Perry Rhodan Neo 68: Kampf um Ker'Mekal - Uwe Voehl - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 68: Kampf um Ker'Mekal E-Book und Hörbuch

Uwe Voehl

4,0

Beschreibung

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird. Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen - und schließlich die Menschheit zu einem freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union. Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Als er erfährt, dass die Position der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert ist, bricht er unverzüglich auf. Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert. Währenddessen arbeitet der Arkonide Atlan weiter auf den Sturz des Regenten hin. Gestärkt durch das Bündnis mit den kämpferischen Naats, ist er bereit zum Losschlagen. Er befiehlt den Angriff auf Ker'Mekal, das Kontrollzentrum der Imperiumsflotte ...

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Seitenzahl: 215

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Zeit:5 Std. 28 min

Sprecher:Axel Gottschick




Band 68

Kampf um Ker'Mekal

von Uwe Voehl

Als der Astronaut Perry Rhodan im Juni 2036 zum Mond aufbricht, ahnt er nicht, dass sein Flug die Geschicke der Menschheit in neue Bahnen lenken wird.

Rhodan stößt auf ein Raumschiff der technisch weit überlegenen Arkoniden. Es gelingt ihm, die Freundschaft der Gestrandeten zu gewinnen – und schließlich die Menschheit zu einem freiheitlichen Staat zu einen: der Terranischen Union.

Perry Rhodan hat das Tor zu den Sternen geöffnet. Doch die neuen Möglichkeiten bergen neue Gefahren: Als er erfährt, dass die Position der Erde im Epetran-Archiv auf Arkon gespeichert ist, bricht er unverzüglich auf. Er muss die Koordinaten löschen, bevor sie in die falschen Hände geraten und die Macht des Großen Imperiums die Erde zerschmettert.

Währenddessen arbeitet der Arkonide Atlan weiter auf den Sturz des Regenten hin. Gestärkt durch das Bündnis mit den kämpferischen Naats, ist er bereit zum Losschlagen. Er befiehlt den Angriff auf Ker'Mekal, das Kontrollzentrum der Imperiumsflotte ...

Prolog

»Also glauben Sie, dass es ein Leben nach dem Kampf gibt?«

Grenzenloser Schmerz.

Atlan fragte sich, ob es ein Leben nach dem Kampf gab. Nach all den Kriegen, den Schlachten, den Kämpfen. Nach all dem Tod.

Er sah die Leiche vor sich.

Wieder und wieder.

Im Leben wie im Tod war sie wunderschön. Die langen, schneeweißen Haare, die mit glitzernden Edelsteinen durchwirkt waren, umschmiegten die schlanke Gestalt wie ein kostbares Geschenk. Keine andere Frau verkörperte die Bezeichnung Prinzessin auf solch perfekte Weise wie Crysalgira. Und das nicht nur äußerlich. Selbst im Tod war ihre Macht noch zu spüren.

Das alles konnte nicht vorbei sein!

Es durfte nicht vorbei sein!

In seinen Träumen war es das auch nicht.

In seinen Träumen stand er vor ihrem Leichnam. Und plötzlich hob und senkte sich ihre Brust, sie begann zu atmen. Ein leises Zittern durchfuhr ihren Körper, die Nasenflügel weiteten sich. Und schließlich öffnete sie die Augen.

»Crysalgira!«, flüsterte er.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Atlan!«, hauchte sie. Auch sie erkannte ihn.

Er kniete sich nieder, um sie in den Arm zu nehmen. Doch seine Arme griffen ins Leere.

Das war der Punkt, an dem er jedes Mal erwachte.

Grenzenlose Weite.

Atlan saß in der Zentrale der TIA'IR. Konzentriert überprüfte er die Einsatzbereitschaft der Konverterkanone. Sie war das Geschenk, das ihm Crysalgira über den Abgrund von zehn Jahrtausenden gemacht hatte, in Einzelteilen versteckt in ihrer Jacht. Es war die Waffe, die den Krieg gegen die Methans entschieden hatte – und ihr Ass im Ärmel beim Aufstand gegen den Regenten. Nachdem er die Abschirmgeneratoren kontrolliert und sich vergewissert hatte, dass die Kühlsysteme einwandfrei funktionierten, lehnte er sich zurück. Für einige Minuten genoss er den Luxus, allein zu sein. Die halbkreisförmige Zentrale war der größte Raum der Jacht. Sie war der einzige Ort, an dem man sich nicht beengt fühlte, obwohl auch sie nur ganze vier Meter durchmaß. Und dennoch hätte Atlan die Jacht nie im Leben gegen eine andere getauscht.

