Petitio - Jutta Noak - E-Book

Petitio E-Book

Jutta Noak

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Beschreibung

Der Roman "Petitio" öffnet seinem Leser ein Fenster mit einem sehr eigenen, ironischen Blick auf das Leben der Deutschen Litauens in der sowjetischen Zeit. Ein junges Mädchen folgt Nietzsches Anschauung, dass "das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe - und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängnis, nicht eine Betrügerei!" Die Protagonistin analysiert die Umstände ihres Lebens und resümiert, dass sie das Geschöpf eines historischen Experiments ist. Sie hat die Formel "Deutsche + Russin = Litauerin" aufgestellt und interpretiert sich selbst als einen von Hitler verfluchten Mischling. Eine alternative Antwort auf die Frage "Was bin ich", lässt sie unbeantwortet. Ihr Lebensweg führt sie und ihre Mutter nach Deutschland. In ihrer Jugend findet der weibliche Hauptcharakter die Kraft für den Kampf mit ihrer Vergangenheit und gegen die Bürokratie der Gegenwart. Ihre Mutter hingegen hat den Kampf bereits aufgegeben und ein Leben ohne jegliche Regeln auf der Straße gewählt.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Aurelija und Kamile

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Das Leben ist ein Experiment

Das Kunstwerk

Der Konflikt

Vernissage

Provokation

Tragikomödie

Melodrama

Ein Geschenk der Natur

Das un-anständige Spiel

Der Berühmte

Das Atelier der Lebenskunst

Paradoxa

Der Partei-Wolf

Der Nachhall der Ausstellungen

Gen-Zellen

Die Schülerin

Die schuldlos Schuldigen

Die Anti-Kunst

Öffentliche Politik

Der Morgen

Dekadenz

Unschuldige Spiele

Die Komödie oder Tragödie des Absurden?

Couloirs

Die sozialistische Realität

Waltraut

Opa

Die ideologische Reise

Dichter Nebel

Primaten

Nonsens

Ein gefährliches Spiel

Der Blitzplan

Epi-Phänomen

Tabu

Negative Reaktion

Klara

Mutation

Zweiter Teil

Zwischenzustand

Deutsche Ordnung

Romantik...Romantik!

Erste Hürde – eine neue Erfahrung

Zweite Hürde – eine neue Erfahrung

Dritte Hürde – eine neue Erfahrung

Vierte Hürde – eine neue Erfahrung

Sekundäre Atmung

Partnervermittlung

Metastasen der sozialistischen Erziehung

Prozess nach Kafka

Peri-Phrasen

Instinkte

Die Paragrafenreiter

Fortsetzung

Strafsache

Zweite Kategorie

Paragrafenrätsel

FoxP2-Gen

Gegenmarsch

Die Winkel der Vergangenheit

Ein totalitäres Experiment

Die richtige Strategie

Noch eine Erfahrung

Der Politiker und Künstler

Desintegrator

Krise

Lebendige Installation

Im Dickicht der Realität

Metamorphose

Straßenpolitik

Autor

Buch

ERSTER TEIL

Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt.

Friedrich Nietzsche

Das Leben ist ein Experiment

„Die historischen Ereignisse sind in Fakten, Daten und Fotos erstarrt, in Chroniken festgehalten, und die sie begleitenden Schatten haben keine Form, Umrisse, sind namenlos und tot...“

Ganz zufällig (oder vielleicht auch nicht) las ich den Artikel einer mir unbekannten Autorin und konnte mich nur über die Ähnlichkeit unserer Gedankengänge wundern.

Jedes Wort, das aus dem perforierten Gehirn hervortrat, schwebte lange über meinem haarigen Schädel, zwang mich dazu, immer wieder zum Anfang zurückzukehren und ließ mich nicht um eine einzige Zeile vorankommen. Wie verzaubert hielt ich an demselben von der Autorin zitierten Ausspruch des deutschen Philosophen F. Nietzsche inne: „...jener Gedanke, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängnis, nicht eine Betrügerei!“

Die Gedanken drehten sich fortwährend um die logische Schlussfolgerung des Philosophen und der Autorin des Artikels, die, während sie das Innere zerplatzen ließ, nur einen einzigen Laut hervorbrachte: „Ha“ – danach folgte eine kurze Pause, quasi um Luft zu schnappen, und wieder hagelte es Worte voller Zweifel:

„Unglaublich! Nein, nein, das ist unglaublich!“

„Es ist unglaublich, dass das Leben des Menschen nur ein Experiment des Erkennenden sein soll?!“

Mit steigender Intonation wiederholte ich immer wieder: „Das Leben ist ein Experiment, das Leben ist ein Experiment, das Leben ist ein Experiment, das Leeeeben ist ein Experiment...“

Mit zitternder Hand schrieb ich auf ein weißes Blatt Papier: „Das Leben ist ein Experiment, Das Leben ist ein Experiment, Das Leben ist ein Experiment...“

Ich teilte die Wörter in Silben auf: „Leben – Experiment, Leben – Experiment“, als hegte ich den Wunsch, dass sich mir das Wesen dieser These schnellstmöglich erschließen möge – zwischen Fragezeichen und Ausrufezeichen, Verwunderung und Zweifel.

Ein mir unkontrolliert entgleitendes „cha, cha, cha...“ und „Ha! Ha! Ha!“ verstärkte die Emotionen und unvermeidbare Zweifel:

„Nein, das kann nicht sein! Es ist unglaublich, dass das Leben nur ein Experiment sein soll!“

„Das Leben ist ein Experiment?!“

„Nein, nein, das kann nicht sein!“

„Das ist unglaublich!“

Das in Silben zerfallene „unglaublich“ begleitete stets ein stimmloses „ha! ha! ha!“ und „cha, cha, cha, cha“. Und auch die Verneinung „Nein, das kann nicht sein“ und „unglaublich!“ bedeuteten ganz und gar nicht, dass man es nicht glauben kann, oder dass ich es wagen würde, die Wahrheiten eines anerkannten Philosophen anzuzweifeln.

Zu meiner Rechtfertigung erklärte ich verhalten, dass das Wort „unglaublich“ mehrere Bedeutungen hat: etwas Großartiges, Märchenhaftes und auch Fantastisches. Leider hat dies die innere Unruhe nicht besänftigt, im Gegenteil – ein noch heftigerer Schwall von Fragen drang hervor, gemischt mit Zweifeln. Der programmierte Gedanke der Autorin und des Philosophen erhielt jedoch allmählich eine Dynamik und eine Richtung, und ich versuchte, Antworten auf die Fragen zu finden, die aus dem ersten Teil der These erwachsen:

„Was möchte der Mensch denn erkennen?“

„Natürlich das Leben!“

„Ha, ha...“ – diese Antwort stellt mich also nicht zufrieden. Vom spannenden Teil der These „Das Leben ist ein Experiment“ habe ich mehr Klarheit und Sinn erwartet, was auch das verhaltene ohne erhobenen Pathos an der Zungenwurzel steckengebliebene „ha“ und „cha“ hervorrief. Darin verbargen sich Emotionen, die sich vielleicht auch nicht durch andere Worte ausdrücken lassen. Warum aber hat das entglittene Wörtchen „ha“ so gar keine Ähnlichkeit mit dem „cha“, und welche Bedeutung erfahren dadurch die wiederholten Aussagen – das verstand ich selbst nicht.

War „cha, cha, cha“ die Entsprechung für litauische Empfindungswörter, die einem Lachen gleichkommen, und bedeutete „ha, ha, ha“ eher einen deutschen Ausruf, der Zweifel vermuten lässt, oder ist es Ausdruck der Zufriedenheit, nachdem man etwas Erstaunliches im Leben entdeckt hat?

