Perspektive - Hakan Cesur - E-Book

Perspektive E-Book

Hakan Cesur

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Beschreibung

16 teils einfältige, teils aberwitzige, teils undurchdringliche Geschichten über 25 Jahre sind Puzzlestücke eines Ganzen Lebens. Perspektive: Den Eindruck des Räumlichen hervorrufende Form der (ebenen) Abbildung, der Ansicht von räumlichen Verhältnissen, bei der Parallelen, die in die Tiefe des Raums gerichtet sind, verkürzt werden und in einem Punkt zusammenlaufen, Betrachtungsweise oder -möglichkeit von bestimmten Standpunkten aus. Erwartung, Gelegenheit, Hoffnung, Möglichkeit, Weg

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsangabe

(Nicht chronologisch)

Vorwort

Die Zeit

Unfug

Der Spieler

Chronos

Der Habicht

Der Alien

Der Freund

Der Herzogskasten

Der Brief Danach

Kinder Kinder

Angelina

Die Ankunft

Liebe und Dämon

Leise schleicht der Tod

Der Luftgräber

Wahlbrüder

Meine Liebe

Das zweite Gesicht

Perspektive

Ausfahrt verpasst

An die Edlen

Nachwort

Vorwort

Achtung, ich ziehe die Hosen runter. Nichts anderes ist es nämlich, es als Nicht-Profiautor zu wagen, ein literarisches Werk zu verfassen und dann in Umlauf zu bringen, besonders wenn man dieses auch an Freunde und Bekannte verteilt. Wenn aber einmal die Hosen auf Kniehöhe sind, gibt es kein Zurück mehr. Gaffen ist angesagt. Nicht immer ist es schön, was man da sieht, aber es ist immer intim und voyeuristisch. Wenn die Dinge aber erst einmal für eine große Menschenmenge entblößt und sichtbar sind, hofft man, dass der Betrachter Gefallen an dem findet, was er da gerade verletzlich und unbeschönigt als die Wahrheit des Autors so rumhängen sieht. Man hofft auf Akzeptanz, weil die eigene Nacktheit mit keiner anderen zu vergleichen ist und weil man bei dieser Art von Exhibitionismus, die jeder Autor, ja eigentlich jeder Künstler, der von sich behaupten kann, authentisch zu sein, nackt und schutzlos seine Tatsachen den Betrachtern vor die Nase hält, ohne dabei selber etwas zu sehen. Was jedoch für Antriebskräfte walten müssen, um seine ganz persönliche Achillesferse zu entblößen, ist jedoch eine andere Frage. Am Anfang waren da nur diese Geschichten, die man beiläufig irgendwo schnell irgendwohin gekritzelt hatte, bis dann die Jahre mit und ohne Schreiben vergingen, und ehe man sich versah, hatten sich doch einige Seiten angesammelt, die es auch vielleicht wert waren, gebunden zu werden. Jedoch hätte ich nie an dieses Werk gedacht und ich hätte mich nie in die Tiefen meiner Seele gewagt, wenn nicht dieses starke Ego des