Sie erinnerte ihn stets an ihre erste Eigentümerin: Prinzessin Crysalgira da Quertamagin

Grenzenlose Ferne.

Erneut schweiften seine Gedanken ab. Er dachte an seine Geliebte. Er hatte sie für unwiederbringlich tot gehalten. Doch seit er erfahren hatte, dass es im Kristallpalast eine Positronik gab, die die Essenz der Prinzessin gespeichert hatte, war seine Hoffnung neu entflammt.

Die bis dahin irrwitzig erscheinende Hoffnung, sie eines Tages wieder in die Arme schließen zu können.

Sie lebte nicht nur in seinen Träumen weiter, sondern vor allem in seinem Herzen. Viele Male hatte er sich vorgestellt, wie es wäre, nicht nur ihre Stimme zu hören, die in der Bordpositronik gespeichert war, sondern sie in den Armen zu halten. Er vergegenwärtigte sich ihr von silbrig schimmerndem Haar eingerahmtes Gesicht mit den großen, leicht mandelförmigen Augen und den charakteristischen etwas hervorstehenden Jochbeinen ...

Wenn nur die Träume nicht wären. Waren sie am Ende vielleicht sogar realistischer als seine Hoffnungen?

Grenzenlose Einsamkeit.

Ein Geräusch schreckte ihn aus den Gedanken.

Genug geträumt! Aber auch ohne den Hinweis seines Extrasinns landete er jäh in der Gegenwart. Er schaute sich um und sah, wie sich eine riesenhafte Gestalt in die Zentrale schob. Es handelte sich um Novaal, den Naat. Seine schwarze Haut erinnerte an rissiges Leder.

Vorbei war es mit der Beschaulichkeit. Fast war Atlan sogar froh über die Ablenkung.

Der Naat begrüßte ihn. Während alles an dem Naat riesig war, wirkte der lippenlose, schmale Mund winzig für das Gesicht.

»Setzen Sie sich doch«, lud Atlan ihn ein. Es schien ihm, als sei die Kuppel geschrumpft, seitdem der Naat sie betreten hatte. Doch selbst nachdem er auf dem Boden Platz genommen hatte, kam sich Atlan neben ihm klein vor.

»Was führt Sie zu mir?«, fragte er den Hünen. Er drehte den Sessel und schaute seinem Gesprächspartner in die drei Augen. »Oder wollten Sie sich nur ein wenig die Beine vertreten?«

Der Naat hielt seinem Blick stand. »Ich will mich schlicht und einfach bei Ihnen bedanken. Bisher ergab sich nie die passende Gelegenheit dazu ...«

Atlan winkte ab. »Die passende Gelegenheit, wann gibt es die schon? Vor oder nach dem Kampf? Und wer will schon behaupten, zu wissen, wann vorher und wann nachher ist?«

Der Naat lachte auf. Es klang mehr wie ein fernes Donnergrollen. »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Es gibt kein Vorher und kein Nachher, nicht wahr? Irgendwie sind wir immer mittendrin. Dennoch, wenn jetzt nicht Zeit dafür ist, dann vielleicht nie: Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Nicht nur ich, wir alle ...«

»Sie schulden mir keinen Dank. Das war nur meine Pflicht, die ...«

»Nein, es war mehr als das. Sie haben mir das Leben gerettet. Außerdem haben Sie und die Menschen uns Naats neue Horizonte eröffnet. Wären Sie nicht gewesen, hätte Sergh da Teffron meinen Verband vor einigen Monaten im Sturm auf die topsidische Festung Rayold verheizt. Keines meiner Schiffe hätte diesen selbstmörderischen Angriff überstanden. Sie haben uns vor diesem Schicksal bewahrt.« Er bedachte Atlan mit einem forschenden Blick. »Also glauben Sie doch, dass es ein Leben nach dem Kampf gibt?«