Vielleicht ja.

Der Gedanke, dass ich dem Ursprung dieser Empfindungsworte unbedingt auf den Grund gehen muss, ließ mir keine Ruhe. Die Erkenntnis, dass am Anfang das Wort war, half nicht viel, denn um die Wahrheit zu sagen, wusste ich nicht, welches dieses erste Wort war...

Vielleicht „ha“?

Das sarkastische „chi, chi, hiiiiiiiiiii“, das meine Gedankengänge begleitete, füllte den Raum quasi mit Schatten. Als ich einen Blick in den Spiegel warf und die hinter dem Tisch sitzende krumme Silhouette erblickte, erschrak ich, denn ich fürchtete, dass dieses „chi, chi...“ auch meine Gedanken verzerren würde. Ich lehnte mich zurück und saß lange vor dem Artikel, als hätte ich Angst mich zu erheben und mit krummen Beinen auf den schiefen Reflexionen der Gedanken über das neben mir liegende Blatt Papier zu wandeln – es war bereits in alle Richtungen mit Sätzen aus dem Artikel und meinen eigenen Schlussfolgerungen bekritzelt. Der Lesestoff nahm mich manchmal so in Besitz, dass aus der Tiefe immer wieder ein stimmloses, ironisches „ha, ha“ aufstieg, und als die Emotionen überhandnahmen, traten allmählich die Bedeutungen hervor: Ein deutsches „ha“ bedeutete Erstaunen und Zustimmung, ein litauisches „cha“ – Spott, ein dreifaches „cha, cha, cha“ – Gelächter.

Dieser Artikel reizte und trübte die Wasser des Anfangs schonungslos, warf mich umher zwischen deutschen und litauischen Empfindungswörtern, die ich nun nicht mehr abschütteln konnte.

Ich habe es auch nicht versucht. Ich glaubte daran, dass sie beim Finden der Bedeutungen und Konnotationen helfen werden, und ihre häufige Verwendung wird nicht nur meine Emotionspalette beleuchten, sondern vielleicht auch mein Denken anregen und auf die richtige Bahn lenken.

Aber je weiter ich kam, desto tiefer geriet ich hinein, und die Wahrheiten schwarz auf weiß begannen mich zu ersticken, denn das sarkastische Lachen chi, chi, chiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii... nahm kein Ende. Bei aller Verwirrung gesellten sich auch die Worte hinzu, die mir die Sprache verschlugen:

„Du – das heißt ich – bist also kein Experiment des Le-bens, sondern... der Ge-schich-te.“

Ich war verblüfft von dem unverhofften Gedanken und schaute mich sogar um, woher die Laute kamen. Ich dachte, ich hätte von der Geschichte Abschied genommen, deshalb reagierte ich so impulsiv:

„Das stimmt nicht! Ich bin das Experiment meines eigenen Lebens, nicht das der Geschichte... Nein, nein, auf keinen Fall, ich bin das Experiment meines Lebens, nicht das der Geschichte!“ – ich wiederholte es immer und immer wieder, aber die Worte wurden von derselben Schlussfolgerung überschattet:

„Du bist ein Experiment der Geschichte.“

Ich hielt es nicht mehr aus und lachte laut:

„Cha... Cha... Ha... Ha... Sehr witzig!“

Nachdem ich die Zeitschrift auf den Boden geworfen hatte, versuchte ich mich von den darin niedergeschriebenen Wahrheiten abzugrenzen, aber die Aktion brachte nur einen einsilbigen Laut hervor – „ha“.

Das einsame Solo und die zweifelnde Intonation überzeugten nicht, also fragte ich mich leise, mit der Angst, dass meine ausgesprochenen Worte mit realem Sinn gefüllt werden könnten:

„Bin ich wirklich ein Experiment der Geschichte?“

„Ich... Ich... Bin ich ein Experiment der Geschichte?!“

Durch bewusste Verschränkung des „cha, cha, chaaaaaaaaaaaaaaaa“ mit dem deutschen ironischen „ha, ha, haaaaaaaaaaaaaaaaaaa“, wehrte ich die Antwort ab. Doch die Vorahnung, die mit verschiedenen Lauten in der Luft schwebte, bestätigte geradezu meinen verwirrten Geist, und ich kam fast ins Stottern:

„I... ich... b... bin e.. ein Ex... peeerrrriiiiimennnt d... der Ge-sch-sch-sch-i-ch-ch-ch-t-te...!“

Der berühmte deutsche Philosoph hatte wahrscheinlich derartige Reaktionen seiner Leserschaft vorhergesehen, deshalb gab er auch den Rat, das Leben wie ein Experiment zu betrachten, und er wies im Voraus darauf hin, dass ein Übermaß an Geschichte dem Leben schaden kann.

Der Autorin des Artikels würde eine solche Paraphrase ihrer Thesen wohl nicht gefallen, aber es fällt mir nicht mehr leicht, mich von deren Interpretationen zurückzuhalten und die Invasion zu stoppen, denn der Ausspruch „das Leben ist ein Experiment“ hatte sich so in meinem Gehirn festgesetzt, dass ich einen klugen Schluss zog und ihn rasch notierte:

„Ich bin jener, der seine Geschichte selbst bewältigen muss.“

Ich war etwas erleichtert, aber meine erste Schlussfolgerung erinnerte mich an die Worte von jemandem:

„Die Geschichte ist nichts weiter als die ständigen leeren Bemühungen des Menschen, seiner unwiderruflichen Natur zu entgehen.“

Worte, die wie für mich bestimmt waren, ließen die zweite Schlussfolgerung in einem völlig anderen Licht erscheinen:

„Ein Übermaß an Geschichte schadet dem Leben!“

Die provokativen Gedanken erhitzten das Gemüt, und die Beständigkeit der Schlussfolgerungen versetzte mich an den Beginn der tragikomischen Geschichte – die Realität der damaligen Zeit, die wie ein Glasschneider eine Skizze meines Lebens ritzte. Obwohl die Epoche voller freiwilliger Doubles und Statisten war, die sich an der Schaffung einer Zukunft beteiligten, die überhaupt nicht der Skizze aus der Fantasie entsprach, interessierte mich die Geschichte nur soweit, wie sie mich am Aufbau eines eigenen Lebens hinderte.

Dieser mit Metaphern verwobenen Realität wurde ich selbst langsam überdrüssig, und das entglittene „cha, cha, cha“ versetzte mich an den Anfang eines tragikomischen Experiments des Lebens, das mit chemischen Entwicklern und am Punkt des Zusammentreffens verschiedener Umstände nach und nach die Hauptfiguren zum Vorschein kommen ließ.

Das Kunstwerk

Der Beginn eines Kunstwerks ist ebenfalls das Empfindungswort „cha“, das irgendwann einmal ein Künstler beim Malen des reifsten Gemäldes seiner Genialität mit Zufriedenheit entgegnete.

Mit großen Augen untersuchte er die Kopien des Gemäldes eines berühmten russischen Malers in der Größe von Schokoladenpapier. Die verknitterten Papiere waren sorgsam geglättet und an eine Vase auf dem Tisch gelehnt. Öffnete man die Tür, wirbelte ein Windzug sie auf und ließ sie nach einem kurzen Rundflug auf den grauen Boden sinken. Die Braunbären auf dem Gemälde „Morgen im Kiefernwald“ kamen in Bewegung und wären fast von den umgestürzten Bäumen herabgefallen, und der Eisbär auf dem Gemälde „Bär im Norden“ rutschte aus und erstarrte in seinem weißen Umfeld, als fürchtete er, zwischen den Eisschollen einzubrechen. Das „chm, chm“ des Malers, mit seitlich ausgestreckten Händen, wurde mit einem „ha, ha“ zu offenkundiger Zufriedenheit.