„Ich will an mich erinnern!“

sich unermüdlich ins Hirn gebrannt hätte. Irgendetwas muss ich doch hinterlassen, mich etwas wichtigmachen, etwas fertigmachen. So in etwa schallte es wahrscheinlich unbewusst durch mein Inneres, also ließ ich die Hosen runter. Auch gut! Wenn das der Antrieb ist, ist es zwar nicht sehr rühmlich, aber effektiv. So kann jeder Leser, der mich kennt, schön das Skalpell herauskramen und mit dem Filetieren meiner Persönlichkeit anfangen. „Wusste ich’s doch“ und „Hab ich mir schon gedacht“ sind dabei meine Lieblingsfloskeln. Die, die mich nicht kennen, die dürfen Charakterstudie betreiben, und die Nacktheit, die sich durch die Geschichten offenbart, objektiver beurteilen, vorausgesetzt, es gibt so etwas wie Objektivität, denn wie objektiv kann man sein, wenn man dem Wandel der Zeit ausgesetzt ist, wenn man mit seinem Leben durch verschiedene Epochen steuert, so vielen Menschen begegnet und soundso viele Erfahrungen macht. Wie naiv kann man sein, zu glauben, die Wahrheiten, die man einst so akribisch aufgetürmt hat, hätten ewig Bestand. Hier gilt immer: nicht nach hinten schauen, das ist nicht die Richtung, in die man geht. Damit aber das da „hinten“ nicht in Vergessenheit gerät, sollte man sich hin und wieder etwas notieren oder ein Bild davon machen. So ist dieses Buch, ein Sammelsurium aus Kurzgeschichten, Gedichten, Gedanken und Träumen, entstanden. Es hat über ein Vierteljahrhundert gedauert, bis es vermeintlich fertig war, nicht dass es so lange gedauert hätte, es zu schreiben, vielmehr hat es einfach die Zeit gebraucht zu leben. Ich muss zu meiner Entschuldigung gestehen, dass ich weder ein großer Leser war noch bin, noch weniger mochte und mag ich das Schreiben, doch trotzdem kann ich es jedem empfehlen. Ist das ein Widerspruch? Jein! Das Schreiben entschleunigt, es gibt die Zufriedenheit, auf etwas Abgeschlossenes und Fertiges zu blicken, und es gibt dir später die Erinnerungen an diese Zeit, in der man voller Hingabe eben diese Zeilen notiert hat. Wie der Duft der Wassermelone, der mich an die guten sonnigen Zeiten meiner Kindheit erinnert, oder der Geruch von Linoleum, der meine harte Schulzeit lebendig werden lässt. Man sollte sich die Zeit nehmen, eine Geschichte zu schreiben, ein Bild zu malen oder ein Lied zu komponieren. Man sollte sich die Zeit nehmen, kurz mal anzuhalten, sonst verpasst man das Leben. Hin und wieder hatte ich diese Muße, mich auf meinen Hosenboden zu setzen und ein paar Zeilen zu lesen oder zu schreiben. Und wie schon Hermann Hesse zu sagen pflegte, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, haftet auch ein Zauber an jedem Werk, welches abgeschlossen vor einem liegt und man es aus der Distanz betrachten kann … Doch der Anfang bedarf freilich der Danksagungen und Huldigungen jeglicher Art, um den Dingen gerecht zu werden. Aber nach langem Überlegen kam mir keiner in den Sinn, den ich zum Komplizen und Mitverantwortlichen von etwas möglicherweise Langweiligem oder Verstörendem machen wollte, also ist dieses Geschreibsel von keiner Macht befehligt, von niemandem getragen und auch keiner Person gewidmet, sodass es allein für sich steht. Es wird hier eine Flut von Gedanken, momentanen Gefühlen und Bedürfnissen, zusammengefasst in einem Konglomerat der Wahrnehmungen, in manchmal bunten und manchmal wirren Worten, wiedergegeben. Mal in verwinkelten Gassen des Verstandes, mal in den frischen Weiten des Geistes, und zumal in eisiger Bedrängnis der Zeit, fand ich Belege meiner Erkenntnisse. Auf der Wanderschaft durch meine Vergangenheit kam ich sowohl in hohe Gefilde des Geistes als auch in die tiefen Abgründe meiner selbst. So entstand wie aus Puzzlestücken dieses Werk aus vielen kleinen Geschichten zu einem Bild meiner Motive. Es ist das Bild über Glück und Bedrängnis, über Sinn und Wahnsinn.

Hakan Cesur     August 2013

Die Zeit

Dem Flug der Vögel gleich

ist sie jetzt hier

und bald schon Vergangenheit.

Falten und Furchen hinterlassend,

mahnend dem Kommenden

mit seltsamer Gerechtigkeit.

Dem Spiel der Götter gleich zart

und unwiderstehlich,

zieht sie ihre Kreise

ins Zentrum der Ewigkeit.

hc September 2003

Unfug

Schon wieder eine rote Ampel, Verkehr, Hektik. Menschen in blechernen Gefährten versuchen dem Asphalt zu entkommen. Letzte Kurve, ein Parkplatz, Abschied von der Liebsten. „Ich komme wieder. Pass auf dich auf!“ Wieder in die Menge, kalter Steinboden, gut temperierte Halle, Massen kreuz und quer, trotzdem organisiert, einheitlich, aber beliebig. Hallen, Gänge ohne Grenzen, Kontrollen überall, Widerspruch, der nicht erkannt wird. Die Menschen, geleitet von Anzeigetafeln, reihen sich in Schlangen. Gepäck, viel Gepäck. Alles geruchlos, aber farbig, ja bunt, aber einheitlich bunt. Nichts vergessen? Ticket, Pass, Kreditkarten, Handy; gut, alles Wichtige dabei, alles, was zum Überleben notwendig ist. Schon wieder in die Schlange. Kontrollen, Stempel, Kontrollen, Stempel; „Guten Tag … auf Wiedersehen …“. In der Check-in-Lounge wird der Geruch der Kulturen immer deutlicher. Eine intolerante Mischung zwischen Einheimischen und Allerweltstouristen geht durch die Nase tief ins Rudimentäre. Wieder eine Schlange, wieder Kontrollen und wieder „Guten Tag!“. Es reduziert sich auf zwei gegensätzliche Kulturen. Abend- und Morgenland in einem Boot, in diesem Fall Flugzeug. Die einen finden schnell ihre Sitzplätze und breiten ihre Tageszeitungen aus und die anderen suchen immer noch nach der Boardingcard. Ratlos steht das Morgenland in der Gangway und findet seinen Platz nicht. Gepäck wird hastig in Sicherheit gebracht. Gegenseitige Missgunst und Kopfschütteln.