Seltsam, genau die Frage hatte er sich selbst schon gestellt. Allerdings hatte er sie in letzter Zeit zu oft mit Crysalgira verknüpft. Atlan dachte einen Moment nach. Die Frage war zu philosophisch, als dass er sie leichtfertig beantworten wollte. Schließlich sagte er: »Das Leben ist ein Kampf, ja. Aber das heißt nicht, dass wir das Ziel aus den Augen verlieren dürfen. Das Ziel ist Frieden. Universeller Frieden. Und indem wir unsere Ideale niemals verraten, stellen wir sicher, dass wir immer wieder darin erinnert werden. Insofern sind wir alle weit gekommen.«

»Wären wir Menschen, würden Sie nicht von Idealen sprechen, sondern von Menschlichkeit, oder?«

»Ja, vielleicht. So paradox es sich vielleicht anhört, aber ich glaube, dass Menschlichkeit etwas ist, dass alle Völker anstreben sollten. Aber egal, wie Sie es nennen, wichtig ist, dass wir spüren, auf welche Seite wir gehören.«

Der Naat atmete tief durch. »Auf jeden Fall möchte ich Ihnen sagen, wie froh ich bin, dass ich auf Ihrer Seite stehen darf.«

Atlan klopfte ihm auf die Schulter, was angesichts der Größe des Naats nicht einfach war. »Und ich bin froh, dass Sie und ich Seite an Seite kämpfen. Aber lassen wir die tiefgründigen Gespräche und genießen lieber die Atempause, die man uns gönnt.«

Es klang wie eine Verabschiedung, aber es sollte keine sein. Novaal fasste es richtig auf. Er blieb.

Die beiden Männer schwiegen, während sie nebeneinander saßen und ihren Gedanken nachhingen. Schließlich sagte Atlan. »Ich habe das Gefühl, dass Ihnen noch etwas auf dem Herzen liegt.«

Der Naat zögerte. »Ich denke gerade darüber nach, dass Sie sagten, wir alle seien weit gekommen.«

»Das sind wir.«

»Aber Sie wirkten traurig dabei. Darf ich das so sagen?«

»Das dürfen Sie. Und ich staune über Ihre Beobachtungsgabe. Ich habe geglaubt, dass ich mich gut verstellen könnte.«

Er setzte sich aufrecht in den Sessel und überlegte, ob er Novaal an seinen Gedanken teilhaben lassen sollte. Er vertraute dem Naat, und er spürte die Verbundenheit zwischen ihnen. Wann, wenn nicht jetzt, war die Gelegenheit dazu?

»Sie haben recht, meine Stimmung ist nicht gut. Oder besser gesagt: Sie war es nicht, bevor Sie auftauchten und mich auf andere Gedanken brachten«

Der Naat lachte plötzlich rau auf. »Es kommt selten vor, dass wir in dieser Stimmung sind. Ich weiß nicht, wie Sie es nennen; die Menschen, so habe ich gehört, nennen es Liebe. Wir haben einen anderen Ausdruck dafür, der sich in etwa mit ›großes Verlangen‹ übersetzen lässt. Meistens steckt eine Frau dahinter. Aber das große Verlangen hat andere Gründe. Wie Sie wissen, definiert unsere Kultur die Beziehung zwischen den Geschlechtern anders.«

Atlan nickte. »Ja, es ist Liebe. So ist es.«

Er überlegte, ob der Naat es wirklich verstehen würde. Sie hatten andere Schönheitsideale, überhaupt andere Vorstellungen. Sie kannten keine Beziehungen zwischen Mann und Frau über den Geschlechtsakt hinaus. Bei ihnen zählte allein die Notwendigkeit der Fortpflanzung. Wie sollte er einem Naat wie Novaal erklären, was an Crysalgira so einzigartig gewesen war? Wieso ihre Beziehung etwas so Besonderes war? Wie sollte er überhaupt jemandem erklären, dass er eine Frau liebte, die vor zehntausend Jahren gestorben war?