Das durch meine zusammengepressten Lippen entweichende „chi, chi, chi...“ wurde sogleich von Muttinnngs Ausbrüchen der Bewunderung erstickt, die dazu anregen sollten, das große Meisterwerk so schnell wie möglich zu vollenden.

Das Gemälde sollte in einem ziemlich großen Raum mit einem Ofen, der nur an besonders kalten Wintertagen befeuert wurde, aufgehängt werden. Der ehemalige Hausherr wärmte sich an diesem Ofen nicht nur, sondern räucherte im Schornstein auch Würste und Speck. Die Mischung aus Ruß und Fett, das der Decke und den Wänden einen natürlichen biologischen Farbton verlieh, hielt jeder Art von Chemikalien stand.

Die Decke ließ sich noch mit weißen Papierbögen bekleben, und mit der passenden Beleuchtung konnte man die Aufmerksamkeit der Gäste von ihr ablenken, aber die Fettflecken, die die Wand mit ihrem grauen Muster besprenkelt hatten, ließen sich nicht verbergen. Deshalb war dieses Zimmer weder Küche oder Esszimmer noch Wohnzimmer.

Muttinnngs rege Fantasie sah an der Wand das Gemälde „Morgen im Kiefernwald“, das alles ins Lot bringen sollte. Nur seine Größe war unklar.

Mehrmals wurden leere Rahmen verschiedener Größen an der Wand aufgehängt, um alle dunklen Flecken zu verbergen; darum wuchs das Format des Gemäldes auf 2 x 1 m.

Als das Gemälde schließlich vollendet war, saß meine vor Freude strahlende Mutter vor dem Meisterwerk, hielt ehrfürchtig die rechte Hand des berühmten Meisters und hob sie gelegentlich, als hätte sie den Wunsch, jeden seiner goldenen Finger der Reihe nach zu küssen.

Mit grenzenloser Dankbarkeit in den Augen seufzte sie von den besonderen Talenten des Menschen und von der großen Kunst...

Mein Muttinnng vergaß völlig, dass es sich bei diesem Gemälde um das Meisterwerk des berühmten russischen Künstlers Iwan Schischkin handelte, und an der Wand hing nur die wenig gelungene Kopie von Stepukas. Für sie war er, Stepukas, der berühmteste, und wie ein wahrer Maler bedeckte er seine spärlich behaarte Glatze mit einem Barett.

Ha ha, vielleicht auch beim Schlafen?

Muttinnng kannte den Namen des Malers nicht, aber zuzugeben, dass sie ihn nicht kennt – nein, das passte nicht zu ihr. Die Manöver der Allwissenden hatte ich längst durchschaut. Mit Augenblinzeln und kurzen Ausrufen des Entzückens – „Oh! Wie wunderbar! Ein großer Künstler! Das ist wirklich herrlich!“ – vermochte sie ihr Unwissen zu verbergen. Mit anmutig geneigtem Kopf berührte sie mit dem Zeigefinger ihre Schläfe und versuchte mit vorsichtiger Aussprache der ersten Buchstaben den Nachnamen des Malers zu erraten, wobei sie dem Ergebnis ihrer Suche mit Seufzern Ausdruck verlieh. Erwähnte jemand den Namen des Malers, sagte sie ohne Pause neckisch:

„Oh ja, ja, wie konnte ich das vergessen“, und als wolle sie sich den Namen für die Ewigkeit einprägen, wiederholte sie ihn dann mehrmals.

Auf diese Weise saugte mein Muttinnng fast alles auf, was Kunst genannt wurde. Sie las wenig, zog jedoch künstlerisch veranlagte Menschen leicht an; indem sie ihren Unterhaltungen lauschte, erweiterte sie ihr Wissen. Mit weinerlicher Stimme erwähnte sie oft, dass der Krieg und das Rad der Geschichte ihr Leben verändert haben.

In ihrer Jugend malte und sang sie, spielte Gitarre, kopierte gern Gemälde, Porträts und stellte so ihr Talent unter Beweis. Mehrfach habe ich die missglückte Geschichte von ihr als Sängerin gehört.

Der von ihrer Stimme entzückte und noch recht junge Chorleiter wollte sich besser mit den solistischen Möglichkeiten ihrer Stimme vertraut machen. Bei einem Vorsingen sagte die Konzertmeisterin, die Frau des Chorleiters, das Wort „Bass“. Mein Muttinnng, die dies auf sich bezog, war zutiefst gekränkt und rannte aus dem Saal, wobei sie schrie:

– Ich bin kein Bass, ich bin ein erster Sopran!

Das war wirklich ein lustiges Missverständnis, doch meine naive Mama hat es nicht geglaubt. Mit schluchzender Stimme erinnerte sie mich und andere oft daran, dass man sich über ihre Stimme lustig gemacht hätte und dass ihre Karriere als Solistin von der eifersüchtigen Frau des Chorleiters zerstört wurde.

Trotz alldem blieb sie den Menschen der Kunst treu und lobte ihre Werke auf jede erdenkliche Weise.

Der Konflikt

Mein Konflikt mit der Kunst begann bereits in früher Kindheit.

Es ist eine Geschichte mit einer Fortsetzung, die zu einer Konfrontation völlig anderer Art auswuchs. Der Grund dafür waren Süßigkeiten, die damals nicht so leicht zu beschaffen waren. Aber bei der Geschichte geht es nicht darum, sondern um die Reproduktionen auf den Verpackungen von Süßigkeiten, die einem die Werke russischer Maler näher brachten.

Ich würde nicht sagen, dass mir das Gemälde des berühmten russischen Malers nicht gefallen hat, aber als die Kopie des Malers mit Barett endlich fertiggestellt war und die Braunbären stets vor meinen Augen auftauchten, begann ich eine schwer zu zügelnde Abneigung gegen die große Kunst zu verspüren, und die alltägliche Bewunderung meiner Muttinnng für das Meisterwerk von Stepukas verstärkte diese Abneigung noch: „Ach, wie diese Braunbären das Gemüt erheitern...“

Cha, cha... Ich konnte mir kaum den Spott verkneifen, den nicht die Kunst heraufbeschworen hatte, sondern zwei Künstler, die in unserem Hause große Kunst geschaffen hatten, gefördert durch die Seufzer von Muttinnng.

Der Maler mit „einzigartigem Talent“, Autor des Gemäldes „Morgen im Kiefernwald“ an der fettbesprenkelten Wand, ersetzte Muttinnngs früheren Freund, einen Maler, der in unserem Haus ebenfalls Spuren seiner Kunst hinterlassen hat.

Nachdem er Blumen, Trauben und andere Schnittmuster angefertigt hatte, besprühte er die Wände eines Zimmers mit Farbe, und ich war gezwungen, ohne einen einzigen Flecken Erholung für die Augen zu leben.

Von Muttinnngs „Wie schön, wie schön!“ schwoll dem lieben Herrn Maler die Brust; er hielt sich absichtlich länger bei uns zu Hause auf und wartete auf Inspiration für die Gestaltung der anderen Zimmer.

Glücklicherweise kam es nicht dazu.

Melpomene ließ mein Muttinnng nicht lange in seinen Armen verweilen. Herr Maler fand eine andere Muse und Muttinnng wurde von der Kunst von Stepukas und seinem Barett geblendet.

Auf diese Weise fügte sich meine Geschichte wie eine Bienenwabe zusammen. Und diese großen Künstler, in deren Zeit und Raum ich mich aufhielt, prägten meinen Geschmack: In einem Zimmer Braunbären auf umgestürzten Bäumen, im anderen das Erbe von Herrn Maler – Blumen aufgehängt in verschiedenfarbigen Rahmen.