Der Flug: holprig, eng und stickig. Das Essen: geschmacksneutral, unstrukturiert, aber gut verpackt. Die Ankunft in Istanbul: streng, unpersönlich und doch zu Hause. Glänzender Marmor statt Granit. Schon wieder Hektik; Kontrollen, Stempel und Schlangen. Alles dabei? Ticket, Pass, Kreditkarten, Handy. Diesmal kein Warten aufs Gepäck. Tausende Bildschirme zeigen unseren Weg. Unzählige Schilder, Gänge und Rolltreppen. Endlich der Transferflug, diesmal eine kleine Maschine und nur Einheimische. Kein Tourist, da will ja auch niemand hin zu meinem Opa in die anatolische Steppe. Nur Leute wie ich, die nur aussehen, als wären sie Allerweltstouristen, und andere, an deren Gepäck, Geruch und Kleidung man sehr schnell erkennt, dass sie in die Steppe gehören und nicht in internationale Flughäfen. Das merkt man schon daran, wie sie sich in der Enge eines Flugzeuges gegenseitig behindern. Sie sind die Enge nicht gewohnt. Die Weiten und die nur langsam verrinnende Zeit der Steppe sind der Maßstab und nicht wie für die anderen der eigene gut umzäunte Gartenanteil und die Kaffeepause zwischen zwei Terminen. Und genau diese Mentalität erzeugt eine einstündige Verspätung für einen halbstündigen Flug. Am Ende der Reise erwartet die Menschen keine Rolltreppe, kein Fast-Food-Restaurant. Es ist vielmehr wie ein Ankommen an einem Bahnhof, an einem Bahnhof in einem Dorf. Die Koffer sind fein säuberlich übereinander neben dem Flugzeug auf der Landefläche aufgestapelt. Jeder darf auch seinen eigenen Koffer, nachdem er ihn nach langem Suchen entdeckt hat, in die Halle tragen. Hier gibt es keine Stempel, keine Kontrollen. Es gibt nur einen Polizeibeamten, der mit seiner bübisch gerissener Miene jedem prüfend in die Augen sieht. Sofort kommen helfende Hände, die meine Koffer in ein Auto schleppen. In der Zwischenzeit gibt es Tee und eine langsame Zigarette. Dann folgt eine lange holprige Piste bis zu einem Dorf, um dessen Existenz wahrscheinlich nur die Einheimischen und deren Verwandte wissen. Angekommen erwarten mich ein Geruch der Herkunft und eine Umarmung der Abstammung.

Sie steht wieder, die Zeit, sie steht. Alles atmet wieder im Takt der Natur und viel mehr als Natur gibt es hier auch nicht. Kein fließend Wasser, keinen Stromanschluss, kein Telefon und keinen Kühlschrank. Nur warm, wohlwollend blickende Augen aus der Vergangenheit. Hier findet das Morgenland schnell seinen Platz. Nur Allerweltstouristen tun sich etwas schwer, in den Rhythmus der Steppe zu kommen. Alles ist so, wie es war, wie es ist und wie es immer sein wird. Sie werden auch nicht älter. Sie sind wie die Fotos, die man vor Jahren gemacht hat, zwar etwas vergilbt, aber sonst hat sich nichts verändert. Nur an den Kleinsten merkt man, dass Zeit vergangen ist. Geburt, Wehrpflicht, Familie und Tod. Das sind Eckpfeiler des Lebens hier. Viel Zeit für wenige Etappen im Vergleich zu Geburt, Schule, Abschluss, Führerschein, Beruf, Karriere, Heirat, Scheidung, Rente, Tod.