Er versuchte es trotzdem. Dabei manifestierte sich das Bild der schönen, temperamentvollen Prinzessin deutlicher vor seinen Augen. »Anfangs hat mich ihre Schönheit fasziniert, aber rasch bewunderte ich immer mehr ihren Charakter. Sie trat jederzeit entschlossen für das ein, was sie für richtig hielt. Sie war mutiger und intelligenter als alle Frauen, die ich je getroffen habe. Und dennoch war sie nicht berechnend. Mit ihrem spitzen Mundwerk ist sie wohl öfter ins Fettnäpfchen getreten, als ihr selbst lieb war. Oh ja, sie war impulsiv und konnte sich völlig dem Augenblick hingeben ...«

»Sie sprechen von ihr, als sei Sie noch am Leben«, sagte Novaal.

Atlan hielt inne. Ja, sie war tot, und er hatte mit ansehen müssen, wie der Regent den Leichnam Crysalgiras zerstört hatte ... Das Bild, wie sich das Nichts wie ein gieriges, unsichtbares Geschwür mitten im Körper der Prinzessin ausbreitete, verfolgte ihn auch jetzt.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie an etwas Unangenehmes erinnert habe.«

Atlan schüttelte den Kopf. »Erinnerungen sind das, was uns von Robotern unterscheidet und uns einzigartig macht, auch wenn sie noch so schmerzhaft sind. Ja, Crysalgira wurde ermordet und ihr Leichnam geschändet. Wenigstens das zweite Verbrechen sühnte ich. Und ich habe damals etwas mitgenommen, das mir die Hoffnung gibt, Crysalgira wiederzusehen.«

»Sie wiederzusehen? Obwohl sie tot ist?«

Atlan zeigte ihm das Juwel, den länglichen Edelstein, der damals auf Crysalgiras Brust gelegen und den er an sich genommen hatte.

»Ein schönes Schmuckstück«, stellte Novaal fest.

»Mehr als das.« Atlan erzählte ihm, woher er es hatte. »Es handelt sich um ein Tarkanchar. Es zeichnet das Bewusstsein seines Trägers auf.«

»Dann glauben Sie, dass Crysalgiras Seele darauf gespeichert ist?«

Das Gesicht des Naats drückte eher Zweifel aus. Für einen Moment bedauerte es Atlan, sich ihm anvertraut zu haben, aber Novaal kam ihm zuvor, indem er erklärte: »Sie wissen, dass ich meine eigenen Erfahrungen mit einem Tarkanchar gemacht habe ... auf dem Mond Rayold. Das Bewusstsein eines Methans, eines Soldaten, war darauf gespeichert. Glauben Sie wirklich, dass ein Tarkanchar eine ganze Person wiedergeben kann? Ich meine, dass sie so vor Ihnen steht, wie Sie sie in Erinnerung hatten? Nicht nur äußerlich, meine ich ...« Novaal geriet ins Stocken.

»Ich weiß, was Sie meinen«, kam ihm Atlan zu Hilfe. »Doch die Frage stelle ich mir erst, wenn ich es versucht habe. Bis dahin ruht meine ganze Hoffnung darauf.«

»Ihre Hoffnungen sind nicht unberechtigt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Vor allen Dingen, weil Ihnen diese Frau so wichtig war.«

»Wie soll ich es Ihnen erklären? Sie war für mich ... wie eine Kameradin, eine Kampfgefährtin, auf die ich mich immer verlassen konnte.«

»Dann verstehe ich Sie umso mehr. Ein Kampfgefährte verlässt einen niemals, auch nicht nach dem Tod.«

»So ist es.«

Atlan überlegte kurz, dann beschloss er, seinem Gegenüber vollends zu vertrauen – allein schon, um das Thema zu wechseln. Er griff unter seine Kleidung und holte den Aktivator hervor. »Sie wissen, was dieses Gerät bedeutet?«

»Es verspricht das ewige Leben.«

»Ja. Es ist ein sogenannter Zellaktivator. Auch der Regent besitzt einen. Einen, der nach den Berichten, die Belinkhar übermittelt hat, dem meinen gleicht ... woher hat der Regent ihn? Wer ist der Regent? Er ist kein Arkonide, so viel ist klar. Aber wozu hat er die Herrschaft über das Imperium an sich gerissen? Wozu diese Aufrüstung?«