Ich erinnere mich daran, wie ich unermüdlich nach einer Lösung suchte. Einer künstlerischen natürlich! Ich konnte schließlich nicht wie ein unreifes Mädchen meinem Ärger Ausdruck verleihen oder wie einige Künstler, die von magischem Himmelsgeflüster beeinflusst worden sind, Farbe auf die Wand schütten.

Meine Reifung, die aus dem inneren Widerstand erwuchs, fand allmählich statt und nahm lange Zeit keine Form an. Die Form wurde von der Natur selbst vorgegeben.

Wenn meine Augen an den toten Blumen an der Wand hängenbleiben, schüttle auch ich den Kopf wie unser Hund Regas. Die Vorfreude auf Essen war stets so stark, dass er seine Gefühle immer stärker zeigte. Mit lächelnden und zwinkernden Äugelein wackelte er mit dem Schwanz und bellte dumpf „hu, hu“. Und einmal erblickte ich die Männlichkeit von Regas, ähnlich einem Staubblatt – dem männlichen Geschlechtsorgan der Blüte.

Kein Empfindungswort hätte die wie ein Hitzeschwall hereinbrechende Bewunderung für meine Entdeckung besser zum Ausdruck gebracht – eben genau „chi, chi“ mit Verachtung für das Werk von Herrn Maler.

Vor Zufriedenheit grunzend und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern habe ich den Blüten mit roten Wasserfarben Staubblätter angemalt. Sie sahen dem „chi, chi“ von Regas sehr ähnlich, und gemeinsam mit dem innewohnenden „cha, cha“ rechtfertigten sie meine künstlerische Leistung.

Das Zimmer veränderte sich sofort, und die ständig auftauchenden Empfindungsworte trugen sogar zur Verschönerung meiner tragikomischen Lebensgeschichte bei, die in keinen traditionellen autobiografischen Rahmen gepasst hätte.

Irgendjemand hat einmal gesagt, Kunst sei nur die Nachahmung der Natur. Völlig richtig! Ich bin das lebendige Beispiel für ein solches Phänomen.

Vernissage

Cha, der erste Versuch mit den Staubblättern war ein Erfolg! Ich glaubte fest daran, dass immer neu auftauchende Wahrheiten des Lebens auch in der Zukunft meinen kreativen Raum erweitern werden, dass bei einer Änderung der Umstände die Möglichkeit zur Selbsterschaffung und andere Möglichkeiten entstehen werden und dass meine im Entstehen begriffene Individualität neue Farben erhält.

Cha, vielleicht finde ich ja ein charakteristisches, eigenes Empfindungswort mit Ausrufezeichen, das meine Persönlichkeit noch besser hervorhebt?

Vielleicht, vielleicht?

Das Meisterwerk, das die fettigen, dunklen Flecken des Lebens versteckte, war der große Anstifter, und deshalb wurde der zweite Schritt tatsächlich zum Gipfel der Errungenschaften – ein doppeltes Fest für Geist und Bauch.

Cha, das Fest für den Bauch begann noch vor der „Vernissage“, nach der mit meinem Körper auch mein Verstand dahinfloss. Der Beginn des Vorgangs war leider ein eher gewöhnliches, fast schon alltägliches Ereignis dieser Zeit: eine dicht gedrängte und lange Schlange wartender Menschen vor einem Tresen, auf dem eine mit dünnen Brettern verstärkte und zugenagelte Kiste aus Furnierholz stand. Lediglich das Brecheisen in der Hand der jungen Verkäuferin verlieh dem Inhalt der Kiste besonderen Wert.

Die Ungeduld der Menschen am Ende der Schlange war offensichtlich. Zwischen den Köpfen der anderen hindurch beobachteten alle die flinken Bewegungen der Verkäuferin in Erwartung der magischen Öffnung, denn nicht alle hier Wartenden wussten, worauf sie warten. Der erste in der Schlange und vielleicht auch einige hinter ihm konnten es ahnen, aber das große Wunder war noch nicht geschehen: Den jungen und sanften Händen der Verkäuferin widersetzten sich bis zur vollständigen Öffnung der Kiste noch einige verbogene Nägel, die dem Brecheisen nur schwer gehorchen wollten.

Die unerwartete Frage „Bleiben Sie hier stehen?“ ließ mich zusammenzucken. Eine vor mir stehende junge hübsche Frau begann mir, einer Jugendlichen, zu erklären, dass sie gerade von der Arbeit zurückgekommen und der Kühlschrank leer sei; der kleine brauche doch Brot, Milch und Graupen, und sie habe es sehr eilig, weil sie noch rechtzeitig irgendwohin müsse, und sie würde gern einen Platz in noch einer Reihe einnehmen. Ich habe nicht verstanden, wohin sie so eilig unterwegs war, denn sie erinnerte sich an etwas, seufzte kurz und entschwand eiligen Flügelschlages.

Mit den Augen folgte ich der Frau, die mit Absatzschuhen anmutig von Tresen zu Tresen schritt. Ich sah, wie sie sich in eine Schlange stellte, wo sie zuvor einen Platz unter mehreren Frauen und einzelnen Männern eingenommen hatte. Irgendein Unbekannter, der über ihre Manöver lächelte, ging ihr nach und stellte sich neben sie. Als sie sich umdrehte und ihn ansprach, wurde sein Grinsen immer breiter, aber bald wurde seine Miene wieder ernst, und mit Enttäuschung schaute er zu, wie sie in eine andere Schlange eilte. Dort gab es mehr Vertreter des männlichen Geschlechts, und diese wählen bekanntlich schneller und rationaler, und sie ergaben sich der Magie der jungen Verkäuferinnen; sie bemerken nicht einmal, dass das schwere Papier, in das die Ware eingewickelt wurde, mehr als die Ware selbst wiegt.

Die Warteschlange bewegte sich im Schneckentempo voran, also beobachtete ich die Menschen. Die anmutige Frau, die ihre letzten Kräfte zusammennahm, stand immer noch gerade. Die Trageriemen ihrer vollen Tasche dehnten sich wie bei einem Beutel. Sie hätte sie auf dem Boden abstellen können, wollte aber so lange wie möglich die Eleganz wahren: mit einer Tasche, einem Zellophanbeutel mit gerissenen Riemen, den sie an die Brust drückte und den man immer wieder mit dem Knie nach oben drücken musste, damit er nicht abrutscht.

Ungeduldig schaute sie auf unsere Schlange, der klare Blick verblasste, die Beine knickten ein, als würde sie in dickflüssigem Öl waten. Die Vergleiche brachten mich zum Schmunzeln. Ich lächelte und stellte mir vor, wie die schöne Frau nach dem erfolgreichen Hindernislauf zu ihrem Treffen eilt und dort aufmerksam einem Vortrag lauscht, wie man ewige Mangelware ergattern kann.

Ich stand geduldig in der sich langsam bewegenden Schlange und zählte in Gedanken mein Geld. Mit jedem bewussten Gramm zeigte sich die Bedeutung dieses defizitären Prozesses. Mit einer schwer zu beschreibenden, fast schon übersinnlichen Empfindung begriff ich – das ist meine Chance, und ich muss sie nutzen, denn mit einem solchen, wenn auch banalen, alltäglichen Zufall konnte ich nur einmal im Jahr rechnen. Und hier gab es auf einmal unerwartet, zum großen Erstaunen meinerseits, das Konfekt „Bär im Norden“ mit besonderem Inhalt.

Als ich dann eine Tüte mit Konfekt in den Händen hielt, schaltete sich ein unterbewusster Mechanismus ein, und es kam zur spontanen Auflösung dieses bedeutsamen Ereignisses.

