmelsstädte gehören uns, nicht ihm!«

»Das dürfte er anders sehen. Was, wenn man uns erwischt?«

»Für diese Frage ist es zu spät. Du hast dich uns angeschlossen, um den Vertragsbruch zu ahnden, den der Regent begangen hat. Nun steh auch dazu!«

»Das tu ich ja. Aber gleich auf diese Weise? Mit Gewalt? Indem wir Gath'Etset'Homen ausrauben, unsere eigene Himmelsstadt?«

»Eine andere Wahl bleibt uns nicht. Für den Sieg der Bösen reicht es aus, dass die Guten untätig bleiben. Das weißt du so gut wie ich! Also los, lass uns tun, wozu Magralon uns hergeschickt hat!«

Binsal Hurlek atmete tief durch und betastete die Hochdruckspritze in seiner Tasche. Sie enthielt ein hoch dosiertes Beruhigungsmittel für die wenigen Besucher, die nach einer Fahrt mit dem Orbitalaufzug die Nerven verloren, weil sie die Enge der Kabine nicht ertrugen.

Magralon, der oberste Vertragstreue und Führer ihrer Vereinigung, hatte ihm und Geffin das Medikament besorgt, das sonst sicher verwahrt in den Medizinschränken der Mediker ruhte. Mochten die Sternengötter wissen, wie er an die Spritzen gekommen war.

»Also gut.« Hurlek versuchte, die Stimme fest und selbstbewusst klingen zu lassen, scheiterte aber daran. Er hätte sich auf diesen Wahnsinn nicht einlassen dürfen, denn er wusste, dass der geplante Diebstahl nur den Anfang darstellte. Den Anfang einer Spirale der Gewalt. »Lass es uns durchziehen!«

Geffin Lumikhas sah auf die Zeitanzeige seines Kom-Armbandes. Im Gegensatz zu vielen anderen in Gath'Etset'Homen, der Entfernten Stadt Sieben, trug er keinen Handkom, weil – wie er sagte – der Handschuh ihm das Blut in den Fingern abschnürte. Aufgrund Geffins beachtlicher Körperfülle eine durchaus nachvollziehbare Argumentation. »Die nächste Fähre kommt in vierzig Minuten. Bis dahin musst du wieder draußen und weit weg sein.«

Lumikhas öffnete die Tür zum Besucherhangar und quetschte sich durch den schmalen Spalt. Binsal Hurlek folgte ihm mit erheblich weniger Mühe.

Im Zentrum der Halle standen zwei kleine Fähren auf den mobilen Landeplattformen. Die Passagiere waren längst ausgestiegen und durch einen Lichtvorhang in die Abfertigungssektion verschwunden. Die Piloten genehmigten sich eine Erfrischung in einer Bar oder suchten Entspannung in den Armen einer Frau oder eines Mannes. Hurlek beneidete sie.

Bis auf den Verwalter der Sicherheitsfächer, der hinter einem Raumteiler in seinem kleinen Büro auf der anderen Seite der Fährenhalle saß, war der Hangar menschenleer.

Sie passierten den Lichtvorhang und blieben vor einer bläulich schimmernden Energiewand stehen.

Geffin Lumikhas bedeutete Hurlek, an dieser Stelle auf ihn zu warten. Dann ging er davon, Richtung Büro. Er verschwand hinter dem Raumteiler, einer Metallwand.

Binsal Hurlek wartete. Verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Starrte zum Lichtvorhang und rechnete jederzeit damit, dass ein Soldat den Hangar betrat, um nach dem Rechten zu sehen. Was natürlich Unfug war, schließlich war die Garnison sechs Himmelsstädte entfernt untergebracht. Aber bei diesem Soldatenpack konnte man nie sicher sein.