Da reiten wir wieder, Opa und Enkel, als hätten wir in der Zeit dazwischen nichts anderes gemacht, wir reiten über die Steppe wie einst alle Ahnen vor uns. Dabei haben wir nie viel miteinander geredet, nicht wegen der Schwerhörigkeit meines Opas, nein, nur dass Gesten und Blicke hier viel mehr bedeuten als blanke Worte. Und so werde ich wohl der Letzte sein, der hier reitet. Doch wer weiß das schon so genau, vielleicht verschlägt mich wieder irgendetwas hierher, womöglich sogar meinen eigener Enkel. Im Dorf wartet auf uns ein freundlicher Empfang. Zur Feier meiner Ankunft wird ein Schaf geschlachtet und feierlich zubereitet. Die ganze Familie nimmt an den Vorbereitungen des Abendmahls teil. Und viele Freunde und Nachbarn kommen zu Besuch, um den Neuankömmling zu begutachten. Nach dem Essen wird bis tief in die Nacht geredet und Tee getrunken. Ist es das Licht der Gaslampen oder die sanften gedämpften Stimmen all der Leute, die diesen heimeligen Raum mit Mystik erfüllen? Womöglich ist es das große Ornament eines der Wandteppiche, das den Schwager des Propheten Ali zeigt, wie er, das doppelspitzige Schwert schwenkend, auf einem Schimmel galoppiert. Ich beobachte meinen Opa, der ab und an nach seinem Teeglas greift und mit zittriger Hand einen Schluck macht. Immer wieder treffen sich unsere Blicke und jedes Mal bekomme ich ein Lächeln geschenkt. Es ist das Geschenk eines Mannes, der hundert Jahre dieses Leben gelebt hat und nun Vorbereitungen fürs nächste trifft.

Es ist so früh, dass noch die Augen brennen. Drei Tage waren vergangen und ich sitze wieder am Flughafen. Ich trinke zwischen all den Menschen, die wieder zurückmüssen, meinen letzten Tee und bekomme danach meinen ersten Stempel. Schlendernd gehe ich zum Flugzeug und suche meinen Platz. Ich sehe viele bekannte Gesichter, die immer noch nach ihrer Boardingcard suchen und schließlich von der Stewardess auf ihre Plätze gebracht werden. Nach einer erwarteten Verspätung Landung in Istanbul. Es ist wieder so weit. Die bunten Schaufenster der Duty-free-Auslagen sind noch verlockender und bedeutungsloser als bisher. Alle Nationen dieser Erde sind vertreten und tanzen den Tanz der Verlorenen, Wohlhabenden im Rhythmus des Suchenden. Losgelöst und fern der Erde sind sie nur kurz aus ihrem Leben gerissen und in einer Zwischenwelt gelandet, einer Idealwelt, in der es keine Währungen gibt und das Essen aus gut verpackten Pappkartons kommt. Willkommen sind nur die, die mittanzen, und nicht die Desillusionierten, die am Boden sitzen und ihre leeren Pappbecher den anderen hinhalten, um auch am Tanz teilnehmen zu dürfen. Istanbul, tanze nicht den Tanz der Selbstgerechten, nicht mit deinen kaputten Knien. Wenn du fällst, wird dir niemand die Hand reichen. In diesem Tanz steckt rastlose Bosheit, die ihre Grenzen in der gesamten Welt schon längst überwunden hat.

Kontrollen, Schlangen, Maschinengewehre, Stempel, Kontrollen, Security, Stempel … Der Flieger holpert ein wenig, bis er vor dem Anflug in München noch einmal in dicke Wolken taucht. Die Tragflächen rattern und die Triebwerke dröhnen. Zu Hause? Oder einfach nur wieder da? Feucht begrüßt uns der Regen und der kalte Wind meint es nicht böse. Er ist nur immer da. Wie die drei Schwestern, die zur Begrüßung aus dem Haus stürmen, obwohl man sie nicht immer sehen möchte, sind sie immer da. Wolke, Regen und Wind – immer da, wenn jemand empfangen werden soll. Schnell den Kragen hochgeklappt und das Handy wieder eingeschaltet. Warten auf das Gepäck. Dies ist der einzige Moment, sich zu erinnern, wo man war und warum man wieder hier ist. Die Last der Koffer stimmt einen wieder in die Pflichtwelt ein. Doch da, freudestrahlend kommt endlich meine Familie. Wie sehr habe ich euch vermisst, die Umarmung tut so gut. Doch wie sehr werde ich meinen Opa vermissen …