„Cha, cha... Cha, cha, cha...“, lachte ich gehässig – so lange, dass ich selbst vor dieser spontanen Reaktion erschrak.

Ich war die glückliche, die die letzten 999 Gramm bekam. „Cha, cha, cha, cha...“, lachte ich noch einmal und zog damit den Ärger der umstehenden Menschen auf mich. Vielleicht hätte ich mich bei denen, die mein Lachen verletzt hat, entschuldigen sollen, aber ich habe mich nicht entschuldigt. Damals habe ich die Funktionsweise meines paranormalen Gehirns und die Kraft, die mich dazu verleitet, mich so und nicht anders zu verhalten, nur schwer verstanden: Jeder Bissen wurde von Handlungen begleitet, die im Alltag unangemessen waren. Ich habe das Schokoladenpapier nicht auf den Boden oder in den Mülleimer geworfen, sondern die Kanten sorgfältig geglättet und das Papier einzeln nacheinander in ein Buch gelegt, das ich zur Hand hatte, als hätte ich geahnt, dass eine solche Verkettung von Zufällen einer ausführlichen Analyse bedarf.

Auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich die ganze Zeit so, als hätte ich mit dem Verfassen meiner Memoiren begonnen. Ich hielt Pegasus am Schweif, weil ich fürchtete, er würde gleich davonfliegen, noch bevor ich das Geschenk dieser kreativen Inspiration festhalten konnte – die Gemälde der großen Maler, zu denen auch das von Stepukas gehörte.

Die Interpretation aller Zufälle endete mit dem letzten Bissen, und die Übelkeit von 999 Gramm Glukose stimmten mit dem deutlichen Fantasiegebilde überein, als das Bewusstsein es blitzschnell mit allen Realien verband und einen Plan zur Umsetzung schmiedete.

Obwohl der Selbsterhaltungstrieb damit drohte, den gesamten bedeutenden Inhalt zu erbrechen, bemühte ich mich mit aller Kraft, die spasmische Antwort meines brennenden Magens zu zügeln. Glücklicherweise wurden die physiologischen Reaktionen, die der berühmte russische Wissenschaftler Pavlov untersucht und in seinen Traktaten über bedingte Reflexe beschrieben hat, von einer Idee blockiert, die von meinem Bewusstsein Besitz ergriffen hatte. Um sie erfolgreich realisieren zu können, bemühte ich mich mit aller Kraft, schnellstmöglich alle Assoziationen herzustellen. Dazu mussten alle Mittel mit klarem Kopf gewählt und freier Platz organisiert werden.

Ziemlich leicht stieg ich auf zwei übereinander gestellte Stühle und beklebte die Wände mit Reproduktionen im Kleinformat – mit dem Schokoladenpapier. Ich stimmte sie dabei sorgfältig auf das im Mittelpunkt hängende, von Stepukas gemalte Original ab, wobei ich der Komposition besondere Aufmerksamkeit widmete; schließlich wollte ich nicht, dass das große Meisterwerk Schaden erleidet.

Ich war wie verzaubert: Mir schien, ich erschaffe eine andere Welt, fast schon eine neue Richtung in der Kunst. Ich genoss die Glückseligkeit der Ekstase und wurde von diesen künstlerischen Entladungen ganz benommen. Der kreative Aufschwung ist nur von kurzer Dauer, und es ist nicht einfach, das Ergebnis vorherzusehen. Mit den Empfindungsworten „cha, cha“ bestätigte ich die Identität meines Werkes.

„Die grundlegende Eigenschaft der Kunst ist die vieldimensionale Exposition des Betrachters“, pflegte Stepukas zu sagen.

Die enge Beziehung zur Kunst rückte meine Gedanken über den Eindruck meines Werkes und die Prognose der Reaktion, die es hervorrufen wird, in weite Ferne. Der grundlegende Anreiz für mein Handeln war der Wunsch, diese zwei Menschen, die mich geistig quälen, zu schockieren, und ich hatte mein Ziel schon fast erreicht.

Als ich leicht ins Schwanken geriet, dachte ich, dass ein Sturz aus der Höhe, auch wenn diese nur künstlich durch zwei Stühle erreicht wird, der unangenehmste gewesen wäre.

In Ekstase überdeckte ich alle Flecken, die durch das vom heißen Rauch spritzende Fett entstanden waren, und das Panneau – der große Aspirator, der fast alles aus meinem Körper herausgesogen hatte, war vollendet; der aus den Lungen drängende Luftstrom begann durch Berührung der bereits befreiten Stimmbänder Töne zu erzeugen, die den angehauchten Konsonanten, die in der phonetischen Transkription mit dem Buchstaben „h“ angegeben werden, ähnlich sind. Ich fühlte mich etwas erschöpft, die Müdigkeit äußerte sich lediglich in den Lauten „ph“, „th“, „kh“, die meinem erhabenen „ha“ und „cha“ den Weg versperrten.

Unverhofft erlangte die Physiologie die Oberhand: Die Schwäche, die mich nach dem Erbrechen befiel, zwang mich auf der Stelle in die Hocke, auf dem Stuhl vor Stepukas’ Meisterwerk, das durch den Ausbruch meiner kreativen Kräfte perfektioniert wurde. Diese erzwungene Sitzhaltung, quasi eine bewusst gewählte Aussichtsplattform, förderte den Dialog mit meinem Werk, aber ein entweichendes undeutliches „ha“ schien zu sagen, dass es nicht leicht ist, die eigene Existenz mit den banalsten Mitteln zu beweisen.

Provokation

Die Haustür fiel ins Schloss. Schritte kamen näher. Ich begriff, dass die Beziehungen des Trios sogleich geklärt werden.

Der Schock war offensichtlich. Offene und halb geöffnete Münder, leicht mit der Hand bedeckt, als seien sie den Gemälden von Bosch entsprungen, verhinderten das Hervortreten aller Laute.

Ihre Reaktion machte mir keinen Kummer. Mit einem beiläufigen „na?“ provozierte ich völlig andere Bewegungsabläufe im neugestalteten Zimmer. Die Zurückhaltungs- und Nichtangriffstaktik änderte die Stimmung ein wenig, und Muttinnng schwafelte davon, dass Eisbären sehr gut zu Braunbären passen und sogar für mehr Helligkeit im Zimmer sorgen.

Die weiblich zaghaften und zurückhaltenden Ergänzungen: „na,… ist vielleicht... gar nicht so übel“, unter Beipflichtung der schwachen männlichen Stimme „nicht übel, nicht übel...“, bedeuteten in Wirklichkeit, dass es „nichtig“ war.

Muttinnngs zaghafte Würdigung der Eisbären änderte nichts. Ich erwartete auch keine positive Bewertung, denn das Gefühl, das mich befallen hatte, war viel tiefer, aber es wäre zu dumm gewesen, den Sinn meiner Handlungen zu offenbaren. Ich spürte, dass eine magische Metamorphose im Gange war: Aus einer Puppe entwickelte sich unter dem Einfluss von Temperatur, Druck und chemischen inneren und äußeren Reizen eine völlig andere Persönlichkeit, die bereits in zwei Meisterwerken ihren Ausdruck fand – einem Panneau mit Staubblättern und einer großen Collage. Und ein Abstreiten ohne Empfindungsworte ist der größte Anreiz zur Bestätigung.

Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass meine Bildung wahrscheinlich bereits im embryonalen und postembryonalen Stadium begann. Hätte Muttinnng meine Gedanken lesen können, wäre es sicher zu einer ernsthaften Diskussion über die Heterogenese gekommen, die sie mit hohen, prosaischen Tönen beendet hätte:

„Und wo bist du denn so herausgekommen?“

„Auch von dort, auch von dort!“, hätte ich ohne zu zweifeln gesagt, denn die Zoologie hatte mich mit einigen Geheimnissen und Theorien der Entstehung des Lebens auf dieser Erde vertraut gemacht, und die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier war mir bekannt.

Eine dieser Theorien, die meiner Geburt sehr nahe steht, spricht von einem „Wunder“ – einem spontanen Prozess, der nicht von den äußeren Bedingungen abhängig ist, wenn man sich offensichtlich von den Formen der Landsleute entfernt. Je näher ich meiner noch im Entstehen begriffenen Individualität kam, umso mehr zweifelte ich an dem spontanen Prozess und vermutete, dass in meinem Fall eine Provokation stattfand.

Je weiter, desto mehr reifte diese Vorstellung. Ich vermutete, dass der große Provokateur – der geheime Agent, ein Vertreter männlichen Geschlechts sein musste – mein Vater, den ich nicht kennengelernt habe, den ich aber aus Muttinnngs Erzählungen kannte und durch den sie in gefährliche Situationen geriet.

Nachdem er in ihren noch nicht vollständig bereiten Organismus eingedrungen war, legte er den Samen, der sehr plötzlich keimte; nur sein Wachstum bis zur Entstehung des Lebens erstreckte sich über Monate.

An dieser Stelle würden vielleicht meine Empfindungsworte passen, aber mir entrann nur ein kurzes, stimmloses „ha“ anstelle von „cha, cha, cha“, denn meine Entstehung war kein großer Segen, und die Zoologie erklärte nicht alles. Sie erklärte eher die Bildung meiner späteren Individualität als Ganzes, abhängig von den äußeren Umständen. Und die präembryonale, embryonale und postembryonale Entwicklung, stärker beeinflusst vom Innern als von der Außenwelt, ist weniger erkenntnisreich.

Eine kurze Vorgeschichte würde einiges erklären, aber die Zeit zurückzudrehen und dieselben Bedingungen und Umstände wiederherzustellen, die meine embryonale und postembryonale Entwicklung beeinflusst haben, ist nicht leicht, und die kontinuierliche Beschreibung des Vorgangs bis zur Entstehung einer neuen Art umso mehr. Wäre ich auf dem Tisch eines Experimentators gelandet und hätte er zu dieser Zeit und unter diesen Bedingungen ein solches Phänomen beobachten können, dann wäre die Embryologie nicht nur um neue Entdeckungen reicher, vielleicht wäre ich sogar ein interessantes Ausstellungsstück geworden, das in einem mit Formaldehyd gefüllten Glasgefäß im Anatomiemuseum schwimmt.

Ich lachte und hielt mit der Hand die zitternden Lippen, als wäre der Vorgang, den ich mir in meiner Fantasie ausmalte, real.

Tragikomödie

Die Kapitulation meiner Mutter – des Kükens, wie sie ihr Bruder, ihr größter Verteidiger und Gegner der Freundschaft zum großen Provokateur, nannte – lässt sich nur damit erklären, dass mein zukünftiger Vater damals große Macht besaß. Wegen wiederholter Störung ließ er meinen Onkel sogar einsperren.

Muttinnngs Erzeuger wagten es nicht zu widersprechen, und auch alle anderen Familienmitglieder schwiegen. Sie wurden an unterschiedlichen Orten des Landes geboren und verdienten sich mit schwerer Arbeit ihr Brot, das nicht immer für die große Familie ausreichte. Und der russischstämmige Provokateur, sechzehn Jahre älter als das Mädchen, das sein Haus in Ordnung hielt (meine zukünftige Muttinnng), war damals Eigentümer eines Fleischgeschäftes, und seine Stärke lag nicht nur in Kapital oder Macht, sondern auch in rotem Fleisch; er nutzte die ungünstige Situation der in diesem fremden Land lebenden Flüchtlinge aus, und ich wurde zum Produkt einer solchen heterogeschlechtlichen Hybridisierung, zu einer Nachfahrin – einer Hybridin zweier feindlich gesinnter Völker – einem wahrhaftigen „hi“.

„Hi...hi...hi, hi...hi...hi, hi...hi...hi, hi...hi...hi...“, platzte es aus mir heraus, aber es war überhaupt nicht witzig. In meinem Bildungsprozess war die Hybridkraft so mächtig, dass ich mit meiner Lebendigkeit und Produktivität tatsächlich die Urformen des Vaters hinter mir ließ, nur die weitere Hybridisierung zwischen den Arten und zwischen den Stämmen war etwas gestört, denn der Provokateur (Vater) verschwand hinter dem Horizont, und nachdem sich das Paar getrennt hatte, wurde eine noch unreife Vertreterin des weiblichen Geschlechts – mein Muttinnng, eine reinblütige Deutsche – zu meiner erblichen Grundlage.

Als sich auf dem mit einem weißen Laken abgedeckten Tisch das zurückgelassene junge und zerbrechliche Wesen quälte, das freiwillig, oder vielleicht unter Zwang den Apfel der Sünde angebissen hatte und aus dem Paradies vertrieben wurde, linderte die Natur ihre Geburtsschmerzen nicht.

Ihre Sünde, also auch ihre Qualen!

Die ungünstige Zeit, die den Keim reifen ließ, schwächte auch meinen Ausbruch in die Welt, aber die Geburt zögerte sich nicht durch meine Schuld hinaus und unterschied sich nicht von der Entstehung anderen Lebens. Ich habe alle Stadien durchlaufen: die Kreuzung, Hybridisierung und den etwas kürzeren (8 ½ Monate andauernden) Embryonalprozess, der mit stiller Ankunft endete. Die Klapse einer fremden Hand hauchten Leben ein, wodurch sie mein reines Dasein rechtfertigten, und die entsetzten Atemzüge, gepaart mit den Schreien des Lebens, ermöglichten die rechtmäßige Anerkennung der neuen Welt.

Muttinnng sagt, unsere Bekanntschaft war tragikomisch.

Jedes Mal, wenn diese Geschichte erzählt wurde, füllte sie sich mit immer neuen Elementen, von denen sie meist allein bis zu Tränen lachte, was mich sehr verletzte. Die Tragik ihrer Erzählung verblasste allmählich und nahm fast die Züge einer Komödie an. Wenn alles natürlich nicht so tragisch wie lustig, nicht so fröhlich wie traurig gewesen wäre, dann hätten sich meine Emotionen vielleicht längst beruhigt, aber da ich all dies nicht erfahren habe und damals die Rolle eines blinden Kätzchens spielte, war mir vieles unverständlich.

Das von ihr gezeichnete Bild wanderte zu den Zentren und kehre mit einer anderen Reflexion zurück, und es schien gar, dass mein Entstehen auf dieser Erde, im Hinblick auf Zeit, Raum sowie Art und Weise, nicht nur kompliziert, sondern auch obszön war. Ich war mir sicher, dass das Kontrastmittel, das zum Erstellen von Enzephalogrammen eingesetzt wird, für einen Fachkundigen völlig neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage gefördert hätte.

Muttinnngs Erinnerungen waren unerschöpflich... Ich weiß nicht, wie oft sie sagte, dass meine Ankunft für sie das größte Geschenk Gottes war, von dem sie so geträumt hatte. Zu dieser Zeit gab es noch keinen Apparat, mit dem sich das Geschlecht des Fötus bestimmen ließ, aber sie sagte sich selbst voraus, dass sie ein Mädchen unter dem Herzen trägt. Dies wiederholte sie fast jedem, den sie traf und nannte mich noch ungeboren beim Namen einer der beliebtesten und schönsten deutschen Schauspielerinnen.