Unwillkürlich berührte er die allmählich verheilende Platzwunde auf dem Schädel. Der Schweiß hatte den Schorf aufgelöst und brannte auf der verletzten Haut. Die spürbare Erinnerung an einen Soldaten, den er versehentlich angerempelt hatte. Ja, er war nach dem Besuch des Callatanoy auf Gath'Etset'Moas betrunken gewesen. Aber wer war das nicht, wenn er die beste Bar des gesamten Gürtels verließ? Und ja, er hatte den Soldaten angeschnauzt, er solle sich nicht so breitmachen, schließlich sei er in den entfernten Städten nicht zu Hause. Aber war das ein Grund, gleich den Schlagstock zu ziehen und einen Alkoholisierten niederzuschlagen? Mit blutendem Schädel war Hurlek nach Gath'Etset'Homen zurückgekehrt, hatte ohne Unterlass auf die Garnison geschimpft und sich geschworen, die Wunde nicht von einem Mediker behandeln zu lassen. Er wollte die Narbe als Erinnerung an die Willkür der Garnisonssoldaten behalten.

Im Nachhinein ärgerte er sich über seine Schimpftiraden. Ohne sie wäre Geffin Lumikhas nicht auf ihn aufmerksam geworden und hätte ihn nicht überredet, sich den Vertragstreuen anzuschließen. Dann stünde er nun nicht in diesem Hangar, verwickelt in eine Aktion, die er trotz seiner Abneigung gegen die Garnison für falsch hielt.

Hurlek sah zu der Metallwand, hinter der das Büro des Verwalters der Aufbewahrungsfächer lag. Wie lange dauerte es nur, bis Geffin zurückkam?

Ein Blick auf den Handkom verriet ihm, dass zwei Minuten seit ihrer Ankunft vergangen waren. Lächerliche zwei Minuten.

Wieder verlagerte er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und schaute zum Lichtvorhang. Eine schalldichte, aber dennoch hauchdünne Barriere, die ihn vom Getümmel in der Empfangshalle trennte. Es brauchte nur einer der Passagiere feststellen, dass er etwas in der Fähre vergessen hatte und in Begleitung eines Wachmanns ...

Er schob den Gedanken beiseite und ging zu dem Raumteiler, hinter dem Lumikhas verschwunden war. Ein kurzes Zögern, dann spähte er um die Kante.

Drei oder vier Meter vor ihm lag das Büro von Sindolo Murran. Eine winzige Glaskabine, ausgestattet lediglich mit zwei Stühlen, einem schmucklosen Tisch und einem Unterhaltungsholo, das gerade eine Abfolge nackter Mehandorfrauen in aufreizenden Posen zeigte. Gewiss keine im Datennetz gespeicherte Sendung. Murran musste sich von zu Hause einen eigenen Holochip mitgebracht haben.

Gefesselt von den Bildern wandten die zwei Männer im Büro Hurlek den Rücken zu. Sindolo Murran saß auf einem der Stühle, Geffin stand neben dem zweiten.

»Erinnerst du dich noch an die Arkonidin, die vor zwei Monaten in Gath'Etset'Homen zu Besuch war?«, hörte Hurlek seinen Kumpanen fragen. »Talara da Irgendwas? Diese runzlige Alte, die so mit Schmuck behängt war, dass sie nicht gerade stehen konnte?«

»Natürlich!«, antwortete Sindolo Murran. »Hat sie nicht das Haus galaktischer Freuden für ein Speiselokal mit Aussicht ins All gehalten?«

»Genau die meine ich. Als sie herausfand, welche Freuden man dort tatsächlich genießen kann, lief sie kreischend hinaus und rannte den Betreiber des Klubs um.«

»Hektun ist ja auch nur so dürr wie mein kleiner Finger. Den kann sogar eine vertrocknete Alte umwerfen. Warum fragst du? Was ist mit ihr?«

»Sie hat Hektun geheiratet.«

»Nein!«

Geffin lachte. »Wenn ich es dir doch sage. Sag mal, bewahrst du immer noch eine Flasche mit diesem köstlichen Laprosenschnaps in deinem Versteck auf?«

»Ist der Regent Arkonide?«

»Klar, wieso fragst du?«

Hurlek wunderte sich über Geffins Begriffsstutzigkeit. Ob er sich absichtlich dumm stellte?

»Vergiss es«, sagte der Verwalter. »Ja, ich habe was in meinem Versteck.«

»Magst du mir nicht ein Schlückchen anbieten?«

Sindolo Murran stand auf, durchquerte das Büro mit zwei Schritten und beugte sich nach unten, um hinter den Hologenerator zu greifen. In diesem Augenblick erhob sich Geffin vom Stuhl und zog die Hochdruckspritze aus seiner Tasche. Er setzte sie dem Verwalter in den Nacken. Ein kurzes Zischen erklang, dann kippte der Mann weg.