»Wer weiß das schon? Es muss ein Teil des Ringens sein.«

»Das glaube ich auch. Rico hat mir gesagt, es sei ein Kampf der Mächte, die den Humanoiden wohlgesinnt sind, gegen jene, die in den Humanoiden eine Plage sehen. Aber gegen wen will der Regent kämpfen? Das Imperium ist nicht gefährdet. Es existiert keine Macht, die es gefährden könnte.«

»Keine Macht, die wir bisher kennen. Das heißt nicht, dass es sie nicht irgendwo gibt. Die Methans ...«

»... sind ein Schreckgespenst. Seit zehntausend Jahren hat man nicht mehr von ihnen gehört.«

Novaal überlegte, dann sagte er: »Wie auch immer, wir werden kämpfen. Kampf ist für uns Naats ein Wert an sich. Nie bist du näher am Leben, als wenn du es aufs Spiel setzt. Du findest zu dir selbst.«

»Ich weiß, was der Kampf für die Naats bedeutet. Ich war auf Naat, als junger Mann. Mit Hadhiin habe ich gekämpft – gemeinsam gegen die achtlose Grausamkeit der Natur, im Duell mit den Elementen. Den Kampf gegen andere haben die Arkoniden Ihnen im Lauf der Jahrtausende aufgeprägt, weil sie Ihre Artgenossen als Soldaten brauchen!«

»Das mag sein. Aber wir werden es bald wissen. Bald werden wir Naats frei sein ...«

Plötzlich gab er einen leisen Pfiff von sich. Atlan wusste, was es bedeutete. »Die Rudergängerin erwartet uns!«

Da die TIA'IR ein Teil des Regententrosses bildete, unterstand sie letztlich der Rudergängerin Ihin da Achran.

1.

»Haben Sie einen Plan?«

Die Rudergängerin Ihin da Achran erwartete sie an Bord der GES'PATACH, die wie der gesamte Tross im Orbit um Bhedan kreiste. Der Sitzungsraum war völlig kahl und wurde von einem dreidimensionalen Tischholo dominiert. Im Moment flimmerte ein beruhigendes Farbspiel, im nächsten Augenblick zeigte es die drei Personen, die sich im Raum befanden.

»Ich freue mich, dass Sie so schnell den Weg zu mir gefunden haben«, begrüßte die Rudergängerin die Ankömmlinge. Dabei umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen. »Ich denke, es ist an der Zeit, unser weiteres Vorgehen abzustimmen.«

»Haben Sie einen Plan?«, fragte Atlan.

»Selbstverständlich!«, antwortete sie mit leichter Überheblichkeit. Um im nächsten Moment wieder zurückzurudern: »Aber mich interessiert, was Sie darüber denken. Und welche Vorschläge Sie haben, um den Regenten zu stürzen. Wir alle sind uns wohl einig, dass wir einen möglichst unblutigen Umsturz anstreben ...«

Novaal gab einen Laut von sich, der einerseits Zustimmung, andererseits Missfallen ausdrücken konnte.

Der Kopf der Rudergängerin fuhr herum. »Sie sind nicht der Meinung?« Ihr strenger Blick machte deutlich, was sie davon hielt.

»Oh doch, fahren Sie bitte fort«, sagte der Naat.

Das Holo zeigte kämpfende Armeeeinheiten. Ihin da Achran fuhr fort: »Der Aufstand der Mehandor in der Himmelsstadt Gath'Etset'Moas und der anschließende Absturz auf Arkon II haben nur zu deutlich gezeigt, mit welchen Kosten ein Bürgerkrieg verbunden ist. Jeder Idiot kann heutzutage ein Gemetzel veranstalten. Die Kunst ist es, möglichst wenige Leben in unseren Reihen aufs Spiel zu setzen.«

»Eine sehr kluge Entscheidung«, pflichtete Atlan ihr bei. Er hoffte, dass auch Novaal es so sah. Während er auf das Holo schaute, verkrampfte er sich. Er spürte geradezu die Hitze des Feuers, hörte die Schreie der Verletzten und Sterbenden. Er und Belinkhar waren an Bord der Himmelsstadt gewesen, als der Aufstand ausgebrochen war. Sie hatten Gath'Etset'Moas buchstäblich im letzten Moment verlassen.