– Ich wusste es, – sagte sie und lächelte der Hebamme glücklich zu, die auf ihr „ich wusste es“ und das Lächeln gleichgültig reagierte, mich – die Neugeborene – rasch hinaustrug, und Muttinnng selbst wurde in ein Zimmer geschoben, in dem bereits zwei Wöchnerinnen lagen.

Damals gab es eine unmenschliche Vorschrift: Die Neugeborenen wurden von ihren Müttern getrennt und alle dreieinhalb Stunden zum Stillen gebracht. Für einige wurde dies zur größten Qual. Bei jedem kleinen Schrei des Kindes sprangen sie aus den Betten und stürmten an die Fenster, durch die sie ihre weinenden Babys erblicken wollten. Meine Muttinnng vergaß niemals sich dafür zu rühmen, dass sie die Stimme ihrer Kleinen von weitem unterscheiden konnte. Nach diesen Worten kam der zweite und wichtigste Teil der Erzählung – der nächste Tag nach der Geburt, der zweite Tag meiner Existenz in dieser fremden noch unerforschten Welt.

Seit dem frühen Morgen war Muttinnng voller ungeduldiger Erwartung, und ihre Brüste – voller Milch. Als durch die weit geöffnete Tür eine recht stämmige Schwester herein kam, zwei fest gewickelte Babys an die Brust gedrückt, drehte sich mein Muttinnng auf die Seite und wartete auf ihre Kleine. Die Schwester gab einer das Kind von rechts und Muttinnng das Kind von links, dann eilte sie davon, um das dritte Kind zu holen. Als sie dieses geholt hatte, lächelte sie der rechts stillenden zu und wollte bereits den Raum verlassen, als sie die leise weinende junge Mutter bemerkte, die ihr Kind nicht stillte. Als sie die Antwort der heulenden Frau vernahm, dies sei nicht ihre Tochter, verschlug es der Schwester den Atem. Sie fasste sich und sprach in strengem Ton:

– Was bilden Sie sich hier ein, stillen Sie bitte das Kind.

– Das ist nicht meine Kleine, das ist kein Mädchen, – schluchzte die unglückliche Wöchnerin – meine Muttinnng.

In offensiver Pose steckte die Schwester ihre Hände in die Taschen ihres Kittels und kam mit einem Schulterzucken näher. Mit einem durchbohrenden Blick ohne Worte forderte sie die junge Mutter auf, das schreiende Kind zu stillen. Als es ihr zu viel wurde, sagte sie:

– Kinder sollten keine Kinder bekommen!

Laut Muttinnng fühlte sich die Schwester ernsthaft verletzt, und die Frauen im Raum beäugten sie höhnisch und vorwurfsvoll, denn sie hatte sich ohne Gnade über die gesamte Breite des Bettes bis an die Wand von dem Säugling zurückgezogen.

Da die Schwester Muttinnng weder im Guten noch im Bösen zum Stillen des schreienden Kindes zwingen konnte, rief sie die Oberschwester, um den Konflikt zu lösen. Die Oberschwester, die ähnliche Abenteuer bereits mehrmals erlebt hatte, lächelte verhalten. Sie zwinkerte den anderen Wöchnerinnen, die sich neben ihren satten Nachkommen ausruhten, zu und riet ihrer Untergebenen, der jungen Mutter ihren Fehlschluss zu beweisen. Als die Schwester begann, mit genauen, schnellen Bewegungen das Neugeborene zu drehen, um es schnellstmöglich zu entwickeln und die Wahrheit zu beweisen, beruhigte sich Muttinnng sofort.

„Als sich die Beinchen befreiten, blähte sich der Bauch vom Weinen auf und anstelle einer schönen Brosche kam eine Sprungfeder zum Vorschein“, pflegte mein Muttinnng stets zu sagen, wobei sie über ihren Witz lachte und eine Träne des Lachens oder des Wehleids hinfort wischte.

Die Oberschwester lächelte still, und die böse Schwester richtete nun ihren ganzen Ärger auf die Wöchnerin, die vor einigen Tagen einen Sohn geboren hatte und nun mich – ein fremdes Mädchen – an ihre dicken Brüste drückte.

Immer wenn Muttinnng fast jedem diese heitere Geschichte erzählte, vergaß sie nie, auf ihr starkes Mutterschaftsgefühl, das sie bereits in früher Jugend entwickelte, hinzuweisen. Bei ständiger Wiederholung wurde diese Geschichte fast schon grotesk und verursachte bei mir kein Lachen, sondern eher Ärger; manchmal zweifelte ich sogar an ihrer mütterlichen Intuition und dachte, dass ihr großer Mädchenwunsch sie auch auf die falsche Fährte geführt haben könnte.

Solche Augenblicke saugten die gesamte Freude meines Lebens auf, kein Empfindungswort entglitt, und die dunklen Entladungen des Unterbewusstseins stürzten mich in Reflexionen, die ich mit niemandem teilen wollte, denn mein Sprung in die Erwachsenenwelt war nicht leicht, wie auch die langwierige Reife, die sich weder in Metern noch in Zentimetern messen lässt. Ein derartiges Messgerät wurde noch nicht erfunden. Und der häufige Spott meiner Mutter über meine Jungenhaftigkeit brachte immer wieder die tragikomische Geschichte der Kindsverwechslung ins Gedächtnis zurück. Der Gedanke, dass mein Muttinnng vielleicht gar nicht meine Mama ist und dass ich kein Mädchen, sondern ein Junge bin, vergiftete mein Bewusstsein für lange Zeit.

Mit der Zeit verblassten die Farben von selbst und dieses Ereignis wurde banal, geradezu absurd. Manchmal war es jedoch nicht leicht, sich aus der Zweigeschlechtlichkeit zu befreien, die ans Tageslicht getretenen äußerst geheim gehaltenen Peripetien riefen sogar Gedanken über die Heteromorphose hervor, und bei der wilden Fantasie fand ein schwer aufzuhaltender Prozess statt – die Regeneration: Bei Veränderung der Form regenerierten sich die verlorenen und geschädigten Organe, und das provozierte mein recht unpassendes Verhalten. Selbstverständlich brachte mich eine solche Regeneration der Geschlechtsorgane einer anderen Existenz nahe, und das begleitende deutsche „ha, ha“ ließ auch den Schatten meines Vaters – des Provokateurs – entschwinden; in seiner wahrhaften Gestalt war er mir einmal nach der Geburt erschienen, nur die väterliche Aufklärung seines Geistes war von kurzer Dauer. Eine deutsche Geliebte und ein Kind – ein nicht sehr praktischer Hybrid, führten bei ihm zu Visionen von Eisbären und beschleunigte seine Entscheidung: Er heiratete eine Russin und erwartete reinblütige Nachkommen. „Cha, cha...“

Der große Parapsychologe der Welt – Hitler, der an seine und die geistigen Kräfte des Volkes glaubte und die Reinheit der Rasse anstrebte, nannte Muttinnng, die in ihrem Körper den Samen eines fremden Volkes heranwachsen ließ, eine Volksverräterin und verurteilte mich – einen Mischling.

Seine Ideen sollten viele Jahrzehnte überdauern.

Melodrama

Je mehr sich mein Verstand von allen Ablagerungen reinwaschen wollte, umso häufiger stieß ich auf anerkannte Köpfe des klaren Verstandes und es reizte mich unheimlich, kritische Bemerkungen an die Ränder ihrer Werke zu schreiben. Die damalige Zeit war dafür leider unpassend. Gerieten solche Schriftstücke in die Hände der Lehrer, konnten augenblicklich die Eisbären anrollen.