Geffin Lumikhas drehte sich um und sah Hurlek. »Was willst du denn hier? Du solltest doch bei den Aufbewahrungsfächern warten! Wenn er dich gesehen hätte ...«

»Hat er aber nicht. Warum hat das so lange gedauert? Wieso musstest du mit ihm unbedingt Anekdoten austauschen?«

»Weil er sonst Verdacht geschöpft hätte. Los jetzt, die Zeit drängt!«

Lumikhas griff nach einem kleinen Terminal auf dem Tisch.

Sie rannten zu der Energiewand. Geffin nahm ein paar Schaltungen an dem geraubten Kästchen vor, fluchte, versuchte es erneut, fluchte wieder.

»Was ist denn?«, fragte Hurlek.

»Na, was schon? Es geht nicht! Das siehst du doch.«

Hurlek griff nach dem Terminal. »Zeig mal!«

Geffin zog das Kästchen weg. »Meinst du, du kannst es besser als ich?«

»Nein, aber ich habe nicht so breite Finger.« Ich erwische nicht immer ein paar Holofelder auf einmal wie du, Fettsack! »Gib schon her!«

Widerwillig reichte Lumikhas ihm das Terminal. Binsal Hurlek gab die Kombination ein, die Magralon ihnen gesagt hatte – und die Energiewand erlosch.

»Siehst du?«

»Ja, ja, ist ja gut. Lass uns ernten!«

Vor ihnen türmten sich Hunderte von Verwahrungsfächern auf. Die meisten waren leer. Kein Wunder. Seit die Garnison eine der Himmelsstädte absicherte, gingen die Besucherzahlen zurück. Glücklicherweise traf das nicht auf die Händler zu.

In fünfzehn Fächern wurden sie fündig.

Aus einem holte Hurlek einen Handstrahler. Er legte die Finger um den Griff, versuchte ihn so zu halten, wie man es wohl tat, wenn man Erfahrung im Umgang mit Waffen besaß. Ihm jedoch behagte das Gefühl nicht.

»Trödel nicht!«, fuhr Lumikhas ihn an.

Binsal Hurlek ließ den Strahler in die mitgebrachte Tasche gleiten. Nachdem sie alle Fächer ausgeräumt hatten, aktivierten sie die Energiewand und kehrten ins Verwalterbüro zurück. Geffin Lumikhas warf das Terminal auf den Tisch, dann legte er sich auf den Boden und drapierte den Körper des Verwalters auf seinem.

Hurlek holte die Hochdruckspritze hervor, drückte sie seinem Kumpanen an den Hals – und zögerte.

»Nun mach schon!«, sagte Lumikhas.

Binsal Hurlek betätigte den Auslöser. Mit einem Zischen presste die Spritze das Betäubungsmittel durch die Hautporen in Geffins Kreislauf. Dessen Körper erschlaffte augenblicklich.

Für jeden, der die Bewusstlosen entdeckte, sah es nun so aus, als habe ein Eindringling zuerst Lumikhas und dann Sindolo Murran ausgeschaltet. Magralon, der oberste Vertragstreue, hatte ihnen versichert, dass sich ein Betäubter an die letzten Minuten seiner Ohnmacht nicht erinnerte. Also würde auch der Verwalter keine andere Geschichte erzählen als die eines hinterhältigen Diebes. Die Frage, wie jemand sich unbemerkt an die beiden hatte anschleichen können, würde auf ewig unbeantwortet bleiben.

Hurlek verließ das Büro, eilte durch den Hangar und huschte in den Wartungsgang.

Auch wenn ihn noch immer ein schlechtes Gefühl bei Magralons Vorhaben plagte, steckte er nun voll mit drin.

Es gab kein Zurück mehr. Und das machte Hurlek Angst.

2.

Die Leiden des Schlichters

Simodes

»Die Garnison gefährdet die Moral der Mehandor und damit die Existenz aller Orbitalstädte.«

Simodes widerstand der Versuchung, sich auf dem Formsessel eine gemütlichere Position zu suchen. Erstens wusste er, dass nicht der Sessel die Schuld an seinem Unbehagen trug, und zweitens wollte er seinem Gegenüber keinen Hinweis geben, wie angespannt er innerlich war.