»Der Stand der Dinge ist folgender: Enban da Mortur, der ehemalige Adjutant der Mascantin Pertia ter Galen, ist auf der Flucht. Sergh da Teffron ist ihm auf den Fersen, weil er ihm den Aktivator abjagen will. Damit ist er erst einmal beschäftigt.«

Das Tischholo zeigte die lebensechten Abbilder der beiden Männer: Enban da Mortur, dessen Gesicht keine charakteristischen Merkmale aufwies. Die kurz geschnittenen weißen Haare und roten Augen unterstrichen eher sein durchschnittliches Aussehen. Der kahle Schädel Sergh da Teffrons war dagegen prägend, und selbst auf dem Holo glaubte Atlan den stechenden Blick der Hand des Regenten zu spüren.

Neben Sergh da Teffron schob sich ein Frauengesicht. Mit den kurzen, silbernen Haaren, der schmalen Nase und den in einem ungewöhnlich hellen Rosa schimmernden Augen entsprach sie nicht unbedingt Atlans Schönheitsideal, aber selbst er konnte ihr eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen.

»Auf meine Kurtisane Theta, die ich als Spionin auf Sergh da Teffron angesetzt habe, können wir leider nicht mehr zählen. Offensichtlich verfolgt sie ihre eigenen Ziele. Allerdings habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass sie uns nützen könnte, und einen ganz besonderen Aufpasser für sie organisiert. Er heißt Coghan und ist ein Oppositioneller. Er hat sich uns freiwillig als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt. Wenn wir Glück haben, erledigt sich das Problem Sergh da Teffron dadurch schneller, als wir denken.«

»Als Versuchskaninchen? Was meinen Sie damit?«, fragte Atlan.

»Coghan testet ein neu entwickeltes Drohnensystem. Er kann damit sowohl Personen überwachen, als auch deren Gedanken manipulieren. Mehr möchte ich im Moment dazu nicht sagen. Aber es ist zumindest eine weitere Möglichkeit ...«

Die Rudergängerin wandte sich dem Naat zu. »Sie, Novaal, haben den Rat der Triumphatoren und damit alle Naats hinter sich gebracht. Ihre Truppen sind bereit, loszuschlagen, während Sergh da Teffron glaubt, dass Sie nach wie vor auf seiner Seite stehen.«

Das Holo wechselte und bildete ihn in vorderster Front seiner Truppen ab. Novaal bestätigte Ihin da Achrans Worte: »Wir stehen auf Ihrer Seite – im Austausch für Autonomie und volle Bürgerrechte im Imperium. Dafür werden wir kämpfen – bis zum Sieg. Oder bis zum Untergang, je nachdem ...«

»An eine Niederlage verschwenden wir nicht den geringsten Gedanken. Aber der Rest Ihrer Rede ist ganz nach meinem Sinn. Ich weiß, dass ich mich auf die Naats verlassen kann. Wir wissen mittlerweile, dass der Regent den Imperator in eine Falle gelockt hat, um die Herrschaft an sich zu reißen. An der Richtigkeit der Aussage des Xisrapen Denurion gibt es keinen Zweifel. Falls Charron da Gonozal, der sich auf dem Weg nach Kedhassan befindet, erfolgreich ist, wird er weitere Beweise entdecken – und das Gewicht eines Angehörigen des Hochadels wiegt weit schwerer als das eines Xisrapen. Womöglich, so unwahrscheinlich das ist, lebt der Imperator noch. Dem legitimen Herrscher hätte der Regent nichts entgegenzusetzen. Aber selbst wenn Charron da Gonozal nur die Leiche bergen oder handfestere Beweise bringen könnte, würde das genügen, dem Regenten die Legitimation abzuerkennen. Dazu kommt, dass der Regent noch nicht die Wallfahrt auf die Elysische Welt absolviert hat, die ihn als rechtmäßigen Herrscher ausweist.«

Atlan nickte. Einmal mehr bewunderte er die strategische Kompetenz der Rudergängerin. Sie vermochte es, schwierigste Sachverhalte glasklar zu analysieren und in wenigen Sätzen zu beschreiben.

Das Tischholo zeigte alle genannten Personen in der jeweiligen Konstellation zu den anderen. Einzig der Regent besaß kein Gesicht. Stattdessen flackerte an dessen Stelle eine grüne Fläche.