hc Januar 2004

Der Spieler

Er streifte mich mit einem Blick der Unzufriedenheit. Verärgert rieb er mit dem Markiereisen ein Muster auf die Lederspitze seines Queues, kreidete das Leder noch einmal sorgfältig ein und setzte zum dritten Versuch an. Die Zuschauer, Menschen aus der „gehobenen Schicht“ der Gesellschaft, hielten nun den Atem an. Es war der letzte Spielzug, der über Sieg oder Niederlage entscheiden sollte. In der von Zigarren- und Pfeifenrauch benebelten Halle schien ein fahles Licht, welches Gesichter zu regungslos steifen Statuen machte. Die Männer waren alle mit einem schwarzen Smoking und einer weißen Fliege bekleidet, schmauchten gemütlich ihre dicken Havannas, hatten viel Gel in den Haaren und wussten, wie man die Frauen mit Small Talk langweilte. Ihre Frauen hatten verschieden bunte Kleider an, die unter diesem Licht wie gräuliche Schattierungen schimmerten. Meist waren die Haare hochgesteckt, die Dekolletés mit viel teurem Schmuck beladen und das Make-up ließ langsam nach, sodass ihre Gesichter glänzten. Ihre Blicke waren sichtlich gelangweilt. Ich rätselte, ob es am Gesprächsthema ihrer Begleitungen lag oder aber am Billard, dessen Regeln sie nie verstanden haben und auch nie verstehen wollten.

Dieses Spiel war kein offizielles Turnier. Es ging nicht wie so oft um irgendeinen Pokal oder Titel, sondern um Geld, und zwar eine ganz Menge. Eine stolze sechsstellige Zahl mit einem Dollarzeichen hintenan. Auch der Austragungsort war seltsam gewählt. Ein so gewaltiges Gebäude wie die Metropolitan Opera schien etwas unpassend für dieses Spiel zu sein. Aber jeder Platz, sogar die Logen waren belegt, natürlich nur für geladene Gäste. Die Reichen dieser Erde, denen sonst das Leben tödlich langweilig war, versuchten sich so eine kleine Ablenkung zu schaffen. Sie spendierten den Preis und ließen sich dieses Spektakel sehr viele Dollar kosten und feierten eigentlich nur sich selbst. Dafür ließen sie die Spieler gegeneinander antreten, die wie Gladiatoren um ihr Leben kämpften. Damit machten sie das Billard salonfähig, eine Spielart, die sonst nur in verrauchten, dubiosen Bars anzutreffen war, genauso wie die, die es professionell ausübten. Für Jack aber, der über seinem Queue gebeugt die Kugeln musterte, war dies ganz und gar keine Ablenkung. Nein, es war sein Lebensinhalt und die Gelegenheit, sein Leben zu krönen.

Jack war ein armer Schlucker. Nichts hatte er je besessen, außer seinen uralten Queue, der auch hier und da seine Schrammen aufwies. Sogar sein eleganter Smoking war nur geliehen. Er war ein Spieler. Sein ganzes Leben war ein Spiel, so sagte er. Ich dachte mir, heute kann er ein Held werden und ganz New York wird ihn feiern wie einen Phönix, der aus der Asche aufstieg. Aber jeder Held hat ein Trauma und ich kannte Jacks Trauma. Lange ist es her, wo er ein glücklich liebender Mann war und sein „Engel“ – so bezeichnete er seine Verlobte damals – nie von seiner Seite wich. Sie war eine starke Frau, jung, intelligent, aber manchmal berechnend. Wir wissen alle, dass das Leben oft grausam sein kann. Und so traf Jack die Pranke des Schicksals am 26. April jenen Jahres, als ihn sein Engel verließ, weil er eine Pechsträhne hatte, die nicht aufzuhören schien. Und von da an ging es für Jack nur noch abwärts.

Und nun stand er da, inmitten der sogenannten gesellschaftlichen Elite, der nur der fette Geldbeutel zu einer Stellung in der „High Society“ verhalf, und musste das Spiel seines Lebens spielen. Er würde jetzt diesen Stoß machen, der über neun Banden lief. Ja, ich meine genau diesen magischen Neunbänder, der die Krönung jedes Kunststoßes bedeutete, den jeder Spieler beherrschen wollte, aber nur einige wenige wirklich spielen konnten.