»Finden Sie nicht, dass Sie damit etwas übertreiben?«, fragte der Mann jenseits des wuchtigen Schreibtischs. Hinter ihm ragten links und rechts zwei mannshohe Kristallsäulen empor, an denen leise plätscherndes Wasser hinabrann. So eingerahmt wirkte sein Sitz wie ein Thron. Was, soweit es seine Rolle auf Arkon II betraf, nicht besonders weit neben der Wahrheit lag.

»Ich wünschte, es wäre so.« Simodes seufzte. Ein sorgfältig platzierter Laut, mit dem er Veserk da Derem das Gefühl geben wollte, auf dessen Seite zu stehen. »Ich bin der Schlichter der Mehandorsippen aller achtundzwanzig Orbitalstädte ...«

»Da ich der Gouverneur von Arkon II bin, ist mir das durchaus bekannt.«

Simodes lachte. Obwohl er sich nicht so fühlte, gelang es ihm dank jahrelanger Übung, aufrichtig zu klingen. Nichtssagendes Geplänkel und politische Plattitüden gehörten zu seinem Handwerk. »Natürlich ist es das. Ich wollte damit auch nur sagen, dass ich keiner Sippe angehöre, sondern neutral zwischen ihnen stehe. Aus diesem Grund vertrauen sie mir mehr als jedem anderen im Orbitalstadt-Gürtel. Ich spreche täglich mit ihnen, kenne ihre Nöte, ihre Wünsche. Und ich weiß, welche Stimmung bei den Mehandor herrscht.«

Veserk da Derem beugte sich vor und stützte sich mit den Armen auf dem Schreibtisch ab. Seine von einem Kranz aus weißen Haaren umgebene Glatze reflektierte das Licht der Deckenbeleuchtung. »Tatsächlich? Wie ist die Stimmung denn?«

»Es brodelt unter der Oberfläche. Die Mehandor genießen im Großen Imperium weitgehend Autonomie. Eine Beschneidung ihrer Rechte durch den Regenten sehen sie als klaren, nicht zu rechtfertigenden Vertragsbruch an.«

Der Gouverneur nickte. »Eine unangenehme Situation, nicht wahr? Was schlagen Sie vor, wie wir sie lösen können?«

»Ich sehe nur eine Möglichkeit: Die Garnison in Gath'Etset'Moas muss abgezogen werden. Die starke militärische Präsenz mitten im Hoheitsgebiet der Mehandor ist ein Stein des Anstoßes, den niemand übersehen kann. Und über den erst recht niemand einfach so hinwegsehen kann.«

Da Derem berührte mit der Fingerspitze ein Holo auf dem Schreibtisch. In der Platte klappte eine Luke auf, und eine Karaffe mit einer rötlichen Flüssigkeit und zwei Gläser glitten in die Höhe. Ein herber Geruch erfüllte den Raum. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Nein danke.«

Der Gouverneur schenkte sich ein und trank das Glas in mehreren kleinen Schlucken leer. Dazwischen setzte er immer wieder ab, ohne jedoch auf Simodes' Bitte einzugehen.

Der Schlichter der Mehandor ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Zumindest äußerlich nicht. Er kannte solche Einschüchterungsspielchen zur Genüge. Sein Lächeln wankte genauso wenig wie der Blick, den er auf den Gouverneur gerichtet hielt.

Veserk da Derem verstaute die Karaffe im Schreibtischfach. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Situation aus meiner Sicht darzustellen. Ein Angriff der Methans steht bevor.«

»Sagt der Regent.«

»Was kein imperiumstreuer Arkonide anzweifelt. Also rief der Regent das Kriegsrecht aus, um dieser Bedrohung zu begegnen. Es tut mir leid, aber das geht nun einmal mit Einschränkungen einher. Ob Mehandor, Ara oder Arkonide – wir alle müssen Opfer bringen.«

»Und wir sind bereit dazu. Aber den Mehandor auf deren ureigenem Gebiet eine Garnison vor die Nase zu setzen, stellt einen beispiellosen Affront für sie dar.«