Novaal hob die Faust. »Sie können sich auf uns Naats verlassen«, bestätigte er abermals.

Ihin da Achran wandte sich ihm zu. »Das weiß ich, und verzeihen Sie, dass ich Sie eben in die Schranken gewiesen habe.«

Man sieht ihr an, wie sehr ihr die Entschuldigung schwer fällt, stellte der Extrasinn Atlans fest.

Sie wird sich daran gewöhnen müssen, Novaal als Individuum und gleichberechtigten Verbündeten zu sehen, gab der Arkonide in Gedanken zurück.

»Das ist schon in Ordnung«, erwiderte Novaal. »Natürlich denke auch ich in erster Linie an den Sieg. Aber wir Naats ziehen auch in einen Kampf, wenn er aussichtslos erscheint. Das wollte ich damit ausdrücken.«

Atlan kam seinem Verbündeten zu Hilfe. »Ohne die Naats stünden wir nicht da, wo wir jetzt stehen, das ist schon mal gewiss. Unsere militärische Macht ist derart angewachsen, dass viele Arkoniden, die den Regenten bislang allenfalls geduldet haben, zu uns überlaufen werden.«

»Setzen wir uns doch«, schlug die Rudergängerin vor. Bodenluken öffneten sich und Sessel fuhren nach oben. »Wichtige Entscheidungen sollte man nicht im Stehen treffen.« Sie wartete, bis Atlan Platz genommen hatte. Erst dann setzte auch sie sich.

Für den Naat waren die Sitze unpassend.

Früher hätte sie ihm nie einen Platz angeboten, stichelte der Extrasinn. Und dass er weiterhin steht, ist für sie wahrscheinlich normal.

Wahrscheinlich ist es für beide normal.

Atlan lehnte sich zurück. Der Sessel war bequem, fast zu bequem. Aber er musste der Rudergängerin zustimmen: Eilige Entscheidungen bargen die Gefahr, etwas zu übersehen und Fehler zu begehen. In diesem Fall musste ihr weiteres Vorgehen wohldurchdacht sein.

Die Rudergängerin tippte mit dem Finger auf die Konsole. Abermals erschien das feiste Gesicht des glatzköpfigen Charron da Gonozal. In seiner Jugend war er ein erfolgreicher Athlet und Dagormeister gewesen, aber die Zeiten waren lange vorbei, und er hatte etliche Pfunde zugelegt. Doch sein Aussehen täuschte. Charron war ein Schöngeist, der an der Vulgarität des Lebens verzweifelte – und gleichzeitig ein entschiedener Gegner des Regenten, dem er anlastete, dass die Zustände unerträglich geworden waren.

In Atlan löste sein Anblick stets gemischte Gefühle aus. Das war also der letzte Angehörige seines stolzen Geschlechts? Er hoffte, ihm eines Tages persönlich zu begegnen und sich ein Bild von ihm zu machen.

»Es wird im besten Fall zwei Wochen dauern, bis wir von Charron hören. Vielleicht länger. Und ob er wirklich gute Nachrichten zu verkünden hat, wird sich erst noch herausstellen. Falls die Reise umsonst war, könnten wir falsche Nachrichten verbreiten, aber damit würden wir uns auf eine Stufe mit dem Regenten setzen. Das ist nicht unser Stil.«

»Da bin ich voll auf Ihrer Seite«, sagte Atlan. »Unser Erfolg baut auf Wahrhaftigkeit, nicht auf Lügen und Intrigen.«

»So ist es«, bekräftigte Novaal. »Nur ein fairer Kampf ist ein guter Kampf.«

Die Rudergängerin lächelte. »Das wollte ich nur noch einmal von Ihnen hören. Nicht, dass ich etwas anderes von Ihnen erwartet hätte, meine Herren. Aber fahren wir fort: Das Zusammenziehen unserer Truppen muss in absoluter Geheimhaltung geschehen. Schöpfen Sergh da Teffron oder der Regent frühzeitig Verdacht, ist unser Plan gescheitert.«

»Sie dürfen nichts erfahren«, sagte Atlan. »Unsere einzige Chance ist es, sie zu überraschen. Das bedingt, dass wir absolutes Vertrauen in unsere Mitstreiter setzen müssen. Es darf nicht einen Verräter geben, sonst war alles umsonst.«

Der Kopf der Rudergängerin zuckte vor. »Es wird keinen Verräter geben! Nicht in unseren Reihen!«

»Und in unseren Reihen auch nicht! Dafür bürge ich«, grollte Novaal und hieb die Faust in das Holo. Rasch zog der Naat die Hand wieder zurück.