Mit einem kurzen, aber wuchtigen Stoß, der sehr viel Rechtseffet hatte, setzte Jack die weiße Kugel in Bewegung. Diese jagte mit einer unglaublichen Geschwindigkeit über das grüne Leintuch an die erste Bande, sprang förmlich die zweite an, als wollte die Elfenbeinkugel sie durchbrechen, um dem Tisch und damit dem Spiel zu entkommen, raste dann aber gezwungenermaßen an die dritte, streifte die vierte und nachdem die milchig weiße Kugel sieben Banden durchlaufen hatte, wurde sie langsamer, als sei sie am Ende ihrer Kräfte angelangt, als würde sie gleich zusammenbrechen und aufgeben. Jetzt würde sich herausstellen, ob die Wucht ausreichen würde, damit die Kugel bis zum Schluss auf der für sie bestimmten Bahn blieb und das Ziel erreichte. Sie rollte noch einmal an die lange, dann an die kurze Bande, stupste die rote und dann schließlich und endlich die orange Kugel an.

Jack hatte sich schon, bevor die weiße Kugel an die erste Bande rollte, zu seinem Tisch begeben und ganz genau gewusst, dass dieser Stoß klappen würde. Als sich die Kugel ihren Weg über den Tisch bahnte, um ihm den Sieg zu bringen, hatten seine treuen, gutmütigen, braunen, aber schon etwas müden Augen nur eine Person fixiert. Sie war da. Ganz oben in der Loge saß sie da. Auch an ihr schienen die Jahre nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Sie war jetzt eine reife attraktive Frau geworden. Neben ihr stand ein eleganter Mann, vermutlich der Ehegatte, der sichtlich an dem Geschehen unten auf der Bühne sehr interessiert schien.

Als dieser Stoß nun endlich geglückt war, wurde plötzlich die tote Stille, die bis vor kurzem noch über dem Raum lag, durch die aufschreiende Menschenmenge durchbrochen. Jubelgeschrei und tosender Applaus füllten nun die Metropolitan Opera. Blitzlichter erhellten den Saal. Es war so, als wäre durch diesen erlösenden Stoß in den noch soeben toten Raum wieder Leben eingekehrt. Alle standen sie und applaudierten. Nur eine saß unverändert auf ihrem Platz, ebenso wie Jack. Er schien sichtlich unbetroffen, thronte an seinem Tisch und genoss seinen Bourbon. Er hatte für diese aufgebrachte Menge nur ein kleines Lächeln übrig. Obwohl er nun ein Held war, schien er nicht sehr glücklich zu sein.

Als ich nach dem Spiel Jack endlich allein hinter der Bühne auffinden konnte, gratulierte ich ihm: „Endlich hast du dein Ziel erreicht und bist unabhängig“, sagte ich zu ihm voller Stolz. Erst blickte er mich fragend an, dann antwortete er trocken: „Mein Ziel ist das Spiel gewesen und nun ist’s vorbei mit der Spielerei“, klopfte mir auf die Schulter und sagte noch: „Wir sehen uns später auf ein Bier“, und ging mit seinem berühmten Schlendergang Richtung Saal, blieb noch einmal stehen, drehte sich wieder zu mir um und sagte in einem sehr sanften Ton: „Hast du meinen Engel gesehen? Sie sieht wundervoll aus!“

hc Oktober 1988

überarbeitet Dezember 1998

Chronos

Die Götter spielten seit Tagen verrückt. Es regnete schon wochenlang ununterbrochen; in der Nacht unnachgiebig und am Tage sintflutartig. Es schien, als wollten die Götter unsere Erde von all den Sünden reinigen, welche die Menschen schon seit Jahrtausenden begangen haben und immer noch begehen. Vielleicht wollten sie nur die Habgierigen bestrafen, indem sie einfach ihren ganzen Besitz davonspülten, oder den Willen der Menschen beugen, um ihren Glauben zu testen, vielleicht aber war es ja nur Meteorologie; wer weiß das schon so genau. Auf jeden Fall fanden zur Freude der kleinen Händler Regenschirme und Gummistiefel reißenden Absatz. Das Wetter war seit Tagen in den Schlagzeilen, und in den Nachrichten wurde viel über Ursprung und Herkunft dieser unsäglichen Plage spekuliert. Der Dauerregen machte die Menschen unruhig und unberechenbar. Einige dubiose Sektenführer riefen sogar ihre Anhänger dazu auf, gemeinsam eine Arche zu bauen, da jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen sei. Es waren unruhige Zeiten und viele waren verängstigt und fürchteten, ihr Hab und Gut in den Fluten zu verlieren. Noch drohten keine Katastrophen, jedenfalls keine großen, aber bald würden die