Der Wechsel des äußeren Gewands, um am Leben zu bleiben, war quasi programmiert, und all dies mutete nicht lustig an. Die kleinste Andeutung ließ die Dualität meines Lebens aufkochen und hob die im Entstehen befindlichen Merkmale der gekreuzten, dualen Persönlichkeit sowie die von innen nach außen strömenden Widersprüche hervor. Die Befreiung daraus wurde fast zur grundlegenden Lebensaufgabe und entsprach dem inneren Wunsch, so schnell wie möglich aus der aufgezwungenen Dualität auszubrechen.

Es war nicht leicht. Die äußeren Faktoren verbreiteten Unsicherheit, Angst, und die inneren Entladungen verursachten eine langfristige Spannung; ich versuchte mich mit kindlichem Versteckspiel, das bei den Erwachsenen als „infantiles Spiel“ für Gelächter sorgte, davon zu heilen.

Dadurch wurden die vielschichtigen Gefühle für Muttinnng nur noch verstärkt. Es ist beschämend, was ich aus Ärger schon gesagt habe. Diese verwirrten Eindrücke ließen sich auch nur schwer in Worte fassen. Anderen würden sie wahrscheinlich wie kindliche Ambitionen erscheinen, die in eine ausgeprägte Selbstliebe und in einen alles ablehnenden Egoismus übergehen, aber niemand könnte bestreiten, dass mein rücksichtslos kreatives„Nichts“ der Beginn einer offenen Veränderung war. Ha, ha, die Suche nach dem Wesen des „Nichts“ im Nichts!

Lachen bis zum Umfallen, oder vielleicht der Beginn eines philosophischen Traktats? Cha, cha, die Selbstverspottung hat mir immer geholfen. Unverhofft stieß ich auf den Hauptgrund, warum mein künstlerischer Durchbruch nur ein Nachhall des „Nichts“ war – ich war schließlich zwischen vier Wänden mit einem Betondeckel obenauf eingeschlossen. Cha, das ist der Hauptgrund, oder vielleicht auch die Wahrheit!

Der Versuch, sich aus der Haut des fauchenden Kätzchens zu befreien, flößte also mehr Vertrauen ein, und wie eine erwachsene Katze begann ich, ohne Erklärungen oft das Haus zu verlassen und nach und nach stand ich allem, was dort vorging, gleichgültig gegenüber.

Als ich das eines Tages nach Hause kam und den talentierten Maler nicht mehr vorfand, atmete ich auf. Für einige Zeit schwebte sein Geist noch in Muttinnngs Boudoir, und Mama hatte dann Tränen in den Augen, besonders wenn sie das Zimmer betrat, in dem das Kunstwerk ihres geliebten Malers hing.

Mit der Zeit wurden Muttinnngs Augen klarer, ihr Blick schweifte immer öfter zu anderen Subjekten. Ich spürte, dass meine Atempause immer kurzer wurde, denn das Kommen und Gehen ihrer Verehrer war geradezu vorprogrammiert. Und ich irrte mich nicht.

Der Beginn des Melodramas war der Liebesgesang, der jeden Freiraum ausfüllte und das Liebesnest von Muttinnng und dem Künstler endgültig zerstörte. Dieser Gesang, der plötzlich hohe Tonlagen erreichte, war einem gut aussehenden Deutschen namens Sigfried zu verdanken – einem jungen Akkordeonspieler, der das Haus mit den Klängen der Musik flutete.

Die leise erklingenden deutschen Lieder brachten selbst den in der Jugend nicht gewürdigten ersten Sopran meiner Muttinnng zur Geltung, und er passte wirklich sehr gut zu der schönen Männerstimme.

Er war ein wirklich wunderbarer Musiker. Für Muttinnng war er etwas zu jung, für mich zu alt, aber in seinen Blicken erkannte ich das, was mir bestätigte, dass ich bereits ein reifes Mädchen bin. Meine Jungenhaftigkeit versteckte sich irgendwo, oder vielleicht war sie gänzlich verschwunden. Muttinnng hat ihm nicht einmal die tragikomische Geschichte meiner Entstehung und Rechtfertigung erzählt, obwohl ich schon ausreichend aufgeklärt war und es wagte, mit dem Ausspruch über das erste geschlechtslose (wie auch die Seele) Rudiment des Lebens zu antworten.

Ein Geschenk der Natur

Muttinnngs Jugend wurde nicht nur damals von der Zeit und dem Provokateur bestohlen – auch ich habe mir einen Teil davon angeeignet. Sie sehnte sich nach Glück, und ich habe sie gestört, deshalb bat sie mich manchmal, spielerisch gesinnt, sie vor anderen Menschen mit Namen anzusprechen.

Ich, geboren aus dem Schoße eines noch nicht ausgereiften Mädchens, stimuliert von einer Hybridkraft, bin über sie hinausgewachsen, und je mehr die Zeit fortschritt, desto weiter entfernte ich mich von ihr in meinem Aussehen: Sie – von mittlerer Größe mit einem kleinen Bauch, ich – groß und schlank. Das Auffällige waren ihre roten Haare, die besonders zu den vielen Sommersprossen im Gesicht passten, die sie mit verschiedenen Cremes zu entfernen und abzudecken versuchte. Wenn sie jemand zum ersten Mal sah, verursachten der Rotschopf, die weißen Augäpfel und die roten Lippen fast einen Schock.

Naja, ich habe etwas übertrieben, sie war gar nicht so furchtbar rot. Es ist eher der Eindruck aus früher Kindheit, als ich versuchte, die Flecken auf ihrem Gesicht und Körper zu zählen. Sie war aber überall und immer erkennbar, manchmal passte sie sich nicht wirklich an ihre Umgebung an, wie auch ich mit meinen unverhältnismäßig langen Beinen. Mir schien, dass sie mein größter Makel sind. Später verstand ich, dass dieses Außergewöhnliche ein Geschenk der Natur ist, das ich mit viel Mut der gesamten Welt demonstrieren könnte.

Cha, was für eine ungehörige Prahlerei.

Den Vorteil meiner Beine bemerkte ich bereits als Jugendliche, wenn ich als erste über einen hohen stacheligen Zaun kletterte, ohne mich zu verletzen. Die Unannehmlichkeiten begannen, wenn sie mit Strumpfhosen zu bedecken waren, – augenblicklich brach der große Zeh durch, und beim Einsteigen in den Bus rissen sie im Schritt, deshalb war ich meist mit nackten Beinen unterwegs. Mich störte das nicht, damals wurde ich noch nicht zu hochrangigen Empfängen eingeladen, aber meine Beine waren es, die einen Eintrag in meiner Biografie hinterließen, indem sie meine Volljährigkeit bestätigten und den Weg, den ich einschlagen sollte, erleuchteten.

Nach dem spontanen Beginn des „Nichts“ hatte ich noch keine Koordinaten für die Zukunft abgesteckt... Nein, nein... Ehrlich…

Aus den unendlich vielen Sehnsüchten ergab sich einfach keine einzige reale Möglichkeit. Mitunter spüre ich heute sogar die Nutzlosigkeit meiner Ambitionen. Meine Tatenlosigkeit nach Abschluss der Schule – im Bett liegen, den Blick über die Decke schweifen lassen oder ohne Ziel über die Straßen im Stadtzentrum schlendern – rechtfertigte ich mit dem jugendlichen, enthusiastischen Motto:

– Ich habe noch das ganze Leben vor mir!

Diese langwierige Unentschlossenheit hat Muttinnng nicht besonders gefallen, und von Zeit zu Zeit stellte sie mir dieselbe Frage:

– Was hast du denn nun endlich beschlossen zu unternehmen?