»Gut, dann sind wir uns auch in dem Punkt einig«, sagte Atlan. Dann wandte er sich direkt an Novaal: »Ich setze große Hoffnungen in Sie. Sie und Ihre Kämpfer haben mein unbedingtes Vertrauen. Aber wir dürfen nicht zu viel erwarten. Zwar sind in den letzten Jahren die Naats in großer Zahl in die Flotte aufgenommen worden, aber sie sind gegenüber den Arkoniden und deren Abkömmlingen immer noch in der Minderzahl. Und sie bekleiden fast ausnahmslos niedere Ränge. Es dürfte Ihnen also schwerfallen, die Hoheit an Bord eines Schiffes zu erobern.«

Der Naat sah ihn grimmig an. »Ja, wir Naats waren stets gut genug, in vorderster Front zu streiten und unser Leben zu opfern. Gedankt hat man es uns nie. Ja, und es ist wahr, wir bekleiden gewöhnlich die untersten Ränge. Wir werden keine Chance haben, irgendwelche Intrigen zu spinnen. Aber eine Meuterei geht immer von der Mannschaft aus. Das ist unsere Stärke! Der direkte Kampf!«

Der Naat ließ die Faust auf den Tisch donnern. Die Platte vibrierte und brachte das Holo kurz zum Flimmern.

Atlan drehte sich zu der Rudergängerin um. »Der nächste Punkt ist: Wir müssen schnell sein. Schneller, als unsere Gegner überhaupt begreifen, dass wir losschlagen. Sobald wir mit den Kampfvorbereitungen beginnen, läuft die Zeit gegen uns.«

»Da gebe ich Ihnen recht«, sagte die Rudergängerin. »Wir müssen damit rechnen, dass ab dem Zeitpunkt, an dem wir losschlagen, der Regent sämtliche Flotten gegen uns in Stellung bringen wird. Leider ist es uns weder gelungen, die Mehandor noch die Mascantin auf unsere Seite zu ziehen.«

»Die Oberkommandantin der Flotte wird bis zuletzt zum Regenten stehen, auch wenn sie an ihm zweifelt. Pertia ter Galen ist dem Imperium treu ergeben. Nicht für den Regenten würde sie ihr Leben lassen, aber jederzeit für das Imperium.«

Novaal sah von Atlan zu da Achran. »Was diskutieren wir hier eigentlich? Es ist alles bekannt. Je länger wir warten, desto eher laufen wir Gefahr, dass der Regent Verdacht schöpft, was die Rolle der Naats in diesem Spiel betrifft ...«

Atlan legte beruhigend die Hand auf seinen Arm. »Auch wenn die Zeit drängt, dürfen wir uns keine übereilten Schritte erlauben.«

Die Rudergängerin nickte. »Unnötige Eile birgt die Gefahr von Fehlern. Und ich hasse Fehler.«

»Es sei denn, man lernt aus ihnen, wie man es das nächste Mal besser macht«, entgegnete Atlan. »Und wir alle haben gelernt. Und nun rücken Sie endlich heraus mit der Sprache!«

»Was meinen Sie damit?« Die Rudergängerin tat verblüfft.

»Sie haben uns nicht hierhergebeten, damit wir uns nur darüber klarwerden, welche Möglichkeiten wir nicht haben. Sie haben bereits einen Plan, nicht wahr?«

»Sie versetzen mich einmal mehr in Erstaunen, Atlan. Nicht, dass ich glaube, dass man Ihnen viel vormachen kann. Aber Sie haben recht. Ich habe einen Plan, wenn Sie so wollen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich funktionieren könnte. Vielleicht ist es auch zu früh, von einem Plan zu sprechen. Sagen wir, es ist eine Idee. Ich möchte Sie Ihnen gern vorstellen und wissen, was Sie beide davon halten.«